Sommerspiele Melk: Luzifer

Juni 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Teufel schlägt Gott k.o.

Im Pandämonium: Max Niemeyer, Sigrid Brandstetter, Sophie Prusa, Kajetan Dick, Helmut Bohatsch, Katharina Dorian, Jan Hutter und Christian Kainradl. Bild: Daniela Matejschek

Im Jahr 1600 entwarf der deutsche Theosoph Jacob Böhme in seiner Schrift „Aurora“ eine mystische Kosmogonie, in der Gott in sich sowohl das Helle wie das Dunkle birgt. Für Böhme ist die Gestalt des Bösen eine reale Macht, deren eigentlicher Zweck es ist, als Gottes Werkzeug dessen Herrlichkeit zu offenbaren. Ein ähnliches Licht-Finsternis-Prinzip entfaltet nun Bestsellerautor Bernhard Aichner, der für die Sommerspiele Melk das Auftragswerk „Luzifer“ verfasste.

In der bewährten Regie von Intendant Alexander Hauer bleibt der Text des Thrillerschreibers genau dieses, ein spannendes, hochphilosophisches Stück, dem es auch nicht an Witz mangelt. Luzifer also lädt Gott zu einer Vorstellung seines „Theater des Bösen“ um die ewig schwelenden Konflikte zwischen ihnen auszutragen. Noch nagt am Höllenfürst der Sturz in ebendiese, er findet es ungerecht und falsch für alles Unrecht dieser Welt verantwortlich gemacht zu werden. Im Pandämonium inszeniert er Szenen, hinterfragt die Motive seiner Darsteller, dirigiert – so scheint’s – und komponiert. Auf der fulminanten Bühne von Daniel Sommergruber, die vom abgewetzten Lehnstuhl bis zum Autowrack eine Müllhalde der menschlichen Geschichte zeigt, erscheinen Mordgestalten von Iwan dem Schrecklichen bis Idi Amin, von Mao bis König Leopold II. von Belgien, aber auch Lynndie England, die Todesengel von Lainz oder Marc Dutroux fehlen nicht.

Derart entspinnt sich ein Disput, wer das Böse in die Welt gebracht hat. Kajetan Dick gibt im schwarzen Nadelstreif einen überkandidelt-verbissenen „Spielverderber“, Helmut Bohatsch im weißen einen unsympathisch-selbstverliebten Allwissenden. Unterstützt werden die beiden von Sophie Prusa, Sigrid Brandstetter, Katharina Dorian, Jan Hutter, Christian Kainradl und Max Niemeyer, die als Gegenspieler Gottes in jeweils mehrere Rollen schlüpfen – und doch von diesem so manipuliert werden, dass am Ende jeder Episode dessen Wille geschehe.

Der Chor „Bühne Frei!“ gestaltet Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach. Bild: Daniela Matejschek

Manipulieren die Menschen: Helmut Bohatsch als Gott und Kajetan Dick als Luzifer. Bild: Daniela Matejschek

Viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gibt es da, wenn die Themen Missgunst, Neid, Ignoranz, Wut verhandelt werden. Immer wieder inszeniert Luzifer sein eigenes Schicksal, der großartige Chor „Bühne Frei!“ gestaltet etwa Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach, doch als der Teufel sieht, wie ausweglos sein Unterfangen ist, schlägt er kurzerhand Gott k.o. Schließlich bleibt den beiden Fädenziehern nichts, als sich an den dritten Spieler zu wenden, die Menschen, heißt hier: das Publikum, das nun befragt wird, an wen es glaubt und wen es für das eigene Tun verantwortlich machen möchte. Gespielt wird dazu eine Szene über Ehebruch, und die Zuschauer sollen entscheiden, welches Ende ihnen besser gefällt.

Dieser Teil nach der Pause entpuppt sich als schwächer als der erste, vor allem auch, weil der Ausgang des Wettstreits nur „gedacht“ werden soll. Es wäre spannend gewesen, eine tatsächliche Abstimmung mitzumachen, um zu sehen wie das Match um Verantwortung und Schuld, Macht und Moral, Manipulation und Mündigkeit ausgeht. Apropos: Nicht alles an diesem Abend geht sich aus, einiges zerfasert in seiner Vieldeutigkeit oder franzt an den Rändern aus. Dennoch ist es höchst vergnüglich an Aichners ironischen Andeutungen die eigene Weltanschauung zu überprüfen. Man wird feststellen, wie auf der Bühne kommt da manches Paradox heraus.

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 6. 2018

Landestheater NÖ: Der Zerrissene

März 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerald Votava spielt mit dem Publikum Nestroy

Schrieb auch die zusätzlichen Coupletstrophen: Gerald Votava mit Musiker Helmut Stippich. Bild: Alexi Pelkanos

Dass er auf der Bühne ebenso zu Hause ist, wie auf der Leinwand beweist Gerald Votava immer wieder gern. Nun spielt er am Landestheater Niederösterreich Nestroys „Der Zerrissene“. Die Posse vom fadisierten Millionär, der sich zwecks Nervenkitzel in eine Ehegeschichte und einen Raufhandel verstrickt, so dass er sich auf seinem Gut als vermeintlich „Kriminalischer“ verstecken muss – und dort die wahre Liebe findet.

Votava versteht sich auf ein augenzwinkerndes Spiel mit dem Publikum. Er gibt einen überspannten Herrn von Lips, der sich selbst zum Narren hält, changiert zwischen Süffisanz und Selbstzweifel, und weist darauf hin, dass hier einer in seinem Ennui nur Theater spielt, indem er die Sätze aus dem Nestroy’schen Schatzkästlein als das spricht, was sie längst geworden sind: Zitate. Nie lässt er dabei die Zuschauer aus seinem Blickfeld verschwinden, deren Einverständnis er für seine Taten einholt und die er sich beim Verwirrspiel zu Komplizen machen möchte.

Auch an den zusätzlichen Strophen zu den Couplets „Sich so zu verstell’n“ und „So gibt es halt allerhand Leut‘ auf der Welt“ hat Votava mitgetüftelt. Wie auch Regisseurin Sabine Derflinger, die die Aufführung tempo- und pointenreich inszeniert hat. Da wird eine Auseinandersetzung zwischen dem Herrn von Lips und Gluthammer zum Boxkampf in Zeitlupe und auch die berühmte „Gespensterszene“, in der die beiden sich als bereits Dahingeschiedene gegenüberzustehen glauben, zum Slapstick. Die Musik von Helmut Stippich hat Derflinger neben den Couplets zur Untermalung der Handlung wie in Stummfilmen eingesetzt.

Die vermeintlichen Freunde: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelkanos

Krautkopf versteckt Gluthammer: Haymon Maria Buttinger und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelkanos

Neben Votava spielen Tim Breyvogel, Tobias Artner und Stanislaus Dick die unangenehme Dreierbande Stifler, Sporner und Wixer. Cathrine Dumont ist eine geldgierige Madame Schleyer, Josephine Bloéb eine burschikose Kathi. Michael Scherff als rabiater Gluthammer und Haymon Maria Buttinger als Bauernphilosoph Krautkopf dominieren mit ihren Auftritten das Bühnengeschehen.

Die Produktion ist bis 17. 5. am Landestheater Niederösterreich zu sehen und gastiert am 4. und 5. 4. an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

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  1. 3. 2018

Landestheater NÖ: Árpád Schillings „Erleichterung“

Dezember 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das bröckelnde Bürgerhaus ist schnell neu verputzt

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“

Die Produktion ist bis 17. 2. am Landestheater Niederösterreich zu sehen, am 23. und 24. 1. gastiert das Haus damit an der Bühne Baden.

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  1. 12. 2017

Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 11. 2017

Landestheater NÖ: Romeo und Julia

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dramaqueen trifft Keifzange, am Ende beide tot

Upper-Class-Kids beim (selbst)mörderischen Zeitvertreib: Tim Breyvogel und Seyneb Saleh als Romeo und Julia. Bild: Alex Pelekanos

Beim Verlassen des Theaters macht es ein schätzungsweise siebenjähriger Knabe aus der Reihe vor einem deutlich. „Mama, warum sind die alle wieder aufgestanden und haben weitergespielt?“ Jahaha! Weil sich da einer was gedacht hat. Sebastian Schug inszenierte am Landestheater Niederösterreich Shakespeares „Romeo und Julia“ als Mix aus untoten Neo-noir-Film-Fechtkünstlern, sinistrem Lucius-Malfoy-Lookalike und dem Thomas-Bernhard-„Theatermacher“-Zitat:

„Selbst an unseren Staatstheatern lernt kein Mensch mehr sprechen“. Güldene Ausnahme: Johanna Tomek als Amme. Trostlos. Da war man extra nach St. Pölten aufgebrochen, um sich shakespearen zu lassen, doch selten hatte der Welt größte Lovestory weniger Liebe, die Darsteller weniger Charisma, die Inszenierung weniger Tiefgang. Wo’s doch so ist, dass man ob der Seelenblähungen des Lerchen-Pärchens seit Gymnasiumstagen dachte: Durchbrennen, Job suchen, in Glück und Frieden leben, wo liegt euer Problem, Freunde?, so tritt immerhin dies in Schugs Arbeit klar zu Tage. Ein Haufen verwöhnter Upper-Class-Kids macht sich den Ennui mit Mord und Selbstmord spannend. Kraftvolles Spektakel statt romantischer Himmelwärts-Verklärung, das wär‘ was gewesen. Nur bleibt der Versuch nicht im Ansatz stecken, er wird gar nicht erst unternommen …

Wo also anfangen im Unglück? Beim Tschinderassabum? Die Jungs beweisen gleich eingangs, dass sie besser den Degen als Worte führen können. „Romeo“ Tim Breyvogel schaut aus, wie aus dem Wasser gezogen, gepflegt grungig, jedenfalls hat er von Beginn an den irren Märtyrer- und das Selbstmitleid im Blick. Lasst mich den „Unendlichen Spaß“ haben, ich knüpfe mich dafür auch in der Garage auf! Man sagt es wirklich nicht gern, aber, nachdem er unter Donner und Blitz seine Julia kennengelernt hat, ist es tatsächlich besser, dass aus den beiden nix geworden ist.

Julia trinkt das Gift: Seyneb Saleh mit Johanna Tomek als Amme, Elzemarieke de Vos als Mercutio, Josephine Bloéb als Graf Paris, Emanuel Fellmer als Tybalt und „Romeo“ Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Plastikklumpenbett: Seyneb Saleh mit Josephine Bloéb, Stanislaus Dick als Benvolio, Emanuel Fellmer, Elzemarieke de Vos, Martina Spitzer als Lady Capulet und Johanna Tomek. Bild: Alexi Pelekanos

Seyneb Saleh spielt die höhere Tochter höchst ungestüm, wenn diese Julia alles ist, dann kein zartes Fräulein. Im Gegenteil, das Früchtchen, eigentlich: der Trampel, wütet gegen alle ihr Untergebenen, von Eltern bis Amme, und man stelle sich das Angetraute vor: Romeo, die Dramaqueen, Julia, die Keifzange – wo soll das enden, wenn nicht bei Kishon? Ach ja: In der Drei-Stunden-Aufführung schnappen sich Romeo und Julia jedes irgend taugliche Selbstmordinstrument, um sich aus dem Leben zu befördern, werden aber stets von gutmeinenden Helfern am Suizid gehindert. Man hätte früher Zuhause sein können …

Was sonst noch gilt es zu bejammern, außer dem Fehlen des berühmten Balkons? Elzemarieke de Vos erprobt sich als Mercutio und ist ein durchaus schelmisch-tänzelnder Freigeist, der seinen Welthass auskotzt (Mercutio und Tybalt/Emanuel Fellmer schließen mit einem Zombie-Kuss auch den Pausenvorhang), bevor das Ensemble Guns n’Roses schändet. Diese jenseitige Darbietung von „Sweet Child of Mine“ hat sich Axl Rose echt nicht verdient. Josephine Bloéb wäre ein sehr passabler, zarter, leise anbetender Graf Paris, hätte die Regie ihr den Raum gegönnt, den die Figur gelohnt hätte. Stanislaus Dick mimt einen gutgelaunten Benvolio.

Es geht dem Ende zu: Seyneb Saleh mit Martina Spitzer, Thomas Bammer als Bruder Lorenzo und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

In den Mittelpunkt des Geschehens rückt Schug ein geschmolzenes und wieder erstarrtes schwarzes Plastikpodest, irgendwie unappetitlich, aber sehr sinnig Beischlafnest und Aufbahrungsbett in einem. Where do we go now? Dem Ende zu. Da darf noch einmal gelacht werden, wenn Romeo unter heftigem Geknarze einen Eisendeckel aufstemmt, um sein Zufallsopfer Paris zu begraben. Den Liebenden gönnt die Regie keinen sanften Tod. Romeo zappelt sich zu Tode, Julia rührt mit dem Dolch in ihrem Bauch herum. Die bereits Gefällten kommen wieder und wieder und wieder. Sie werden als Chor und Bühnencombo benötigt.

Die Produktion läuft bis 31. Jänner am Landestheater Niederösterreich und auch als Silvester-Vorstellung. Am 19. und 20. Dezember ist „Romeo und Julia“ an der Bühne Baden zu Gast.

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  1. 10. 2017