Das TAG: Margit Mezgolich im Gespräch

Februar 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

 Sie inszeniert Elias Canettis Erstling „Die Blendung“

Margit Mezgolich. Bild: © Anna Stöcher

Margit Mezgolich. Bild: © Anna Stöcher

Margit Mezgolich, von 2009 bis 2013 künstlerische Leiterin des TAG, kehrt nun mit ihrer jüngsten Regiearbeit ans Haus zurück. Sie zeigt in eigener Bühnenfassung Canettis „Die Blendung“. In seinem Erstlingswerk beschreibt der spätere Literaturnobelpreisträger die Geschichte eines weltabgewandten Privatgelehrten Peter Kien, der von seiner geldgierigen Umwelt ausgenützt, betrogen und schließlich zerstört wird. Kien widmet sein Leben dem Sammeln von Büchern. In seiner riesigen Bibliothek führt er ein groteskes Höhlenleben, eigensinnig und verschroben. Eingeengt auf seine Bibliomanie heiratet er seine ungebildete Haushälterin Therese. Was in die Katastrophe führen muss.

Das Fesselnde an der „Blendung“ ist weniger der Plot, als Canettis über die Maßen grotesken Figuren. Als da wären: ein buckliger Zwerg und Zuhälter, der sich für ein Schachgenie hält, ein sadistischer Hausbesorger, genannt der rote Kater, oder Kiens aus Paris anreisender Psychiater-Bruder Georg. Diese und mehr schräge Vogel spielen Alexander Braunshör, Jens Claßen, Georg Schubert, Petra Strasser und Elisabeth Veit. Uraufführung ist am 5. März. Margit Mezgolich im Gespräch:

MM: Ich habe gerade den beginnenden Bühnenaufbau gesehen. Sie haben große Dinge vor.

Margit Mezgolich: Es wird eine sehr überraschend bespielbare Bühne, ein verspielt albtraumhafter Raum, in dem sich die Wände bewegen lassen und die Schauspieler aus verschiedensten Klappen kommen können. Es wird eine Zauberbühne.

MM: Warum zeigen Sie dem Publikum 2016 „Die Blendung“? Was hat der Stoff gerade heute zu sagen?

Mezgolich: Dieses Buch hat uns immer etwas zu sagen und wird uns immer verstören. Meine persönliche Geschichte damit ist ein Immer-wieder-Begegnen. Ich habe es zum ersten Mal mit zwanzig gelesen, und vor allem die Figuren und das unglaubliche Wienerische haben sich seltsam eingeprägt. Ich bin aber gescheitert, ich habe es nicht fertig gelesen. Dann habe ich es mit Mitte dreißig wieder gelesen – diesmal bis zum Ende. Es gibt für mich kein verstörenderes Buch über menschliche Kommunikation und deren Möglichkeit und Unmöglichkeit. Es gibt nichts, das mich mehr aufwühlt, als die Figur Peter Kien, der das Wesen des Menschen studieren und den Geist sämtlicher Bücher einsaugen möchte, weil er eine Gebrauchsanweisung für unsere Zeit sucht. Und dass er im wahrsten Sinne des Wortes daran verbrennt, und wie dieser gebildete, naive Mensch vom wütenden Mob überrannt wird, das ist für mich sehr faszinierend.

MM: Ist es in diesem Sinne ein politisches Buch? Canetti schrieb es unter der Wirkung des Schattendorfer Urteils und des Justizpalastbrandes. Es gibt von ihm ein Zitat: „Die Welt war zerfallen, und nur wenn man den Mut hatte, sie in ihrer Zerfallenheit zu zeigen, war es noch möglich, eine wahrhafte Vorstellung von ihr zu geben.“

Mezgolich: Die Atmosphäre, die das Buch widerspiegelt, hat für mich Parallelen zu dem, was wir jetzt erleben. Es ist die Formierung eines Mobs, die „Blendung“ der Masse, auf die er hinweist. Im Text sagt er sinngemäß, den sogenannten Lebenskampf führen wir Menschen nicht weniger um Hunger und Liebe, als um die Tötung der Masse in uns. Noch zerfällt die Masse relativ schnell, aber einmal wird sie von einem Land ausgehend so stark werden, dass ihr nichts mehr widerstehen kann. Das ist für mich spannend: Wie sich Kräfte formieren. Wie man die Welt erlebt und wovor man dabei Angst bekommt. Und wie man mit dieser Angst umgeht, also dass sich Menschen zusammenrotten und formieren, statt dass sie versuchen, ihrer Angst auf den Grund zu gehen. Da gibt es derzeit erschreckende Dynamiken.

MM: „Die Blendung“ hat im Gegensatz zu anderen Canetti-Texten keinen literarischen Siegeszug angetreten. Ist er dem Wesen der Menschen damit zu nahe getreten, so dass es kaum jemand lesen möchte?

Mezgolich: Mag sein. Es ist aber auch ein sehr forderndes Buch, es ist sehr kompliziert, weil es immer wieder redundiert. Es hat aber sehr theatertaugliche Figuren, sehr viel Humor und deswegen war es für mich das geeignetste Werk von Canetti, um es zu dramatisieren.

MM: Es ist eine Groteske mit grotesken Figuren, teilweise sehr brutal. Ein Panoptikum der Gesellschaft?

Mezgolich: Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ich die Figuren aus dem Roman heraushole. Ich habe lange überlegt, wer heute ein Kien wäre. Ich habe im Bekanntenkreis einen, der sich den Luxus nimmt, Gelehrter zu sein. Er hat nicht viel Geld, aber wenn er welches hat, investiert er es in Bücher. Er verbringt die Zeit damit zu studieren – nur er, sein Kopf und seine immer größer werdende Bibliothek. Er ist eine Art Vorbild. Er erdet das Buch sozusagen. Ich habe also eine Rahmenhandlung erfunden, in der ein „Büchermensch“, wie Canetti seinen Kien ursprünglich nannte, den Zuschauern „Die Blendung“ nahebringt.

MM: Canettis Werk lebt von seinen grotesken Figuren. Das TAG-Ensemble scheint sehr geeignet, diese zu evozieren. Vor allen Dingen auch hinsichtlich Canettis in „Masse und Macht“ beschriebener „kannibalistischer“ Komik, also seiner Art, die grausame Kehrseite des Lachens sichtbar machen zu wollen.

Mezgolich: Ich war ja hier bis 2013 selbst Leitung und dachte damals schon, „Die Blendung“ wär‘ was. Es hat sich dann aus Zeitgründen nicht ergeben. Umso schöner ist es, es nun zu tun. Die Grausamkeit im Humor, von der Sie sprechen, ist permanent zugegen. Doch das ist etwas, das ich sehr mag, das für mich Grundvoraussetzung in einem Text ist: Dass das Lachen eine dunkle Seite hat. Die größte Herausforderung bei der Dramatisierung war allerdings, dass Canetti dem Betrachter keine Identifikationsfigur bietet, dass viele Motive viel zu schnell klar sind. Auf Seite 10 denkt man sich schon, okay, der ist wahnsinnig, was geht mich der an?

MM: Ich schreib‘ das genau so!

Mezgolich: Es stimmt ja auch, man geht als Leser bald auf Distanz. Ich habe versucht, zu zeigen, wie sehnsuchtsgetrieben die Charaktere eigentlich sind. Die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, die Sehnsucht nach einem ehrlichen, menschlichen Kontakt, das interessiert mich, das war mir wichtig herauszufiltern. Ich versuche die Figuren liebevoller zu zeichnen als Herr Canetti es getan hat, sodass man für sie Empathie aufbringen kann. Ich hoffe, dass das aufgeht.

MM: Ein Schauspieler hat einmal über seine Rollen gesagt: Ich kann am größten Arschloch noch etwas Liebenswertes finden.

Mezgolich: Genau so geht’s mir auch. Im letzten Teil des Buches treffen einander die Brüder Georg und Peter Kien und schimpfen über die Frauen und suchen bei allen großen Dichtern und Denkern, von Buddha bis Thomas von Aquin, nach Argumenten, die den Unwert der Frauen dokumentieren. Das geht ganz, ganz lange und ich dachte, was ist denn das für eine Scheiße? Das hat mich so wahnsinnig geärgert und ich konnte nichts damit anfangen; aber jetzt im Arbeiten bin ich froh über diesen Abschnitt, weil er zeigt, wie verankert frauenfeindliches Denken auch in unserer scheinbar feministisch revolutionieren Kultur ist. Die Passage führt einem zu Bewusstsein, wie kurz die Zeitspanne ist, in der wir Frauen uns gleichwertig fühlen. Ich bin in den 1970er-Jahren geboren und für meine Schwester und mich war selbstverständlich, dass uns die Welt gleichberechtigt offensteht. Aber wie zerbrechlich ist dieses Gefühl …

MM: Lassen Sie uns über Sprache sprechen. Sie haben den Roman dramatisiert …

Mezgolich: Und ich durfte so gut wie nichts ändern. Das war die Auflage des Verlages, die ich aber auch verstehen kann, weil die Sprache sehr schön ist, und es ein gewisses formales Konzept gibt.

MM: Die sogenannten Sprachmasken, Sprachfetzen, Halbsätze, ein „Gestammel“, mit dem Canetti die jeweilige Figur schon sehr genau charakterisiert.

Mezgolich: Genau. Es ist einer der theatertauglichsten Romane, der mir je untergekommen ist. Ich habe schon einige dramatisiert, aber der ist wow! Man merkt den Dramatiker Canetti, der Text ist sehr fleischlich, er ist wie fürs Theater geschrieben. Einen Roman zu dramatisieren ist für mich immer schon sehr an die Umsetzung gekoppelt, das Ganze ist ein dramaturgisches Gesamtkonzept. Man muss wie ein Trüffelschwein durch den Text gehen und sich überlegen, was sich für die Bühne eignet. Ich nenne den Vorgang daher lieber „für die Bühne einrichten“.

MM: Das TAG fährt immer intensiver den Weg der Uraufführungen und literarischen Bearbeitungen. Diesen Weg haben Sie als Gründungsmitglied des Hauses schon mitbeschrieben?

Mezgolich: Diese Neuinterpretation klassischer Stoffe war meine Idee, weil ich mich als künstlerische Leitung gefragt habe, was in Wien fehlt. Das Haus war damals noch nicht positioniert, meine Hauptaufgabe war also Profilierung. Wir begannen mit der Neuinterpretation bekannter Stoffe, jetzt hat es sich auf klassische Stoffe zugespitzt. Das ist etwas, wo das TAG in Wien seine Nische gefunden hat, und auch unter Gernot Plass sehr erfolgreich und gut besucht ist.

MM: Sie selbst haben 2013 als Intendantin das Herrenseetheater in Litschau übernommen. Eine wunderbare Spielwiese. Bühne und Bad.

Mezgolich: Es ist großartig. Der Ort ist wunderbar, ich verbringe dort sehr gerne meine Sommer. Ich habe dort „Von Mäusen und Menschen“ gemacht, dann selber etwas geschrieben: „Erben für Anfänger“ und im Vorjahr die Komödie „Der Aufsatz“. Heuer habe ich einen Text von Theresia Walser, da freue ich mich sehr, dass ich den zur Erstaufführung bekommen habe.

MM: Ich habe hier notiert – „Herrinnenseetheater“.

Mezgolich (sie lacht): Das Walser-Stück heißt „Herrinnen“ und ist unglaublich toll gebaut. Es soll der Preis für die „beste weibliche Lebensleistung“ vergeben werden und auf der Hinterbühne warten fünf sehr unterschiedliche Frauen auf ihren Auftritt vor dem Präsidenten. Sie tauschen Frauenbilder und Lebenskonstrukte aus und kurz bevor man glaubt, jetzt wird’s kampffeministisch, bricht es in eine herrlich absurde, slapstickhafte Komödie auf. Die fünf Frauen – darunter eine transgender Technikerin – proben nämlich nur ein schlechtes Stück. Es geht um: Wer sind wir und was wollen wir im Leben?

MM: Apropos, was wollen Sie? Im konkreten Fall als Theatermacherin?

Mezgolich: Ich möchte einem Publikum die Gleichzeitigkeit von Humor und einer ganz großen Schwere, oder Traurigkeit, nahebringen, weil ich glaube, dass das Leben beides ist. Das auszuleuchten interessiert mich – das Absurde an Situationen und in Figuren. Das Publikum soll weinen, lachen, mitdenken. Das wäre etwas, das ich mir wünsche.

dastag.at

www.herrenseetheater.at

Wien, 26. 2. 2016

Theresia Walser im Gespräch

April 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich brauche Anarchie beim Schreiben“

Theresia Walser, Tochter des berühmten Autors Martin Walser, auf Kurzbesuch in Wien. DIE Gelegenheit für ein Gespräch:

MM: Sie haben bei Ihrem Wien-Besuch nun  Ihre beiden Österreichischen Erstaufführungen „Die Liste der letzten Dinge“ im KosmosTheater und „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ im Schauspielhaus gesehenen. Wie hat’s Ihnen gefallen?

Theresia Walser: Es sind natürlich zwei völlig verschiedene Stücke. Aber beide Aufführungen fand ich sehr beglückend.

MM: Ersteres ist ein Traumspiel, ein Albtraumspiel, Zweiteres ist an Realitäten angedockt. Obwohl die Stücke so verschieden sind, kann man der Autorin einen Hang zum Skurrilen, zum Makaberen nicht absprechen.

Walser: Beiden Stücken kann man, wenn man so will, ein dunkles Lachen abgewinnen, wobei das Lachen in den „Äpfeln“, wie man in Wien wunderbar sehen konnte, viel befreiender sein kann. Das letzte Mal war ich in Wien im Jahr 2000, da hat Chris Pichler am Volkstheater meinen Monolog „Kleine Zweifel“ gespielt – einer meiner ersten Texte. Dass ich jetzt in kurzer Zeit hier gleich zwei Mal aufgeführt wurde, ist wohl Zufall. Beides zwei Frauenstücke!  Man schreibt wahrscheinlich immer das, was man selbst gern gespielt hätte.

MM: Warum haben Sie aufgehört, Schauspielerin zu sein?
Walser: Das ist eine lange Geschichte. Ich wollte Sängerin werden, habe ich Graz studiert, und irgendwann eine stimmliche Krise gekriegt. Ich musste pausieren, bin auf die Schauspielschule gegangen, damit sich meine Stimme erholt. Als Schauspielerin war ich aber nie gern auf der Bühne. Während des Spielens liefen bei mir innerlich ständig Subtexte mit, die wurden mit der Zeit  immer lauter. Ich brauchte also offensichtlich meinen eigenen Text – und so hat’s begonnen. Ich habe angefangen, Rollen für mich zu schreiben. Und als die fertig waren, hatte ich jedes mal das Gefühl, diese beim Schreiben schon genug gespielt zu haben, so, dass ich froh war, wenn das auf der Bühne andere übernehmen. Ich habe mich sozusagen von der Bühne runter geschrieben.
 
MM: Es ging also tatsächlich darum, eigene Texte haben zu wollen …
Walser: Mein Schreiben ist bis heute kein leises Schreiben. Ich spreche oder flüstere die Sätze mit. Ich schreibe, wenn man so will, dem Klang nach. Es gibt ja auch Leute, die tippen leise in sich hinein. Bei mir ist es meistens laut, gestikulierend. Der Text muss eine Melodie, einen Klang haben, das Hörbare muss ich mir vorsagen.
 
MM: War Prosa, Lyrik, Essays nie ein Thema für Sie?
Walser: Alle Versuche, die ich da gemacht habe, habe ich dann doch wieder fürs Theater benutzt.
 
MM: Wenn Sie Ihre Texte beim Schreiben sozusagen Spielen, wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn’s auf der Bühne nicht so klingt, wie an Ihrem Schreibtisch. Die Frustrationsskala der Dramatikerin …
Walser: … ist nach oben offen. Glück ist doch langweilig. (Sie lacht.) Nein, im Ernst: Ich brauche eine andere Fantasie, die meine Arbeit weitertreibt, von der fühle ich mich auch abhängig. Deshalb würde ich nie Regie führen. Ich habe nicht so eine genaue Vorstellung, wie das sein muss. Ich muss die Texte für mich selber in Gang bringen, dabei ist mein Ohr der schärfste Kritiker – den Rest überlasse ich sehr gerne anderen.
 
MM: Sie sagen: Schreiben ist körperliche Arbeit.

Walser: Ja, ich nehme dabei auch ab. (Sie lacht.) Ich finde Sprache ist etwas sehr Körperliches. Als Schauspielerin war ich es gewohnt mit Händen und Füßen durch Texte zu gehen. Das empfinde ich heute ähnlich. Natürlich gibt es immer die Angst vor dem Anfang. Aber es ist auch jedes mal eine Art Abenteuer, bei dem ich hoffe, dass die Figuren sich irgendwann in einem gewissen Sinne verselbstständigen. Das birgt natürlich auch ein Risiko, wenn die Figuren mir meine Pläne auf einmal über den Haufen werfen, wie Piraten, die ein Schiff entern. Andererseits brauche ich diese Anarchie beim Schreiben, damit Leben in die Bude kommt. Kann auch sein, dass nur Wust übrig bleibt. Das nimmt man halt dann und wirft es weg. Es gab mal eine Zeit, da blieb von einem Stück nur die letzte Szene übrig. Der Anfang wurde dann ein ganz anderes Stück. Das war „King Kongs Töchter“, ursprünglich ein Text über Billie Holiday, die mir als Figur in allen meinen Absichten brav gefolgt ist, aber völlig leblos blieb.  Erst am Schluss hat sie sich aufgelehnt weil sie nicht sterben wollte. Da fing es auf einmal an zu leben.

MM: In „Die Liste der letzten Dinge“ sind Ihre Protagonistinnen Kunstfiguren, stellen Sie/sie Behauptungen auf. Sie wollen als Erlöserinnen die Welt von sich erlösen. Was in ihren Augen mehr ist, als der neutestamentarische Erlöser geschafft hat. In „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ begeben Sie sich beinah auf das Terrain der Kriegsberichterstatterin. Warum haben Sie diese drei Frauen ausgesucht?
Walser: Dieses Stück hängt mit „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, das ich vor ein paar Jahren geschrieben habe, zusammen. Da sind drei Schauspieler zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die alle drei Hitler – das heißt: einer hat „nur“ Goebbels – gespielt haben. Und sie reden, ob und wie man Hitler darstellen darf. Wie menschlich, wie monströs, wie lächerlich, wie unmöglich etc. Als „Der Untergang“ ins Kino kam, konnte man im Fernsehen in den Talkshows immer wieder Schauspieler erleben, die sich fast dafür entschuldigten, dass sie Hitler gespielt haben und die sich nun darüber unterhielten, ob man Hitler denn überhaupt darstellen könne. Diese ganzen Diskussionen über die Unmöglichkeit einer Darstellung fand ich ganz wunderbar für das Theater und später habe ich dann nach einem ähnlichen Stoff für Frauen gesucht. Margot Honecker war als erste da; von der haben wir das deutlichste Bild. Dann ganz klar: Imelda Marcos, die gehört einfach auf die Bühne, diese grausame Operettendiva.
 
MM: Leïla Ben Ali …
Walser: … ist die aktuellste Figur unter den dreien. Wobei ein bisschen was von Suzanne Mubarak und Asma alAssad in die Figur einfließt. Für alle diese ungeheuren Damen brauchte ich natürlich einen Vermittler: Gottfried, der Übersetzer. Er wurde aus seinem Namen geboren. Dass gibt es manchmal, dass ein Name seine Figur mitbringt. Dass er Gottfried heißt, hat aus ihm die Figur gemacht, die er ist. Dabei ist mir die Komik in diesem Stück sehr wichtig. Ich glaube an das Lachen als große Anteilnahme, als Involviertheit und auch als Verstrickung. Solche Schreckensbilder des Bösen sind ja letztendlich nur Vergrößerungsspiegel dessen, was wir alle von uns selbst bestens kennen.

MM: Der Zerrspiegel, den Sie zeigen, macht das Ganze noch absurder als es ist.

Walser: Stimmt. Wir sind im Theater. Wir sehen Schauspielerinnen, die Diktatorengattinnen spielen, die sich darüber unterhalten, wie sie einmal von Schauspielerinnen dargestellt werden wollen. Es geht also im weitesten Sinn auch um die Darstellung der Selbstdarstellung und damit auch ums Theater. 
MM: Hannah Arendt hat den Begriff der Banalität des Bösen geprägt. Gibt es auch eine Poesie des Bösen?
Walser: Ja. Das ist doch ungeheuer, dass die alle so eine poetische Ader haben. Gaddafi hat einen ganzen Gedichtband geschrieben. Ganz kryptisch-verschwurbelte Poesie. Der Satz „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ stammt aus einen Gedicht von Gaddafi. Mao schrieb Liebesgedichte. Da denkst du, das ist das zarteste Seelchen überhaupt. Diese Selbststilisierung des Tyrannen als einsamer, vom Volk verfolgter Herrscher, ist ungeheuer. Aber dass Poesie und Tyrannei einen Zusammenhang haben wundert mich eigentlich nicht.
MM: Arbeiten Sie von Nine to Five oder mitten in der Nacht?
Walser: Früher saß ich mit der Zigarette im Mund zu jeder Tages- und Nachtzeit am Schreibtisch und habe da Intensität gespielt. Heute habe ich eine Tochter, das ordnet mein Leben ganz anders. Da gibt es Schulzeiten, Hausaufgaben … Ich rauche übrigens auch nicht mehr, außer an Premieren in Wien.
 
MM: Was gibt es an Plänen?
Walser: Einen Abgabetermin. Das Theater Mannheim will am 20. April die erste Arbeitsfassung von „Herrinnen“ lesen. Darin geht’s um Topmanagerinnen, die Chefinnenetage. Die den Männern punkto Skrupellosigkeit, Brutalität, Eigennutz in nichts nachstehen. Und auch dieselben Worthülsen, diese ins Leere drehende Hamsterradsprache. Es nimmt sich dabei nichts, ob es Frauen sind oder Männer. Gott sei dank verliert man dabei die Illusion, dass Frauen die besseren Menschen sein sollen. Das wäre ja auch eine furchtbare Aufgabenverteilung und Anmaßung. Dann habe ich zum 600-jährigen Konzilsjubiläum in Konstanz ein Stück mit meinem Mann Karl-Heinz Ott zusammen geschrieben, der eigentlich Roman-Autor ist. Diese gemeinsameArbeit hat etwas Erleichterndes. Jeder kann dem anderen heimlich die Verantwortung auf die Schulter landen. Trotzdem war  es viel Arbeit, weil wir ja keinen Geschichtsunterricht abliefern wollten.
MM: Eine Frage zur Familie: Ihre Schwester Franziska ist Schauspielerin, ihre Schwestern Alissa und Johanna schreiben Romane. Tauscht man sich aus?
Walser: Ja, wir sehen uns immer wieder. Zur Zeit natürlich am meisten Franziska und ihren Mann Edgar Selge. Die haben jetzt ein Engagement bei Armin Petras in Stuttgart. Das ist ja praktisch bei mir um die Ecke.

www.kosmostheater.at

www.mottingers-meinung.at/kosmostheater-die-liste-der-letzten-dinge

www.schauspielhaus.at

www.mottingers-meinung.at/das-schauspielhaus-wien-spielt-theresia-walser

Wien, 18. 4. 2014