Theater zum Fürchten: Die Macht der Gewohnheit

Juni 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der hohen Kunst des Scheiterns

Zirkusdirektor Caribaldi trifft bei der seiltanzenden Enkelin zumindest einmal den richtigen Ton: Glenna Weber und Thomas Kamper. Bild: Bettina Frenzel

Das Wagnis, Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“ zu inszenieren, gehen Regisseur Rüdiger Hentzschel und das Theater zum Fürchten nun an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, ein. Vor allem einer trägt hier volles Risiko, Thomas Kamper in der ehemals Bernhard-Minetti-Rolle des Zirkusdirektor Caribaldi, und die gestaltet er auf so wohlausgewogene Weise mit Wahn und Witz, dass das Publikum beim Schlussapplaus herzlich für die gelungene Leistung dankte.

Die vom manischen Manegenherrscher geknechtete Truppe geben Glenna Weber als seiltanzende Enkelin, Dirk Warme als Jongleur, Regís Mainka als Dompteur und Florian Lebek als Spaßmacher. Doch es sind nicht die artistischen Qualitäten um derentwillen der cholerisch-impulsive Impresario seine Künstler quält, nein, vielmehr versucht er in seinem heruntergekommenen Wanderetablissement seit 20 Jahren ein fehlerfreies „Forellenquintett“ aufzuführen. Endlos soll geprobt werden, bis den mangelhaft begabten Schubert nicht mehr wie ein nasser Fisch entgleitet; die jedoch reagieren je nach Gemütsverfassung mit Renitenz bis Resignation – und so ist die Unternehmung zum Scheitern verurteilt, was Thomas Bernhard in der Variation dreier Akte vorführt.

Der Spaßmacher und der Dompteur trinken mehr als drei Bier: Florian Lebek und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Kleine Liebesgeste mit dem Zivilanzug des Jongleurs: Glenna Weber und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

„Die Macht der Gewohnheit“, 1974 in Salzburg uraufgeführt, ist mehr Ensemblestück, als spätere seiner Werke, Hentzschel trägt dem Rechnung, indem er die Darsteller sich gegen den Monologisierer stemmen lässt. Er ist auch für die Raumgestaltung zuständig und zeigt als Bühnenbild das Zirkushinterzimmer mit Kostümschrankkoffer und Klavier, einen Unort zwischen der zauberischen Glitzerwelt der Akrobatikvorführungen und dem schäbigen Realitätsdesaster. „Die Wahrheit ist immer ein Debakel“ ist einer der hinreißenden Bernhard’schen Sätze dazu. Ansonsten setzt Hentzschel weniger auf die in der Rezeptionsgeschichte übliche Künstlichkeit von Kunstfiguren.

Er hat für Bernhards durchkomponierte Sprache durchweg realistische Spielanlässe geschaffen. Kommt’s hier etwa zum Erlösungsruf „Morgen Augsburg!“, so ist das nicht mehr eine bis ins Absurde gesteigerte Wiederholung, sondern schlicht ein Sprechakt, der auf die Aktion irgendeiner anderen Figur reagiert. Auch Caribaldis besessen breitgewalzte Musikbegriffe – „Casals“, „das Kolophonium“, „das Ferraracello“ – werden so vom Sockel geholt. In diesem Stück über die hohe Kunst des Scheiterns, über einen Perfektionsanspruch, bei dem es kein Gelingen geben kann, erstaunt es doch, wie alltagssprachlich die Bernhard’schen Wortkaskaden klingen können, „gewöhnlich“, jedoch ohne ins Banale abzudriften. Hentzschel macht aus abstrakt expressionistisch, und die Schauspieler folgen ihm auf diesem Weg mit Verve.

Thomas Kamper bedient mit teils clownesker, teils ätzender Schärfe nicht nur Caribaldis Tyrannentum, sondern gestaltet daraus die Tragödie eines Mannes, dem die Dinge längst entglitten sind. Mit gefährlich glitzerndem Auge bringt er seine Böswilligkeiten an, und wenn ihm die ständig zu Boden fallende Haube des Spaßmachers aus seinem routinemäßigen Furor reißt und bis zum Gehtnichtmehr reizt, dann sind das starke, beinah unheimliche Momente. Glenna Weber ist als Enkelin gehorsam bis zur Unterwürfigkeit, schön, wie sie in all den Demütigungsspielchen mit einer fast unbemerkten Bewegung den Sakkoärmel des Zivilanzugs des Jongleurs streichelt – die kleine Geste einer großen Liebe.

Caribaldi ertappt den Spaßmacher und den Dompteur beim besoffenen Müßiggang: Florian Lebek, Thomas Kamper und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Für die Dirk Warme als Jongleur verantwortlich ist, der längst die Flucht zu einem Engagement in Bordeaux geplant hat und als einziger Caribaldi einzuschüchtern vermag. Zwischen Niedertracht und Schwachsinn, Intrige und Erpressungen bewegen sich Florian Lebek als Spaßmacher, der im Unklaren lässt, ob er als August so dumm ist oder sich nur so dumm stellt. Regís Mainka ist ein martialischer Dompteur, der Neffe des Zirkusdirektors, der alles dazu tut, um dessen Illusion zu zerstören.

Wie er am Ende volltrunken zum gewalttätigen Kunstzertrümmerer wird, da ist Hentzschel ganz nah an Bernhard. „Durch diese Tür / kommen Ihre Opfer herein“, sagt der Jongleur zu Caribaldi. „Nicht Menschen / Instrumente“.

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  1. 6. 2019

Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

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  1. 6. 2018

Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

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Wien, 26. 4. 2017

Theater zum Fürchten: Onkel Wanja

Februar 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wohlstandsbürger zittern um ihre Werte

Onkel Wanja will den Professor am Verkauf des Guts hindern: Dirk Warme und Rainer Friedrichsen. Bild: Bettina Frenzel

Da jammern sie also wieder auf hohem Niveau, pflegen ihren Ennui und warten darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Rüdiger Hentzschel hat inszeniert und dabei alles richtig gemacht. Er versteht den russischen Theatertitanen – wie der sich selbst – als Komödienautor, er versteht es auch aus dessen ewiggültigem Text den Sukkus zu ziehen, der am mehr als hundert Jahre alten Stück gerade heute interessiert.

Hentzschel führt eine Wohlstandsgesellschaft vor, die ob drohender Veränderungen um ihre Werte zittert. Um jeden Preis gilt es, bestehende Standards aufrecht zu erhalten, doch fällt das schwer, hat man sich in der Frage nach Tun oder Nichtstun längst für Zweiteres entschieden. So ist denn auch der Aufbruch ins Neue unmöglich, viel wird geredet, nichts unternommen, und die beste aller Welten ist immer noch die Scheinwelt. In der kann man sich’s ungemütlich einrichten, sich in den Verstrickungen des Lebens verheddern und an der eigenen Existenz laborieren.

Dass diese Seelenqualen für den Betrachter von außen komisches Potenzial haben, hat Hentzschel mit offensichtlichem Genuss auf die Bühne gehoben. Sein Abend ist für die Lach- wie Denkmuskeln gedacht. Dabei hat er auf jeden Schnockes verzichtet und ganz auf die Macht des Wortes vertraut. Im von ihm gestalteten Bühnenraum stapeln sich die Stühle. So unaufgeräumt wirkt das Bild wie die Psyche der Figuren, die Hentzschel mit seinem Ensemble prägnant in Szene setzt. Die Darsteller haben ihre Charaktere fein geschliffen, mit Verve wird aneinander vorbeigeredet, -gelebt und -geliebt. So viel Freude am Spiel überträgt sich freilich aufs Publikum, das am Ende der höchst erfreulichen Aufführung amüsiert applaudierte.

Stieftochter Sonja und ihre neue Mutter Jeléna versöhnen sich: Sonja Kreibich und Selina Ströbele. Bild: Bettina Frenzel

Margot Ganser-Skofic ist eine entzückende alte Kinderfrau Marina. Bild: Bettina Frenzel

„Er plagt sie, ich plag‘ mich selbst“, sagt Wanja an einer Stelle über die Ehe des Professors mit Jeléna – und dieser Satz kann hier für alle gelten. Dirk Warme verleiht der Rolle Profil, sein Onkel Wanja leidet weniger an Lethargie, als am Lebendig-sein-Müssen, leidet weniger daran, dass die Menschheit ihren Ist-Zustand nicht überstehen könnte, als daran, dass vielleicht doch … Und so ist er ein Querulant und Querdenker, der Zustände und Umstände seziert, ein Fleisch gewordener aufbrausender Überdruss. Selten zeigt ein Wanja so viel Temperament wie Warme.

Dieser exzellenten Interpretation steht die von Rainer Doppler als Ástrow in nichts nach. Er legt den Arzt, von dem stets gesagt wird, er wäre Tschechows Identifikationsfigur, als abgeklärten Philosophen an, der überm Menschsein resigniert hat. Ist Wanja der Zynismus, so ist Ástrow der Sarkasmus – und die Ironie an der Sache ist, dass sich beide in die Frau des Professors verlieben. Selina Ströbele stellt diese Jeléna als liebenswerte, aufrechte Person dar, die mit allen gut sein will, und die Aussöhnung mit ihrer Stieftochter Sonja, gespielt von Sonja Kreibich, sucht. Doch eskaliert die Situation vollkommen, als Wanja seine angebetete Jeléna und seinen Freund Ástrow in kompromittierender Pose entdeckt. Dass Sonja ihn liebt, nimmt der hoffnungslos überarbeitete und vom stumpfsinnigen Landleben verbitterte Arzt kaum wahr.

Arzt Ástrow macht bei Jeléna das Rennen, Onkel Wanja muss zuschauen: Selina Ströbele, Rainer Doppler und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Den Professor, der von all dem gar nichts bemerkt, gestaltet Rainer Friedrichsen hart am Thomas-Bernhard’schen. Als solcher bringt er Unruhe ins Landleben, weil er der Verwandtschaft nicht länger beim Zeitvergeuden zusehen, sondern sein teures Stadtleben finanzieren will. Die Familie soll also aus ihrem Heim vertrieben, das Gut verkauft werden. Wie Friedrichsen vom gichtigen Greis zum eiskalten Kalkulator wird, ist großartig, auch, wie er die Lebenslust beschwört und doch Todessehnsucht mitschwingt.

Das fabelhaft agierende Ensemble komplettieren Susanne Altschul als Maria, als vom akademischen Glanz ihres Schwiegersohns geblendete Mutti, und RRemi Brandner als Schnorrer Teljégin. Entzückend ist Margot Ganser-Skofic als alte Kinderfrau Marina. Die große Mimin, die zum Glück wieder Theater spielt, hält zum Schluss, als jeder Lebenssinn und damit endgültig alles verloren scheint, den Schimmer der Hoffnung aufrecht. Gott ist gnädig, weiß die Amme. Zumindest wird er’s im Jenseits sein. Gegen irdischen Kummer hilft derweil ihr altbewährter Lindenblütentee.

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Wien, 19. 2. 2017

Theater zum Fürchten: Das Maß der Dinge

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einer Pointe, die einem den Boden wegzieht

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Henry Higgins hat’s ja dereinst schon besungen. Kaum hat Frau den erlegten Mann in Händen, beginnt sie ihn neu zu stylen. Was, packt man ihn an der richtigen Stelle an, ja, genau da, auch keine große Hexerei ist. Frisur, Brille, Outfit sind einfach, die Schwimmreifenfigur schwierig, aber machbar – und Künstlerinnen schaffen schlussendlich sogar die Nasenkorrektur.

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Neil LaButes „Das Maß der Dinge“. In der Studentenmilieukomödie geht’s genau darum: Wie manipuliert man einen hässlichen Enterich zum stolzen Hahn? Evelyn lernt Adam, und nein, die biblischen Namen sind nicht zufällig gewählt, im Museum kennen. Da will die Kunststudentin einer durch ein Gipsfeigenblatt verunstalteten Marmorstatue mittels Graffiti-Penis ihre Würde zurückgeben und der Literaturstudent und Aushilfswärter genau dies verhindern.

Sie findet ihn ganz süß, aber die Optik!, also beginnt sie sich ein neues Aussehen für ihn aus der Rippe zu stanzen. Evelyn macht aus Adam ihren Elizo Doolittle, ihr Pygmalion-Projekt. Schwört sie doch – Stichwort: – auf die Wahrheit der Kunst. Seine Freunde Jenny und Phillip reagieren ob der Brachialumwandlung entsetzt und beargwöhnen Evelyns Eingriffe in Adams Leben, bis Jenny entdeckt, dass nur das unschmucke Äußere bis dato Adams innere Werte verdeckt hat. Es kommt zum Kuss und zum Eklat. Neil LaBute wäre nicht der Autor, der er ist, wenn am Ende nicht der große Crash, der Twist in der Handlung, die Schlusspointe warten würde, die dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht …

Der hässliche Enterich: Johanna Withalm und Hendrik Winkler ... Bild: Bettina Frenzel

Der hässliche Enterich Adam: Johanna Withalm und Hendrik Winkler … Bild: Bettina Frenzel

... wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

… wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Rüdiger Hentzschel hat die witzig zugespitzten, so scharfsinnigen wie scharfzüngigen Dialoge wunderbar auf der Bühne umgesetzt. Die, der Regisseur ist auch für den Raum zuständig, besteht aus einer weißen Teppichbodentreppe und Videos. Bildern, die ein Mehr an Kulisse gleichsam ersetzen. Auf ihnen sieht man Adams morgendlichen Blick in den Badezimmerspiegel, viel nackte Haut bei seiner Gefügigmachung durch abendlichen Sex, und sogar grauslich seine besagte Nasen-OP. In ihrer Machart gibt die Inszenierung fortwährend Hinweise auf den sarkastischen Clou, das dicke Ende, das noch kommen wird. Dazu die Musik schön spooky, der Song „Little Boxes“ von Malvina Reynolds karikiert die Konformität der US-Mittelschicht, et voilà. „Das Maß der Dinge“ ist ein Abend, der einem erst ein Lächeln ins Gesicht zaubert, nur um es dann wieder wegzuwischen.

Ganz vorzüglich spielt das sympathische Darsteller-Quartett Hendrik Winkler und Johanna Withalm, Selina Ströbele und Florian Graf. Withalm gibt die Evelyn als unkonventionell verrücktes Huhn, als Gegenstück zu Winklers Adam, der zwischen Nerd und nettem Jungen von nebenan changiert. So bestimmt und selbstbestimmt wie sie ist, ist ganz klar, dass sie in der Beziehung die Führung übernimmt, doch wie sie seine Freunde einerseits leichter Hand mit Intimitäten über Adam füttert, andererseits eben diese durch ihre eloquent vorgetragenen extremen Ansichten zu Spießern degradiert, da kommt man über die Figur doch ins Grübeln. Withalms Evelyn nervt einen bald – und das ist gut so.

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalm. Bild: Bettina Frenzel

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalms Evelyn nervt zusehends. Bild: Bettina Frenzel

Neben ihr ist Selina Ströbele als Jenny ein Weibchen. Naiv und ins Rollenbild eingepasst, versucht sie Florian Graf als Feschak Phillip zu Diensten und zu Willen zu sein, doch sowohl Jenny als auch Adam werden sich emanzipieren wollen. Worauf Phillip, Graf macht aus ihm einen liebenswerten Schnösel und hat auch deshalb einiges an Lachern auf seiner Seite, der alleinigen Vormachtstellung als Ladykiller beraubt, die Welt nicht mehr versteht. Happy End? Naja … das liegt im Auge des Betrachters.

Mit „Das Maß der Dinge“ haben TzF-Intendant Bruno Max und Regisseur Rüdiger Hentzschel für den Wiener Saisonstart auf unterhaltsame Art einen Zeitgeistnerv getroffen, sind die Themen des Stücks doch das beständige Polieren der ohnedies schon glatten Oberfläche, der Zwang zur Selbst/Optimierung – und eine darob aufkommende Skrupellosigkeit in der „Sache“ Liebe. Und schließlich stellt LaBute noch die allentscheidende Frage, die ebenso fürs Theater interessant ist, die Frage danach, was Kunst ist und wie weit sie gehen darf. Spannend!

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Wien, 22. 9. 2016