Andrej Platonow: Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen

August 29, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die russische Revolution frisst ihre Kinder

Es war Frank Castorf, der einen mit seiner bei den Wiener Festwochen 2016 gezeigten Inszenierung erstmals auf Andrej Platonows Roman „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19870) aufmerksam machte. Nun liegt der zwischen 1927 und 1929 entstandene Text in einer überarbeiteten Übersetzung bei Suhrkamp vor. Er habe nichts anderes versucht, als den Anfang der kommunistischen Gesellschaft darzustellen, schreibt der Autor an den mächtigen Maxim Gorki. „Tschewengur“, so dessen Antwort, sei inakzeptabel, denn die Helden würden nicht als Revolutionäre wahrgenommen, sondern als komische Käuze und Halbverrückte. Platonows episches Werk, weder zum offiziellen Geschichtsbild noch in den Literaturkanon passend, blieb zu seinen Lebzeiten ungedruckt.

Dabei darf dieses nicht als zynische Satire oder als Lächerlichmachen der Sowjetunion missverstanden werden. Platonow distanziert sich nicht von seinem Anti-Helden, er begleitet ihre Ansichten mit Sympathie und Verständnis. Der Eisenbahnschlossersohn und Lokomotivführergehilfe, gestorben 1951 an jener Tuberkulose, mit der sich sein statt seiner ins Arbeitslager gesteckte, 15-jähriger Sohn infizierte, und mit der er sich bei dessen Pflege ansteckte, war glühender Kommunist. Er glaubte an die Idee, nicht jedoch an deren Umsetzung durch Stalin – und prangerte literarisch an, wie der spätere Diktator schon früh den Freiheitskampf der Bevölkerung zugunsten seines autokratischen Systems instrumentalisierte.

Platonow wurde durch Totschweigen ums Leben gebracht. Neben seine Kritik an Stalins Zwangskollektivierung, die Erzählung „Zum Vorteil“, schrieb der Führer der Massen persönlich das Wort „Lump!“. Platonow, der Unbekannte, weil Verbotene, wurde dennoch oder deshalb zur Ikone, zum Vorbild von Generationen junger Autoren. Sorokin, Pelewin, Kurkow, sie alle berufen sich auf ihn. Und wenn diese Anekdote nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden: Kurz vor seinem Ende gab das Regime Platonow ein Gnadenbrot als Hausmeister in einer Moskauer Kultureinrichtung, und als er starb, weinten die tagtäglich dort aus- und eingehenden Studenten. Weil sie sich nun schämten, in dem alten, auf seinem Besen lehnenden, sie um Zigaretten anschnorrenden Mann nicht ihr Idol erkannt zu haben.

„Tschewengur“ handelt von den wahnwitzigen Folgen der konsequenten Anwendung einer Ideologie und von einem Enthusiasmus, der wegen der Rückständigkeit des Landes ins Leere laufen muss. Der Text ist ein philosophisches Gedankenexperiment, das hellsichtig tragische Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts vorwegnimmt. Er ist eine groteske Dystopie über Totalitarismus, mit genau jenem Maß an der dem Genre eigenen erschütternden Wahrheit, wie sie die Staatsmächtigen fürchten. Zur Entstehungszeit hatte Russland bereits Ersten Weltkrieg, Oktoberrevolution und Bürgerkrieg hinter sich. Millionen waren tot, vertrieben, entwurzelt; das „strannitschestwo“, das ziellose Umherirren der Ärmsten der Armen, wurde zur Massenerscheinung. Platonow umschreibt diese Jahre als einzige Schießerei, ihr ausgeliefert die „einfachen Menschen, die das Parteiprogramm ja gar nicht verstehen.“

Den roten Faden bilden die Erlebnisse der Protagonisten Alexander Dwanow – eine Art Alter Ego des Autors – und Stepan Kopjonkin. Ersterer wird von einem Parteifunktionär beauftragt, in einem bettelarmen südrussischen Steppengouvernement nach „sozialistischen Elementen des Lebens“ Ausschau zu halten und die Wünsche der Massen zu ergründen. Bei seiner Reise durch die Armut und den Hunger begegnen ihm allerlei skurrile Charaktere, bis ihn seine Wanderung schließlich nach Tschewengur bringt, wo bolschewistische Fanatiker einen makaberen „Kommunismus in einem einzelnen Bezirk“ organisieren und zu diesem Zweck die gesamte „Bourgeoisie“ massakrieren, um die Stadt dann mit einem in der Umgegend aufgesammelten „Proletariat“ zu besiedeln. Doch trotz aller Anstrengungen will sich die kommunistische Utopie nicht einstellen.

Auf seinem Weg begegnet Dwanow dem „Kommandeur der Feldbolschewiken“, Kopjonkin. Er sucht als Ritter der Revolution auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“ das Grab der von ihm angebeteten Rosa Luxemburg. Unverkennbar ist er ein Don Quijote, Platonow beschreibt ihn so: Es war „unmöglich sich seine Herkunft vorzustellen – ob er von einem Tagelöhner abstammte oder von einem Professor -, die Züge seiner Persönlichkeit hatten sich schon an der Revolution abgeschliffen.“ Die Reisegefährten lassen hier einen Wald zur Schaffung von Ackerland abholzen, dort Vieh umverteilen, enteignen Gutsherren – alles im Namen des Sozialismus. Doch keine ihrer Bemühungen macht etwas besser. Das Volk ist unterbelichtet und untätig, weder sät noch erntet es, ist doch in den Vorratsspeichern des gemeuchelten Klassenfeindes noch genug Korn.

Endlich: Tschewengur. Und auch im sozialistischen Paradies tut keiner etwas. Man lässt die Sonne in Stellvertretung werktätig sein, während man selbst über die Revolution sinniert, schwadroniert und sich statt zu handeln in hochtrabenden Phrasen ergeht. Zu arbeiten, so das Credo der Tschewengurer wäre Kapitalismus, mit Nutzen zu arbeiten bourgeois. In einem Gemisch aus falsch verstandenem Parteibroschürenjargon und religiösen Einsprengseln versuchen die Menschen rund um ihren kindlich-begeisterten Anführer Tschepurny, dem neuen Leben einen Sinn abzutrotzen. Die brüderliche Gemeinschaft und deren freundliche Wärme würden sich schließlich ganz von selbst einstellen, ist man überzeugt. Dass es mit dem Kommunismus im kleinen Städtchen kein gutes Ende nehmen wird, ist spätestens dann klar, als der irre Henker Pijussja und Dwanows bösartiger Stiefbruder Proscha, der die Revolution als Mittel zum Zwecke des Reichwerdens missbraucht und der unter den übrigen elf Jüngern des Tschepurny eindeutig ein Judas ist, auftauchen. Am Ende kommt eine maschinelle (Rote) Armee zur Säuberung der Stadt; die russische Revolution frisst ihre Kinder …

„Am Morgen war eine große Sonne, und der Wald sang mit der ganzen Fülle seiner Stimme, indem er den Morgenwind tief unter sein Laub fahren ließ“, „Tschewengur“ strotzt vor derlei Passagen fabelhafter, melancholischer Schönheit. Die poetische Eindringlichkeit, die Sprache, mal biblisch-apokalyptisch, mal revolutionär-bolschewistisch, mit der Platonow seine surrealistische, von der Aura des Absurden umwehte Vision entwickelt, macht das Buch zum Pageturner. Zweifellos ist dieser Roman der beste, der bis dato über die russische Revolution geschrieben wurde.

Über den Autor: Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 1920er-Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke, „Tschewengur“ (1926) und „Die Baugrube“ (1930), konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 1980er-Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.

Suhrkamp, Andrej Platonow: „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“, Roman, 581 Seiten. Revidierte Übersetzung aus dem Russischen von Renate Reschke.

www.suhrkamp.de

  1. 8. 2018

Wiener Festwochen: Frank Castorf zeigt „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“

Mai 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Kakerlake im Wolfsblutjahrhundert

Tschewengur: Andreas Leupold, Wolfgang Michalek, Horst Kotterba, Manja Kuhl, Matti Krause und Astrid Meyerfeldt. Bild: Thomas Aurin

Tschewengur – räumlich beengt, geistig beschränkt: Andreas Leupold, Wolfgang Michalek, Horst Kotterba, Manja Kuhl, Matti Krause, Astrid Meyerfeldt und der unverzichtbare Kameramann. Bild: Thomas Aurin

Den Zuschauern, es wird ungefähr die Hälfte gewesen sein, die die Pause zur Flucht aus dem Museumsquartier nutzten, kann beruhigend hinterher geschickt werden, dass sie den besten Teil des Abends gesehen haben. Nach ihrem Abgang nämlich zerfaserte die Sache in allzu großer Beliebigkeit. Frank Castorf halt, er kann’s nicht lassen, der alte Büttenredner, immer hat er noch einen.

Und, ja, die sind ganz fabelhaft, Wassili Grossmanns Sonderkommando zwischen Shoah und Stalin, ein durchs Wolfsblutjahrhundert irrender Ossip Mandelstam, Dostojewskijs im Fliegenglas unerwünschte Fremdlingskakerlake, und doch werden Freund und Feind auf dem selben Misthaufen verrotten, und eine Paraphrase all dessen als pseudopuschkin’sche Ballettparodie – der besäbelte Revolutionär und sein tututragendes Ross, und eine Kabinettstückchensitzung im Kolchosenkomitee, aber ach … rundum wurden etwa zur Stunde vierdreiviertel die Augenlider schwer und der Schreckweck kam in Form eines tarantinesken Kunstblutbads … non homo, quom qualis sit non novit, für die, die’s noch immer nicht kapiert haben sollten: Frank Castorf ist sehr gescheit und wahnsinnig belesen. Das wird man doch bitte ausstellen dürfen!

Angefangen aber hat es wirklich schön. Von Mütterchen Russland und der Erzählkraft eines ihrer verlorenen Söhne überwältigt, schickte sich Castorf diesmal tatsächlich an eine Geschichte darzustellen, und zwar ziemlich exakt entlang der Handlung des Buches. Es schien, als sei der grumpy old man des deutschen Diskurstheaters diesbezüglich altersmilde geworden. So, liebe Kinderlein, kommt auf den Schoß von Onkel Frank, die Mädchen natürlich bevorzugt in Strapsen und Highheels, so viel Altherrenfantasie muss sein, und eine von euch wird auch ein Ei legen müssen – Wo ist eigentlich Alice Schwarzer, wenn man sie braucht? -, ruhig, Kleines, es war nicht einmal, es ist noch immer irgendwo auf dieser Erde … Castorf produziert filmische Bilder von überwältigender Kraft. Er malt Ströme aus Bewegung, aus Aktionen und den Gedanken. Ein Feuer zu Zeiten der Revolution, und was diese Revolution aus ihren Kindern macht. Seine Inszenierung „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“ ist eine Operation an eben diesem,  ein monumentales Gesellschaftsporträt, geschult an der Romanvorlage von Andrej Platonow.

Der Eisenbahnschlossersohn und Lokomotivführergehilfe, gestorben 1951 an jener Tuberkulose, mit der sich sein statt seiner ins Arbeitslager gesteckte Sohn infizierte, und mit der er sich bei dessen Pflege ansteckte, war glühender Kommunist. Er glaubte an die Idee, nicht jedoch an deren Umsetzung durch Stalin – und prangerte literarisch an, wie der spätere Diktator schon früh den Freiheitskampf der Bevölkerung zugunsten seines autokratischen Systems instrumentalisierte. Platonow wurde durch Totschweigen ums Leben gebracht. Gorki ignorierte seine verzweifelten Bittbriefe. Neben seine Kritik an Stalins Zwangskollektivierung, die Erzählung „Zum Vorteil“, schrieb der Führer der Massen persönlich das Wort „Lump!“. Platonow, der Unbekannte, weil Verbotene, wurde dennoch oder deshalb zur Ikone, zum Vorbild von Generationen junger Autoren. Sorokin, Pelewin, Kurkow, sie alle berufen sich auf ihn. Und wenn diese Anekdote nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden: Kurz vor seinem Ende gab das Regime Platonow ein Gnadenbrot als Hausmeister in einer Moskauer Kultureinrichtung, und als er starb, weinten die tagtäglich dort aus- und eingehenden Studenten. Weil sie sich nun schämten, in dem alten, auf seinem Besen lehnenden, sie um Zigaretten anschnorrenden Mann nicht ihr Idol erkannt zu haben.

„Tschewengur“, begonnen im Winter 1926/27, handelt von den wahnwitzigen Folgen der konsequenten Anwendung einer Ideologie. Es ist ein philosophisches Gedankenexperiment, das hellsichtig tragische Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts vorwegnimmt. Es ist eine groteske Dystopie über Totalitarismus, mit genau jenem Maß an der dem Genre eigenen erschütternden Wahrheit, wie sie die Staatsmächtigen fürchten: der Roman wurde erst 1972 und auch nur in Teilen in Paris publiziert. Den roten Faden bilden die Erlebnisse der Hauptfigur Aleksandr Dvanov. Er wird von einem Parteifunktionär beauftragt, in einem bettelarmen südrussischen Steppengouvernement nach „sozialistischen Elementen des Lebens“ Ausschau zu halten. Bei seiner Reise durch die Armut und den Hunger begegnen ihm allerlei skurrile Charaktere, bis ihn seine Wanderung schließlich nach Tschewengur bringt, wo bolschewistische Fanatiker einen makabren „Kommunismus in einem einzelnen Bezirk“ organisieren und zu diesem Zweck die gesamte Einwohnerschaft massakrieren, um die Stadt dann mit einem in der Umgegend aufgesammelten „Proletariat“ zu besiedeln. Doch trotz aller Anstrengungen will sich die kommunistische Utopie nicht einstellen. Am Ende taucht eine maschinelle Armee zur Säuberung in der Stadt auf.

Tschewengur: Johann Jürgens, Matti Krause, Horst Kotterba und Wolfgang Michalek. Bild: Thomas Aurin

Im Kiosk gibt es bei Castorf Coca Cola statt Wodka: Johann Jürgens, Matti Krause, Horst Kotterba und Wolfgang Michalek. Bild: Thomas Aurin

Tschewengur: Astrid Meyerfeldt und Hanna Plaß. Bild: Thomas Aurin

Der Glaube an den Fortschritt: Astrid Meyerfeldt und Hanna Plaß spielen mit der Lokomotivenkirche. Bild: Thomas Aurin

Eine der Figuren ist der „Kommandeur der Feldbolschewiken“ Stepan Kopenkin. Er sucht als Ritter der Revolution auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“ das Grab der von ihm angebeteten Rosa Luxemburg. Das ist deshalb wichtig, weil für diese traurige Gestalt extra eine Windmühle aufgebaut wurde – der Quichote mit dem Rosa-Porträt. Überhaupt hat Bühnenbildner Aleksandar Denić ganze Arbeit geleistet, ein dem Zerfall anheimgefallenes Mahnmal ist da entstanden, eine halbe Welt dreht sich im Kreis, mit Gulag-Stacheldrahtverhau und Wohnbarracke, mit Kiosk und Kinoleinwänden, mit Tschernobyl-Protestplakat, einem Schrottauto und einer Lokomotivenkirche.

Revolutionen sind laut Marx ja die Lokomotiven der Geschichte, und Glaube zieht sowieso immer, das weiß auch Gospodin Putin, und wir ahnen, wie dünn die Haut des Humanismus schon wieder ist. Dieses „Sieh die Lilien auf dem Feld“-Motiv zieht sich durch den Abend, Christentum und Kommunismus, das ist beides irgendwie jenseitig, so: guter Einfall, schlechte Ausführung. Ja, sagt Castorf, das Leben ist schon voller Wunder, wenn man nur naiv genug ist. Zu sagen, das alles hätte einen hohen Live-Schauwert, ist hingegen dahingehend übertrieben, als man live wenig sieht.

Live-Kameras und Tonangeln fischen nach den Schauspielern, das Wesentliche spielt sich im Bauch der Inszenierung ab, von dort werden die Bilder nach außen übertragen. „Da kann man uns auch sehen“, sagt eine Frau zu einem Mann, die beiden auf der Suche nach einem spitzelwesenfreien Platz für ein Schäferstündchen. Und auch darüber berichtet Castorf: Totalüberwachung als Allheilmittel. Der Bürger ist vor sich selbst zu schützen, damit der Staat sich nicht schutzlos fühlt. Es wird volksbühnentypisch viel geschrien, auch bei der Folter in der Lubjanka, wo Regisseur Wsewolod Meyerhold ein Geständnis für den ersehnten Gnadentod auf dem Schafott ablegt. Diese Szenen, und wie Andreas Leupold dessen Briefe vorliest und Wolfgang Michalek Schmerzen leidet, sind eigentlich kaum auszuhalten. Sie zählen zu den stärksten, ins Mark schneidenden Momenten dieser Arbeit. Die allerdings auch mit Humor nicht geizt. Platonow und Castorf, da haben sich zwei gefunden, die zueinander passen, wie der Arsch auf den Eimer, wie man in Deutschland so griffig formuliert. Castorf hat sich nicht nur mit Platonows nüchterner Ironie angefreundet, sondern sich auch dessen Sprache zu eigen gemacht. Der Kunstsprech aus hölzern-sozialistischen Wortungetümen und landtrampelig-absurder Erhabenheit beschreibt eine sinnentleerte propagandistische Phrasendrescherei, wie sie bis heute politsystemimmanent zu sein scheint.

Schostakowitschs Suite „Der Bolzen“ begleitet die schauspielerischen Gratwanderungen nach Tschewengur, auch die Musik eine Satire auf die proletarische Revolution und seinerzeit von der Zensur als „gesellschaftlich unbrauchbar“ eingestuft. „Red Rooster“ von Howlin’ Wolf hat Castorf auch auf dem Plattenteller, und die Stones, eh schon wissen: I stuck around St. Petersburg … immer schön Aufpassen auf den Schein und das tatsächliche Sein. Mit Assoziationspsychologie lassen sich wirklich tolle Doktorspiele anstellen. Und mit Coca Cola wird ein Säugling ertränkt. Der Große Terror des Kapitalismus, so viel Zeit muss sein! So mäandert der Abend von den alten Oktober-Quellen zum grausamen Überlebenden der Gegenwart. Und Astrid Meyerfeldt brüllt: „Ich akzeptiere keinen altgewordenen avantgardistischen Regisseur mehr!“

Johann Jürgens macht den Dvanov, Matti Krause erst mit Falsettstimme den egoistischen Parteisekretär Prokofij, dann die Kakerlake, die über Jürgens‘ angeschossenes Bein herfällt. Er haut ihm die Zähne ins blutige, weil bereits mit dem Messer operativ behandelte Glied. Castorf legt den sprichwörtlichen Finger sehr real in die realsozialistische Wunde. Auch das eine Ekelszene, kaum zum Aushalten. Was der Altmeister am Ende mit dieser Arbeit gesagt haben will, kann man sich aus seinem Konvolut aussuchen. In Österreich eine Woche vor der Bundespräsidentenwahl vielleicht: Vorsicht vor Weltverbesserungsversprechern. Versuche zur Neuordnung können schnell auch nach hinten losgehen, und dort steht immer das Volk. Utopistische Ideengebäude, die zu dessen Wohle dienen sollen, muss es deshalb besonders sorgfältig unter die Machbarkeitslupe nehmen. „Reden ist unser Privileg. Wenn wir ein Problem haben, das wir nicht durch Reden lösen können, dann hat alles keinen Sinn“, sagt Rosa Luxemburg. In diesem Sinne ist es wichtig, dass Frank Castorf und sein Theater weiterreden und immer weiter reden. Hingehen, hinhören. Auch auf die Gefahr hin, dass er einem wieder ein Ohr abkaut.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=m8rUnQnRkEQ

www.festwochen.at

Wien, 14. 5. 2016

Bühne Baden: Zwei Herzen im Dreivierteltakt

Februar 14, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Robert Stolz‘ Operettenklassiker im Stadttheater

Robert Herzl, Nicolaus Hagg Bild: Christian Husar

Robert Herzl, Nicolaus Hagg
Bild: Christian Husar

Am 15. Februar hat im Stadttheater der Bühne Baden Robert Stolz‘ Operette „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ Premiere. Irgendwo, ein kleines Stadttheater in den 20er-Jahren. Ein Sänger, ein Schauspieler und ein Dirigent versuchen sich erfolglos daran, Operetten zu schreiben. Als ein energischer Theaterdirektor „so rasch wie möglich“ ein Auftragswerk bestellt, wird ihr Talent und ihre Freundschaft auf die Probe gestellt. Und eine Operette ist keine Operette, ohne einen zündenden Walzer. Ein schillernder Figurenreigen, Theater am Theater, eine schwungvolle Komödie, eingebettet in ein Panoptikum der berühmtesten Robert Stolz-Melodien. Neben dem titelgebenden Walzer „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ gibt es spritzige Tanznummern, komödiantische Duette, und unvergessene Hits wie „Ob blond, ob braun“, „Auch du wirst mich einmal betrügen“, und „Du bist meine schönste Träumerei“. Keine Soubrette zu glamourös, kein Herz zu entflammt, kein Happy End zu happy! … und wenn am Ende alles in überschwängliche Revue ausbricht, wird die Bühnenwelt zur Weltbühne, und man weiß:  Mehr Operette geht nicht.

Text von Kurt Huemer und Robert Herzl

Musikalische Leitung Oliver Ostermann
Inszenierung Alexandra Frankmann-Koepp
Choreografie Marcus Tesch

Besetzung
Ingrid Habermann / Edith Leyrer / Katja Reichert / Jasmina Sakr  //  Stefan Bleiberschnig / Josef Forstner / Nicolaus Hagg / Robert Herzl / Franz Josef Koepp / Darius Merstein-MacLeod / Aris Sas

www.buehnebaden.at

Wien, 14. 2. 2014