Landestheater Linz Netzbühne: The Wave / Die Welle

März 27, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Experiment ist rundum geglückt

Kathrin Schreier, Lukas Sandmann, Alexander Findewirth, Celina dos Santos, Lena Poppe, Samuel Bertz, Paolo Möller, Malcolm Henry und Caroline Juliana Hat Bild: © Reinhard Winkler

Ende der 1960er-Jahre unterrichtete Ron Jones Geschichte an der Cub­berly High School im kalifornischen Palo Alto. Er war ein unkonventioneller Lehrer und für seine radikalen Methoden bekannt. Jones war ein Kumpeltyp, er wohnte im Baumhaus und spielte Punk. Er war bei den Schülerinnen und Schülern sehr beliebt. An einem Montag im April 1967 – Ron Jones da gerade mal 25 Jahre alt – stand er am Beginn eines Kurses über den Aufstieg des Nationalsozia­lismus vor der Klasse.

Im Unterrichtsgespräch stellte sich heraus, dass seine 15-, 16-jährigen Schutzbefohlenen eines nicht verstehen konnten: Wie war es möglich, dass sich so viele „Psychos“ den barbarischen Ansichten und Methoden von Verbre­chern unterworfen haben? „Man versteht nur das, was man erfahren hat“, kam Jones spontan die Idee zu einem Experiment, dessen Tragweite er allerdings nicht abzu­schätzen vermochte: The Third Wave, „Die Welle“, bekannt als Filmdrama mit Jürgen Vogel, nun als Auftragswerk des Landestheater Linz zur Uraufführung gebracht.

Als Musical „The Wave“ von Komponist und Librettist Or Matias (www.ormatiasmusic.com) – Corona-bedingt als Online-Premiere auf der hauseigenen Netzbühne. Die Produktion ist bis 17. April auf www.landestheater-linz.at/netzbuehne für jeweils 48 Stunden ab dem Ticketerwerb zu streamen, pay as you wish! Diese ins Internet zu verlegen, mag wahrlich keine leichte Entscheidung gewesen sein, doch kann man angesichts der Spannung und Stimmung, die sich auch via Bildschirm überträgt, getrost sagen: Dieses Experiment ist rundum geglückt!

In der Inszenierung von Christoph Drewitz und mit Juheon Han am Pult und an den Keyboards überzeugen die Mitglieder des Linzer Musicalensembles Christian Fröhlich, Hanna Kastner, Lukas Sandmann und Celina dos Santos sowie die Studierenden des Studiengangs Musical an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien Samuel Bertz, Malcolm Henry, Alexander Findewirth, Carolina Juliana Hat, Paolo Möller, Lena Poppe, Alexander Rapp und Kathrin Schreier mit ihrer schauspielerischen wie gesanglichen Leistung.

Gleich zu Beginn stellt Christian Fröhlich als progressiver – und sind das nicht stets die gefährlichsten? – Pädagoge Ron klar: „Um Menschen wie euch geht es in meinem Kurs: schwach, durchschnittlich, beeinflussbar.“ Das wollen Jess, James, Stevie und Robert freilich nicht auf sich sitzen lassen, und noch dazu lockt Ron mit Einsernoten. Schon ist man auf die Parole „Kraft durch Disziplin! Kraft durch Zusammenhalt! Kraft durch Taten! Kraft durch Stolz!“ eingeschworen, ein Schelm, wer hier an „Kraft durch Freude“ denkt, denn auch der eingeübte, salutierte Wellen- erinnert an den Deutschen Gruß. Eine blaufarbene Uniform wird eingeführt.

„Mr. Jones“, den Christian Fröhling zwischen zwielichtig und blindwütig von seinem Vorhaben enthusiasmiert anlegt, gefällt sich mehr und mehr in der Rolle des An/Führers. Einzig die einzelgängerische Musterschülerin Ella, ein kritischer, alle und alles hinterfragender Geist, Hanna Kastner mit sehr intensivem, aufrüttelndem Spiel, widersetzt sich Jones‘ protofaschistischer Bewegung. Sie wird zum Schluss zur „Wellenbrecherin“ werden.

Dos Santos, Sandmann und Henry. Bild: © Reinhard Winkler

Samuel Bertz und Hanna Kastner. Bild: © Reinhard Winkler

Celina dos Santos mit Ensemble. Bild:© Reinhard Winkler

Fröhlich und die MUK-Studies. Bild: © Reinhard Winkler

Nicht nur Hanna Kastner, auch die anderen Solistinnen und Solisten sind perfekt gecastet. Allen voran brilliert Lukas Sandmann als schüchterner Außenseiter Robert, der von seinen Mitschülern gemoppt wird, bis diese sich samt ihm zur Gemeinschaft formen. Sandmann gibt genau die tragische Figur, die Robert ist, den das neue Zusammengehörigkeitsgefühl aus seinem Schneckenhaus holt, der sich in der Organisation bald zur Nummer zwei hinter Mr. Jones hocharbeitet, sich als solche als erster radikalisiert und zum scharfen Regelhüter wird – und wie Sandmann das darstellt, bis hin zum Welteneinsturz nach dem Ende der Welle, kommt man nicht umhin, an einen gescheiterten Kunstmaler zu denken. Oder an Krakeeler auf der Praterwiese.

Celina dos Santos gibt das Prekariatskind Jess als freche Göre, die zusammenstiehlt, was sie sich nicht leisten kann. Auch ihr verschafft die Welle gesellschaftlichen und hierarchischen Aufstieg. Ihr am nächsten steht Stevie, und als dieser berührt Malcolm Henry nicht nur mit seinem Sportass-Song, auf dem Basketballfeld ein Held, in der Schulstunde ein Schafskopf, sondern auch bei einem von Ron verlangten Ausplaudern persönlichster Geheimnisse. Während der brave, angepasste, in Ella verliebte James von Samuel Bertz über einen verpatzten Auftritt bei einem Singer/Songwriter-Contest jammert, verrät Stevie, dass er immer noch mit Stofftier einschlafe.

Bis aus ihm eine Geschichte von familiärer Gewalt platzt. Derart beklagt, verklagt das stimmlich höchst harmonische Quintett die kleinkarierte Stadt, die kleingeistigen Eltern. Perspektive nirgendwo, Probleme allüberall, man kriege keine Luft, singen die fünf, von „Arbeitsmarktkrise, Armutsspirale, sinnlosen Wahlen“. Die Corona-Jugend anno 2020/21 geistert einem im Kopf herum, Distance-Learning, Schichtbetrieb in Schulen, Präsenzunterricht, das klingt schon nach Präsenzdienst.

Gruppengefühl könnt‘ auch was Gutes sein, doch hier wird aus Worten eine Front der Aggression, in der sich das Individuum, die Identität des einzelnen auflöst, schnell ist man auf dem rechten Weg. „Rechts um!“, wie Ella sarkastisch kommentiert. Wie jeder Ver/Führer hat Ron ausgefahrene Antennen für diese Emotionen, „das Buch des Lebens ist ein Witz, den uns jemand auf die Seiten spuckt“, konstatiert er, dazu Or Matias‘ Musik immer haarscharf neben der Spur eines 1950er-Jazz‘, atonal, oft kakophonisch.

Eine Hommage – Ellas Lieblingsautor Langston Hughes arbeitete ja mehrmals mit Kurt Weill zusammen, unter anderem an der ersten afroamerikanischen Oper „Street Scene“. Melodisch, ja hymnisch wird’s immer dort, wo’s um Wellen-Propaganda geht, was einen mitreißt, auch wenn man weiß, dass es falsch ist. Das ist der „Tomorrow belongs to me“/“Der morgige Tag ist mein“-Effekt, wenn es heißt: „Du einsamer Funke, strahlendes Wunder / Blende die Welt, bis sie brennt / Sei endlose Sonne für uns …“ Kein Wunder gehören Lukas Sandmann mit seiner schönen Musicalstimme die meisten Balladen.

Hanna Kastner und Celina dos Santos. Bild: © Reinhard Winkler

Christian Fröhlich und Ensemble. Bild: © Reinhard Winkler

Christian Fröhlich und Ensemble. Bild: © Reinhard Winkler

Hanna Kastner und Lukas Sandmann. Bild: © Reinhard Winkler

Veronika Tupy hat fürs turbulente Treiben ein raffiniertes Bild, einen sich drehenden Quader mit halbdurchsichtigen Wänden auf die Bühne gestellt. Diese nicht nur verschiebbar, so dass sich immer neue Räume öffnen und ungeahnte Sackgassen schließen, sondern auch genutzt als im doppelten Wortsinn Projektionsflächen, vom gezeichneten Plattenspieler über Schattentheater bis zur Großaufnahme beseelter Gesichter – wiewohl die Kamera sowieso closeup-vernarrt ist.

Immer schneller, pulsierender, dringlicher wird der Rhythmus der Musik, dazu die zackige Choreografie von Hannah Moana Paul, neue Welle-Mitglieder werden rekrutiert, Ella per Schattenspiel zusammengeschlagen; Robert baut ein Spitzelsystem auf, Ron lässt sich von seinen Parteigängern auf Händen tragen. Die Gleichschaltung der Köpfe eskaliert, Mr. Jones ist die Situation längst so entglitten, wie den Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstranten, die Kenntnis darüber, wer aller unter ihnen marschiert.

Ron Jones bittet die Schülerinnen und Schüler zur „Kundgebung“ in die Aula, eine aufputschende Rede, mit der er sie vorstellen will, „die neue Alternative, die „Allianz für“, den neuen „Führer“, und auf Filmaufnahmen erscheint – eh schon wissen. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ / „History doesn’t repeat itself, but it does rhyme“, sagte Mark Twain. Ron, beste Absichten, schlechtester Ausgang, erachtet sein Experiment damit also als beendet. Doch nicht so der zutiefst verletzte und verzweifelte, weil einmal mehr einem Schwindel aufgesessene, nunmehr bewaffnete Robert …

Fazit: Trotz Home Theatre ist „The Wave“ aus dem Landestheater Linz ein Bühnenereignis. Jonatan Salgado Romero und Constantin Georgescu hinter den Kameras schaffen mit ihrem Mix aus Großaufnahmen, Totalen und Halbtotalen beinah Saalatmosphäre, ebenso die Tonmeister Christian Börner und Gerald Landschützer. Agiert wird von allen ganz großartig, die MUK-Studierenden zeigen beim Singen, Tanzen, Spielen ihre 1A-Ausbildung, und gleich einer Mahnung im Gedächtnis bleibt Lukas Sandmanns glaubhaft erschreckende Wandlung vom Underdog zum Fanatiker, der, sobald er durch die Welle Macht erlangt, seinen heißgestauten Frust abkühlt.

Und würd’s, wenn wieder live gespielt wird, noch gelingen das Schimpfwort „Hackfresse“ gegen ein gebräuchlicheres zu ersetzen, es muss ja nicht gleich „Ogrosl“ sein, dann würde aus einer fabelhaften Aufführung eine fantastische. Bis 17. April auf www.landestheater-linz.at/netzbuehne für jeweils 48 Stunden ab dem Ticketerwerb zu streamen. Pay as you wish!

www.landestheater-linz.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=x45S6wgxKUk

  1. 3. 2021

Landestheater NÖ online: Hamlet

Dezember 5, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blutiger Albtraum im Popcorn-Kino

Im 3D-Film: Bettina Kerl, Sami Loris, Philip Leonhard Kelz, Michael Scherff, Tim Breyvogel, Marthe Lola Deutschmann, Tilman Rose und Laura Laufenberg. Bild: © Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich streamt bis Sonntagabend seine mit dem Nestroy-Preis für die beste Bundesländeraufführung 2020 ausgezeichnete Aufführung von „Hamlet“. Der junge britische Regisseur Rikki Henry, unverkennbar ein Peter-Brook-Schüler, führt das Ensemble mit seiner Inszenierung in darstellerisch lichte Höhen – wiewohl es auf der Bühne die längste Zeit finster bleibt. Seine bildgewaltige Shakespeare-Interpretation ist der blutdurchtränkte Albtraum

eines Dänenprinzen, dessen Irre-Sein oder nicht sein sich bis zum Schluss nicht entschlüsseln wird. Als dieser Hamlet ist Tim Breyvogel zum Fürchten gut, er ist Beobachter wie Spielmacher dieser verkommenen Gesellschaft, und wird mit papierener Königskrone bald Hugo Ball im Cabaret Voltaire ähneln, nur mehr Gaga statt Dada – und wenn er den Hof zur 3D-Filmvorführung von „Die Ermordung des Gonzago“ wie zur Familienaufstellung arrangiert, dann wird’s im Popcorn-Kino, denn solches wird gegessen, flottweg freudianisch: „Hamlet“, die Traumdeutung des Dänenprinzen.

Und so beginnt’s. Mit Stimmengewirr, „Mutter!“, „Verrat!“, „Du bist umgebracht“, sogar „Der Rest ist Schweigen“ kann man der Kakophonie entnehmen, eine Galgenschlinge sehen, hat das Gemetzel etwa schon stattgefunden?, da schließt sich der Vorhang und Breyvogel-Hamlet rollt darunter hervor. Bereit für seine Prophetie. Ein somnischer Patient im Grübelkreislauf. Als der sich alsbald die Drehbühne entpuppen wird, entworfen von Max Lindner, die Kostüme von Cedric Mpaka, auf der sich unter einer Riesenkrone immer neue Räume öffnen.

Tim Breyvogel, Sami Loris und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Alexi Pelekanos

Die Krone für … Tim Breyvogel und Michael Scherff. Bild: © Alexi Pelekanos

Fecht at its best: Kelz, Loris, Kerl und Breyvogel. Bild: © Alexi Pelekanos

Kämmerleins, Verstecke für allerhand Verräter und Verlogenheit, und ebenso perfide stehen sie einander durch kleinste Bewegungen plötzlich gegenüber – ein Danish Horror House. Eine Vorstellung, die die Lichteffekte von Günter Zaworka und die spooky Sounds von Nils Strunk noch befeuern. Erstere kommen gar doppelt nachtmahrisch zum Einsatz, denn unter den diversen ringelreihenden gibt es à la „Fifty Shades of Grey“ das Spielzimmer in Rot, in dem die Lebenssäfte nur so sprudeln. Allerdings nur im irrealen Raum, siehe das Verhör von Rosenkranz und Güldenstern, das zu Hamlets imaginierter Folter wird.

Ja, im Wortsinn Schlag auf Schlag geht’s zu bei diesem todessehnsüchtigen Mann der Tat. Welch Szenen Breyvogel geschenkt sind. Die Fackelsuche nach des Vaters Geist. Die clowneske, wenn Polonius aus dessen Brief an Ophelia den gekrönten Häupter vortragen muss, er höre nicht nur Helene Fischer, er singe sogar mit ihr, und Hamlet im Hintergrund als Strippenzieher fungiert. Die schon erwähnte in Claudius‘ Heimkino, Schüsse, Schreie; Gesichter, als würden die Royals „The Crown“ anschauen müssen, alldieweil Hamlet „God Save The Queen“ pfeift. Rikki Henry, wie gesagt, kommt aus London.

Und er folgt den dortigen zwei Theatergeboten „Trust the Text“ und „Thou Shallst not be Boring“ ergeben. Immer schneller dreht sich das Schicksalskarussell, und umso mehr Volten reitet die Handlung. Einer wird zu des anderen Spukgestalt, Hamlet bricht Mutter und Claudius „in Rot“ das Genick. All dies erzählt Rikki Henry uneitel und unprätentiös. Laura Laufenberg gelingt es, eine Ophelia jenseits aller Klischees zu geben, die ihre hat Ecken und Kanten, und scheint, da rationale Denkerin, ebenso über der verrückten On-off-Beziehung zu Hamlet wie über Vaters und Bruders Bevormundung zu stehen. Dass sie sich goldgesichtig dennoch entleiben muss, ist …

Im Wortsinn im Kreis gehen: Bettina Kerl, Michael Scherff, Marthe Lola Deutschmann und Tim Breyvogel. Bild: © Alexi Pelekanos

… Shakespeare, dafür darf sie als erste übers Sein oder nicht sein philosophieren. Nach Henry ist am britischen Barden in keinem Moment ein Körnchen Staub. Als in Hamlets Erinnerung seine Mutter noch den Vater liebt, schmust die hinter dem Prinzenrücken schon ungestüm und kichernd mit Onkel Stiefvater. Als der Königsmörder und seine neue Frau die Thronrede proben, wummert hinter ihnen bereits die Party … Michael Scherff und Marthe Lola Deutschmann sind als Claudius und Gertrud brillant, des Weiteren Bettina Kerl als Horatio. Und Tilman Rose als aufgeblasener, geschwätziger Polonius.

Philip Leonhard Kelz und  Sami Loris überzeugen neben anderen Rollen als Rosenkranz und Güldenstern. Nicht mehr als zwei Stunden dauert die Tragödie bei Ricki Henry, und doch hat er Zeit für einen stuntmen’schen Fechtkampf, der sich von der Akrobatik zur Stroboskop-Zeitlupe vorarbeitet. Und weil beim Kreiseln im Karussell das Ende stets der Anfang ist, rollt’s Hamlet noch einmal unterm Vorhang hervor.

Als wär’s eine Anspielung auf die x-en Male, die man das Stück schon gesehen hat. Und so beschließt’s. Mit Stimmengewirr, „Mutter!“, „Verrat!“, „Du bist umgebracht“, sogar „Der Rest ist Schweigen“ kann man der Kakophonie entnehmen, eine Galgenschlinge sehen, hat das Gemetzel etwa schon stattgefunden? …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yAwVQv65nOc           www.landestheater.net           vimeo.com/366135220

  1. 12. 2020

Die Känguru-Chroniken: Ab heute wird gestreamt

April 2, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der großen Leinwand ins Heimkino

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Die Schließung der Kinos wegen der Corono-Krise hat nicht nur die Lichtspielhäuser, sondern auch die Filmemacher hart getroffen. Selbst die hollywood’sche Traumfabrik steht dieser Tage still, Dreharbeiten werden gestoppt, Starttermine verschoben, knapp vor Schluss angelaufene Filme konnten nicht die Menge an Zuschauern erreichen, die für den angenommenen Blockbuster prognostiziert war.

Hierzulande erging es so Dani Levys und Marc-Uwe Klings „Die Känguru-Chroniken“, der am 6. März anlief. Nun hat sich der X-Verleih zu einem für die Branche besonderen Schritt entschlossen und gibt die „Die Känguru-Chroniken“ bereits ab heute auf Video-on-Demand-Plattformen zum Streamen frei. An den etwa 17 Euro Downloadkosten will der Berliner Creative Pool, dessen Portfolio auch Jessica Hausners „Little Joe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35645) oder Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader in der Rolle des Stefan Zweig (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20437) enthält, die Kinobetreiber beteiligen.

„Es ist also ein Soli-Preis, quasi digitale Kinotickets“, so das Känguru in seiner Aussendung über diese Aktion der „Solidarität und Partnerschaft“. Sobald die Kinos öffnen, sollen „Die Känguru-Chroniken“ wieder ebendort zu sehen sein. „Und zwar mit einer neuen, natürlich känguru-typischen Überraschung.“

www.justwatch.com/at           www.werstreamt.es           streamingfinder.de

Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche: mit Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Das asoziale Netzwerk: Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Filmkritik:

An alle Genossinnen und Genossen!

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=38517

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

2. 4. 2020

Die Känguru-Chroniken

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

An alle Genossinnen und Genossen!

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Ob beim gemeinsamen Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche … Bild: © Luna Filmverleih

… oder Gitarre klimpern, das Känguru ist mit dabei: Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Gestylt und mit „Maria“ Rosalie Thomass auf dem Weg zur Dwigs-Party. Bild: © Luna Filmverleih

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen. Rund um die beiden Protagonisten fährt die Kamera von Filip Zumbrunn Karussell – als wäre das alles aus der Hand gedreht.

Känguru-Connaisseurs werden sich zumindest an der zwischen „Es steht ein Känguru auf dem Flur“ und „Wenn das Känguru zweimal klingelt“ gelagerten Anfangssequenz erfreuen, darüber hinaus gibt’s den bereits legendären Kling’schen Politwortwitz in Sätzen wie „Gesunder Patriotismus klingt für mich wie gutartiger Tumor“, „Dein Anarchismus ist so gemäßigt, du könntest der SPD beitreten“, „Ein Idiot in Uniform ist immer noch ein Idiot“, und apropos Popkulturzitate, die reichen beim Cineastischen von „Fight Club“ über „Forrest Gump“ bis „Pulp Fiction“. Hinsichtlich letzteren hat Markus Hering den besten Gastauftritt als um nichts weniger unheimlicher Christopher-Walken-Klon, der für Jung-Dwigs statt der güldenen Uhr Vaters Hasenpfote in seinem Kriegsgefangenenarsch aufbewahrt hat.

Paulus Manker spielt Marc-Uwes und Jörg Dwigs‘ weinbrandseligen Wienerischen Seelendoktor, den Psychotherapeuten, der in einem Palais residiert, weil er sich am Nervenkasperl seiner Patienten gesundstößt. Bei einer Massenschlägerei machen das in den Vorlagen sehr verehrte Haudrauf-Duo via gelungener Bud-Spencer-Terence-Hill-Lookalikes auf Dampfhammer und Watschn-Beau. Den Vogel schießt freilich der Cameo von Helge Schneider als unsportlichster Fernsehfitnesstrainer ever ab. Henry Hübchen ist als Jörg Dwigs nicht nur der optische Drilling von Donald Trump und Boris Johnson, als AzD-Spitzenkandidat („Alternative zur Demokratie“) lässt er die Gags nur so krachen.

Das asoziale Netzwerk Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad … Bild: © Luna Filmverleih

… hat sein Hauptquartier in Hertas Kiez-Kneipe: Carmen-Maja Antoni. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Der berühmte Pipi-Angriff auf Dwigs Immobilien-Imperium: Dimitrij Schaad und das Känguru. Bild: © Luna Filmverleih

Ob er nun der Lügenpresse diktiert, wie er die abendländische Kultur zum Sieg führen wird, oder seinen rechten Gesinnungsbrüdern, am deutlichsten einer in Geert-Wilders-Maske zur Kenntlichkeit entstellt, bescheinigt: „Heute ist der erste Tag der nächsten Tausend Jahre“. Da schafft’s der Charakterdarsteller tatsächlich dem Klamauk ein Quantum Grusel zu verpassen. Vom Feinsten ist die Szene, in der er zwei türkischstämmige Imbissbesitzer beleidigt, alldieweil Neonazis seinen Luxusschlitten zerlegen, bevor sie im Anblick von Gottseibeiunsöberst zerknirscht Treue und Tapferkeit schwören – und Dwigs die Bande zu seinem Schlägertrupp macht.

Das asoziale Netzwerk rund ums Känguru, über dessen skurrile Anwesenheit sich nebenbei bemerkt kein Schwein wundert, bilden neben Marc-Uwe Adnan Maral und Tim Seyfi als deutschtürkische Brüder Friedrich-Wilhelm und Otto-Von – Namenserklärung: „Unsere Eltern haben es ein wenig übertrieben mit dem Integrationswillen“ -, Carmen-Maja Antoni als Kiez-Kneipierin „Du denkst vielleicht du bist hart, aber ich bin Herta!“ und Rosalie Thomass als Marc-Uwes heimliches Love Interest Maria. Gemeinsam und nach dem Motto „Beweise brauchen wir nicht, wir leben in einem postfaktischen Zeitalter“ und allesamt mit ausreichend Schmäh und Schnauze gesegnet, wollen sie Dwigs‘ sinistren Bauplänen den Garaus machen und verhindert, dass er der Multi-Kulti-Mischpoche seinen Architekturphallus „ins Gesicht wichsen“ kann.

Eine persönliche Lieblingsepisode hat es auch, nämlich wie Friedrich-Wilhelm und Otto-Von ein Jubelevent bei Dwigs infiltrieren – Bettina Lamprecht als dessen hochschwangerer, hammerharter, Krügel stemmender Ehefrau sei noch gehuldigt -, und von dessen internationalen Parteifreunden misstrauisch beäugt werden. Was die „Delegation vom Bosporus“ zum Weltklassesager aufstachelt: „Minderheiten unterdrücken, Andersdenkende einsperren und Völkermord leugnen, das können wir genauso gut wie ihr.“ Ob derlei freche Ungezogenheit eine Fortsetzung veranlasst, wird sich an der Kinokasse zeigen.

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

  1. 2.2020

Stewart O’Nan: Henry persönlich

Dezember 28, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Liebe mit den Jahren wächst

Diese Überschrift bezieht sich nicht nur auf die Protagonisten in Stewart O’Nans aktuellem Roman, sondern auch auf die Leser desselben. Emily und Henry Maxwell sind Fans des Pittsburgher Autors nämlich bestens bekannt. In „Abschied von Chautauqua“ lud Emily die gesamte Familie ein letztes Mal ins zum Verkauf stehende Sommerhaus, in „Emily, allein“ ist sie achtzig und bereits seit Jahren verwitwet, und führt ein, wenn nicht vom Selbststress gebeuteltes, ruhiges Leben – in erster Linie mit ihrem mit ihr alt gewordenen Hund Rufus.

Nun hat O’Nan die Zeit zurückgedreht und endlich Henry ein Buch gewidmet, das heißt: natürlich nicht ausschließlich ihm. Emily ist da, und Rufus gerade mal vier Jahre alt, und zwischen den Buchdeckeln wechseln die Jahreszeiten vom für Kinder wie Enkelkinder unvermeidlichen Urlaub am See zum ebenfalls unabwendbaren Thanksgiving-Get-Together zu Weihnachten. 75 wird Henry auf diesen Seiten, ein mit viel Puderzucker bestreuter Zitronenkuchen macht ihn so glücklich, dass es ihn mit Wohlwollen für alles und jeden erfüllt, doch sein Hausarzt ist kürzlich im gleichen Alter gestorben. Da denkt er auch an sein Herz und sein Ende.

O’Nan verfasst seine Texte mit feinster Feder, kein Alltagsdetail scheint ihm zu banal, zu unwichtig, als dass er es nicht mit zarten Strichen festhalten würde, ob der Garten gewässert wird oder Sandwiches gemacht werden. Die Washington Post schrieb einmal, O‘Nan sei offenbar unfähig, auch nur eine falsche Zeile zu Papier zu bringen, und tatsächlich gelingt ihm, aus seinen Betrachtungen eines Rentnerdaseins samt dessen Routinebeflissenheit ein Sittenbild des – nicht nur in den USA, und ab der Pension umso mehr – ökonomisch gefährdeten Mittelstands zu entwerfen. Ihm genügt sein beschaulicher Platz an der Furt, um die Tiefe des Menschseins auszuloten.

Henry und Emily, das sind 50 Jahre Ehe, er der Besonnene, Pflichtbewusste, Pragmatische, sie, die in ihren besten Momenten freimütig zugibt, „schon immer eine Plage gewesen zu sein“, temperamentvoll, unberechenbar, aufbrausend. Dass er sie mit seiner Jonglage der knapper werdenden Finanzmittel nicht aufbringen will, ist verständlich, doch ihr Nichtwissen wird „Emily, allein“ beinah zum Verhängnis. Diskussionen, denn Streit gibt es keinen, erledigen sich so: „… noch immer musste er den männlichen Drang unterdrücken, ihr zu erklären, wie die Welt funktionierte. Zugleich würde sie eine allzu schnelle Zustimmung als Beschwichtigung ansehen, ein noch schlimmeres Vergehen, und so entschied er sich, wie so oft in Angelegenheiten von geringer Bedeutung, für die ungefährlichste Reaktion und schwieg. ,Und?‘, fragte sie. ,Hast du gar keine Meinung?‘“

Eine andere Beschreibung an anderer Stelle, anlässlich der Thanksgiving-Vorbereitungen: „,Sag mir, was ich tun kann‘, sagte er, ein Angebot, das sie mit einem herablassenden Blick von sich abprallen ließ, als hätte er einen Scherz gemacht.“ Ein durchschnittliches Paar und seine unauffälligen Biografien, beobachtet in der Gleichförmigkeit seiner Tage, nichts geschieht, doch dauernd passiert etwas, das alles ist logischerweise nicht halsbrecherisch ereignisreich, aber so wahrhaftig, so liebevoll, so von Herzen innig, dass man zum eigenen Schatz sagen möchte, wie die zwei, so wollen wir werden. Er liebt und begehrt sie, wenn auch zweiteres nicht mehr ganz so zügellos, sie liebt und sorgt sich um ihren großen Schweiger. Früher oder später ohne einander zu sein, steht als melancholische Gewissheit im Raum, aber man will nicht zu viele Gedanken daran verschwenden, außer jeder für sich den einen, dass man das Vorrecht haben möge, als erster zu gehen.

Mit seinem typischen, wohldosiert semiresignativen Witz, mit Respekt und spürbarer Zuneigung nähert sich O‘Nan jenen Charakteren, die ihn seit fast zwei Jahrzehnten begleiten. Henrys kettenrauchende, chaotische, niemals verheiratet gewesene Schwester Arlene – hier für Emily noch ein blassrotes Tuch, werden sich die beiden Frauen über die Bände zu einer Zweckfreundschaft zusammenraufen; die erwachsenen Kinder, der gemütvolle, ein wenig tapsige Kenny, dessen Ehefrau – Lisa aus besserem Hause – Emily versnobt findet, die alkoholkranke und in „Henry persönlich“ erst vor ihrer Scheidung stehende Sorgentochter Margaret, die je zwei und zwei erziehungsdeformierten, ergo verhaltensoriginellen Enkelkinder – alles Leute wie du und ich und die von nebenan.

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Die Besuchsszene mit der Flugverspätung, also verzögertem Abendessen, also verärgerter Emily ist einem von früher bekannt, neu sind diesmal Henrys, und nur seine, Erinnerungen an erfüllte und unerfüllte Sehnsüchte. An den Vater, der als Henry in den Krieg ziehen musste, ihm, zu keiner Umarmung, zu keinem Kuss fähig, nur die Hand schütteln konnte. An bestialisch zu Tode gekommene Kameraden. An seine erste und einzige Liebe vor Emily, Sloan, „eine Whitney“ – im Sinne von begütert, die ihm Angst machte und ihn erregte: „Er hatte noch nie einen schwarzen BH gesehen und war schockiert“, steht da, bevor sie sein Bettgestell zertrümmern.

Derart macht O’Nan „Henry persönlich“ auch zu einer Reise in die USA der 1950er-Jahre, er verflicht Vergangenheit, Vergänglichkeit und die Art Lebenslust, die keine Frage des Alters ist, zum elegant ziselierten Porträt eines Mannes, der an den Wehwehchen seines maroden Hauses in Permanenz herumbastelt, die seinen aber verschweigt, damit Emily ihn nicht mit medizinischen Zeitungsartikeln verrückt macht, dessen Zufluchtsorte der Golfplatz und der Baumarkt sind, ein Pittsburgh Steelers- und Pirates-Aficionado, der für den Kirchenbasar das sammelt, was Emily wieder auspackt, weil sie es nicht weggeben will, während sie sich leichterhand von den Tischdeko-Trauben von Henrys Mutter trennt, und der es selbstverständlich als seine Aufgabe ansieht, bei Wind und Wetter mit Rufus Gassi zu gehen.

Auch Emilys und Henrys lakonisch humorvolle Gespräche mit dem Hund klingen dem Tierbesitzer authentisch, Rufus, der von seinem Platz aus ein Unmutsknarzen von sich gibt, wenn Emily im Bett zu lange liest, vor dessen Pinkelattacken Henry vergeblich seinen Rasen zu schützen versucht, der eheliche Umarmungen wie ein Ringrichter, der eine unfaire Umklammerung aufbrechen muss, auseinander drängt, und der in „Emily, allein“ ohne deren Hilfe nicht mehr ins Auto einsteigen wird können. „Rufus schlief auf dem Kaminvorleger, und [Enkelin] Ellas Hand lag auf seinem Bach. Vom Feuer und von einem Schluck Scotch gewärmt, dachte Henry: Das hier.“

Es sind diese Sätze, an die man sich beim Lesen verschenkt, an diese trotz aller Probleme und mitunter durchaus auftretenden Misstöne in Liebe verbundene Familie. Und immer, immer denkt man, ja, genau so ist es, O’Nan im Erzählen so präzise und unprätentiös wie seine Figur Henry. Das Buch endet, wie schön, am Neujahrsmorgen und den dazugehörigen Vorsätzen. Mit Rufus unterwegs auf der üblichen Runde, entdeckt Henry, eigentlich zuerst der Hund, ein Rudel Hirsche in der schneefreien Mulde unter einem Baum. „Während er verzückt mit Rufus dastand, wusste er nur, dass er etwas Seltsames und Sakrales wie die Vision eines Heiligen erlebte, und war dankbar, überwältigt von seinem Glück … Als er durch die strahlend helle, perfekte Welt nach Hause stapfte, konnte er es kaum erwarten, Emily davon zu erzählen.“

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235), „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) und „Stadt der Geheimnisse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30273).

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Henry persönlich“, Roman, 480 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de           stewart-onan.com

  1. 12. 2019