Landestheater Niederösterreich: Lampedusa

Dezember 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gastspiel von Bernd Liepold-Mosser

2495544784_f963ec1167Es hat neben und hinter einem und bei sich selbst mindestens ein Taschentuch verbraucht, das Gastspiel „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser, das am Donnerstag am Landestheater Niederösterreich zu sehen war. Weniger wegen des Live-Bühnengeschehens, dazu später, sondern wegen der Original-Filmaufnahmen (Video: Philip Kandler), die auf der Hintergrund-Leinwand liefen. Verzweifelte Menschen, die versuchen, den Strand zu erreichen, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Verzweifelte Menschen, die es geschafft haben, und nun versuchen aus den beiden Flüchtlingslagern der Insel, die für sie wie die Gefängnisse ihrer Herkunftsländer sind, „auszubrechen“, über den Zaun zu klettern, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Prügel. Die Küstenwache, die Boote aufbringt, um sie zurückzuschicken zu Folter und Todesurteil. Oder die nur noch Tote findet. Oder Kleider. Und nackte Tote, die im Meer treiben, weil sie dachten ohne etwas an, könnten sie leichter schwimmen. Kindersärge.

Lampedusa. Davon hat man schon genug. Jeden Tag Meldungen über x Ertrunkene, x Illegale. Liepold-Mosser hat nun Texte gesampelt, die europäische Sichtweisen über das Thema reflektieren, von der touristischen Bewerbung bis zu Frontex-Strategien, von hässlichen Postings aus Internet-Foren bis zu erschütternden Kommentaren der Lampedusani, der allein gelassenen und überforderten Inselbevölkerung. Dazu lässt die Wiener Singakademie unter der Leitung von Heinz Ferlesch klassische Chöre erklingen, die von Erniedrigung, Vertreibung und Flucht erzählen. Magdalena Kropiunig, Nina Horvath, Maximilian Laprell, Alexander Meile und Kai Möller schlüpfen in unzählige Rollen. Herwig Zamernik, Frontmann der Kultband „Naked Lunch“, singt zwischendurch melancholisch Lieder wie „Seemann, lass‘ das Träumen …“

Der ganze Abend ist eindringlich schmerzhaft, sarkastisch bis es weh tut, so ernst, dass Platz fürs Lachen bleibt. Sofern man über die Blödheit der Bürokratie lachen kann. In Lampedusa hat Europa die Humanität zum Teufel geschickt. So beginnt denn auch die resolute Bürgermeisterin: „Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden.“ Leichen, das ist kein Scherz, werden bereits nach Sizilien ausgelagert. Gräber ohne Namen, schnell, schnell, was unter der Erde ist, ist weg von der Bildfläche. Eine Schande für den Friedensnobelpreisträger Europa. Oder soll das vielfache Sterben eine Abschreckung für die Nachkommenden sein? Die Flüchtlinge verflüchtigen sich von selbst. Doch Millionen warten noch darauf, den Massakern in ihren Ländern zu entkommen. Allein aus Afrika wollen 160 Millionen Menschen nach Europa.

Weg mit der Bürgermeisterin. Nun wird der Urlaubsort Lampedusa beworben. Antike Stätten, Sonne, Strand und azurblaues Meer. Während im Hintergrund Boatpeople die Arme schwenkend um Hilfe flehen. Chor und ein Schlauchboot kommen auf die Bühne. „Patria oppressa“ aus Verdis „Macbeth“. Aber Spaß kann sein. Paragliding über dem Meer. Tolle Restaurants. Kinderprogramm. Infos über die Buslinie und die Fähre … und darüber, dass es auf Lampedusa keine Trinkwasserquelle gibt. Regenwasser wird gesammelt. Und der Chor singt „O welche Lust“, Beethoven: „Fidelio“. Die Darsteller basteln dazu Papierschifferl. Und die alten Diskussionen gehen los: Kostenexplosion wegen der zusätzlichen Sicherheitskräfte; „unsere“ Werte und Traditionen vs deren Bildungsmanko und Beschneidungsrituale. Eine Fremde-Kultur-Invasion! Die sollen lieber ihre Länder auf Vordermann bringen! Wir haben zu wenig Kinder, aber die aus Afrika wollen wir nicht. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, wurde zurückgepfiffen.Flüchtlinge aus dem Senegal beschrieben am 5. Oktober 2009 wie ihr Boot auf See aufgebracht wurde: „Wir hatten nur noch drei Tage zu fahren, da hat uns ein Polizeischiff aufgehalten. Sie wollten uns kein Wasser geben. Sie haben gedroht, unser Boot zu zerstören, wenn wir nicht sofort umkehren. Wir waren fast verdurstet und hatten auch Leichen an Bord. Trotzdem mussten wir zurück nach Senegal.“ Amnesty International, Pro Asyl und der Evangelische Entwicklungsdienst bestätigen übereinstimmend solche Berichte. Frontex-Direktor  Ilkka Laitinen gab zu, dass Frontex jährlich mehrmals Flüchtlingsboote im Mittelmeer abgedrängt und Flüchtlinge auch unter Androhung von Gewalt ohne Asylprüfungsverfahren abgeschoben hatte. Nun werden Roboter, Drohnen, entwickelt, die selbsttätig „Illegale“ aufspüren sollen. Und der Chor trägt Brahms „Selig sind, die da Leid tragen“ vor.

Liepold-Mosser haut einem die Gegensätze nur so um die Ohren. Aus dem beliebten Trainingslager der besten italienischen Fussballmannschaften wurde ein einziges großes Flüchtlingslager. Erschütternd auch die O-Töne einiger Lampedusiani. Ein Fischer, dessen Broterwerb dahin ist. Ein Souvenirverkäufer, der einpacken kann. Eine Menschenrechtsaktivistin, die sagt: „In mein Büro kommen Touristen, die fragen, wo man die Flüchtlinge am besten fotografieren kann. „Va Pensiero“ (Verdi: „Nabucco“) und Beethovens „Ode an die Freude“, immer freudloser, immer konfuser, obwohl sich im Publikum viele bemühen, die Stimme zu halten. Mit lautem Knall fliegt ein Schlauchboot vom Himmel. Erschrecken, aufschrecken allerorts.

Bernd Liepold-Mosser hat ein Projekt geschaffen, dem man den Weg durch Europa wünscht. Von Skandinavien bis zu den Mittelmeerländern. Was wiegt der Mensch? Glaubt einer wirklich, dass einer (mit Frau und Kind)  einfach drauflos die Heimat verlässt, weil’s in Europa so lustig zugehen soll? Es ist noch nicht  lange her, dass Europa Flüchtlinge, Vertriebene, vom Tod Bedrohte hatte, die um Aufnahme in ein freundliches Land bettelten. Vergessen? Niemals vergessen. Also: Brüssel: Bitte, melden!

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/bernd-liepold-mosser-im-gespraech/

Wien, 12. 12. 2014

Salzburger Festspiele: YDP IV • Der Abschied

August 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Walter Kappachers Text über Georg Trakl

Büchnerpreisträger und Romanautor Walter Kappacher, wie Georg Trakl Salzburger, hat nach einem Text über Gustav Mahler 2011 den Salzburger Festspielen mit „Der Abschied“ nun ein Auftragswerk über Trakl geliefert. Sein erstes Bühnenstück. Er lässt darin Trakl von seinen Kriegserlebnisse, von seiner fast ungesund innigen Liebe zur Schwester, von seinen Gedichten, die er auch zitiert, erzählen. Ort der Handlung: Erster Weltkrieg, Nervenheilanstalt in Krakau. Man behandelte den Dichter dort wegen eines Selbstmordversuchs nach den traumatisierenden Erlebnissen im ostgalizischen Grodek.

Paul Herwig Bild: © Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Paul Herwig
Bild: © Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düster hinrollt; umfängt die Nacht /Sterbende Krieger, die wilde Klage /Ihrer zerbrochenen Münder. Doch stille sammelt im Weidengrund / Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt, / Das vergossne Blut sich, mondne Kühle; / Alle Straßen münden in schwarze Verwesung. Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen / Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain, / Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter; / Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes. O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre, / Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz, / Die ungebornen Enkel.

Schrieb Trakl darüber. Regisseur Nicolas Charaux und Bühnenbildnerin Pia Greven haben ein passendes Bild für die Situation Trakls nicht nur in der Klinik, sondern in seinem Leben gefunden. Ein mächtiger schwarzer Kubus inmitten von Kriegslärm; ein Mann schlägt sich mit einer Axt einen Ausgang aus dem Gebilde. Sinnbildlich auch aus seinem eigenen Bewusstsein. Schauspieler Paul Herwig, 2010 für seine Darstellung des Johannes Pinneberg in Luk Percevals Fallada-Inszenierung mit Preisen überhäuft, wirft sich mit Kraft in die Rolle des  Trakl. Kahlgeschoren und in weißem Hemd über einer Uniformhose spielt er einen einfachen Soldaten, ein Opfer des Krieges. Mal tonlos den Mund aufreißend, mal voller Wut tanzend. Das Objekt wird zum Spielpartner. Herwig reagiert Trakls innere Kämpfe an dem Kasten ab, umkreist ihn, steigt hinein und hinaus, reißt Fetzen heraus, zerbröselt sie. Eine starke One-Man-Performance zu diesem kunstvollen Monolog. Der Schluss des Abends ist dann wahrhaftig unprätentiös. Herwigs Trakl legt sich zum Selbstmord still in den Kubus. Eine Überdosis Kokain. Herzstillstand. Kappachers Einblick in die letzten Tage des Schwierigen sind aufwühlend und erschütternd. Und das, obwohl er schwierig ist. Ein gewagtes Projekt zum Abschluss des Young Directors Project. Man wird diese Aufführungsschiene vermissen.

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2014/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-letzten-tage-der-menschheit/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-the-forbidden-zone/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-ydp-i-%E2%80%A2-hinkemann-2014/

Wien, 18. 8. 2014

TAG: Where are we now?

Mai 5, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Beihilfe zur Panik des 21. Jahrhunderts

Bild: Tania Pilz

Bild: Tania Pilz

Am 5. Mai lädt das TAG zur letzten Premiere vor der Sommerpause: Die Compagnie Luna gastiert mit ihrer Stückentwicklung „Where are we now?“ Ausgehend von René Magrittes Gemälde „Lovers“ entwickelt das Team rund um Regisseur Josef Maria Krasanovsky in sechswöchiger Probenzeit ein surreales Theater-Spektakel: beißende Pointen, greller Kitsch, verhüllte Köpfe, Sprachakrobatik … Mit im 5-köpfigen Ensemble: Schauspielerin Karin Lischka, die in Karl Markovics Film „Atmen“ die weibliche Hauptrolle spielte.

Das Bild „Lovers“ des Surrealisten René Magritte zählt zu den bekanntesten Gemälden des 20. Jahrhunderts. Bis heute haben die Werke des Belgiers nichts an Sprengkraft verloren: „Die alte Frage: ‚Wer sind wir?‘ findet in der Welt, in der wir leben müssen, eine enttäuschende Antwort.“ (René Magritte). Ausgehend von René Magrittes Werk entwickelt das Team rund um Regisseur Josef Maria Krasanovsky einen schrägen Trip durch die verdächtige Welt des belgischen Surrealisten: beißende Pointen, greller Kitsch, verhüllte Köpfe, Sprachakrobatik, verformte Körper … In szenischen Bildern und mit treibenden Beats stellen sie Magrittes Fragen erneut: Wer sind wir? Wo sind wir? Und vor allem – was sollen wir tun? Compagnie Luna wagt damit eine theatralische – manchmal durchaus unernste – Gegenwartsbestandsaufnahme.

Mit Where are we now? meldet sich Compagnie Luna nach fast zweijähriger Schaffenspause zurück. Nach „Vielen guten Menschen fliegt der Hut vom Kopf“ im Theater Drachengasse schließt die Compagnie Luna mit ihrer neuen Produktion an ihre groß produzierten Stücke „Wir hüpfen nur aus Höflichkeit“ und „Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg“ an. Nachdem Regisseur Josef Maria Krasanovsky zuletzt auf Solopfaden in Graz mit „Jugend ohne Gott“ und „Tschick“ erfolgreich zugange war, steht mit der aktuellen Produktion wieder eine Stückentwicklung für seine Compagnie auf dem Programm.

Es spielen: Ambra Berger, Patrick Jurowski, Karin Lischka, Herwig Ofner und Lisa Schrammel.

www.dastag.at

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=temadLNtjaA&feature=youtu.be

Wien, 5. 5. 2014