Theater Drachengasse: nach Lulu

Dezember 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verführerin ist in die Jahre gekommen

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Ein Gedankenexperiment wagen Michaela Hurdes-Galli und Tochter Pippa Galli derzeit im Theater Drachengasse. Als Drachengasse-Koproduktion mit ihrer Truppe „Theaterblau“ zeigen sie die Versuchsanordnung „nach Lulu“. Eine Uraufführung nach Frank Wedekind. Dessen wilhelminisches Enfant terrible ist in die Jahre gekommen. Eine alternde Verführerin ist es, die Michaela Hurdes-Galli spielt, doch scheint sie sich im Laufe des Abends zu verjüngen.

Bis erneut ein Kind auf der Bühne steht. Ihr zur Seite Lorenzo Tonello, der letztverbliebene Mann und doch auch alle Männer in Lulus Leben. Goll, Schwarz, Schigolch und natürlich Dr. Schön. Als solcher, „Erdgeist“-Kenner wissen es, gleichsam auch ein Alter Ego des Autors. Klug gehen die beiden Projektentwicklerinnen nicht nur der Frage nach dem Mythos der Wedekind’schen Figur nach, sondern auch der, wieweit sich das Frauenbild seit 1898 verändert hat. Dazu gibt es spielshowartige Sequenzen, in denen Themen erörtert werden, wie „Wie unsicher muss man sein, um es nötig zu haben, sich überlegen zu fühlen?“ In diesen Momenten ist die Aufführung Satire.

Der Text ist eine Collage, umfasst neben eigenen Passagen unter anderem auch Marguerite Duras, Daphne du Maurier, Jean Cocteau, Marcel Proust, Else Lasker-Schüler, Paul Celan – und Christiane F. Diese Off-Texte kommen via Video von Anna Maria Eder, Pippa Galli, Manfred Baschiera, Thomas Kamper, Hans Wagner und Hendrik Winkler.

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Da steht es nun also, das süße Wunderkind, mit Stock und schlechtem Bein, und abgeflogen sind die Männer, und philosophiert übers sich wild Ausleben und die ideale Verbindung. Michaela Hurdes-Galli bestimmt das Bühnengeschehen, wie wohl nur sie es kann. Im Spiel träumt sie mehr als sie wacht, versucht Antworten zu erträumen auf Fragen, die unbeantwortet geblieben sind aus ihrem Leben.

Sie kontert den Stimmen, sie rebelliert und stimmt manchmal zu, anerkennend, dass was war, Gültigkeit hat, unveränderbar ist. Zukunft sieht sie keine mehr. Was ihr bleibt, ist der geistige Raum, das Erkennen, soviel als möglich noch, wenn geht … „Diese Abstumpfung“, zitiert sie Schön immer wieder, „braucht keine endgültige zu sein“. Oder sie sagt: „Sexualität bedroht prinzipiell jede gesellschaftliche Ordnung“.

Wer war und wer wahr ist, wer hier wen imaginiert, das müssen die Zuschauer selbst entscheiden. Denn sowohl behauptet Sie, dass er nicht da sei, als auch Er, dass sie ein Gedanke sei, den er „loswerden“ wolle. Loslassen müsse.

„nach Lulu“ ist ein rätselhafter Abend, der sich nie ganz die Maske vom Gesicht nimmt, und darum umso faszinierender. Eine spannende, moderne Auseinandersetzung mit einer der bekanntesten literarischen Frauengestalten – und gewollt auch wie eine Büchse der Pandora auf der Bühne.

www.drachengasse.at

www.muni.at/nach_lulu/start.html

  1. 12. 2017

Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

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Wien, 26. 4. 2017

Theater zum Fürchten: Das Maß der Dinge

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einer Pointe, die einem den Boden wegzieht

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Henry Higgins hat’s ja dereinst schon besungen. Kaum hat Frau den erlegten Mann in Händen, beginnt sie ihn neu zu stylen. Was, packt man ihn an der richtigen Stelle an, ja, genau da, auch keine große Hexerei ist. Frisur, Brille, Outfit sind einfach, die Schwimmreifenfigur schwierig, aber machbar – und Künstlerinnen schaffen schlussendlich sogar die Nasenkorrektur.

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Neil LaButes „Das Maß der Dinge“. In der Studentenmilieukomödie geht’s genau darum: Wie manipuliert man einen hässlichen Enterich zum stolzen Hahn? Evelyn lernt Adam, und nein, die biblischen Namen sind nicht zufällig gewählt, im Museum kennen. Da will die Kunststudentin einer durch ein Gipsfeigenblatt verunstalteten Marmorstatue mittels Graffiti-Penis ihre Würde zurückgeben und der Literaturstudent und Aushilfswärter genau dies verhindern.

Sie findet ihn ganz süß, aber die Optik!, also beginnt sie sich ein neues Aussehen für ihn aus der Rippe zu stanzen. Evelyn macht aus Adam ihren Elizo Doolittle, ihr Pygmalion-Projekt. Schwört sie doch – Stichwort: – auf die Wahrheit der Kunst. Seine Freunde Jenny und Phillip reagieren ob der Brachialumwandlung entsetzt und beargwöhnen Evelyns Eingriffe in Adams Leben, bis Jenny entdeckt, dass nur das unschmucke Äußere bis dato Adams innere Werte verdeckt hat. Es kommt zum Kuss und zum Eklat. Neil LaBute wäre nicht der Autor, der er ist, wenn am Ende nicht der große Crash, der Twist in der Handlung, die Schlusspointe warten würde, die dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht …

Der hässliche Enterich: Johanna Withalm und Hendrik Winkler ... Bild: Bettina Frenzel

Der hässliche Enterich Adam: Johanna Withalm und Hendrik Winkler … Bild: Bettina Frenzel

... wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

… wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Rüdiger Hentzschel hat die witzig zugespitzten, so scharfsinnigen wie scharfzüngigen Dialoge wunderbar auf der Bühne umgesetzt. Die, der Regisseur ist auch für den Raum zuständig, besteht aus einer weißen Teppichbodentreppe und Videos. Bildern, die ein Mehr an Kulisse gleichsam ersetzen. Auf ihnen sieht man Adams morgendlichen Blick in den Badezimmerspiegel, viel nackte Haut bei seiner Gefügigmachung durch abendlichen Sex, und sogar grauslich seine besagte Nasen-OP. In ihrer Machart gibt die Inszenierung fortwährend Hinweise auf den sarkastischen Clou, das dicke Ende, das noch kommen wird. Dazu die Musik schön spooky, der Song „Little Boxes“ von Malvina Reynolds karikiert die Konformität der US-Mittelschicht, et voilà. „Das Maß der Dinge“ ist ein Abend, der einem erst ein Lächeln ins Gesicht zaubert, nur um es dann wieder wegzuwischen.

Ganz vorzüglich spielt das sympathische Darsteller-Quartett Hendrik Winkler und Johanna Withalm, Selina Ströbele und Florian Graf. Withalm gibt die Evelyn als unkonventionell verrücktes Huhn, als Gegenstück zu Winklers Adam, der zwischen Nerd und nettem Jungen von nebenan changiert. So bestimmt und selbstbestimmt wie sie ist, ist ganz klar, dass sie in der Beziehung die Führung übernimmt, doch wie sie seine Freunde einerseits leichter Hand mit Intimitäten über Adam füttert, andererseits eben diese durch ihre eloquent vorgetragenen extremen Ansichten zu Spießern degradiert, da kommt man über die Figur doch ins Grübeln. Withalms Evelyn nervt einen bald – und das ist gut so.

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalm. Bild: Bettina Frenzel

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalms Evelyn nervt zusehends. Bild: Bettina Frenzel

Neben ihr ist Selina Ströbele als Jenny ein Weibchen. Naiv und ins Rollenbild eingepasst, versucht sie Florian Graf als Feschak Phillip zu Diensten und zu Willen zu sein, doch sowohl Jenny als auch Adam werden sich emanzipieren wollen. Worauf Phillip, Graf macht aus ihm einen liebenswerten Schnösel und hat auch deshalb einiges an Lachern auf seiner Seite, der alleinigen Vormachtstellung als Ladykiller beraubt, die Welt nicht mehr versteht. Happy End? Naja … das liegt im Auge des Betrachters.

Mit „Das Maß der Dinge“ haben TzF-Intendant Bruno Max und Regisseur Rüdiger Hentzschel für den Wiener Saisonstart auf unterhaltsame Art einen Zeitgeistnerv getroffen, sind die Themen des Stücks doch das beständige Polieren der ohnedies schon glatten Oberfläche, der Zwang zur Selbst/Optimierung – und eine darob aufkommende Skrupellosigkeit in der „Sache“ Liebe. Und schließlich stellt LaBute noch die allentscheidende Frage, die ebenso fürs Theater interessant ist, die Frage danach, was Kunst ist und wie weit sie gehen darf. Spannend!

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Wien, 22. 9. 2016

Martin Wuttke ist „Der eingebildete Kranke“

Dezember 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Landestheater NÖ: Lachen bis der Tod kommt

Bild: (c) Thomas Aurin

Bild: (c) Thomas Aurin

Es beginnt, nein, nicht im Theater, sondern mit dem Programmheft. Vorne, nein, nicht Martin Wuttke als Molières Eingebildeter Kranker, sondern Frank Castorf. Ein pelzverbrämter Charakterkopf. Ein Ausfall. Eine Anzüglichkeit. Zwischen dem Gottöberst der Berliner Volksbühne und seinem Bühnenbelzebub gab es mal ein Zerwürfnis. Stichwort: „Tatort“. Der verlorene Sohn ist wieder da. Ein Hündlein an der Mutter Zitzen. Um Artaud zu zitieren. Und inszenierte sich selbst und ein halbes Dutzend Mitakteure als Hypochonder Argan nebst Mitleidenden. Nun war die Produktion – Teil einer Trilogie, in der Castorf „Der Geizige“ zeigt und René Pollesch „Don Juan“ macht, in den Hauptrollen jeweils Martin Wuttke – im Landestheater Niederösterreich, St. Pölten, zu sehen. Eine Dekonstruktion Jean-Baptistes mit den Mitteln der Diskurstheaterkantinendramaturgie. Grimassieren und Klistieren als Krampf im Kopf. Wenn der Schwanz nicht ausreicht, bleibt einem immer noch das Hirn zum Wedeln. Und weil Spaß nicht sein muss, aber kann, vibriert das Ganze grand-guignolisch vor Schauspielerslapstick. Ein grotesk klamaukiges Kasperltheater. In dem Wuttke das Krokodil gibt. La Comédie-Française. La Maison de Molière. Möchte man rufen. Der Dichter-Schauspieler-Regisseur fiel in der Maske des Argan auf der Bühne tot um. Was hier natürlich mit dem berühmt berüchtigten „Backstage“-Kameraeffekt, video killed the theatrestar, das Castorf-Pollesch’sche Lieblingsspielzeug, hoffentlich schenkt ihnen das Christkind heuer ein neues, thematisiert wird. Aber weil ein Genie wie Molière für einen Überdrüber wie Wuttke nicht genügt, packt er eine Portion Antonin Artaud oben drauf.

Ah! Das kann man auskosten. Das Theater der Grausamkeit: der zerstreute Text, der entstellte Körper, die unterdrückte Stimme, die Wuttke übrigens gar nicht unterdrückt. Das Theater und sein Double. Für Artaud sollte die Aufführung nicht Nachahmung der Wirklichkeit sein, sondern eine Wirklichkeit für sich. Keine Grenze mehr zwischen ästhetischem Wert und Unwert. Dazu nahm Artaud wegen undefinierbarer chronischer Schmerzen über Jahrzehnte Drogen wie Laudanum, Opium, Heroin und Peyote. Ewig lang war er in der Psychiatrie. Wo er mit eigenem Blut und eigener Scheiße seine Thesen an die Wände schrieb. Na, das passt doch wie die Faust aufs Auge. Krankheit als (Ein-)bildung. Krankheit als gesellschaftliches Konstrukt. Artauds Kunstvisionen sowie anklagende Bezichtigungen, auch des gutbürgerlichen Elternhauses, sind in verworrener Vielfalt in Molières Text eingewoben – bitte-bitte, mach‘ doch irgendwer eine Seminararbeit über diese Inszenierung …

Ein rotweißgestreifter Vorhang auf dem „Zum Todlachen“ steht, darüber ein Plastikgeisterbahnskelett, ein Memento-Mori-Emblem, das in regelmäßigen Abständen das Stundenglas dreht, Hendrik Arnst als grobschlächtiger Spielansager (später als Argans Bruder Béralde) – so beginnt das Spektakel. Und dann er: In offenem, weißem Rüschennachthemd samt Liebestötern, mit weiß geschminktem Hundenasenclownsgesicht samt schwarzer Hundeohrenmütze, mit Stock, ein Unsympath in Schlapfen, tatterig, zitterig, schnarrt, spuckt, krächzt, kreischt, fiepst, japst, keucht Wuttke den Anfangsmonolog. Eine Aufzählung der ihm verordneten Medikamente und deren Kosten. Auf Französisch. Unsichere Blicke fallen rechts und links auf die Eintrittskarten. Im falschen Stück? Das kommt auf die Perspektive an. Regisseur Wuttke schenkt dem Schauspieler Wuttke jedenfalls nichts punkto Stimm- und Körpereinsatz. Ein dürres Menschlein in XXL. Im sanatoriumhaften, schwarzweißen Bühnenbildsalon von Bert Neumann, who else. Die Verausgabung auf Französisch bleibt Programm. Alle Darstölleeer müüsen sich der Üb-ung unterziehön mit accent zu sprechön. Dazu gibt es sicher eine EU-Verordnung: Wo Komödie draufsteht, muss Komödie drin sein. Wuttke beherrscht auch diese Disziplin, lässt sich Rieseneinläufe verpassen, die hinten rein, vorne raus und bis ins Publikum spritzen.

Seinem Wahnsinn am nächsten kommen Lilith Stangenberg, die beide Töchter Argans spielt, Maximilian Brauer als Möchtegern-Arzt/Künstler-Schwiegersohn, der der illustren Gesellschaft sowohl einen Opernentwurf als auch ein Drehbuch vorstellt, und die immer wunderbare Margarita Breitkreiz als brachialcharmante Zofe Toinette. Ein Name, der hier klingt wie Tourette. Brigitte Cuvelier gibt die schon das Grab schaufelnde, aufs Erbe geiernde Ehefrau Béline; Abdoul Kader Traoré ist ein ziemlich unscheinbarer Cléante. Dafür überzeugt Jean Chaize, der als Notar und Arzt in Krampusmaske einen wahren Feitstanz aufführt. Was Wuttke sträflicherweise unterschlägt, ist die Intrige, in die die ihn Liebenden Argan verstricken, um ihn von seiner Krankheitshysterie zu heilen und die ihn Nichtliebenden zu entlarven. Dafür heißt’s: Ducken, da fliegt ein Regieeinfall! Un-tief. Man unterwirft sich der Konformität der Volksbühnengewohnheiten. Ruckzuck geht’s mit der Handlung zu Ende. Fuck you, Molière. Da war doch noch was, will man dem Zirkus, dem Jahrmarkt, diesen Zurschaustellern nachrufen. Doch die Wandertruppe ist schon weiter. Auf dem Weg zum Intellelsein.

www.landestheater.net

Wien, 30. 11. 2013