Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

www.volksoper.at

  1. 6. 2019

Sommerspiele Melk: Luzifer

Juni 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Teufel schlägt Gott k.o.

Im Pandämonium: Max Niemeyer, Sigrid Brandstetter, Sophie Prusa, Kajetan Dick, Helmut Bohatsch, Katharina Dorian, Jan Hutter und Christian Kainradl. Bild: Daniela Matejschek

Im Jahr 1600 entwarf der deutsche Theosoph Jacob Böhme in seiner Schrift „Aurora“ eine mystische Kosmogonie, in der Gott in sich sowohl das Helle wie das Dunkle birgt. Für Böhme ist die Gestalt des Bösen eine reale Macht, deren eigentlicher Zweck es ist, als Gottes Werkzeug dessen Herrlichkeit zu offenbaren. Ein ähnliches Licht-Finsternis-Prinzip entfaltet nun Bestsellerautor Bernhard Aichner, der für die Sommerspiele Melk das Auftragswerk „Luzifer“ verfasste.

In der bewährten Regie von Intendant Alexander Hauer bleibt der Text des Thrillerschreibers genau dieses, ein spannendes, hochphilosophisches Stück, dem es auch nicht an Witz mangelt. Luzifer also lädt Gott zu einer Vorstellung seines „Theater des Bösen“ um die ewig schwelenden Konflikte zwischen ihnen auszutragen. Noch nagt am Höllenfürst der Sturz in ebendiese, er findet es ungerecht und falsch für alles Unrecht dieser Welt verantwortlich gemacht zu werden. Im Pandämonium inszeniert er Szenen, hinterfragt die Motive seiner Darsteller, dirigiert – so scheint’s – und komponiert. Auf der fulminanten Bühne von Daniel Sommergruber, die vom abgewetzten Lehnstuhl bis zum Autowrack eine Müllhalde der menschlichen Geschichte zeigt, erscheinen Mordgestalten von Iwan dem Schrecklichen bis Idi Amin, von Mao bis König Leopold II. von Belgien, aber auch Lynndie England, die Todesengel von Lainz oder Marc Dutroux fehlen nicht.

Derart entspinnt sich ein Disput, wer das Böse in die Welt gebracht hat. Kajetan Dick gibt im schwarzen Nadelstreif einen überkandidelt-verbissenen „Spielverderber“, Helmut Bohatsch im weißen einen unsympathisch-selbstverliebten Allwissenden. Unterstützt werden die beiden von Sophie Prusa, Sigrid Brandstetter, Katharina Dorian, Jan Hutter, Christian Kainradl und Max Niemeyer, die als Gegenspieler Gottes in jeweils mehrere Rollen schlüpfen – und doch von diesem so manipuliert werden, dass am Ende jeder Episode dessen Wille geschehe.

Der Chor „Bühne Frei!“ gestaltet Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach. Bild: Daniela Matejschek

Manipulieren die Menschen: Helmut Bohatsch als Gott und Kajetan Dick als Luzifer. Bild: Daniela Matejschek

Viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gibt es da, wenn die Themen Missgunst, Neid, Ignoranz, Wut verhandelt werden. Immer wieder inszeniert Luzifer sein eigenes Schicksal, der großartige Chor „Bühne Frei!“ gestaltet etwa Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach, doch als der Teufel sieht, wie ausweglos sein Unterfangen ist, schlägt er kurzerhand Gott k.o. Schließlich bleibt den beiden Fädenziehern nichts, als sich an den dritten Spieler zu wenden, die Menschen, heißt hier: das Publikum, das nun befragt wird, an wen es glaubt und wen es für das eigene Tun verantwortlich machen möchte. Gespielt wird dazu eine Szene über Ehebruch, und die Zuschauer sollen entscheiden, welches Ende ihnen besser gefällt.

Dieser Teil nach der Pause entpuppt sich als schwächer als der erste, vor allem auch, weil der Ausgang des Wettstreits nur „gedacht“ werden soll. Es wäre spannend gewesen, eine tatsächliche Abstimmung mitzumachen, um zu sehen wie das Match um Verantwortung und Schuld, Macht und Moral, Manipulation und Mündigkeit ausgeht. Apropos: Nicht alles an diesem Abend geht sich aus, einiges zerfasert in seiner Vieldeutigkeit oder franzt an den Rändern aus. Dennoch ist es höchst vergnüglich an Aichners ironischen Andeutungen die eigene Weltanschauung zu überprüfen. Man wird feststellen, wie auf der Bühne kommt da manches Paradox heraus.

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 6. 2018

Landestheater NÖ: Der Zerrissene

März 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerald Votava spielt mit dem Publikum Nestroy

Schrieb auch die zusätzlichen Coupletstrophen: Gerald Votava mit Musiker Helmut Stippich. Bild: Alexi Pelkanos

Dass er auf der Bühne ebenso zu Hause ist, wie auf der Leinwand beweist Gerald Votava immer wieder gern. Nun spielt er am Landestheater Niederösterreich Nestroys „Der Zerrissene“. Die Posse vom fadisierten Millionär, der sich zwecks Nervenkitzel in eine Ehegeschichte und einen Raufhandel verstrickt, so dass er sich auf seinem Gut als vermeintlich „Kriminalischer“ verstecken muss – und dort die wahre Liebe findet.

Votava versteht sich auf ein augenzwinkerndes Spiel mit dem Publikum. Er gibt einen überspannten Herrn von Lips, der sich selbst zum Narren hält, changiert zwischen Süffisanz und Selbstzweifel, und weist darauf hin, dass hier einer in seinem Ennui nur Theater spielt, indem er die Sätze aus dem Nestroy’schen Schatzkästlein als das spricht, was sie längst geworden sind: Zitate. Nie lässt er dabei die Zuschauer aus seinem Blickfeld verschwinden, deren Einverständnis er für seine Taten einholt und die er sich beim Verwirrspiel zu Komplizen machen möchte.

Auch an den zusätzlichen Strophen zu den Couplets „Sich so zu verstell’n“ und „So gibt es halt allerhand Leut‘ auf der Welt“ hat Votava mitgetüftelt. Wie auch Regisseurin Sabine Derflinger, die die Aufführung tempo- und pointenreich inszeniert hat. Da wird eine Auseinandersetzung zwischen dem Herrn von Lips und Gluthammer zum Boxkampf in Zeitlupe und auch die berühmte „Gespensterszene“, in der die beiden sich als bereits Dahingeschiedene gegenüberzustehen glauben, zum Slapstick. Die Musik von Helmut Stippich hat Derflinger neben den Couplets zur Untermalung der Handlung wie in Stummfilmen eingesetzt.

Die vermeintlichen Freunde: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelkanos

Krautkopf versteckt Gluthammer: Haymon Maria Buttinger und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelkanos

Neben Votava spielen Tim Breyvogel, Tobias Artner und Stanislaus Dick die unangenehme Dreierbande Stifler, Sporner und Wixer. Cathrine Dumont ist eine geldgierige Madame Schleyer, Josephine Bloéb eine burschikose Kathi. Michael Scherff als rabiater Gluthammer und Haymon Maria Buttinger als Bauernphilosoph Krautkopf dominieren mit ihren Auftritten das Bühnengeschehen.

Die Produktion ist bis 17. 5. am Landestheater Niederösterreich zu sehen und gastiert am 4. und 5. 4. an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 3. 2018

Landestheater NÖ: Árpád Schillings „Erleichterung“

Dezember 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das bröckelnde Bürgerhaus ist schnell neu verputzt

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“

Die Produktion ist bis 17. 2. am Landestheater Niederösterreich zu sehen, am 23. und 24. 1. gastiert das Haus damit an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 12. 2017

Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 11. 2017