Burgtheater: Mein Kampf

Oktober 10, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist

Und hereinbricht Hitler: Markus Hering als Schlomo Herzl, Marcel Heuperman als Braunauer Bildermaler und Oliver Nägele als Lobkowitz. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Zusammengefasst, das Ganze entwickelt sich vom jüdischen Witz zur Furz-Farce zu einer Brachialgewalt, die durch George Taboris Groteske schlägt, wie die Heiligen Nägel durch Schlomos Hände. Itay Tiran inszenierte am Burgtheater also „Mein Kampf“, er hat sich am Akademietheater als Regisseur schon in „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), als Schauspieler in „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623) von seiner besten Seite gezeigt.

Nun berichtet der im israelischen Petach Tikva geborene Künstler im Programmheft anrührend von seiner „Kämpferin“, Großmutter Deborah Fixler Yahalom, Shoah-Überlebende und Geschichtenerzählerin und Virtuosin eines Überlebenshumors, mit dem sie ihrem Enkel den Horror beschrieb. „Shoah“, sagt Tiran, „ist für sie, wie für viele andere, kein datierbarer Zeitpunkt in der Geschichte, sondern ein Zustand, der anhält und andauert“, und im Interview, dass er, als seine Regiearbeit angefragt wurde, zweifelte, ob er sich mit dem Familientrauma auseinandersetzen möchte, nicht wissend, was er dem in Wien oft und grandios gespieltem Stück an noch nicht Gesagtem hinzufügen könne.

Dies hier erwähnt als Eckpunkte einer Besprechung, die über ein „Ja, so kann man’s freilich auch machen“ hinauskommen möchte, ist es unsachlich zu sagen, man möge von Themen, die einem zu nah sind, die Finger lassen?, kurz: der gestrige Premierenabend hat seine Momente, skurrile und schwere und solche, die es einem nicht leicht machen.

Jessica Rockstroh hat die Vorderbühne mit einem Jossi-Wieler-Rechnitz-Gedächtnisguckkasten zugebaut, ein Vergleich, dem stattgegeben wird, als Frau Tod Herrn Hitler ihren eben rekrutierten Würgeengel nennt. Bis dahin ist es ein mehr als zweistündiger Weg durch diesen gefinkelten Wandverbau, der sich hoch- und wegklappen lässt, die Paneele mal Bett, mal Bügelbrett, und dessen Teile von Anfang bis Ende durchbrochen und zertrümmert werden, wenn die Schauspieler aus ihnen fallen, drängen, drücken. Kein heiles Heim, dafür ein Heil! im Männerwohnheim, der Hitler und der Himmlisch kommen!

Davor, man weiß es, ein heiterer G’tt aus wenig heiterem Himmel, einer, der sich an nichts erinnern kann, solch aktuelle Hinterlist gibt’s von Schnitzel und Flüchtlingsstrom bis zum Jammern der Tödin übers Aussterben der Pandemien (Publikum: Gelächter!). Der Herr und sein Auserwählter sind, man weiß auch das, Koscherkoch Lobkowitz und Buchhändler Schlomo Herzl, Oliver Nägele und Markus Hering, und im Wortsinn über die beiden hereinbricht Marcel Heuperman als Hitler. Der sich erst in einer hochgeschraubten Schwadronade, dann seinen Darm in einen Kübel entleert. Scheiße aus allen Körperöffnungen, wie gesagt, am Furz- und Kotztheater wird hier nicht gespart. Heupermans unappetitlicher Hitler ist ein Theatraliker ennet der Grenze des Geschmacklosen.

Hering, Heuperman und Hanna Hilsdorf als Gretchen, hi.: Huhn Birne als Mizzi. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Ein händewachelndes Ojojoj der Menschenopfer: Makus Hering und Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Rekrutiert ihren Würgeengel: Sylvie Rohrer als Frau Tod und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Itay Tiran, und dies sein Pluspunkt, stellt die Schauspieler in den Mittelpunkt, er gibt ihnen all den Raum, der zwischen drei Wänden möglich ist. Es ist ein einfaches, ein Armes Theater, das er zeigt, mit einem Stück Kreide zeichnet Herings Schlomo Hitlers neues Zuhause wie den Teufel an die Wand; die Kostüme von Su Sigmund wie aus der Kleidersammlung, Trainingsbuxe, Bademantel, die Kippa eine Strickmütze. Heuperman ist ein feistes, berserkerndes Baby, ein hysterisch wütendes Kleinkind, kindisch-grausam, sobald es nicht nach seinem Kopf geht, die schmutzigen Strümpfe auf Halbmast, die versiffte Unter- eigentlich eine beständig rutschende Windelhose, die Heuperman ebenso beständig über dem nackten Hintern hochzieht.

Hering und Nägele geben sich als zwei Käuze, die mit einem händewachelndem Ojojoj ihre Opferbestimmtheit kundtun, Lobkowitz schon ein jenseitiger Mehlzerstäuber, Herzl noch ein herzergreifend Verzweifelter – am jüdischen Glauben und am jüdischen Witz, der mit mütterlichem Masochismus den Braunauer Bildermaler zum Massenmörder stylt und coacht. In diesem Szenario ist allerlei Bärtchen- und Youth-Cut-Slapstick möglich, so weit, so schön läuft der Abend am Schnürchen, mit komischen Typen und ihren Hals- wie Wortverdrehern. Jede Pointe sitzt, auch wenn man hier bereits den Sinn für Taboris nadelspitzen Sarkasmus und seine beißende Tieftraurigkeit vermisst.

Den schönsten und sie bestimmenden Moment schöpft Itay Tirans Aufführung aus der Verkehrung von Schlomo Herzls Satz zu seinem Buch, titelgebend: „Mein Kampf“, der bei Deborah-Enkel Tiran als Schlomos „letzte Chance endlich zu vergessen, woran ich mich seit meiner Jugend erinnern muss“ dasteht. Lässt er doch den Hering bei ins Gelbe gedimmten Standbildern die Mitakteure nach Schlomos Willen arrangieren, auf dass seine Inszenierung unter greller Glühbirne Szene für Szene ins Grauen entgleise.

Herings Schlomo Herzl mit der KZ-Tätowierung auf dem Unterarm fantasiert aus dem Orkus die Schlächter neu herbei. Und er weiß es und er kann es nicht verhindern, kann das Geschehene nicht umschreiben. Aus seinem Transistorradio hört man HC Strache im Wahlkampfmodus. Geschichte wiederholt sich nur als Farce, um Karl Marx abzukürzen.

Keine Akademie? Hitler ist am Boden zerstört: Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Der Schnauzer wird zum Bärtchen gestutzt: Markus Hering und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Goldene Göttin statt deutsches Mädl: Markus Hering und Hanna Hilsdorf, hi.: Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Und wieder wird ein Jude gekreuzigt: Rainer Galke als Himmlisch und Markus Hering. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Von der allerdings ist Tiran mittlerweile weit entfernt. Er hat zur verlangt feinschnittigen Sichel, um noch mal Marx zu bemühen, den dumpfen Hammer hervorgeholt, die Geräuschkulisse von Ludwig Klossek klingt nach Maschinengewehr, Grölen, Stöhnen, Hohngelächter. Mit Bettfedern hereinschneit Gretchen als Goldene Göttin, Hanna Hilsdorf allerdings weder Varganin noch bodenständig deutsches Mädl, sondern in dieser Schlüsselepisode, wie man dem Volk die Stimmung umdreht, deutlich unterbeschäftigt. Am spannendsten und bei Weitem die beste Komödiantin ist die Henne Birne als legendäre Mizzi, die in ein Wandbord gesetzt wird – und man dem Tier am Schnabel ansieht, wie’s überlegt: Wie komm‘ ich da nur wieder runter?

Bleibt: Die großartige Sylvie Rohrer als sich zur Kunstfigur verrenkende Frau Tod, ein bizarrer, kalter Todesengel, als der die Rohrer hier eine Glanzleistung hinlegt: Bleibt: Rainer Galke mit Axt – als Himmlisch von einer Herrenmensch-Rage, der eine Sauerei anrichtet, die Taboris subversives Zotenspiel, seine Assoziationskette von Schmerz zu Scherz zu Ausch-/Witz endgültig zerreißt. Schlomo wird an die Wand gekreuzigt, Mizzi vergast, der Titel „Mein Kampf“, denn ein Buch gibt es nicht, wechselt den Besitzer und Hitler zieht mit seiner Bagage und seinem an den Deportationskoffer gemahnendes Gepäckstück ab, als hätte er Schlomo sogar den gestohlen.

Zusammengefasst, im Dickwanst ist punkto dramatischer Dichte noch Luft drin. Die drastische Oberfläche bräuchte Tiefgang. In Zeiten da Rechts von einer zustimmend nickenden Mitte übernommen wird, braucht es (kultur-)politisch Radikaleres als Horrorclowns wie einen sich ausscheißenden Hitler und einen randalierenden Himmlisch. Ja, George Taboris „Mein Kampf“ ist im Getriebe des Repertoirebetriebs angekommen, kann man ihn aus diesem nun bitte weiterziehen lassen?

Lobkowitz und Robkowitz sitzen im Garten Eden auf einer Bank. Sagt Lobkowitz: Erinnerst du dich noch, wie du auf der Seife ausgerutscht bist und dir den Schädel zerschlagen hast, bevor sie uns vergasen konnten? Robkowitz schüttelt sich vor Lachen und erwidert: Ja, aber weißt du noch, wie du dich beschwert hast, sieben Mann seien zu viel für ein Bett? Kommt G’tt vorbei, böse und aufgebracht darüber, was es denn da zu lachen gebe. Sagt Lobkowitz: Ach Herr, den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist …

www.burgtheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=7x8ihcvJKbQ

  1. 10. 2020

Volksoper Wien: „Il trovatore“

November 12, 2013 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine tragische Dreiecksgeschichte

Eva Maria Riedl (Ines), Melba Ramos (Leonora), Chor Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eva Maria Riedl (Ines), Melba Ramos (Leonora), Chor
Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anlässlich von Giuseppe Verdis 200. Geburtstages setzt die Volksoper als erste Opernpremiere der aktuellen Saison “ Il trovatore“  aufs Programm. Verdis 17. Oper begründete gemeinsam mit „Rigoletto“ und „La Traviata“ (ab 29. März 2014 wieder im Repertoire)  zu Beginn der 1850er Jahre den Welterfolg des Komponisten. Die Premiere der Neuinszenierung von Dietrich W. Hilfsdorf ist am 16. November 2013. Verdis Klassiker wird somit bereits zum fünften Male nach 1905, 1935, 1941 und 1961 am Haus am Gürtel neuproduziert. Die Musik sei banal und brutal, die Handlung schlichtweg unverständlich – so tönte es dem „Troubadour“ noch im 19. Jahrhundert – zumeist von der Seite deutschsprachiger Kritiker – entgegen. Während Verdis Partitur von elementarer Kraft und Meisterschaft mittlerweile über jede Herabsetzung erhaben ist, steht die tragisch endende Dreiecksgeschichte seit jeher im Verdacht nur schwer nacherzählbar zu sein. Und doch kann sich niemand ihrer Sogwirkung entziehen: Verdis „Il trovatore“ kreist um das Thema der verfeindeten Brüder Graf Luna und Manrico, die in diesem Falle jedoch nichts von ihrer Verwandtschaft wissen. Der Troubadour Manrico hält sich für den Sohn der Zigeunerin Azucena, die von dem Gedanken an Rache für ihr ermordetes Kind besessen ist. Manrico und Graf Luna sind nicht nur politische Widersacher, sondern auch Rivalen um die Liebe derselben Frau, Leonora. Die Vorlage für Verdis Oper „Il trovatore“ lieferte Antonio García Gutiérrez erstes Bühnenstück „El trovador“, uraufgeführt 1836. „Der Troubadour“ ist ein „großes und gewaltiges Sujet“, dessen starke emotionale Motive – Rache, Liebe, Hass, Angst und Eifersucht – ihm die geeignete Inspiration für seine gleichnamige Oper lieferten. Oft taucht in Verdis Schaffen das Motiv der verfeindeten Brüder auf; doch nur einmal gibt es eine so dominante Mutterrolle wie jene der alten Zigeunerin Azucena, welche die Handlung des „Trovatore“ vorantreibt. Seinen Librettisten Cammarano hatte Verdi dazu ermuntert, die Erzählung „je ungewöhnlicher und bizarrer, desto besser“ auszugestalten und besonders den Charakter der alten Zigeunerin in seiner „Neuartigkeit und Fremdheit“ herauszustellen. Der Kritiker und Verdi-Zeitgenosse Eduard Hanslick verachtete die Geschichte „von ausgesuchter Grässlichkeit, in welche eine Zigeunerin samt einigen gestohlenen und verbrannten Kindern bedenklich verwickelt ist“, den nachhaltigen Triumph dieses unwiderstehlich mitreißenden Meisterwerkes konnte er jedoch nicht verhindern. Neben der tragisch endenden Liebesgeschichte ist Verdi mit „Il trovatore“ auch eine ‚Parabel über die Unterdrückung von Minderheiten‘ (Ulrich Schreiber) gelungen.

Das Team der Neuinszenierung
Nach dem „Wildschütz“ im April 2013 inszeniert zum zweiten Male Dietrich W. Hilsdorf in Bühnenbildern von Dieter Richter an der Volksoper. Der 1. Gastdirigent unseres Hauses Enrico Dovico steht am Pult der ersten „Trovatore“-Neuproduktion an der Volksoper seit 52 Jahren. Als Azucena kehrt die international gefeierte Mezzosopranistin Janina Baechle an die Volksoper zurück, wo sie zuletzt 2006 als Magdalena in „Der Evangelimann“ zu hören war. Der koreanische Bariton Tito You, zuletzt hier als Vater Germont in Verdis „Traviata“ zu erleben, singt den Graf Luna. Stuart Neill gibt in der Rolle des Manrico, die er schon mit großem Erfolg u. a. an der Deutschen Oper Berlin und in der Arena von Verona gesungen hat, sein Hausdebüt. Die Partien der Leonora und des Ferrando sind mit den Ensemblemitgliedern Melba Ramos und Yasushi Hirano besetzt.

www.volksoper.at

Wien, 12. 11. 2013

„Der Wildschütz“ an der Wiener Volksoper

April 19, 2013 in Klassik

Wenn „die Stimme der Natur“ ruft

Bild: Volksoper Wien

Bild: Volksoper Wien

Am 20. April hat an der Wiener Volksoper Albert Lortzings komische Oper „Der Wildschütz“ Premiere. Verkleidung, Verwechslung, Verstellung. Schon am Ende der Ouvertüre erschallt im Hintergrund ein Schuss, der auf das kommende Geschehen hinweist. Das sind die Zutaten aus denen Lortzing sein Werk geschaffen hat. Der musikalische Allrounder, der nicht nur komponierte und sein eigener Liberettist war, dirigierte, sang und schauspielerte auch. Zu Silvester 1842 stellte er einem begeisterten Publikum seinen „Wildschütz“ in Leipzig vor, 1846 als Lortzing als Kapellmeister am Theater an der Wien wirkte, nahm er seinen Erfolg mit hierher.

Die Freude war nicht einhellig. Felix Mendelssohn etwa nannte das ganze „infam, verwerflich und elend“ – „ein Wollustspiel“ (Ermanno Wolf-Ferrari verteidigte den Ruf des Komponisten später mit den Sätzen: „Die Naiven haben ihn umso mehr geliebt und lieben ihn noch. Und nur Liebe kann der Kunst Lohn sein, nicht kalte intellektuelle Registrierung seitens der ewigen Beckmesser.“ Na also!) Dabei hatte der Lortzing die schlüpfrigsten Passagen der Vorlage extra weggelassen. Diese stammt von Trivialdramatikermeister August von Kotzebue und heißt: „Der Rehbock oder die schuldlosen Schuldbewussten“. Die ziemlich wirre Handlung: Dorfschulmeister Baculus hat im Wortsinn einen Bock geschossen – und zwar im gräflichen Park – und soll deshalb entlassen werden. Daher schickt er einen „Studenten“ (in Wirklichkeit aber Baronin und Schwester des Grafen) aufs Schloss, wo sie als seine „Braut“ für ihn bitten soll. Der Baron wiederum, der unerkannt als Stallbursche des Grafen arbeitet, verliebt sich in die „Braut“ und will sie dem Lehrer für 5000 Taler abkaufen (wem das bekannt vorkommt: Smetanas „Verkaufte Braut“ wird in dieser Saison ebenfalls neu an der Volksoper  produziert).

„Die Stimme der Natur“ (so der Untertitel, den Albert Lortzing seiner Oper gegeben hat) wird bei Regisseur Dietrich W. Hilsdorf zu „Ein unmoralisches Angebot“. Er will den Fokus von den Ausschweifungen der Aristokratie weg-, hin auf den Schulmeister lenken, der sich schon als glücklicher „Kapitalist“ wähnt. Neben diesen sozialkritischen Tönen ist Alfred Eschwe am Pult für die musikalischen zuständig. In der wunderbaren Ensembleoper singen unter anderem Daniel Ochoa den Graf von Eberbach, Alexandra Kloose seine Gräfin, Mirko Roschkowski den Baron Kronthal, Anja-Nina Bahrmann seine Baronin, Gernot Kranner den Haushofmeister auf dem Schloss, und Lars Woldt den Dorfschulmeister Baculus.

www.volksoper.at

Trailer: www.volksoper.at/Content.Node2/home/medien/videobeispiele.at.php

Von Rudolf Mottinger

Wien, 19. 4. 2013