Volkstheater: Die Zehn Gebote

Dezember 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes verlorene Seelen in ihren vorletzten Zuckungen

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen: Jutta Schwarz, Nadine Quittner und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem Volkstheater beschert Stephan Kimmig mit „Die Zehn Gebote“ einen tadellosen Theaterabend. Gemeinsam mit Roland Koberg hat der Regisseur Krzysztof Kieślowskis zehnteiligen Filmzyklus „Dekalog“ für die Bühne bearbeitet, mit einer Prise mehr schwarzen Humors gewürzt, als er dem polnischen Filmemacher eigen war, und die Übung gilt als gelungen anzusehen. Im ersten Teil zwar noch ein bisschen träge, ist die Verschränkung der Szenen nach der Pause ganz fabelhaft.

Dazu agiert das achtköpfige Ensemble in mehr als 30 Rollen auf höchstem Niveau. 1988/89 hat Kieślowski, der später unter anderem mit der Drei-Farben-Trilogie internationalen Ruhm erlangte, sein Meisterwerk für das polnische Fernsehen produziert. Keine klassische Fernsehserie war‘s geworden, sondern zehn an die Bibel angelehnte Episoden, die das Leben in einer tristen Warschauer Neubausiedlung ausstellen. Vor allem aber freilich Liebe, Glaube, Eifersucht, Tod und Verbrechen.

Kimmig hält sich nicht an die Reihenfolge des Tanach. Er erzählt erst von Ewa und Janusz, die eine Affäre haben und ausgerechnet am Heiligen Abend Ewas verschwundenen Mann suchen müssen, in der Ahnung, dass er sich etwas angetan hat (Du sollst den Feiertag heiligen). Dann erfährt Anka, dass der Mann, den sie dafür hielt, nicht ihr leiblicher Vater ist, und versteht, warum sie ihm mehr Gefühle entgegenbringt, als schicklich ist (Du sollst Vater und Mutter ehren). Dorota macht von der chefärztlichen Diagnose, ob ihr krebskranker Mann sterben wird oder nicht, abhängig, ob sie das Kind ihres Geliebten abtreiben wird (Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen). Majka, die als Teenager schwanger wurde, entführt ihr Kind, das ihre Mutter aus Scham und Besitzgier als ihr eigenes ausgegeben hat (Du sollst nicht stehlen). Rechtsanwalt Piotr muss einen Mörder verteidigen, der dennoch hingerichtet werden wird (Du sollst nicht töten).

Du sollst nicht ehebrechen: Anja Herden und Peter Fasching … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und mit Jan Thümer in Dekalog sechs. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Später steigern sich zwei Brüder so sehr in den Philatelie-Fanatismus ihres verstorbenen Vaters, dass einer für eine Briefmarke sogar eine Niere gibt (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus). Der alleinerziehende Vater und Computernarr Krzysztof muss seinem Sohn erklären, was es mit dem Tod auf sich hat (Du sollst keine Götter haben neben mir). Roman erfährt, dass seine Impotenz unheilbar ist, und will seine Frau freigeben, doch die hat längst einen Geliebten (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib). Spanner Tomek beobachtet Magda bei ihren sexuellen Erlebnissen (Du sollst nicht ehebrechen). Und schließlich begegnet eine Holocaust-Überlebende der Frau, die ihr einst die Hilfe verweigert hat (Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten).

Kimmig lässt die Episoden ineinanderfließen. Zwei, manchmal drei von ihnen laufen wie gleichzeitig ab und offenbaren dabei ihre Doppelbödigkeit. Im Hintergrund die Lastwagenfahrerkabine, die man auch aus den Filmen kennt (Bühne: Oliver Helf), und auch die allegorische Figur, der Engel, in den Filmen war es der Schauspieler Artur Barciś, ist mit Jutta Schwarz allzeit auf der Bühne präsent. Kimmigs Arbeit ist sehr körperlich, er setzt auf Elemente aus dem Bewegungs- und Tanztheater, als lägen Gottes verlorene Seelen in ihren vorletzten Zuckungen. „Original-80er-Plattenbau“ sind die Kostüme und die Perücken von Anja Rabes.

So angetan zeigen Gábor Biedermann, Peter Fasching, Anja Herden, Lukas Holzhausen, Nadine Quittner, Seyneb Saleh und Jan Thümer Schauspielkunst vom Feinsten. Vor allem Volkstheater-Neuzugang Fasching versteht es, sich in Kimmigs Körperkonzept perfekt einzufügen. Es wird sich verrenkt und gereckt, jede Geste ein emotionaler Ausbruch von etwas Unausgesprochenem, des Unaussprechlichen auch, jede Gebärde ein Zeichen von von Umständen in die Enge getriebenen Menschen. Eine aufgeregte Inszenierung sind „Die Zehn Gebote“ zweifellos, eine ohne Ruhepole, eine durchchoreografierte, dennoch nie gekünstelte, was die Qualität der Darstellung unter Beweis stellt. Es wird sich verletzt und verziehen, und wie’s schon so ist, wenig geht hier gut aus, eine Geschichte sogar tragisch.

Du sollst Vater und Mutter ehren: Seyneb Saleh und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zwei Episoden stechen hervor: Anja Herden, Peter Fasching und Jan Thümer in Dekalog sechs, da kann das Publikum kurz befreit lachen, wenn sie ihren Stalker aufs Glatteis führt, bis er mit im Wortsinn heruntergelassener Hose flüchten muss. Und Dekalog acht, Nadine Quittner als Holocaust-Überlebende, die auf Seyneb Saleh trifft, die der Jüdin damals den Unterschlupf als „getauftes Kind“ nicht gewährte.

Dies, weil sie glaubte, die Menschen, die die Sache eingefädelt hatten, wären von der Gestapo, das Ganze eine Falle. Mit ihrer Verfehlung konfrontiert sagt diese Zofia den Satz, der als Leitmotiv über dem Abend steht: „Eine Situation, die uns zum Handeln zwingt, weckt entweder die Bosheit oder die Güte in uns auf.“

Peter Fasching im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27674

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  1. 12. 2017

Volkstheater: Iphigenie in Aulis / Occident Express

September 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Planschbecken im Schnürlregen

Haifa und ihre Fluchtsouffleure: Henriette Thimig (re.) mit Anja Herden, Sebastian Pass, „Iphigenie“ Katharina Klar, Jan Thümer, Rainer Galke und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora eröffnet die Saison mit ihrer Inszenierung von „Iphigenie in Aulis / Occident Express“, und bewegt dabei mehr Wassermassen als Moses am Ufer des Roten Meers. Was den Abend doppelt spannend macht: Sebastian Pass, Neuzugang am Haus, stellt sich in der Rolle des Odysseus vor – ein extravaganter Schauspieler mit einprägsamer Stimme, der sich mit seiner kauzigen Spielart perfekt ins Ensemble einfügt.

Und: Die wunderbare Henriette Thimig, Tochter des großen Hans Thimig, ist erst als Agamemnons alter Bote, dann in der Rolle der Flüchtlingsfrau Haifa zu sehen. Badora erzählt in ihrer Aufführung vom Krieg. Von den einen, die unbedingt hinwollen, und von den anderen, die dringend wegwollen. Flaute und Flucht, sozusagen. Sie verwendet dazu Soeren Voimas Euripides-Überschreibung und nach der Pause den Text von Stefano Massini, als wär‘ er eine Fortschreibung der Antike in die Gegenwart, die Odyssee der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die es an immer neue Küsten wirft, wo Gefahr lauert – und Menschenrechtsverletzung.

Für die „Iphigenie“ legt Bühnenbildner Damian Hitz ein großes Wasserbecken als quasi Meeresbucht an. Die Griechen sind alles andere als reif für die Insel, man fadisiert sich, Jan Thümer als Achilleus dreht seine Joggingrunden schon bevor es losgeht. Es muss Bewegung in den Stillstand. Die kommt auf – man kennt die Geschichte -, als der Seher Kalchas die Opferung von Agamemnons Feldherrentochter fordert. Mit der Jungfrau zum Winde. Odysseus/Pass, die unzähligen Kriegsorden auf den Oberkörper gemalt, verbeißt sich in die Idee, gilt es doch das Heer mit dieser Geste ruhig zu halten.

Und so wird die Hinschlachtung zur Staatsräson. Der Griechen Recht und Würde, man kann beim besten Willen nicht mehr aus, das ist eine höhere Logik, hat man doch selbst die Massen kriegsverhetzt. Blut muss fließen in dieser Machowelt, und das Pathos, und das wird es auch, wenn sich Iphigenie am Ende in den Selbstaufopferungsmodus begibt. Das Leiden der High Society an ihrer eigenen Wichtigkeit, tja, bei Massini dann dessen Auswirkungen auf „das Volk“, das nackte Elend der Kriegsopfer.

Menelaos und Agamemnon im Infight mit nassen Handtüchern: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klytaimnestra flirtet mit Odysseus: Anja Herden mit dem neuen Ensemblemitglied Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Atriden treten an: Rainer Galke als Agamemnon, ein auf Kothurnen wankender, wankelmütiger Gemüts- und Familienmensch am Rande des Nervenzusammenbruchs, kriegsmüde schon bevor der noch begonnen hat. Lukas Holzhausen als kühl berechnender Menelaos, als unerbittlicher Gehörnter, der selbst über die Leiche seiner Nichte seine Ehre wiederhergestellt sehen will, war doch die Helena-Entführung ein „Angriff auf die Heimat“.

Die beiden sind geübt im verbalen wie im körperlichen Infight. Man jagt sich tatsächlich mit nassen Handtüchern, „Du kotzt mich an“, sagt der eine Bruder zum anderen. Überhaupt tobt bald die Wasserschlacht, man stolpert, fällt, wirft sich verzweifelt ins oder badet vergnügt im Bühnennass, bald ist kein Kostüm mehr trocken.

Anja Herden gibt, ganz Königin, eine stolze, selbstbewusste Klytaimnestra, die die Demokratie (!) um Hilfe anruft, Katharina Klar eine naive Iphigenie, die froh wäre, wäre der „Scheißkrieg“ aus und Papa wieder zu Hause. Thümer macht dazu den ungehobelten, aber seine Ehre hochhaltenden Achilleus.

Dazu gibt es einen kriegslustigen Girlgroup-Chor: Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml und Maren-Sophia Streich. Voima hat exklusiv für das Volkstheater dessen Text geschrieben; der Chor ist angesicht der zahlreichen Recken ganz glücklich darüber, dass es endlich „Männer gibt, so weit das Auge reicht“, und preist das Traumpaar Achilleus und Iphigenie. Das Ende ist abrupt – und ohne Hirschkuh.

Nach der Pause dann ein beinah leeres Becken, aber Dauerregen. Stefano Massini schildert die Flucht einer alten Frau aus Mossul mit ihrer Enkelin, unterwegs kommen noch drei Waisenkinder dazu. Es geht über die Balkanroute zu Fuß, in Bussen, auf Booten, und überall Demütigung und die Ansage, eine „Alte“ werde gar nicht erst mitgenommen, weil: nur Probleme. Man schafft es dennoch nach Schweden. Massini enttarnt einerseits die kollektiv-westliche Vorstellung von Flüchtlingen, andererseits den von staatlichen Stellen oder NGOs nach der jeweiligen Befindlichkeit und den jeweils anderen Beweggründen gewobenen Flüchtlingsmythos.

Als Kollektiv treten auch die Schauspieler auf. Sie soufflieren Henriette Thimig als Haifa ihre Erlebnisse, reporten ihren „Fall“, frischen ihre Erinnerungen auf. Sie sind wie ein antiker Chor, der der Protagonistin zur Seite steht. Der sich in mangelnder Solidarität befehdet, und dann doch wieder zusammenhält. Als ein Schlaflied verlangt wird, erscheint noch einmal die Girlgroup mit ihrem Traumpaar-Song. So verschränken sich die beiden Teile ineinander. Und wieder gibt es einprägsame Bilder, klaustrophobische in einem Glaskubus, erdrückende an einem Abwasserrohr. Schließlich sprechen nackte Tatsachen. Zweifellos ist dieser Teil des Abends der eindrücklichere, das Volkstheater bei seiner Kernkompetenz, dem Zeitgenössischen.

Für Flüchtlinge ist wenig Platz: Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der antike Girlgroup-Chor: Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hätten im ersten Teil die Figuren gerne feiner ziseliert sein können, fehlte doch weitgehend eine tiefer gehende Psychologisierung der Charaktere, ein Ausloten von deren inneren Abgründen, so überzeugt man als Arbeitsgemeinschaft auf ganzer Linie. Und über allem die Thimig mit ihrem Mantra, es schaffen zu müssen, für die ihr Schutzbefohlenen. Eine stolze, selbstbewusste Elendskönigin, die sich nicht abspeisen lässt, die sich in der Machowelt der Schlepper und Beamten behauptet – und die doch eines ihrer Kinder verlieren wird.

Vor einer Live-Kamera aufgestellt: eine Maus in einem Plexiglaskäfig, ihre Verrichtungen auf eine Vidiwall übertragen. Bis Minute acht suchte die Maus einen Ausgang aus dem Behältnis, dann wendete sie sich der Untersuchung der Ausstattung ihres Käfigs zu. Ab Minute 44 schlief sie tief und fest, das Köpfchen auf die Einstreu gebettet …

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  1. 9. 2017

Volkstheater: Klein Zaches – Operation Zinnober

Februar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

E.T.A. Hoffmanns Politparabel als Gute-Laune-Grusical

Ein großartiger Klein Zaches: Gábor Biedermann, privat 1,87 Meter, spielt auf der Bühne den Zwerg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Jahr 1819 schrieb E.T.A. Hoffmann sein Kunstmärchen vom Klein Zaches. Darin erklimmt ein körperlich wie geistig Verwachsener die Karriereleiter in einem Kleinstaat, indem er anderer Leistungen schlichtweg annektiert. Sein Erfolgsrezept lautet Frechheit, Fake und alternative Fakten. Je höher er steigt, desto mehr wird er brachialer Machtmensch, jede Pose eine Bedrohung, und doch von den abgesägten Honoratioren heftig beklatscht.

Die die Politiker mit Blindheit schlug, ist die Fee Rosabelverde. Sie und ihresgleichen wurden vom Großfürst nämlich aus dem Reich gejagt; der Herrscher setzt neuerdings auf abendländische Aufklärung statt auf das Wirken der Wesen aus dem von bösen Dschinns zerstörten Dschinnistan. Das Asylrecht gilt nicht mehr; Rosabelverde sinnt auf Rache – und platziert im Staat einen Schläfer. In zwanzig Jahren solle er wie eine Bombe platzen, dieser Klein Zaches, dem sie rote Zauberhaare gibt und ihn Zinnober nennt. Der Trug gelingt, nun hält ihn jeder für schön und klug …

Entsprungen ist diese pechschwarze Fantasie aus Hoffmanns Abscheu der Restauration, Spekulationen über Vorbilder für die Figuren gibt’s seit der Entstehungszeit. Erschreckend ist die Aktualität der Erzählung; auch heute findet man Ähnlichkeit mit lebenden Volksverdrehern und deren untoten Parolen, es existieren genug, die nur Zinnober reden. Fürs Volkstheater hat nun also der ungarische Autor Péter Kárpáti aus der literarischen Vorlage ein Theaterstück gemacht, auf Vorschlag von Landsmann Victor Bodo, der „Klein Zaches – Operation Zinnober“ zur Uraufführung brachte. Eine Idee, die so logisch wie reizvoll wie gefährlich war, zumal von zwei Theatermachern, die aus dem Orbán-System kommen. Doch siehe da: Wunder finden statt.

Die Staatsspitze wird im Waschzuber weichgekocht: Gábor Biedermann, Thomas Frank, Jan Thümer und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Volk auf Talfahrt: Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Claudia Sabitzer und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kárpáti und Bodo haben auf Zeigefinger wie Zaunpfahl verzichtet, nur einmal gibt es Elendsgestalten hinter Maschendraht; sie brauchen keine plumpen Annäherungsversuche ans Heute, um ihren Abend ebenda zu verorten. Bodo setzt ganz auf Märchen, seine Inszenierung ist ein Gute-Laune-Grusical, bitter, böse, provokant. Alles dreht sich, alles bewegt sich in diesem Kuriositätenkabinett, Kleider qualmen vor Wut, Köpfe rauchen unter der „Durchleuchtung Typ F“-Folter. Menschen werden zu Ratten und als solche erschlagen. Dazu gibt’s Live-Musik unter der Leitung von Klaus von Heydenaber und Live-Kamera von Pablo Leiva.

Hoffmann wird nicht durchdekliniert, Bodo hat lieber frei assoziativ gearbeitet, da kann man schon einmal den Überblick verlieren, da hört man ab und an im Publikum einen Geduldsfaden reißen, wenn sich auf der Bühne der narrative verliert. Kurz, die Aufführung dient der Aufklärung nicht, macht aber Spaß. Bodo hat in der Minute mehr Einfälle, als andere in einem ganzen Regieleben, und das aufgekratzt agierende Ensemble setzt sich in seinen vor Absurditäten strotzenden Albtraumbilder astrein in Szene.

Die Arbeit, die es hier leistet, ist Körperarbeit. Es wird geturnt, getanzt, gefochten, das alles auch in Zeitlupe – und in einem der schönsten Momente sogar die Schwerkraft ausgetrickst. Dazu gilt es das Bühnenmobiliar von Lörinc Boros zu bewegen, Auto, Waschzuber, Gewächshaus, selbst die Wände, ein Darsteller macht den hoppelnden Hasen, ein anderer mit drei Palmwedeln den Wald. Es ist der große Reiz dieser Inszenierung, dass das Publikum das Entstehen des Theaterzaubers wie ein Working in Progress mitverfolgen kann. Die Kamera zoomt noch den kleinsten Schweißtropfen, Stirnrunzeln, ein Verziehen der Mundwinkel, ein angstvoller Seitenblick, hingeworfen auf die Leinwand, dazu „Special Effects“, etwa, wenn bewusstseinsverändernde Substanzen eingenommen und Gesichter rot und blau werden. Ein Höhepunkt des Abends ist ein Zauberduell, als wären Merlin und Mim neuerdings in der „Matrix“.

Ihr Name war nicht Olympia: Aus Candida wird eine gespenstische Maschinenbraut für Zinnober – Evi Kehrstephan und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der geheimnisvolle Egon mit den Studenten Balthasar und Fabian: Günter Franzmeier mit Hirschkopf, Christoph Rothenbuchner und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann gibt den Zaches/Zinnober. Der 1,87-Meter-Mann verzwergt sich allein durch Mimik und Gestik, das ist große Kunst, wie er aus dem unflätigen Unhold einen ordinären Aufsteiger macht, die Schläge, die er bisher fürchtete nun selber austeilend. Das Triumvirat aus Staatssekretärin (Claudia Sabitzer), Minister (Thomas Frank) und Großfürst (Jan Thümer) ist rasch aufgerollt, einen Widerpart immerhin findet Zinnober im Studenten Balthasar, den Christoph Rothenbuchner als sich ständig selbst über den Haufen werfenden, verzweifelt Liebenden spielt. Das Objekt – im Wortsinn – seiner Hingabe ist Candida, die von ihrem Vater in einen Automaten verwandelt wurde. Evi Kehrstephan spielt mit weißen Horroraugen die Gespensterbaut, Stefan Suske den zwielichtigen Wissenschaftler. Spuk verbreitet auch Anja Herden als Fee Rosabelverde, die Menschen meist von der Leinwand aus überwachend, eine übergroße Big Mother – zum Fürchten, wenn sie Gift und Galle speit. Luka Vlatkovic spielt Balthasars Gefährten Fabian.

Und dann ist da noch Günter Franzmeier als Egon. Angetan wie ein postkommunistischer Hausmeister schlurft er über die Bühne, und doch ist klar, dass er ein Geheimnis birgt. Er kann nämlich nicht nur E-Gitarre spielen, wie schön, dass man den Franzmeier endlich wieder einmal lässt!, sondern auch die Erde kippen. Und Offenbach singen. Am Ende gibt’s einen Attentatsversuch mit Schere und viel Applaus für Schauspieler und Leading Team; ein Extradank ging an die Bühnenarbeiter, die hier Enormes leisten.

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Wien, 13. 2. 2017

Volkstheater: Medea

November 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon lange nicht mehr war Grillparzer so aktuell

Stefanie Reinsperger als urgewaltige Medea mit den Kindern Phillip Bauer und Nikolaus Baumgartner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger als urgewaltige Medea mit den Kindern Phillip Bauer und Nikolaus Baumgartner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Medea“, Grillparzers atemraubend furioses Dramatisches Gedicht, hat man freilich schon gesehen. Mal pathetisch, mal sperrig, 2004 rührte Birgit Minichmayr an der Seite von Michael Maertens sogar zu Tränen. Doch mutmaßlich noch nie war der letzte Teil dieser der Antike entliehenen Trilogie so aktuell wie diesmal. Das ist zum einen dem Unfug und den Unsitten dieser Tage geschuldet.

Zum anderen Volkstheaterdirektorin Anna Badora zu danken, die mit ihrer Neuinszenierung am Haus neue Maßstäbe setzt. Sie konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Fragen nach dem Anderssein, ergo Ausgegrenzt- und Ausgestoßen sein; fremd ist gleich Frau ist gleich Medea, was die Männerbündler in ihrer Angst vor dem Unbekannten maximal zu sexuellen Übergriffen reizt. Doch auch Heimkehrer Jason findet in Griechenland kein Zuhause mehr, er ist zum Flüchtling geworden, immer unstet, immer unterwegs – und keine Rettung nirgendwo. In Korinth schließlich beginnt die Wertediskussion, „unsere“ Regeln und „deren“ Gebräuche“, Medea wird aufgefordert ihre Kleidung anzupassen, ihre Söhne sind bereits in das eingeführt, was sich Zivilisation nennt. Dabei helfen ein schönerer Teddybär und ein neuerer Ball.

Und während Seinesgleichen noch bereit sind, Jason wieder in ihrer aufgeklärten Mitte aufzunehmen, wird der Wilden, der Unangepassten, der Freiheitsliebenden das Asyl verweigert. Nicht überzeugend genug waren ihre Anstrengungen, sich assimilieren, sich ändern zu wollen. Sie hat ihr Integrationsjahr nicht genutzt, lieber vollverschleiert martialische Tänze aufgeführt, das Urteil lautet daher Verbannung. Badora hat in kühnen Strichen atmosphärisch dichte Bilder gemalt. In Thilo Reuthers Bühnenbildbunker entwirft sie das Grillparzer’sche Schnetzeln und Metzeln als intimes Familientableau, zeigt wie das Politische das Private unter sich zermalmt, Stefanie Reinsperger und Gábor Biedermann in einem Infight, in Zank und Hader wie eine mythologische Version von Martha und George, und einen Boden, Wände, die sich bewegen und drehen, eine Zeit, die nicht mehr aufgehalten werden kann.

Rückblende - ein Albtraum aus der Vergangenheit: Aietes zwingt das Kind Medea den Gastfrend zu töten: Michael Abendroth und Luana Otto. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rückblende – ein Albtraum aus der Vergangenheit: Aietes zwingt das Kind Medea den Gastfreund zu töten: Michael Abendroth und Luana Otto. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Männer verhöhnen die Rituale der fremden Frauen: Anja Herden als Gora, Günter Franzmeier als Kreon, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Männer verhöhnen die Rituale der fremden Frauen: Anja Herden als Gora, Günter Franzmeier als Kreon, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klug verwebt sie die ersten beiden Teile „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“ in die Aufführung. Die wichtigsten Szenen daraus erscheinen wie Albträume, Weissagungen, Rückblenden an den Moment, an dem das Leben auch eine andere Wendung hätte nehmen können. Nicht alle im sehr spielfreudigen und gutgelaunten Ensemble sind gleich versiert darin, Grillparzers komplexe Sprache, seine komplizierten Verse über die Rampe zu bringen. Und so klingt bei den einen nur wie Behauptung, was die anderen gekonnt als Selbstbehauptung kommunizieren können. Dass ganz auffällig „gespielt“ wird, hat seine Berechtigung, hat hier doch beinah jeder jedem etwas vorzustellen, dass er eigentlich gar nicht ist.

Im Zentrum steht, wie Mutter Erde, die Zauberin; Stefanie Reinsperger ist als Medea wie immer eine Urgewalt auf der Bühne, diesmal eine, die ihr altes, gewaltbehaftetes Leben hinter sich lassen will – doch die, die wissen, was falsch und was richtig ist, lassen sie nicht. Ihre Auflehnung gegen eine patriarchalische Welt muss angesichts der männlichen Übermacht verpuffen, sie erkennt – zu spät -, dass sie den habgierigen Vater Aietes nur gegen den egomanischen Ehemann Jason getauscht hat, berührend ist, wie sie dennoch um seine Liebe buhlt und sich dabei beinah selbst aufgibt. Ihre Lösung der äußeren und inneren Konflikte ist bekannt. „Du kennst ihn nicht, ich aber kenn‘ ihn ganz“, wird sie an bezeichnender Stelle sagen.

Eine Liebe zum gegenseitigen Verderben: Stefanie Reinsperger als Medea, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Liebe zum gegenseitigen Verderben: Stefanie Reinsperger als Medea, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

An ihrer Seite brilliert Gábor Biedermann als ein Jason, der im lakonischen Tonfall seiner Liebe zwar abschwören kann, doch bis zuletzt die Ekstase, die Passion Medeas in der neuen, schönen, aalglatten Welt sucht. Biedermann, am Volkstheater bis dato immer eine sichere Bank, überzeugt auch diesmal. Und wieder zeigt er neue Seiten seines schauspielerischen Könnens.

Evi Kehrstephan verkörpert als Kreusa die Art Willkommenskultur, die sich spätestens dann zurückzieht, wenn es gilt eigene Interessen zu schützen. Michael Abendroth ist als Medeas Vater Aietes ein habgieriger Intrigant. Anja Herden holt wie stets das Maximum aus ihrer Rolle. Ihre Amme Gora ist von Anfang an die angewiderte Warnerin ob der neuen Umstände in Griechenland, nicht gewillt ihre Herkunft zu verraten, ist sie immer auf der Hut vor dem nächsten Streich der neuerdings über sie bestimmenden Moralwächter, deren Amoral wie nur allzu gern bloßstellt.

Als deren höchster ist Günter Franzmeier ein saturierter, selbstgefälliger König Kreon, einer, der gern mit den Schicksalen anderer spielt und sie in seinen Händen dreht und wendet, bis ihm der Tod das seiner Tochter Kreusa entreißt. Mit zwei starken Bildern beschließt Badora ihren Abend. Kreusas Sterben ist ein archaisches, unter dem Goldenen Vlies wie Herkules in seinem vergifteten Hemd; danach tanzt Medea mit ihren ermordeten Kindern den Walzer, den sie zuvor nicht und nicht erlernen konnte. Am Ende Jason, der wieder liebeswirbt, wie in den „Argonauten“. Die Rückschau als Blick in die Zukunft. Die Menschen, die Erde, die Verantwortung für einander, zwei Hälften, die zusammengehören. Nicht platonisch, tatsächlich.

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Wien, 21. 11. 2016

Volkstheater: Das Narrenschiff

September 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Laufender Probenprozess vor Publikum

Einblick ins Workshoptheater: Bei Dušan David Pařízek symbolisieren Schminktische die Schiffskabinen. Stefanie Reinsperger, Jan Thümer, Sebastian Klein, Katharina Klar, Seyneb Saleh, Anja Herden, Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Einblick ins Workshoptheater: Bei Dušan David Pařízek symbolisieren ein Dutzend Schminktische die Schiffskabinen. Stefanie Reinsperger, Jan Thümer, Sebastian Klein, Katharina Klar, Seyneb Saleh, Anja Herden, Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn diese Inszenierung in ein, zwei, drei Wochen fertig sein wird, ist aus ihr sicherlich eine sehr schöne und spannende Arbeit geworden. Derzeit allerdings ist, was man auf der Bühne des Volkstheaters sieht, noch in mehrerer Bedeutung des Wortes unkonzentriert. Regisseur Dušan David Pařízek zeigt als Saisoneröffnungspremiere des Volkstheaters „Das Narrenschiff“ von Katherine Anne Porter in einer eigenen, tadellos griffigen Textfassung, doch ist, was er zeigt, ein laufender Probenprozess vor Publikum.

Ein Eindruck, der insofern durchaus gewollt sein mag, als Pařízek, wie immer auch fürs Bühnenbild verantwortlich, neben eine Schiffsdeck-Spielfläche ein Dutzend Schminktische platziert, die als eine Art Backstagebereich ist gleich Schiffskabinen dienen, und an denen alle Schauspieler immer anwesend sind. Doch dies „Workshoptheater“ darf nicht Ursache dafür sein, dass die Handlung in alle Richtungen zerfließt, dass sich einem nicht erschließt, welche Geschichte hier eigentlich erzählt – Stoff gäb’s ja genug aus den „Rassen“ und Klassen, von Kapital und Krise bis Sozialismus und Nationalsozialismus – und welchen Sukkus sie haben soll. Diverses versteht man schlicht nicht, und dies nicht im Sinne von enigmatisch, sondern von unverständlich.

Warum etwa reist Bulldogge Bébé ohne Herrl Professor Hutten, und wenn man auf den Hund schon wert legt, warum fehlt die Schlüsselszene des Romans, ihre Rettung durch den Zwischendeck-Basken, der dabei freilich sein Leben verliert? Warum ist statt Hutten der sittenstrenge jüdische Kaufmann Julius Löwenthal Schweizer, warum die hyperhysterische Condesa offenbar aus Simmering entsprungen, außer dass Lukas Holzhausen und Stefanie Reinsperger den jeweiligen Zungenschlag beherrschen?

Ein halbes Dutzend Passagiere präsentiert seine Schicksale: Jan Thümer, Gábor Biedermann, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Passagiere gehen an Bord: Jan Thümer, Gábor Biedermann, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth brilliert als Schiffsarzt Dr. Schumann; mit Stefanie Reinsperger als La Condesa. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth brilliert als Schiffsarzt Dr. Schumann; mit Stefanie Reinsperger als La Condesa. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am besten ist der Abend dort, wo Pařízek Porter spielen lässt. Wenn ihn dann ab und an der didaktische Zeigefinger des deutschen Diskurstheaters in die Seite sticht – als kubanisch-spanische misera plebs wird dazu das Publikum angeleuchtet und angesprochen -, dann ist das eben … Volkstheater unter Anna Badora. Zu diesem theaterpädagogischen Ansatz passt, dass der Regisseur wieder seinen obligatorischen Overheadprojektor mitgebracht hat, auf dem die Schauspieler fröhlich Folien hin und her schieben. Das kennt man bereits ebenso, wie die Versuche des Souffleurs einem Düsseldorfer Mimen hiesige Dialekte beizubringen. Siehe „Alte Meister“. Wiener reden zwar vielleicht komisch, können aber übers Jahr durchaus was im Kopf behalten …

Die Momente entstehen aus einzelnen Bildern. Anja Herden als Mary Treadwell und Michael Abendroth als Schiffsarzt Dr. Schumann schaffen in ihren bestechenden Auftritten die Atmosphäre, die man sich für den ganzen Abend gewünscht hätte. Die beiden präzisieren Situationen, die Amerikanerin mit dem Sarkasmus einer Siegernation und jenem Lieber-gar-nicht-wissen-Wollen, das lange die Haltung der USA zum Dritten Reich kennzeichnete, der Deutsche mit einer verweht-nostalgischen Melancholie, die beinah anachronistisch den Untergang alles Guten und die Morgendämmerung des Bösen charakterisiert. Der Kapitän ist abwesend wie Gott, so dass der Teufel seinen Platz einnimmt – Rainer Galke ist als nationalsozialistischer Zeitungsherausgeber Siegfried Reber Agitator, Angstmacher und derart großmäuliger „Piefke“, wie’s der österreichischen Seele ein Stachel in derselben ist. Katharina Klar und Sebastian Klein gestalten mit viel Engagement das On-Off-Liebespaar Jenny Brown und David Scott.

Bei der Todesfiesta nimmt der Dampfer endlich Fahrt auf: Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bei der Todesfiesta nimmt der Dampfer endlich Fahrt auf: Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anderen Darstellern, wie Seyneb Saleh als Lizzi Spöckenkieker, Gábor Biedermann als Wilhelm Freytag, Bettina Ernst als Frau Otto Schmitt oder vor allem auch Jan Thümer als William Denny, wünscht man von Herzen mehr Zeit für ihr Spiel in dieser beinah dreieinhalbstündigen Aufführung. Wie’s werden wird können, zeigt sich nach der Pause, wenn der Dampfer endlich Fahrt aufnimmt und eine Todesfiesta beginnt.

Mit grell geschminkten Totenkopfmasken, mit Sätzen, die wie im Rhythmus der Füße stampfen. Marschiert und gestorben wird immer noch wo, da ist Gestern wie heute. In dieser Szene blitzt Pařízeks inszenatorische Brillanz auf, am Rest kann ganz ehrlich noch gefeilt werden.

Michael Abendroth im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21783

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Wien, 10. 9. 2016