Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit

Juli 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vier Jahre Haft und Folter für ein Gedicht

„Am Vormittag des 5. Juni 1989, Ströme von Blut waren geflossen und die Luft knisterte, stellte er sich allein den Panzern entgegen – ein Niemand, ein Mann wie du und ich, stand in der Mitte des breiten Chang’an-Boulevards, vor sich mehr als 18 Panzer vom Typ 59. Der vorderste Panzer versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er wusste das zu verhindern, indem er hin und her sprang – und als die Panzer erneut vorrückten, stellte er sich ihnen erneut in den Weg …“

Mit der Erinnerung an dieses Foto, das um die Welt ging, westliche Journalisten, die aufgrund des verhängten Kriegsrechts im Beijing-Hotel festgehalten wurden, hatten den „Tank Man“ mit Teleobjektiven heimlich aufgenommen, beginnt Liao Yiwu sein jüngstes Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“, dem er den Untertitel „Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“ gegeben hat und mit dem sich der Dichter, Dissident und Friedensaktivist einmal mehr gegen das in China staatlich verordnete Vergessen der Geschehnisse rund um das von der Volksbefreiungsarmee angerichtete Blutbad auf dem Tian’anmen-Platz stemmt.

Auch für Liao Yiwu bedeutete dieser 4. Juni vor dreißig Jahren eine grauenhafte Zäsur. Für „Massaker“, sein Protestgedicht im Gedenken an die Opfer (hier nachzulesen: www.amnesty.de/journal/2012/oktober/massaker), wurde er der „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ angeklagt; es folgten vier Jahre Haft und Folter. Erst 2011 gelang es Liao Yiwu aus China zu fliehen, seither lebt er in Berlin. „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“ ist vielleicht Liao Yiwus verstörendstens Projekt wider jene Amnesie, die westliche Politik und Wirtschaft befällt, sobald Menschenrechte den Marktinteressen im Wege stehen.

So hat er etwa für das Kapitel „Aus dem Leben meiner Gefängnisbrüder“ Porträts seiner ehemaligen Mithäftlinge verfasst, Zeilen von einer Intensität und Heftigkeit, die schwer auszuhalten sind, wenn er von Denunziation, öffentlich abzuhaltender Selbst- und Kampfkritik und dem „kleinen, hundehüttenähnlichen Raum“ berichtet, in den „die Politischen“ oft für Monate gesperrt wurden. Er beschreibt deren Angst vor den Gewaltverbrechern, und wie die beiden Gruppen von den Wärtern gegeneinander ausgespielt wurden, „als die politischen Gefangenen einen Hungerstreik durchführten, wurden sie von einer zehnfachen Übermacht von Kriminellen umzingelt …“.

Er erzählt vom „Tierbändiger“ genannten Chen Yunfei, der sich lieber prügeln ließ, „bis seine Schnauze  geschwollen war wie ein Schweinerüssel“, als klein beizugeben, von Hou Duoshu, der eine 80 Kilo schwere Fußfessel tragen musste, weil er in der Bibel las, schildert unfassbare Methoden, einen Menschen zu brechen, Hocken unter einem Stacheldrahtnetz, Tod durch Arbeit, sieht Männer bei lebendigem Leib verfaulen – und die häufigste Sterbeursache hinter Gittern: Krebs.

Bild: pixabay.com

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Dass der Westen vieles wusste, aber wenig tat, erschließt sich auf bestürzende Weise im Kapitel „Die letzten Augenblicke im Leben Liu Xiaobos“, der todkranke Literaturnobelpreisträger (Leberkrebs), für dessen Enthaftung und Ausreise nach Deutschland Liao Yiwu alle Hebel in Bewegung setzte, heißt: seine Schriftstellerkollegen Herta Müller und Wolf Biermann, Harry Goldstein, Peter Sillem, selbst Joachim Gauck und Angela Merkel. Ein brisanter Briefwechsel, der Liu Xiaobo zwar nicht mehr retten konnte, er starb am 13. Juli 2017, immerhin aber seiner gesundheitlich ebenfalls schwer angeschlagenen Witwe Liu Xia den Weg in die Freiheit ebnete.

Das Buch schließt mit Briefen und Gedichten, die Liao Yiwu im Untersuchungsgefängnis von Chongqing-Stadt gekritzelt hat – mit Bambussplittern und einer violetten medizinischen Tinktur. Die Wolken, ach, brennende Bananenblätter, / die sich schrecklich rollen! / Die Felsen eine Herde hungriger Löwen, Sterne, / die Steinen von der Zungenspitze schnellen / Der Mond, ach, der kreischende Affe, / der über den Horizont springt / und haarige Strahlen schickt / Starr umklammere ich die Finger des Abends …“, liest sich eines mit dem Titel „Die Sonne, dieser Löwe einer elektrischen Entladung, sticht in die geheimen Akupunkturpunkte der Erde“. – „Ich habe wegen meines Geschmiers schon jede Menge Unannehmlichkeiten gehabt“, schreibt er am 30. 7. 1991 an seine „liebe Niaoyu“. „Ich trage das Brandzeichen eines Elektroknüppels auf der Zunge, mir wurden die Hände auf den Rücken gebunden, ich wurde zur Strafe der Sonne ausgesetzt, musste zur Strafe singen, musste zur Strafe auf nassem Boden schlafen, ganz zu schweigen von den Tritten und Faustschlägen, die ich abbekam.“

„Ich war in diesem Sarg über zwei Jahre lebendig begraben und habe es überstanden“, so Liao Yiwu. „Herr Wang“, im britischen Sunday Express erschien eines Tages der Name des 19-jährigen Studenten Wang Weilin für den „Tank Man“, wurde von drei Geheimdienstagenten vom Chang’an-Boulevard samt seinen beiden Einkaufstaschen entfernt. Es wird angenommen, dass er in aller Stille exekutiert wurde, obwohl die chinesische Staatsspitze dies entschieden dementiert. In einer schöneren Fassung der Geschichte soll Wang Weilin nach einer mysteriösen Überfahrt in Taiwan gesehen worden sein, wo er angeblich als Archäologe arbeitet. Wer weiß? Vielleicht schreibt Liao Yiwu nach all seinen Zeitzeugenberichten darüber einmal einen romantischen Roman.

Über den Autor: Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht „Massaker“, wofür er für vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis „Freiheit zum Schreiben“ ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2009 erschien sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. 2011, als „Für ein Lied und hundert Lieder“ in Deutschland erschien, gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. Seitdem lebt er in Berlin. 2012 erschien „Die Kugel und das Opium“, 2013 „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“ sowie 2014 „Gott ist rot“. Liao Yiwu wurde unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

S. Fischer, Liao Yiwu: „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“, 144 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann.

www.fischerverlage.de

7. 7. 2019

Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Intendant Bruno Max im Gespräch

November 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

 Brecht kredenzt Moral, Gandalf lieber Zwiebelringe

Der Herr der Zwiebelringe: Thomas Marchart, Hans-Jürgen Bertram, Peter Fuchs, Robert Elsinger, Samantha Steppan, Eva-Maria Scholz, Jackie Rehak, Hendrik Winkler und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Drei Spielstätten betreibt der Verein Theater zum Fürchten: das Stadttheater Mödling, die Wiener Scala und das Theater im Bunker. Das bedeutet mehr Verantwortung bei nicht mehr Geld, und ein Bewegen zwischen roter und schwarzer Kulturpolitik. Eine Herausforderung, die Bruno Max mit herausragenden Produktionen meistert. Am 4. November folgt im Mödling Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, am 11. November in Wien die Parodie „Der Herr der Zwiebelringe“, eine der berühmten Dinnerproduktionen.

Der Intendant im Gespräch über Kampffelder der ÖVP, warum die FPÖ laut eigener Aussage Kulturförderung prinzipiell ablehnt und bittere Pillen für sein Publikum:

MM: Ihre nächste Premiere ist die Dinner-Produktion „Der Herr der Zwiebelringe“ am 11. 11. Sie dachten sich, zum Faschingsbeginn was Lustiges?

Bruno Max: Wir haben schon so viele Dinnertheater gemacht, wir waren in Kaffeehäusern, in Burgerrestaurants, bei Kannibalen, beim Heurigen, wir haben Picknicks an der Front gemacht, römische Orgien … Nun sollte es einmal was Exotisches sein – ein Mittelerdedinner. Wenn sich Menschen einen Waldspaziergang über 15 Stunden im Kino anschauen können, dann können sie sich auch die gesamte Fantasyliteratur in zwei Stunden geben.

MM: Das führt zur wichtigsten Frage: Was gibt es zu essen?

Bruno Max: Flugsaurier mit Kartuffeln aus dem Auenlande, das ist in Wahrheit Ente, Blaukraut mit Preiselbeeren, und natürlich Zwiebelringe. Zu trinken gibt es Met. Davon haben wir 100 Liter.

MM: Die ersten Fotos zeigen, alles wirkt original – bis hin zu Gollum.

Bruno Max: Ja, der arbeitet für uns schon lange. Wir haben auch einen Drachen und eben Flugsaurier, wir haben alles, auch einen Balrog, aber wir nehmen das Ganze nicht so ernst. Ich bin kein Tolkien-Spezialist, ich habe das Buch vor dreißig Jahren gelesen, und die erste Trilogie im Kino gesehen. Aber die „Hobbit“-Verfilmung war mir dann zu viel: Und sie gehen durch den Wald, und sie gehen durch den Wald, und dann verliert Gandalf seinen Hut, jemand würfelt eine Sechs – und alle müssen zurück an den Start, das war nicht mehr mein’s, ein Kinderbuch auf epische Breite auszuwalzen. Wir haben schamlos Parodien zusammengefügt, ich glaube es ist sehr lustig.

MM: Wie kam’s überhaupt zu der Idee Dinner-Produktion?

Bruno Max: Das weiß ich gar nicht mehr. Weil’s niemand anderer macht. Es ist auch ein enormer Aufwand. Aber mit der nächsten, die am Stadttheater Mödling schon im Juni und in Wien im Herbst zu sehen ist, gehen wir zurück zu den Wurzeln: Sie heißt „Tea and Sympathie“ und es geht um einen britischen High Tea in Zeiten des Brexit, mit sämtlichen britischen Exzentrikern der vergangenen 300 Jahre, seit Königin Henrietta den Tee in England eingeführt hat.

MM: Da beginnen die Vorstellungen um 17 Uhr.

Bruno Max: Das wäre eine Überlegung wert. Jedenfalls gibt es nur Tee und Gurkensandwiches und Plätzchen.

TzF-Intendant Bruno Max. Bild: Bettina Frenzel

Zuletzt zu sehen: „Die Fleischbank“ mit Georg Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

MM: Der Spielplan dieser Saison ist dominiert von Alfred Paul Schmidt, Brecht, Horvath, Hochwälder, Boris Vian … Sie glauben an das Theater als politische Institution?

Bruno Max: Nicht in dem Sinne, dass jemand unsere Vorstellung sieht, und hinausgeht und die Weltrevolution erklärt. Das glaube ich nicht, ich glaube, dass man am Theater zu den Bekehrten predigt, weil wer ins Theater geht schon eine grundsätzliche Einstellung zur Kultur und zum Humanismus hat. Zu uns kommen Leute, die man nur darin bestärken kann, dass es Sinn macht, sich mit Empathie für andere Menschen einzusetzen, dass man zuhört, dass man auch mal seine Meinung ändern kann, also eigentlich die Grundlagen einer gewissen Solidarität, die dem Theater innewohnt. Es gibt ein reaktionäres Theater, dass Menschen ausschließlich in ihren Vorurteilen bekräftigt, etwas, das Peter Brook einmal das tödliche Theater genannt hat, aber das ist nie in einem Volkstheater-Begriff anzutreffen, in dem wir arbeiten. So gesehen ist Theater immer neophil und nie neophob.

MM: Das glauben Sie wirklich, dass es in Österreich reaktionäres Theater gibt?

Bruno Max: Na, wir alle kennen doch die Bühnen, in denen die dicke Dame auftritt, und der Komiker zeigt mit dem Finger auf sie und sagt: Hahaha hohoho. Das brauche ich Ihnen doch nicht zu erklären. Es gibt schon Theater, wo Menschen denunziert werden. Aber Theater eignet sich nicht wirklich, um Vorurteile zu bestätigen. Was es machen kann, ist Menschen davon zu überzeugen, ihr Hirn zu benutzen. Und das ist eh  schon was. Wenn man das heute als politisch links betrachtet, dann frage ich mich, wo die Mitte abgeblieben ist.

MM: Mit ihren zwei Ganzjahres- und der Sommerspielstätte in Wien und Niederösterreich sind Sie mit roter und schwarzer Kulturpolitik befasst. Welche ist besser?

Bruno Max: Ich bin gar nicht mit Kulturpolitik befasst, ich weigere mich. Ich kriege gerade so viel Geld, dass sich die, die es uns geben nicht dafür schämen müssen. Es ist trotzdem nicht viel: Für Wien 320.000 €, von Mödling 350.000 €, vom Land Niederösterreich für unsere beiden Spielstätten in Niederösterreich etwa dieselbe Summe und vom Bund 130.000 €. Das heißt, wir erwirtschaften ungefähr ein knappes Drittel von dem, was wir brauchen selbst. Was für ein Nahversorger Theater, das Anspruch und Programm hat, das nicht nur Unterhaltung, sondern auch Haltung liefern möchte, ganz gut ist. Ich bin nicht einer, der in Wien rot und in Niederösterreich schwarz ist. Wenn ich das könnte, wie es ja einige Leute gibt, die das können, die am SPÖ-Landesparteitag sprechen und im Personenkomitee vom Erwin Pröll waren, wäre mein Leben leichter. Ich habe das nie gewollt, ich habe zwar schon Angebote in der Richtung bekommen, aber die waren finanziell immer viel zu niedrig, als dass es sich lohnte ohne Parteipräferenz erworbene Ansprüche gegen so etwas zu tauschen.

MM: Die mäßige Subvention ist umso bedauerlicher, als sie ein großer Arbeitgeber sind. Die Liste der Schauspieler, die bei Ihnen schon gewirkt haben, kann man gar nicht zählen.

Bruno Max: Es sind bald 500 Schauspieler, die in den vergangenen zwanzig Jahren hier gearbeitet haben. Wir haben im Jahr etwa 80 Rollen zu vergeben, ohne den Bunker, der zusätzlich 70 bis 80 Mitwirkende hat. In schlechten Monaten haben wir 30 Angestellte, in guten Monaten haben wir 50. Angestellte! Wir versuchen nicht mit Kooperationsverträgen oder ähnlichem durchzukommen. Als das geändert wurde, weil wir eine gewisse Größe überschritten hatten, hat uns in Wien niemand extra Geld dafür gegeben, dass wir anstellen. Trotz 50 Prozent höherer Lohnkosten. Ich bin seit 1995 in der Scala, die früher ein Boxklub war. Mir wurde nie ein Theater gegeben, ich habe immer Theater gebaut, selbst in Mödling. Das Haus war, bevor wir kamen, ein leerer Mehrzwecksaal. Alles, was darin jetzt Theater ist, haben wir uns erarbeitet. Und die Schauspieler sind froh, dass es nun eine durchgehende Versicherung gibt, die einmal einen Krankenstand möglich macht.

MM: Hinter den Kulissen?

Bruno Max: Arbeiten wir minimalst. Wir haben zwei Vollzeitkräfte in der Verwaltung für drei Theater, die auch den Kartenverkauf stemmen, ich habe einen Putzmann, der beide Häuser reinigt, ich habe zwei angestellte Techniker für beide Häuser, die helfen einander gegenseitig. Und mich gibt es noch. Ich habe vor Jahren aufgegeben, mir Gagen für Regie und Bühnenbild auszuzahlen, weil die SVA mir das ohnedies wegnimmt. Die Sache ist ja so, dass man gar nicht in der Lage ist, um höhere Subventionen einzureichen. Bei der Stadt Wien ist es so, dass die sagen, was man kriegt, und dann muss man schauen, dass man mit seiner Kalkulation dahin kommt. Das ist sehr pervers, weil es ein bisschen was davon hat, dass ein Verhungernder schriftlich bestätigen muss, dass er auf Diät ist hat.

MM: Und die Auslastung?

Bruno Max: Geht konstant nach oben. Wir haben die vergangene Produktion in Mödling ausverkauft zugesperrt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir den kontinuierlichen Austausch mit dem Publikum suchen, anders als ein einzelnes Stück abzuschießen und nächste Woche mit einem anderen Gemischtwarenladen zu kommen.

Mit waschechtem Gollum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und einem wirklichen Drachen: Hans-Jürgen Bertram. Bild: Bettina Frenzel

MM: Sie selbst stemmen zweieinhalb Intendanzen, vier Inszenierungen im Jahr und einmal, zweimal treten Sie auch als Schauspieler auf. Wie geht sich das aus?

Bruno Max: Und ich mache meistens noch zwei Bühnenbilder. Es geht sich aus. Ich lebe halt sieben Tage die Woche im Theater. Gottseidank ist meine Frau selber Schauspielerin und versteht das und arbeitet mit und spielt mit. Aber jetzt beispielsweise, wo ich in Mödling eine große Premiere und in Wien die „Zwiebelringe“ habe, wird’s definitiv der gewöhnliche 13-Stunden-Tag.

MM: Haben Sie bei den „Zwiebelringen“ auch einen Gastauftritt?

Bruno Max: Nein, aber es gibt sehr viele Soundeffekte, und ich sitze bei den meisten Vorstellungen daneben und sorge dafür, dass sämtliche Zaubertricks funktionieren. Wir machen jedes Jahr ein Minimum an drei Ur- und Erstaufführungen, die anderen sind Texte, an die sich andere Truppen höchstens in Form von Überschreibungen heranwagen. Mir ist es wichtig, dass zum Theater auch ein Autor gehört, und man dessen Absichten nicht sklavisch folgen, aber hören muss. Beispielsweise ist es jetzt sehr schwierig, wir planen als nächste Mödling-Premiere Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ …

MM: Und die Brecht-Erben …?

Bruno Max: Gar nicht. Die Dessau-Erben. Außerdem ist es schwierig, den guten Menschen nicht als Gutmenschen, der die Schnorrer durchfüttert erscheinen zu lassen, und Applaus von der falschen Seite zu bekommen. „Wackerer Kapitalist bringt arbeitsscheues Gesindel am Ende zum Hackeln“, das kann’s nicht sein. Das ist schwer, wie Brecht selbst weiß. Wenn’s heißt: „Wir sind zerschmettert  und nicht nur zum Scheine! Wir stehen betroffen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Sucht euch selbst den Schluss, es muss ein guter da sein. Muss, muss, muss!“ Das ist einmal ein Brecht, wo der Brecht nicht so selbstbewusst erscheint. Brecht ist ein Aufklärer. Die Aufklärung will die Herausführung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit – und Brecht würde das selbstverschuldet nicht unterschreiben, weil die Gesellschaft das verschuldet. Die Menschen sind schlecht aus der Not …

MM: Von Brecht gibt es auch das Zitat der „allerdümmsten Kälber“. Was erwarten Sie als Kulturschaffender von der kommenden Politik?

Bruno Max: Das ist schwer zu sagen. Kultur war nie ein Kampffeld für die ÖVP. Im Gegenteil, es ist uns in Wien unter einem schwarzen Kulturstadtrat nicht schlechter gegangen. Es war sogar leichter den Diskurs zu finden, aber das liegt an der jeweiligen individuellen Schwerpunktsetzung. Die FPÖ hat eine Ansage gemacht, dass sie prinzipiell Kulturförderung ablehnt, Kultur soll sich selbst finanzieren, mit der Begründung, Theater kommt in erster Linie den Wohlhabenden und Gebildeten zugute, weil wer anderer geht nicht hin. Unsere Kartenpreise beginnen für die Nichtwohlhabenden bei null Euro. Wir haben das Abkommen mit „Hunger für Kunst und Kultur“, bei uns kann man mit entsprechender Berechtigung auch beim Dinnertheater umsonst reingehen. Da rufen schon Leute an und sagen zwei Mal Abendessen umsonst plus Theater, das ermöglichen wir auch. Unsere teuerste Karte in Mödling kostet 30 Euro – also so viel von wegen die Wohlhabenden. Und was die Unbildung betrifft, das ist nichts Respektables. Vielleicht nichts Selbstverschuldetes, aber nichts auf das man stolz sein sollte.

MM: Wie also sehen Sie Ihr Theaterpublikum?

Bruno Max: Unser Publikum sind Menschen, die bereit sind, sich eine Geschichte erzählen zu lassen, und nicht von vorneherein ihr Vorurteil mitbringen und darüber nicht diskutieren wollen. Im Theater trifft man die Menschen aufmerksam, niemand geht ins Theater, um nicht zuzuhören. Das ist spannend, und vielleicht nicht immer im Sinne der Politik, aber teilweise kann man den Leuten Ideen nahebringen, die ihnen vor dem Kommen noch nicht nahe waren. Damit Sie sagen, da schau her, das habe ich noch gar nicht bedacht. Und das machen wir mit guter Unterhaltung: Ihnen mit einem Stück Zucker auch bittere Pillen zu verabreichen.

Die Rezension „Der Herr der Zwiebelringe“: www.mottingers-meinung.at/?p=27270

www.theaterzumfuerchten.at

2. 11. 2017

Schubert Theater: Der Herr Tod und seine Freunde

Dezember 4, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Figurentheater, zum Sterben schön

Bild: Schubert Theater

Bild: Schubert Theater

Während Nikolaus Habjan am Volkstheater in den Bezirken auf Hochtouren seine Produktion „Das Wechselbälgchen“ probt (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=16438), arbeitet man auch an seinem eigenen Haus an einem aktuellen Projekt: Am Schubert Theater hat am 12. Dezember das Figurentheaterstück „Der Herr Tod und seine Freunde“ Premiere. In vier Episoden erzählt der Regisseur und Theaterdirektor Simon Meusburger über das Sterben. Und das zum Sterben schön.

Jeder Mensch beschäftigt sich im Laufe seines Lebens mit dem Tod. Zumindest einmal. Warum ist dieser Zustand, der am Ende jedes Lebens steht, von derart großer Faszination, dass er Komponisten, Schriftsteller und Maler gleichermaßen inspiriert? Vielleicht, weil er der kleinste gemeinsame Nenner von allem ist. Der Tod kennt keine Nationalitäten, keinen Status, kein Geschlecht, keine Religion. Im Tod sind alle gleich. Er verleiht dem Tun Bedeutung, indem er das Dasein auf unbekannte Zeit begrenzt und einen dadurch zwingt, ernst zu nehmen, was man tun. Denn es könnte das letzte sein.

Eigentlich also ein guter Freund, der Herr Tod. Trotzdem fürchtet man ihn zuweilen. Weil man nie weiß, wann und wen er als nächstes besucht. Weil man diesen Zustand nicht verstehen kann. Nicht akzeptieren will. Darum bekämpfen die Menschen ihn gelegentlich, verdrängen ihn. Leugnen ihn. Dennoch möchte das Schubert Theater sich diesem Zustand nähern. „Der Herr Tod und seine Freunde“ ist ein Versuch zu verstehen, den Tod zu vermenschlichen. Ihm ein Gesicht, eine Figur zu geben. Um ihn sicht- und begreifbar zu machen, vielleicht auch nur um mit ihm zu plaudern. Vier Episoden von vier Autoren. Todtraurig und zum Totlachen. Oder tödlich spannend. Vier Annäherungen an einen Zustand, an einen Freund, der uns viel näher ist als wir gerne glauben.

Buch: Christoph Hackenberg, Bianca Meusburger-Waldhardt, Simon Meusburger. Puppendesign und -bau: Christoph Bochdansky, Claudia Six, Lisa Zingerle. Figurenspiel: Christoph Hackenberg, Andrea Köhler und Franziska Singer.

schuberttheater.at

Wien, 4. 12. 2015

Salon5: Herr Grillparzer fasst sich ein Herz …

Oktober 14, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Riess schickt den Dichter auf Reisen

Autor Erwin Riess Bild: (c) Alexander Golser:

Autor Erwin Riess
Bild: (c) Alexander Golser:

Am 20. Oktober hat im Salon5 die Dramatisierung von Erwin Riess‘ Erzählung mit dem überlangen Titel „Herr Grillparzer fasst sich ein Herz und fährt mit einem Donaudampfer ans Schwarze Meer“ Premiere. In dem berührenden Kammerspiel ergreift Österreichs Nationaldichter im Jahr 1843 die Flucht vor dem Wiener Vormärz-Mief. Auf dem Schiff wird er von der ungarischen Stewardess Csilla betreut, die sich an Bord vor ihrem Dorfpfarrer versteckt. Ihre kluge Ungeschliffenheit und jugendliche Erotik erwecken sein Interesse, auch sie fühlt sich zu dem alternden Dichter mehr und mehr hingezogen. Zwischen den beiden Unbeugsamen entwickelt sich eine verletzliche Zuneigung: „Meine Homerlektüre ist ins Stocken gekommen, seit sie den Likör serviert.“ In der szenischen Einrichtung von Jérôme Junod sind Saskia Klar und Horst Schily zu sehen.

Zum Autor:

Erwin Riess, geboren 1957 in Wien, ist Publizist und Politikwissenschaftler. Er arbeitete zunächst als Verlagslektor. Nach einem Rückenmarkstumor selbst Rollstuhlbenutzer, engagiert er sich für die Anliegen behinderter Menschen in der Gesellschaft. Seit 1994 lebt er als freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Theaterautor und Verfasser von absurden Kriminalromanen, er verfasst außerdem Hörspiele und Drehbücher. Sein Stil zeichnet sich durch hintersinnigen Witz und der Darstellung einer omnipräsenten Ignoranz der Gesellschaft aus, mit der Riess bis zum Sarkasmus gesteigert abrechnet. Seine berühmteste Figur ist die des Floridsdorfer Rollstuhlfahrers und Schiffsfanatikers Groll (in Erzählungen und mittlerweile fünf Romanen), der in absurden Situationen gegen bei Architekten und Politikern gleichermaßen verbreitete „Barriere“-Blindheit ankämpft. Riess‘ Geschichten bestechen durch die unerschöpfliche Ausdauer, mit der er gegen das unfaire Wüten des Schicksals anschreibt und sich im Hindernislauf des Alltags behauptet. Groll-Storys erscheinen im Augustin, Riess-Bücher im Otto-Müller-Verlag: www.omvs.at Ein weiteres Stück von Erwin Riess wird derzeit im Belvedere gezeigt: „Der Zorn der Eleonore Batthyány. Ein Theatermonolog über den abwesenden Prinzen Eugen“ mit Johanna Orsini-Rosenberg in der Regie von Karl Baratta: www.belvedere.at
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Wien, 14. 10. 2015