Tobias Moretti als Luis Trenker im Kino

August 21, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf dem schmalen Grat der Wahrheit perfekt balanciert

Luis Trenker (Tobias Moretti) und Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier)  Bild: © Thimfilm

Luis Trenker (Tobias Moretti) und Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier)
Bild: © Thimfilm

Der Lieblingssatz ist, als Luis Trenker und wie Tobias Moretti als Luis Trenker zur Riefenstahl von Brigitte Hobmeier sagt: „Dich begleitet immer das Dramatische.“ (Beim Lesen bitte Tirolerisch „ch“ und „ck“ denken.) Da ist aus Luis‘ und Lenis Hassliebe längst tiefe Feindschaft geworden, da trifft man sich schon zum Showdown in Kitzbühel. Jahre zuvor, als die beiden ein Happerl machen, und sie ihm die Reiterstellung schmackhaft machen will, und er sie mit den Worten „Oba jetzt durn ma wieder normal, wie sich’s g’hört“ retourmissioniert – das ist die Lieblingsszene. Nicht, weil: Sex sells, sondern weil das fast schon alles über diesen Trenker aussagt.

Am 27. August startet – nun doch österreichweit, zum Glück, denn es ist ein gelungen tragihumoriger Film geworden – die Roxy-Film-epo-Film-Produktion „Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit“. Drehbuchautor Peter Probst nimmt die Tatsache, dass der Filmemacher 1948 versuchte, von ihm gefälschte Tagebücher der Eva Braun auf den Markt zu bringen, als Rahmen für die Handlung. Bei den Filmfestspielen in Venedig trifft er sich mit seinem ehemaligen, jüdischen, nun wieder nach Europa zurückgekehrten Produzenten Paul Kohner, gespielt von Anatole Taubmann, um US-Investoren für sein Braun-Projekt zu gewinnen. In von Regisseur Wolfgang Murnberger schön ironisch-historisch braunschattierten Rückblenden, schließlich will Kohner ein Was-bisher-geschah über Trenkers Wirken im Dritten Reich, erzählt der Film eben dieses, im Kern des Alpinisten Lieben und Lassen der Leni Riefenstahl, der er beim Buhlen um Hitlers Gunst stets einen Schritt hinterherhinkt. Am Ende wird Trenker gescheitert sein. Sechs Millionen Tote versperren das Tor zu Hollywood. Man interessiert sich dort nicht für des „Führers“ Vorliebe für Fußbäder. Zum guten Schluss wird sich Luis Trenker neu erfinden. In den 1970er Jahren begründete er in seiner eigenen Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, „Berge und Geschichten“, seinen Mythos neu und wird ihn wahrscheinlich sogar geglaubt haben. Wenn man den Leutln als Lichtgestalt Anekdoten jenseits „einer dunklen Zeit“ auftischen will, wird man dazu doch seine Biografie überarbeiten dürfen. Moretti schwarzweiß als ergrauter Trenker, das ist das Expliziteste an Murnbergers Film. Denn alles, was aggressiver, plakativer wäre, hätte Morettis subtile Art den Unsympath zu spielen beschädigt.

Und Moretti ist großartig. Er adelt Murnbergers und Probsts Arbeit. Ersterer setzt den Bergfex in passend biedermännische Bilder. In diesen gibt Moretti mit verschmitztem Lächeln einen Einefetzer; sein Trenker ist trunken von der Begeisterung über sich selbst, changiert zwischem selbstverliebtem Gockel und Karrierist, der wie selbstverständlich auch sein Privatleben für die Öffentlichkeit inszeniert, der brisant geht, als er seinen Namen auf dem Filmplakat von „Der heilige Berg“ kleiner und in zweiter Reihe nach dem von Riefenstahl sieht. Die – damals noch – Ausdruckstänzerin, und Hobmeier spielt sie in ihrer Ambitioniertheit hart wie Kruppstahl, hat eben auch auf Regisseur Arnold Fanck (André Jung) Eindruck gemacht. Witzig übrigens wie Murnberger Moretti in Original-Trenker-Filme montiert; gewagt und gelungen, wie Moretti auf hinten bindungslosen Brettln à la 1920 einen Mix aus Telemark und Arlbergtechnik probiert.

Probst hält sich an die Erkenntnisse aus den Akten im Berliner Document Center. Sein Trenker ist politisch beweglich, nimmt, da er sich nun schon einmal über sein Werk mit den Faschisten auf gleichem Blut-und-Boden getroffen hat, Applaus auch von der falschen Seite gerne an, droht, wenn am Set etwas nicht so klappt, wie er will, mit seinem Fan, dem „Führer“, prahlt damit Mussolini „im Boot“ zu haben, hält die Hand über „seine Juden“, seine jüdischen Mitarbeiter, lässt sich nichts dreinreden, sagt verbürgt, Berlin könne ihn „kreuzweise“. Sein Satz an Kohner, „Ich habe mich nie von jemandem vereinnahmen lassen“, stimmt wohl für einen, der so von sich eingenommen ist. Es passt ins Bild, dass der hauptberufliche Südtiroler wegen der Optionsfrage in Ungnade gefallen ist. Eine Tatsache, die Trenker, ab 1940 NSDAP-Mitglied, später stets zu seinen Gunsten anführen wollte. Im Film scheucht ihn Goebbels-Darsteller Arndt Schwering-Sohnrey wie eine lästige Fliege vor sich her. Trenker ist in diesen Szenen weder Widerwortegeber und schon gar nicht Widerständler, sondern ein serviles Nervensagl, das Goebbels laut dessen Aufzeichnungen ständig „etwas von seinem Deutschtum vor(geschwafelt)“ habe. Der Filmtitel hält, was er verspricht. Der Film balanciert perfekt auf dem „schmalen Grat der Wahrheit“, ohne jemals die Ambivalenz seiner Titelfigur Luis Trenker anzunehmen. Trenker wurde als Pionier des Freilichtfilms, des „Film ohne Schminke“, berühmt. Hier nun also der ungeschminkte filmische Blick auf ihn.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=UiFdRovvaLw

Wien, 21. 8. 2015

„Buhlschaft“ Brigitte Hobmeier als Bäuerin

August 29, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

ZDF-Familiendrama „Unheil in den Bergen“

Bild: ZDF/Jacqueline Krause-Burberg

Bild: ZDF/Jacqueline Krause-Burberg

Ein Streit um einen Alpenwald droht eine ganze Familie zu zerstören. In dem ZDF-Familiendrama „Unheil in den Bergen“ am Montag, 2. September, 20.15 Uhr, spielt die neue Salzburger „Buhlschaft“ Brigitte Hobmeier eine moderne junge Bäuerin und Mutter, die gegen die Abholzung der Wälder und das Machtstreben ihres Schwiegervaters (Günther Maria Halmer) kämpft. In weiteren Rollen sind Marcus Mittermeier, Tim Bergmann, Samuel Jung, Gundi Ellert-Baumbauer und Christian Hoening zu sehen. Regie bei diesem „Fernsehfilm der Woche“ führte Dirk Regel nach dem Drehbuch von Claudia Kaufmann.

Theresa (Brigitte Hobmeier) lebt mit ihrem Mann Toni (Tim Bergmann) und dem gemeinsamen Sohn auf einem einsamen Almbauernhof. Seit jeher kämpft Toni für die nachhaltige Bewirtschaftung seines Waldstücks, sehr zum Missfallen seines Vaters Max (Günther Maria Halmer), Besitzer des lokalen Sägewerks, der seinem Sohn den wertvollen Grund gerne abkaufen würde. Dieser lehnt vehement ab – trotz finanzieller Schwierigkeiten und der Vorwürfe seiner Frau. Nach einem Streit mit Theresa verlässt Toni wütend den Hof und kehrt nicht zurück. In der Nacht seines Verschwindens wütet ein heftiges Unwetter, bei dem die Brücke zwischen Max‘ und Tonis Waldgrundstück zerstört wird. Der junge Mann bleibt verschwunden. Hat er seine Familie verlassen, oder wurde er von der Schlammlawine fortgerissen?

Max versucht, Theresas geschwächte Position auszunutzen, um an das Waldstück zu kommen. Sogar seinen Geschäftsführer Georg (Marcus Mittermeier), der schon immer Gefühle für die junge Frau hatte, setzt er auf sie an. Doch Theresa wehrt sich: Um ihren Schwiegervater am Abtransport der gefällten Bäume zu hindern, zündet sie eines Nachts die neu aufgebaute Brücke an. Max lässt eine neue provisorische errichten. Dabei riskiert er wegen der bevorstehenden Schneeschmelze eine Überschwemmung mit verheerenden Folgen …

www.zdf.de

www.mottingers-meinung.at/die-neue-buhlschaft/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

Wien, 29. 8. 2013

Salzburger Festspiele: „Romeo und Julia“

August 22, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der YDP-Gewinner ist Mokhallad Rasem

YDP III • Romeo und Julia: Gilda De Bal, Eleanor Campell, José Paulo dos Santos, Vic De Wachter, Mona Staut Bild:© Wolfgang Kirchner

YDP III • Romeo und Julia: Gilda De Bal, Eleanor Campell, José Paulo dos Santos, Vic De Wachter, Mona Staut
Bild:© Wolfgang Kirchner

Bereits zum zwölften Mal fand dieses Jahr im Rahmen der Salzburger Festspiele 2013 das MONTBLANC & SALZBURG FESTIVAL YOUNG DIRECTORS PROJECT statt. Sven-Eric Bechtolf, Leiter des Schauspiels, hatte für den diesjährigen Wettbewerb vier junge RegisseurInnen aus Großbritannien, Deutschland, Irak und Tschechien gewählt. Die Jury bestehend aus Dr. Helga Rabl-Stadler (Präsidentin der Salzburger Festspiele), Thaddaeus Ropac (Galerie Ropac), Brigitte Hobmeier (Schauspielerin), Ulrich Khuon (Intendant) und Michael Köhlmeier (Autor) vergab den MONTBLANC YOUNG DIRECTORS AWARD 2013 für die beste Regieleistung an Mokhallad Rasem.

Der irakische Regisseur erhielt die Auszeichnung für seine Interpretation von Romeo und Julia nach Shakespeare mit Schauspielern und Tänzern des Toneelhuis Antwerpen, der ein zerbombtes Autowrack als Ausgangspunkt für eine theatralische Meditation über die Liebe und ihre Gefährdung durch die Welt und die Liebenden selbst dient. Drei Generationen von Darstellern verbinden darin Schauspiel, Tanz und Dichtung zu einer assoziativreichen Inszenierung. Die Jurybegründung, verfasst von Michael Köhlmeier: “ Dass Liebe und Hass in einer Beziehung nicht nur nebeneinander existieren, sondern mitunter in einer einzigen Regung, einem Blick, einem Wort gleichzeitig wirksam sein können, ja dass sie einander brauchen, dass die stärksten aller Gefühle aufeinander angewiesen sind, wenn zwei Menschen gegen eine Welt des Schreckens bestehen wollen – an diese Einsicht führt uns der irakisch-belgische Regisseur Mokhallad Rasem heran. Er nennt sein Stück Romeo und Julia. Nicht dass wir den Titel auf Anhieb verstanden hätten – aber nicht alles „auf Anhieb“ stellt zufrieden. Das Stück erzählt, wovor sich Shakespeare gedrückt hat. Das hat, finden wir, Ambition! Manchmal lesen wir ein Buch oder hören ein Musikstück und betrachten ein Gemälde oder sehen uns ein Theaterstück an, und plötzlich fühlen wir den Blick des Autors, des Komponisten, des Malers, des Regisseurs auf uns gerichtet – ich korrigiere mich: auf mich gerichtet. Nicht auf den neben mir. Auf mich. Das sind magische Augenblicke. So etwas vermag nur Kunst. Hinterher sagen wir: Das Werk hat uns „berührt“. Wir sind verlegen und verwenden diese Floskel, um den Schmerz zu verharmlosen, der uns angetan wurde.In dem Stück, das die Jury ausgewählt hat, gab es solche Momente. Es tut uns weh, plötzlich zu erkennen, dass wir ausgerechnet den Menschen am meisten lieben, den wir am meisten hassen. Wir wollen weinen und wollen uns freuen. Und sind – berührt.“

Der MONTBLANC YOUNG DIRECTORS AWARD ist mit einem Preisgeld in Höhe von € 10.000,- sowie dem exklusiv für diesen Anlass entworfenen Montblanc Mozart Pen dotiert.

www.salzburgerfestspiele.at

www.montblanc.com

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www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2013/ :Domplatz: Die Sommerresidenz der Familie Hörbiger

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Salzburg, 22. 8. 2013

Salzburger Festspiele: “Jedermann”

August 7, 2013 in Bühne

Mausetot. Mit Musik und Mummenschanz.

Keine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.

Jedermann 2013: Cornelius Obonya (Jedermann), Ensemble
Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Es ist eine Zumutung. Wo, bitte, soll man denn da zuerst hinschauen? Man will ja vom Spektakel nichts verpassen. Hat den Regisseuren Brian Mertes und Julian Crouch eigentlich niemand gesagt, dass auch Zuschauer nur zwei Augen haben? Es ist eine Zumutung. Eine wunderbare, fabelhafte, hervorragende, glanzvolle, großartige … es gehen einem schier die Superlative aus. Welches arme Schwein auch immer den nächsten „Jedermann“, so in zehn, fünfzehn Jahren, inszenieren muss: Bonne chance!

Unmöglich, zu beschreiben, was sich auf und neben der Bühne auf dem Domplatz alles tut. Das beginnt mit einem karnevalesken Einzug. Von links kündigt sich mit traditioneller Balkanmusik und ein wenig Jazz die Spielergemeinschaft an. Buntes Volk, unter ihnen Gestalten die große, groteske Masken tragen, mit kleinen Hörnern, Perchten nicht unähnlich, Gnome wie Kartoffelmännchen, überlebensgroße Skelette, Harlekine, Gaukler. „Buhlschaft“ Brigitte Hobmeier fährt mit einem Fahrrad, auf dem sie sogar Kunststückchen vorführt, vor. Auf den Stufen der Bühne stehen Modelle mittelalterlicher Stadthäuser. Da schlägt sie durch, die verspielte Fantasie von Brian Crouch. Sie bestimmt nachhaltig mit ihren skurrilen, ernsten und witzigen Puppen diese Arbeit. Getragen deklamiert wird jedenfalls nicht mehr. „Speaker“ kündigen über Megaphone das Programm an. Crouch und Mertes haben Hofmannsthal mit dem britischen „Everyman“ vermischt. Das alles ist schwung- und lustvoll, gewagt, frivol, ein wenig „Punch and Judy“.

Da spricht der Herr. Vom „Glauben“ Hans Peter Hallwachs auf einen Sessel gehoben. Und alles beugt vor IHM das Knie. ER werde ein Exempel statuieren am Getümmel der Menschheit. Das Kind Florentina Rucker ist dieser Gott. Schade, dass sie in Bubenkleidung gesteckt wurde und kein Mädchen sein durfte. Jedenfalls, eh bekannt: Jedermann ist des Allmächtigen Wahl fürs Buße tun. Den spielt erstmals Cornelius Obonya. Und wie. Differenziert. Ein moderner Kapitalist, der den Pathos der Verse zerkauft und ausspuckt. Nichts ist hier mehr „reim dich, oder ich freß dich“. Obonya übertüncht seine Grausamkeiten mit Jovialität und Lachen – das allerdings zunehmend verzweifelter wird. Verbitterter, zorniger, am Schluß weint er vor Furcht. Keiner bleibt. Vom „Toten“tänzchen bis zum Totenhemd spielt Obonya auf der Klaviatur aller Gefühle. Eine Meisterleistung.

Doch erst: Festgelage – samt (zur allgemeinen Belustigung) Bär. Die Buhlschaft hat ihr Kleid gewechselt. Rot mit glitzerdurchsichtigem Oberteil, zwei Rubine an den dafür gedachten Stellen. Und schwarzen Strümpfen samt immer wieder sichtbarem Strumpfband. Hobmeier ist das Weib, die Circe, die neckische Erotik an sich. Es knistert zwischen ihr und Obonya hörbar, die beiden werden sogar „handgreiflich“. Wenn er ihr mit dem Mund ein Trompetenständchen bläst und sie ihn mit einer Rose aufs Hirn schlägt. Kein Wunder, dass bei dieser Party sogar die „Werke“ Sarah Viktoria Frick einen Tequila kippen. Aber der Tod naht, schleppt erst die Stadt mit sich fort, macht das Tisch- zum Leichentuch, schubst die Buhlschaft von der Bühne. (Was die kleine Rolle noch kleiner macht, weil die Buhlschaft ihren „reichen Mann“ nicht offensiv verlässt, aber bei der Klasse einer Hobmeier gibt es ohnedies keine kleinen Rollen oder Auftritte.) Peter Lohmeyer ist dieser seltsame Tod, eindringlich, fast gebrechlich, im bodenlangen Leichenhemd, aus dem vorn und hinten die Wirbelsäule lugt. Den ständig ein Surren begleitet, der einmal ein totes Mädchen über den Domplatz trägt. Ein Angstmacher. Groß – dank High Heels -, schlank und biegsam ist er, die Stimme hoch und eindringlich. Und er setzt dem Jedermann einen Tag Frist, seinen guten Willen zu beweisen.

An diesem begegnen ihm: Die Werke, zunächst eine kleine, hilflose Puppe in einer Kiste, der sie aber bald in ihrer vollen Größe entsteigt, um ihn zu begleiten. Ihr Vetter Glaube sitzt in zehn Meter Höhe auf einer Holzlatte (unglaublich, dass sich Hallwachs da hinaufziehen ließ) und tauft Jedermann. Da hat selbst „Teufel“ Simon Schwarz keine Chance, der sich aus dem Trachtenjankerl schält und seinen roten Pelz zeigt, zum Glauben in luftige Höhen empor klettert, um sein Recht auf die Seele geltend zu machen – und doch vom Engelschor nur verhöhnt wird, auch wenn er ihre Harfen zertrümmert. Da bleibt dem Teufel nichts, als vor Wut mit seinen Perchten zu tanzen und zu toben wie Rumpelstilzchen.

Einer der Höhepunkte ist der Auftritt des Mammon (Jürgen Tarrach), der als monströse Puppe mit aufklappbarem Maul aus einer Truhe springteufelt. Heraus kommt der eigentliche Mammon, ein buchstäblicher Geldscheißer in Frack, Zylinder und Untergatte. Ein selbstgerechter, sich selbst gehörender, ergo freier Reichtum, für den der Jeder- immer nur ein Hampelmann war. Ein Mittel zum Zweck der Vermehrung seiner selbst. Das Ensemble zeigt sich als Best of Best bis ins kleinste Detail. Julia Gschnitzer ist eine streng-frömmig-liebevolle Mutter. Fritz Egger ein wütender, rabiater Schuldknecht, Katharina Stemberger seine umsonst um Gnade flehende Frau (sie spielt auch Cello). Johannes Silberschneider ist ein mahnender, nicht bettelnder Armer Nachbar.

Mertes und  Crouch erweisen sich als Bewahrer und gleichzeitig als Erneuerer des Stücks. Am Schluss zeigen die beiden Regisseure noch einmal ihr Einfühlungsvermögen, aber auch ihre ungewohnte Sehweise auf den Stoff. Jedermann wird vom Tod nicht auf die Brust geschlagen. Kein Herzkasperl. Lohmeyer legt Obonya sanft zu Boden und deckt ihm mit dem Tisch/Leichentuch zu. Das Ensemble geht als Trauerzug an ihm vorbei und wirft Erde auf den Toten. Alle sind dabei, der Schuldknecht, der Teufel, die Kinder, auch die Buhlschaft. Die Trauermusik gewinnt aber rasch an Tempo, und die Gesellschaft löst sich fröhlich auf.

Das Leben geht weiter. Standing Ovations.

Termine im TV:

ORF 2: 28. 7., 9.05 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg, 22 Uhr: Jedermann 2013

ORF III: 28. 7., 15.45 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg; 4. 8., 20.15 Uhr: Jedermann 2013

3sat: 17. 8., 19.35 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg, 20.15 Uhr: Jedermann 2013

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2013/ :Domplatz: Die Sommerresidenz der Familie Hörbiger

www.mottingers-meinung.at/die-neue-buhlschaft/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-jungfrau-von-orleans/

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Von Michaela Mottinger

Salzburg, 21. 7. 2013

Festspielsommer in Salzburg

Februar 8, 2013 in Bühne

Der Hirsch ist nur Requisite, die wahren Opfertiere sind die Bienen: „Verführerin“ Brigitte Hobmeier und ein lustiger, listenreicher Stefan Kurt, Hinten: „Godfather“ André Jung
24.08.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/4

Salzburg: Gesamtkunstwerk mit Sex und Gewalt

15 Minuten tosender Applaus bei der Uraufführung von Händl Klaus’ „Meine Bienen. Eine Schneise“ in Salzburg.

Am Anfang war das Wort. Das nahm der Tiroler Dramatiker Händl Klaus, drechselte daraus kunstvolle Sätze – nur um sie durch seinen Sprachhäcksler zu jagen, der sie in einzelne Silben schredderte.

Diese teilte er auf vier Figuren, die sie als eine Art Sprechgesang wiedergeben sollten. Und zwar zur Musik der Musicbanda-Franui-Komponisten Andreas Schett und Markus Kraler. Unter Zuhilfenahme von Alban Bergs „Jugendliedern“.

Inhalt von „Meine Bienen. Eine Schneise“, einem Auftragswerk der Salzburger Festspiele: Alleinerziehende Mutter zieht mit verhaltensoriginellem, aber schön singendem Sohn (weil der Wiltener Sängerknabe David) an den Waldrand. Es brennt. Bäume und Bienenstöcke werden ein Raub der Flammen, die absichtlich gelegt wurden. Auftritt: ein ermittelnder Inspektor und der Imker. Verdächtig: sind mit ihren rußigen Händen alle.

Lösung: gibt es keine.

 

Archaische Kraft

Klingt akademisch. War bei der Uraufführung am Landestheater aber von archaischer Kraft. Ein Gesamtkunstwerk aus Text, Schauspiel, Musik und Bildern. Ein heidnisches Ritual um Sex und Gewalt. Defintiv der Höhepunkt des diesjährigen Salzburger Schauspielprogramms.

Im Sog der drei großartigen Darsteller Brigitte Hobmeier (Mutter), Stefan Kurt (Inspektor) und André Jung (Imker) liest sich die Story nämlich so: Junger Krieger/Gott entwindet durchaus williges Naturwesen dem alten Krieger/Gott. Der ist längst ein Feind seiner Völker, will seine Völker nicht mehr pflegen – und stiftet den Knaben an, sein Zerstörungswerk zu vollenden.

Erlösung gibt es keine.

Tanz um den Tatort

Regisseur Nicolas Liautard, der gemeinsam mit Giulio Lichtner auch das Bühnenbild ersann, inszeniert das Drama unter Aufgebot aller Mittel. Auch derer der Komik. Etwa, wenn Kurt verzweifelt tänzelnd versucht, seinen „Tatort“ vor diversen Drübertramplern zu schützen. Oder die Hobmeier seinen Spurensicherungskoffer auspackt, wie ein Kind ein Weihnachtsgeschenk. Sie, die als kommende Buhlschaft gehandelt wird, ist das Herzstück. Eine Lügnerin und Verführerin, eine Hexe mit dem Gesicht einer Heiligen, das „Weib“ an sich.

Trunken macht sie den alten Imker, um den Neuen zu umgarnen. Als Jung auftritt (und wer könnte besser „auftreten“ als Jung?), begleitet ihn ein Lichterzauber, der eines Odin würdig wäre. Liautard hat dafür als Hintergrund eine milchige Wand geschaffen, die Durchblick ebenso nur vorgaukelt, wie der Rest des Ganzen.

Gesumm und Gesang

Bleibt die zehnköpfige Franui-Truppe zu würdigen. Die mit Berg und Bienengesumm, mit Gesang, Hackbrett, Harfe und picksüßem Hölzl, von Volksliedklängen über Beinah-romantischer-Oper bis Klezmersound alles gibt.

Ein so anspruchsvoll artifizieller wie lustvoller Abend.

Bravo an alle Beteiligten, Dank an Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf, der diese Konstellation zusammengeführt hat.