Das Beste fürs Patschenkino: 15 Filmtipps zum Streamen

Mai 6, 2020 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Meisterwerke von Jim Jarmusch bis Martin Scorsese

Suspiria: Mia Goth und Dakota Johnson. Bild: Courtesy of Alessio Bolzoni / Amazon Studios

Immer noch sind die Lichtspielhäuser #Corona-bedingt geschlossen, und kein Ende in Sicht. mottingers-meinung.at hat deshalb fünfzehn aktuelle Hochkaräter ausgewählt, die derzeit in diversen Online-Videotheken angeboten werden. Hier die Streaming-Tipps:

Suspiria. Seit Luca Guadagnino als Teenager Dario Argentos „Suspiria“ gesehen hat, wollte er seine eigene Version davon machen. Kein Remake, sondern eine Cover

Version ist es geworden, so seine Hauptdarstellerin Tilda Swinton – die hier mindestens zwei Rollen spielt – über das fulminante, packende und einzigartige Filmfeuerwerk. Ein visuelles Fest mit mitreißenden Tanzszenen, einem betörenden Soundtrack von Radiohead Thom Yorke, einem wunderbaren Ensemble – Dakota Johnson als Berliner Tanz-Stipendiatin mit düsterem Geheimis und Bildern voll atmosphärischen Horrors. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BY6QKRl56Ok

The Irishman. Großmeister Martin Scorsese und sein jüngstes Mafiaepos: Auftragskiller Frank Sheeran erinnert sich an die Zeiten, als er zum Nr.#1-Problemlöser von Big Boss Russell Bufalino avancierte und 1975 auf den korrupten Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa angesetzt wurde. Robert De Niro, Joe Pesci, Al Pacino – noch Fragen? Die Gang mal frisch aus dem CGI-Jungbrunnen, mal im Original, und stets einen originellen Spruch parat. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=WHXxVmeGQUc

Roma. In seinem 70er-Jahre-Drama fängt Alfonso Cuarón mit fast schmerzlicher Schärfe das Lebensgefühl in einer gutbürgerlichen Familie im Mexico City jener Jahre ein. Das wahre Drama erlebt allerdings deren Kindermädchen, die sich mit erschütternd stoischer Selbstverständlichkeit in ihre Klassenzugehörigkeit fügt. Mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet, erhielt der Film als erste Netflix-Produktion Chancen auf Anhieb drei Oscars. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=6BS27ngZtxg

Paterson. Heißt sowohl der von Adam Driver dargestellte Charaker, als auch die Stadt in New Jersey, in der er als Busfahrer arbeitet und daneben Gedichte an die kleinen Dinge des Lebens verfasst. Dieses ein ruhiger Fluss, das heißt: es wäre einer, hätte er nicht die quirlige Laura an seiner Seite. Mit dieser verschrobenen Ode an die Monotonie des Alltags zeigt sich Filmemacher Jim Jarmusch wieder einmal in Höchstform. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=32exBSNsaBw

Marriage Story: S. Johansson, A. Driver. Bild: © 2019 Netflix

Togo: Willem Dafoe. Bild: © Disney

Beautiful Boy: T. Chalamet, S. Carell. Bild: © Amazon Studios

Hell or High Water: C. Pine, Jeff Bridges. Bild: Lorey Sebastian

Marriage Story. Und noch einmal Adam Driver, diesmal in einer Tragikomödie von Noah Baumbach. Off-Broadway-Regisseur Charlie und sein Bühnenstar Nicole stehen vor dem Ende ihrer Ehe. Verläuft die Scheidung anfangs noch gesittet, bricht ein erbitterter Fight aus, als sich die zukünftige Ex Unterstützung von einer Anwältin holt. Scarlett Johansson und Laura Dern brillieren als Damendoppel in diesem Rosenkrieg, den sie so gar nicht als wehmütiges Postmortem einer gescheiterten Romanze führen. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BHi-a1n8t7M

The Report. Adam Driver, die dritte. US-Senatsmitarbeiter Daniel Jones wird die entmutigende Mammutaufgabe übertragen, interne Ermittlungen zu Inhaftierungs- und Vernehmungspraktiken der CIA durchzuführen. Dabei „stolpert“ er über deren „erweiterten Verhörmethoden“ nach den Anschlägen vom 11. September, brutal, unmoralisch und außerdem ineffektiv, Folter wie Waterboarding, Anketten in sogenannten Stresspositionen und laute Heavy-Metal-Musik zum Mürbemachen. Seine Vorgesetzte, die demokratische Senatorin Dianne Feinstein legt daraufhin Barack Obamas Stabschef einen 6700-Seiten-Report vor. So geschehen am 9. Dezember 2014. Sehenswert. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=x79Gf4cJDDE

Togo. Willem Dafoe in einem Wettlauf gegen die Zeit und das Wetter. Als im alaskischen Städtchen Nome im Winter 1925 die Diphtherie ausbricht, müssen ein Hundeführer und sein Leittier per Hundeschlitten schleunigst das Heilmittel herbeischaffen. Regisseur Ericson Core erzählt sein Survivaldrama nach einer tatsächlich stattgefunden habenden Rettungsmission. Der Norweger Leonhard Seppala und sein Hund Togo übernahmen dabei den gefährlichsten Teil der Tour. Spektakuläre Actionszenen und Taschentuchalarm, was will man mehr? Bei Disney+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HMfyueM-ZBQ

Casting JonBenét. Zu Weihnachten 1996 wurde die sechsjährige JonBenét in ihrem Elternhaus in Boulder, Colorado, ermordet. Bis heute ist dies Verbrechen ungeklärt. Was natürlich den wildesten Spekulationen Tür und Tor öffnete – zumal es sich beim Todesopfer um ein kleines Mädchen handelte, das barbiehaft zurechtfrisiert und in nationalfarbene Rüschen gepackt eine ganze Reihe Little-Miss-Wahlen gewonnen hatte. Regisseurin Kitty Green lud für ihren doku-fiktionalen Film Menschen aus JonBenéts Umfeld zum „Casting“ für einen freilich nur fiktiven Spielfilm ein. Und lässt sie ihre Sicht auf die Ereignisse schildern und – schauspielern. Das Ergebnis ist so experimentell wie verstörend. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-KMEOaMCJss

Hala: G. Viswanathan. Bild: © Courtesy of Sundance Institute

Roma: Marina de Tavira. Bild: Carlos Somonte

The Irishman: Robert De Niro und Al Pacino. Bild: © Netflix 2019

Casting JonBenet: Hannah Cagwin. © Netflix 2017

Beautiful Boy. Basierend auf dem Buch des New York Times-Autors David Sheff und seines Sohnes Nic spielt Steve Carell in Felix Van Groeningens Film den besorgten Vater des Crystal-Meth-abhängigen Sprösslings. Timothée Chalamet ist als Nic von schmerzhafter Eindringlichkeit, der Jungstar agiert, als ob sein Leben davon abhänge, wechselt Stimmungen in Sekunden, raunt, lallt, weint und zeigt die körperlichen und geistigen Veränderungen eines Süchtigen mit beinahe gespenstischer Präsenz. Ein Drogendrama nicht in irgendwelchen Slums, sondern gemäß der realen Geschichte in einem Wohlstandsghetto. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=y23HyopQxEg

Hala. Die 17-jährige Hala, eine Amerikanerin mit pakistanischen Wurzeln, kämpft darum, ihre Wünsche und Sehnsüchte mit ihren familiären, kulturellen und religiösen Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Bald aber trägt sie sie ein Geheimnis mit sich herum, das ihre traditionell denkenden Eltern in Aufruhr versetzen würde, wenn’s denn herauskäme. Geraldine Viswanathan im Film von Minhal Baig – ein Muss! Bei Apple TV+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=4aS-qGHH6E0

Die zwei Päpste. Anthony Hopkins und Jonathan Pryce brillieren in Fernando Meireilles‘ Drama als Päpste Benedikt XVI. und Franziskus, zwei Pontifexe ganz unterschiedlicher Art im hintersinnig-witzigen Dialog über Gott und die Welt und die Kirche. Regisseur Meireilles entwirft großartige Bilder und Szenarien, wie sie vielleicht gewesen sein könnten. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=otP0z24W1yg

Hell or High Water. Um ihre Ranch vor dem finanziellen Ruin zu retten, werden zwei Brüder zu Outlaws. Der ungestüme Tanner Howard und sein jüngerer Bruder Toby beginnen einen Raubzug durch Texas, keine Bank, keine Postfiliale ist vor ihnen sicher, bis sie schließlich sogar einen Treuhandfonds anlegen können. Grandiose Loserstory mit Chris Pine, Ben Foster und Jeff Bridges als Texas Ranger. Regisseur David Mackenzies setzt mit seinem Neo-Western statt auf sinnlosee Schießereien auf eine souveräne Dramaturgie und ausgearbeitete Charaktere. Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=JQoqsKoJVDw

Systemsprenger: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Systemsprenger. Bei Neflix. Filmkritik: Lauter Schrei nach Liebe

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst.

Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“

Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert. Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, spielt die Benni. Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=34792

The Big Sick: Kumail Nanjiani. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

The Big Sick. Bei Amazon. Filmkritik: Multi-Kulti Love Story

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner

Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.  Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders. Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben.

Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten. Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will … Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27314

Beasts of No Nation: Idris Elba. Bild: Netflix

Beasts of No Nation. Bei Netflix. Filmkritik: Der Tod als Kindergesicht

Es gibt dieses 15-minütige Gemetzel. Da ist Agu schon unter Drogen gesetzt und setzt die Machete ein, wie’s und wo’s geht. Köpfe fliegen und Hände, und die Röcke von Frauen bei den Vergewaltigungen. Regisseur Cary Fukunaga rechtfertigt die gezeigten Grausamkeiten mit der Feststellung, der Krieg sei grausamer als jeder Film über den Krieg. Die Message hätte dieses Gemetzel nicht gebraucht, man versteht schon.

Aber die erste große Filmproduktion des Onlineanbieters Netflix will auf Hollywood machen. Irgendwo zwischen „Inglourious Basterds“ und „Gesichter des Todes“. Hier hat der Tod ein Kindergesicht. „Beasts of No Nation“ ist ein Film über Kindersoldaten in Afrika. Nach Angaben des sogenannten Machel-Berichts der UNO gibt es derzeit etwa 20.000 kämpfende Kinder im Alter zwischen neun und 18 Jahren. Olara Ottuno, der UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, schätzt, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen Kinder zu Invaliden wurden und zehn Millionen Kinder schwere seelische Schäden davontrugen. „Beasts of No Nation“ ist ein wichtiger Film. Er basiert auf dem 2005 erschienen Debütroman von Uzodinma Iweala mit dem Titel „Du sollst Bestie sein!“ Der erschütternde Text ist eine Zusammenfassung von Schilderungen real gewesener Kindersoldaten, die Iweala „verstehen, nicht entschuldigen“ will.

Agu, Darstellerentdeckung Abraham Attah wurde in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet, flieht in den Dschungel nachdem seine Familie abgeschlachtet wurde. Die Terrormiliz des Commandante greift ihn halbverhungert auf, Agu ergibt sich den Umständen. Kinder und Jugendliche sind in der Regel leichter zu rekrutieren als Erwachsene. Sie suchen Schutz, hoffen, ihre Existenz zu sichern, wollen soziale Anerkennung und möglicherweise ein Machtgefühl, das sie als Unbewaffnete nie hätten. Manche sinnen auf Rache, weil ein Feind Angehörige ermordet hat. „Sie zu töten war nicht schwer“, sagte der damals 15-jährige Sylvère in weltweiten Interviews, nachdem er von der UNO aus den Fängen der burundischen Hutu-Rebellenorganisation FNL befreit wurde. „Wer hat dieses Ding hierher gebracht?“, fragt der Commandante. Und man weiß nicht, ob das „Ding“ Agu ist oder der ganze Krieg. Idris Elba spielt den Anführer mit der lässigen Eleganz eines Brad Pitt als Lieutenant Aldo Raine … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=15922

www.amazon.de           www.netflix.com          www.disneyplus.com/de-at           www.apple.com/at/apple-tv-plus

  1. 5. 2020

 

Kunstforum: Flying High. Künstlerinnen der Art Brut

Februar 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Werk, das sich seinen Platz erst erobern muss

Aloïse Corbaz: Brevario Grimani, um 1950 (Ausschnitt). abcd / Bruno Decharme collection. Bild: © César Decharme

Mit „Flying High“ zeigt das Kunstforum Wien ab 15. Februar die erste Ausstellung, die sich weltumspannend den weiblichen Positionen der Art Brut von 1860 bis in die Gegenwart widmet. Die Ausstellung ist in jeder Hinsicht ein Höhenflug: Sie versammelt 316 Werke von 93 Künstlerinnen aus 21 Ländern, die die inhaltliche und ästhetische Vorstellung, was Kunst ist, sprengen. Die Ausstellung nimmt den von Jean Dubuffet 1945 definierten Begriff „Art Brut“ für jene ursprüngliche, nichtakademische Kunst außerhalb des kulturellen Mainstreams als Ausgangspunkt.

In der Vielfalt und Heterogenität der präsentierten Werke wird deutlich, dass der Art-Brut-Begriff heute längst über Arbeiten aus Psychiatrien hinausgeht und auch die Produktion von „mediumistischen“,  von einem Geist geführten Künstlerinnen, „Einzelgängerinnen“ und Künstlerinnen mit Behinderungen umfasst. Diese Erweiterung ist nicht zuletzt durch den radikalen Wandel der Institution Psychiatrie – von ehemals geschlossenen Anstalten über offenere Strukturen bis zu deren Auflösung – begründet.

Zeitgenössische Art Brut entsteht heute vielfach in Ateliers oder in von den Künstlerinnen selbst geschaffenen Strukturen. Die Chronologie der Ausstellung beginnt mit Highlights aus den historischen Sammlungen der Psychiater Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn. Beide sammelten und förderten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Kunst aus Psychiatrien und publizierten darüber. Der Hauptraum des Kunstforum Wien zeigt Meisterinnenwerke aus der Sammlung von Jean Dubuffet  aus der Collection de l’Art Brut, Lausanne, die Dubuffet zwischen 1945 und 1976 zusammentrug. Eine repräsentative Auswahl von Werken aus der Sammlung L’Aracine schließt den Überblick über jene Sammlungen ab, die Entstehung und Geschichte der Art Brut entscheidend prägten. Darüber hinaus zeigt die Schau eine Vielzahl von Werken aus bedeutenden internationalen und österreichischen Privatsammlungen.

Julia Krause-Harder: Nanotyrannus, 2013. Courtesy Atelier Goldstein. Bild: © Uwe Dettmar

Judith Scott: Ohne Titel, o. J. abcd / Bruno Decharme collection © Creative Growth Art Center. Bild: © César Decharme

Die Geschichte weiblicher Art-Brut-Künstler spiegelt die Emanzipationsgeschichte von Frauen auf einer prekären Ebene wider: Diese sind bis heute „Außenseiterinnen der Außenseiter“. Die Art Brut hat nach wie vor keinen gleichberechtigten Platz neben der „Hochkunst“ gefunden. Da Frauen sowohl innerhalb der Art Brut als auch jenseits der feministischen Kunst ihren Platz erst erobern müssen, ist eine Präsentation ihrer Werke hoch an der Zeit. Die Ausstellung nun verdeutlicht, dass ästhetische Gesichtspunkte gegenüber diagnostischen Kriterien und Biografie sowie der Exzentrität der Autorinnen mehr und mehr an Relevanz gewinnen. Durch die Arbeiten von unterschiedlichsten Künstlerinnen entsteht ein vielstimmiges Panorama gestalterischer Ausdruckskräfte: Worin unterscheiden sich jene individuelle Mythologien, die Art Brut begründen, je nachdem, ob sie von Künstlerinnen oder Künstlern geschaffen wurde? Erzählen die Arbeiten von Frauen tatsächlich andere Geschichten als Männer? Wie werden Differenzen in den Produktionsweisen, Medien und Ikonografien sichtbar?

Die Schau geht diesen Fragen nach und reflektiert die direkte und ursprüngliche, oft auch subversive Ausdruckskraft und Qualität der von Frauen geschaffenen Art Brut. Die Unterschiede und auch mögliche Gemeinsamkeiten im Ausdruck von Künstlerinnen und Künstlern der Art Brut anhand von Gegenüberstellungen zu visualisieren, wird Thema einer anderen Ausstellung sein. Wie überall gilt auch im Feld der Kunst: Nur was wahrgenommen werden kann, existiert auch.

www.kunstforumwien.at

13. 2. 2019

High Performance

April 8, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mandarinen lügen nicht

Bild: FreibeuterFilm

Bild: FreibeuterFilm

Rudi ist ein Manager im Höhenflug, selbstbewusst und strahlend wird er akklamiert bei einer Wirtschaftspreisverleihung. Er hat eine Karriere gemacht auf die seine Eltern, seine Frau und seine beiden kleinen Töchter stolz sind. Sein Bruder Daniel ist ein strauchelnder Künstler. Er kommt zu Rudis Fest, um zu gratulieren. Aber er wird von den Türstehern erst einmal gar nicht reingelassen, er passt so gar nicht in die Welt des Erfolgs. Hilfsbereit und jovial bietet Rudi seinem Bruder Daniel einen Job an: ein Sprechcoaching, schnell verdiente 2.000 Euro, um Nora Windisch, der vielversprechendsten IT-Mitarbeiterin seines Softwarekonzerns für eine wichtige Präsentation Nachhilfe in Rhetorik und Selbstbewusstsein zu geben. Es ist zwar ein Auftrag, den Daniel leicht erledigen könnte, es ist aber keiner, der ihn sonderlich interessiert: Geld ist nicht die Währung des ambitionierten Künstlers. Doch das hindert ihn nicht, seinen Vater in finanziellen Nöten um Unterstützung anzupumpen, soweit gehen die Prinzipien dann ja doch wieder nicht. Rudi aber weiß, welche Hebel er bedienen muss, um das Nein des Bruders in ein pflichtbewusstes, wenn auch zögerliches Ja und einen immer weiter greifenden Gefallen umzumodeln. Aber das Coaching entpuppt sich sehr rasch als ganz andere Aufgabe: Rudi, verheiratet mit Barbara und Vater einer Tochter, möchte dass Daniel die Kollegin Nora unter falschem Namen näher inspiziert. Rudi, der Chef, interessiert sich für sie, kann sich aber in seiner Situation nicht frei bewegen, also schickt er seinen kleinen Bruder inkognito vor. Die potentielle Herzdame erweist sich als lustig, als schlau und charmant. – Nur driftet das „Abtesten“ in die falsche Richtung: Noras Sympathie gehört Daniel und bestimmt nicht dem glatten Chef, wie spätestens der Kuss nach dem Theaterabend zeigt, der der Verkupplung von Nora und Rudi hätte dienen sollen. Und irritierenderweise scheint sich Daniel auch weit mehr für Nora zu interessieren als der Auftraggeber – der angeblich verliebte Rudi. Was wird hier gespielt? Was will Rudi wirklich? – Peu à peu erhascht Daniel einen Blick in Rudis Karten, was Daniels Gewissen nicht eben erleichtert. Er hat schon viel zu lange als Marionette in diesem Stück agiert. Als Rudi ein generöses Sponsoring für Daniels finanziell unterdotiertes Theaterkollektiv auf den Tisch legt, sieht es mit der Moral für Daniel noch schlimmer aus. Kann es einen Helden geben in einer Situation wie dieser? Von wem kann man hier behaupten, er würde eine „High Performance“ abliefern?

In der Regie von Johanna Moder spielen Marcel Mohab, Manuel Rubey, Helmut Berger, Lisa Weidenmüller, Jaschka Lämmert, Pippa Galli, Pia Hierzegger, Elfriede Schüsseleder; Special Appearance – Ulli Bäer.

http://highperformance-film.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FFx0LmhEA5E

Wien, 8. 4. 2014