steirischer herbst 2017: Fünf Tipps aus dem Programm

September 15, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Hoffnung, Angst und allerlei Untotes

Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – das New Yorker Performancekollektiv lädt mit öffentlichen Dreharbeiten zum Mitspielen ein. Bild: Ditz Fejer

Der steirische herbst feiert Jubiläum, er findet bereits zum 50. Mal statt. Diesen Anlass greift das Festival ab 22. September auf, um grundsätzliche Fragen zu Kunst und Gesellschaft zu stellen: Wo steht man eigentlich? Was hat zu dieser Gegenwart geführt? Und mit welchen Mitteln will man den Platz in der Welt und die Wege, die man zukünftig einschlägt, überhaupt bestimmen? Oder, so das Motto nach einem späten Song von David Bowie: „Where Are We Now?“

Die Beteiligten und Projekte des Jubiläumsprogramms 2017 schaffen Zeit und Raum für Erkenntnis und Sinnlichkeit, Spielfreude im Umgang mit Historischem und Neugier auf das Kommende. Zweckrationalität und Fortschrittsglauben treten hinter das Hier und Jetzt. In unterschiedlichsten Formaten wird nach der Rolle von Hoffnung, Angst und Glücksversprechen für die individuelle wie kollektive Verfassung gefragt. Verborgene Zusammenhänge, allerlei Untotes und verdrängte Wahrheiten treten zu Tage. Träume, Schwindelerregendes und atemberaubend Überstürztes finden ihren Platz im Programm.

Für diverse Veranstaltungen gibt es Shuttles von Wien, Linz und Graz. Fünf Highlights aus dem Programm:

Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – Der Große Dreh. Ab 15. 9.,Treffpunkt im VAZ Mürzer Oberland. Eintritt frei! Das Nature Theater of Oklahoma wagt das Unmögliche: eine Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“. Der Dreh rund um Neuberg an der Mürz ist gleichzeitig eine Live-Performance. Wer will, kann zusehen, und vor allem: mitmachen. An den Originalschauplätzen in der Obersteiermark wird das New Yorker Performance-Kollektiv  öffentliche Dreharbeiten inszenieren. Dabei ist die Beteiligung der ortsansässigen Bevölkerung wie auch des herbst-Publikums in jeder Hinsicht erwünscht. Größte und kleinste Rollen sind zu vergeben. An allen Ecken und Enden des Films herrscht Bedarf. Egal, ob man nur einen oder zehn Tage Zeit hat, alle, die Lust auf ein Abenteuer haben, können an den Dreharbeiten teilnehmen. Geboten werden wilde Heimatfilm-Phantasmen und eigentümlich anheimelnder Horror. Gedreht wird bis Mitte Oktober an sieben Tagen in der Woche, für die großen Drehs an den Samstagen werden besonders viele Mitwirkende gesucht: Ob man sich am Rande eines monströsen Unfall-Szenarios wiederfindet, einer Untotenparade beiwohnt oder dabei ist, wenn in einem verfallenen Kino die Toten aus der Leinwand steigen – man wird immer zugleich zuschauen und mitspielen. Informationen unter kinderdertoten@steirischerherbst.at; Drehplan unter www.steirischerherbst.at/drehplan.

Bild: Tianzhuo Chen

Florentina Holzinger: Apollon Musagète. Bild: Radovan Dranga

 

 

 

 

 

 

 

 

Florentina Holzinger: Apollon Musagète. Ab 28. 9., Dom im Berg. Die Inszenierungen von Florentina Holzinger sind geprägt durch Kompromisslosigkeit, Kickboxen, Ballett, Gewichtheben, Freakshow und Stunting: In einer nicht enden wollenden Tour de Force eignet sich die österreichische Performerin und Choreografin unterschiedlichste Körpertechniken an, die sie auf der Bühne zugleich meistert und zerstört. Eine Beschwörung der menschlichen Lebenskraft – mit Sexualität, Humor und großer Lust am Risiko. In „Apollon Musagète“ seziert Holzinger das Genre der Freakshow und lässt es mit neoklassischem Ballett kollidieren. Ein nur aus Frauen bestehender Cast nimmt mit großer Leidenschaft Balanchines Choreografien auseinander und konfrontiert deren strenge Form mit der unberechenbaren Kraft und dem tabulosen Witz der Performerinnen. Okkulte Fitnessgeräte, Werkzeuge und schweres Geschütz kommen zum Einsatz und lassen die skurrilen Gemeinsamkeiten zu Tage treten, die die revolutionären Performances der 1960er- und 70er-Jahre mit dem historischen Entertainment der „All American Freakshows“ verbindet: Kategorien von Können und Dilettantismus geraten gehörig ins Wanken, virtuos entlarven die Tänzerinnen den klassischen Mythos von der perfekten Frau, wie er sich in Balanchines Musen manifestiert. Ein Abend voll Wahnsinn, Lust und Ekel, Trash, Entertainment und Hochkultur. Niemand wird geschont, weder das Publikum noch die Künstlerinnen. Erstaufführung im deutschsprachigen Raum.

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary. Ab 29. 9., Orpheum. Die schwedische Regisseurin Gunilla Heilborn und das Grazer Theater im Bahnhof teilen eine Liebe zum Alltäglichen. Und so begeben sich drei Ensemblemitglieder des TiB gemeinsam mit einer Performerin und einem Tänzer aus Schweden auf die Suche nach Techniken des Erinnerns für die kleinen Details des alltäglichen Lebens. Was löst Erinnern aus? Ist es ein Geruch, ein Pop-Song? Ist das Gedächtnis ein Feld, auf dem man herumstreunt, um Dinge aus der Vergangenheit zu finden? Und wie wäre es, einer dieser wenigen Menschen zu sein, die ein extremes Erinnerungsvermögen haben, das ihnen erlaubt, sich an alles zu erinnern, was sie jemals getan haben – Albtraum oder Segen? Mit verschiedensten Mitteln versuchen die Performerinnen und Performer, ihre Erinnerungen abzurufen, wiederholen und hinterfragen sie – mit besonderem Fokus auf dem, was jenseits großer Ereignisse und Lebensmomente zu liegen scheint. Der 7. April 2017 in Stockholm zum Beispiel: „Wir verlassen die Arbeit per Boot. Mit anderen, die das normalerweise nicht tun würden. Es ist ein schöner Abend. Ein schrecklicher Tag. So ruhig.“ Eine Uraufführung.

Berlin: Zvizdal. Bild: Frederik Buyckx

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary: Gunilla Heilborn, Pia Hierzegger, Monika Klengel und Lorenz Kabas. Bild: Heilborn/Theater im Bahnhof

Berlin: Zvizdal. Ab 10. 10., Orpheum. Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc wohnen mehr als 80 Jahre im ukrainischen Zvizdal. Auch die nukleare Katastrophe im nahe gelegenen Kraftwerk von Tschernobyl hat daran nichts ändern können. Ihr Dorf wurde für unbewohnbar erklärt und evakuiert. Während alle Nachbarinnen und Nachbarn es verlassen haben, sind Nadia und Pétro geblieben. „Wenn du an einem Ort geboren wurdest, solltest du in deiner natürlichen Umgebung bleiben“, sagt Pétro. „Wenn ich in eine andere Gegend umziehen müsste, würde ich sterben.“

30 Jahre haben die beiden in selbst gewählter Einsamkeit gelebt. Ohne fließendes Wasser, Strom und Telefon. Inmitten geplünderter Häuser und umgeben von einer Natur, die ungehindert von der unsichtbaren, aber allgegenwärtigen radioaktiven Strahlung das vormals besiedelte Terrain zurückerobert. Eine Situation zwischen Stillstand und Zerfall. Die Künstlergruppe Berlin hat das Paar zusammen mit der Journalistin Cathy Blisson über fünf Jahre hinweg besucht und gefilmt. Das dokumentarische Filmmaterial wird in den Aufführungen mit Live-Bildern aus einem Miniatur-Modell verschnitten, das Pétros und Nadias kleines Biotop im Wechsel der Jahreszeiten zeigt.

Ein Projekt über Einsamkeit, Überleben, Hoffnung, Liebe und den Eigensinn zweier Menschen, die gegen jede verordnete Vernunft handeln – sowie über Kunst, die diese Menschen ebenso unvernünftig und mutig mit langem Atem begleitet. Österreichische Erstaufführung.

Tianzhuo Chen: An Atypical Brain Damage. Ab 12. 10., Dom im Berg. Mit seiner Uraufführung für den steirischen herbst inszeniert Tianzhuo Chen eine düstere und gleichermaßen lustvolle Pop-Oper, in der sich instrumentelle Live-Klänge mit pumpenden Beats vermengen und großstädtische Fashionarroganz auf die Camouflagejacken chinesischer Bauern trifft. Das Publikum bewegt sich durch einen installativen Bühnenraum, in dem kulturelle Codes und ikonografische Figuren von Performerinnen und Performern seziert und akribisch wieder zusammengesetzt werden. Das Material für diese hybride und gleichermaßen ekstatische Leichenfledderei stammt aus globaler Club-Kultur, aus Folklore und Social Media, sowie nicht zuletzt aus Diskursen rund um „das Asiatische“ und „das Europäische“. Tianzhuo Chen ist einer der prominentesten Vertreter einer jungen Generation chinesischer Kunstschaffender, die mit großem Selbstbewusstsein die Extravaganz und selbstgewählte Exotisierung einer kommerzialisierten asiatischen Identität zelebrieren. Für seine Objekte, Performances und Videoarbeiten gestaltet er farbenfrohe, groteske Bildwelten, die voll sind von Referenzen zu Buddhismus, Butoh und Drag, und stellt so eine Verbindung zwischen dem Zusammenbruch überkommener Moralvorstellungen und traditioneller Glaubenswelten her. Tianzhuo Chen war 2017 bereits mit „自在天 / Ishvara“ bei den Wiener Festwochen zu Gast. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25039

www.steirischerherbst.at

15. 9. 2017

Ratet einmal …

August 9, 2017 in Buch

9. 8. 2017

steirischer herbst: Fünf Tipps aus dem Programm

September 9, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Teetrinken macht nämlich im Kopf die Grenzen auf

Milo Rau: IIPM – International Institute of Political Murder Empire. Bild: Stefan Bläske

Milo Rau / IIPM – International Institute of Political Murder: Empire. Bild: Stefan Bläske

Am 23. September startet der steirische herbst 2016. Mit „Wir schaffen das“ hat man sich den mittlerweile so berühmten wie berüchtigten Merkel-Spruch als Leitmotiv gewählt – eine gewagte und folgenschwere Aussage, die aber ein Hinweis darauf ist, was der utopische Gehalt von Europa sein könnte: eine Gemeinschaft demokratischer Staaten, die Grundwerte des menschlichen, friedlichen Zusammenlebens garantiert. Und gemeinsam Wege findet, den Herausforderungen dieser Zeit pragmatisch und angstfrei zu begegnen.

Vielleicht ist gerade die aktuelle Situation die Chance, erneut an der Idee von Europa jenseits eines rein ökonomischen Zusammenhangs zu arbeiten, diese Konstruktion ins 21. Jahrhundert zu retten. Welche Werte, welches Menschenbild, welche Modelle von Bildung gilt es, im Dialog mit der Welt zu dekolonialisieren, um sie unter veränderten Vorzeichen neu zu denken? Themen und Fragen wie diese durchziehen das Programm und finden sich auf vielfältigste Weise in künstlerischen und kuratorischen Setzungen wieder. So zeigt der Schweizer Theatermacher Milo Rau am 14. und 15. Oktober im Schauspielhaus Graz in Empire die Geschichten von Menschen, die durch Flucht nach Europa kamen oder an seinen Rändern ihre Heimat haben, und stellt die Frage: Sind Europas uralte Traditionen gefährdet oder ist die Migration nicht gerade eine davon? Die Erzählenden in „Empire“ berichten von Verlust, Gefängnis, Tod und Wiedergeburt, und Rau reizt wie gewohnt streitbar, konsequent,  aber unaufgeregt die Möglichkeiten des Theaters aus, um nicht nur dokumentarisch, sondern höchst politisch aufzutreten. Sicher eine der spannendsten Produktionen in diesem Jahr.

Fünf Tipps aus dem Programm:

Moddi plays Unsongs, 25. September, club panamur: Der norwegische Singer-Songwriter Pål Moddi Knutsen kehrt mit einem besonderen Projekt zum steirischen herbst zurück. Er hat politische Lieder von den schwarzen Listen der Welt gesammelt. Ein Jahr hat er damit verbracht, verbotene Songs aus aller Welt zusammenzutragen, zu übersetzen und neu zu interpretieren. So wurde sein neues Album „Unsongs“ zu einer bewegenden Sammlung politischer Lieder aus Algerien, Libanon, China, Vietnam, Norwegen, Mexico, Chile, USA, Israel, Russland und Großbritannien. Moddi stellt damit Fragen zur Funktionsweise von Zensur, ehrt diejenigen, die diese Lieder schreiben und spielen für ihre Courage und geht mit der Veröffentlichung der Songs selbst das Risiko von Auftrittsverboten und Zensur ein. Im club panamur präsentiert er seine Sammlung live.

Mobile Tea House, ab 29. September, Leibnitz und Leutschach: Rainer Prohaska bringt Ratschengurte und Holzbauprofile nach Leibnitz und Leutschach und ruft zum kollektiven Bau eines Teehauses auf. Ein Plädoyer für Flexibilität und Offenheit. Und eine Einladung zum Dialog aller Kulturen. Im Nahen und Fernen Osten funktionieren Teeräume als Zentren sozialer Interaktion. Länder wie die Türkei, der Iran, Pakistan, Syrien und Libanon kennen das Teetrinken ganz selbstverständlich als Kommunikationsmodus. Japan und China bauen dem Teekonsum gar eigene Bauwerke – eine Inspirationsquelle für Rainer Prohaska. Der gebürtige Kremser wurde schon zu Einzelausstellungen und Vorträgen in zahlreiche Länder eingeladen und hat dabei verschiedene Arten von Teezeremonien kennengelernt. Dadurch angeregt lädt Prohaska nun zum Bau eines „Mobile Tea House“ ein. Durch Beiträge von Gastkünstlerinnen und -künstlern wird das Teehaus zum Dreh- und Angelpunkt für Gespräche, Diskussionen und Plaudereien. Was aber in keinem Fall fehlen darf: Teezeremonien aus den unterschiedlichsten Kulturen der Welt.

Blitz Theatre Group: Late Night. Bild: Vassilis Makris

Blitz Theatre Group: Late Night. Bild: Vassilis Makris

El Conde de Torrefiel: Guerrilla. Bild: Titanne Bregentzer

El Conde de Torrefiel: Guerrilla. Bild: Titanne Bregentzer

Blitz Theatre Group: Late Night, ab 30. September, Hugo Wolf Saal Leibnitz: Das Ende der Welt auf Griechisch: Die Blitz Theatre Group tanzt auf den Trümmern Europas einen surrealen Totenwalzer voller schlichter Melancholie und feinem Humor. In einer apokalyptischen Welt sind drei Frauen und drei Männer übriggeblieben, sie scheinen nur noch ihr abgetragenes Festtagsgewand und ihre Erinnerungen zu haben. In Fragmenten erzählen sie von damals, von einem europäischen Krieg, der so surreal wirkt wie die bunte Festbeleuchtung in dem heruntergekommenen Ballsaal, in dem sich die sechs eingefunden haben.

In Gedanken an glücklichere Zeiten ergehen sie sich in einem so atemberaubenden wie bedrückenden Abgesang auf Europa. Und sie tanzen. Derlei beklemmend prophetische Assoziationen eines Europas, das durch Krieg, Terror und Anarchie geprägt ist, haben „Late Night“ zur großen Erfolgsproduktion der Blitz Theatre Group gemacht, mit der die griechische Company nun erstmals in Österreich zu sehen sein wird.

El Conde de Torrefiel: Guerrilla, Uraufführung am 14. Oktober, Orpheum: Was denkt eine junge Generation über das gegenwärtige Europa, welche Fragen und Zukunftsängste beschäftigen sie? Das Performance-Duo El Conde de Torrefiel stellt junge Menschen aus der Steiermark in den Fokus seiner neuesten Bühnenarbeit. In drei monumentalen Choreografien werden bewegte Stillleben des modernen Alltags entwickelt: eine Konferenz, eine Tai-Chi-Stunde und eine Partynacht. Doch diese scheinbar harmonischen Zusammenkünfte einer Gruppe im Herzen Europas suggerieren alles andere als eine heile Welt. Denn über den Bildern schwebt Text, der die Harmonie so humorvoll wie beunruhigend konterkariert. Schon in den Fragen lauert die Gefahr: „Was bedeutet das Wort Feind für Sie?“ oder „Was würden Sie tun, wenn morgen Krieg wäre?“ Mit „Guerrilla“ zeigen El Conde de Torrefiel beim steirischen herbst zum ersten Mal eine ihrer bildstarken Arbeiten in Österreich. Ihre ausgeklügelte Text-Bild-Schere zeigt: Auch mitten in der Komfortzone entstehen die Kriegserklärungen zuerst im Kopf.

Monika M. Kalcsics und Eugene Quinn: Grenzlandgespräche, 15. Oktober, Kniely Haus Leutschach: Österreichs Grenze zu Slowenien kennt viele Geschichten: Einst war sie Kriegsschauplatz, später wurden ihr entlang Wanderwege und kürzlich Zäune errichtet. Es ist ein kontroverses Thema und weil beim Reden die Leut’ z’sammen und beim Essen am besten ins Reden kommen, lädt der steirische herbst zum Social Dining nach Leutschach. Die „Grenzlandgespräche“ von Monika M. Kalcsics und Eugene Quinn sind Blind Dates der besonderen Art. Hier trifft man Menschen, mit denen man sonst wohl nicht so oft essen geht. Personen, die über die gegenwärtige Situation erzählen und darüber, wie es früher mal gewesen ist, im Grenzland. Geladen werden Bürgermeister, Weinbauern, Kunstschaffende und viele andere, um bei einem Dreigangmenü aus regionalen Spezialitäten mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen.

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Wien, 9. 9. 2016

steirischer herbst: Rimini Protokoll zeigt „Mein Kampf“

September 21, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Relikte, Spuren und andere Hinterlassenschaften

Rimini Protokoll, Helgard Haug und Daniel Wetzel: "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" Bild: Candy Welz

Rimini Protokoll, Helgard Haug und Daniel Wetzel: „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“
Bild: Candy Welz

Unter dem Leitmotiv „Back to the Future – Relikte, Spuren und andere Hinterlassenschaften“ blickt der steirische herbst dieses Jahr gleichzeitig intensiv zurück und nach vorne. Eröffnet wird am 25. September mit einer Uraufführung, der eine jahrelange Vorbereitung vorausgegangen ist: Der Komponist Johannes Maria Staud trifft auf den Autor und Büchner-Preisträger Josef Winkler. Sie wagen mit dem Ensemble Modern ein Experiment zeitgenössischen Musiktheaters. „Specter of the Gardenia oder Der Tag wird kommen“  ist ein subtiles Wechselspiel von Musik, Text und Film. Keine Oper, sondern eine installative Konzertperformance – mit Rückblicken in die Kindheit von Josef Winkler sowie ahnungsvollen Blicken in eine gefährdete Zukunft. Schauspieler Johannes Silberschneider übernimmt die tragende Sprechrolle des Abends, die Inszenierung stammt von der jungen Regisseurin Sofia Simitzis. Die zweite große Uraufführung des Eröffnungswochenendes kommt von der dänischen Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen. Zwölf Performerinnen und Performer vollziehen in „7 Pleasures“ als Bühnenkollektiv eine große, kontinuierliche Bewegung und gehen so der Frage nach, wie die lustvolle Kraft des Vergnügens genutzt werden kann, um Klischeebilder rund um Nacktheit und Sexualität aufzubrechen und Aspekte des Vergnügens, des Hedonismus und der Sinnlichkeit ins Zentrum zu rücken.

Drei Tipps:

Ab 1. Oktober zeigt Rimini Protokoll im Schauspielhaus Graz „Adolf Hitler: Mein Kampf. Band 1 & 2“. Ende 2015 erlöschen die Urheberrechte an Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Die Debatte, ob und in welcher Form die Hetzschrift neu veröffentlicht werden darf, hat längst begonnen. Was ist dran an diesem Machwerk? Wer würde das Buch kaufen, wer würde es lesen wollen? In ihrer neuen Produktion suchen Helgard Haug und Daniel Wetzel nach Antworten auf diese Fragen. In universitären Giftschränken, auf heimischen Dachböden oder ausländischen Flohmärkten haben sie die Spur eines Buches aufgenommen, das seine geschichtspolitische Brisanz bis heute nicht verloren hat. Die Arbeiten von Rimini Protokoll basieren stets auf umfangreichen Recherchen und der Probenarbeit mit „Experten des Alltags“, die auch in dieser Zusammenarbeit mit dem steirischen herbst auf der Bühne stehen werden. Nach der zweiten Vorstellung am 2.10. findet ein von herbst-Intendantin Veronica Kaup-Hasler moderiertes Publikumsgespräch statt.

Am 3. Oktober kommt in den Barbarasälen Vordernberg „Black Moonshine“ vom Theater im Bahnhof zur Uraufführung. Die Grazer Truppe erzählt die Geschichte einer Gemeinde, in der ein Schubhaftzentrum und eine Schnapsbrennerei das Leben der Bewohner verändert. Das neue Schubhaftzentrum steht als Symbol für den Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft. Es ist gut für die Gefangenen, die Sicherheitsleute, die Privatwirtschaft und die Steuereinnahmen. Im Lichte dieses Gefängnisses erzählt das Theater im Bahnhof eine Geschichte über Unternehmertum in seiner ursprünglichsten Form. Von und mit Jacob Banigan, Ed. Hauswirth, Johanna Hierzegger, Gabriela Hiti, Eva Maria Hofer, Markus Klengel, Helmut Köpping, Rupert M. Lehofer und Christina Helena Romirer.

Am 16. Oktober folgen mit „Chinafrika. Under Construction“ von Jochen Becker, Christian Hanussek und Daniel Kötter im Festivalzentrum ’60 Erkundungen zum kulturellen und ökonomischen Austausch zwischen China und Afrika, an dem Europa längst nicht mehr aktiv beteiligt ist. Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und zahlreichen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten stark intensiviert. Die ökonomischen und geopolitischen Konsequenzen dieser Entwicklung werden schon seit Längerem international diskutiert. Allerdings sind die damit verbundenen kulturellen Folge­erscheinungen bisher weitgehend ignoriert worden. Die Kuratoren und Theoretiker Christian Hanussek und Jochen Becker haben nun gemeinsam mit dem Experimentalfilmer Daniel Kötter, dessen Werk „Kredit“ im steirischen herbst 2013 uraufgeführt wurde, kulturelle Umschlagplätze zwischen China und Afrika aufgesucht und Feldforschungen betrieben. In ihrer Präsentation zeigen sie erste Rechercheergebnisse.

www.steirischerherbst.at

Wien, 21. 9. 2015

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015