Burgtheater: Mein Kampf

Oktober 10, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist

Und hereinbricht Hitler: Markus Hering als Schlomo Herzl, Marcel Heuperman als Braunauer Bildermaler und Oliver Nägele als Lobkowitz. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Zusammengefasst, das Ganze entwickelt sich vom jüdischen Witz zur Furz-Farce zu einer Brachialgewalt, die durch George Taboris Groteske schlägt, wie die Heiligen Nägel durch Schlomos Hände. Itay Tiran inszenierte am Burgtheater also „Mein Kampf“, er hat sich am Akademietheater als Regisseur schon in „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), als Schauspieler in „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623) von seiner besten Seite gezeigt.

Nun berichtet der im israelischen Petach Tikva geborene Künstler im Programmheft anrührend von seiner „Kämpferin“, Großmutter Deborah Fixler Yahalom, Shoah-Überlebende und Geschichtenerzählerin und Virtuosin eines Überlebenshumors, mit dem sie ihrem Enkel den Horror beschrieb. „Shoah“, sagt Tiran, „ist für sie, wie für viele andere, kein datierbarer Zeitpunkt in der Geschichte, sondern ein Zustand, der anhält und andauert“, und im Interview, dass er, als seine Regiearbeit angefragt wurde, zweifelte, ob er sich mit dem Familientrauma auseinandersetzen möchte, nicht wissend, was er dem in Wien oft und grandios gespieltem Stück an noch nicht Gesagtem hinzufügen könne.

Dies hier erwähnt als Eckpunkte einer Besprechung, die über ein „Ja, so kann man’s freilich auch machen“ hinauskommen möchte, ist es unsachlich zu sagen, man möge von Themen, die einem zu nah sind, die Finger lassen?, kurz: der gestrige Premierenabend hat seine Momente, skurrile und schwere und solche, die es einem nicht leicht machen.

Jessica Rockstroh hat die Vorderbühne mit einem Jossi-Wieler-Rechnitz-Gedächtnisguckkasten zugebaut, ein Vergleich, dem stattgegeben wird, als Frau Tod Herrn Hitler ihren eben rekrutierten Würgeengel nennt. Bis dahin ist es ein mehr als zweistündiger Weg durch diesen gefinkelten Wandverbau, der sich hoch- und wegklappen lässt, die Paneele mal Bett, mal Bügelbrett, und dessen Teile von Anfang bis Ende durchbrochen und zertrümmert werden, wenn die Schauspieler aus ihnen fallen, drängen, drücken. Kein heiles Heim, dafür ein Heil! im Männerwohnheim, der Hitler und der Himmlisch kommen!

Davor, man weiß es, ein heiterer G’tt aus wenig heiterem Himmel, einer, der sich an nichts erinnern kann, solch aktuelle Hinterlist gibt’s von Schnitzel und Flüchtlingsstrom bis zum Jammern der Tödin übers Aussterben der Pandemien (Publikum: Gelächter!). Der Herr und sein Auserwählter sind, man weiß auch das, Koscherkoch Lobkowitz und Buchhändler Schlomo Herzl, Oliver Nägele und Markus Hering, und im Wortsinn über die beiden hereinbricht Marcel Heuperman als Hitler. Der sich erst in einer hochgeschraubten Schwadronade, dann seinen Darm in einen Kübel entleert. Scheiße aus allen Körperöffnungen, wie gesagt, am Furz- und Kotztheater wird hier nicht gespart. Heupermans unappetitlicher Hitler ist ein Theatraliker ennet der Grenze des Geschmacklosen.

Hering, Heuperman und Hanna Hilsdorf als Gretchen, hi.: Huhn Birne als Mizzi. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Ein händewachelndes Ojojoj der Menschenopfer: Makus Hering und Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Rekrutiert ihren Würgeengel: Sylvie Rohrer als Frau Tod und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Itay Tiran, und dies sein Pluspunkt, stellt die Schauspieler in den Mittelpunkt, er gibt ihnen all den Raum, der zwischen drei Wänden möglich ist. Es ist ein einfaches, ein Armes Theater, das er zeigt, mit einem Stück Kreide zeichnet Herings Schlomo Hitlers neues Zuhause wie den Teufel an die Wand; die Kostüme von Su Sigmund wie aus der Kleidersammlung, Trainingsbuxe, Bademantel, die Kippa eine Strickmütze. Heuperman ist ein feistes, berserkerndes Baby, ein hysterisch wütendes Kleinkind, kindisch-grausam, sobald es nicht nach seinem Kopf geht, die schmutzigen Strümpfe auf Halbmast, die versiffte Unter- eigentlich eine beständig rutschende Windelhose, die Heuperman ebenso beständig über dem nackten Hintern hochzieht.

Hering und Nägele geben sich als zwei Käuze, die mit einem händewachelndem Ojojoj ihre Opferbestimmtheit kundtun, Lobkowitz schon ein jenseitiger Mehlzerstäuber, Herzl noch ein herzergreifend Verzweifelter – am jüdischen Glauben und am jüdischen Witz, der mit mütterlichem Masochismus den Braunauer Bildermaler zum Massenmörder stylt und coacht. In diesem Szenario ist allerlei Bärtchen- und Youth-Cut-Slapstick möglich, so weit, so schön läuft der Abend am Schnürchen, mit komischen Typen und ihren Hals- wie Wortverdrehern. Jede Pointe sitzt, auch wenn man hier bereits den Sinn für Taboris nadelspitzen Sarkasmus und seine beißende Tieftraurigkeit vermisst.

Den schönsten und sie bestimmenden Moment schöpft Itay Tirans Aufführung aus der Verkehrung von Schlomo Herzls Satz zu seinem Buch, titelgebend: „Mein Kampf“, der bei Deborah-Enkel Tiran als Schlomos „letzte Chance endlich zu vergessen, woran ich mich seit meiner Jugend erinnern muss“ dasteht. Lässt er doch den Hering bei ins Gelbe gedimmten Standbildern die Mitakteure nach Schlomos Willen arrangieren, auf dass seine Inszenierung unter greller Glühbirne Szene für Szene ins Grauen entgleise.

Herings Schlomo Herzl mit der KZ-Tätowierung auf dem Unterarm fantasiert aus dem Orkus die Schlächter neu herbei. Und er weiß es und er kann es nicht verhindern, kann das Geschehene nicht umschreiben. Aus seinem Transistorradio hört man HC Strache im Wahlkampfmodus. Geschichte wiederholt sich nur als Farce, um Karl Marx abzukürzen.

Keine Akademie? Hitler ist am Boden zerstört: Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Der Schnauzer wird zum Bärtchen gestutzt: Markus Hering und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Goldene Göttin statt deutsches Mädl: Markus Hering und Hanna Hilsdorf, hi.: Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Und wieder wird ein Jude gekreuzigt: Rainer Galke als Himmlisch und Markus Hering. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Von der allerdings ist Tiran mittlerweile weit entfernt. Er hat zur verlangt feinschnittigen Sichel, um noch mal Marx zu bemühen, den dumpfen Hammer hervorgeholt, die Geräuschkulisse von Ludwig Klossek klingt nach Maschinengewehr, Grölen, Stöhnen, Hohngelächter. Mit Bettfedern hereinschneit Gretchen als Goldene Göttin, Hanna Hilsdorf allerdings weder Varganin noch bodenständig deutsches Mädl, sondern in dieser Schlüsselepisode, wie man dem Volk die Stimmung umdreht, deutlich unterbeschäftigt. Am spannendsten und bei Weitem die beste Komödiantin ist die Henne Birne als legendäre Mizzi, die in ein Wandbord gesetzt wird – und man dem Tier am Schnabel ansieht, wie’s überlegt: Wie komm‘ ich da nur wieder runter?

Bleibt: Die großartige Sylvie Rohrer als sich zur Kunstfigur verrenkende Frau Tod, ein bizarrer, kalter Todesengel, als der die Rohrer hier eine Glanzleistung hinlegt: Bleibt: Rainer Galke mit Axt – als Himmlisch von einer Herrenmensch-Rage, der eine Sauerei anrichtet, die Taboris subversives Zotenspiel, seine Assoziationskette von Schmerz zu Scherz zu Ausch-/Witz endgültig zerreißt. Schlomo wird an die Wand gekreuzigt, Mizzi vergast, der Titel „Mein Kampf“, denn ein Buch gibt es nicht, wechselt den Besitzer und Hitler zieht mit seiner Bagage und seinem an den Deportationskoffer gemahnendes Gepäckstück ab, als hätte er Schlomo sogar den gestohlen.

Zusammengefasst, im Dickwanst ist punkto dramatischer Dichte noch Luft drin. Die drastische Oberfläche bräuchte Tiefgang. In Zeiten da Rechts von einer zustimmend nickenden Mitte übernommen wird, braucht es (kultur-)politisch Radikaleres als Horrorclowns wie einen sich ausscheißenden Hitler und einen randalierenden Himmlisch. Ja, George Taboris „Mein Kampf“ ist im Getriebe des Repertoirebetriebs angekommen, kann man ihn aus diesem nun bitte weiterziehen lassen?

Lobkowitz und Robkowitz sitzen im Garten Eden auf einer Bank. Sagt Lobkowitz: Erinnerst du dich noch, wie du auf der Seife ausgerutscht bist und dir den Schädel zerschlagen hast, bevor sie uns vergasen konnten? Robkowitz schüttelt sich vor Lachen und erwidert: Ja, aber weißt du noch, wie du dich beschwert hast, sieben Mann seien zu viel für ein Bett? Kommt G’tt vorbei, böse und aufgebracht darüber, was es denn da zu lachen gebe. Sagt Lobkowitz: Ach Herr, den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist …

www.burgtheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=7x8ihcvJKbQ

  1. 10. 2020

Die Känguru-Chroniken: Ab heute wird gestreamt

April 2, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der großen Leinwand ins Heimkino

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Die Schließung der Kinos wegen der Corono-Krise hat nicht nur die Lichtspielhäuser, sondern auch die Filmemacher hart getroffen. Selbst die hollywood’sche Traumfabrik steht dieser Tage still, Dreharbeiten werden gestoppt, Starttermine verschoben, knapp vor Schluss angelaufene Filme konnten nicht die Menge an Zuschauern erreichen, die für den angenommenen Blockbuster prognostiziert war.

Hierzulande erging es so Dani Levys und Marc-Uwe Klings „Die Känguru-Chroniken“, der am 6. März anlief. Nun hat sich der X-Verleih zu einem für die Branche besonderen Schritt entschlossen und gibt die „Die Känguru-Chroniken“ bereits ab heute auf Video-on-Demand-Plattformen zum Streamen frei. An den etwa 17 Euro Downloadkosten will der Berliner Creative Pool, dessen Portfolio auch Jessica Hausners „Little Joe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35645) oder Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader in der Rolle des Stefan Zweig (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20437) enthält, die Kinobetreiber beteiligen.

„Es ist also ein Soli-Preis, quasi digitale Kinotickets“, so das Känguru in seiner Aussendung über diese Aktion der „Solidarität und Partnerschaft“. Sobald die Kinos öffnen, sollen „Die Känguru-Chroniken“ wieder ebendort zu sehen sein. „Und zwar mit einer neuen, natürlich känguru-typischen Überraschung.“

www.justwatch.com/at           www.werstreamt.es           streamingfinder.de

Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche: mit Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Das asoziale Netzwerk: Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Filmkritik:

An alle Genossinnen und Genossen!

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=38517

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

2. 4. 2020

Die Känguru-Chroniken

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

An alle Genossinnen und Genossen!

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Ob beim gemeinsamen Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche … Bild: © Luna Filmverleih

… oder Gitarre klimpern, das Känguru ist mit dabei: Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Gestylt und mit „Maria“ Rosalie Thomass auf dem Weg zur Dwigs-Party. Bild: © Luna Filmverleih

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen. Rund um die beiden Protagonisten fährt die Kamera von Filip Zumbrunn Karussell – als wäre das alles aus der Hand gedreht.

Känguru-Connaisseurs werden sich zumindest an der zwischen „Es steht ein Känguru auf dem Flur“ und „Wenn das Känguru zweimal klingelt“ gelagerten Anfangssequenz erfreuen, darüber hinaus gibt’s den bereits legendären Kling’schen Politwortwitz in Sätzen wie „Gesunder Patriotismus klingt für mich wie gutartiger Tumor“, „Dein Anarchismus ist so gemäßigt, du könntest der SPD beitreten“, „Ein Idiot in Uniform ist immer noch ein Idiot“, und apropos Popkulturzitate, die reichen beim Cineastischen von „Fight Club“ über „Forrest Gump“ bis „Pulp Fiction“. Hinsichtlich letzteren hat Markus Hering den besten Gastauftritt als um nichts weniger unheimlicher Christopher-Walken-Klon, der für Jung-Dwigs statt der güldenen Uhr Vaters Hasenpfote in seinem Kriegsgefangenenarsch aufbewahrt hat.

Paulus Manker spielt Marc-Uwes und Jörg Dwigs‘ weinbrandseligen Wienerischen Seelendoktor, den Psychotherapeuten, der in einem Palais residiert, weil er sich am Nervenkasperl seiner Patienten gesundstößt. Bei einer Massenschlägerei machen das in den Vorlagen sehr verehrte Haudrauf-Duo via gelungener Bud-Spencer-Terence-Hill-Lookalikes auf Dampfhammer und Watschn-Beau. Den Vogel schießt freilich der Cameo von Helge Schneider als unsportlichster Fernsehfitnesstrainer ever ab. Henry Hübchen ist als Jörg Dwigs nicht nur der optische Drilling von Donald Trump und Boris Johnson, als AzD-Spitzenkandidat („Alternative zur Demokratie“) lässt er die Gags nur so krachen.

Das asoziale Netzwerk Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad … Bild: © Luna Filmverleih

… hat sein Hauptquartier in Hertas Kiez-Kneipe: Carmen-Maja Antoni. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Der berühmte Pipi-Angriff auf Dwigs Immobilien-Imperium: Dimitrij Schaad und das Känguru. Bild: © Luna Filmverleih

Ob er nun der Lügenpresse diktiert, wie er die abendländische Kultur zum Sieg führen wird, oder seinen rechten Gesinnungsbrüdern, am deutlichsten einer in Geert-Wilders-Maske zur Kenntlichkeit entstellt, bescheinigt: „Heute ist der erste Tag der nächsten Tausend Jahre“. Da schafft’s der Charakterdarsteller tatsächlich dem Klamauk ein Quantum Grusel zu verpassen. Vom Feinsten ist die Szene, in der er zwei türkischstämmige Imbissbesitzer beleidigt, alldieweil Neonazis seinen Luxusschlitten zerlegen, bevor sie im Anblick von Gottseibeiunsöberst zerknirscht Treue und Tapferkeit schwören – und Dwigs die Bande zu seinem Schlägertrupp macht.

Das asoziale Netzwerk rund ums Känguru, über dessen skurrile Anwesenheit sich nebenbei bemerkt kein Schwein wundert, bilden neben Marc-Uwe Adnan Maral und Tim Seyfi als deutschtürkische Brüder Friedrich-Wilhelm und Otto-Von – Namenserklärung: „Unsere Eltern haben es ein wenig übertrieben mit dem Integrationswillen“ -, Carmen-Maja Antoni als Kiez-Kneipierin „Du denkst vielleicht du bist hart, aber ich bin Herta!“ und Rosalie Thomass als Marc-Uwes heimliches Love Interest Maria. Gemeinsam und nach dem Motto „Beweise brauchen wir nicht, wir leben in einem postfaktischen Zeitalter“ und allesamt mit ausreichend Schmäh und Schnauze gesegnet, wollen sie Dwigs‘ sinistren Bauplänen den Garaus machen und verhindert, dass er der Multi-Kulti-Mischpoche seinen Architekturphallus „ins Gesicht wichsen“ kann.

Eine persönliche Lieblingsepisode hat es auch, nämlich wie Friedrich-Wilhelm und Otto-Von ein Jubelevent bei Dwigs infiltrieren – Bettina Lamprecht als dessen hochschwangerer, hammerharter, Krügel stemmender Ehefrau sei noch gehuldigt -, und von dessen internationalen Parteifreunden misstrauisch beäugt werden. Was die „Delegation vom Bosporus“ zum Weltklassesager aufstachelt: „Minderheiten unterdrücken, Andersdenkende einsperren und Völkermord leugnen, das können wir genauso gut wie ihr.“ Ob derlei freche Ungezogenheit eine Fortsetzung veranlasst, wird sich an der Kinokasse zeigen.

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

  1. 2.2020

Burgtheater: Die Edda

Oktober 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Heidenspaß mit Göttern, Monstern, Helden

Das Selbstopfer Odins: In der Rolle des Allvaters hängt sich Markus Hering an Yggdrasil, den Weltenbaum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Stimmung, die Stimme ist hypnotisch. Beschwörend erbietet sie Ehrfurcht den göttlichen Geschlechtern Heimdahls und dem Allvater, bevor sie erzählt, wie er, Odin, die Menschenwelt Midgard schuf, den Eschenholz- mann Ask und die Ulmenfrau Embla, wie er sich zur Erlangung von Weisheit und Wissen erst am Weltenbaum Yggdrasil erhängte, bevor er an Mimirs Quelle ein Auge dafür gab. Nebel wabert von der Bühne übers Publikum, das Licht ist schwefelgelb-fahl, als Elma Stefanía Ágústsdóttir in isländischer Sprache die Völuspá, die Weissagung der Seherin, spricht.

Ihr deutschsprachiges Pendant Dorothee Hartinger als die Völva rezitiert sie ihr nach. Und noch während die beiden sich in Rage reden, werden sie schon vom Fenriswolf der Stacyian Jackson umschlichen, dieser ein Symbol fürs Ende, wird doch seine Entfesselung dereinst die Ragnarök beginnen lassen. Auftritt der Nornen, der Schicksalsfrauen, Andrea Wenzl als vergangenes Fatum Urd, Marie-Luise Stockinger als die gegenwärtig werdende Verdandi und Mavie Hörbiger als zukünftige Schuld Skuld, und auch sie sind um beängstigende Prophezeiungen nicht verlegen.

Langsam, die Unsterblichen haben bekanntlich alle Zeit der Ewigkeit, befestigen die Bühnenarbeiter Yggdrasil am Schnürboden. „Wisst ihr, was das bedeutet?“, schreien die Schauspielerinnen immer wieder in den Zuschauerraum, und, ja, man weiß es. Weil die isländischen Theaterschaffenden, Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson und Autor Mikael Torfason, zweiterer nunmehr Wahlwiener, seit seine Frau Elma Stefanía Ágústsdóttir von Martin Kušej ans Burgtheater engagiert wurde, es verstehen, die nordischen Mythen einfach verständlich und ergo zugänglich zu präsentieren.

Die Kinder des Loki: Marta Kizyma, Stacyian Jackson, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Musiker Gabriel Cazex. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Nornen: Marie-Luise Stockinger, Mavie Hörbiger, Andrea Wenzl mit Dorothee Hartinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Entsprechend wurde „Die Edda“ gestern, bei der Premiere der Wiener Fassung, gefeiert, diese – entgegen der preisgekrönten Inszenierung aus Hannover – angereichert um Torfasons mit hiesigen Darstellern erarbeiteten Texten, aber gleichbleibend hintersinnig und humorvoll. Diese Edda mit ihren verblüffenden Bildern, wunderbaren Liedern, starken schauspielerischen Leistungen und, ja: abyssischen Einsichten, wirkt als Einstiegsdroge ins Epos lange nach. Das feierliche Pathos des großen Ganzen konterkarieren Arnarsson und Torfason mit schrulligen Miniaturen, Dietmar König macht sogar auf Sekundärliteratur-Erklärbär.

Oder mit Backstage-Situationen, bei denen die Bühnenarbeiter ebenso ins Geschehen eingebaut werden, wie eine sichtlich verdutzte Maskenbildnerin. Arnarsson setzt auf die hohe Professionalität seines Casts, die ihrerseits ganz aus dem Geist der Improvisation entsteht. Auf konvulsivische Verzweiflung folgt gefakte Freundschaft folgt die gegenseitige Verarsche der Götter, denn alles ist hier Lug und Trug – bis mitten unter den sich tummelnden Riesen, Zwergen, Monstern, plötzlich Markus Hering als Mikael einen Torfason-Monolog auf dessen Vater Torfi Geirmundsson hält.

Der als Zeuge Jehovas dem Sohn die lebensrettende Bluttransfusion verweigerte, von den Ärzten aber ausgetrickst wurde, und, als ein fix vorhergesagter Weltuntergang nicht stattfand, zur alten Island-Religion und zum Alkoholismus wechselte. Schließlich seien die Protagonisten der Edda allesamt stramme Säufer. Es ist dies der Gänsehautmoment, wenn die Aufführung derart die Familiengeschichte des Schriftstellers mit der historischen Schrift verbindet, sein persönliches Wohl und Wehe mit dem aller existierenden Wesen verknüpft. Es scheint, als würde der ins Unendliche wabernde, sich selbst umschlingende Sagenstoff durch diesen nur allzu menschlichen Einschub geerdet.

Baldur und Loki: Jan Bülow und Markus Hering, hinten: Marie-Luise Stockinger als Thor. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Marie-Luise Stockinger spielt Thor und seine um ihre Haarpracht beraubte Frau Sif. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Ein Dutzend Akteure schlüpfen in Arnarssons und Torfasons Edda-Kaleidoskop in bis zu drei Charaktere, mal schnoddrig, mal souverän auftretend, schart man sich um Odins Galgenbaum, als dieser hangelt sich Markus Hering anfangs von dessen Stamm zu seinen Stämmen herab. Unter der Leuchtröhrenwalze von Bühnenbildner Wolfgang Menardi erstrahlen Dorothee Hartinger als Frigg, Andrea Wenzl als Freyja, Jan Bülow als ihr Bruder Freyr, später als Baldur. Hering und Hartinger sind in Anatomie-Bodysuits auch die ersten Midgard-Bewohner Ask und Embla, und unternehmen als solche einen dialogischen Ausflug zu Adam und Eva.

Ein ironisches Geplänkel um den Biss in den Apfel, ein Querverweis auf den einen Urquell, aus dem offenbar alle Schöpfungsgeschichten sich ergießen, dies wohl ebenso zu deuten, wie das hintergründige Hereinschieben der Lupa Capitolina, alldieweil an der Rampe Odin gegen Freyja kämpft, Andrea Wenzl als aufmüpfige Vanin, die von den Asen nicht an den Riesen Thrymur, auch in dieser Rolle: Dietmar König, verheiratet werden will. Marie-Luise Stockinger spielt sowohl Thor, als auch dessen Ehefrau, die schöne Sif, die Gattin wie der Donnergott aber bald glatzköpfig, nachdem Loki der Sif ihre goldblonde Haarpracht geklaut hat.

„Alufolie“, brüllt der mit explosivem Temperament ausgestattete Thor den mit einem silbernen Glitzeranzug angetanen Loki an – Florian Teichtmeister als Verschlagenheit in Person, der sich nichtsdestotrotz im Wortsinn von Gott und der Welt missverstanden fühlt. Seine drei mit der Riesin Angrboda gezeugten Monsterkinder zeigen in den fantastischen Kostümen von Karen Briem Elma Stefanía Ágústsdóttir als Hel, Stacyian Jackson als Fenriswolf und Marta Kizyma als Midgardschlange. Zwischen Tragi- und -komik, von archaisch zu anarchisch zu aberwitzig, changieren die Edda-Episoden, die das Ensemble zum Besten gibt:

Dietmar König, Teichtmeister, Kizyma, Stockinger, Jackson, Ágústsdóttir, Bülow, Hörbiger und Hering. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Odin bekämpft Freyja, die Bühnenarbeiter bewegen die Lupa Capitolina: Andrea Wenzel vs. Markus Hering. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Odins schmerzhafte, per Speer durchgeführte Entfernung seines linken Auges für einen Schluck aus Mimirs Brunnen. Lokis in Heiterkeit scheiternder Versuch, die Zwerge zu überreden, Sif neue Locken aus Echtgold zu gießen. Die nur durch Heimtücke gelungene Fesselung des Fenriswolfs, für die Kriegsgott Tyr eine Hand verlieren muss. Baldurs Ermordung mit einem Mistelzweig, den seine Mutter Frigg vergessen hat, um Gnade für den Sohn zu bitten – worauf der strahlende Lichtgott mit christlicher Sonnenkrone neugeboren erscheint. Dass der „rote Faden“, der auf der Bühne von Hand zu Hand gereicht wird, dick wie ein Seil ist, verwundert nicht.

Köstlich ist vor allem der sprachliche Schlagabtausch zwischen Teichtmeisters Loki und Stockingers Thor, die zwischen hohem Ton und scharfzüngigem Slang switchen. Wie aber Teichtmeister Lokis Hass auf die Verwandtschaft „hechelt“, wie er dessen Bestrafung durch das Gift einer Schlange gestaltet, da zeichnet er den sinistren Spaßvogel, den gewandten Gestaltwandler mit einer dramatischen Tiefe aus, die ihn zum Dreh- und Angelpunkt der Produktion erhebt.

Wenzls Fruchtbarkeitsgöttin Freyja wirft sich den Männern lustvoll an den Hals, nur um sie später ins Unglück zu stürzen. Mavie Hörbiger verstört auch als Riesin Elli, sie das Alter schlechthin, das sogar Thor bei einem Ringkampf in die Knie zwingt. Alles an dieser Edda ist Jonglage, Persiflage, Slapstick und Sarkasmus rund um die andauernden Themen des Werden, Wachsen und Vergehen, weshalb aus dem Heidenspaß mit Helden schnell tödlicher Ernst werden kann. Als nach der Pause der kahle Weltenbaum von einem Baugerüst umstellt ist, und Musiker Gabriel Cazes „My Body Is A Cage“ von Arcade Fire intoniert, ist der Weg endgültig frei für wilde Assoziationen über Willen, Zwang und Fügung. Die Figuren turnen am Gerippe des Lebens, das Gute wie das Böse, Baldur wie Loki, sind wie auch die Welt zum Untergang verdammt. Der Stammbaum der Götter fällt im Schnee zusammen – und so beginnt das Spiel von Neuem.

www.burgtheater.at

BUCHTIPP: Wissen, wo der Hammer hängt – Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35531

  1. 10. 2019

Burgtheater: The Party

September 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das linksliberale Idyll kippt aus der Balance

Gesundheitsministerin, ade: Während Janets Wahlkampf ging Bills Liebe flöten: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

„Bill krank. Zwischen uns aus.“ So knapp, per SMS, werden heute Beziehungen beendet. Es ist Janet, die diese Kurznachricht in ihr Handy klopft, an wen diese adressiert ist, wird noch der Clou des Abends werden und die Feierlaune im Freundeskreis endgültig zunichte machen. Regisseurin Anne Lenk, eines der vielen neuen Gesichter, die Martin Kušej in Wien präsentiert, brachte gestern am Burgtheater Sally Potters Stück „The Party“ zur deutschsprachigen Erstaufführung.

Die britische Filmemacherin hat ihr tragikomisches Kino-Kammerspiel aus dem Jahr 2017 mit Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz und Timothy Spall (www.theparty-derfilm.de) selbst für die Bühne adaptiert, zum hörbaren Amüsement des Publikums, Lenk und Dramaturgin Sabrina Zwach sich neun Tage vor der Nationalratswahl naheliegende Querverweise auf österreichische Politquerelen jedoch erspart. Man belässt’s bei very british, und dass die Inszenierung auch so zündet, hat wohl in erster Linie mit den hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern zu tun, bis auf Christoph Luser alle „alte Mann/Frauschaft“, und damit, dass Brexit-Boris Johnson auch hierzulande medial allgegenwärtig ist.

Die Story, die Sally Potter erzählt, ist eine grausame, zeigt sie doch, wie schnell das liberale Idyll „of what is morally right and politically left“ aus der Balance kippen kann, wenn Persönliches beginnt, das Politische zu unterminieren. Die Zuschauer sind zu Gast auf einer Party zu Ehren von Janet, die eben zur Gesundheitsministerin des sozialdemokratischen Schattenkabinetts gewählt wurde (die im Englischen gegebene Ambiguität „Party = Fest + Partei“ geht im Deutschen verloren), und in deren Verlauf drei von vier Paaren ihre Beziehung in Schutt und Asche legen werden.

Eingeladen haben Janet und ihr Ehemann, der Antikenexperte Bill: Janets längst gediente Freundin April, die seit Studientagen revolutionären Aktionismus dem Parlamentarismus vorzieht, und ihren Lebensgefährten, den esoterisch angehauchten Lebenscoach Gottfried; das lesbische Ehepaar Jinny und Martha, von denen erstere gerade erfahren hat, dass sie dank In-virto-Fertilisation mit Drillingen schwanger ist – mit ausschließlich Buben; sowie den ein wenig aus der Labour-Art schlagenden Slim-Fit-Banker Tom und seine Frau Marianne, die eben erst zu Janets engster Mitarbeiterin avanciert ist. Diese Marianne allerdings wird in den gesamten 90 Minuten Spielzeit nicht physisch auf der Bildfläche erscheinen, denn …

Das großartige dreigeschossige Bühnenbild: Regina Fritsch, Markus Hering, Peter Simonischek und Barbara Petritsch im Wohnzimmer, oben: Katharina Lorenz auf dem Weg zur Wohnungtür. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Partykrise: Barbara Petritsch, Dörte Lyssewski, Peter Simonischek und Regina Fritsch, oben: Christoph Luser in der Küche. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Fürs nun Folgende hat Bühnenbildnerin Bettina Meyer eine grandiose Kulisse erdacht, das Innere eines bereits Gebrauchsspuren aufweisenden Hauses auf drei Ebenen, unten das Wohnzimmer mit Bills wandfüllender Vinylsammlung und ein schwarzgekacheltes Badezimmer, in der Mitte die Küche und ein Ankleideraum, oben der Flur, der zum Eingang führt. In diesem Setting ist es eine originelle Idee von Anne Lenk, beispielweise April auf Etage zwei die Haustür öffnen zu lassen, während Jinny aber auf Etage drei eintritt, oder Tom ins imaginäre Bad auf Etage drei zum Koksen zu schicken, obwohl er sich eigentlich im Waschraum Etage eins befindet. Derart sind nicht nur fast filmisch schnelle Schnitte möglich, sondern werden die Situationen, denen Sally Potter ihre Figuren aussetzt, auch auf witzige Weise miteinander verbunden.

Mit dem Ensemble des Burgtheaters ist es naturgemäß ein Leichtes, aus Potters übertrieben holzschnittartig entworfenem Personal dreidimensionale Charaktere zu formen, Menschen zwischen Eigensinn und Eigennutz, über deren mit trockenem Humor vorgebrachte kleine Heucheleien und mittelgroße Lügen man in Komplizenschaft lachen kann. Zur nicht und nicht aufkommen wollenden guten Laune, kann man nur sagen: Stimmung geht anders! Aber die Anwesenden sind allesamt zu intellektuell, zu vernunftgesteuert für Ausgelassenheit, diese bourgeoisen Bohemiens, die gern gutbürgerlich leben, alldieweil sie im linken Gedankengut schwelgen.

Als ultimativer Partycrasher erweist sich Bill mit seiner schockierenden Feststellung, todkrank zu sein und die ihm verbleibenden Monate mit seiner Geliebten verbringen zu wollen. Peter Simonischek spielt Bill als geistesabwesenden Schallplattenaufleger, dessen Herzenswärme für Janet im Zuge ihrer Wahlkampftour, bei der er ihr – welch emanzipatorischer Traum! – den Rücken freigehalten hat, vollends erkaltet ist. Köstlich, wie er Janets machtstreberische Suaden schon auswendig kennt und die Worte hinter ihr nachäfft. Wenn aber Simonischeks Bill etwa bedauert, dass Janet „seit Jahren nichts mehr an mir bemerkt“, dann sind das die Momente, an denen Gags und Situationskomik zurücktreten, und der Spaß auf Messers Schneide steht.

Durch Bills und sich plötzlich aneinanderreihende weitere Geständnisse gerät das Geschehen aus den Fugen. Konflikte brechen auf, Ängste tauchen auf. Die Partygäste sehen auf einmal ihre Korrumpier- und philanthropische Haltbarkeit verhandelt, mit verheerender Feuerkraft – und, apropos: es befindet sich eine Pistole auf der Bühne – treibt man einander zum Äußersten, wobei man in Höchstgeschwindigkeit die drängenden Themen der Zeit durchdekliniert, die Krisen des Sozialstaats, vom schleichenden Demokratieverlust des Westens über Fehler im Gesundheitswesen bis zu Heuschreckenbanken und dem frauenpolitischen Stillstand. „Manchmal muss man so tun als ob“, konstatiert Janet. „Das hat für die Partei und für dich als Person nicht funktioniert“, erwidert Martha.

Lebenscoach Gottfried will Bill unterstützen: Markus Hering und Peter Simonischek, hinten: Katharina Lorenz. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Katharina Lorenz und Barbara Petritsch als lesbisches Ehepaar Jinny und Martha. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Tom kämpft mit einem Geheimnis und seinem schwachen Magen: Christoph Luser mit Dörte Lyssewski und Regina Fritsch als April. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dörte Lyssewski gestaltet die Janet mit Merkelscher Topffrisur und hart am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hin- und hergerissen in ihrer frauenschicksalhaften Doppelfunktion als Ministerin und Hausmütterchen wechselt sie flugs zwischen dem Belegen von Brötchen und dem Zu-Papier-bringen von Parteireden. Dass ausgerechnet ihr Ehemann zu einem Privatarzt gegangen ist, weil der alle Tests „zack, zack, zack“ erledigt hat, der Kassenarzt hingegen erst in zwei Wochen den ersten freien Termin gehabt hätte, ist für Janet ein schwerer Schlag, fürs Publikum ein mit Applaus bedachter Scherz.

Lange vor den Figuren selbst, sieht dieses deren Fassaden in sich zusammenfallen. Die Doppeldeutig- wie Doppelzüngigkeit häuft sich, der Rauch der im Ofen verbrannten Pasteten durchzieht das Haus, und Regina Fritsch als nie um einen zynischen Spruch verlegene April nennt Martha im Streit „eine erstklassige Lesbe, aber eine zweitklassige Denkerin“. Das kann Barbara Petritschs Martha, diese eine Professorin für Gender Studies, so freilich nicht stehen lassen, doch ist sie zu sehr mit der dauerkotzenden Jinny beschäftigt, und ihrer Furcht davor, ihre Zweierromanze zum fünfköpfigen „Kollektiv“ aufzustocken, um sich eine gepfefferte Replik überlegen zu können.

Der Eskalation ist noch nicht Genüge getan, es wird noch eine Champagnerflasche über einen Schädel gezogen und die Pistole gezückt und mit ihr geschossen werden. Die Gewaltspirale schraubt sich höher, als sich herausstellt, dass Bill seine Schäferstündchen in Marthas Appartement absolviert hat – hysterischer Ausraster Janet. Dies ein Liebesdienst in alter Verbundenheit, waren doch Bill und Martha auf der Uni kurz Sexpartner – aggressiver Ausraster der von Katharina Lorenz als kindlich wirkende, aber ein Kraftweib seiende verkörperten Jinny, weil „in Martha schon einmal ein Mann war“.

Und während Fritschs April den von Markus Hering dargestellten gutmütig-hilfsbereiten Tropf Gottfried in Permanenz disst, egal ob’s um seinen spleenigen Tanzstil oder seine Glaubenssätze von der Wahrheit als Lebenskonzept geht, bevor sie ihm eine Heirat anbietet, weil’s ihnen beiden mit ihrer Beziehungskiste immer noch besser geht, als dem Rest der Gruppe, hat Christoph Lusers Tom seine Nase endlich aus dem weißen Pulver gezogen. Er offenbart vor Anspannung schwitzend und von Weinkrämpfen geschüttelt, dass Bills Pantscherl seine Frau Marianne ist. Allein, Bill ist nicht der einzige mit dem Marianne eine Affäre hat …

„The Party“ in Anne Lenks Regie ist nicht zum Schenkelklopfen lustig, sondern eine satirisch auf pointierte Zwischentöne setzende Abhandlung darüber, wie schnell als liberal verbuchte Zivilisationsgewinne verpuffen, wenn’s den moralisch hochgetunten handelnden Personen ans Eingemachte geht. Die bös-stichelnde Aufführung am Burgtheater ist ein sinistres Vergnügen, bei dem es angesagt ist, einmal die eigenen Überzeugungen zu belächeln. Eine unterhaltsame Abwechslung zu den irrwitzigen Nachrichten, die Europa gewiss schon morgen wieder aus London zu erwarten hat.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019