Landestheater NÖ: Online-Stream als Osterspecial – mit drei Highlights der aktuellen Saison

April 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine digitale Fotoschau führt in die „Theaterräume“

Tilman Rose in der Maske. Bild: Tilman Rose

In der Karwoche zeigt das Landestheater Niederösterreich die Produktionen „Italienische Nacht“, „Die Nibelungen“ und „Der Parasit“ aus der aktuellen Spielzeit als Online-Stream. Die Aufzeichnungen der Generalproben, die der Filmemacher Johannes Hammel realisiert hat, werden auf der Webseite www.landestheater.net jeweils für 24 Stunden ohne Anmeldung frei verfügbar sein. Backstage führt bereits ab 3. April die digitale Foto- ausstellung „Theaterräume“ von

Ensemblemitglied Tilman Rose, der mit der Kamera die persönlichen Momente des Berufes mit seinen Kolleginnen und Kollegen festgehalten hat – während der Proben, vor den Auftritten auf der Hinter- und Seitenbühne, in der Maske, in der Garderobe und beim Pendeln ins Theater. Entstanden sind wunderschön atmosphärische Porträts, die nun als wöchentlich erweiterte Reihe präsentieren werden.

„Italienische Nacht“: Tobias Artner und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Die „Italienische Nacht“ von Ödön von Horváth in einer Inszenierung von Alia Luque mit Tobias Artner, Silja Bächli, Tim Breyvogel, Marthe Lola Deutschmann, Bettina Kerl, Tilman Rose und Michael Scherff ist am 4. April ab 16 Uhr zu sehen. Die Handlung ereignet sich 1930 im oberbayerischen Murnau: Einen bunten Abend mit Musik und Tanz haben die Mitglieder vom sozialdemokratischen „Schutzbund der Republikaner“ in einem Gartenlokal organisiert, ihre „Italienische Nacht“.

Und sie wollen beim Feiern von niemandem gestört werden. Draußen marschieren allerdings die Faschisten auf und begehen ihren „deutschen Tag“. Ein Konflikt zwischen den beiden verfeindeten Parteien scheint unvermeidbar. Noch könnten die Republikaner den Faschismus abwenden, noch könnte Mut und Zivilcourage über den Opportunismus und die Feigheit vor den aufsteigenden Nazi siegen. Aber private Probleme und politisch-ideologische Streitereien scheinen den Sozialdemokraten wichtiger zu sein, als der Kampf um den Bestand der Demokratie … Trailer: www.youtube.com/watch?v=4TkdcJOiS6s

„Die Nibelungen“: Valentin Postlmayr, Philip L. Kelz. Bild: Alexi Pelekanos

„Die Nibelungen“ nach Friedrich Hebbel, in Szene gesetzt von Mathias Spaan und gespielt von Philip Leonhard Kelz, Bettina Kerl, Laura Laufenberg und Valentin Postlmayr steht am 9. und 18. April ab 16 Uhr auf dem Programm. „Die Nibelungen“ sind das bekannteste europäische Heldenepos, aber zugleich ein großes Liebesdrama, ein Ritterspektakel und eine Geschichte um Freundschaft und Verrat. Angesiedelt ist das Ganze im Donauraum.

In einer Epoche zwischen magischer Vorzeit und dem Beginn der westlichen Zivilisation. Der Mord an Siegfried setzt eine Spirale der Rache in Gang, deren Showdown durch politische Motive im sich verändernden Europa und persönliche Interessen beschleunigt wird. Mit allen Ingredienzien heutiger Fantasy-Blockbuster erzählt dieser klassische Stoff von den Bruchlinien der Menschlichkeit. Trailer: www.youtube.com/watch?v=A_t0AT1vRMI&t=1s

„Der Parasit“: Tobias Voigt, Tobias Artner als Schlitzohr Selicour, Heike Kretschmer und René Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

„Der Parasit“, eine Komödie von Friedrich Schiller, in der Regie von Fabian Alder mit Tobias Artner, René Dumont, Heike Kretschmer, Emilia Rupperti, Dominic Marcus Singer, Rafael Schuchter, Petra Strasser und Tobias Voigt folgt am Ostersonntag, 12. April, ab 16 Uhr. Der große klassische Dramatiker entführt das Publikum auf einen humorvollen Trip in politische Abgründe. Denn die Spezies Schmarotzer gibt es überall. Kollegen, die immer ein bisschen länger in der Chefetage sitzen, die gerne fremde Ideen als ihre eigenen ausgeben.

Geht aber was schief, dann schicken sie jemand anderen vor. Zahlen werden frisiert, Gelder veruntreut, kaum ist der Skandal aufgedeckt, wird versucht, die Fakten zu vertuschen, sodass niemand für den Schaden verantwortlich ist. Bei Friedrich Schiller ist der Parasit auf den mittleren Sprossen der Karriereleiter zu finden. Dort siedelt er im gehobenen Beamtenmilieu sein furioses Lustspiel an, das mit feinstem Komödienbesteck die Winkelzüge des titelgebenden Parasiten Selicour und die Mechanismen von Manipulation und Machtgewinn filetiert. Trailer: www.youtube.com/watch?v=7IxnEfOnF1k

www.landestheater.net

2. 4. 2020

Festspielhaus St. Pölten: Die Saison 2019/2020

April 17, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Highlights aus dem Programm

Sylvain Émard: Le Grand Continental. Bild: Robert Torres

Neben Tanzperformances verschiedenster Genres präsentiert die 23. Festspielhaus-Saison Highlights aus Orchester-, Unterhaltungs- und Kammermusik. Zeitgenössische Circus-Produktionen sind ebenso zentraler Bestandteil des Programms wie ein vielfältiges Angebot für Familien und das mehrtägige Workshop-Festival „Jugendklub“ für Teilnehmerinnen und Teilnehmer von 15 bis 25 Jahren.

Martin Schläpfer, preisgekrönter Direktor und Chefchoreograf des Ballett am Rhein, bringt seine Version von Tschaikowskis „Schwanensee“ kurz vor seinem Amtsantritt als Wiener Staatsballettdirektor nach St. Pölten und präsentiert sie damit erstmals einem österreichischen Publikum. Das Tonkünstler-Orchester spielt dazu live unter der Leitung von Axel Kober. Ebenfalls im russisch-märchenhaften Klanguniversum beheimatet ist die zweite Kooperation mit dem Festspielhaus-Residenzorchester: Les Ballets de Monte-Carlo unter Jean-Christophe Maillot gastieren mit „Cinderella“ zur Musik von Sergej Prokofjew. Musikalische Leitung: Nicolas Brochot.

Compagnie Käfig: Vertikal. Bild: Laurent Philippe

Kirina. Bild: Philippe Magoni

In der Österreich-Premiere von „Vertikal“ lässt Choreograf Mourad Merzouki die Tänzerinnen und Tänzer seiner Compagnie Käfig gegen die Schwerkraft ankämpfen und zeigt ein Tanz-, Akrobatik- und Aerial-Spektakel in scheinbar gravitationslosem Raum. Nicht minder spektakulär verspricht „Circa‘s Peepshow“ des australischen Circus C!rca zu werden. Eine außergewöhnliche Performance feiert zu Saisonabschluss ihre Premiere im deutschsprachigen Raum: Kader Attou, Leiter der französischen Cie Accrorap, lässt in „Un break à Mozart 1.1“ zehn Breakdancer zu Versatzstücken aus Mozarts „Requiem“ sowie zu Motiven aus „Don Giovanni“ performen. Richard Siegal gastiert mit seiner 2016 gegründeten Compagnie Ballet of Difference in St. Pölten: Der ehemalige Festspielhaus-Artist in Residence zeigt sein brandneues „New Ocean“ als österreichische Erstaufführung.

Doris Uhlich wirkte ebenfalls bereits als Artist in Residence am Festspielhaus und bringt mit „Every Body Electric“ ihr viel getourtes inklusives Ensemblestück auf die Bühne. Drei starke, zukunftsweisende Positionen des zeitgenössischen Balletts stehen mit dem Ballet BC Vancouver auf dem Programm. Der britische Choreograf Akram Khan kehrt mit seiner Compagnie ans Festspielhaus zurück und zeigt „Outwitting the Devil“ als Österreich-Premiere. Eine poetische Erzählung über die Entstehung einer neuen Welt ist „Kirina“ des aus Burkina Faso stammenden Choreografen Serge Aimé Coulibaly. Mit Eduardo Guerrero ist der Shooting-Star einer neuen Flamenco-Generation zu Gast.

Eduardo Guerrero. Bild: Felix Vázquez

C!rca Contemporary Circus: Circa’s Peepshow. Bild: Andy Phillipson

In zwölf symphonischen Konzerten spannt das Tonkünstler-Orchester einen Bogen von der Wiener Klassik bis zur Romantik und deren Übergang zur Moderne des 20. Jahrhunderts, sowie von russischen und slawischen zu französischen Klangwelten. Musikkuratorin Constanze Eiselt bringt mit unter anderem John McLaughlin, Mayra Andrade, Yaron Herman, Eric Bibb und El Gusto internationale Top-Acts auf die Bühne.

Das Festspielhaus bietet im Rahmen einer Arbeitsresidenz auch in der Saison 2019/2020 Raum und Zeit für international angesehene Künstlerinnen und Künstler. Der australische Choreograf Lloyd Newson und das Londoner Ballet Rambert werden in einer mehrwöchigen Residenz im Februar 2020 eine Neubearbeitung von „Enter Achilles“ zur Premiere bringen, einer sozialkritischen Performance über Männlichkeit, die 1995 bei den Wiener Festwochen für Furore sorgte und zum Welterfolg wurde.

Doris Uhlich: Every Body Electric. Bild: Theresa Rauter

Cie Philippe Saire: Hocus Pocus. Bild: Philippe Pache

Nach Montréal, Mexico City, Seoul, Santiago de Chile und Wellington lässt Sylvain Émards partizipatives Open-Air-Spektakel „Le Grand Continental: alle tanzen“ auch das Herz des Kulturbezirk St. Pölten zu einer riesigen Bühne werden. Bei freiem Eintritt performen im Juni 2020 etwa 150 lokal gecastete Laientänzerinnen und -tänzer Émards charakteristische Liaison aus traditionellen Elementen des Line Dance und zeitgenössischem Tanz. Die Castings zur Teilnahme am Projekt finden im Jänner 2020 statt, ab März 2020 wird die Choreografie in regelmäßigen Proben erarbeitet.

Video: www.youtube.com/watch?v=jLGwTOPpMKk&feature=youtu.be

www.festspielhaus.at

17. 4. 2019

Viennale 2018: Die Highlights aus dem Programm

Oktober 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eva Sangiorgi sorgt für ein Entdeckerfestival

„Suspiria“ von Luca Guadagnino. Bild: Viennale

Am 25. Oktober beginnt die erste Viennale unter der Leitung von Eva Sangiorgi. Dienstagabend präsentierte die neue Chefin gemeinsam mit Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums, und Ernst Kieninger, Direktor des Filmarchivs Austria, ihr Debütprogramm. Mit Blick darauf lässt sich sagen: Die Viennale bleibt ein breit gestreutes Festival für Filmentdecker.

Bei dem die Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm als überholte Kategorisierung von Kunstschaffen aufgegeben wurde. Eröffnet wird mit „Glücklich wie Lazzaro“ von Alice Rohrwacher, für den die italienische Filmemacherin dieses Jahr in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Im Hauptprogramm präsentiert die Viennale Filme, die kürzlich uraufgeführt wurden, wie „High Life“ von Claire Denis, „Doubles Vies“ von Olivier Assayas, „Roma“ von Alfonso Cuarón, „Monrovia, Ind iana“ von Frederick Wiseman, „Ni De Lian“ von Tsai Ming-liang, „Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog, „In Fabric“ von Peter Strickland und „Suspiria“ von Luca Guadagnino. Letzterer bietet zudem die Gelegenheit, auch das Original von Dario Argento aus dem Jahr 1977 wieder einmal zu sehen, in restaurierter 4K-Fassung. Eine interessante Wechselwirkung wird sich wohl auch aus dem Vergleich der beiden von inneren Dämonen heimgesuchten Musikstars in den Biopics „Vox Lux“ von Brady Corbet und „Her Smell“ von Alex Ross Perry ergeben – zwei ebenso unterschiedlichen wie kraftvollen Porträts dieser Lebenswelt.

„Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog. Bild: Viennale

„Doubles Vies“ von Olivier Assayas. Bild: Viennale

„Vox Lux“ von Brady Corbet. Bild: Viennale

„Angelo“ von Markus Schleinzer. Bild: Viennale

„Joy“ von Sudabeh Mortezai. Bild: Viennale

Regisseurinnen und Regisseure aus aller Welt werden ihre Werke vorstellen: Darunter Ivan Salatić, der mit „Ti imaš noć“ ein Generationen übergreifendes, mysteriöses Familiendrama gedreht hat, und César Vayssié, dessen „Ne Travaille Pas“ den Geist von 1968 mit künstlerischer Hingabe feiert, indem er filmische Gesten mit tänzerischen Bewegungen in Dialog treten lässt – was auf wunderbare Weise einen Bezug herstellt zu seinem vorangegangenen Film, ebenfalls im Programm: „Ufe“, der das politische Engagement bis auf die Spitze des Aktionismus treibt.

Er stellt dies in einem überraschenden meta-fiktiven Experiment in Verbindung zum militanten Kino der 1970er-Jahre und führt es als Verflechtung künstlerischer Disziplinen fort. Keinesfalls auch sollte man sich „La Flor“ entgehen lassen, einen epischen Film aus Argentinien von 14 Stunden Dauer und das Werk des nicht klassifizierbaren Filmemachers Mariano Llinás, der in dieser großartigen, gleichfalls nicht klassifizierbaren Übung in der Anwendung verschiedener Stile mit Geschick, Rhythmus und Sinn für Humor von einem Filmgenre zum andern übergeht, kurz: eine Hymne auf das Kino und die Frauen.

Unter den österreichischen Filmen bei der Viennale finden sich „Angelo“ von Markus Schleinzer, „Joy“ von Sudabeh Mortezai und „Chaos“ der in Wien ansässigen, syrischen Regisseurin Sara Fattahi. Nils Olger arbeitet in „Eine eiserne Kassette“ anhand seiner Familiengeschichte historische Fragen auf; auch „Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“ von Stephanus Domanig bezieht sich am Beispiel des hundertjährigen Komponisten, der ins Exil gezwungen wurde und heute in Chicago lebt, auf die Geschichte Österreichs – die im Zwanzigsten Jahrhundert vom Nationalsozialismus überschattet ist und bleiben wird.

Hingegen stellt Christiana Perschon in „Sie ist der andere Blick“ aus nächster Nähe und in Zusammenarbeit mit fünf zeitgenössischen Künstlerinnen deren jeweiligen Werdegang dar. Einer weiteren außergewöhnlichen Frau und Kämpferin ist Houchang Allahyaris Kein-Abschieds-Porträt „Ute Bock Superstar“ gewidmet.

„Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer. Bild: Filmarchiv Austria

„Die gekreuzigt werden“ von Georg Kundert. Bild: Filmarchiv Austria

Anlässlich der vielbeachteten Rekonstruktion und Restaurierung von Hans Karl Breslauers „Die Stadt ohne Juden“ geht das vom Filmarchiv Austria kuratierte Viennale-Spezialprogramm „Surviving Images“ den Spuren jüdischer Kultur und Geschichte im deutschsprachigen Stummfilm nach. Wenige Jahre vor der Shoah wurde jüdisches Leben vitaler und unmittelbarer als je zuvor im Film festgehalten. Vor allem österreichische und deutsche Stummfilme erwiesen sich dabei als eindrucksvolle Medien für die Dokumentation dessen, was bald völlig ausgelöscht werden sollte.

Im Jahr des Republikjubiläums erinnert diese Filmschau an jüdische Lebenswelten, die nur in Filmbildern überlebt haben. Acht der präsentierten zwölf Filme sind neue Restaurierungen, vier von diesen wiederum wurden im Filmarchiv Austria geschaffen. Die Filmschau ergänzt die noch bis Ende des Jahres im Metro Kinokulturhaus laufende Ausstellung „Die Stadt ohne“, die ausgehend von „Die Stadt ohne Juden“ einen Konnex herstellt zwischen dem historischen Hintergrund des Films und dem Antisemitismus und der Xenophobie der Gegenwart.

„Sh! The Octopus“ von William C. McGann. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„The Face Behind the Mask“ von Robert Florey. Bild: Sammlung Österreichisches Filmmuseum

Unter den Retrospektiven einen besonderen Platz nimmt „The B-Film. Hollywoods Low-Budget-Kino 1935–1959“ ein. Ein einfacher Titel, dessen einfaches Ziel es ist, die Geschichte und das Vermächtnis jener Weise des Low-Budget-Filmemachens zu beleuchten, die innerhalb des Hollywood-Studiosystems erfunden und noch lange danach von so unterschiedlichen Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Seijun Suzuki, Hartmut Bitomsky, Martin Scorsese oder Quentin Tarantino als Ideal angestrebt wurde.

Der B-Film war, wie diese Retrospektive aufzeigt, ein historisch spezifisches Kinogenre, das von den frühen 1930er-Jahren bis zum sogenannten Paramount Decree von 1948 seine Blütezeit erlebte – dank der Einführung von Double Features und der paradoxen Idealvorstellung  des Studiosystems als einer „Art Factory“ mit dem damit einhergehenden hohen Ansehen. Mit dem B-Film wurde eine Art von purem Kino geschaffen, in dem man zum einen zu den Varieté- und „Attraktions“-Anfängen des Kinos zurückkehrte, und zum anderen diverse Avantgarde-Strömungen verfolgte – von Surrealismus und Photogénie bis zu sowjetischer Montage.

Während einem dabei unmittelbar Val Lewton und Edgar G. Ulmer in den Sinn kommen, gibt es zahlreiche genauso wichtige Beispiele von außerordentlich innovativen, aber weniger bekannten B-Filmen, die ebenfalls auf dem Programm stehen: von William McGanns bizarrer Krimikomödie „Sh! The Octopus“ aus dem Jahr 1937 bis zu Joseph H. Lewis’ Film noir „So Dark The Night“ von 1946.

www.viennale.at

17. 10. 2018

Glatt&Verkehrt: Die Highlights aus dem Programm

Juni 22, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Gerhard Polt und Erwin Steinhauer

Geyerhof Cedric Watson Trio. Bild: © 2014 Sascha Osaka

Geyerhof Cedric Watson Trio. Bild: Sascha Osaka

Am 1. Juli startet die diesjährige Ausgabe von Glatt&Verkehrt, und weil das Festival heuer sein 20-Jahr-Jubiläum feiert, geht das Programm erstmals ein ganzes Monat lang. Auch einen neuen Spielort gibt es: Das Eröffnungswochenende findet im malerischen Schaugarten der Arche Noah in Schiltern nahe Langenlois statt, die sich der Bewahrung alter Gemüsesorten und anderer Pflanzenraritäten verschrieben hat.

Die botanische Vielfalt des Ortes inspirierte kreative Köpfe aus Österreich, Slowenien und Italien: Das neugegründete Keos-Quintett, unter anderem mit Maja Osojnik, Lukas Kranzelbinder und den Strottern schloss sich eigens für Glatt&Verkehrt mit dem neapolitanischen Vokalensemble Trio Assurd  zum Projekt Cantata Viennapoli zusammen, das von Bodo Hell sprachlich und poetisch hinreißend eingeleitet wird. Entstanden ist ein einzigartiges musikalisches und literarisches Programm in einem einzigartigen Ambiente:  Elemente aus süditalienischen Vokal- und Tanz-Traditionen wie Pizzica und Tarantella treffen auf solche aus der slowenischen und Wiener Musik und werden mit großer Lust am Improvisieren vereint.

Ab 17 Uhr verteilen sich die Musiker im Schaugarten und bieten in kleinen, abwechselnden Besetzungen musikalische Einlagen. Zeitgleich stehen Mitarbeiter der Arche Noah an verschiedenen Punkten des Schaugartens bereit, um fachkundig alle Fragen rund um die hier angebauten botanischen Raritäten zu beantworten. Um 19.30 Uhr versammeln sich alle Musiker auf der Bühne zum gemeinsamen Konzert. Dazu gibt’s von der Arche Noah bietet Raritätenkulinarik, Wein und regionale Spezialitäten aus der Gartenküche von „freund von salzig“ alias Benjamin Schwaighofer.

Am 2. Juli folgt die nun schon traditionelle musikalische Schifffahrt durch die Wachau mit dem altehrwürdigen Schaufelraddampfer „Stadt Wien“. Nifty’s, die Donauwellenreiter und Zur Wachauerin präsentieren ein Programm aus Wiener und Wachauer Liedern über jiddischen Surf-Rock – ja, den gibt´s! – bis Kammerjazz mit Tango- und Balkan-Gewürzen.  Star-Trompeter und Artist-In-Residence Steven Bernstein hat eigens für die Jubiläumsausgabe seine Universal Melody Brass Band mit einem internationalen All-Star-Ensemble zusammengestellt und dazu auch vier Österreicher eingeladen.  Das Konzert ist eine Uraufführung.

Und am 3. Juli im Bio-Weingut Geyerhof in Oberfucha, einem Hof aus dem 16. Jahrhundert, nochmals mit erweitertem Programm zu erleben. Der amerikanische Trompeter, Komponist und Arrangeur gilt als ein Superstar abseits aller Konventionen und wird einiges aus seiner immensen Bibliothek der Arrangements neu darstellen, von Ellington bis Rota, von Jelly Roll Morton bis Sly Stone.

Erwin Steinhauer & klezmer reloaded extended. Bild: Hans Ringhofer

Erwin Steinhauer & klezmer reloaded extended. Bild: Hans Ringhofer

Gerhard Polt und die Well-Brüder aus'm Biermoos. Bild: HP Hösl

Gerhard Polt und die Well-Brüder aus’m Biermoos. Bild: HP Hösl

 

 

 

 

 

 

 

Erwin Steinhauer und klezmer reloaded extended gastieren mit ihrem aktuellen Hermann-Leopoldi-Programm „Ich bin ein Durchschnittswiener“ am 16. Juli in Spitz. Gerhard Polt & Die Well-Brüder aus’m Biermoos, Christian Muthspiel und das Ukulele Orchestra of Great Britain eröffnen am 27. Juli das Programm bei den Winzern Krems.

Nach dem Erfolg des Vorjahres findet ab 27. Juli auch die Musik unterm Marillenbaum – Live-Musik in der Sandgrube 13 der Winzer Krems samt kulinarischen Köstlichkeiten – ihre Fortsetzung. Heuer sind es unter anderem Carlos Malta, die Wiener Tschuschenkapelle, die Innviertler Wadlbeisser und Mitglieder des Gypsy Kumbia Orchestra, die akustisch und unverstärkt die Abende gestalten werden. Am 31. Juli schließlich findet in der Installation „Circuit03“ von Jeroen Vandesande im Klangraum Krems Minoritenkirche eine Klangkunst-Matinée mit Jeroen Vandesande & Robin Hayward statt.

www.glattundverkehrt.at

Wien, 22. 6. 2016

Wiener Festwochen 2016: Highlights aus dem Programm

April 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Künstler sprechen erstmals über ihre Arbeiten

Achim Freyer zeigt seine Fantasien zu "Fidelio". Bild: Judith Kaltenböck

Achim Freyer zeigt seine Fantasien zu „Fidelio“. Bild: Judith Kaltenböck

Bevor am Samstag der Kartenvorverkauf an den Kassen beginnt, lud Markus Hinterhäuser Donnerstag Vormittag zu seiner letzten Pressekonferenz als Intendant der Wiener Festwochen. 36 Produktionen aus 25 Ländern wird er ab 13. Mai präsentieren, um, wie er sagt, eine „vielfältige Stimmungslage der krisengeschüttelten Welt zu zeigen“. Es gebe darunter einige „Produktionen, die sehr fordernd sein können, die ganz deutlich Fragen, Weltfragen, nach politischen Bewegungen aufwerfen, über die wir uns noch sehr wundern werden.“

Dem pflichtete die diesjährige Schauspielchefin Marina Davydova bei. Sie würde heute, mitten im Flüchtlingsdrama und angesichts der Terroranschläge von Paris und Brüssel noch ein wenig anders programmieren, meint sie, aber: „Es ist für Theater nicht nur wichtig, die Gegenwart zu reflektieren, sondern auch ein Labor für die Zukunft zu sein.“ Diesbezüglich kann sie zufrieden sein, denn „ohne dass ich die Künstler dazu aufgefordert hätte, haben sie sich mit dem Thema beschäftigt“ – Kunst als alternative Vision zur Zeit und über die Menschlichkeit.

Fünf Programm-Tipps:

Látszatélet/Scheinleben. Premiere: 21. Mai. Kern von Kornél Mundruczós Theaterabend ist eine wahre Geschichte: In Budapest wurde ein Angehöriger der Volksgruppe der Roma in einem Autobus von einem Rechtsradikalen niedergestochen. Die Polizei ermittelte, die Medien überschlugen sich – denn der Angreifer war selber ein Rom. Ein Mensch. „Die ungarische Gesellschaft hat mich zu dieser Aufführung inspiriert“, sagt Mundruczó im Festwochen-Video von Ernst Grandits, „aber auch die fehlende Solidarität in ganz Europa. Ich glaube, wir bauen gerade ein neues Europa, wir leben in einer neuen historischen Ära, und es ist eine gewaltige Frage, welche Zukunft wir schaffen werden.“ „Látszatélet“ beschreibt, wie ein neues Leben vom Albtraum des Selbsthasses erstickt wird. Ein höchst aktuelles (Anti-)Märchen menschlicher Erniedrigung und moralischen Niedergangs. Es spielt Mundruczós Proton Theatre.

Три сестры/Drei Schwestern. Bild: Frol Podlesny

Три сестры/Drei Schwestern. Bild: Frol Podlesny

Три сестры/Drei Schwestern. Premiere: 27. Mai. Timofej Kuljabin wachte eines Morgens auf und war berühmt. Seine Nowosibirsker „Tannhäuser“-Inszenierung wurde von der russischen Opernkritik einhellig gefeiert, doch der russisch-orthodoxe Erzbischof von Nowosibirsk und Berdsk Tichon zeigte den Regisseur wegen der Verletzung der Rechte von Gläubigen an – und der Abend wurde abgesetzt. Ein Akt der Zensur, der durch die internationalen Medien ging. Nun zeigt er in Wien „Drei Schwestern“ ohne Worte. Die oft so pathosbeschwerten Tschechow’schen Antihelden müssen mit der Gebärdensprache vorliebnehmen, einzig der stocktaube Amtsdiener Ferapont darf, weil ja der neue Sowjetmensch, etwas sagen. Die Feinnerigen aber schweigen. Ein Synonym der Zeit, ein Experiment mit Übertiteln.

Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt. Premiere: 29. Mai. Der kroatische Regisseur Oliver Frljić arbeitet über Kunst und Macht und die Entstehung von Faschismus. Er nennt den Kapitalismus eine „systemische Gewalt, die man nicht sieht, durch unsere Lebensweise in andere Teile der Welt getragen“. Nun nimmt er den 100. Geburtstag von Peter Weiss zum Anlass, dessen epochalen Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“ neu zu lesen. Obwohl die Handlung in den späten 1930-Jahren angesiedelt ist, sind die Analogien zur aktuellen Situation unübersehbar. „Europa wird immer faschistischer, und das mit demokratischer Legitimation“, sagt Frljić. Der erstarkende Anti-Islamismus sei nur der jüngste Beweis für seine These. „Österreich ist auch auf diesem Weg“, warnt er. In Kroation und anderen ex-jugoslawischen Ländern wird der Theatermacher wegen seiner unbequemen Politperformances massiv angefeindet. Für sein neuestes Stück führt er die Schauspielensembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana auf der Bühne zusammen. Vor Frljićs Festwochenpremiere ist am 21. und 22. Mai im Werk X sein Stück „Balkan macht frei“ als Gastspiel des Münchner Residenztheaters zu sehen (mehr: werk-x.at/produktion/balkan-macht-frei).

Oameni obişnuiţi/Gewöhnliche Menschen. Bild: Adi Bulboaca

Oameni obişnuiţi/Gewöhnliche Menschen. Bild: Adi Bulboaca

Oameni obişnuiţi/Gewöhnliche Menschen. Premiere: 31. Mai. Gianina Cărbunariu, Enfant terrible und aufstrebender Regiestar des rumänischen Theaters, hat Interviews mit Whistleblowern zu einem Bühnentext zusammengefasst. Von 34 Mitarbeitern stehlen 30 Informationen, heißt es im Text. Doch sie tun dies im Kampf gegen Ungerechtigkeit, Korruption oder Missbrauch. Menschen aus Großbritannien, Italien und Rumänien sprechen durch Schauspieler aus Sibiu über ihre Aufdeckungen im Gesundheitswesen, auf dem Finanzsektor und im Bildungssystem. „Der Skandal ist“, so Cărbunariu, „die schwierige Situation von Whistleblowern in der ganzen Welt. Man versucht, sie systematisch zu bestrafen. Die rechtliche Situation der Informanten ist völlig unklar, und es gibt von keiner Seite Anzeichen, dass sie geschützt werden sollen.“ Nicht nur angesichts des aktuellen Luxemburg-Leaks-Prozesses ein Theaterprojekt von Brisanz.

Wehe den eiskalten Ungeheuern. Konzertreihe ab 4. Juni. Zum Abschluss der Präsentation kam Markus Hinterhäuser noch auf die Beendigung der Zusammenarbeit mit Opernregisseur Dmitri Tcherniako zu sprechen. Wie bekannt wird nun Achim Freyer den „Fidelio“ inszenieren (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=18537). Er habe, so Hinterhäuser, „nach dem Aufbringen von überproportional viel Geduld“ nicht gern, aber doch die Intendanten-Notbremse aktiviert. Nun sei er Freyer für seine Freundschaft gegenüber den Festwochen sehr dankbar, dessen „Fidelio“ werde „ganz anders, nach einer außerordentlich orginellen Lesart“ gestaltet. Zu dieser Opernpremiere und der „Passagierin“ fügt Hinterhäuser die Konzertreihe „Wehe den eiskalten Ungeheuern“, eine „Veranstaltungreihe zum Thema Freiheit“, hinzu. Denn so Hinterhäuser: „Wir leben in einer Zeit, die nicht frei ist von tatsächlichen Ungeheuern.“ Zu hören sind Werke von Karl Amadeus Hartmann, Luigi Nono, Arnold Schönberg, Hanns Eisler, Gustav Mahler, Ernst Krenek, Georg Friedrich Haas und Frederic Rzewski.

Mehr zum Festwochen-Programm: www.mottingers-meinung.at/?p=16670

www.festwochen.at

Wien, 28. 4. 2016