Karl Markovics spielt Joseph Goebbels – ein Gespräch

April 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im tschechischen Film „Die Geliebte des Teufels“

Karl Markovics. Bild: © Thimfilm

Filmfan in der Führerloge: Karl Markovics als Joseph Goebels. Bild: © Thimfilm

Diese Rolle hat Schauspieler schon korrumpiert, darstellerisch Vollgas zu geben und sie bis an die Grenze zur Karikatur zu gestalten. Nicht so Karl Markovics. Er spielt im tschechisch-slowakischen Film „Die Geliebte des Teufels“ den Joseph Goebbels. Und zwar wohltemperiert. Alles, was den Propagandaminister des Dritten Reichs ausmacht, die Sprache, der Gang, die Gesten, wird von Markovics nur höchst subtil angedeutet.

Das ist eine brillante Art an diese schwierige Aufgabe heranzugehen, und Markovics macht sich damit gleichsam zum Dreh- und Angelpunkt des Films von Filip Renč. In diesem geht es um den Filmstar Lída Baarová, die, so sagt man, Goebbels große Liebe war, jedenfalls mit ihm eine Affäre hatte. In Tschechien und der Slowakei kennt diese Geschichte jeder; mehr als 500.000 Kinobesucher haben dort „Die Geliebte des Teufels“ bereits gesehen. In Österreich läuft der Film am 15. April an. Karl Markovics im Gespräch über Verführbarkeit und die ethische Verantwortung von Künstlern, und warum er sich wohl nicht mit den Nazis ins Bett gelegt hätte:

MM: Mit welcher Anforderung an sich selbst geht man an die Gestaltung der Rolle Joseph Goebbels heran?

Karl Markovics: Bei historisch bekannten Figuren ist es immer eine Gratwanderung zwischen dem Erfüllen einer Ähnlichkeitserwartung und dem Behalten einer interpretatorischen Freiheit, ohne die mich eine Rolle nicht interessiert. Denn eine perfekte Kopie zu gestalten, ein Anspruch, den man ohnedies nicht erfüllen könnte, das mochte ich in meinem Beruf noch nie. Bei Goebbels fand ich die Möglichkeit reizvoll, eine Figur, die man in ihrer Außenwirkung so gut zu kennen glaubt, weil sie auch so gut dokumentiert ist, es gibt ja diverse Aufnahmen, Bild- und Tonmaterial, so dass jeder das Gefühl hat, er weiß was über den „dämonischen Verführer“, durch diese Geschichte in einer Umgebung zu zeigen, wo er nicht dokumentiert ist.

MM: Nämlich?

Markovics: Hinter den geschlossenen Türen seines Büros, zu Hause mit seiner Frau, in einem Liebesnest, unbelauscht und unbeobachtet. Ich versuchte Goebbels „privat“ zu sein, auf sich, auf seine Liebe zurückgeworfen. Denn es war Liebe, wenn Lída Baarová nur eine weitere Affäre gewesen wäre, hätt’s mich nicht interessiert. Aber in diese Frau, die Tatiana Pauhofová ganz großartig spielt, war er schwer verliebt, bei ihr war er ein Opfer, ein Opfer seiner eigenen Gefühle. Er war Sklave und nicht Sklaventreiber. Er war erbärmlich und jämmerlich und schwach und unglücklich und kindisch. Und all das wollte ich zeigen an einem Menschen, den wir nur gefährlich, dämonisch, „stark“ und böse kennen. Und plötzlich ist er ein armes Wurschtl. Für mich war das eine große Chance, denn genau da konnte ich Zwischentöne spielen. Den offiziellen Goebbels, den kennt man, den brauchte ich nicht zeigen, den haben viele Kollegen vor mir schon gespielt.

MM: Wiewohl der im Film auch vorkommt.

Markovics: Jaja, das waren die schwierigeren Drehtage. Einer Figur wie Joseph Goebbels nähert man sich als Schauspieler ja nicht leichten Herzens. Diese Szenen, beispielsweise mit Pavel Kříž als Adolf Hitler, waren für mich menschlich nicht einfach. Da kann man sich nur auf eine abstrahierendere Ebene zurückziehen …

MM: Es gibt zwei Schlüsselszenen: Eine Teestunde, bei der er mit seiner Frau Magda und Lída eine Menage à trois einzufädeln versucht, also der Manipulator ist, und ein Ausflug an den Wannseestrand, wo er wegen seines körperlichen Gebrechens im Sand stürzt. Da ist er fast schon berührend.

Markovics: Das sind genau die zwei Punkte, zwischen denen sich die Figur bewegt – Machtmensch und “Mensch”. Die Tee-Episode ist in dieser Form nicht belegt, aber sehr wohl, dass Magda die Lída Baarová zu sich eingeladen hat. Dass sie sagte, sie will keinen offiziellen Skandal, sie will da jetzt keine große Geschichte draus machen, das einzige, das wichtig ist, wäre, dass Baarová nicht schwanger wird. Denn das wäre dann „offiziell“ ein Skandal. Das Drehbuch ist also sehr gut recherchiert, die Geschichten darin belegt, umgesetzt natürlich mit einer künstlerischen Freiheit. Genau das hat mich schon beim Lesen angesprochen, wie Autor Ivan Hubač Goebbels Entwicklung von der Offensive in die Defensive zeigt, bis zur Niederlage am Schluss. Er hat alles aufgegeben und geopfert für die größte Liebe seines Lebens: Adolf Hitler. Zu dem Preis, dass er unglücklich wurde.

Karl Markovics. Bild: © Thimfilm

Goebbels „privat“ mit seinen Kindern … Bild: © Thimfilm

Tatiana Pauhofová und Karl Markovics. Bild: © Thimfilm

… und  mit Tatiana Pauhofová als Lida. Bild: © Thimfilm

MM: Erklären Sie mir als Frau Joseph Goebbels den sexuellen Verführer, den Erotiker?

Markovics: Das kann ich Ihnen überhaupt nicht erklären. Ich habe von der historischen Behauptung gelebt.

MM: Sie machen das jedenfalls sehr verschmitzt.

Markovics: Ja, naja, ich mein’ … Goebbels Trumpf bei Frauen war sicher, dass er kultiviert war. Er war belesen, er konnte Klavier spielen, er konnte Gedichte zitieren, er hat Philosophie studiert … aber in allererster Linie war er der drittmächtigste Mann in einem Land. Und auch wenn das fürchterlich sexistisch klingt, das wirkt auf Frauen weit stärker als auf Männer. Männer fühlen sich von einer mächtigen Frau nicht so angezogen, Frauen von einem mächtigen Mann sehr leicht. Und das war sein größtes Plus, behaupte ich. Es ist eine Wechselwirkung, die Macht wirkt nicht nur auf die anderen, sondern auch auf einen selbst. Der König spielt sich von selbst, denn allein durch diese Position wird man sicher und weltläufig. Man strahlt aus: In meiner Nähe kann dir nichts passieren, wenn ich dir Audienz gewähre, bist auch du mächtig; du kannst morgen deinen Kollegen sagen, ich war bei Goebbels. Dass man sich danach einredet, ihm verfallen zu sein, ist nur eine Frage der Zeit, weil man diese Gunst öfter, länger, dauernd haben will, dieses Gefühl, in Sicherheit und Wohlstand leben zu können.

MM: Ist in diesem Sinne jeder Mensch verführbar?

Markovics: Wenn einem jemand das Gefühl gibt, man sei für ihn der wichtigste Mensch auf der Welt, er könne auf alle anderen verzichten, nur auf einen selber nicht, dann ja. So kriegt man mich auch, mit diesem: Dich brauchen wir unbedingt! Ohne dich geht’s nicht! Das packt einen ein wenig bei der eigenen Eitelkeit. Und, ganz ehrlich, es ist doch auch das Geheimnis der Liebe, dieses “Nur du und sonst keiner”.

MM: Die Geschichte der Lída Baarová ist in Tschechien so bekannt, wie hierzulande die anderer Schauspielerinnen, die sich dem Regime ergeben haben. Der Film hat also etwas Universelles, diese Verführung oder Verhaftung des Künstlers durch die Macht.

Markovics: Das war es auch, was mich in erster Linie an dem Projekt angesprochen hat. Es gibt eine Art Rahmenhandlung, in der sich die 80-jährige Baarová in einer Interviewsituation mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, sich ihrer Vergangenheit stellen muss, das fand ich sehr spannend. Weil mich das auch immer wieder umgetrieben hat, und im Zuge der Beschäftigung mit diesem Projekt natürlich erneut als Frage aufkam: Wie hätte ich damals reagiert? Wäre ich bei denen gewesen, die nichts gemacht haben und froh waren, dass sie beim arischen Schauspielerverband sein dürfen, obwohl sie Markovics heißen? Oder wäre ich emigriert? Oder wäre ich so weit gegangen wie Robert Stolz, der tatsächlich jüdische Deutsche mit seinem Wagen außer Landes geschmuggelt hat? Durch seine Position vor einer Kontrolle geschützt, aber wer konnte damals schon sicher sein? Ob ich diesen Mut aufgebracht hätte, ich weiß es nicht. Oder den des Hans Moser mit seiner Frau, der eine Art stilles Übereinkommen durchgesetzt hat.

MM: Und wenn für einen Künstler seine einzige große Zeit, die einzige Möglichkeit seine Kunst zu leben und Karriere zu machen, in die eines totalitären Regimes fällt, und er ergibt sich ihm ideologisch, kann man dafür Verständnis haben? Darf man das verstehen?

Markovics: Nein, nein. Das heißt: ja. Man darf es natürlich verstehen, aber man darf es nicht akzeptieren. Man sollte an einen Künstler so hohe moralische Anforderungen stellen, wie an einen Politiker. Damit meine ich nicht, ob jemand seine Frau betrügt, sondern ob er sein Gewissen betrügt, ob er die Menschen betrügt. Es geht mir um die allerhöchsten Prinzipien, und so viele gibt’s da ohnedies nicht, beim Rest bin ich sicher kein Moralapostel. Ich rede von Ethik bei den allerhöchsten Grundsätzen, denn alles, was Menschenwürde und Menschenrecht ausmacht, ist nicht verhandelbar. Ebenso wenig wie die Freiheit. Das Glück ist ein Kind der Freiheit. Und die Freiheit ist ein Kind des Mutes. Und um diese Haltung geht’s im Leben.

Tatiana Pauhofová und Pavel Kříž. Bild: © Thimfilm

Audienz bei Adolf Hitler: Tatiana Pauhofová und Pavel Kříž. Bild: © Thimfilm

MM: Jetzt haben Sie sich die Frage, wie Sie gehandelt hätten, doch beantwortet.

Markovics: Ich kann’s nicht wissen. Ich kann’s nicht sagen. Heute, wie ich hier sitze, behaupte ich, ich hätte mich nicht mit den Nazis ins Bett gelegt.

MM: Regisseur Filip Renč und sein Kameramann Petr Hojda haben eine Filmsprache zwischen hartem Realismus und einer fantastisch anmutenden Albtraumhaftigkeit der Bilder gewählt. Das kommt manchmal ein bisschen unvermutet, etwa bei einer Bettszene zwischen Goebbels und Lída, die im “Fegefeuer” oder „Satansnest“ des Kamins endet. Gefällt Ihnen dieser Stil?

Markovics: Ich weiß nicht, ob man einem Schauspieler diese Frage stellen darf, oder ob er diese Frage überhaupt beantworten kann. Ein Schauspieler hat keine auch nur annähernd objektive Wahrnehmung von Filmen, in denen er mitspielt. Ich habe diesen jetzt zwei Mal gesehen, einmal als Rohfassung, einmal bei der Premiere in Prag, noch dazu tschechisch synchronisiert …

MM: Immerhin von Viktor Preiss.

Markovics: Ja! Aber insofern will ich Ihnen diesbezüglich gar nichts sagen, weil ich nicht weiß, unter welchem ernstzunehmenden Urteilseindruck ich das tun könnte. Ich kann nur sagen, dass ich froh war, dass es im Film immer wieder diesen Einschlag ins Groteske gibt, der für mich sehr wichtig ist, gerade im Umgang mit diesem opulenten Hochglanzkinomelodram. Ein Melodram ist immer dann gefährlich, wenn es keine Haltung einnimmt, nicht Stellung bezieht, weil es dann dazu neigt, eine etwas schwammige Oberfläche zu haben. Deshalb braucht es scharfer Elemente und Kunstgriffe, die diese Oberfläche aufrauen, damit man sich dran spießt. Ich fand ganz wichtig, dass Filip Renč solche Szenen drin hat.

MM: Im Sinne vom Brechen einer Ästhetik?

Markovics: Sowohl im Sinne des Brechens einer Ästhetik als auch im Wunsch radikal zu sein.

MM: War das Ihre erste tschechisch-slowakische Produktion?

Markovics: Ja. Ich hab’ zwei Mal mit deutschen Produktionen in Tschechien gedreht. Ich habe auch schon einen holländischen, einen polnischen, zwei amerikanische Filme gemacht, einen in Litauen, und es ist heute wirklich so, dass der Standard ein allgemeiner ist. Es gibt keine Unterschiede mehr, selbst wenn ich die Sprache nicht verstehe, kenne ich mich am Set binnen Minuten aus, weil der Ablauf in der ganzen westlichen Hemisphäre gleich ist. Als Schauspieler findet man sich da überall zurecht. Was es im Speziellen eher ausmacht, sind Kleinigkeiten, die das Drehen gar nicht betreffen: gewisse altmodischere Umgangsweisen bei den Chefs der Abteilungen, bei den Kostümbildnern, bei den Architekten … In Norwegen merkt man überall dieses skandinavische Demokratieverständnis. Da weiß man beim gemeinsamen Mittagessen nicht, ist das vis-à-vis ein Komparse oder der Aufnahmeleiter. Das hat mich fasziniert.

MM: Das Essen?

Markovics: Naja, in Österreich gibt es für Komparsen Lunchpakete oder ein billigeres Menü. In Tschechien muss man am Buffet bezahlen, da nehmen sich viele die Jause von Zuhause mit. In Norwegen kriegen alle das selbe Luxuscatering, das vom Feinsten ist, das ich je hatte. Darin gibt es Unterschiede, bei der Arbeit nicht.

MM: Der Norwegen-Bezug ist Ihnen eingefallen, weil Sie dort „Kongens Nei“, Die Entscheidung des Königs, gedreht haben.

Markovics: Ein Film von Erik Poppe, der im September anläuft. Ich spiele den deutschen Botschafter in Oslo, Curt Bräuer, und Jesper Christensen König Haakon VII. Im Film geht es die Besetzung Norwegens durch Nazideutschland. Bräuer ist eine tragische Gestalt, er sollte eine Putschregierung durchsetzen, doch die Norweger verweigerten ihr die Gefolgschaft, worauf Hitler Bräuer abzog und zur Strafe an die Ostfront schickte, wo er in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet …

MM: Schon wieder Drittes Reich, das Thema lässt Sie nicht los.

Markovics: Offensichtlich gibt es noch genug Geschichten, die zu erzählen sind. Es gibt ja den Spruch, es sei alles schon einmal gesagt worden. Aber noch nie so: es ist ein Unterschied, ob ein Deutscher, ein Israeli oder ein Norweger etwas übers Dritte Reich erzählen. Die haben klarerweise alle ihre eigenen Geschichten, und gerade Norwegen eine sehr hehre, wo man sich eher fragt, warum ist die nicht schon lange erzählt. Die hatten einen Obernazi namens Vidkun Quisling und auf der anderen Seite einen – übrigens gewählten – König, der mit den Nazis nicht kollaboriert hat. Nicht wie die meisten anderen Staaten, Dänemark, Schweden, die haben alle irgendwie gedealt, aber er ist standhaft geblieben. Haakon ist erst im Land versteckt, dann von den Briten außer Landes gebracht worden. Die Geschichte ist in Norwegen überall präsent, jeder ist dort in irgendeiner Art damit verflochten. Ich saß in Oslo auf dem Flughafen und ein Mitarbeiter hat mich gefragt, woher ich bin und was ich hier mache und ich erzähle. Und er sagt: Mein Großvater war einer von denen, die geholfen haben, Haakon in Sicherheit zu bringen.

MM: Apropos, alle Geschichten erzählt. Welche würden Sie nicht erzählen, heißt: was stört sie an Dritte-Reich-Filmen?

Markovics: Mich stört prinzipiell an historischen Filmen, die mit menschlichen Tragödien verbunden sind, wenn sie vordergründig sind, wenn sie, um es brutal zu sagen, das emotionale Material als einzigen Grund nehmen, den Film zu machen, und darüber hinaus keine Geschichte erzählen wollen, keine Aussage haben und keine Haltung beziehen. Dann kann ich drauf verzichten, weil dann ist es obszön. Wenn ein Film in irgendeiner Form eine neue Perspektive auf etwas wirft, und mich vielleicht sogar an etwas erinnert, das in meiner Gegenwart in der einen oder anderen Weise wieder in diese Richtung läuft, dann ist es legitim.

MM: Dazu als Abschluss die Frage, wann man wieder eine Arbeit von Ihnen als Regisseur erwarten darf?

Markovics: Ich arbeite an drei verschiedenen Stoffen. Wie lange es dauert, bis einer davon was wird, kann ich noch nicht abschätzen. Es ist noch nichts sehr konkret, aber früher oder später wird ein Film von mir kommen.

www.lidabaarovafilm.cz

Trailer in deutscher Sprache: www.youtube.com/watch?v=mSTJ5CXmu44

Wien, 5. 4. 2016

„Mein Kampf – Das gefährliche Buch“: dok.film in ORF 2

Januar 15, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine erste Dokumentation über Hitlers Hetzschrift

Mein Kampf. Das gefährlich Buch Bild: ORF/Broadview TV/Thorben Bockelmann

Mein Kampf. Das gefährlich Buch
Bild: ORF/Broadview TV/Thorben Bockelmann

„Hitler ist seit 70 Jahren tot und darin liegt ein Problem. Er hat ein Erbe hinterlassen: seine Gedanken“, heißt es zu Beginn des Films. Das Jahr 2016 ist gekommen und die Hetzschrift des „Führers“ kann wieder erscheinen. Oder soll? Oder muss? Diesen und anderen Fragen geht die Dokumentation mit dem Titel „Mein Kampf – Das gefährliche Buch“ nach. Filmemacher Manfred Oldenburg beleuchtet umfassend und aufschlussreich die Debatte um ein Machwerk, das heute immer noch und schon wieder die Emotionen hochgehen lässt. 782 Seiten über „Volk und Rasse“, so die Überschrift von Kapitel elf. Zu sehen ist seine Analyse als dok.film am 17. Jänner in ORF 2.

Warum das nun wichtig ist? Mit dem Jahr 2015 liefen die Urheberrechte an „Mein Kampf“ aus, die der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger bislang dazu nutzte, Nachdrucke zu verhindern. Das geht seit 2016 nicht mehr, wiewohl gesagt werden muss, dass das Buch von Internet über Peking bis Istanbul sehr wohl und auch in deutscher Sprache all die Jahre erhältlich war. Also wurde von der bayerischen Regierung beim Institut für Zeitgeschichte in München ein ambitioniertes Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das allen weiteren wilden Veröffentlichungen im Vorfeld den Wind aus den Segeln nehmen sollte: eine von einem Wissenschaftlerteam erstellte kommentierte Ausgabe des Buches; renommierte Forscher hatten jahrelang an dem Projekt gearbeitet. Dann, so die Doku, bekam Horst Seehofer kalte Füße und sagte die Ausgabe ab. Zu groß ist die Angst vor Ansteckung durch dieses Gedankengut. Unter der Berufung auf den Begriff „Volksverhetzung“ sollte „Mein Kampf“ weiter unter Verschluss gehalten werden und jede Veröffentlichung grundsätzlich strafbar bleiben.

Christian Hartmann vom IfZ allerdings veröffentlichte am 8. Jänner unter riesigem Medienecho seine kommentierte Edition – mehr als doppelt so lang wie das „Original“, mit mehr als 3700 Anmerkungen, zwei Bände im Schuber, im IfZ-Selbstverlag, um in keinem Fall Rechte an ein kommerzielles Unternehmen abgeben zu müssen. Die erste Auflage von 4000 Stück ist bereits ausverkauft, eine zweite für die 15.000 Vorbestellungen ist in Druck. Die Süddeutsche Zeitung berichtet von „Fabelpreis“-Angeboten zu 355 Euro auf Amazon, das ist das Sechsfache des normalen Verkaufspreises von 59 Euro. Bei Ebay gab es diese Woche einen Zuschlag um 276 Euro. Er habe, sagt Hartmann über seine Arbeit an dem Projekt, „große Scham empfunden, dass Deutsche auf so einen Dreck reingefallen sind“. Den Dreck will er nun ausstellen. Nur was bekannt ist, lässt sich entmystifizieren. „Man wird“, sagt er,“um eine öffentliche Auseinandersetzung nicht herumkommen.“ In Frankreich engagiert sich Rechtsanwalt Philippe Coen, Gründer der „Initiative zur Vorbeugung gegen Hass“, für eine kommentierte Fassung in seiner Sprache, der Sprache von Hitlers militärischem „Hauptfeind“.

Oldenburg lässt Befürworter und Kritiker der neuerlichen Erscheinung zu Wort kommen. Dass auch er eine Meinung hat, zeigt sich an Sequenzen, in denen er mentale Anknüpfungspunkte zum heute herstellt. In denen er aufzeigt, wohin die Panikmache vor „Überfremdung“, das Bejammern des „Nichtvorhandenseins eines blutmäßig einheitlichen Volkes“ führt. So unsinnig können Zusammenhänge gar nicht zusammengebastelt sein, dass in ihrem Leben unsichere und unzufriedene Zuhörer nicht empfänglich wären für krude Heilsversprechen. „Mein Kampf“, so Hartmann, ist der exakte Fahrplan in Krieg und Massenvernichtung und „von einer Offenheit, die einem den Atem nimmt“, als gäbe es keine anderen Kulturen und Religionen. „Eine einzige wüste Rassenhetze“ und „eine gruselige Erfahrung“, nennt der Forscher seinen Forschungsgegenstand.

„Hätte man einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten … wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen“, heißt es an einer Stelle über den Ersten Weltkrieg, in dem Hitler als Gefreiter selbst bei einem Senfgasangriff verwundet wurde und vorübergehend erblindete. „Die Leser damals hätten über solche Stellen stolpern müssen“, sagt Hartmann über 12 Millionen erworbene Exemplare, die die Behauptung in Abrede stellen, niemand hätte gewusst, was tatsächlich im Buch drin steht. Man müsse aufzeigen, sagt Coen, dass heute wieder „extrem verstörte, schwache Menschen wie aufgewärmt derselben Ideologie folgen“: Ultranationalismus und Rassismus, Steine auf Flüchtlingsheime, das alles sind schon wieder simple Lösungen für eine immer komplexer werdende Welt.

Doch Hitlers Hetzschrift ist, so scheint es nach Angaben der Experten, nicht das wirre Buch, als das es in demokratischer Selbstschutzhaltung gern hingestellt wird. Allein die Tatsache, dass Hitler ein ungeübter, schlechter Autor war, seine mangelnde Professionalität als Schreiber, trug dazu bei, dass seine literarischen Auslassungen lange unterschätzt wurden. Hitler war nicht der Teufel, aber auch kein Trottel. So, sehr markig formuliert, das Fazit der Forscher. „Mein Kampf“ ist Biografie und Programm und Bekenntnis, das Dokument einer politischen Selbst(er)findung. Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfenning versucht zu deuten, warum „Mein Kampf“ jahrelang ins Lächerliche gezogen wurde: „Weil wir möglicherweise befürchten, dass wir in ihm etwas finden könnten, was auch in uns schlummert?“ Ob und wieviel Satire über die Drahtzieher des Dritten Reichs verträglich ist, ist ebenfalls seit Langem ein öffentlicher Diskussionspunkt zwischen Künstlern, den Medien und beider Publikum. Wird der Schrecken durch Weglachen vielleicht zu sehr verharmlost? Zehnpfennig stellt die Komik des Absurden infrage.

Gehört werden in Oldenburgs Doku auch die Opfer des Naziterrors. Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und prominenteste Kritikerin des Projekts, und Margot Friedländer berichten bewegend vom Holocaust. Manfred Oldenburg zeigt ein aktuelles Internet-Posting: „Kann man ihn wiederbeleben und auf die Moslems hetzen?“ Margot Friedländer beschloss 2010 aus den USA nach Berlin zurückzukehren. Sie nahm die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Heute besucht sie als Zeitzeugin Schulen und andere Einrichtungen, um über ihr Leben zu berichten. Im Film trägt sie die Bernsteinkette ihrer Mutter, die in Auschwitz ermordet wurde. Ihr einziges Erinnerungsstück. Sie ist für die Veröffentlichung von Hartmanns Arbeit. Sie sagt: „Ich sage meinen Schülern. Ihr habt die Chance. Seid Menschen.“ In diesem Sinne sollte Oldenburgs Film über die wissenschaftlichen Pläne des IfZ, über diese Aufklärung eines gesellschaftlichen Tabus gesehen werden: Es ist immer besser sich ein Urteil zu bilden, als Urteile zu fällen.

tv.orf.at/dok.film

Wien, 15. 1. 2016

Flimmit: „Mein Kampf – Das gefährliche Buch“

Dezember 15, 2015 in Film

Mein Kampf. Das gefährlich Buch Bild: © BROADVIEW TV/Thorben Bockelmann

Mein Kampf – Das gefährliche Buch
Bild: © BROADVIEW TV/Thorben Bockelmann

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine erste Dokumentation über Hitlers Hetzschrift

„Hitler ist seit 70 Jahren tot und darin liegt ein Problem. Er hat ein Erbe hinterlassen: seine Gedanken“, heißt es zu Beginn des Films. Das Jahr 2016 steht vor der Tür und die Hetzschrift des „Führers“ kann wieder erscheinen. Oder soll? Oder muss? Diesen und anderen Fragen geht die Dokumentation mit dem Titel „Mein Kampf – Das gefährliche Buch“ nach. Filmemacher Manfred Oldenburg beleuchtet umfassend und aufschlussreich die Debatte um ein Machwerk, das heute immer noch und schon wieder die Emotionen hochgehen lässt. 782 Seiten über „Volk und Rasse“, so die Überschrift von Kapitel elf. Zu sehen ist seine Analyse ab 16. Dezember auf Flimmit, im Jänner dann auch im ORF. ARTE zeigt sie bereits heute Abend.

Warum das nun wichtig ist? Mit dem Jahr 2015 laufen die Urheberrechte an „Mein Kampf“ aus, die der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger bislang dazu nutzte, Nachdrucke zu verhindern. Das geht ab 2016 nicht mehr, wiewohl gesagt werden muss, dass das Buch von Internet über Peking bis Istanbul sehr wohl und auch in deutscher Sprache erhältlich ist. Also wurde von der bayerischen Regierung beim Institut für Zeitgeschichte in München ein ambitioniertes Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das allen weiteren wilden Veröffentlichungen im Vorfeld den Wind aus den Segeln nehmen sollte: eine von einem Wissenschaftlerteam erstellte kommentierte Ausgabe des Buches; renommierte Forscher hatten jahrelang an dem Projekt gearbeitet. Dann, so die Doku, bekam Horst Seehofer kalte Füße und sagte die Ausgabe ab. Zu groß ist die Angst vor Ansteckung durch dieses Gedankengut. Unter der Berufung auf den Begriff „Volksverhetzung“ soll „Mein Kampf“ weiter unter Verschluss gehalten werden und jede Veröffentlichung grundsätzlich strafbar bleiben.

Christian Hartmann vom IfZ allerdings kündigt weiterhin für den 15. Jänner seine kommentierte Edition an – mehr als doppelt so lang wie das „Original“, mit mehr als 3700 Anmerkungen, zwei Bände im Schuber, im IfZ-Selbstverlag, um in keinem Fall Rechte an ein kommerzielles Unternehmen abgeben zu müssen. Er habe, sagt Hartmann über seine Arbeit an dem Projekt, „große Scham empfunden, dass Deutsche auf so einen Dreck reingefallen sind“. Den Dreck will er nun ausstellen. Nur was bekannt ist, lässt sich entmystifizieren. „Man wird“, sagt er,“um eine öffentliche Auseinandersetzung nicht herumkommen.“ In Frankreich engagiert sich Rechtsanwalt Philippe Coen, Gründer der „Initiative zur Vorbeugung gegen Hass“, für eine kommentierte Fassung in seiner Sprache, der Sprache von Hitlers militärischem „Hauptfeind“.

Oldenburg lässt Befürworter und Kritiker der neuerlichen Erscheinung zu Wort kommen. Dass auch er eine Meinung hat, zeigt sich an Sequenzen, in denen er mentale Anknüpfungspunkte zum heute herstellt. In denen er aufzeigt, wohin die Panikmache vor „Überfremdung“, das Bejammern des „Nichtvorhandenseins eines blutmäßig einheitlichen Volkes“ führt. So unsinnig können Zusammenhänge gar nicht zusammengebastelt sein, dass in ihrem Leben unsichere und unzufriedene Zuhörer nicht empfänglich wären für krude Heilsversprechen. „Mein Kampf“, so Hartmann, ist der exakte Fahrplan in Krieg und Massenvernichtung und „von einer Offenheit, die einem den Atem nimmt“, als gäbe es keine anderen Kulturen und Religionen. „Eine einzige wüste Rassenhetze“ und „eine gruselige Erfahrung“, nennt der Forscher seinen Forschungsgegenstand.

„Hätte man einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten … wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen“, heißt es an einer Stelle über den Ersten Weltkrieg, in dem Hitler als Gefreiter selbst bei einem Senfgasangriff verwundet wurde und vorübergehend erblindete. „Die Leser damals hätten über solche Stellen stolpern müssen“, sagt Hartmann über 12 Millionen erworbene Exemplare, die die Behauptung in Abrede stellen, niemand hätte gewusst, was tatsächlich im Buch drin steht. Man müsse aufzeigen, sagt Coen, dass heute wieder „extrem verstörte, schwache Menschen wie aufgewärmt derselben Ideologie folgen“: Ultranationalismus und Rassismus, Steine auf Flüchtlingsheime, das alles sind schon wieder simple Lösungen für eine immer komplexer werdende Welt.

Doch Hitlers Hetzschrift ist, so scheint es nach Angaben der Experten, nicht das wirre Buch, als das es in demokratischer Selbstschutzhaltung gern hingestellt wird. Allein die Tatsache, dass Hitler ein ungeübter, schlechter Autor war, seine mangelnde Professionalität als Schreiber, trug dazu bei, dass seine literarischen Auslassungen lange unterschätzt wurden. Hitler war nicht der Teufel, aber auch kein Trottel. So, sehr markig formuliert, das Fazit der Forscher. „Mein Kampf“ ist Biografie und Programm und Bekenntnis, das Dokument einer politischen Selbst(er)findung. Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfenning versucht zu deuten, warum „Mein Kampf“ jahrelang ins Lächerliche gezogen wurde: „Weil wir möglicherweise befürchten, dass wir in ihm etwas finden könnten, was auch in uns schlummert?“ Ob und wieviel Satire über die Drahtzieher des Dritten Reichs verträglich ist, ist ebenfalls seit Langem ein öffentlicher Diskussionspunkt zwischen Künstlern, den Medien und beider Publikum. Wird der Schrecken durch Weglachen vielleicht zu sehr verharmlost? Zehnpfennig stellt die Komik des Absurden infrage.

Gehört werden in Oldenburgs Doku auch die Opfer des Naziterrors. Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und prominenteste Kritikerin des Projekts, und Margot Friedländer berichten bewegend vom Holocaust. Manfred Oldenburg zeigt ein aktuelles Internet-Posting: „Kann man ihn wiederbeleben und auf die Moslems hetzen?“ Margot Friedländer beschloss 2010 aus den USA nach Berlin zurückzukehren. Sie nahm die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Heute besucht sie als Zeitzeugin Schulen und andere Einrichtungen, um über ihr Leben zu berichten. Im Film trägt sie die Bernsteinkette ihrer Mutter, die in Auschwitz ermordet wurde. Ihr einziges Erinnerungsstück. Sie ist für die Veröffentlichung von Hartmanns Arbeit. Sie sagt: „Ich sage meinen Schülern. Ihr habt die Chance. Seid Menschen.“ In diesem Sinne sollte Oldenburgs Film über die wissenschaftlichen Pläne des IfZ, über diese Aufklärung eines gesellschaftlichen Tabus gesehen werden: Es ist immer besser sich ein Urteil zu bilden, als Urteile zu fällen.

www.flimmit.com

Wien, 15. 12. 2015

Hubsi Kramar gibt aufs Neue den Hitler

August 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Winnie & Adi – Wir sind wieder da

Bild: Bernhard Mrak

Bild: Bernhard Mrak

„Was der eine zu lang ist, ist der andere zu schlank“, feixt der Sitznachbar. Als Versuch, aus der Beklemmung dieses Abends auszubrechen. Denn was Hubsi Kramar und C. C. Weinberger im TAG von sich geben, ist ungeheuerlich. Unerhört, leider nicht ungehört. Adolf Hitler und Winston Churchill. Der 1931 in New York geborene, nun in Wien lebende NBC-Journalist und Autor Ludwig Peter Ochs arbeitete viele Jahre daran, Originalzitate, Originaldokumente der beiden Kontrahenten zusammenzutragen. Aus dieser Textcollage entstand in Kramars Regie ein Theater der Wirklichkeit. Das heißt: Eigentlich sind es zwei Parallelmonologe, die von zwei Schreibtischen beziehungsweise zwei Fauteuils auf die Zuschauer niederhageln. Ochs ging es wohl darum, das Trennende im Ähnlichen zu finden. Und umgekehrt. Jedenfalls ist der Schlagabtausch Braunau vs Rule, Britannia! so, dass nicht den Bühnengegnern, sondern dem Publikum die Schädeldecke wegfliegt.

Da stehen sie, die beiden. Der eine, der Prügel an Eliteschulen bezog, der andere, den der Vater züchtigte. Beide an der Front im Ersten Weltkrieg, kriegsbegeistert. Beide, der Demokrat und der spätere Diktatur, von der Krankheit Großmannssucht befallen. Da redet der Asket gegen den Genussmenschen an, der Kleinbürger gegen den Aristokraten, der rassistische Revolutionär gegen einen imperialen Machtpolitiker. Der eine, 1953 für seine politischen und historischen Werke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, gegen den Kunstmaler, der im TAG  seine Lyrik vorträgt.

Ihr habt‘s um uns verdient, Daß wir Euch dort bestatten, Wo deutsche Eichen Euer Grab beschatten. Sie, das Symbol für Freiheit, Kraft und Leben Sein als der schönste Schmuck Um Euer Grab gegeben. Im deutschen Wald, wo wohnt der deutsche Geist, Dem stillen Hain, in dem ihr friedlich ruht, Ihn werden Tausende in tausend Jahren ehren, Gehen wir hinein in tiefe Waldesgründ‘, Komm[n] wir dahin, wo Eure Gräber sind, Dann hemmen wir den Schritt, Denn Ihr sprecht zu uns allen, So lebt Ihr ewig fort, wenn längst der Leib verfallen.

Dichtete Hilter. Churchill sagte weniger pathetisch: „Krieg ist ein Spiel, das man mit einem Lächeln spielt.“ Und während der eine Heldentatenbriefe nach München schickte, gab der andere bei seiner Frau Darling Clementine Proviantbestellungen auf. Hochprozentiges und eine Wildpastete. Ständig wird man zwischen Lachen und Fassungslosigkeit hin- und hergeworfen. Eine Reihe weiter vorne flüstert eine Frau: „Was soll da lustig sein?“ Die sarkastische Selbstentlarvung, Ochs zerstört die Fassaden nicht mit der Abrissbirne, sondern mit dem gebotenen Zynismus. Wenn etwa Hitler bereits Pläne für seine Pension in Linz macht. Gemütlich mit Fräulein Braun und einem Hund natürlich. Und gleichzeitig damit hadert, dass er vergessen werden wird, weil alle seinem politischen Nachfolger nachlaufen … Wenn Churchill wie ein Rumpelstilzchen seine Schadenfreude über die Stalingrad-Niederlage tanzt …

Hubsi Kramar ist als Adi in Sprache und Gestik perfekt; er hat’s ja lang genug geübt. Er legt seine Figur zwischen dämonischer Demagoge und Wanderprediger an. C. C. Weinberger gibt mit dicker Zigarre und in die Taschenuhrenkette eingehakten Daumen den pseudophilosophischen Denker. Lässig bemerkt er zu einer Rede des „Führers“: „Darauf antworte ich nicht. Denn ich spreche nicht mit Hitler.“ Da ist es schon 1940 und beide sind überzeugt, von der Macht des Schicksals beauftragt zu sein, Geschichte zu machen. „Großartig“ eine Rede Hitlers, in der er ankündigt, siegreiche Tee trinkende Briten würden dem Rest der Welt den Kaffeegenuss verbieten. Er persönlich möge ja gar keinen, aberrr das teutsche Volk habe ein Anrrrecht … Hat der sich jemals selbst zugehört? Warum haben die, die zuhörten oder zuhören mussten, den mit Pomp und Trara getarnten Irrsinn nicht erkannt?

Es endet mit dem Schuss am 30. April 1945. Und Riesenapplaus. Der vor allem der Leistung des anwesenden Ludwig Peter Ochs gilt, der zwei bemerkenswerte Geschichtsstunden bühnenfertig machte. Man verneigt sich vor diesem – ja, fast muss man es sagen – Lebenswerk.

www.winnieundadi.at

Wien, 26. 8. 2014

Café Prückel: magda goebbels.deutsche mutter

März 4, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Androsch als „Gefährtin des Bösen“

Bild: Reinhard Steiner

Bild: Reinhard Steiner

Am 11. März wird im KIP-Kultur im Prückel das Zwei-Frauen-Drama „magda goebbels.deutsche mutter“ uraufgeführt. Das neueste Bühnenstück des österreichischen Dramatikers Helmut Korherr spiegelt in den Dialogen zwischen Magda Goebbels und ihrer gleichaltrigen Freundin und Schwägerin Ello Quandt die Ära des Dritten Reiches. Der Text gibt Einblick in das Leben der Frau von Joseph Goebbels. Magda schenkte acht und nahm davon sieben Kindern das Leben. In ihrer Ehe mit Goebbels kam es regelmäßig zu heftigen Auseinandersetzungen wegen der zahlreichen Seitensprünge des Propagandaministers. Mit den zunehmenden Niederlagen der Wehrmacht weihte Goebbels seine Frau teilweise in die grausamen Verbrechen des Naziregimes ein. Magdas „braune Welt“ zerfiel immer mehr. Im März 1945 kündigte sie ihrer Vertrauten Ello ihren Selbstmord und die Vergiftung ihrer Kinder an…

Die Gespräche zwischen Magda Goebbels und Ello Quandt finden an verschiedenen Orten statt: auf dem Wohnsitz der Familie Goebbels auf Schwanenwerder, 1936 bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin, am Kurfürstendamm, in einem Nervensanatorium bei Dresden und auf Goebbels Yacht „Baldur“. Die einzelnen Schauplätze und Zeitpunkte werden mit Projektionen gezeigt. In der Regie von Christian Spatzek spielen Claudia Androsch (Magda Goebbels) und Gisela Salcher (Ello Quandt).

Die Biographie von Magda Goebbels beinhaltet erstaunliche Überraschungen und zahlreiche Ungeheuerlichkeiten.  Die uneheliche Tochter eines Dienstmädchens kam am 1.11.1901 in Berlin zur Welt. Ihre Mutter Auguste Behrendt heiratete 1906 den jüdischen Lederhändler Friedländer, die Familie zog nach Brüssel und Magda verbrachte acht Jahre im Ursulinenkloster Vilvorde. Friedländer und Magdas leiblicher Vater, der wohlhabende Ingenieur und Bauunternehmer Dr. Oskar Ritschel, der in Magda eine lebenslange Faszination für den Buddhismus weckte, überboten sich in ihrer Fürsorge um das Mädchen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrten die Friedländers nach Berlin zurück, wo Magda eine Beziehung zu dem Zionisten und späteren israelischen Staatsmann Viktor Chaim Arlosoroff entwickelte, die mit dessen Emigration in den Nahen Osten endete. Magda war nicht bereit, ihm nach  Israel zu folgen.

1920 lernte Magda in einem überfüllten Zugabteil Günther Quandt kennen, einen der reichsten Männer im durch die Kriegsfolgen verelendenden Deutschland. Der zwanzig Jahre ältere Großindustrielle wollte die schöne, intelligente und stilsichere Neunzehnjährige zur Frau nehmen. Oskar Ritschel erkannte Magda als seine Tochter an und sie konnte „den jüdischen Namen Friedländer“ ablegen. Das ermöglichte 1921 die Heirat. Günther Quandt hatte zwei Söhne aus erster Ehe; im gleichen Jahr brachte Magda ihren ersten Sohn Harald zur Welt. Anscheinend suchte Magda permanent nach neuen Impulsen für ihr Leben in einer Ehe, die nur sieben Jahre halten sollte und die sie zunehmend als einen goldenen Käfig empfand. Ihr Mann war vollauf mit seiner Arbeit beschäftigt und erlaubte ihr nicht, den enormen Reichtum öffentlich zu genießen. Innerhalb der Familie Quandt wurde Magda, ähnlich wie ihre Schwägerin und lebenslange Vertraute Eleonore „Ello“ Quandt, aufgrund ihrer Herkunft geschnitten. Die gegenseitige Entfremdung der Eheleute schritt immer weiter fort; Magda nahm sich einen jugendlichen Liebhaber, und die Scheidung im Sommer 1929 war die logische Folge.

Magdas Begegnung mit den Nationalsozialisten geschah eher zufällig, zumal sie sich bis 1930 für Politik kaum interessiert hatte. In diesem Jahr hörte sie erstmalig eine Rede von Joseph Goebbels, der von Hitler nach Berlin geschickt worden war, um diese Stadt für die Nazis zu „erobern“. Am nächsten Tag trat sie in die NSDAP ein, übernahm ehrenamtliche Tätigkeiten und wurde schließlich Leiterin des Pressearchivs der Partei. Dort war sie Goebbels’ direkte Mitarbeiterin. Ab Februar 1931 deuten fortlaufende Nummerierungen in dessen Tagebuch auf die Anzahl der sexuellen Kontakte hin. Zwei Wochen später verlobten sich Magda Quandt und Joseph Goebbels und die beiden heirateten dann im Dezember 1931; Hitler war Trauzeuge. Anfänglich hütete Goebbels seine Ehefrau eifersüchtig, manche Historiker erwägen diese Eifersucht sogar als Grund für die Ermordung Arlosoroffs, die 1933 an der Küste des Mittelmeers geschah. Magdas Ehe mit Goebbels war kinderreich. Sie war zwischen 1932 und 1942 quasi ununterbrochen schwanger  und brachte trotz zahlreicher Fehlgeburten in dieser Zeit sechs Kinder zur Welt: Helga (1932), Hilde (1934), Helmut (1935), Hedda (1937), Holde (1938) und Heide (1940). Magda verbrachte viel Zeit auf Kuren und in Krankenhäusern. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends: Depressionen, eine Sepsis und Gesichtslähmung setzten der Ersten Dame des Dritten Reiches (dieser Titel wurde Magda nur von Emmy Göring streitig gemacht) zu. Darüber hinaus kam es regelmäßig zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten, größtenteils aufgrund der zahlreichen Affären des Propagandaministers. Dieser Zustand eskalierte im Zusammenhang mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova, die Goebbels 1936 kennen lernte. Mit der Baarova zeigte sich der Propagandaminister auch zunehmend in der Öffentlichkeit und demütigte somit Magda. Karl Hanke – er war Staatssekretär unter Goebbels – wurde zum ritterlichen Parteigänger der betrogenen Ehefrau. Die für eine Scheidung juristisch relevante Schuldfrage klärte er mit schriftlichen Beweisen für über 40 Affären des Ehemanns.

Hier schaltete sich Hitler ein. Er zitierte Magda auf den Obersalzberg und sprach sich gegen die Scheidung aus. Lida Baarova wurde „kalt gestellt“, die Eheleute unterschrieben einen Versöhnungsvertrag und zeugten ein „Versöhnungskind“. Mit zunehmenden Niederlagen der Wehrmacht teilte Goebbels seiner Frau mehr und mehr grausame Verbrechen mit, die von seiner Propaganda vertuscht und verdreht wurden. Zu den bereits lange vorhandenen physischen Problemen gesellte sich der Zerfall des Ideals, an das Magda glaubte. Im März 1945 kündigte sie ihrer Vertrauten Ello die Pläne für ihren Selbstmord an.

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Wien, 4. 3. 2014