Burgtheater: Schlechte Partie

Oktober 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Puppenstube mit Pistole an der Wand

Paratow beschenkt Larissa, Karandyschew hat das Nachsehen: Marie-Luise Stockinger, Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, hinten: Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dass Alexander Ostrowskij bei seinen Zeitgenossen beliebter als Tschechow gewesen sei, weil seine Figuren näher an ihrem Leben, das wurde Alvis Hermanis in diversen Interviews vorab nicht müde, als den Grund zu betonen, warum er dessen „Schlechte Partie“ mit nach Wien gebracht habe. Mit seiner Inszenierung am Burgtheater trägt der lettische Regisseur wenig dazu bei, Ostrowskijs Ruhm in die Neuzeit zu retten.

Seine Arbeit ist ein Augenschmaus für theaterhistorisch Interessierte, ein animierter Ausflug in die Vor-Stanislawski-Zeit des russischen Theaters, angenehm betulich und über weite Strecken amüsant, aber … Alexander Ostrowskij trägt er damit nicht Rechnung. Der Dramatiker, einer der Mitbegründer des zaristischen Nationaltheaters und ein begnadeter Komödienschreiber, verstand es in vorgerückten Jahren durchaus, seine Kritik an den Menschen und ihrer mangelnden Moral in seinen Stücken anzubringen. Auch die „Schlechte Partie“ ist zu diesem Spätwerk zu zählen, in dem im Zarenreich nicht alles so golden ist, wie die Kuppeln der Christ-Erlöser-Kathedrale glänzen.

Geht es doch um das so zeitlose wie durchaus wieder moderne Thema des Menschen als Ware. Als „Objekt“ mit zu bestimmendem Marktwert – dies sogar wortwörtlich im Text -, das die, die sich’s leisten, ohne Skrupel zum eigenen Vorteil käuflich erwerben können. Der Stachel sitzt in der Sache, und ihn tiefer ins Fleisch der Zuschauer zu treiben, hätte sich gelohnt. Bei Hermanis aber ist die „Schlechte Partie“ in erster Linie eine Saufpartie.

„Schlechte Partie“ erzählt von der unglücklichen Larissa Dimitrijewna, die im von ihrer verarmten Mutter, der Ogudalowa, geführten Salon, den Herren zu Gefallen vorgeführt wird. Larissa muss tanzen, singen, sich taxieren lassen, und die Ogudalowa lässt derweil die diversen Anbeter Geschenke für die Tochter drei Mal, vier Mal kaufen, um sich Geld zu verschaffen. Vor einem Jahr noch war Larissa mit dem Reeder Paratow verlobt, doch der hat sich, weil durch eine List seiner Verwalter um große Teile seines Vermögens gebracht, erst aus dem Staub, dann an eine Millionenerbin herangemacht.

Larissa verlobte sich daraufhin mit „dem Nächstbesten“, dem Postbeamten Karandyschew, den sie und alle anderen als weit unter ihrem Niveau betrachten. Und dann ist Paratow wieder da, mit dem Plan seinen Junggesellenabschied vor der reichen Heirat im Bett mit Larissa zu feiern. Hermanis lässt das Drama zwischen Blümchen- und Streifentapeten ablaufen. Mit der ihm eigenen Liebe zum verspielten Detail gestaltet er stilecht Puppen- und Wirtsstuben, er drapiert Spitzendeckchen auf Sofas, befüllt Vitrinen mit kostbarem Glas und die Wände mit Bildern. Für sein Bühnenbild griff er auf Originalentwürfe aus der Zeit Ostrowskijs zurück, die Kostüme von Kristine Jurjane dazu passend.

Paratow plant seinen sinistren Junggesellenabschied: Nicholas Ofczarek mit Peter Simonischek, Martin Reinke und Fabian Krüger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Knurow macht der Ogudalowa ein unsittliches Angebot für Larissa: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weniger Aufmerksamkeit als der Ausstattung widmet Hermanis, so zumindest der Eindruck, den Charakteren. Seine Inszenierung wirkt, als hätte er beim Unterrichtsfach Psychologisierung von Figuren in der Schauspielschule gefehlt, oder nun den Gegenstand absichtlich geschwänzt. Das hochkarätige Ensemble wird veranlasst, ganz im Stile der russischen Theatertradition, mit großen Gesten und outrierten Gefühlen zu agieren. Da wäre, wäre man nicht an der Burg, Knallchargigkeit vorprogrammiert, doch dank den Herren Ofczarek, Maertens, Reinke und Simonischek kommt es nicht zum Äußersten.

Sie verstehen „Schlechte Partie“ als die abgründige Tragigroteske, die sie ist, und spielen das auch. (In einer der Puppenstuben nämlich hängen Pistolen, und wo Pistolen hängen wird, so will es das Theatergesetz, geschossen …) Nicholas Ofczarek ist als Paratow zu sehen, der zynisch seine Intrige spinnt, mit der unverhohlenen Aussicht, ein Menschenleben zu zerstören. Denn der Ausgang seines Schäferstündchens muss ihm klar sein. Ofczarek gestaltet in seiner Figur das Aufkommen eines Bürgertums, das antritt, um den Adel vom Sockel seiner Existenz zu stoßen.

Zwar dessen Attitüden annimmt, aber im Gegensatz zu den abgebrannten Blaublütern unverhüllten Materialismus lebt. Ofczareks Paratow ist ein Vorgänger des Lopachin, er spielt ihn allerdings – bildlich gesprochen – mit funkelnd rollenden Bösewichtaugen. Er wird Larissa schließlich von sich schleudern, wie ein benutztes Schnupftuch. Das „Kapital“ vervollständigen Peter Simonischek und Martin Reinke als die Kaufleute Knurow und Woschewatow, ersterer mit weißem Rauschebart noch irgendwie Typ anlassiger Opi, zweiterer mit seiner schneidenden Stimme eindeutiger auf der Lauer nach Larissa.

Wie die beiden um sie eine Münze werfen, wie Knurow dem Mädchen ganz offen anbietet, ihr für Gegenleistungen eine lebenslange Rente zu zahlen (gerade dieser Tage wieder ist ein „Mächtiger“ als Frauenbedränger im Gerede), das ist der Kern des Stücks. Das übrigens, und hieran zeigt sich, wie Hermanis irrt, als einziges von mehr als 50 Stücken Ostrowskijs von seinen Zeitgenossen abgelehnt wurde, und bei den Premieren in Moskau und St. Petersburg durchgefallen ist. In der Figur des „Robinson“ beklagt der Autor das Künstlerschicksal, Fabian Krüger als abgehalfterter, trunksüchtiger Schauspieler, der sich von seinen Gönnern zum Affen machen lassen muss.

Paratow ist am Ziel …: Nicholas Ofczarek und Marie-Luise Stockinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… Karandyschew ist am Ende: Michael Maertens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und dann ist da der zweite Ausgestoßene aus der selbsternannt besseren Gesellschaft: Michael Maertens als Karandyschew. Der kleine Beamte, der ewig Gedemütigte, im Infight mit dem schneidigen Abenteurer Paratow. Wie Maertens den unsympathischen Spießer mit der Großmannssucht mit Tragik und szenischer Wahrhaftigkeit gibt, das ist große Kunst. Sowohl Tränen als auch den Wahnsinn im Auge, heischt er um die Gunst der anderen, lädt zum Essen ein, versteht nicht, dass er Spielball einer immer noch hierarchiesüchtigen „Herrschaft“ ist.

Er wird von Paratow und seinen Spießgesellen betrunken gemacht, um Larissa betrogen – und: reißt die Pistole an sich … Als Larissa wird Marie-Luise Stockinger so lange unter Krinoline, Kokoshniks und Schultertüchern versteckt, dass sie fast nicht zum Spielen kommt. Nur dann, wenn sie die vorgegaukelte Naive abwirft und deutlich macht, dass sie ihre Situation sehr wohl klar sieht, hat Stockinger ihre Momente. Die Ogudalowa will Dörte Lyssewski als schlaues „Weibchen“ gestalten, als Larissas private Puffmutter, die sich in der Männerwelt zu behaupten versucht. Auch sie bleibt aber eher blass.

Hermann Scheidleder und Hans Dieter Knebel als Wirtspersonal Gawrilo und Iwan komplettieren das Ensemble nach der Devise: „lustige Elemente“. Zum Schluss macht sich eine Figur durch ihren Tod vom Objekt zum Subjekt. Da leuchtet noch einmal auf, wie viel in der „Schlechten Partie“ Gutes steckt. Hätte sich Hermanis nicht entschlossen, verschroben-altvaterische Tableaux vivants auf Perserteppichen zu arrangieren, dies dreieinhalb Stunden lang, denn bei der Premiere überzog er schamlos um eine halbe, statt Satire zu inszenierten.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2017

Burgtheater: Der Revisor

September 9, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo Hermanis draufsteht, ist Hermanis drin

Dietmar König (Postmeister), Franz J. Csencsits (Doktor der Armenanstalt), Dirk Nocker (Bürger), Martin Reinke (Vorsteher des Krankenhauses und Armenasyls) Hermann Scheidleder (Bürger), Falk Rockstroh (Richter), Michael Maertens  (Bürgermeister) Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dietmar König (Postmeister), Franz J. Csencsits (Doktor der Armenanstalt), Dirk Nocker (Bürger), Martin Reinke (Vorsteher des Krankenhauses und Armenasyls) Hermann Scheidleder (Bürger), Falk Rockstroh (Richter), Michael Maertens (Bürgermeister)
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich „Der Revisor“ am Burgtheater. Zur Saisoneröffnung ein Etikettenschwindel, denn, Premiere ja, einer quasi Wiederaufnahme, hatte Alvis Hermanis, damals noch lettischer Wunderknabe, Gogols Groteske doch schon 2002 an seinem Jaunais Rīgas teātris in Riga inszeniert. Da veränderte sich diese Stadt gerade rasend schnell. Kapitalismus hieß der neue Heilsbringer: Die Balten wollten EU werden und das grau gewordene Mütterchen Russland ins Altenheim abschieben. Hermanis stellte ein Museum auf die Bühne, eine heruntergekommene Werksküche, echte Hühner und unförmige Menschen. „Kommunismus“ atmete es aus jedem abgefuckten Kostüm. Der real existiert habende Sowjetmensch war plötzlich eine bedrohte, ergo schützenswerte Theaterfigur. 2003 wurde Hermanis mit dieser poetischen Arbeit auch im Westen berühmt – und der erste Preisträger des mittlerweile aus Sponsorabsprungsgründen wieder zu Grabe getragenen Young Directors Projekt der Salzburger Festspiele. A Shooting Star was born. Mehr als zehn Jahre später lässt sich feststellen: Hermanis hat seine Kantine konserviert. Also Remake! Daher wohl auch das energische Kopfschütteln auf Nachfragen, ob die Tatsache, dass ein Korruptionsstück … hihihi … eine aufgeführte Intrige … hahaha … ausgerechnet an diesem Haus … hohoho … Hermanis verweigert sich wie immer und diesmal ganz besonders schlüssig, weil Neues ja fehlt, der aktuellen Zeit. Er mag’s lieber verweht-verstaubt.

Was wurde im Wiener Saisoneröffnungsreigen nicht alles über diese Produktion geraunt. Von „Ein Wahnsinniger, vierdreiviertel Stunden!“ über „Fad!!“ bis „Na, da hast nix versäumt.“ Wo Hermanis draufsteht, ist Hermanis drin. Schon anlässlich „Eine Familie“ erklärte er in einem MM-Interview, seine Landleute wären enttäuscht bis aufgebracht, würde man sie nach nur 90 Minuten aus dem Theater werfen, daher dauerten seine Abende geringfügig länger. In „Platonov“ ließ er die Schauspieler bis zur Unhörbarkeit wispern, in „Das weite Land“ schickte er Chicagoer Gangster, bekannt begeisterte Bergwanderer, in die Dolomiten. Kinder, diesmal gibt’s wie gesagt wenigstens echte Hühner auf der Bühne. Und bis zum Überquellen versiffte Toiletten, auf denen nichtsdestotrotz konstant Platz genommen werden muss. Hermanis, der Humorpächter. Auch die vielbemurmelte, weil zu lange stumme Auftaktszene ist zu verschmerzen. (Da hat an der Burg schon einmal eine zwanzig Minuten lang wortlos gebügelt. Weil damals die Kritik von der falschen Seite kam, hat die richtige heftigst applaudiert.) Es ist schwer bis unmöglich, Hermanis vorzuwerfen, dass er Hermanis ist.

Weh tut, dass das beste Ensemble der Welt nicht aus seiner Kauzstarre kommt. Schon vorher hätte man sagen können, wer wie katzbuckeln, naiv lispeln, tragikomisch die Hände werfen, den Hüfteinknick üben wird – und sie haben’s alle genau so getan. Geschah diese virtuose Selbstverwaltung eigentlich mit oder ohne Sanctus des Regisseurs? Warum gerät Komödie an der Burg in der Regel knallchargig? Herrschaftszeiten, kann einer die Türen aufreißen und durchlüften? Oder ist diese Arbeit ein subtiles Signal an die Politik, dass mit Subventionsgeldern in der Höhe von vorgestern nur Theater von vorvorgestern gemacht werden kann?

Schwamm drüber. Ein Hoffnungsschimmer ist am Horizont: Georg Schmiedleitner mit Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“ am Akademietheater.

www.burgtheater.at

Wien, 9. 9. 2015

Gregor Bloéb goes Burg

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Karl Kraus zu Maja Haderlap

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich)
Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb wird auch in dieser Spielzeit am Burgtheater zu sehen sein. Nach seinem Erfolg als Optimist in Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ www.mottingers-meinung.at/?p=10169 (Wiederaufnahme der Koproduktion mit den Salzburger Festspielen aus dem vergangenen Sommer: 17. September), versucht er sich in der Uraufführung von Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“. Premiere ist am 8. September am Akademietheater.

Wieder führt Georg Schmiedleitner Regie; gemeinsam mit der Autorin hat er auch die Bühnenfassung erstellt. Haderlaps 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichneter Debütroman ist eine Familiengeschichte und die Geschichte der Kärntner Slowenen. Erinnert wird eine Kindheit in den Kärntner Bergen. In ihrem Buch beschwört Haderlap die Gerüche des Sommers herauf, die Kochkünste der Großmutter, die Streitigkeiten der Eltern und die Eigenarten der Nachbarn. Erzählt wird vom täglichen Versuch eines heranwachsenden Mädchens, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Zwar ist der Krieg vorbei, aber in den Köpfen der slowenischen Minderheit, der die Familie angehört, ist er noch allgegenwärtig. In den Wald zu gehen, hieß eben „nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln“ , es hieß, sich zu verstecken, zu flüchten, sich den Partisanen anzuschließen und Widerstand zu leisten. Wem die Flucht nicht gelang, dem drohten Verhaftung, Tod, Konzentrationslager. Die Erinnerungen daran gehören für die Menschen so selbstverständlich zum Leben wie Gott.  Erst nach und nach lernt das Mädchen, die Bruchstücke und Überreste der Vergangenheit in einen Zusammenhang zu bringen und aus der Selbstverständlichkeit zu reißen – und schließlich als kritische junge Frau eine Sprache dafür zu finden …

Erste Probenfotos lassen erwarten, dass Schmiedleitner mit seiner Inszenierung die sinnlich-poetische Atmosphäre des Erinnerungsromans auf die Bühne zu bringen versteht. Bloéb spielt den Vater, Petra Morzé die Mutter, Elisabeth Orth die Großmutter. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind das Junge und das Alte Ich. Weitere Rollen verkörpern Sven Dolinski, Sabine Haupt, Michael Masula, Rudolf Melichar und André Meyer.

Saisonstart ist an der Burg am 4. September. Alvis Hermanis inszeniert dafür Gogols „Der Revisor“. Die Besetzung ist naturgemäß first class, mit Fabian Krüger als vermeintlichem Revisor und Maria Happel und Michael Maertens als Bürgermeisterpaar. Gregor Bloéb bleibt auch dem Theater in der Josefstadt, wo er als Jägerstätter www.mottingers-meinung.at/?p=4764 anrührte, erhalten. Er steigt ab 12. September wieder als Felix MitterersDer Boxer“, Johann „Rukeli“ Trollmann www.mottingers-meinung.at/?p=13581 , in den Ring.
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www.burgtheater.at

Wien, 17. 8. 2015

Im August in Osage County

Februar 28, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Meryl Streep und Julia Roberts im Duell der Diven

Julia Roberts und Meryl Streep Bild: Tobis Film

Julia Roberts und Meryl Streep
Bild: Tobis Film

Der Stoff ist bekannt. Alvis Hermanis inszenierte Tracy Letts‘ mit dem Pulitzer Preis (und fünf Tonys für die Broadway-Fassung) ausgezeichnetes Stück 2009 am Akademietheater. Unter dem Titel „Eine Familie“.  Und starbesetzt mit Kirsten Dene, Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski, Barbara Petritsch, Sylvie Rohrer, Martin Reinke, Falk Rockstroh, Dietmar König und Michael König. Nun zieht Hollywood nach. Regisseur John Wells bringt „Im August in Osage County“ – trotz Protesten des Dramatikers und Drehbuchautors nicht in der Original-US-Theaterbesetzung – auf die Leinwand. Als Kammerspiel, in meist abgedunkelten Räumen, ohne Chichi und Trara. Wells will die Bühnenherkunft der bitterbösen Tragikomödie gar nicht verschleiern. Das tut dem Ganzen gut. Er lässt den Vorarbeitern der Traumfabrik Raum. Und die entfalten sich prächtig. Allen voran Julia Roberts  als Barbara und Meryl Streep als Violet. Beide Damen waren für einen Golden Globe nominiert und sind es für einen Oscar.

Violet ist die Matriarchin einer Familie aus Oklahoma. Da ihr alkoholkranker Mann Beverly auf rätselhafte Weise ums Leben kam, finden sich die Familienmitglieder zur Beerdigung zusammen. Man hat einander lange nicht gesehen und diesen Zustand durchaus genossen. Violets herrische Art, ihr Zwang stets sofort auszusprechen, was sie  denkt, macht den Aufenthalt im Elternhaus zur Hölle. Für die Töchter Barbara und Karen, die erstmals mit ihren Lebenspartnern in ihre Heimatstadt reisen. Für Ivy, die bei Violet wohnen blieb. Außerdem kommt Violets Schwester Mattie Fae mit ihrem Mann und ihrem Sohn zur Trauerfeier. Obwohl alle Beteiligten das Ereignis möglichst schnell und friktionsfrei hinter sich bringen wollen, reizt Violets Zynismus schließlich alle zu Aussagen, die pünktlich zum Leichenschmaus allerlei dunkle Familiengeheimnisse ans Licht bringen …

„Im August in Osage County“ ist ein Frauenfilm. Streep, Roberts und Juliette Lewis als Karen sind derart brillant, dass die Kollegen Ewan McGregor (Barbaras Nochehemann Bill; man ist schon mitten drin in der Scheidung, will aber darüber schweigen, was natürlich nicht gelingt), Benedict Cumberbatch (als Mattie Faes problematischerSohn) und Sam Sheperd, ein Rückblenden-Beverly, schwer dagegen ankommen. Wiewohl auch sie fantastisch sind. Meryl Streep gestaltet die tablettensüchtige Violet – die Dene-Rolle – hart am Rande des Abgrunds. Und mit jenem Mut zur „Hässlichkeit“ (im Guck-mal,-nur-schöne-Leute-Business heißt das ja was), den man an der großen Schauspielerin immer wieder bewundern darf. Mit bröckelnder Fassade, Make-up und Perücke gehen im Laufe der Entgleisung verloren, lebt sie ihre seelischen Qualen, lang unterdrückte Begierden aus. Ist immer auf der Suche nach einem neuen Opfer für einen Schlagabtausch. Will verletzen – und verletzt vor allem ihre älteste, Barbara. Die spielt Julia Roberts zunächst noch mit hart erarbeiteter, hochdisziplinierter Zurückhaltung. Doch man merkt schon: Da brodelt’s unter der Oberfläche. Die angestauten Aggressionen brechen sich am Esstisch Bahn; wie Furien fallen die Frauen übereinander her.

Das ist großes Kino. Ein Familienk(r)ampf auf höchstem Niveau. Wie sich hier alles ums Geliebtwerdenwollen und Ungeliebtsein dreht, ist fast wie echt. Verwandte sind eben eine ererbte Krankheit. Mit den übrigen Leuten identifiziert man sich per Zufall.

Zu sehen ab 7. März.

www.augustosagecountyfilm.com

www.imaugustinosagecounty.de

Wien, 28. 2. 2014

Interview mit Peter Simonischek

Februar 9, 2013 in Bühne

05.12.2011, von Michaela Mottinger,http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

Ein böser Bube mit seinen Femmes fatales

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis inszeniert an der Burg „Das weite Land“ als Film noir. Peter Simonischek spielt den Hofreiter. Samstag ist Premiere.

In sein Tagebuch notierte Arthur Schnitzler im April 1910: „Finde das Stück gut – ja möglicherweise zu gut für einen Theatererfolg.“

„Wirklich?“, fragt Peter Simonischek. „Nicht schlecht. Das war ein sehr g’scheiter Mann. ,Das weite Land‘ ist zu gut, weil zu akribisch ausformuliert.“ Dann fragt er: „Was soll ich dazu sagen?“

Nix. Wird schon schiefgehen. Samstag hat das Stück am Burgtheater Premiere, inszeniert vom lettischen Regisseur Alvis Hermanis. Und weil der vor dem Sommer keinen künstlerischen Weg zu Klaus Maria Brandauer fand, gibt nun Simonischek den Glühbirnenfabrikanten Friedrich Hofreiter.

Simonischek ist auch ein fantastischer schwer verliebter Porfirij Semenovic Glagoljev in Hermanis‘ „Platonov“ am Akademietheater.

Seit 2003 verfolgt der Schauspieler die Arbeit des Theatermachers. Da gewann Hermanis mit Gogols „Revisor“ das Young Directors Project der Salzburger Festspiele; der damalige „Jedermann“ saß in der Jury: „Und ich hab‘ ihn auch gewählt!“

Mit echten Eiern

Über das Denken vieler „Aha, das ist der mit dem Hyperrealismus, der auf der Bühne Eierspeis mit echten Eier kocht!“ amüsiert man sich dieser Tage gemeinsam.
„Das weite Land“ wird ganz anders. Ein Film noir.

Zwei Dutzend DVDs hat Hermanis an seine Darsteller verteilt. Als Hausaufgabe. Fritz Lang, Otto Preminger, George Cukor ist die Verwandtschaft, in der man sich sehen will. Einen „Stresstest für Schnitzler“ nennt Simonischek diese ganz andere, erfrischend unösterreichische Herangehensweise ans Theatermonument, „dessen Vokabular, veritabel wie psychisch, in seiner Divergenz zwischen Gesagtem und Gemeintem in Wien ja jeder Hausmeister kennt“.

Und nun das alles im Krimistil der 40er-Jahre? „Ja, der hat einen ganz eigenen Kodex. Die Frauen sind schön, schillernd, vielschichtig, Femmes fatales, wie Lauren Bacall und Joan Crawford. Sie treiben die Männer ins Verderben, in den Tod.“

Und die Männer?
Welche Frage.
„Sind halt richtige Männer. Und gehen reihenweise an diesen Frauen zugrund‘.“

Macht + Sex = Crime

So schön, dass sie die Männer ins Verderben treibt: Dörte Lyssewski als Genia
So schön, dass sie die Männer ins Verderben treiben: Frauen bei Schnitzler

Man müsse bei Schnitzler, so Peter Simonischek weiter, „das Senkblei in die Tiefe, in die verborgenen Absichten, in die Getriebenheiten hinablassen. In die sexueller Natur und in die an den Willen zur Macht geknüpften.“

Hofreiter, sagt er, stolpere über seine Profilneurosen, über seine Vorstellung von Männlichkeit. „Er ist ein einsamer Wolf. Und als Macho, Macher, Machtmensch, ein Objekt weiblicher Begierde. Abgeschleppt werden ja immer die bösen Buben. Spirituell ist er aber, glaube ich, ein Zwergerl. Als die Liebesfähigkeit verteilt wurde, ist der in einer Grube gesessen, wie wir Steirer sagen.“

Als seine Frau Genia einmal statt ihm fremdgeht, „will er nicht der Hopf sein“.
Ergo: Duell. Ergo ist Nebenbuhler Otto von Aigner tot.
Dass er sich all das überlegen darf, die Feinheiten seiner Figur, ihre Möglichkeiten, sieht Simonischek als Hermanis‘ Verdienst: „Das kann nämlich nur jemand machen, der vor den Schauspielern Respekt und Achtung hat. Und vor allem ein gutes Verhältnis zur Macht. Alvis ist nicht glücklich, wenn lauter Marionetten auf der Bühne herumhampeln, die jede Geste so ausführen, wie er das entschieden hat. Er ist nie despotisch. Solche Neurosen hat er nicht.“
Nachsatz: „Dafür eine unglaubliche Theaterpratzn.“

Apropos, Duell:
Die Szene ist Sollbruchstelle vieler „heutig“ sein wollender Inszenierungen. Im Film noir passt sie wahrscheinlich?

Es muss krachen

„Ihr Wort in Gottes Ohr!“, lacht Simonischek. „Wir machen uns schon Gedanken, wie’s rüberkommt, wenn zwei Männer mit Waffen aufeinander losgehen. Aber in diesem Genre g’hört’s dazu, da muss es krachen.“

Zum Stück: Aufgeführt von einer Reihe großer Namen

Das weite Land wurde 1911 uraufgeführt. Inhalt: Der Wiener Fabrikant Hofreiter bricht mehrfach die Ehe, will aber seiner Frau Genia einen Seitensprung (in den er sie getrieben hat, um nicht der einzige Fremdgänger im Haus zu sein) nicht verzeihen. Er tötet seinen Nebenbuhler im Duell, ist aber Ehrenmann genug, dass er sich den Behörden stellen will.

Inszenierung: In der Regie von Alvis Hermanis spielen Peter Simonischek und Dörte Lyssewski die Hofreiters. Außerdem im Ensemble: Corinna Kirchhoff, Kirsten Dene, Michael König, Falk Rockstroh und Lucas Gregorowics als Otto von Aigner.

Vorläufer: Frühere „Weite Land“-Inszenierungen an der Burg:
1961, Regie: Ernst Lothar, mit Attila Hörbiger und Paula Wessely.1978, Regie: Otto Schenk, mit Helmuth Lohner und Gertraud Jesserer. 1999 Regie: Achim Benning, mit Karlheinz Hackl und Regina Fritsch.

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

„Das weite Land“ im falschen Film

Alvis Hermanis zeigt an der Burg Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ als Film noir. Und wird dafür heftig ausgebuht.

Es geht sich nicht aus. Beim besten Willen nicht. Und zwar nicht einmal deshalb, weil im Film noir eher selten auf „Aigner Türme“ berggewandert wird und so gut wie nie Fähnriche der Marine zu Südsee-Expeditionen aufbrechen wollen. Es geht sich nicht aus, weil es nie geht, monothematische Konzepte käseglockig über schillernd Vielschichtiges zu stülpen. Noch dazu, wenn der Aufschichter Arthur Schnitzler war.

Sex & Crime

Regisseur Alvis Hermanis hat dessen „Weites Land“ also als Film noir interpretiert. Das passt auf den ersten Blick gut. Mit den moralisch fragwürdigen Antihelden, den Femmes fatales, Betrügereien, Sex & Crime. Hermanis hat seine wie immer detailverspielte Inszenierung durchkomponiert. Er zieht seine Idee durch. Eisern. Das beginnt mit Thrillermusik, vom Wind geblähten Vorhängen, sinistren Schatten hinter Jalousien, alles in Schwarz-Weiß-Grautönen. Und endet mit dem Duell Hofreiter/Otto, das nicht gezeigt wird, sondern stattdessen auf Leinwand eine Schießerei aus „Der dritte Mann“. Dazwischen wird alles gepackt, was „Suspense!“ oder „Whodunit?“ oder „Hände hoch, du Genre!“ schreit.

Die Frauen, Dörte Lyssewski als Genia, Katharina Lorenz als Erna, sind delikat, lasziv, nervös, und rekeln sich über die Requisiten, bis das Strumpfband blitzt. Die Männer sind ganze Kerle, hart, verhärmt, und nehmen den Hut nur ab, um sich die Haare glatt zu streichen.

Spillane & Selfman

Jeden Moment muss jetzt Mickey Spillane um die Ecke biegen. Zumindest jedoch der Selfman. Billardstöße und Bananen werden für erotische Ersatzhandlungen verwendet. Hofreiters abgelegte Geliebte Adele (Stefanie Dvorak, vom Wahnsinn umzingelt) will ihn mit einem Stromkabel erdrosseln. Falk Rockstroh versucht als Doktor Mauer seinen Patienten letzte Geheimnisse per Sigmund-Freud’scher Hypnose abzuringen. Ein kühnes Unterfangen, bei einer Inszenierung, die letztlich geheimnislos ist. Obwohl dank dieser „Gags“ viel gelacht wird. Vom selben Publikum, das später in einen Buh-Orkan ausbrechen wird.

Die Farbe Grau ist ungesättigt. Das war auch das Burgensemble. Eingezwickt in Hermanis‘ Rollenstereotype ging ihm nach und nach das Gestaltungsrepertoire aus. Es ist beinah eine Kunst, Größen wie Dene, Kirchhoff, Reinke, Knaack so uninspiriert zu lassen. Lucas Gregorowicz als Marineoffizier Otto etwa fehlt alles, was man zu k.u.k. Zeiten Schneid nannte. Peter Simonischek als Hofreiter rettet sich (allein schon durch seine Art die Sätze zu betonen) in den Mutter-Witz.

So wird der Text leicht hingesprochen. Die Gesellschaft spielt, nichtige Konversation und tändelnde Posen. Wenig Spur von Schnitzler, dem Meister der indirekten Aussage. Allein Michael König zeigt mit seinem Auftritt als Doktor von Aigner, dass da ein Dämon lauert. Ihm gehört er aber auch, der Satz: Die Seele ist ein weites Land.

Fazit: Konzept allein ist auch nicht fein

Stück Uraufgeführt 1911: Glühbirnenfabrikant Friedrich Hofreiter, ein notorischer Fremdgänger, sieht einen Seitensprung seiner Frau gar nicht locker. Er fordert den Nebenbuhler zum Duell, tötet ihn und ruiniert damit auch sein Leben.

Regie Konzept allein ist auch nicht fein. Grau ist ja bekanntlich alle Theorie.

Darsteller Großteils so farblos wie die Inszenierung.