Theater in der Josefstadt: Die Verdammten

November 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Familienbande beim Machtspiel

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Regisseur Elmar Goerden zeigt an der Josefstadt seine Interpretation von Viscontis „Die Verdammten“, und, dass diese Inszenierung wie mit spitzen Nadeln unter die Haut fährt, zeigte sich beim begeisterten Schlussapplaus, bei dem Andrea Jonasson minutenlang darum rang aus ihrer Rolle zurück in die Realität zu kommen.

Da hatte ihre Sophie von Essenbeck die Vergewaltigung durch und die Eheschließung mit dem eigenen Sohn und schließlich ihr Leben gerade hinter sich gebracht, die Grande Dame des Theaters von dieser Szene schwer gebeutelt, tat sich doch da für sie eine völlig neue Dimension menschlicher Abgründe auf – und natürlich gelang der Jonasson die Darstellung dieser Fallstudie, dieses Sündenfalls mit Bravour.

So wie sie freilich der Fluchtpunkt des Abends ist, hat Goerden mit dem ganzen Ensemble präzise und mit Hingabe ans Detail an den Figuren gearbeitet, hat mit ihm prägnante Charaktere entworfen; allen voran der eben erst für den Nachwuchs-Nestroy nominiert gewesene Meo Wulf, seit dieser Saison Ensemblemitglied am Haus, ist ganz fabelhaft. An seinem Günther von Essenbeck erklären sich Goerdens Intentionen glasklar, er wird dort deutlich, wo Visconti 1969 nur andeutete, ist deshalb nicht weniger subtil, wenn’s um politische bis sexuelle Vorlieben geht, aber aggressiver, wenn er die Familienbande beim Machtspiel abbildet.

Ein paar Anachronismen legen darüber hinaus dar, worum’s hier geht, Haltung bewahren, Stellung beziehen in Tagen wie diesen; Goerden porträtiert eine innerlich verwahrloste Industrie-Aristokratie, die Aushöhlung eines altgedienten, ausgedienten Anstands, dem die Stunde mit der der Parteiaufsteiger und ihrer Wirtschaftsmetzen schlägt. So wird ihm dieser Teil von Viscontis Deutscher Trilogie zur irrwitzig eleganten Totenfeier, ein Requiem auf Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit, nun wo die Mörder der Ehre die Treue schworen. Auch das ästhetisch reduzierte Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl, letzterer besorgte die Textfassung, atmet Eiseskälte, das einzige, das in dieser Atmosphäre brennt ist der Hass, der alle um- und antreibt. Und der Reichstag. Im Februar 1933 entscheiden sich die Schicksale, im kleineren Rahmen der Bühne geschieht all das, was sich im Großen tatsächlich ereignete, bis hin zum Kampf der SS gegen die SA, bis hin zur „Nacht der langen Messer“. Der Krupp-Clan diente Visconti als Beispiel für seine von Essenbecks.

Der Clan ist groß. Der regierende Familienpatriarch ist der neuen Generation und ihren Plänen, sich der Führung des „Führers“ zu überantworten, im Weg. Er wird beseitigt. Es beginnt ein Hauen und Stechen, die Witwe des ältesten Sohnes will ihren Geliebten in Amt und Würden wissen, der zweitälteste Sohn dagegen seinen Sprössling, der Ehemann der Tochter ist strikter Nazigegner und wird mit seiner Familie flüchten müssen. Und mitten drin der Cousin, ein SS-Mann, der die Fäden zieht, die den vermeintlichen Machern längst aus den Händen geglitten sind. Wie in den Shakespeare’schen Königsdramen, in denen immer der, der die oberste Stufe zur Regentschaft erklommen hat, fallen muss, so ist es auch hier. Jeder neue Anwärter auf den Vorstandsdirektorenthron verheddert sich noch mehr im Fangnetz des Nationalsozialismus, die Gefälligkeiten, die Berlin gewährt sind allzu verlockend, bis dem letzten zwar als Alleinherrscher das Firmenimperium überschrieben wird, er sich aber im schwarzen Dienstrock dem Dritten Reich verschrieben hat.

Der Handlanger wird Herrenmensch: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Der Handlanger will Herrenmensch werden: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Spielchen kosten mehr als ein Leben: Meo Wulf als Günther und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Jungsspielchen kosten Günther das Leben: Meo Wulf und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Das gesamte Ensemble agiert exzellent. Andrea Jonasson überzeugt als die ihren Sohn Martin inzestuös begluckenden Witwe Sophie von Essenbeck, zu deren Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Griff in den Schritt ebenso gehört, wie die täglichen Demütigungen. Beide Erziehungsmethoden wendet sie auch bei ihrem Geliebten an, André Pohl im verbiesterten Buchhaltermodus als Friedrich Bruckmann, der versucht, sich aus der Handlangerhaltung zum Herrenmenschen aufzubäumen. Pohl gestaltet Bruckmann als die Art Bürokrat, wie sie dem NS-Regime die Mittel und Wege für ihren Massenmord lieferten, er bleibt ein spröder Unsympath bis zum Ende. Sophies Mittel zum Zweck.

Im Gegensatz dazu ist Alexander Absenger als Sophies Sohn Martin von Essenbeck die Süffisanz im Smoking. So er denn einen trägt. Absenger hat es in seiner ersten großen Rolle an der Josefstadt gleich mit der ersten großen Rolle von Viscontis Muse Helmut Berger zu tun, eine Aufgabe, die ihm großartig gelingt. Er hat sich ein eigenes androgynes Flair angeeignet, ist weniger elegisch diabolisch, als vielmehr lauthals entgleisend, die feine Gesellschaft mit seinen Eskapaden brüskierend, doch in den Augen glimmt neben der Lust auf die Lust von Beginn an die auf die Macht. Seine starke Performance krönt Absenger mit der wohl berühmtesten Szene, der Parodie auf Marlene Dietrichs „Blauen Engel“ Lola, die er in Straps und Zylinder wie ein Boxer im Ring um sich schlagend und zu einem Schlagzeugsolo bestreitet.

Ein Opfer dieser Zeitvertreibe, das Mädchen Lisa kommt bei Goerden nicht vor, wird sein Cousin Günther, der zwischen der Ausstellung seiner homosexuellen Neigungen durch Martin und den Terrormethoden, mit denen ihn sein Vater Konstantin ins Unternehmen treiben will, aufgerieben wird.

Meo Wulf macht sich mit seiner Darstellung des Günther zu einem der Hauptdarsteller, jedenfalls zum Sympathieträger für die Emotionen der Zuschauer, er macht aus Günther einen sensiblen, musisch hochbegabten jungen Mann, ein Schaf im Wolfrudel, einen Schöngeist, der sich dem Sarkasmus ergibt, bevor er sich schließlich – anders als im Film, wo seinem „jungen, puren, absoluten Hass“ die große Zukunft prophezeit wird – aufgibt. Heribert Sasse brilliert als gemütliches, gutgelauntes Clanoberhaupt Joachim von Essenbeck, der beides gerade so lange ist, wie es nach seinen Wünschen geht. Er ist ein letzter Vertreter und Verfechter der alten Ordnung, und Sasse gestaltet ihn ergo als einen, der im Gestern lebt, einen, der nie über den „Heldentod“ seines ältesten Sohnes hinweggekommen ist, leicht senil, aber kaisertreu. Peter Kremer ist als Günthers wütender, enttäuschter, später von der Verwandtschaft abservierter Vater Konstantin zu sehen.

Und so wie dieser SA-Mitglied, ist Wolf von Aschenbach SS-Hauptsturmführer. Raphael von Bargen gibt diesem kaltschnäuzigen Intriganten, der den aufkommenden Weltenbrand lapidar kommentiert, Profil. Wie von Bargen den charmant herumtollenden „Onkel“ für die Thallmann-Mädchen gibt, während er für deren Eltern – Peter Scholz und Bettina Hauenschild, die, mit einem weißen Lavoir in der Villa unterwegs, die Familie im Wortsinn reinwaschen will – schon den Transport ins KZ Dachau organisiert, das ist Schauspielerei vom Feinsten. Mit den Mädchen wird er auch, als Ersatz für die Massakerszene am Weissee, Hans Baumanns Ode an den Wahnsinn singen. „Es zittern die morschen Knochen“ als Kinderlied. Als Einladung an den nächsten Jahrgang. Es ist gruselig. Schon wieder. Denn heute, da hört uns … und morgen …?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AhF_HhMgE_c

www.josefstadt.org

Wien, 11. 11. 2016

Theater in der Josefstadt: Ödön von Horváths „Niemand“

September 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

List und Tücke einer Uraufführung

Geri Drassl und Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Gerti Drassl und allen voran Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Fast ist man versucht zu formulieren, „Niemand“ hat Schuld. In Anlehnung an diese Schlüsselszene, in der Fürchtegott Lehmann Ihn anklagt. Hat er doch Sein Lachen gehört, und wer so lacht, der kann nicht weinen über das Schicksal der Menschen. Bleibt – ein sardonisches Grinsen, ein Verzerren der Mundwinkel, ein Zähneblecken wie nach einer Strychninvergiftung, um auszudrücken, was Leben heißt. Und genau dieses fehlt in Herbert Föttingers Uraufführungsinszenierung von Ödön von Horváths „Niemand“ am Theater in der Josefstadt. Eine Inszenierung, die sich auch mit einem „Aber ach!“ zusammenfassen ließe.

Bemüht sich der Hausherr als Horváth-Regisseur doch mit derart beflissener Sorgfalt und spürbarer Liebe zum Text, diesem gerecht zu werden, dass alles, was einem beim Lesen noch wie ein Raubtier angesprungen hat, auf dem Weg zur Bühne allzu handzahm wurde. Föttinger hat den Autor, wie es sich für eine Uraufführung gehört, beim Wort genommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist List und Tücke in einem. Es ist, als hätten sich alle Beteiligten so sehr ins demütige Gebet geduckt, Heiliger Horváth, bitt‘ für uns!, dass ihnen die Gotteslästerung nicht mehr gelingen konnte.

Mit im Wesentlichen einer Ausnahme. Namens Florian Teichtmeister. Er schraubt sich als Darsteller des Fürchtegott Lehmann in lichte Höhen. Mit seiner scharfkantigen Schauspielkunst, die einmal mehr tief in die dunklen Winkel einer Seele blicken lässt.

„Niemand“ ist ein Stück aus einer Zeit, bevor Horváth die vielsagende Pause als wichtigsten Dialogteil erfand, entstanden 1924, da war er 23, offenbar niemals aufgeführt, lange verschwunden, von Föttinger in der FAZ als Auktionsgegenstand wiederentdeckt, von der Wienbibliothek ersteigert und nun vom Thomas Sessler-Verlag vertreten (dessen Geschäftsführerin Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“: www.mottingers-meinung.at/?p=21624). Im Zentrum der Handlung steht ein Zinshaus, hier von Walter Vogelweider als eine sich um ihre eigene Achse drehende Welt aufgebaut, in das Horváth bereits sein typisches Milieu und dessen Motive einziehen lässt.

Das Gebäude gehört dem jungen, verkrüppelten Wucherer Lehmann, und in seinem Stiegenhaus versammeln sich Huren samt ihren Zuhältern und Freiern, durstige Handwerker, Kellnerinnen und ihr Wirt, eine diebische Hausmeisterin und ein so arbeits- wie ergo mittelloser Musikant. 24 Rollen sind’s, die man an der Josefstadt natürlich bis in die kleinsten vorzüglich besetzen kann, etwa mit André Pohl als Konditor, Heribert Sasse als Uraltem Stutzer oder Martin Zauner als einem von vier „schwarz gekleideten Männern“. Die, und man fragt sich, ob Horváth tatsächlich so prophetisch sein konnte, kommen im schwarzen Wagen, um die Leichname abzuholen. Auch die zukünftigen. Föttinger ließ diesen Figuren zusätzlich weiße Brecht-Gesichter aufmalen.

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Wie Kain und Abel: Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Zwei Brüder wie Kain und Abel: Florian Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Wie er überhaupt bei seiner Arbeit an diesem expressionistischen Werk auf diese Art von „Verfremdung“ setzt. Als wäre Distanz und Dezenz ein Löschpapier auf den jugendlich überhitzen, überladenen, teilweise überspannten Zeilen, lässt Föttinger seine Darsteller lediglich am Rande ihrer Rollen entlangbalancieren. Auf Aktion wird über weite Strecken verzichtet.

Die Schauspieler, sie sprechen auch die Regieanweisungen als wären sie Gesetzestexte, haben sich, so scheint’s, in kritischer Entfernung zu ihren Charakteren aufgestellt, mitunter sogar als Textaufsager an der Rampe, aber gelangen von dort aus freilich kaum zum Spielen. Dabei, man merkt es an Dominic Oley als Musiker Klein, Martina Stilp als Prostituierter Gilda oder Roman Schmelzer als ihrem Zuhälter Wladimir, wären sie mehr als heiß darauf. Aber ach …

Im Zentrum des Ganzen – Teichtmeister, der mit atemberaubender Ambivalenz den von der Liebe empor gehobenen und schließlich zerschmetterten Lehmann gibt. Er endlich erzählt von der Lächerlichkeit des Lebens, er kann einen Menschen in all seinen existenziellen Nöten schillern lassen, der Hartleibige wird weichherzig, was ihn logischerweise zerstören muss.

Dieser Lehmann ist so bedrohlich wie bemitleidenswert, und Teichtmeister spielt die Gottessuche und den Gottesfluch und letztlich die Frage, wer wem die Krücken wegschlägt, als wär’s eine nietzscheanische. Horváth hat viel gewollt und viel verrätselt in diesem Frühwerk, und Teichtmeister folgt ihm auf seinem Weg ins Jenseits von Gut und Böse. Raphael von Bargen ist ein ebenbürtiger Kain zu diesem Abel, der Fremde, der sich als Bruder entpuppen, und nach dem skrupellosen Recht des Stärkeren überleben wird. Gerti Drassl, ein versiertes Horváth-Fräulein, steht als Ursula zwischen den beiden. Sie ist in ihrem Leid von schmerzhafter Intensität, sie spielt alle Farben grau. Nur die eine lässt sie aus, die nämlich, mit der man sich ausmalen könnte, ob ihre erbarmungswürdige Ursula nicht auch aus Berechnung handelt. Doch zu Recht gilt diesem Trio am Ende der größte Applaus.

Föttingers Horváth-Hochamt an der Josefstadt ist wie eine Sehenswürdigkeit. Man muss sie gesehen haben. Schließlich gilt’s nicht alle Tage ein neues Werk des Meisters zu entdecken. Und schließlich: Niemand weiß, ob wie auch immer „bessere“ Aufführungen dieses schwierigen Stücks überhaupt gelingen können …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zVJJXgfnnVU

www.josefstadt.org

Wien, 2. 9. 2016

Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch

Juni 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Deckname Holec“ zeigt Helmut Zilk als ČSSR-Spion

Franz Novotny, Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm / Dieter Nagl

Der Regisseur und sein Hauptdarsteller auf dem Filmset in Wien: Franz Novotny und Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm / Dieter Nagl

Am 29. Juli kommt mit „Deckname Holec“ der jüngste Film von Franz Novotny in die Kinos. Johannes Zeiler spielt darin Helmut Zilk in seiner Zeit als ORF-Direktor. Rund ums Jahr 1968, als Zilk mit „Stadtgesprächen“ in Prag Furore machte, soll er Informant für den tschechischen Geheimdienst gewesen sein. Von diesen Begebenheiten berichtet jedenfalls der tschechische Filmemacher Jan Němec in seiner Kurzgeschichte „Italská Spojka“, an der sich Novotnys Drehbuch orientiert. Im Film sieht Honza, ein junger tschechischer Regisseur, im Original eben Němec, der gerade die ersten Bilder des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gefilmt hat, in Zilk die Chance, der Welt von dem Unrecht, das der ČSSR widerfährt, zu berichten.

Der systemkritische Filmemacher, dessen letzter Film von der Zensur verboten wurde, versucht die brisanten Aufnahmen nach Wien zu bringen. Was er nicht weiß: Zilk steht schon längst im Fokus des tschechischen Geheimdienstes. Denn dessen Faible für die aufstrebende Schauspielerin Eva, pikanterweise Honzas Geliebte, ist auch dem Agenten Nahodil nicht entgangen und ein schöner Grund, Zilk zu erpressen. Der soll anstelle realer Tatsachen gefälschtes Propagandamaterial senden und die sowjetische Okkupation im ORF als Befreiung verkaufen … Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch:

MM: Der Film ist spannend wie von John le Carré erfunden. Aber warum zeigen Sie ihn ausgerechnet jetzt?

Franz Novotny: Warum nicht? Man kann zwei pudernde Heuschrecken mit guter Musik als Kinofilm darstellen, sie sind zeitlos. Die Charakterbewegungen und Entwicklungen von Menschen sind auch zeitlos. Wir zeigen keine Geschichte, die 1968 spielt, sondern eine prototypische Charakterhaltung, das ist die Essenz des Films. Ob es tatsächlich so war, wie es bei uns ist, ist letztlich wurscht. Wie sagt Don Quichotte? Tatsachen sind der Feind der Wahrheit. Und die Klitterung der Geschichte ist stärker als eine dokumentarisch akribische Nacherzählung von einstigen Begebenheiten.

Johannes Zeiler: Mit einem Wort: Fiktion von Franz Novotny ist stärker als Realität.

MM: Trotzdem, Sie werden dem Publikum damit doch etwas sagen, ihm etwas mit auf den Weg geben wollen.

Novotny: Es ist nicht meine Aufgabe zu sagen, was der Film sagen soll, aber ich kann es versuchen. Der Film könnte sagen, zur richtigen Zeit muss man das Richtige machen, vor allem, wenn man zuerst das Falsche gemacht hat. Na? Auf uns umgelegt heißt das, Helmut Zilk macht dann doch das Richtige, er verrät nicht den Urheber des Schatzes, Jan Němec, und verbreitet, wiewohl er persönliches Risiko auf sich nimmt, die Wahrheit über den Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei.

MM: Ihre Quelle oder Vorlage ist die Kurzgeschichte von Jan NěmecItalská Spojka  / The Italian Connection“?

Novotny: Richtig, das ist die Basis. Nur haben wir eine österreichische Fassung erstellt. Bei Jan Němec war 20 Prozent Zilk, bei uns, da wir Hauptproduzenten und Österreicher sind, sind jetzt 80 Prozent Zilk. Die andere Quelle ist die wunderbare Geschichte von Herbert Lackner im profil (www.profil.at/home/helmut-zilk-spion-zilk-informant-cssr-geheimdienstes-237065), aus der als Wahrheitsbeweis über die Geschichte hervorgeht, dass sich kaum jemand die Arbeit macht, hunderte Meter von Akten zu fälschen, nur um jemanden zu schaden. Es wäre lebensfremd das anzunehmen. Lebensnah ist eher, dass es war, wie in den Akten dargestellt: dass Zilk sich für nutzlose Informationen bezahlen ließ. Und, dass er sich bei den Tschechen einen Luster bestellt hat.

MM: Das ist nachgewiesener Weise meine Lieblingsszene, wie er dann den Luster von der Decke reißt, weil er überreißt, dass er verwanzt ist. Dagmar Koller sagte nach der Filmvorführung, in der sie war, zu Ihnen, jetzt hätte sie endlich eine Vorstellung, wie dieser Luster, von dem sie so viel gehört hat, ausgeschaut habe.

Novotny: Ja, ich glaube, sie hat den Film adoriert, weil doch ihr Helmut nicht so schlecht wegkommt. Dabei wollte ich über die Person Helmut Zilk hinausgehend die Figur eines werdenden Politikers zeigen, den Werdegang eines aufsteigenden Menschen, der in die Politik kommt, und wie er dorthin kommt. Wie er seine Seilschaften benutzen kann und wie er unter Gewissenskonflikten dann doch das Richtige tut.

Zeiler: Ich fand dieses „Ihr wisst ja gar nicht, was alles möglich ist“ als Motiv dafür, was ihn antreibt, spannend: „Wenn ihr mir das und das gebt, könnt ihr euch gar nicht vorstellen, was ich damit alles machen kann“. Helmut Zilk gehört sicher zu den Menschen, die das maximale aus den Möglichkeiten rausholen, die sich ihnen geboten haben.

Novotny: Und er hat es auch mit Freude gemacht, davon bin ich überzeugt. Was ein wichtiges Element der Politik ist, dass man sie nicht mit Krampf, sondern spielerisch macht. Insofern ist er einer der letzten Männer, die Politik „gemacht“ haben. Er war selbstbestimmt, selbstgesteuert, bis auf die Spionagegeschichte, da war er ferngesteuert; er hat gute Politik gemacht, nachdem er Bürgermeister von Wien wurde, und wichtige Taten gesetzt, sieht man von der Spittelau-Hundertwasser-Behübschung ab. Ich muss den Zeiler loben, er hat den Zilk neu inszeniert. Er hat ihn nicht wie ein Papagei interpretiert, das wäre ja lächerlich, da hätten wir ihm auch noch die Haare färben müssen. Er spielt den Zilk wahrhaftiger, als der Zilk vielleicht war.

MM: Herr Zeiler, Sie sind offenbar der Mann für die Charakterköpfe der Sozialdemokratie. Am Theater waren Sie schon Bruno Kreisky, im Film nun Helmut Zilk. Was prädestiniert Sie für diese Rollen?

Zeiler: Dass diese Männer Machtmenschen sind. Ich habe auch schon den Faust gespielt, wieder ein Machtmensch, in CopStories bin ich der Chef … und das waren Kreisky und Zilk genauso. Dass die beiden Sozialdemokraten sind, ist Zufall. Ich müsste auch lange suchen, um einen weiteren zu finden, der so interessant ist, dass ich ihn spielen könnte.

MM: Ich habe den Eindruck, es ging Ihnen in Ihrem Spiel nicht darum, die Person Helmut Zilk zu imitieren, wiewohl er da sicher viele Anknüpfungspunkte bieten würde, sondern darum einen Typus Mensch zu gestalten. Wie haben Sie sich der Rolle genähert?

Zeiler: Stimmt, ich wollte nicht in ein Nachmachen fallen. Das haben viele vor mir gemacht, Zilk war ja oft Material für Parodien und Imitationen. Letztlich hätte mich das aber eingeengt, denn wenn ich die ganze Zeit nur mit verstopfter Nase gesprochen und gepoltert hätte, das wäre nicht fruchtbar gewesen. Ich wollte nicht von außen nach innen gehen, sondern es lieber umdrehen und mir Interpretationen suchen, die mir wichtig erscheinen. Zum Beispiel, dass er ein Genussmensch war, ein Mann der Tat, aber auch ein Mensch, der unglaublich gern berührt. Im wahrsten Sinn des Wortes: Er hat Leute gerne angegriffen. Ich habe mir viele Dinge nicht abgeschaut, sondern angeschaut. Die ganzen „Stadtgespräche“, das Ombudsmann-Format, obwohl das natürlich immer nur der Show-Zilk, der Theater-Zilk ist. Aber auch da kann man vom Rhythmus eines Menschen, von Vorlieben, Sprechweise bis hin zu persönlichen Charaktereigenschaften vieles erarbeiten.

MM: Gab’s jemals eine persönliche Begegnung mit Helmut Zilk?

Zeiler: Leider nein. Ich habe aber von vielen Menschen, die ihn kannten, gehört, dass er eine beeindruckende Erscheinung war. Aber davon musste ich mich befreien, daran zu denken, hätte mir nur Stress gemacht. Ich habe mich anders mit Zilk angereichert.

Novotny: Ich habe, wie viele in diesem Lande, eine Helmut-Zilk-Geschichte, aber die ist im Zusammenhang mit dem Film vernachlässigbar. Ich erzähle sie nur der Vollständigkeit halber: Einerseits hat mich der Zilk einmal berechtigter Weise aus dem ORF hinausgeworfen, wie ich Anfang 20 war. Da hatte ich einen Bericht gemacht über die Akademie am Schillerplatz ohne die Gegenseite zu befragen. Davor hatte ich ein Drehbuch „Johann Strauß – Der Mörder von Mayerling“ geschrieben, das dem Jörg Mauthe sehr gut gefiel, aber Helmut Zilk hat mir stattdessen einen Film über die Wiener Sängerknaben angetragen. Das habe ich in einem bösen Brief mit Empörung zurückgewiesen. Später habe ich ein paar Werbefilme für ihn gemacht, und einmal war ich für ihn tätig, um die bilateralen Beziehungen Kuba-Wien zu vertiefen, in der Form, dass ich für den ORF in Budapest eine Show mit einer wunderschönen Sängerin drehen durfte, wo ich vermute, dass die bilateralen Beziehungen von Herrn Direktor Zilk weiter vertieft wurden.

MM: Nun zeigen Sie ihn tatsächlich in privatesten Momenten und in privatesten Vorlieben. Geht man an Sexszenen schüchterner heran, wenn man weiß, man zeigt eine real existiert habende Person? Und Dagmar Koller schaut im Kino zu …

Zeiler: Schüchtern nicht, aber man hat natürlich Respekt davor. Aber, wenn ich jetzt dran denken würde, was Dagmar Koller oder ehemalige Mitarbeiter oder Zeitgenossen wie Teddy Podgorski über diese Szenen denken, da wäre ich verraten und verkauft.

Vica Kerekes, Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Zilk interessiert sich für die Schauspielerin Eva: Vica Kerekes und Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Zeit im Bild: Zilk-Zeiler persönlich berichtet über den Einmarsch der Russen in Prag. Bild: © Thimfilm

MM: Franz Novotny zeigt eine Figur Zilk, die kurz strauchelt, aber im Moment, in dem es darauf ankommt, das Richtige tut. Ist es das, was Sie recherchiert haben?

Zeiler: Das ist die Drehbuchstory, ich halte es aber für möglich, dass es wirklich so war. Beachtenswert ist die Geschichte, wie er 1943 von der Waffen-SS angeheuert werden sollte, die ganze Schulklasse hat mitgemacht, weil sie’s imposant fand oder sich vor Konsequenzen geängstigt hat, aber er hat sich dagegen entschieden. Ich glaub‘, dass das immer wieder in seinem Leben passiert ist, dass er sich konsequent und in aller Klarheit in seinen Entscheidungen auf die richtige Seite gestellt hat. Letztendlich hat er seine Haltung beinah einmal mit dem Leben bezahlt. Ein kleiner Aspekt ist das Hrdlicka-Denkmal, für das er vehement eingetreten ist: Des machma jetzt, aus, fertig. In dem Sinne war er ein Populist mit den richtigen Grundsätzen.

MM: Ist das ein Mut zu Entscheidungen, der Entscheidungsträgern heute fehlt?

Zeiler: Es war eine mutige Entscheidung von Journalisten damals dieses geschmuggelte Band zu zeigen, als einzige Sendeanstalt in Europa, und damit die Welt über die wahren Geschehnisse in der Tschechoslowakei zu informieren. Solche Durchsetzungskraft und solcher Mut, natürlich fehlen die heute.

MM: Der Film liefert keine Erklärung dafür, warum Helmut Zilk dem tschechischen Geheimdienst zugearbeitet haben soll. Haben Sie sich dazu etwas überlegt?

Zeiler: Für mich ist diese Spionagegeschichte überhaupt nichts außergewöhnliches, sondern logisch mit der Geschichte verbunden. Da hat er eine Situation falsch eingeschätzt, oder sich überschätzt, wenn es so war. Ich habe mir zusammengereimt, dass einer, der es liebt in Machtpositionen zu sitzen und daher gar nicht ohne Seilschaften auskommt, sich da eine weitere gesucht hat. Im Prinzip ist es ein Geben und Nehmen in Spionagekreisen. Nur hat er sich da ein bisserl verhoben. Wenn man sieht, mit welcher Freude und Inbrunst er dieses Format in Tschechien gemacht hat, als erster hinter dem Eisernen Vorhang eine der ersten Talkshowformen realisiert hat, und vielleicht schon überlegt hat, dort und da könnte es auch gehen, also rede ich mit denen und gebe ihnen ein bisschen, was sie wollen – na, dann macht er das natürlich.

MM: Für mich ist die Quintessenz der Figur der Satz, den der wunderbare Heribert Sasse als Polizeichef Fuchs spricht: Bist du so naiv oder ganz deppert? Ist es das?

Novotny: Das ist einer der Sätze, der das kennzeichnet, was wir mit dem Film sagen wollen. Viele dieser Sätze gehen in eine bestimmte Richtung, die wir gefühlsmäßig vom Bauch analysiert haben, ohne groß eine Botschaft zu verpacken. Man zeigt einfach den Lebensweg eines interessanten Menschen, der wie gesagt, einer der letzten Männer war.

MM: Wie und wo waren die Dreharbeiten? Das Set ist bestechend 1960er-Jahre-miefig …

Novotny: Wir haben in Prag und Wien gedreht, teilweise sind die Hintergründe digitalisiert. Das Setting ist wunderbar und orientiert sich an der Zeit selbst noch in kleinsten Details. Mein liebstes ist Zilks goldene Zigarettenweltkugel, die das Kolorit der Zeit perfekt darstellt. Auch, dass die Leute dauernd tschicken, ist ein Motiv der Zeit, heute undenkbar. So haben wir versucht, die 1960er-Jahre einzufangen.

Zeiler: Ich hatte herrliche Erlebnisse. Mit einem Fünfziger-Jahre-Mercedes durch Prag zu fahren, das ist schon eine G’schichte. Dann das Hotel International in Prag …

Novotny: .. das zu finden war ein wunderbarer Griff. Es ist ein ehemaliges Militärhotel, das in den 1950er-Jahren gebaut wurde …

Zeiler: … und dort mit unzähligen Statisten zu drehen, mit einer Karel-Gott-ähnlichen Musik beschallt, und du bist als Zilk hinter einer tollen Frau her, da braucht man sich als Schauspieler nur noch treiben lassen. Ja, es waren sehr viele schöne Sachen dabei. Wenn man einen Genussmenschen spielt, kommt man auch zu Genüssen.

MM: Im Film kommt Zilks Ehefrau Helga in die Fänge des tschechischen Geheimdienstes. Diese Entführungsgeschichte ist aber ausgedacht?

Novotny: Der ganze Film ist ausgedacht. Gehen wir davon aus: Alles Denkbare ist möglich. Im Sinne der Quantenphysik.

MM: Ganz gerne hätte man gewusst, wie es mit dem realen Jan Němec weiterging, nachdem er die Bänder übergeben hatte.

Novotny: Er ist zurückgegangen nach Prag, wurde aber unterdrückt, in der Husák-Diktatur hatte er nichts zum Husten. „Oratorio for Prague“ wurde zum Dokumentarfilm der Niederschlagung des Prager Frühlings, sogar Philip Kaufman baute 1988 Originalmaterial in seine Milan-Kundera-Verfilmung „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ein. 1974 hat Němec die Tschechoslowakei Richtung USA verlassen. Später, nach der Befreiung, hat er wieder Filme in Prag gemacht. Er ist heuer im März erst gestorben. Aber er ist bis zum Schluss ein Freigeist geblieben. 2014 hat er die tschechische Verdienstmedaille aus Protest gegen Präsident Miloš Zeman zurückgegeben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F0rHupmFA0Y

www.decknameholec.at

Wien, 1. 7. 2016

Deckname Holec

Juni 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Franz Novotny zeigt Helmut Zilk als ČSSR-Spion

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler als Helmut Zilk: Im ORF wird beraten, wie man über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag berichten soll. Bild: © Thimfilm

Dass ein Filmemacher wie Franz Novotny einen Stoff wie diesen nicht links liegen lassen konnte, versteht sich. Vielmehr fragt sich, was ihn so lange aufgehalten hat, bis er ihn endlich für die Leinwand adaptierte. „Deckname Holec“ heißt sein nun ab 29. Juli in den heimischen Kinos zu sehender Film, und er erzählt eine Geschichte, die so fantastisch ist, dermaßen zu gut, um frei erfunden zu sein, dass sie nur … Ja, dies Hintertürchen lässt sich Novotny offen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt er schelmisch: „Tatsachen sind der Feind der Wahrheit. Und die Klitterung der Geschichte ist stärker als eine dokumentarisch akribische Nacherzählung von einstigen Begebenheiten.“

Von diesen Begebenheiten berichtet jedenfalls der tschechische Filmemacher Jan Němec in seiner Kurzgeschichte „Italská Spojka“, an der sich Novotnys Drehbuch orientiert: Helmut Zilk, damals allerdings weder Unterrichtsminister noch Wiener Bürgermeister, sondern ORF-Direktor, soll jahrelang Informant des ČSSR-Geheimdiensts gewesen sein. Herbert Lackner schrieb 2009 im profil darüber: www.profil.at/home/helmut-zilk-spion-zilk-informant-cssr-geheimdienstes-237065. Wie es dazu kam, erklärt Novotny nicht; er ergeht sich erfrischend nicht in Spekulationen über Beweggründe oder Motivationen, er stellt das wenige dar, das bekannt scheint. Eine „Akte Zilk“ gibt es nämlich nicht. Im Film weht sie am Ende der Wind mit dem Wienfluss auf und davon.

Keine Angst, Novotny tut Zilk nicht weh. Der sonst nie um einen Skandal verlegen gewesene Regisseur hält sich an eine „Halb zogen sie ihn, halb sank er hin“-Version. Er malt das Bild eines kurz strauchelnden Helden, der aber im Moment der weltgeschichtlichen Wahrheit sofort wieder das Richtige tut. Auf mehr kommt’s im Leben bekanntlich nicht an; etwas anderes darzustellen wäre für einen Wiener Film wohl auch nicht möglich gewesen.

So begibt man sich auf eine Zeitreise nach Wien und Prag im Jahr 1968. Ein junger tschechischer Regisseur, in der Realität eben Jan Němec, der gerade die ersten Bilder des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gefilmt hat, sieht in ORF-Direktor Zilk die Chance, der Welt von dem Unrecht, das der ČSSR widerfährt, zu berichten. Mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Eva, versucht der systemkritische und ergo von der Zensur beäugte Honza, die brisanten Aufnahmen nach Wien zu bringen. Den smarten Zilk, Initiator der „Prager Stadtgespräche“, haben sie bei einer gemeinsamen Livesendung des tschechischen und österreichischen Fernsehens kennengelernt. Eva danach sogar sehr intim, doch das weiß Honza natürlich nicht.

Was die beiden sonst noch nicht wissen, ist, dass Zilk längst im Fokus des kommunistischen Geheimdienstes steht. Er wurde unter dem Decknamen Holec angeworben, um Geheimnisse aus SPÖ-Kreisen weiterzuleiten, etwa die Haltung Bruno Kreiskys zu Alexander Dubček, doch sind das Angelegenheiten, in die er gar keinen Einblick hat. Und so speist er die Tschechen mit uninteressantem Material ab. Doch nun steht’s Spitz auf Knopf. Zilk wird mit dem Wohl und Wehe seiner damaligen Ehefrau Helga erpresst, die entführt und festgehalten wird. Um ihr Leben zu retten, soll er im ORF statt Honzas Film gefälschtes Propagandamaterial senden und die Okkupation als sowjetische Befreiung verkaufen …

Krystof Hádek, Jenovéfa Boková. Bild: © Thimfilm

Honza riskiert sein Leben, als er die Russen filmt: Krystof Hádek mit Jenovéfa Boková. Bild: © Thimfilm

Ondřej Brzobohatý, Vica Kerekes. Bild: © Thimfilm

Währenddessen wirft Zilk ein Auge auf Honazs Geliebte Eva: Vica Kerekes mit Ondřej Brzobohatý. Bild: © Thimfilm

Der Rest ist Fernseh/Geschichte. Und was hier wie ein Agententhriller à la John le Carré klingt, sieht auch so aus. Novotny hat eine miefige 1960er-Jahre Atmosphäre neu erfunden und mit liebevollen Details wie Zilks güldenem Weltkugelzigarettenspender ausgestattet. In Prag war das ehemalige Parteibonzen-Hotel International ein perfekter Drehort, fürs Fehlende sorgt fabelhaftes CGI. Ein bedrohlich rotierender Deckenventilator durchschneidet die einzelnen Szenen.

Durch diese Welt, optisch von gestern, was Politik betrifft sehr von heute, bewegt sich Johannes Zeiler als Helmut Zilk. Das heißt, er bringt keine, was leicht gewesen wäre, polternde, näselnde Imitation des stadtbekannten Selbstdarstellers auf die Leinwand, er hebt seine Figur über den Rahmen Zilk hinaus und gestaltet das Porträt eines prototypischen Genuss- und Machtmenschen. Sein Zilk will Karriere um fast jeden Preis machen, Österreich-geschult glaubt er ans Prinzip des gegenseitigen Händewaschens, auch erliegt er seiner Eitelkeit wegen der ihm zugedachten Wichtigkeit, aber als er erkennt, in welche Falle er da getappt ist, rappelt’s in der Kiste. Wunderbar die Szene, in der Zeiler-Zilk in seiner Wiener Wohnung einen böhmischen Kristallluster – damals funktionierten Naturalien als Bestechungsgeschenke noch – von der Decke schleudert, weil er erkennt, dass er verwanzt ist.

Bei Damen ist er Connaisseur und Charmeur, inklusive Sexszenen, die privateste Vorlieben offenbaren, und so ist es kein Wunder, dass er seinen persönlichen Sozialismus mit dem menschlichen Antlitz von Schauspielerin Eva, gespielt von Vica Kerekes, auslebt. Das folgende Duell Lebemann vs Idealist, das er mit Honza Němec austrägt, der tschechische Schauspieler Kryštof Hádek schlüpft in diese Rolle und ist darin Zeiler ein ebenbürtiger Gegner, gehört zu den spannendsten ideologisch aufgeladenen Momenten in Novotnys Arbeit. Tatsächlich nimmt der Film erst durch die Konfrontation dieser beiden Männer so richtig Fahrt auf.

David Novotný, Heribert Sasse. Bild: © Thimfilm

Ein alter Fuchs: Heribert Sasse macht als Wiener Polizeichef Spion David Novotný das Leben schwer. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Und am Ende verweht der Wien die verfängliche Akte Zilk mit dem Wienfluss auf und davon. Bild: © Thimfilm

Doch nicht nur Zeiler und Hádek agieren fantastisch. Eva Spreitzhofer ist eine wunderbar zickige Helga, David Novotný ein sinistrer Geheimagent Nahodil, Michael Fuith ein ob des zweimaligen Sinneswandels seines Chefs ratloser ORF-Mitarbeiter Popp. Er wird schließlich den Film-Fake der Russen erkennen und Zilks Entscheidung maßgeblich in die korrekte Richtung lenken. Zu Zilks Leuten gehört auch Polizeichef Fuchs, ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Heribert Sasse gestaltet ihn ganz großartig als Kabinettstückchen eines Wiener Kiberers mit Herz und Hirn. Sein „Bist du so naiv oder ganz deppert?“-Satz zu Zilk ist gleichsam das Leitmotiv des Films. Er wird dem Helmerl nicht nur den A**llerwertesten retten, sondern ihm bleibt mit dem Austricksen Nahodils auch der Schlussgag vorbehalten.

Welch ein Film über Zeiten, als der Krieg zwar kalt, aber kommende Politiker heiß waren. In diesem Sinne ist „Deckname Holec“ ein Plädoyer für Zivilcourage auch in ausweglos erscheinenden Situationen. Oder wie Franz Novotny sagt: „Zur richtigen Zeit muss man das Richtige machen, vor allem, wenn man zuerst das Falsche gemacht hat.“ Dann wird auch aus dem Agent in eigener Sache ein bedeutender Ombudsmann. Dafür einen Smiley.

Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21047

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F0rHupmFA0Y

www.decknameholec.at

Wien, 8. 7. 2016

Kammerspiele: Menschen im Hotel

März 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur ein Glühwürmchen in der Dunkelheit

Siegfried Walther, Silvia Meisterle und Raphael von Bargen Bild: Herwig Prammer

Der großartige Siegfried Walther, Silvia Meisterle und Raphael von Bargen
Bild: Herwig Prammer

Es fehlt an Prunk und Pomp. An diesem Marmor, der doch nur falsch und Stuck ist. An der Behauptung etwas großes und dabei letztlich Kulisse zu sein, die die Grandhotels einer längst verwehten Zeit ausmacht. Wie die Figuren in Vicki Baums „Menschen im Hotel“. 1928 entwarf die österreichische Autorin ihr Panorama Fleisch gewordener Trompe-l’œils, Cesare Lievi hat nun an den Kammerspielen eine Bühnenfassung in Szene gesetzt – und ist dabei einen Schritt weiter, vielleicht einen zu weit gegangen.

Der italienische Regisseur hat sich einer Art Neorealismo verpflichtet, und, als wolle er im Sinne Roland Barthes‘ „als Wirklichkeit darstellen, was die bürgerliche Gesellschaft sich bemüht zu verbergen“, von Anfang an die klappernden Skelette unter den mühsam aufgerichteten Fassaden freigelegt. Das ist im Baum’schen Kosmos zwar an späterer Stelle korrekt, doch so raubt es dem Abend vom Fleck weg die Elegance, das Geheimnis, die Ambivalenz. Bis hin zum mit Schiebetüren für den schnellen Szenenwechsel überaus funktionalen Bühnenbild von Maurizio Balò glaubt man sich in einem strengen, spröden Schwarzweißfilm, in dem die Schauspieler ihren Text herstelzen. Anna Bergmann, von der die Buchbearbeitung stammt, erlaubt kaleidoskopartige Einblicke in das Panoptikum der Vicki Baum. Sie hat die Reisenden, die sich durchs Hotel wie Dantes Ovid durch den Orkus bewegen, auf eine Handvoll reduziert. Eine alternde Primaballerina verliebt sich in einen nicht ganz ehrenwerten jungen Baron, der es auf ihren Schmuck abgesehen hatte. Ein kleiner Angestellter, den nahen Tod vor Augen, beginnt das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ein Generaldirektor zockt um die Zukunft seiner Firma und bedrängt eine Sekretärin, die doch eigentlich zum Film möchte. Sie alle beobachtet ein Arzt, ein Dauergast der Hölle, dem dieser Nicht-Ort zum Abbild des Lebens geworden ist.

Die Hölle. Zehn Jahre ist es her, dass die eine vorüber rauschte, zehn Jahre wird es in Österreich noch dauern, bis die nächste kommt. Vicki Baum erkannte früh die Gefahr, die vom Nationalsozialismus ausging. Aber davon wissen ihre Figuren noch nichts, diese Pechvögel und Glücksritter, diese Blender und Betrüger größeren und kleineren Ausmaßes. Sie laborieren noch an ihren Erste-Weltkriegsnarben, während schon die Weltwirtschaftskrise und der Zweite neue Wunden schlagen wollen. Keiner ist hier, was er vorgibt, ja nicht einmal, was er selber glaubt, zu sein. Alle suchen. Und währenddessen findet das Eigentliche anderswo statt.

Lievi hat das firnissfrei inszeniert, hat versucht, die vordergründige Krimihandlung und die tiefgründige Liebesgeschichte als Gesellschaftspanorama der „Goldenen“ Zwanzigerjahre zu entwerfen. Mit „Filmscheinwerfern“ und „Dolby Surround“, sogar mit einem automatischen Klavier, setzt er auf den Kinoeffekt, schön auch die Idee, das Publikum quasi in der Portiersloge zu platzieren, aber seine Gesellschaft, sie schillert zu wenig. Die Geschäftemacher und Gschaftlhuber, die Lobbyisten in der Lobby, die durch riskante Affären verbundenen Zwangs- und Zweckgemeinschaften sind allesamt als Scherenschnitte angelegt. Wo sich die Figuren Maske um Maske um Maske abreißen lassen sollten, enttarnen sie sich flink, freiwillig, allzu friktionsfrei. Als hätten sie sich bei ihrem Tanz auf dem Vulkan die Fersen schon verbrannt, bevor der Vorhang überhaupt aufging, und wollten nun nur noch ins rettende Fußbad. Es ist seltsam, wie eine Sache gefühlt zu kurz geraten und trotzdem langatmig sein kann.

Raphael von Bargen legt den Baron von Gaigern als leutseligen Lebemann an. Zwar erschließt sich nicht wirklich, warum er sich Hals über Kopf in die von Sona MacDonald als exaltierte Hysterikerin gespielte Grusinskaya verliebt, aber immerhin kommt es ihm zu, durch ihr Leid sein Menschsein zu finden. Silvia Meisterle ist als Stenotypistin Flämmchen verhalten sexy, Marianne Nentwich eine dauerbesorgte Suzette, Alexander Absenger ein Raubtier als Chauffeur. Alexander Waechter hat als Arzt Dr. Otternschlag immerhin die besten Sätze. Wie ein schwarzes Gewissen wacht er, der vom Leben nichts mehr erwartet und ergo nicht enttäuscht werden kann, über die anderen. Die Drehtür muss immer offenstehen, sagt er, und meint damit den Ausgang in den Selbstmord. „Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab … hundert Türen auf dem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Und wenn Sie abreisen, kommt ein anderer an und legt sich in Ihr Bett, Schluss.“ Welch ein Resümee über die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Ansonsten bleibt auch Waechter unauffällig.

Während die Kollegen sich um Typgestaltung bemühen, sind da zwei, die aus ihren Figuren Charaktere formen. Und zwar solche von Fallada-Format. Vor allem Siegfried Walther ist großartig als sterbenskranker Kringelein, der brave Buchhalter, der verzweifelte „kleine Mann“, der den Rücken durchstreckt und, ein erstes und letztes Mal, sich aufbäumt. „Und wenn ich ein Dreck bin, dann sind Sie ein viel größerer Dreck, Herr Generaldirektor“, haucht er atemlos über seinen neuen Mut. Und das macht Walther ganz fabelhaft. Er verkörpert ein Zeitsymptom, er und der von Heribert Sasse dargestellte Generaldirektor Preysing, zwei unterschiedliche Systeme. Das untergehende und ein aufkeimendes Europa, und wenn Lievis Arbeit dieser Tage etwas zu sagen hat, dann an dieser Stelle. Die Wirtschaft hat moralisch wieder abgewirtschaftet. Und der Angestellte sieht sich beraubt um die Stelle, mit der er sich gern identifizieren konnte. Befristung und schnell-schnell heißen die neuen Schlagworte. Coupon schneiden siegt über Arbeitsplätze sichern.

Sasse selbst überzeugt als Turbokapitalist, der glaubt, sich mit Geld alles nehmen zu können. Wenig erinnert noch an den Original-Preysing, der zu ehrlich für die neuen Regeln der Börse war. Dieser hier ist skrupellos und schmierig und wird in seiner Ekelhaftigkeit die Rechnung präsentiert bekommen. Am Ende, wenn sich die Szenen in einem Kunstgriff ineinander schieben und alle Schauspieler gleichzeitig auf der Bühne sind, wird Kringelein auf- und Preysing zusammenbrechen. Vicki Baum sagte einmal, sie gebe sich keinen „Glühwürmchenillusionen“ über die Zukunft hin. Ein Glück. Cesare Lievi lässt in der Dunkelheit zumindest eins leuchten.

Diese Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 16. März.

Raphael von Bargen im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18096

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2016