museum gugging: Ausstellung über einen stillen Poeten

Oktober 15, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

ernst herbeck.! eine leise sprache ist mir lieber

Ernst Herbeck vor dem Spiegel Bild: Heinz Bütler

Ernst Herbeck vor dem Spiegel
Bild: Heinz Bütler

„Ich bin geboren am 4. Juni 1920 zu Stockerau und erlernte gar nichts. weil ich es nicht aushielt. Dann trat ich zur Firma Vogel ein. und erlernte die Maschinschreibkunst.“ Diesen Kürzestlebenslauf verfasste Ernst Herbeck 1975, seit 30 Jahren lebte er da schon als psychiatrischer Patient in der Niederösterreichischen Landeskrankenanstalt in Gugging bei Klosterneuburg.

Herbeck wurde mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren, weshalb er nur undeutlich und mit Mühe sprach, eine Beeinträchtigung, die auch durch mehrere Operationen nicht behoben werden konnte. „Nicht jeder Mensch hat einen Mund / mancher Mund ist disqualifiziert / oder operiert. So wie bei mir“, schrieb er in einem Gedicht. Im alltäglichen Sich-Ausdrücken ist der niederösterreichische Beamtensohn nicht mehr heimisch geworden und dennoch hat er ein einzigartiges poetisches Werk geschaffen, indem er Sprache als die „Not-Wendigkeit der Menschen“ gleichsam noch einmal erfand.

Das museum gugging zeigt ab 22. Oktober die Ausstellung „ernst herbeck.! eine leise sprache ist mir lieber“, die diesem stillen Dichter unter den Gugginger Künstlern gewidmet ist. Herbecks unverwechselbare Sprachschöpfungen haben die Leser seit ihrem ersten Erscheinen in den 1960er Jahren fasziniert und sind in ihrer poetischen Eigenart und Eindringlichkeit aus dem Kanon der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken. W.G. Sebald, Ernst Jandl oder Heinar Kipphardt sind nur einige der Autor, deren Arbeit Herbeck beeinflusste.
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Die Schau gibt einen Einblick in die beeindruckende Vielfalt dieses auf Umwegen und ohne literarisches Netz entstandenen Werks. Im Zentrum steht dabei die poetische Stimme Herbecks. Von ausgewählten Zitaten moderiert und begleitet von Bildern, Film-, Tondokumenten und Erinnerungsstücken werden verschiedene Kapitel seiner Lebens- und Autorengeschichte aufgeschlagen: Kindheit, Krieg, die jahrzehntelange Erfahrung als „Auswärtiger“ in der Psychiatrie, seine Autorenschaft mit Psychiater Leo Navratil als Gegenüber und Förderer, sowie die große Resonanz auf seine Texte. Herbecks tiefe Verbundenheit mit der „Thierenschaft“ und der Natur wird thematisiert, sein genauer und empathischer Blick für kleinste und alltägliche Dinge, sowie seine lakonischen Betrachtungen über Leben und Tod, über die Zeit, das Warten oder „Das Lieben“. Dazu ist erstmals eine größere Anzahl von Herbecks Zeichnungen zu sehen, die in naher Verwandtschaft zum dichterischen Werk stehen. Die Ausstellung ist spannende Dokumentation und atmosphärisch dichte Installation zugleich und bietet viel Raum für persönliche Assoziation.
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Aus Herbecks letztem im Haus der Künstler in Gugging verbrachten Lebensjahrzehnt stammen seine Fotoalben mit zum Teil von ihm selbst gemachten Aufnahmen: Sie zeigen die Landschaft vor dem Fenster, Mitbewohner wie Oswald Tschirtner, August Walla und Johann Hauser, gemeinsame Ausflüge und Geselligkeiten, oder die Kaffeejausen mit Besuchern, bei denen Herbeck manchmal aus seinen Büchern vorgelesen hat.
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Wien, 15. 10. 2015

Projekttheater im Schauspielhaus Wien: Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne

April 1, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein meist sehr stummes Stück

über Ernst Herbeck und August Walla

Peter Badstübner, Dietmar Nigsch Bild: © Nikolaus Walter

Peter Badstübner, Dietmar Nigsch
Bild: © Nikolaus Walter

Sie waren das, was man Gugging-Künstler nennt: Ernst Herbeck und August Walla. Sie verbrachten große Teile ihres Lebens als schizophrene Psychiatriepatienten und wurden zu gefeierten Künstlern. Ihre Biografien hätten unterschiedlicher kaum sein können: Walla, der als Kind den Tod seiner Großmutter miterlebt und diesen als Zusammenbruch des Universums deutet, beginnt einen Kosmos jenseits der Welt und des Himmels zu imaginieren und zu schaffen – das Weltallendeland –, ein umfassendes, mit Göttern, Symbolen, Emblemen und Sprachen bevölkertes, phantastisches Reich, deren Teil und Gott er ist. Herbeck hingegen schweigt. Seine Disposition ist eine gänzlich andere. Er wird mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren, die seine Sprechfähigkeit stark beeinträchtigt. Bei ihm ist es nicht das Trauma, sondern das Stigma, eine von Anbeginn bestehende körperlich-sprachliche Versehrtheit, das ihn prägt.

Philipp Weiss, diese Saison Hausautor am Schauspielhaus Wien und gerade gefeiert für „Allerwelt“ www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-wien-allerwelt/, hat nun für das Vorarlberger Projekttheater ein Stück über diese beiden besonderen Menschen geschrieben: „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ (zu sehen als Gastspiel am Schauspielhaus). Und wie zwei Einzeller stehen sie auch da, Dietmar Nigsch und Peter Badstübner, in der Regie von Susanne Lietzow, stumm und gleichzeitig von Stimmen umgeben, von der „Gesellschaft“ als Kranke UND Genies abgefeiert, als Opfer der Umstände und Heroen, die gegen die gewalttätige symbolische Ordnung aufbegehren. Als Produkte auf dem Kunstmarkt. Weder Herbeck noch Walla wollten jemals Künstler werden. Es hat sich so ergeben. Könnte man so sagen.

Wir Lebenden haben nur eine Pflicht; – die Zeit zu verwerten“, schrieb Ernst Herbeck einmal. Regisseurin Susanne Lietzow, die mit ihren Produktionen gern in Wien Station macht www.mottingers-meinung.at/maria-hofstatter-spielt-in-wien-theater, ist eine schonungslose, aber auch zärtliche Begegnung mit den Protagonisten gelungen. Eine geniale Auseinandersetzung mit dem Begriff Art Brut; Badstübner und Nigsch sind den beiden Künstlern und auch den Menschen Herbeck und Walla absolut gerecht geworden, haben sie dem Publikum ganz nahe gebracht, haben sie weder ausgestellt, noch die Frage nach „verrückt“ oder „normal“ gestellt,  noch Tatsachen verborgen oder verbogen. Ein besonderes Bravo gilt Philipp Weiss für seine genauen Recherchen. Nun wissen wir, dass der Hase – auch wenn er nicht Harvey heißt – ein guter Freund des Wahnsinns ist. Und Wahnsinn nicht immer das Schlechteste. Ein bemerkenswerter, anstrengender, absolut sehenswerter Abend.

www.projekttheater.at

www.schauspielhaus.at

Wien, 1. 4. 2014