Berliner Theatertreffen: „Orpheus steigt herab“

Mai 14, 2013 in Bühne

Sebastian Nübling inszeniert Tennessee Williams

Wiebke Puls als "Lady" (Mitte), vorne der von der Kleinstadthölle befeuerte Risto Kübar als Val Xavier. Foto: © Julian Röder

Wiebke Puls als „Lady“ (Mitte), vorne der von der Kleinstadthölle befeuerte Risto Kübar als Val Xavier.
Foto: © Julian Röder

Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen ist ab 19. Mai Sebastian Nüblings Interpretation von Tennessee Williams‘ „Orpheus steigt herab“ als eine der zehn besten Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum zu sehen. Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 29. September 2012. Nübling schafft, was wenigen gelingt: Er verweht den üblichen Duft von Magnolienblüten und Zitronenlimonade und Taftkleidchen und inszeniert einen schaurigen Südstaatenalbtraum. Und das in den schönsten Bildern.  Das ist einerseits genial-neu, andererseits hat Nübling offenbar so viel Furcht vor Williams‘ Cinemascope-Sentiment, diesen leinwandgroßen Gefühlen, dass er sich kühl-distanziert hinter dem Text verschanzt. Oder positiv gesagt: Bei Nübling ist die Hölle bitterkalt.

Two River County, also. Ein Provinzkaff, in dem die WASP, die White Anglo-Saxon Protestants, eherne Gesetze eingeführt haben. Die Außenseiter naturgemäß ausschließen. Ein Glück. Nübling deutet den Ku-Klux-Klan und seine „Nigger“-Jagd nur in Halbsätzen an. Man hat das ja an grauenhaften Abenden auch schon alles durchdekliniert durchleiden müssen. Die Bewohner teilen sich – außer beim Schießen – strikt in Männchen und Weibchen. Die Sies: aufblondiert, trotz Arnie-Schwarzenegger-Oberschenkeln kurzberockt, schnell hysterisch, hämisch. Ein Nest aus Nattern, neidig und niederträchtig. Die Ers: Machos – anzunehmen: mit Minischwänzchen -, Goschnreißer, ein moralisch verkommener, bedrohlicher Bürgerwehr-Mob, lüstern ohne echte Lust auf Vollzug. Man kennt die Gattin – und all ihre Freundinnen, die man in der Jugend schon durchgebumst hat – eben schon allzu lang. Spießbürger, die andere gern aufspießen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Nübling setzt auf Realismus mit Ringelspiel. Denn ein solches, das im Laufe des Abends von zwei Schauspielern zusammenbaut wird, dominiert die Bühne. Bunte Glühlämpchen glimmen in einer düsteren Welt, die Karussellscherberln täuschen Bewegung vor, wo alles in Erstarrung liegt. Die beiden Figuren, die den Jahrmarktszauber vollenden wollen, sind natürlich Williams‘ Außerseiter dieser Gesellschaft: Lady Torrance (Wiebke Puls), die Itaker-Tochter, den man samt seinem Weinberg abgefackelt hat, weil er Alkohol an Schwarze ausschenkte. Und die nun ein verhärmtes Leben führt, weil sie sich aus Geldmangel an einen bösen, alten, todkranken und gleichzeitig untoten Mann (Jochen Noch) „verkauft“ hat. Und Orpheus. Das heißt: Val Xavier (im Film: Marlon Brando als „Der Mann in der Schlangenhaut“). Nübling hat sich als Gegenentwurf den estischen Schauspieler Risto Kübar vom wunderbaren, auch immer wieder zu den Wiener Festwochen eingeladenen (vergangenes Jahr mit „Three Kingdoms“), Theater NO99 ausgeborgt. Sein Akzent und, dass er zwischendurch Estnisch spricht, macht das „Ausländische“ noch deutlicher.

Er ist ein Tingeltangelsänger mit Autopanne. Ein dürrer, androgyner, sich somnambul selbstverliebt Streichelnder, eine schillernde, stets in Fluchtpose verharrende Echse, ein Mix aus Stricher und Iggy Pop. Ihn begleitet, mitgebracht aus der antiken Unterwelt in den modernen Hades, ein Tod mit Clownsglatze und schwarzer, statt roter Nase. Und die Musik von Lars Wittershagen. Und natürlich: Wenn Orpheus singt, werden die Damen notgeil. Selbst der strengen, von religiösen Visionen erleuchteten Ehefrau des Sheriffs (Çigdem Teke) rutscht da die Brille von der Nase. Und die knallharte Streunerin Carol (Sylvana Krappatsch) ergeht sich in endlosen Kreischorgien. Hochdrucktheater mit hässlichem Ende. Denn der Fremde muss weg. Die scharfen Dobermänner werden dafür sorgen. Und Wiebke Puls‘ Lady, diese zähe Kämpferin, zerbrechlich in ihrer Stärke, verbarrikadiert hinter spröder Strenge, eine, die nach Berührung hungert und doch vor ihr zurückschreckt, wird von ihrem Mann erschossen. Puls blanciert über alle Pathosfallen hinweg. Selbst in der Sexszene mit Risto Kübar, die Nübling hoch oben, unsichtbar im Karussell abgehen lässt.

Eine dichte, geradlinige Inszenierung eines selten gespielten Stücks. Nüblings größtes Verdienst: Er versucht keine Deutungen zu entdecken. Bei Williams steht alles da. Zum hervorragend agierenden Ensemble gehoren außerdem Tim Erny, Angelika Krautzberger, Christian Löber, Lasse Myhr und Annette Paulmann.

www.berlinerfestspiele.de

www.muenchner-kammerspiele.de

Trailer: www.muenchner-kammerspiele.de/programm/stuecke-a-z/orpheus-steigt-herab/trailer/

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 5. 2013