Gerhard Polt: Und Äktschn!

Januar 31, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthouse Kino aus der Garage

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

„Die haben doch im Bunker auch improvisieren müssen.“ Genau. Was also sollte Vollamateur Hans A. Pospiech aufhalten, seine „Hitler privat“-Spieldoku zu drehen? Schließlich sieht er sich als Aufdecker à la Michael Moore. Ist wie das Vorbild kompromisslos der Wahrscheinlichkeit der Wahrheit verpflichtet. Und weiß: „Der Mensch stirbt, aber der Film bleibt.“ Ab 6. Februar haucht Gerhard Polt diesem letzten Kinosaurier, der sich über Wasser hält, indem er Zweite-Weltkriegs-Memorabilien aus dem Nachlass seines Vaters verscherbelt (pro Stalinorgel-Pumperer 50 Euro), in „Und Äktschn!“ Leben ein. Der jüngste Streich des bayerischen Vollkabarettisten kommt so amüsant-„amateurhaft“ daher – ein echter Pospiech eben -, so entschleunigt, so grenzenlos in seiner „Beschränktheit“, dass es die reine Freude ist. Ein Kultfilm über einen Film, der Kult werden muss. Arthouse Kino aus der Garage. Denn dort schnippelt Pospiech an seinem Meisterwerk.

Noch ein Hitler-Film also. Satire übers Dritte Reich sells. „Ich finde, man sollte Hitler nicht nur kaputt reden, sondern auch -spielen und -recherchieren“, sagt der britischösterreichische Regisseur Frederick Baker im Interview. „Der Mann las Karl May als Inspiration, wenn es um militärische Führung ging! Er schickte Winnetou-Ausgaben an seine Generäle an der Front. Hitler war ein richtiger Provinzler und ist es bis zuletzt geblieben. Die Wahrheit ist, je näher man an ihn ran kommt, desto provinzieller, absurder und witziger wird er. Humor ist eine wahre Wunderwaffe. Das wusste Hitler auch, denn auf Hitler-Witze stand die Todesstrafe. Auch im Namen aller, die für ihre Hitler-Witze starben, ist es wichtig, dass wir diese ‚wehrkraftzersetzende‘ Tradition fortsetzen.“ – „Frederick Baker, meinem Co-Autor und Freund wurde klar, dass zum Beispiel in dem Film ‚Der Untergang‘ auch unterging, wie so ein Mensch entstehen konnte. Das Alpha fehlte, nicht das Omega“, ergänzt Gerhard Polt mit tiefstem Ernst dazu. Nach der Lektüre der Bücher von Historiker Werner Maser habe er erkannt, dass er sein Hitler-Bild über Bord werfen könne: „Gänzlich neu war mir die Information, dass es sich bei Herrn Hitler anscheinend um einen durchaus sympathisch daherkommenden Mann gehandelt haben muss, der eindrucksvoll parlierend vor allem die Damenwelt der Münchner Gesellschaft entzückt hat und so in die ‚High Society‘ der Stadt gelangen konnte. Für mich ergab sich daraus der Verdacht, dass die sympathischen Zeitgenossen die oft gefährlicheren sind, weil sich ihnen die Wege leichter ebnen als ihren Kollegen, den Unsympathen.“

Den Gröfaz (größter Führer aller Zeiten, Frederick Baker liebt diese Abkürzung) spielt Volksopernchef Robert Meyer. Ein Schallplattenladenbesitzer, ein Laie, denn der Adolf Hitler war auch kein Profi. Große Kunst, wie Meyer mit „ungekünstelter Echtheit“ versucht, dem Original so wenig wie möglich nahe zu kommen. Man will dem Oarschloch schließlich kein Denkmal setzen. Pospiech-Polt lässt seinen Hauptakteur alle Qualen eines Darstellers wider Willen durchleiden. Und siehe da: Je unhitlerischer der zu werden versucht, desto ähnlicher wird er ihm. Wunderbar eine Konditoreiszene mit Gisela Schneeberger, in der Meyer eine Prrrinzrrregententorrrte bestellt. Darauf sie: „Aber Adi! Der Datschi is ganz frisch!“ So einen Hitler braucht der deutsche Film. Schneeberger, Polts wie immer kongeniale Filmpartnerin, mutiert als Wirtin Frau Grete zum Fräulein Eva Braun. Frau Grete ist nicht nur hinter der Schank eine, die weiß wo’s langgeht, sondern auch vor der Kamera. Mit strenger Hand und schriller Stimme dirigiert sie die anderen durch die Untiefen der Drehtage. Ein Kabinettstück der bayerischen Kabarettistin. Lobt auch Gerhard Polt: „Fred Baker und ich wollten visualisieren, mit welcher Hingabe Dilletanten das angeblich Seriöse zur Aufführung bringen. Wenn Gisela Schneeberger die Eva Braum spielt, kommt sie in ihrer Harmlosigkeit der geschichtlichen Person wahrscheinlich viel näher als andere noch so ehrenwerte Bemühungen.“

Harmlos ist an Polts Film eigentlich nichts. Nur versteckt hinter bayerisch-österreichischer G’mütlichkeit. Des bissl Alltagsfaschismus/ – rassismus. Die Erklärung, dass der indische Ober kein Neger ist, aber doch auch dunkel. Und trotzdem zum Goebbels geeignet, weil erstens: Bollywood und zweitens: Von denen stammt’s Hakenkreuz. Ja, das ist alles eh so bös‘ gemeint, wie’s klingt. Polt macht das Publikum durch In-die-Kamera-Sprechen zum Komplizen seiner Farce. Er befindet sich im Delirium der Dilettanz. Seine hingestotterten Halbsätze sind von einer Brillanz, die man ein Zeitl behirnen muss, um zu ihrem Kern vorzudringen.

Sein Ensemble ist auf Augenhöhe: Maximilian Brückner als fauler Neffe und Kameramann. Nikolaus Paryla als vor Ekel geschüttelter Cineast. Der Filmklubchef ist ein Naderer, „der Würstlverkäufer, der windige“. „Der filmt gegen die ganze Welt an“, fürchtet er sich vor Pospiech. Michael Ostrowski als schleimig-smarter Sparkassen-Filialleiter. Viktor Giacobbo als immer noch gestriger „historischer Berater“. Robert Palfrader als textloser „Bormann“ und Thomas Stipsits als osteuropäischer Handwerker. Beide haben zwar nur Kurzauftritte, aber vom Feinsten. „Dürft ich etwas sagen?“, fragt Palfrader-Bormann. Nein. Dafür Erni Mangold, die mit ihrem Foxl zum Blondie-Casting kommt. Weil, der ist eine starke Persönlichkeit, der spielt jeden Schäferhund. Als Pospiech doch auf Reinrassigkeit besteht, schimpft sie ihn Neonazi. „Obwohl, für an Neonazi san’S z’alt.“ Das alles ereignet sich zum verpopt-verfremdeten Wagner’schen Nibelungen Tod, Lichtstimmung: Ragnarök. Und geht in allgemeiner Hitlerei unter. Das 1000-jährige Reich darf sich jedenfalls als entlarvt betrachten. Das ist Gerhard Polts meisterliches Ver-Sprechen.

www.undaektschn.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FOcZCJcUmx4

Wien, 31. 1. 2014

Christoph Maria Herbst liest „Hitler“-Texte

April 9, 2013 in Film

Eine ZDF-Doku über die „Jahrhundertfälschung“

Konrad Kujau in seiner Fälscherwerkstatt. Hier entstehen die "Hitler-Tagebücher". Bild: ZDF/Felix Greif

Konrad Kujau in seiner Fälscherwerkstatt. Hier entstehen die „Hitler-Tagebücher“.
Bild: ZDF/Felix Greif

Es war der größte Medienskandal der Bonner Republik und die wohl spektakulärste Fälschung des Jahrhunderts: „ZDFzeit“ zeigt am 9. April, 20.15 Uhr, den Film „Die Jahrhundertfälschung – Hitlers Tagebücher“ von Jörg Müllner.

Als der „Stern“ am 25. April 1983 die angeblichen Tagebücher Hitlers präsentierte, stand die Welt buchstäblich Kopf. Die Geschichte des „Dritten Reiches“ müsse „in großen Teilen neu geschrieben werden“, kündigte „Stern“-Chefredakteur Peter Koch an. Elf Tage später machte ein Gutachten der Bundesanstalt für Materialforschung in Berlin dem Spuk ein Ende.

Mehr als neun Millionen D-Mark hatte der Vorstand von Gruner + Jahr für die angeblichen „Hitler-Tagebücher“ bezahlt. Für den Verlag beschafft hatte sie der einst gefeierte „Star-Reporter“ Gerd Heidemann – über eine Quelle, die er nicht preisgab. Die Gier nach der journalistischen Sensation, nach Ruhm und Geld ließ ihn und alle Beteiligten beim „Stern“ einem Fälscher auf den Leim gehen: Konrad Kujau.

30 Jahre danach erzählt Jörg Müllner die Geschichte des beispiellosen Betrugs neu. Bislang unveröffentlichte Tonbandmitschnitte von Telefonaten des „Stern“-Reporters Gerd Heidemann geben denkwürdige Augenblicke wieder, etwa nach der Entlarvung der Fälschung: „Was hast du da bloß gemacht, Conny?“, fragt Heidemann seinen Mittelsmann am Telefon, der in Wirklichkeit der Fälscher war. „Ich kann doch nichts dafür“, beteuert Konrad Kujau fadenscheinig. „Ich kann mir im Grunde nur ’ne Kugel in den Kopf schießen, es ist alles aus“, sagt Heidemann resigniert.

Die Tonbandprotokolle, im späteren Gerichtsprozess als Beweismittel nicht zugelassen, sind heute eine einzigartige Quelle für das Verständnis der folgenschweren Affäre, in der es nicht immer einfach ist, Opfer und Täter zu unterscheiden. Für die ZDF-Dokumentation gab Heidemann ein mehrstündiges Interview. Noch immer sieht er sich als Sündenbock des beispiellosen Medienskandals.

Schauspieler Christoph Maria Herbst, auch bekannt durch seine „Hitler-Satiren“, liest im Film besonders groteske Passagen aus den gefälschten „Tagebüchern“ vor. Ein Beispiel: „Oktober 1936. Morgens gegen 11.00 Uhr gründliche Untersuchung. Mache den Ärzten große Vorwürfe, da meine Schmerzen immer größer werden. Nun haben ich schon Schmerzen im Gedärm!“ Es ist nur eines von mehreren Zitaten, die den Irrwitz eines Skandals offenbaren, der beides war – zum Weinen und zum Lachen.

www.zdf.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 9. 4. 2013