Kammeroper: Faust

Oktober 12, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klappmaul-Mephisto als strahlender Opernstar

Erste Annäherung ans „schöne Fräulein“: Quentin Desgeorges als Faust, Jenna Siladie als Marguerite und Dumitru Mădărășan als Méphistophélès. Bild: Herwig Prammer

Kalte Schauer beim Drame lyrique. An der Kammeroper hat Nikolaus Habjan Charles Gounods „Faust“ inszeniert, und da in Rezensionen der Arbeiten des preisgekrönten Regisseurs so gern formuliert wird, er ließe die Puppen tanzen, voilà: In der finalen Walpurgisnacht bittet Habjan vier greise Säuglingsfigürchen zum bizarren Ballett auf dem Hochseil, hässliche Homunkuli als sozusagen Vorahnungen des Kommenden, und ihr Erscheinen einer der optischen Höhepunkte dieses fantastisch opulenten Opernabends.

Der einen alles überstrahlenden Star hat, in Form des menschengroßen Klappmaul-Méphistophélès, in Szene gesetzt von Puppenspielerin Manuela Linshalm und Bassist Dumitru Mădăraşăn, der dem Fürsten der Finsternis dank jener seltenen „Schwärze“ im Timbre eine elegante, subtile Gefährlichkeit verleiht. Mit jedem kurzen Kopfschütteln, dass ob der Torheit von Gottes Kreaturen stets zwischen Sarkasmus und Fassungslosigkeit changiert, beweist diese Puppe, und man darf das so sagen, denn Habjans Kreationen sind Subjekt, nie Objekt, ein so enormes schauspielerisches Können, wie man sich’s von manchem Fleisch-und-Blut-Teufel erhoffte.

Dieser rotgewandete Dämon mit verschlagen glitzernden Feueraugen, verächtlich verzogenem Mund und gräulichen Krallenhänden ist der Spielmacher, einer, der auch fürs Komödiantische sorgt, wie sich nicht zuletzt auf der Kirmes erweist, wo er das Volk zur „Ronde du veau d’or“ wie Marionetten tanzen lässt. Dieses dargestellt vom aus Mariana Garci Crespo, Ena Topcibasic, Anne Alt, Barbara Egger, Vladimir Cabak, George Kounoupias, Alexander Aigner und Klemen Adamlje bestehenden Vokalensemble, das mit seiner erstklassigen stimmlichen Leistung und einer überbordenden Spiellust eine der Erfreulichkeiten dieser Aufführung ist.

Gleichbleibend brillant ist es, ob der Achter-Chor nun die aus der Schlacht heimkehrenden Soldaten gegenläufig zur Musik nicht als Sieger, sondern als Kriegsversehrte markiert, oder später im Dom droht Marguerite in Stück zu reißen. Mit dem Chor wurde auch die Orchesterbesetzung verkleinert, Leonard Eröds stimmungsvolle Fassung wird vom Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Giancarlo Rizzi aufs Feinste umgesetzt. Das Bühnenbild von Jakob Brossmann und Denise Henschl wechselt von Marguerite unschuldsweißer Stube über wie in Blut getränkte Kirchenrundbögen zur düsteren Kerkerzelle.

Vom Glanz verblendet, legt Marguerite den Schmuck des Méphistophélès an: Jenna Siladie und Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Herwig Prammer

Auf der Kirmes: Benjamin Chamandy als Wagner, Kristján Jóhannesson als Valentin und Klemen Adamlje und Alexander Aigner vom Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Die Frömmler vergreifen sich an Marguerite: das Vokalensemble gehört zu den Erfreulichkeiten der Aufführung. Bild: Herwig Prammer

Méphistophélès zerstört Marguerites letzte Hoffnung auf Gottes Gnade: Jenna Siladie, Dumitru Mădărășan und Manuela Linshalm; hinten: das Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Und, apropos Blut: Die blutjungen Solistinnen und Solisten sind allesamt ausgezeichnet. Dass Quentin Desgeorges über einen kraftvollen, metallischen Tenor mit Gestaltungsvermögen für lyrische wie dramatische Momente verfügt, hat er am Haus bereits demonstriert, als Faust ist er zwischen Puppensex (den es tatsächlich gibt!), Schuld und Sühne, auch darstellerisch sehr präsent. Man weiß schier nicht, denn ähnlich sehen sich die beiden jedenfalls, ob der etwa einen Meter große Klappmaul- oder der Menschen-Faust verzweifelter dreinschauen. Dies Doppeln ist Habjans Art von Humor. Den übrigen Figuren hat er übrigens ebenfalls Kleinformat verordnet, einzig Marthe Schwertlein ist nur ein Schädel, ein unsympathisches Gesicht mit geil hervorquellenden Glubschaugen, ein Kopf, als wäre er gerade von der Guillotine gefallen.

Auch Marguerite wird auf dem Weg zum Schafott nur noch ein totenblasses Antlitz sein. Jenna Siladie ist für die Marguerite verantwortlich, und vermittelt mit ihrem weich fließenden Sopran von jungfräulicher Keuschheit übers glutvolle Es-endlich-erleben-Wollen bis zur reuigen Sünderin, die mit Stärke und Abscheu den Satan zurückweist, ganz großartig ein Gros an Gefühlen. Marguerite-Siladie trägt ihr Marguerite-Klappmaul in zweifachem Sinn wie eine Puppe, achtlos, ja sie fast über den Boden schleifend, als sie Siébels Blumen mit einem Pfft! wegwirft, kaum, dass sie das beelzebub’sche Schmuckkästchen entdeckt, dann wieder wird sie deren leidendem Zug um Augenbrauen und Mund gerecht, und drückt ihre Rollenpartnerin sanft ans Herz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Intensität Habjans von Produktion zu Produktion neu Auszubildende im Zusammenspiel mit der Puppe finden, als käme zur handwerklichen Virtuosität unversehens eine Seelenverwandtschaft, sobald Person und Pappmaché ins Zweigespräch treten. Hochpoetische, hochemotionale, hochdramatische Szenen kann Habjan so entstehen lassen: Von zärtlichen Küssen bis zu stürmischer Leidenschaft, von einem Umtänzeln bis zu dem Punkt, da die Puppe der Puppe unter den Rock greift. Wenn Puppen-Faust und -Marguerite sich an der Schaukel unterm Baum schon liebkosen, während ihre menschlichen Pendants mit dem Einander-in-die-Arme-Fallen noch ringen. Wenn die Degen von Puppen-Faust und -Valentin in Wahrheit von luziferischen Lakaien-Menschen geführt werden.

„Gerichtet!“ – „Gerettet!“ Dumitru Mădărășan als Méphistophélès, Jenna Siladie als Marguerite, Kristján Jóhannesson als Valentin und Quentin Desgeorges als Faust. Bild: Herwig Prammer

Schließlich die superbe Sequenz im Dom, wo Klappmaul-Méphistophélès Mădăraşăn-Priester erst von sich besessen macht, bevor er ihm seine Wünsche zu Puppen-Marguerites Vernichtung ins Ohr haucht, wobei deren anschließendes Ans-Leuchtkreuz-Schlagen im Publikum ein hörbares Atemgeräusch verursachte. Spaßig hingegen, wie Méphistophélès dann das Orchester zur Eile antreibt, damit’s schnell ein Ende nimmt mit der Kirchenmusik.

Mit Witz stattet auch Juliette Mars ihre Marthe Schwertlein aus. Den Puppenkopf vors eigene Gesicht haltend, jagt die Liebestolle den Teufel auf Teufel komm raus, bis dem sonst so schlitzohrigen Scheusal die Luft ausgeht. Ghazal Kazemi befördert die oftmalige Wurzen Siébel mit seufzend schmachtenden Jünglingstönen zum mutigen Kämpfer für das Gute. Benjamin Chamandy stimmt als Wagner ein fröhliches Trinklied an – und ist ansonsten ein kollegialer Mitbeweger von diversen Puppenteilen. Ein Souverän bei den Männern ist Kristján Jóhannesson als edel-starker Valentin, besonders stimmgewaltig bei der Verfluchung Marguerites, doch mit lang gehaltenen Legatobögen bereits beeindruckend beim Gebet „Avant de quitter ces lieux“ vor seinem Aufbruch in den Krieg.

Jóhannessons Valentin ist auch die Mitwirkung an der Kerker-Szene gegönnt, in der er der Schwester als stummer Mahner zur Seite steht. Zum schönen Schluss fällt hinter dieser ein goldener „Eisener“. Besser kann man ein höllisches „Ist gerichtet!“ versus des himmlischen „Nein, gerettet!“ kaum andeuten. Das Zuschauerergebnis: Auch am fünften Spieltag viel Jubel für alle Beteiligten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbyrkBBe2Ts           www.theater-wien.at           www.nikolaushabjan.com

  1. 10. 2019

Volkstheater: Nathan der Weise

April 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Glaube ist ein Kriegsschauplatz

Charakterköpfe unter sich: Günter Franzmeier und sein von Stefan Suske gesprochenes Puppen-Alter-Ego. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es gibt Theaterabende, an denen stimmt einfach alles, und am Freitag hatte man das Glück, bei einem solchen dabei zu sein. Nikolaus Habjan inszenierte am Volkstheater Lessings „Nathan der Weise“, und wie wunderbar, der junge Theatermacher und Puppenmagier hat es nicht Not, irgendwas irgendwo drüberzustülpen. Er erzählt eine Geschichte. Klar, im positivsten Sinne „einfach“ und konsequent durchdacht.

Er versteht sich exzellent auf Schauspielerführung, versteht es aus den Blankversfiguren Charaktere zu entwickeln, die einen heute berühren und am Heute rühren, und hat sich von Denise Heschl und David Brossmann eine Bühne bauen lassen, die gewaltige Bilder zulässt und die Situation auf einen Blick beschreibt. Die Situation ist – Dauerkrise, ein wackeliger Waffenstillstand, die tagtägliche Berichterstattung über religiösen Fanatismus und seine Folgen. Der Glaube ist ein Kriegsschauplatz, das zeigt die Brandruine, die hier mehr als nur Nathans Haus, sondern sinnbildlich für die Gesamtheit des Nahen Osten ist. An der Rampe verkohlte Menschenkörper. Auftritt Nathan mit Koffer und einem Verzweiflungsschrei. Und wie er dann Recha herzt und an seine Brust zieht und sie blutet und ihr die Haare ausfallen und sie in sich zusammenklappt, bleibt fraglich…

Ob sie überhaupt noch lebt? Oder doch Leiche ist? Ob nicht eher aus Nathans Trauma gerade ein Wunschtraum entsteht? Schließlich ist Lessings Schluss, der alle drei abrahamitischen Religionen in einer Familie versöhnt, ja ohnedies traumhaft. Nathan beginnt, die Toten mit Tüchern zuzudecken, und das wird er am Ende mit den wie in Stasis gefallenen Darstellern wieder tun.

Macht sich Nikolaus Habjan an eine Theaterproduktion, so ist die Erwartungshaltung natürlich, dass er seine Puppen mitbringt. Diesmal sind es zwei. Günter Franzmeier als Nathan hat ein Puppen-Alter-Ego, dem Stefan Suske, schwarz verhüllt wie beim Bunraku, die Stimme leiht. Franzmeier ist ein einsamer Nathan, er bleibt auf Äquidistanz zu seinen Mitmenschen, seine Haltung zum Geschehen drückt im doppelten Wortsinn Beherrschtheit aus. Er spielt den Nathan, wie Saladin einmal sagt, tatsächlich „stolz bescheiden“. Nur mit seinem eigenen Charakterkopf kann er in Diskussion treten, kann er „er selber“ sein; er führt mit ihm Zwiegespräche, und die Puppe ist ihm dabei Gewissen, Einflüsterer und nicht unbedingt immer ein guter Ratgeber. Dass Franzmeier ganz fantastisch agiert, versteht sich. Er ist wahrlich ein Weiser, ein verwaister Weiser, und wie es dieser Art Mensch auch inne ist, verloren im Versuch in Intrige, Neid und Verrat Freund und Feind auseinander zu halten.

Der junge Tempelherr beim Picknick mit Recha: Christoph Rothenbuchner und Katharina Klar mit Claudia Sabitzer als Daja. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Familienaufstellung vor verkohlten Körpern (li.): Gábor Biedermann, Steffi Krautz, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In dieser Grauzone Nathans bewegt sich Gábor Biedermann als Sultan Saladin. Biedermann gestaltet den muslimischen Herrscher weniger mit der oft üblichen melancholisch-gelassenen Gleichgültigkeit, sein Saladin ist ein Macher, der in seinem Reich gern die Fäden in der Hand hat. Dafür ist er bereit, Bündnisse über Konfessionsgrenzen hinweg einzugehen. Biedermanns Sultan gibt sich dann fast väterlich-gütig, denn er hat dabei die Tilgung seiner finanziellen Schwierigkeiten im Auge. Die Ringparabel spielt entsprechend zwischen diesem Nathan und diesem Saladin eine weniger übermächtige Rolle, als in anderen Inszenierungen.

Auch Steffi Krautz versteht es ihrer Figur neue Facetten abzugewinnen. Ihre Sultansschwester Sittah ist kein berechnendes Biest, sondern eine kluge Manipulatorin, eine moderne, emanzipierte Frau, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt und zu ihrem Wort auch steht. Noch nie, so erscheint es einem, war eine Sittah so stark auf der Bühne. Claudia Sabitzer ist eine verbindliche Daja, die für alle nur das Beste will – auch für sich, mit der angedachten Ausreise nach Europa -, und von der man fast den Eindruck hat, dass sie den Nathan liebt. Sehr intensiv deutet Habjan mit seiner Arbeit darauf hin, wie die Menschen sich verstehen könnten, wenn die Systeme nicht wären.

Die Aufführung hat auch Humor. Der eine oder andere lapidar hingeworfene Satz, 1779 so wahr wie 2017, macht das Publikum lachen. Entzückend ist eine Rendezvous-Szene von Recha und dem jungen Tempelherrn, mit Kofferradio, Keksen – und der unvermeidlichen Daja als Anstandsdame. Katharina Klar spielt Recha als teenagerisches Trotzköpfchen, das sich auch zu Boden wirft, um seinen Willen durchzusetzen. Christoph Rothenbuchner stattet den liebesgierigen Ordensritter mit der Forschheit der Jugend aus, weiß aber auch pointiert Momente der Ohnmacht inmitten des Glaubenswahns anzuspielen. Stefan Suske schließlich ist der Klosterbruder, der die Verwicklungen einst ins Rollen brachte. „Was man ist und was man sein muss in der Welt, das passt ja wohl nicht immer“, sagt er an einer Stelle, an der er über den Juden Jesus philosophiert.

Der Patriarch von Jerusalem ist ein unversöhnlicher Fanatiker: die Puppenspielerinnen Steffi Krautz, Katharina Klar und Claudia Sabitzer mit Stefan Suske und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die zweite Puppe, sie weiß einen Kurzauftritt effektvoll zu nutzen, ist der Patriarch von Jerusalem. An den Rollstuhl gefesselt, wird der alte, verbitterte Mann von einer Dreifaltigkeit der Frauen bewegt – Steffi Krautz ist Kopf und Stimme, Katharina Klar die linke, Claudia Sabitzer die rechte Hand.

Doch dass die drei Schauspielerinnen gleichsam die drei religiösen Varianten der einen Sache verkörpern, bringt den Fundamentalisten, der mit kühlem, pragmatischem Hass alles verfolgt, das nicht in seiner Richtung liegt, nicht von seinem rechten Weg ab. Dass die Puppenspieler und Puppenspielerinnen in schwarzer Kleidung als Individuen unkenntlich gemacht sind, erklärt Habjan im Programheft-Interview auch als Querverweis auf den Dresscode terroristischer Vereinigungen.

Lessings Ideendrama wird als das humanistische Werk gelesen, als der aufklärerische Appell für Gedankentoleranz. Und da sitzt ein Gottesmann mit böse blitzenden Augen, abstinent gegen alle Argumente, und hat für Nathan immer nur den einen Glaubenssatz: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!“ Es gruselt einen vor der Grausamkeit der Puppe, deren Präsenz in diesen Augenblicken übermächtig, übermenschlich sowieso ist. Nikolaus Habjan holt das Publikum mit seinem düsteren „Nathan“ aus der Klassiker-Wohlfühlzone, er entzieht ihm die Möglichkeit des simplen Abnickens von Lessings froher Botschaft. Der Jude mit dem „Judenkoffer“, die Leben nur noch Schutt und Asche, das sorgt für Assoziation und Irritation. Draußen vorm Theater wurden all diese Anmerkungen Habjans laut weitergedacht, da hatten sich der Regisseur, sein Team und die fulminanten Schauspieler den tosenden Applaus aus dem Zuschauerraum aber schon abgeholt.

www.nikolaushabjan.com

www.volkstheater.at

Wien, 8. 4. 2017

Volkstheater: Das Wechselbälgchen

Dezember 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bitternis in bezaubernden Bildern

Seyneb Saleh Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh mit Puppe Zitha
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Figuren, die langsam, mit Bewegungen, die sich ihre Geschmeidigkeit erst ertasten, zum Leben erwachen, werden gleich selber Figuren bewegen. In Schaukästen stehen sie, steigen aus ihnen, aus dem schwach Beleuchteten ins Halbdunkel; Gebirge ist im Hintergrund gemalt, davor ein Bergdorf, eine Kirche und ein Bauernhof als Modell. Ein Heimatmuseum. Der Ursprung als Quelle der Bitternis. Und diese Bitternis in bezaubernden Bildern. Die Dioramen sind von Jakob Brossmann; und in und vor ihnen hat Nikolaus Habjan „Das Wechselbälgchen“ von Christine Lavant inszeniert, eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken, uraufgeführt im Volx/Margareten.

Nichts an diesem Heimatmuseum ist museal. Habjan entdeckte die Lavant für sich, als er sich mit der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel beschäftigte. Für seinen Abend „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. Das Spiegelgrundkind, der Überlebende des NS-Kinder-Euthanasie-Programms. Habjans Plädoyer ist, dass das Ewiggestrige keine immer währende Wahrheit bleiben darf. Er zeigt, welch frohen Herzens der Mensch sein kann, wären da nicht Instanzen, die vorgeben, was gut und böse, richtig und falsch, gesund und ungesund, wert und „unwertes Leben“ zu sein hat. Die Kärntner Autorin Maja Haderlap hat die archaisch anmutende Erzählung dramatisiert, sie trifft dabei den Lavant-Ton, dessen poetische Wortegewalt, die lavanttalerisch durchsetzte Kunst-Sprache ihrer Landverwandten. Wo das Sentiment überfließen, wo das Schmalz rinnen könnte, ist Sprödheit. Hartleibige Leute verständigen sich in kargen Dialogen. Die Herzen so kalt wie der Bach, der schon zum Ertrinken ruft, die Seelen so karstig wie die Landschaft.

Das Konzept kalt wird von Habjans Hauptdarstellerin gleichsam konterkariert. Zitha, die Puppe, agiert, als ob es, nein: weil es um ihre Existenz geht. Es ist bei Habjan kein kindlicher Irrtum, das Objekt zu subjektivieren. Seine Figuren, diesmal gemeinsam mit Denise Heschl gebaut, spielen nicht, brauchen auch keine darstellerische Behauptung aufzubauen. Sie sind. Dieses besondere, hässliche, halbglatzige Kind hat eine Wahrhaftigkeit, die weh tut, die zu Tränen rührt. Es ist in Wahrheit nicht zum Aushalten, diese Rüge muss sich der Regisseur gefallen lassen, man möchte einmal aus seinen Abenden gehen, ohne, dass einem Wimperntusche auf der Wange klebt. Am Schluss, vor tosendem Applaus und den Bravorufen war in der Stille der ersten Schockstarre rundum deutlich Schniefen und Schneuzen zu hören.

Zitha hat sich die Lebenslust aus ihrem „unwerten Leben“ gestohlen, wie sie da sitzt und verstohlen kichert … „Ibillimutter“, sagt sie im Vater-Mutter-Kinderspiel, „Ich bin die Mutter“ ist ihre so zärtliche wie trotzige Selbstbeachtung. Das gesamte Ensemble leiht diesem kleinen Wesen, Lavants Menschlein, das keine Ahnung vom Tod hat, der aber doch kommen muss, Hand und Stimme. Zitha ist „Das Wechselbälgchen“, unehelich geborenes, behindert zur Welt gekommenes Kind der einäugigen Kuhmagd Wrga. Die Gemeinde weiß, ein böser Geist hat das echte, das gesunde Geschöpf gegen sein krankes getauscht. Der Pfarrer weiß, was Sünde ist und wohin sie zwangsläufig führen muss. Der Knecht Lenz kommt in den Ort, er erwartet sich Glück von der Glasaugenfrau – doch bevor er sie zur seinigen macht, soll der Wechselbalg ins Wasser. Über dieser geistigen Talenge wird das Schicksal wie die biblischen Berge zusammenstürzen. Am Ende aller Zeit.

Habjan entpuppt – pardon!, aber der war schon serve-volley – sich einmal mehr als großer Bildermagier. Er taucht Mitmenschliches und Unmenschlichkeit in mystisches Licht, und strahlt die Alle-Weisheiten-der-Welt-Aufsager scharf an. Seine Schauspieler sind auch Puppenspieler. Die aus der „anderen Welt“, Zitha und ihr späteres Schwesterlein Magdalena, Pfarrer Duldiger, die Schwundbäuerin sind Figuren, beide, der Glaube und der Aberglaube, sind übergroß und übermächtig. Realität erleiden Wrga, Lenz, der Bartl-Thoman, die Weiddirn und alle zusammen als die Keuschenkinder, die mit dem Puppenkind Zitha wie mit einer Puppe spielen. In hohem Tempo erfolgt der Wechsel zwischen den Charakteren. Das ist auch eine artistische Höchstleistung und funktioniert an einem Beispiel etwa so: Gábor Biedermann hält die Klappmaulpuppe, verleiht deren Gesicht mit seiner Hand Mimik und spricht als Pfarrer, Claudia Sabitzer schlüpft unter dessen Soutane, die Hände, die Geste, die Körperhaltung des Geistlichen sind ihre.

Seyneb Saleh ist als Wrga überragend. Überraschend wie ähnlich sie mit Kopftuch und Schürze der Lavant ist, beide streitbare Schmerzensfrauen, die ihrem krankheitsbedingt mühseligen Körper mit wilder Widerspruchskraft entgegentreten. Sie, am untersten Ende der Dorfhierarchie, ist ihrer Zitha durchaus ähnlich, dickköpfig und bockbeinig im Aufstampfen: Ich bin nun einmal da in dieser Welt. Als Mutter eine Löwin, als Magd ein Arbeitstier, erschütternd in ihrer Schilderung der eigenen garstigen Kindheit. Ihr Kind soll es besser haben. Deshalb fällt sie auch dem einen zum Opfer, der ihr die Lüge des besseren Lebens vorgaukelt. Sie wechselt ihr Strohbett gegen Lenz‘ Schläge. Florian Köhler steht Salehs Darbietung in nichts nach. Würde man ihn nicht schon kennen, man müsste schreiben, ist er die Entdeckung des Abends. Als einer, der viele Fs in Lenz vereint. Faschistisch, fanatisch, Frevler an der Nächstenliebe, einer, dem bald was „fremd“ vorkommt. Köhler spielt den Aufhetzer mit den einfachen Sprüchen, seine Pose ist Herrenmenschentum, spielt einen wundergläubigen Wundertäter, dem ein Traum Geld und gesellschaftlichen Aufstieg an der Seite einer Frau mit gläsernem Kopf prophezeit hat, der Wrgas Qualen mit tausend quälenden Mittelchen zu heilen verspricht. Köhler ist ein fabelhafter Unsympath.

Seinen Gegenpol gestaltet Gábor Biedermann als gläubiger Bartl-Thoman, ein stiller Leidender, die Stimme der Liebe in diesem Stück, die nicht ge- oder erhört wird. Er übernimmt neben der Pfarrersfigur als Thoman auch die Funktion des Erzählers. Der barfüßige Naturbursch wird bei Biedermann zum Philosophen, zum Außenstehenden, der das Treiben beobachtet, aber nichts ausrichten kann. Man spürt mit ihm die Abscheu wie seine Tendenz zur Flucht vor der Welt. Claudia Sabitzer fügt sich in die Riege der erfahrenen Puppenspieler perfekt ein. Sie ist als solche die gespenstische Schwundbäuerin, ein Hexenwesen, das Kräuterweiblein, die Personifizierung der Allmacht der Natur. Sie und Thoman vertreten das Prinzip des Spirituellen gegen den institutionalisierten, verkopfen Glauben des Pfarrers. Sabitzer ist außerdem die Weiddirn, die missgünstige Nachbarin, die dem Wechselbalg sein Leben „wie Gott in Frankreich“ missgönnt.

Womit es mit Auftritt Lenz ohnedies ein Ende hat. Die glückliche kleine Zitha wird aus Angst und Qual zum bissigen Tier, heißt es im Text. Zum Verhängnis wird der Puppe allerdings eine Puppe. Habjan gestaltet eine wunderbare „Unterwasserszene“ im Bach, drei Spieler schwimmen, strudeln, sterben mit Zitha. Am Ende ist Reue. Und Vergebung. „Vielleicht ein Ausdruck ihrer Großherzigkeit“, sagt Habjan über die Lavant. Seine Inszenierung sagt, mögen wir nie wieder am offenen Grab derer stehen, denen wir die Rettung verweigert haben.

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Gábor Biedermann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16438

www.volkstheater.at

TIPP: Am Volkstheater ist auch Nikolaus Habjans Inszenierung von Camus‘ „Das Missverständnis“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15568, dazu ein Gespräch mit Seyneb Saleh: www.mottingers-meinung.at/?p=15526.

Wien, 5. 12. 2015

Volkstheater: Fasching

September 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Anna Badora beginnt mit Mut und Wut

Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater startet ambitioniert in den Zeitraum Anna Badora. Die neue Intendantin hat gemeinsam mit ihrem Chefdramaturgen Roland Koberg eine zynische Textzusammenfassung von Gerhard Fritschs „Fasching“ erstellt; der Roman war bei Erscheinen 1967 unbequem und ist durch die Einwirkung nicht kommoder geworden, sondern gerade in den Tagen der Erstaufführung ein gfeanzter Grenzgänger, der beobachtet, wie sich wieder welche zu Herren über andere Menschen aufschwingen wollen. Badoras Inszenierung ist wie ein Exhibitionist, der unterm biederen Herrenmantel den Blick für nackte Scheußlichkeiten aufreißt. Sie zeigt die Provinzialität des Bösen. Sie wird in zwischendurch traumhaften Bildern Fritschs Poesie des Grauens gerecht. Sie spielt mit Geschlechtern, verwebt Gegenwart und Rückblicke zu einem brüchigen Kontinuum. Die kleinbürgerlichen Bürgerschrecke auf der Bühne lassen es bei ihren „Andeutungen“ an Deutlichkeit nicht fehlen. Botschaft verstanden: Der ganze Abend ist eine einzige Verkleidung. Changiert zwischen bodenlos beklemmend und irr witzig. Wie gespielt wird, ist – eine Farce.

Fritschs Nachkriegsdemaskerade erzählt von Felix Golub, der nach Jahren in russischer Gefangenschaft in das Städtchen zurückkehrt, in dem er einst, weil er kein Mörder unter den Mordbuben sein wollte, als Deserteur untergetaucht war. Dort wird der Umstand, dass die Tausendjährigen das Heft in der Hand behalten haben, nur notdürftig kaschiert. Katholisch pornografisch hatte Frau Baronin Pisani den Fahnenflüchtling zum Mädchen umgemodelt. Der nunmehr Zweigeschlechtliche wurde in beiden Häuten Missbrauchsopfer – der Baronin und des Herrn Ritterkreuzträger. Mit der Ermannung und der Auslieferung, letztlich aber Lebensrettung, weil nicht In-Grund-und-Boden-Bombung, des Ortes an die Sowjets folgte die Verbannung. Gegen die Meinungsmacht der Masse ist der einzelne machtlos – Felix wurde an die Besatzer ausgeliefert. Nun blasen die Moral- und Reuelosen zum erneuten Halali. Die skrupellose Spaßgesellschaft tarnt ihre Absichten zwar als Scherz, doch wer irritiert, sich nicht integriert, wer zuviel weiß, wird liquidiert. Das Bühnenbild von Michael Simon ist der weißgewaschene Rahmen, aus dem hier nichts fallen darf; die Welt eine schwarzweiße Strichzeichnung. Positiv/Negativ. Darin bewegt sich die ges(ch)ichtslose Menge in ihren „Braunhemden“, ein schlammiger Niedertrachtenlook von Denise Heschl, für die, die danach trachteten, sauber aus dem Sumpf zu steigen.

Nils Rovira-Muñoz und Nikolaus Habjan teilen sich die Rolle des Felix. Das heißt: es gibt vier davon. Rovira-Muñoz spielt den jungen Deserteur und den Heimkehrer als vehemente Verweigerer. Er ist auch waidwund noch im Widerstand gegen die Sich’s-Richter, er zeigt in Zivil Courage, geht angesichts der Lauter-Opfer-keine-Täter-Mentalität seiner Peiniger vor Wut im Wortsinn die Wand hoch, kann natürlich, obwohl das Schlussbild einer Pietà ähnelt, kein Mitleid erfahren. Habjan komplettiert die Figur mit seinen Figuren: einer berührenden Felix-Kinderpuppe und der inneren Stimme des erwachsenen Felix, einem feinstofflichen Rovira-Muñoz-Zwilling. Habjan gelingen mit die stärksten Momente des Abends, er nicht nur ein bekannt begnadeter Puppeteer, sondern als Schauspieler – stimmlich – so präsent wie es sich wünschen lässt. Zugegeben, er hat die lyrischsten Sätze, aber wie er beispielsweise mit benetzstrumpften Baroninbeinen und Felixkopf dazwischen eine Beschlafungsszene erzeugt, das ist große Kunst.

Die Pisani gibt Adele Neuhauser mit Bravour. Sie ist ein Monster in mondäner Erscheinung, das gierig die von ihm überwältigte und vergewaltigte Landmasse verwaltet. Neuhauser spielt Unechtheit als Effekt. Das ist beeindruckend. Ihr heiseres Hyänenlachen setzt sich im „Deserteur“-Geraunze des Dorfchors (von Christoph Rothenbuchner, Elena Schmidt, Katharina Klar, und darstellerisch herausragend: Christian Dolezal und Thomas Frank als Ritterkreuzträger und späterer Wurstfabrikant Lubits) fort. Sie alle verkörpern jenseits der Geschlechtergrenzen mehrere Charaktere, ekelhafte Charakterschweine, sind sie unter den Faschingsmasken doch noch mit Saurüssel ge- und somit enttarnt. Stefan Suske ist als Fotograf Wazurak, der Grund für Felix‘ Rückkehr, will er ihm doch sein Geschäft überschreiben, raumfüllend. Kein Wunder, er hat in Graz den Homburg gegeben … Ein Gag, der die angereisten Freunde des dortigen Schauspielhauses, Badoras vergangener Wirkungsstätte, hörbar freut. Der Sitznachbar hat’s zumindest so erzählt, dass man gemeinsam aus der Steiermark nach Wien gekommen ist – und es nicht bereut, siehe schlussendliches Klatschen und Bravorufen.

Stefanie Reinsperger, der „Theater heute“-Ausgezeichneten, wird bei ihrem Auftritt als Felix‘ Braut Hilga Pengg zurecht ein großer Bahnhof bereitet. Sie darf auch die Kulturwichtigen Wiens im Volkstheater neu begrüßen. Ihre Hilga brennt vor Feuer und Eifer und ist gleichzeitig, ganz Anpasserin an die ewiggestrigen Verhältnisse, in ihrem Enthusiasmus eiskalt. Reinsperger spielt die Vorurteilsscherze der ihrer Rolle zugeordneten Textpassagen gewaltig aus. Eine kraftvolle, vielschichtige, bestechende Darbietung. Die hier wohl am Deutlichsten das Wollen und Wirken der neuen Intendanz verkörpert. Mut ist da. Das hat Badora nicht nur auf Plakaten versprochen – nicht unkomisch, dass in Wiener Wahlkampfzeiten zu schreiben -, sondern mit dieser ersten Premiere auch gezeigt. Nun darf mit Spannung erwartet werden, wie’s weiter geht.

Hauptdarsteller Nils Rovira-Muñoz im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?s=nils

www.volkstheater.at

Wien, 6. 9. 2015