Hochwald: Evi Romens queerer Anti-Heimatfilm

September 15, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Parabel vom zernarbten Herzen

Thomas Prenn. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Eines Tages stellte sich ein junger Mann in die Mitte des Ortes und verkündete, er habe das schönste Herz im ganzen Tal. Da trat ein alter Mann aus der Menge und sagte: „Dein Herz ist lange nicht so schön wie meines!“ Die Menschen und der junge Mann blickten auf das Herz des Alten. Es schlug stark, doch es war voller Narben. Stücke waren herausgebrochen und andere eingesetzt, tatsächlich waren da tiefe Löcher, wo ganze Teile fehlten.

„Du machst wohl Witze“, lachte der Junge. „Vergleich dein Herz mit meinem: Meines ist vollkommen und deines ist längst kaputt!“ „Ja“, erwiderte der alte Mann, „dein Herz sieht vollkommen aus, aber ich würde doch niemals mit dir tauschen. Weißt du, jede Narbe in meinem, jede Lücke steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe.“ Diese Parabel erzählt der Imam Mario, als dieser in einer muslimischen Wohngemeinschaft in Bozen eine letzte Zufluchtsstätte findet. Da hat der gestrauchelte Traumtänzer die Talfahrt vom „Hochwald“ schon hinter sich, dies der Titel von Evi Romens wuchtigem Regiedebüt, das bei der diesjährigen Diagonale mit dem Großen Preis für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde und am Freitag in den heimischen Kinos anläuft.

„Hochwald“ ist ein queerer Anti-Heimatfilm über Außenseiter in ländlicher Gegend, kontrast- und mit seinen Irrungen, Wirrungen, Wendungen auch risikoreich, doch Regisseurin und Drehbuchautorin Romens Rechnung geht voll auf, ihr Kalkül Schwul-sein im südtirolerischen Katholizismus, das Gefühl des Deplatziert-Seins, islamistischen Terror und eine rettende Begegnung mit dem Islam auf einen Nenner zu bringen. Durch die Kamera von Martin Gschlacht und Jerzy Palacz präsentiert sich die Amour-Fou-Produktion stylisch, hipp, innovativ.

„Hochwald“ ist atmosphärisch dicht, mit psychologischer Präzision inszeniert und exzellent bildgewaltig fotografiert, und es ist der charismatische Hauptdarsteller Thomas Prenn als Mario, der 107 Minuten lang sein Innerstes nach außen kehrt, und diesem Film seinen schauspielerischen Stempel aufdrückt – wofür der 27-Jährige beim Österreichischen Filmpreis zum besten Hauptdarsteller gekürt wurde. Und so beginnt der Film: Selbstvergessen tanzt Mario im Mehrzwecksaal der Volksschule im fiktiven Südtiroler Dorf „Hochwald“, er trägt Latein-Tanzschuhe, also solche mit Absatz, und hat in seiner Sporttasche allerlei fancy Kostüme dabei.

Eine Karriere als Tänzer schwebt ihm vor, ein Ausbrechen aus der Enge, die ihn erdrückt wie seine Gelegenheitsjobs als Frühstückskoch im Nobelhotel oder in der Fleischhauerei des Stiefvaters Hermann, Würste abdrehen und Mutters Neuen wichsen. Da trifft er in der Dorfdisco Jugendfreund Lenz, Noah Saavedra, dieser nunmehr Schauspielschüler in Wien und auf dem Weg zu einem Casting in Rom, und wohl früher Marios Love Interest. „In Wien sind alle schwul!“ – „Aber bei uns hier nicht“, unterhalten sich Mario und Lenz kichernd und kiffend im eingeschneiten Auto vor der Kirche und unterwegs zur Christmette.

Thomas Prenn im Haufen von Marios fancy Kostümen. Bild: © Amour Fou

Thomas Prenn und Noah Saavedra. Bild: © Amour Fou

Mario fühlt sich nur in der Dorfdisco frei: Thomas Prenn. Bild: © Amour Fou

Doch gesagt, getan: der sensible, diverse Drogen drückende Mario wird den exaltierten Lenz nach Rom begleiten, der in sich gekehrte, nur im Tanz freie Schulwartssohn und der adelige, weltläufige Winzerspross, auch mit diesen Gegensätzen hantiert Evi Romen, wo sie am ersten Abend in einem Gay Club – gecastet: dessen echte Community – landen. Da passiert’s. „Allahu Akbar“ brüllende, vermummte Männer stürmen das Lokal, schießen wild um sich, Lenz ist tot … Für Marios Coming-Of-Age-Story bedeutet das ein Zurück in die gebirgige Düsternis, eine Konfrontation mit jener gnadenlosen Kleingeistigkeit, vor der seine sexuelle Orientierung nun offen ausgebreitet ist, hin zu Lenz‘ über dessen Homosexualität ahnungslose Eltern. Was Wunder, dass Mario seine Trauerarbeit im Volksschulsaal vor erschrockenen Taferlklasslern performt …

Zwischen den Anschuldigungen von dessen Mutter, Mario hätte Lenz Richtung Pfad der körperlichen Untugend verführt, und seines leiblichen Vaters: „Scheiß-Moslems, die g’hören alle darschossen“, in einer Abwärtsspirale ohne Ausweg, konfrontiert Evi Romen das Publikum nicht nur mit dessen eigenen Ressentiments, sie macht auch etwaige Erwartungshaltungen zunichte, wenn sie die Andersartigkeiten einander nicht abstoßen, sondern sich gegenseitig anziehen lässt. In Bozen nämlich, wo Mario sich in einem Nageldesignstudio unterm Ladentisch mit aufklebbaren Tips versorgt, trifft er nach einem „Schuss“ auf der Bahnhofstoilette Nadim, den er von seiner abgebrochenen Konditorenlehre kennt, und der sich dort fürs Gebet wäscht.

Josef Mohamed, in Wien bekannt als ausdrucksstarker Theaterschauspieler (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=32241, www.mottingers-meinung.at/?p=36095), schlüpft in die Figur des Gratis-Koran verteilenden Nadim wie in eine zweite Haut. Überhaupt ist Hochwald bis in die Nebencharaktere brillant besetzt. Mit Claudia Kottal als Volksschullehrerin und Mutter von Lenz‘ Ausrutscher-Sohn, mit „Hochwürden“ Johannes Silberschneider und Marco Di Sapia als Lenz‘ Künstleragent, mit Ursula Scribano-Ofner als Marios Mutter, Helmuth Häusler als Vater und Hannes Perkmann als Stiefvater. Katja Lechthaler und Walter Sachers sind als Lenz‘ Eltern zu sehen.

Mit Ursula Scribano-Ofner. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Mit Josef Mohamed. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Mit Kida Kodhr Ramadan. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Josef Mohamed (li.). Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Sowie der libanesisch-deutsche Schauspieler und Szenestar Kida Kodhr Ramadan als Imam Mami, in dessen WG Nadim Mario mitnimmt, als der im Drogenrausch auf der Straße zusammenbricht. Es wird die dortige Friedlichkeit und Freundlichkeit sein, das Anerkennen seines Ichs, wie es ist – siehe: die Parabel vom zernarbten Herzen, in dem Mario Halt und Unterstützung findet. „Die Attentäter, des waren kane Muslime, der Islam isch a friedliche Religion“, sagt Nadim, und Marios Vater, als er auf den Armen des Sohns keine neuen Einstiche findet: „War des da Allah?“ Bis sich der nächste Dorfskandal entzündet: „Man hat dich gesehen! Mit den Muselmanen! Des isch pervers! Totalschaden, odr?“

Wie sie einen doch ins Visier nimmt, die Wegschau-, die Menschen-Wegwerf-Gesellschaft, Visier wortwörtlich, als Lenz‘ Vater vom Hochstand aus mit seinem Jagdgewehr auf Mario anlegt … Mit seinen Doppelbödigkeiten, den Doppeldeutigkeiten des Dorfdialekts, die Tabus, um die jeder weiß es, doch keiner beredet, mit seinem spröde erzählten Gefecht Einzelkämpfer gegen Kollektiv, mit dessen Zerrissenheit und dem Zwiespalt, der Gräben durchs Umfeld zieht, ist „Hochwald“ ein gelungenes Stück modernen Neorealismo.

Evi Romen kann Symbolik, die archaische Grundstruktur des Orts als Setting, ausgerechnet Religion als Befreiung von belastenden Glaubensmustern, als Talisman eine weißgelockte Perücke, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, der Hochwald als Stätte der Transformation, und niemals bedient sie ein touristisches Südtirol. Dazu die stimmige Original-Musik von Florian Horwath, die’s hoffentlich bald auf CD gibt, und ein paar 1960er-Klassiker wie „Inch’Allah“ von Adamo.

„Hochwald“ lässt einen atemlos zurück, und mit viel Stoff, um darüber nachzudenken. Die Haken, die die Handlung durch die Unberechenbarkeit ihres Protagonisten Mario schlägt, lenken einen stets in eine neue Richtung, weg vom spezifischen Südtirol, hin ins Universelle. Im exzellenten Ensemble sticht einem Thomas Prenn als introvertierter Extrovertierter ins Auge, und ein solches sollte man auf den Südtiroler Schauspieler auch haben. Sein nächster Streich, „Große Freiheit“ von Sebastian Meise mit Franz Rogowski und Georg Friedrich, wurde dieses Jahr in Cannes in die Sektion Un Certain Regard eingeladen und mit dem Jurypreis ausgezeichnet.

www.facebook.com/hochwaldfilm          Trailer: www.youtube.com/watch?v=VlxjiJe-r1w&t=1s

  1. 9. 2021

Herbert Föttinger im Gespräch

Februar 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Über „KUNST“ und Kulturpolitik

Herbert Föttinger (Serge), Martin Zauner (Yvan), André Pohl (Marc) Bild: © Erich Reismann

Herbert Föttinger (Serge), Martin Zauner (Yvan), André Pohl (Marc)
Bild: © Erich Reismann

Herbert Föttinger probt. Als Schauspieler „KUNST“ in den Kammerspielen, als Regisseur „Die Schüsse von Sarajewo“ an der Josefstadt, als Theaterdirektor den Aufstand. Anlässlich der Finanz- und anderer Krisen am Burgtheater macht er klar, warum sich der Subventionsgeber nicht aus seiner Verantwortung stehlen dürfe. Die Politiker müssten endlich ein Signal zum Erhalt der Kulturnation Österreich setzen. Oder diese offiziell zu Grabe tragen.

„KUNST“ von Yasmina Reza hat am 20. Februar Premiere. Wie vor 18 Jahren spielen Föttinger, Martin Zauner und André Pohl das Männertrio, das sich über dem sündteuren Ankauf eines weißen Bildes zerstreitet. Serge hat sich dieses monochrome Bild gegönnt. Ein heftiger Konflikt entsteht, da Serges Freund Marc diese Ausgabe nicht tolerieren will. Auch Yvan, dem dritten und stets um Neutralität bemühten Freund, gelingt es nicht zwischen den beiden zu vermitteln. Subtil beschreibt Reza, wie durch die „Kunst“ nicht nur die Befindlichkeiten der Männer hinterfragt werden, sondern auch ihre langjährige Freundschaft, ja ihr gesamtes bisheriges Dasein, auf den Prüfstand gestellt wird.

MM: Warum haben Sie sich entschlossen, nach 18 Jahren wieder „KUNST“ in der Originalbesetzung auf den Spielplan zu setzen?

Herbert Föttinger: Um bei der Wahrheit zu bleiben: Für diese Premiere war ein anderes Stück geplant, nämlich „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer. Das hat sich ein bisschen verzögert, diese Uraufführung findet erst kommende Saison an den Kammerspielen statt. So war eine Premiere offen, und es gab von meinen beiden Kollegen Martin Zauner und André Pohl immer den Wunsch, wieder „KUNST“ zu spielen. Es war ein großer Erfolg im Rabenhof, der damals noch zur Josefstadt gehörte, wir haben’s mehr als hundert Mal gespielt. Ich selber bin ja nicht so gierig drauf, zu spielen, weil es mir Zeit wegnimmt. Eine Rolle, der Domenico Soriano in „Hochzeit auf Italienisch – Filumena Marturano“, wäre ja genug für eine Spielzeit. Nun ist mir eine zweite Rolle passiert, freuen tue ich mich darauf aber schon.

MM: Die jetzige Premiere ist eine Neuinszenierung von Folke Braband. Inwieweit hat sich der Zugang zum Stück, zu den Rollen seit 1996 verändert?

Föttinger: Wir sind alle drei älter geworden, das hat der Sache gut getan, weil wir jetzt für diese Rollen im richtigen Alter sind und damals zu jung waren. Wir haben damals besonders das weiße Bild verteidigt. Heute sehen wir, dass es nicht nur Immobilien- und Finanzblasen gibt, sondern auch Kunstblasen. Wir empfinden jetzt bei der Arbeit, dass dieses Bild, der Zankapfel des Stückes, nur Beiwerk ist, ein Katalysator, ein Trick von Yasmina Reza, damit das Stück in Gang kommt. Denn tatsächlich geht’s um was ganz anderes, Tiefergreifendes.

MM: Um eine „Beziehungskiste“ unter Männern?

Föttinger: Es ist ein Stück über Freundschaft, über eine Beziehung, die über 20, 30 Jahre geht. Da verändern sich Menschen. Diese Veränderung kann man tolerieren, die kann man auch lieb gewinnen, an dieser Veränderung kann man aber auch verzweifeln – und diese drei verzweifeln. Im Stück geht’s um das Überprüfen von Freundschaft: Ist der Mensch, der mir vor 30 Jahren besonders wichtig war, nachdem ich Dies und Das erlebt habe, noch genau so wichtig? Findet zwischen uns noch Austausch statt? Das ist die Zerreißprobe, die die drei zu bewältigen haben.

MM: Serge, Marc und Yvan sind drei gleichberechtigte Rollen. Warum hat man Sie als Serge besetzt?

Föttinger: Das frage ich mich auch. Das hat der damalige Direktor so bestimmt. Und wir haben es bei der Schenk´schen Entscheidung belassen. Serge kauft das sündteure weiße Bild. Marc will das nicht tolerieren. Wir hatten 1996 drei Leseproben, immer in einer anderen Rolle, und ich dachte, ich würde der Marc werden. Den übernahm aber André Pohl. Ich würde mich in beiden Rollen wohl fühlen, nur den Yvan kann ich nicht spielen, das kann nur Martin Zauner.

MM: Yasmina Reza mag es nicht, wenn man Ihre Stücke Gesellschaftssatiren oder Beziehungskomödien nennt. Trotzdem ist diese Richtung vorgegeben und Teil ihres weltweiten Erfolges.

Föttinger: Sie behandelt mit großer Leichtigkeit und viel Witz schwere gesellschaftliche und psychologische Probleme. Sie hat eine tolle Sprache und bleibt bei aller Tiefe und Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung einem breiten Publikum zugänglich. Es gibt schon mehr als einen Grund, warum diese Autorin international so oft gespielt wird. Ich kenne wenige Gegenwartsautoren, die eine solche überregionale Bedeutung haben. Und für die Kammerspiele ist Yasmina Reza ideal. Hier gehört sie her.

MM: Die Kammerspiele hatten als letzte Premieren „Der letzte Vorhang“ und „Die Mausefalle“, auf „KUNST“ folgt „Ziemlich beste Freunde“ nach dem französischen Kinoerfolg. Ist das der Weg, den Sie mit den Kammerspielen beschreiten wollen? Unterhaltung mit Herz und Hirn sozusagen?

Föttinger: Ja. Und das wird vom Publikum auch gerne angenommen. „Die Mausefalle“ ist ausverkauft bis Mai. Das sind alles Stücke, die mir Spaß machen. Die haben Witz, sind aber im Kern ernst, die berühren, sind aber ebenso zum Lachen. Auf „Ziemlich beste Freunde“ bin ich schon sehr gespannt. Dass der Film seinen Weg auf die Bühne findet, ist heute ein Faktum. Die beiden Kunstformen befeuern sich derzeit gegenseitig. Das ist eine Tendenz, die auch wieder vorbeigehen kann.

MM: Sie proben nicht nur in den Kammerspielen, sondern auch an der Josefstadt. Sie inszenieren Motive aus Milo Dors Roman „Der letzte Sonntag“ als „Die Schüsse von Sarajevo“. Warum haben Sie dieses Projekt als Beitrag der Josefstadt zum Gedenkjahr 1914-2014 ausgesucht?

Föttinger: Natürlich ist das der erste Gedanke: Wir machen „Die letzten Tage der Menschheit“. Aber das machen eh alle anderen. Und ich fand die Prozessakte, die Protokolle der Untersuchung, welche der Untersuchungsrichter Leo Pfeffer nach dem Attentat geführt hat, viel aufregender, ungleich spannender. Wir machen Ende Juni „Die letzten Tage der Menschheit“ als Lesung von Erwin Steinhauer; ich werde mit Sandra Cervik bosnische Literatur vorstellen. Die Pfeffer-Geschichte, welche mir so vorkommt wie 9/11, hat mich total fasziniert: Alle schreien nach Vergeltung für das Attentat, es wird eine Verschwörung aufgedeckt, es wird ein Land schuldig gesprochen und es wird ein Krieg erklärt. Man braucht unbedingt Schuldige, die man der allgemeinen Vergeltungshysterie vorführen kann. Alle schreien danach. Als Osama bin Laden beseitigt wurde, ist in Amerika der große Jubel ausgebrochen. Was den Ausbruch des Ersten Weltkrieges betrifft, der auch bejubelt wurde,  so ist der Zusammenhang zwischen Attentat und serbischer Regierung bis heute nicht eindeutig bewiesen. Ich fand die Versuche von Leo Pfeffer, die Wahrheit herauszufinden, wirklich aufregend. Was ist Wahrheit? Alles was wir in Schulbüchern lesen, stimmt das auch? Zum Schluss sagt ein Rabbi zu Pfeffer: Es gibt keine Wahrheit außer den Tod.

MM: Anlässlich des Jahrestages ist einiges an Literatur erschienen, das die Geschehnisse neu beleuchtet, etwa Christopher Clarks „Die Schlafwandler“. Fließt das in Ihre Arbeit ein?

Föttinger: Ja. Was mich in der Vorbereitung so fasziniert hat, ist die Beschäftigung mit der Vorkriegszeit, „Der taumelnde Kontinent“, auch das ein Buch von Philipp Blom. Man wollte Geschichte neu schreiben, wollte Grenzen neu schreiben. Die Welt war in Aufruhr. Was da alles passiert ist an Entdeckungen und Erfindungen. Die Industrialisierung. Die Armut. Eine elektrisierte, aufgeheizte Zeit, die irgendwo explodieren musste. Ein Glück, dass wir heute ein vereintes Europa haben. Diese Gemeinschaft kann Frieden sichern. Das war um 1912 nicht der Fall. Ich finde den europäischen Gedanken den schönsten Gedanken, auch wenn uns nicht alles gefällt, was aus Brüssel kommt. Sobald Länder politisch und wirtschaftlich verknüpft sind, wird die Kriegsgefahr geringer.

MM: Erwin Steinhauer spielt Leo Pfeffer. Was haben Sie sich gemeinsam für die Rolle überlegt?

Föttinger: Wir haben die Romanfigur gemeinsam mit Milan Dor und Stephan Lack ein wenig verändert, wir wollten nicht die Prozessakte dramatisieren und auf die Bühne stellen. Leo Pfeffer ist Kroate, 55, 60, und verliebt sich in eine bosnische Serbin, eine 45-jährige Witwe, die einen 20-jährigen Sohn hat. Für Pfeffer ist das ein zweiter Frühling, er träumt davon, Sarajevo zu verlassen und mit seiner Liebe seinen Lebensabend in Wien zu verbringen, wo er einmal studiert hat. Das fand ich schön, dass die Figur älter beschrieben wird. Ich war selbst unlängst in Sarajevo und kann verstehen, dass man da raus will. Das ist immer noch eine zweigeteilte Stadt, in der über diverse Gotteshäuser ein „Religionskrieg“ mit Glockengeläut und Gebetsrufen betrieben wird. So wird mein Stück auch beginnen: Ich fange 1993 an, wie plötzlich aufgrund einer nationalistischen Radikalisierung Nachbarn aufeinander losgehen, Gräben in Familien aufbrechen und daraus ein schrecklicher Jugoslawienkrieg entsteht. Die Kriegserklärung der Donaumonarchie war nur einer von vielen Rissen durch das Land. Ich bin kein Freund der Vermischung von Religion und Nation. Sobald sich die beiden zusammen tun, sobald man den anderen nicht mehr atmen lässt, führt das zur Katastrophe. Drum mag ich unseren Stückschluss so sehr: Der Kroate und die Serbin zeugen noch ein Kind und dieses Kind kennt keine Nation.

MM: „Die Schüsse von Sarajevo“ am 3. April ist Ihre letzte große Premiere für diese Saison. Ist das ein Sparprogramm?

Föttinger: Ich hatte in dieser Spielzeit immerhin sechs Premieren in der Josefstadt. Nein, ich mache kein Sparprogramm. Ich versuche das Verhalten des Publikums zu erforschen, denn die Wiederaufnahmen eines Stücks im Herbst funktionieren nie so wie vor der Sommerpause. Beim „Weiten Land“ hatten wir eine Auslastung von 98 Prozent und stürzten nach dem Sommer um  15 Prozent ab. Ich gebe mich mit 75, 80 Prozent Auslastung nicht zufrieden, ich muss sehr viel erwirtschaften, die Einspielergebnisse müssen sehr hoch sein, damit wir den Betrieb in der Form erhalten können. Die Gehälter meiner Mitarbeiter werden ja jedes Jahr kollektivvertraglich erhöht. Ich weiß nicht, wie die Zukunft ausschauen wird, wenn die Verantwortlichen sich aus dieser stehlen. Kann schon sein, dass die Politik kein Geld hat. Nur, was heißt das für uns Theaterschaffende? Man kann Finanzlöcher nicht durch Erhöhung der Kartenpreise stopfen. Das schafft kein Theater. Und wir im Besonderen nicht, wir sind ja kein reines Abonnementhaus, deshalb müssen wir sehr, sehr viel Geld einspielen. Und wenn ich die letzte Premiere im April mache, kann ich das Stück noch drei Monate spielen, das sind 30 Vorstellungen, bevor wir in die Pause gehen. Habe ich Mitte Mai Premiere, schaffe ich noch zehn Vorstellungen und dann ist das Stück vergessen. Der frühe Premierentermin ist also der Versuch einer neuen Strategie, damit die Ökonomie des Hauses funktioniert, dafür bin ich als künstlerischer Direktor verantwortlich. Ich habe mehr Verantwortung als nur den Spielplan zu erstellen und zu sagen: Was Geld betrifft, das geht mich nichts an.

MM: Darum könnte an der Josefstadt eine Finanzgeschichte wie am Burgtheater nicht passieren?

Föttinger: Ich beteilige mich nicht an der allgemeinen Hinhauerei aufs Burgtheater. Die Josefstadt hatte vor 15 Jahren eine Riesenfinanzkrise, die nicht nur wegen der kollektivvertraglichen Erhöhungen entstanden ist. Man hat sich mit dem Rabenhof etwas geleistet, was man sich nicht leisten konnte. Vielleicht war der Spielplan aufwendiger, vielleicht waren die Einnahmen nicht so gut. Das kann passieren. Helmuth Lohner hat damals sehr gekämpft, auch um eine Subventionserhöhung. Lustig war das damals im Jahr 1999/2000 für die Josefstadt nicht und es hat bis 2003 gebraucht, bis sich das Theater von dieser ökonomischen Katastrophe erholt hat. Dann kam Gratzer, von dem ich 750.000 Euro minus übernommen habe, das konnte ich bereinigen. Was soll ich sagen? Das Geld wird ja in den Theatern nicht mutwillig verschleudert. Obwohl, um bei der Wahrheit zu bleiben, manchmal kommt auch das vor.

MM: Wenn ein Theater sparen muss, wenn es Schulden abtragen muss, wo kann es das?

Föttinger: Das ist sehr, sehr schwer, wenn man den Betrieb wie er ist, erhalten will. Ich finde man sollte nicht an den Produktionen sparen. Die Politik verlangt von uns zu rationalisieren. Aber was heißt denn das? Kündigungen. Dass ich Menschen mit Familie ohne finanzielle Absicherung in den Regen stelle. Nur das Wort Kündigung will kein Politiker aussprechen. Wenn es Engpässe gibt und der Staat die Verantwortung – und die hat er nun mal als Subventionsgeber – nicht mehr übernehmen kann oder übernehmen will, entsteht ein angelsächsisches Betriebsprinzip. Ich schaue mir diese Formen der Betriebsführung in Großbritannien genau an, und die sind halt härter, brutaler, als man es in Österreich gewohnt ist. Ich muss eine Lanze für das deutschsprachige Theater brechen. Ich glaube, es ist das fortschrittlichste, das innovativste weltweit. Das muss man einmal sagen. Die hier praktizierte Form des Fantasierens, des Träumens hat dem Theater einen Höhenflug beschert. Das ist eine unglaubliche Entwicklung, die in der Form beispielsweise in London nicht stattfindet. Dort versucht man unter günstigsten Bedingungen zu produzieren, die Leute werden sehr schlecht bezahlt, sind zwischen den Produktionen arbeitslos … das sind keine tollen Arbeitsbedingungen. Genau so schwierig ist es in Italien, in Frankreich. Was will man also hierzulande? Alle Theater zusperren bis aufs Burgtheater? Das wäre grauenhaft für die Theaterstadt Wien, wenn es nicht die kleinen Häuser gäbe. Will man das zerstören, was man mühevoll aufgebaut hat? Wenn wir schon eine Kulturnation sind, dann muss man auch in diese investieren. Oder wir erklären, dass wir keine mehr sein wollen. Auch möglich, aber grauenhaft.

MM: Sind Sponsoren ein Ausgleich, wenn der Subventionsgeber auslässt?

Föttinger: Nein. Die können auch keinen Ausgleich zu fehlenden Subventionen schaffen. Auch ich bemühe mich um Sponsoren, wie man weiß. Aber der nächste Direktor, der nach mir kommt, hat vielleicht nicht diese Kontakte, hat vielleicht nicht dieses Netzwerk aufbauen können, deshalb darf Sponsoring nie ein wesentlicher Teil des Budgets werden. Ganz, ganz klein, ja. Mit allem anderen macht man sich abhängig von der Privatwirtschaft. Ich finde es toll, wenn die Privatwirtschaft ihren Teil für die Kultur leistet, aber man darf sich nicht abhängig machen. Beispiel Pereira in Salzburg: Der hat über seine Verbindungen zusätzliche Millionen für sein Riesenprogramm aufgestellt. Aber jetzt fließen diese Millionen nicht mehr – und das Programm wird wieder kleiner. Er hat seinem Nachfolger, der vielleicht kein so begnadeter Aufreißer von Sponsorengelder ist, eine Vorgabe hinterlassen, die dieser nicht erfüllen kann.

MM: Zum Ende des Gesprächs noch was Positives: Kann man schon etwas über die nächste Saison erfahren?

Föttinger: Wir sind guten Mutes, wir haben eine sehr erfolgreiche Spielzeit. Wir werden internationaler. Christopher Hampton und Cesare Lievi werden zu uns stoßen und bei uns inszenieren. Der Rest ist Überraschung.

www.josefstadt.org

Trailer „KUNST“: www.youtube.com/watch?v=QV4GfnoiSLM#t=1

Die Lesung bosnischer Autoren in Anknüpfung an die „Die Schüsse von Sarajevo“-Premiere findet  am 7. und 8. April auf der Probebühne statt, 20 Uhr, Titel „Bosnien – Geschichten aus der dunklen Welt“. Es lesen Sandra Cervik, Herbert Föttinger, Florian Teichtmeister und Alma Hasun.

www.josefstadt.org/Theater/Stuecke/Josefstadt/Probebuehne/Bosnien-GeschichtenausderdunklenWelt.html

Wien, 19. 2. 2014

Theater in der Josefstadt: Quartett

Februar 7, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Elisabeth Trissenaar und Helmuth Lohner brillieren

in der Regie von Hans Neuenfels

Elisabeth Trissenaar (Merteuil), Helmuth Lohner (Valmont) Bild: © Monika Rittershaus

Elisabeth Trissenaar (Merteuil), Helmuth Lohner (Valmont)
Bild: © Monika Rittershaus

Humor und Heiner Müller schließen sich nicht aus. Das war nie so, das galt nur als abgemacht. Es musste einer kommen wie Hans Neuenfels, um das auch klar zu machen. Als Josefstadtdebütant griff der Regiealtmeister erstmals zu einem Werk seines langjährigen Freundes, „Quartett“, und legte an dem in unzähligen Aufführungen auf akademisch getrimmten Stück wieder Wesentliches frei: Die ausgeprägte Galgenstrickkomödiantik, eine Perversion innerhalb der gekonnten Rethorik, die von den Figuren als Machtmittel freigesetzt wird, zur Waffe wird wie die entwaffnende Sprache. Drastisch ist dieses Drama. Und Neuenfels lässt die Körpersäfte fließen. Blut, Schweiß und Tränen. Scheiße. Und Sperma. Seine Inszenierung hat was von einer Screwball-Comedy des Grauens. Mit Gri-Masken und Mummenschanz. Mit heiterem Horror. Das Publikum war zu Recht amüsiert.

„Quartett“ ist die Fortschreibung von Choderlos de Laclos‘ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“. Müller beschränkt die Personen auf die Marquise Merteuil und ihren ehemaligen Geliebten Vicomte Valmont. Die beiden ergehen sich im erotisch-egomanischen Rollenspiel. Sie ist er und er ist sie. Dazu äffen sie die bigotte Präsidentengattin Madame de Tourvel nach, die Valmont zu Fall, heißt: ins Bett, bringen will, ganz fiebriger Jäger, die Betschwester zu erlegen. Und Merteuils junge Nichte Cécile de Volanges, eine Klosterschülerin. Die Marquise wünscht aus reiner Bosheit deren Entjungferung durch den Vicomte, bevor die Volanges in den Ehestand tritt. Doch der hat zunächst an der leichten, naiven Beute kein Interesse. Das diabolische Paar verstrickt sich immer mehr in seine Ränkeschmiedearbeiten, krankt aber vor allem an der Beziehung zueinander. Man laboriert an diesem Ding, das man einst gemeinsam besessen hat. War’s jemals Liebe? Sex sicherlich. Die Körperlichkeit wurde Gewohnheit, dann Leere. Ein Krebs, an dem Heiner Müller starb. Am Ende tropft bei Neuenfels beiden Ungeheuern das Blut aus den offenen Mäulern.

Dieses Endspiel, die vorgeschriebene Endzeitmüdigkeit beherrschen Elisabeth Trissenaar (Neuenfels‘ Ehefrau, auch sie erstmals an der Josefstadt) und Helmuth Lohner perfekt. Mit leichter Hand in die Szene gesetzt – Bühnenbild: ein tiefschwarzer, Heiner Müllers Ausstattungsanweisung aufs Beste interpretierender Boudoir-Bunker von Reinhard von der Thannen, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet – entfesseln die beiden Schauspielstars eine darstellerische Gewalt, dass es einem den Atem nimmt. Die Trissenaar, gehüllt in violetten Samt, changiert im schnellen Wechsel zwischen winselnder Sehnsucht, hysterischer Xanthippenhaftigkeit und spröder, strenger Zuchtmeisterin. Eine Domina auf dem Weg zur Vettel. Lohner erscheint mit grauweißer Langhaarperücke und düsterem Brokatgehrock samt Rüschenhemd, ein abgefuckter Graf Dracula, ein in die Jahre gekommener Hengst, der den Abdecker durch vorgeführte Geschmeidigkeit beeindrucken muss. Valmont-Lohner turnt elastisch über die Bühne, übt sich an einer Art Balletstange und in der Bodengymnastik. Ganz ehrlich: Lohner ist zum Fürchten, jedermanns Teufel, wie weiland in Salzburg, eingehüllt in das Faszinosum des Monströsen.

So treffen einander Teufel und Teufelin zum Schlagabtausch. Mit Trissenaar und Lohner wird „Quartett“ zum Schlachtfest für zwei Ausnahmeschauspieler. Sie schenken sich nichts, höchstens einer dem anderen vergifteten Wein ein. Sie bringen die Hassliebe zweier den Hass Liebenden zum Glühen. Sprachgewaltig sind sie sowieso; große Kunst ist aber auch, wie sie beim Rollentausch Gestik und Mimik des anderen annehmen. Die Trissenaar ist ganz ganzer Kerl, Lohner ganz Mädchen, entzückend, und begeistert mit seiner Persiflage der Perlenkette kauenden Präsidentengattin Tourvel. Ach, halb zog er sie, halb sank sie hin. Trissenaar antwortet mit einer herrlich undamenhaften Ekelfratze auf sein „Bespringen der Kuh“.  Auf einer Parallelebene zum Grotesk-Grauslich-Komischen agiert in den wie Untote wirkenden Merteuil und Valmont doch die schiere Verzweiflung ob des eigenen Endes, gestalten Trissenaar und Lohner den Tod mit, der schon um die Ecke lauert. „Zeit“ ist der größte Feind der Figuren. In Neuenfels‘ Anleitung gelingt den Darstellern ein vielschichtiges Spiel, das Fassaden immer wieder neu aufbricht und die vor sich hin rottenden Innenleben freilegt. Es bleibt einem nichts anderes, als das Böse zu bemitleiden. Das Publikum, versunken im Wechselbad der Gefühle, dankt mit viel Applaus. Weshalb es in diesem Stück der Besiegten an diesem Abend nur Sieger gibt.

www.josefstadt.org

Wien, 7. 2. 2014

Tobias Moretti in „Das finstere Tal“

Februar 5, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Prochaska Austro-Western im Corbucci-Stil

Tobias Moretti  Bild: © Allegro Film / Thomas W. Kiennast

Tobias Moretti
Bild: © Allegro Film / Thomas W. Kiennast

„Es gibt Sachen, über die darf man nicht reden. Sachen, die früher passiert sind. Vor langer Zeit. Aber dass man nicht über sie reden darf, heißt nicht, dass man’s je vergessen kann. Es gibt nämlich Sachen, die lassen sich nie mehr vergessen“, sagt die Braut Luzi als sich herausstellt, dass die Verhältnisse nicht so sind, wie manche es gern hätten. Nach dem Erfolg mit heimischem Horror in “ In 3 Tagen bist du tot“ versucht sich Regisseur und Autor Andreas Prohaska nun an einem anderen fürs Alpenland ungewöhnlichem Genre: dem Western. In Form von „Das finstere Tal“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Willmann.  Ein düsteres Geheimnis, ein entlegenes Hochtal und ein schweigsamer Fremder kommen vor. Ein vom Schnee zugedeckter Mikrokosmos, in Tücher gehüllte Männer. Eine furiose Mischung aus vielschichtigem Italo-Film und packendem Heimatdrama. Ein Epos von Schuld, Rache und Liebe. Wie in Michael Hanekes „Das weiße Band“ ist die Stimmung wie ein Gewittersturm, die Bildästhetik wie in Sergio Corbuccis „Leichen plastern seinen Weg“. Die asphaltieren nun Gebirgswege.

Über einen versteckten Pfad, irgendwo hoch oben in den Alpen, erreicht nämlich ein einsamer Reiter ein kleines  Dorf, das sich zwischen unwirkliche Gipfel duckt. Niemand weiß, woher dieser Fremde kommt, der sich Greider nennt, und niemand will ihn hier haben. Unverhohlenes Misstrauen schlägt ihm entgegen. Die Söhne des Brenner-Bauern, der als Patriarch über Wohl und Wehe der Dorfbewohner entscheidet, hätten ihn wohl weggejagt, wenn Greider ihnen nicht eine Handvoll Goldmünzen gegeben hätte. Greider, der sich als Fotograf ausgibt, wird bei der Witwe Gader und ihrer jungen Tochter Luzi von den Brenner-Söhnen den Winter über untergebracht. Luzi, die kurz vor ihrer Heirat mit ihrem Lukas steht, ist voll  Furcht, ob des bevorstehenden Ereignisses. Denn eine Hochzeit ist in diesem Dorf mit einer furchtbaren Tradition verknüpft. Wer sich dem widersetzt, ist einer erbarmungslosen Abstrafung ausgesetzt. Nachdem der Schnee das Dorf eingeschlossen hat und kaum ein Sonnenstrahl mehr das Tal erreicht, kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem einer der Brenner-Söhne stirbt. Als der nächste Sohn auf mysteriöse Weise umkommt, wird klar, dass es sich wohl nicht um einen Zufall gehandelt hat: Die Brenner-Familie muss büßen – Greider hat eine Rechnung aus längst vergessen geglaubten Zeiten zu begleichen …

In Prochaskas Regie brillieren Sam Riley mit seiner coolen, großartigen Präsenz als Greider und Paula Beer mit ihrer facettenreichen, eindringlichen Darstellung der Luzi zusammen mit dem hochkarätigen Cast um Tobias Moretti, Clemens Schick, Florian Brückner bis zu Erwin Steinhauer und Hans-Michael Rehberg. „Normalerweise versuchen ja alle, den internationalen Markt zu erobern indem man auf Englisch dreht und auch deutsche Schauspieler Englisch sprechen lässt“, sagt Andreas Prochaska im Interview. „Wir sind aber den
umgekehrten Weg gegangen und holten mit Sam Riley als Greider einen britischen Star und haben ihn Deutsch sprechen lassen. Das war auch für mich sehr reizvoll, weil man diese zwei Welten durch die Besetzung bedienen kann. Der Fremde ist sozusagen aus dem Wilden Westen. Der Akzent, wenn er Deutsch spricht, ist nicht gemacht, sondern echt. Und diese Begegnung des Fremden mit den Österreichern
hat ein ganz eigenes Spannungsfeld.“ Und so wie der Fremde im Buch von einem echten „Fremden“ gespielt wird, durften die Bewohner des Tals nicht von zu weit herkommen, so Prochaska: „Das war auch interessant beim Casting. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass es nicht funktioniert, wenn die Schauspieler zu sehr aus dem Norden kommen. Bis auf den Clemens Schick und die Paula Beer sind es tatsächlich vor allem Tiroler oder Bayern.“ Zu dem Paket gehörten natürlich auch die Bewohner der Dorfgemeinschaft des „finsteren Tals“ – insbesondere die Brenner-Sippe, die die absolute Herrschaft im Tal hat, über Leben und Tod entscheidet  und sich jedes Recht herausnimmt. Die Besetzung dieser Herrscher-Bande ist auf den Punkt gelungen – vom furchteinflößenden Tobias Moretti als Kopf der Brenner-Söhne bis zu Hans-Michael Rehberg als bedrohlichem Patriarch.

So wie für die meisten war es auch für Andreas Prochaska der „mit Abstand anstrengendste Film“, den er je gemacht hat. Und dass, obwohl alles „ohne größere Schwierigkeiten ablief“ und selbst die Kälte für alle menschlichen Beteiligten irgendwann einfach dazu gehörte. „Nur die Pferde hatten echte Probleme“, so Prochaska. „Das war mir vorher auch nicht klar, dass Pferde bei minus 15 Grad anfangen zu husten.“ Andreas Prochaskas Film wird auf der diesjährigen Berlinale in der Special Gala Premiere haben und startet am 14. Februar in Österreich in den Kinos.

Andreas Prohaska im Gespräch:

Wie sind Sie auf „Das finstere Tal“ gestoßen?

Andreas Prohaska: Ich habe an einem Samstagmorgen in einer österreichischen Tageszeitung die Literaturkritiken überflogen und in einer kleinen Spalte wurde „Das finstere Tal“ besprochen. Als ich den Kurzinhalt las, dachte ich: Das liegt genau in meinem Beuteschema: Western, Berge, Rache. Ich habe den Roman gelesen und anschließend mit Thomas Willmann Kontakt aufgenommen.

Können Sie noch etwas mehr über ihr Beuteschema erzählen?

Prohaska: Ich habe ja in Österreich zwei Horrorfilme gedreht, „In drei Tagen bist du tot“ und das Sequel dazu. Der erste Film war quasi ein US-Teenie-Slasher, nur mit österreichischen Darstellern, die auch im österreichischen Dialekt gesprochen haben. Dass dieser österreichische Genrefilm auch international auf Interesse gestoßen ist, hat mich überrascht und mich in meiner Absicht bestärkt lokal Authentisches mit Genre zu kombinieren. Ich bin immer auf der Suche nach Geschichten, die mir ermöglichen das heimische Potential zu nützen und die gleichzeitig international funktionieren können. Da lag „Das finstere Tal“ genau auf meiner Linie. Thomas Willmann hat ja auch in seinem Nachwort geschrieben, dass er sich von Ludwig Ganghofer und Sergio Leone inspirieren hat lassen und genau diese Kombination von klassischem Western und Heimatfilm hat mich auf Anhieb gereizt. Und welcher Filmregisseur würde nicht gerne einen Western machen? Die Erfüllung eines Bubentraums. Die Geschichte versucht nicht wie in den Spaghetti Western Europa als Nordamerika zu verkaufen. Ich wollte etwas machen, bei dem der Ort, an dem der Film spielt, zu einem eigenen Charakter wird. Das hat sich aufgrund der Geschichte geradezu aufgedrängt. Greider kommt ja aus Amerika zurück in dieses abgelegene Tal um etwas zu „erledigen“.

Worin liegt der Reiz von Genre-Erzählungen für Sie?

Prohaska: Es ist etwas, was ich mir selber gerne anschaue und was ich gerne mache. Außerdem kann man im Muster eines Genrefilms auch andere Themen transportieren, dem Zuschauer „unterjubeln“ und ihn dabei auf spannende Weise unterhalten. Ich möchte im Kino Filme machen, die ich mir selber gerne anschaue. Dazu gehören Horror, Thriller und Komödie. Ich erzähle gerne Geschichten, bei denen ich eine unmittelbare Reaktion vom Publikum bekomme. Bei einem gelungen Horrorfilm spürt man die Spannung im Raum, hört die Schrecklaute aus dem Publikum. Auch bei der Komödie kriegt man ein unmittelbares Feedback, wenn die Leute an den richtigen Stellen lachen, hat man gewonnen. „Das finstere Tal“ ist da sicher erwachsener als meine früheren Filme und ich bin natürlich sehr gespannt, wie das Publikum darauf reagieren wird. Aber ich hab bei den Testscreenings die eine oder andere Träne gesehen, das war schon sehr erfreulich.

Wie sehr haben Sie sich in der Vorbereitung noch mal mit dem Subgenre des Schneewesterns auseinandergesetzt?

Prohaska: Ich habe mir natürlich alles, was ich früher mal gesehen hatte, wieder angeschaut. Ich weiß gar nicht, wie viele Western ich im letzten halben Jahr gesehen habe. Das Besondere am „Finsteren Tal“ ist, dass es mehr ist als ein Western, der im Schnee in den Alpen spielt. Letztlich hat der Film Elemente von einem psychologischen Thriller, es ist die Geschichte einer Identitätssuche, es ist ein Heimatfilm, ein Drama und die Action kommt auch nicht zu kurz. Es ist sozusagen Western mit Mehrwert.

Genre ist ja im deutschsprachigen Raum grundsätzlich ein schwieriges Thema, solange es nicht um Komödien geht. Ist Österreich da gerade was Authentizität angeht vielleicht sogar stärker als Deutschland, weil es eben auch ein schärfer abgegrenzter Raum ist?

Prohaska: Was Genre in Österreich angeht, sehe ich mich da schon in gewisser Weise als eine Art Vorreiter. Vor „In drei Tagen bist du tot“ gab es einige Low-Budget-Versuche, aber keinen astreinen Genrefilm, der sich über das Genre nicht lustig macht und professionell produziert wurde. Das war auch ein großer Schritt bei uns und hat schon einige Türen geöffnet. Jedes Land hat unheimliche Geschichten zu bieten und in unserem kleinen Land, das so gerne verdrängt, muss man nicht lange graben, um in Abgründe zu schauen. Und das Ganze in wunderschöner Landschaft, die jedes Touristenherz erfreut. Die Natur ist ein Faktor, der bezaubernd, betörend und tödlich sein kann und sie wurde seit den Heimatfilmen aus meiner Sicht filmisch vernachlässigt. Ich habe das Gefühl, dass es das Genrekino nicht zuletzt deswegen so schwer in Deutschland hat, weil man sich jeden Sonntagabend kollektiv Mord und Totschlag im Fernsehen anschaut. Es gibt ein Misstrauen des Publikums gegenüber den heimischen Filmemachern, man traut es uns einfach nicht zu. Das war in Österreich nicht anders, und jeder Film der sich auf dieses dünne Eis begibt, hat es schwer. Aber man darf nicht aufgeben!

Hat es auch damit zu tun, dass man gerne versucht möglichst „amerikanisch“ zu werden, sobald es um Genrestoffe geht?

Prohaska: Ja. Ich habe oft das Gefühl, dass man nicht nur nach Amerika schielt, sondern richtiggehend starrt und amerikanischer sein will als die Amerikaner. Da kann man nur verlieren.

„Das finstere Tal“ wurde im Winter in einem Tal in Südtirol gedreht. War Ihnen klar, was für eine Herausforderung das sein würde?

Prohaska: Der zweite Teil von „In drei Tagen bist du tot“ hat auch im Schnee und Winter gespielt. Dadurch hatte ich eine gewisse Erfahrung und wusste, dass das eine riesige Herausforderung werden würde. Unser Budget war zwar nicht ganz klein, aber wir hatten praktisch keinen Spielraum in unserem Drehplan. Wenn man dann fast Dreiviertel des Drehs Außenaufnahmen hat, dann ist man den Elementen schutzlos ausgeliefert, was für alle Beteiligten ein großes Risiko war. Im Schnee dauert alles länger. Allein schon der Transport einer Kamera von A nach B ist ein Problem, weil man die Sets jungfräulich erhalten muss und keine Spuren im Schnee hinterlassen darf. Das, was wir letztlich zu wenig an Zeit und Budget hatten, hat aber das Team durch einen enormen Einsatz ausgeglichen. Viele aus der Crew haben mir gesagt, dass es Geschichten wie „Das finstere Tal“ sind, warum man den Job eigentlich macht. Diese Begeisterung hat uns durch den Winter gebracht.

www.dasfinsteretal.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=23HEZpkQHQI

Wien, 5. 2. 2014