Landestheater NÖ: Lichter der Vorstadt

April 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Collage aus Kaurismäki-Filmen

Bild: Alexi Pelekanos

Im antikapitalistischen Protestcamp fordert ein Hard-Chor lautstark „Ein bisschen Frieden“. Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

Arbeitsplatzpoker: Wer die falsche Spielkarte gezogen hat, fliegt in der Sekunde aus dem Job. Bild: Alexi Pelekanos

Zu Beginn wird ein Arbeiterchor zur Maschine. Er macht vor, wie der Film beginnt. Das Schälen der Baumstämme, die danach in Bänder geschnitten werden und dann in Streifen. Viele Anlagen und ein langes Band sind nötig, bis die Streichhölzer in der Schachtel landen, alles geht automatisch; der Mensch hat sich dem System unterworfen, selbst, wenn er isst, klingt es wie Industrielärm. Später werden aus diesem Chor Büroangestellte, allesamt Anzugträger, die um ihren Arbeitsplatz zittern. Wer die falsche Spielkarte zieht, das falsche Los, der fliegt. Am Schluss rockt dann im antikapitalistischen Protestcamp ein Hard-Chor „Ein bisschen Frieden“.

Alexander Charim zeigt am Landestheater Niederösterreich seine Collage aus Aki-Kaurismäki-Filmen. „Lichter der Vorstadt“ heißt der Abend, wiewohl dies so ziemlich das einzige Werk des finnischen Filmemachers ist, das nicht vorkommt. Trotzdem, die Reverenz an Großmeister Charlie Chaplin zieht sich natürlich durch Charims Inszenierung, sind doch auch hier alle Protagonisten gleichsam der Tramp. Gutherzige in einer gefühlskalten Umgebung, Empathiebegabte und Überlebensakrobaten, denen die Welt an sich und die Mitmenschen im Besonderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Emotionell wie materiell. Dabei sind die Figuren bei weitem keine Sympathieträger, sondern karstig und wortkarg. Diese Schicksale im Sinkflug, sie werden ohne Sentiment vorgetragen, als Satire, Kaurismäki verbietet sich und anderen jede „Gefühlsduselei“.

In St. Pölten hat man die Kraft des gesamten Ensembles aufgeboten, um das darzustellen, und, jeder Darsteller in mehreren Rollen, welch eine Kraft. Es scheint, als wäre das Haus diese Saison von Produktion zu Produktion exzellenter geworden, und nun fast an deren Ende auf dem schauspielerischen Höhepunkt.

Charim montierte für seine Arbeit: „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die Geschichte von Iris, die keiner mag, bis sie sich ein rotes Kleid kauft, doch das Kleid wird ihr Verhängnis und sie greift zu Gift. „I Hired a Contract Killer“ über den lebensmüden, weil eben entlassenen Henri Boulanger, der einen Auftragsmörder engagiert, sich just im selben Moment verliebt und nicht mehr sterben will. „Wolken ziehen vorüber“, in dem das Ehepaar Ilona und Lauri zeitgleich die Jobs verliert, aber nicht den Mut, und mit dem Restaurant „Arbeit“ neu durchstartet. Und nach der Pause „Der Mann ohne Vergangenheit“, eine Erzählung über einen Reisenden, der überfallen und auf den Kopf geschlagen wird und sein Gedächtnis verliert; als anonymer M versucht er sein Leben zu rekonstruieren und findet statt sich selbst eine Frau …

Charims Arbeit ist im ersten Teil zwingend und dicht, von hohem Tempo und hoher Intensität; sie changiert zwischen tragikomisch und brutal grotesk und ist unter ihrer spleenigen Oberfläche lauernd gefährlich. Der Regisseur schiebt die Szenen ineinander, bringt die Working Class Zeros aus mehreren Storys gleichzeitig auf die Bühne, hinten Ilona und Lauri im neuen Lokal, vorne Henri und Margaret beim Rendezvous, das ist so fein verwoben, so fantastisch austariert, dieses Requiem für Aki Kaurismäkis Alltagsantihelden, dass im zweiten Teil der Leistungsabfall fast folgen musste.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ erschließt sich einem nicht, auch wenn klar ist, was Charim meint: Alle sind hier M, die werktätige, gesichtslose Masse, austauschbare Nummern statt Namen, weil es mehr als einen Zahlencode fürs Bezahlen von Steuern und Sozialversicherung nicht braucht. Dann allzu abrupt aus, und verrätselt schön und gut, aber irgendwie fügte sich dieses Stück nicht in die anderen; die Frage ist, ob der Wachmann im Vorstadt-Einkaufscenter nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Aber Charim suchte wohl einen versöhnlicheren Ausgang als es für diesen gibt. Aufgeben, sagt er zum abwesenden Koistinen, ist keine Option. Geh‘ den Weg gefälligst weiter als bis zur nächsten Biegung.

Tobias Voigt, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller, Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Vorne „I Hired a Contract Killer“: Tobias Voigt, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller; hinten „Wolken ziehen vorüber“: Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ in der unguten Stube: Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

Für all das hat Ivan Bazak einen drehbaren Kubus erdacht, der parallel die abgehauste Wohnstube von Iris‘ Eltern und eine grindige Kantine sein kann, als Bühnenprospekt eine hyperrealistisch glückliche Familie, die wie zum Hohn den Existenzen davor beim Scheitern zusieht. Matthias Jakisic und „Sofa Surfer“ Wolfgang Schlögl interpretieren mit Geige, Slide-Gitarre und Akkordeon einwandfrei den finnischen Tango. Charim erzählt sehr „filmisch“, in knappen Sequenzen, lässt neben den Dialogen einen Zwischentext wie Regieanweisungen vortragen und die Charaktere streckenweise gänzlich sprachlos sein … auch dies eine Verbeugung an das schwarze Schaf im Zahnradgetriebe. Die modernen Zeiten haben alle schwer erwischt.

Magdalena Helmig und Lukas Spisser, der Südtiroler ist seit Herbst am Haus und ein echter Gewinn, überzeugen anrührend als Ilona und Lauri, die von Staat und Banken im Stich gelassen beweisen, dass der Starke am mächtigsten zu zweit ist. Schön wie sie zeigen, wie man im größten Schlamassel, als Spielball einer „Unternehmenspolitik“, seine Würde wahren kann, und ist diese Episode der Suomi-trilogia auf Verbundenheit aufgebaut, folgt für Spisser mit Swintha Gersthofer als Iris pures Verlangen, eine beinah kunstturnerische Sexszene. Gersthofer gibt die junge Naive peinlich bis zum Fremdschämen, doch Vorsicht!, irgendwann wollen die working poor, will der Mensch nicht mehr Material sein, dann wird das Lämmchen zum Reiß-Wolf.

Tobias Voigt ist fabelhaft als tollpatschiger Todeskandidat Henri, der Beruf über privat stellt, bis ihn der Beruf vor die Tür setzt. In der zum Glück Lisa Weidenmüller als trotzig-rotzige Margaret steht, eine Aufrüttlerin, wie gemacht für den Durchhänger. Michael Scherff gibt mit großer Spielfreude den mutmaßlich traurigsten Killer der Theatergeschichte. Voigt erlaubt sich noch ein Kabinettstückchen als Hund Hannibal. In den brillanten Darstellerreigen fügen sich Marion Reiser und Helmut Wiesinger unter anderem als Iris‘ Eltern, Christine Jirku, Pascal Groß und Othmar Schratt als Ilonas Kollegen, und Jan Walter als Containerdorfbewohner oder Snack-Bar-Gast. Alle zusammen spielen sie noch, scharfkantig und trocken, Abteilungsleiter und Arbeitsvermittler, Steuerprüfer und Obdachlose und – M.

„Die Arbeiterklasse kennt kein Vaterland“, sagt eine der Figuren an einer Stelle. Das ist freilich eine Zuspitzung, aber: Finnland ist faktisch überall. Kaurismäkis Themen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Einsamkeit sind so individuell wie universell. Doch das kleine Glück und die letzte Hoffnung müssen doch zu verteidigen sein, daran glaubt der Filmphilosoph fest. Alexander Charim hat aus seinen kurzen Geschichten, aus als solche empfundenen und tatsächlichen Katastrophen, ein im Vergleich zu den Originalen opulentes, auch erkennbar politischeres Gesellschaftspanorama entworfen, das Phänomene beleuchtet, die das Hierzulande betreffen. Nicht nur in diesem Sinne ist sein Abend allemal sehenswert. Schließlich: was will man schon groß?, mehr oder weniger alle dasselbe. Sing mit mir ein kleines Lied …

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Willy Vlautin: Die Freien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18508

Wien, 23. 4. 2016

Landestheater NÖ: Der Himbeerpflücker

Januar 16, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein bitterböser Kasperl und sein zynisches Krokodil

Christine Jirku, Martin Leutgeb, Raimund Wallisch, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller Bild: Lalo Jodlbauer

Bad Brauning, wie es säuft und streitet: Helmut Wiesinger, Christine Jirku, Martin Leutgeb, Raimund Wallisch, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller
Bild: Lalo Jodlbauer

Es beginnt mit Steisshäuptl-Würstln fürs Publikum und Heino singt das Landserlied vom Polenstädtchen-Mädchen. Das Burgerl und der Zagl verteilen die Gaben vom Chef, großzügig gönnerhaft und marktschreierisch, und da kommt gleich zu Anfang Freude auf. Stadl-Stimmung! Die Leut‘ nehmen sie auf, die Pawlatschenbühnen- atmosphäre in die Regisseurin Cilli Drexel das Landestheater Niederösterreich taucht: Hier wird scharfzüngig Volkstheater gemacht, rabiates Grand Guignol. Mit Martin Leutgeb als bitterbösem Kasperl und Raimund Wallisch als seinem zynischen Krokodil. Leutgeb lädt zum Ende noch kornblumenblau auf drei Bier – bevor er dann die Bühne zerlegt. „Schönerer“ kann’s gar nicht sein. Jubel, Trubel und Applaus. Die Drexel hat dem Landestheater nach der „Hexenjagd“ wieder eine frische, freche und hochpolitische Inszenierung geschenkt: „Der Himbeerpflücker“. Es war längst an der Zeit, dass man sich Fritz Hochwälders Farce über Österreichs Ewiggestrige wieder angenommen hat.

Hochwälder, Jude und Sozialist, 1938 durch den Rhein schwimmend in die Schweiz geflüchtet, in den 1950er Jahren quasi Hausautor des Burgtheaters, berichtet aus dem gar nicht so fiktiven Dorf Bad Brauning. Dort trauern die Honoratioren der für sie „guten, alten Zeit“ nach, haben sie sich im Dritten Reich doch alle bereichert. Nicht zuletzt mithilfe des Himbeerpflückers, so genannt, weil der Scharführer Gefangene aus dem Lager „zum Himbeerpflücken“ in einen Steinbruch führte, um sie dort zu erschießen. Nun soll der Kriegsverbrecher auf der Flucht, also „Kriegsflüchtling“, und auf dem Weg nach Bad Brauning sein. Soll man ihn vor der „alttestamentarischen Rache“ schützen oder zweiterepublikstreu agieren? Während man sich um Tourismuszahlen und Zahngold sorgt, taucht ein vielen vermeintlich noch ziemlich gut bekannter Fremder auf …

Drexel tanzt mit der alpenländischen Identität Rock’n’Roll. Ihre Arbeit hat Tempo und Temperament; Hochwälders Blut-und-Boden-Panoptikum muss, Tür auf, Tür zu, durch eine Klipp-Klapp-Komödie hudeln, um den Anschluss an den dazugehörigen Mythos nicht zu verlieren. Man schwankt zwischen Generalamnestie und Generalamnesie, was den rechten Arm aber nicht an Ausreißern nach oben hindert.  „Heimat, bist du großer Väter, lauter Opfer, kane Täter“ sangen Helmut Qualtinger und Kurt Sowinetz, das berühmteste Steißhäuptl-Zagl-Duo, in ihren „Moritaten“. Der Atem der Geschichte stinkt zum Himmel, doch Drexel hat auch die Töchtersöhne nicht vergessen, für manche sind tausend Jahre ja nur ein Tag, und spickt den Text. „Das nenne ich ordentliche Beschäftigungspolitik.“ – „Asyl ist kein Menschenrecht.“ – „Wir sind die neuen Juden.“ So grauslich verfolgt fühlt man sich von den „linkslinken Gutmenschen“, dass man mit seiner Gesinnung in den Keller gehen muss – hierzulande bekanntlich the place to be -, von wo ein Live-Stream den Kampf der Kameraden gegen die „Überfremdung“ auf die Bühne überträgt. In bester Tradition wird zwischen „unter der Erde“ und „Erdgeschoß“ verhandelt, wenn’s um Günstlingswirtschaft, Postenschacherei und andere Arten von Parteinahme geht.

All diese Disziplinen beherrscht der Steißhäuptl aus dem Effeff. Martin Leutgeb verleiht dem Wirt und Bürgermeister wuchtige Gestalt. Er gibt das Bild dieser Art von Politiker so perfekt, man möchte ihn nicht zur Wahl vorschlagen. Er ist Despot und untertäniger Diener. Ist Lamm und Berserker. Hängt staatstragend seine Fahne in den Wind. Kann pathetisch fluchen und populistisch brüllen. Leutgeb zeigt sich als begnadeter Komödiant, ein Tiroler Michel Galabru, der auch gekonnt mit dem Publikum spielt. Und morgen die ganze Welt. „Und wer sollte nicht einverstanden sein?“  Ein Blick über die Rampe. Mit breitem Siegergrinsen sucht er das Einvernehmen mit dem Saal. Aber da ist er nicht der einzige. Raimund Wallisch als Zagl tut’s ihm gleich. Und auch nicht. Er steht als personifizierter Sarkasmus in der allgemeinen HHHektik, ein Fels in der Brandung, weil NS-Mitläufer aus Überzeugung, nicht aus Geldgier, und daher in der Konsistenz seines Selbstkonzepts nicht bedroht. Als Pendant zum braunen Bürgermeistersanzug trägt er eine feldgraue Pagenuniform. Wallisch wirkt wie dem Hotel Savoy entsprungen, ein stiller, sinistrer, gefährlicher „Schläfer“. Die beiden Gäste am Landestheater haben die österreichische Verfassung in den zwei Gruselclowns erstklassig zusammengefasst.  Fast eine Million Stimmen können nicht irren. „Wir können wählen, wen wir wollen, aber innerlich sind wir doch geblieben, wer wir waren“, sagt Steißhäuptl.

Doch nicht nur er und sein untreuer Diener beherrschen Heimtücke und Intrige. Auch der Rest der Angepatzten ist diesbezüglich auf der Höhe. „Euthanasie-Arzt“ Helmut Wiesinger, „Rechtsanwalt“ Tobias Voigt, der wieder einmal seine Wandelbarkeit unter Beweis stellt, „Baumeister“ Michael Scherff, „Fabrikdirektor“ Christine Jirku, Lisa Weidenmüller, als Steißhäuptl-Tochter Sieglinde ein pampertes frühreifes Früchtchen, und „Postenkommandant“ Christoph Kail zeigen sich als vergangenheitsbewältigende Gemeinschaft von ihrer darstellerisch schlimmsten besten Seite. Da hat es das Burgerl von Magdalena Helmig nicht leicht. Die „dumme Gretel“ ist aber bald als satirische Spielmacherin am Zug. Helmig springinkerlt sich durch die Szene, die von der Schönheit links liegen gelassene Außenseiterin ist Steißhäuptls Dienstmädchen, macht Faxen und Grimassen, und wird am Schluss dem Ort ordentlich die Leviten lesen. Wenn sich nämlich der Himbeerpflücker als Kleinganove Kerz entpuppen wird. Reinhold G. Moritz gibt das mit seiner Halbseidenen, Eva Maria Marold, angereiste Schlurferl überzeugend, ein müder, abgetakelter Einsteiger, der hofft, die Dorftrottel abzocken zu können. Bis er erkennt, mit wem man ihn verwechselt. Da wird der Gauner zum einzigen ehrlichen Mann. Geht lieber ins Häfn denn als hofierter Holocaust-Verbrecher durchzugehen.

Fritz Hochwälder schrieb 1964 vom „ungebrochen faulen Zauber“ der „Hoch-Zeit“, von der Sehnsucht vieler nach dem neuen/alten Heilsbringer, vom Traum „die Welt der eigenen Minderwertigkeit zu unterwerfen“. Aus diesem Schoß kann’s wieder kriechen. Dagegen gilt es ein Theater zu machen. Und Politik. Cilli Drexel hat es getan: Einfach dem Schrecken in sein schimmliges Wiedergängergesicht gelacht.

Der Himbeerpflücker ist bis 2. 4. am Landestheater Niederösterreich und am 8. und 9. 3. als Gastspiel an der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 16. 1. 2016

Landestheater Niederösterreich: Ungeduld des Herzens

November 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stefan Zweigs Sittengemälde als intimes Familientableau

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom Bild: Nurith Wagner-Strauss

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom
Bild: Nurith Wagner-Strauss

Mitleid ist die zentrale Botschaft des Glaubens. Nicht die Hoffnung auf eine allumfassende Liebe, sondern die Fähigkeit mit dem anderen dessen Last zu tragen. Mitleid bedeutet nicht, sich diese Last aufbürden zu lassen. Dieses in Mitleidenschaft gezogen zu werden passiert aber Anton Hofmiller.

1938 hat Stefan Zweig seinen Roman „Ungeduld des Herzens“ geschrieben. Schon im Exil. Auf einer k.u.k.-Folie, der „guten alten“ für einen Weltkrieg verantwortlichen Zeit, entwirft der Schriftsteller ein Sittengemälde seiner Tage. Er, der so gern als der unpolitische unter Österreichs Autoren gesehen wird, stellt darin eine treffsichere Diagnose über eine an den Rand der Menschlichkeit taumelnde Gesellschaft. Hellsichtig scheint der Pazifist gesehen zu haben, welches Unheil da noch kommen wird. Und so formuliert er an gegen die Hetzredner, schilt die Politik, dass sie kein besseres Mittel gegen die Kluft zwischen Arm und Reich weiß, als diese krakeelen zu lassen. Zeigt ein wie in absolutistischer Erstarrung manövrierunfähig gebliebenes Österreich, in dem viele sich zurück in ein Weltreich, heim ins Reich, sehnen. Beschreibt skrupellosen Wirtschaftsliberalismus und eine Figur, deren Vorbild unverkennbar Alfred Adler ist, der Begründer der Individualpsychologie und Benenner des Minderwertigkeitskomplexes. Hofmiller erzählt im Roman rückblickend von seiner alles andere denn als Kavalier absolvierten Jugend, es ist eben 1938, und der ehemalige Kavallerieleutnant macht sich kurz nach dem „Anschluss“ bereit, sich gegen die öffentliche Meinung zu stellen. Diesmal nicht feig sein. Diesmal aktiver Widerstand.

2015 hat Regisseur Thomas Jonigk für das Landestheater Niederösterreich eine Bühnenfassung des Romans erstellt. „Ungeduld des Herzens“ als Kammerspiel mit wenig Herz und zuviel Hirn. Er macht aus Stefan Zweigs Sittengemälde ein morbides Familientableau. Beinah ein Stillleben, denn seine Figuren agieren so spröde leblos, so ohne Sentiment, als wäre das Leben still stehen geblieben. Im Hintergrund (Bühnenbild: Lisa Dässler, Kostüme: Esther Geremus) steht ergo, läuft nicht, ein Bild wie Eadweard Muybridges Serienfotografie „Horse in Motion“ aus dem Jahr 1872. Die vielen Einzelbilder, die es ganz machen, verwehrt er. Das Bild bleibt brüchig. Die Arbeit des Regisseurs auch. Der Abend ist so beklemmend, dass das Publikum immer wieder in befreiendes Lachen ausbrechen muss. Jonigk hat das Personal bis auf die Wesentlichen schlank gemacht, es gibt sechs Spieler, die Staffage wie etwa die Kasernenkameraden ist gestrichen. Europas untergehendes Judentum ist kein Thema mehr. Auf den ersten Blick ist diese Inszenierung eine interessante, hochintelligente Themenverfehlung.

Doch so ein einfaches Urteil erlaubt Jonigk sich und den Zuschauern nicht. Sie ist schon da, die Schwingung, im Infraschallbereich, schleicht sich in den Körper als unangenehmes Gefühl einer Parallelität zur Gegenwart, ein kollektives 21.-Jahrhundert-Atemanhalten in Erwartung der größtmöglichen globalen Katastrophe. Stefan Zweig, leider zeitlos. Jonigk führt dafür einen Charakter quasi neu ein, der im Roman wohl existiert, aber nicht mit dieser Gewalt regiert. Während Moritz Vierboom als Anton Hofmiller weiterhin gleichsam als Ich-Erzähler fungiert, wurde ihm eine Erklärerin zur Seite gestellt. Babett Arens als Frau Engelmayer ist die Sensation des Abends. Sie ist allwissende Besserwisserin und überzeitliche Zeittafel. Sie ist eine Mephista, wie sie da am Pianino sitzt, höflich desinteressiert am Schicksal der anderen, aber es dennoch dirigierend. Mit lapidarem Lächeln kommentiert sie: „Jetzt kommt wieder was Furchtbares.“ Oder weiß auf den Satz „Ich sterbe vor Hunger“ schon die zukunftsweisende Antwort: „Nein, Sie sterben an was anderem.“ Auch Ediths Sturz in die Tiefe sagt sie bereits zur Halbzeit der knapp zweistündigen Inszenierung voraus. Babett Arens, ganz groß. „Gott ist eine Erfindung des Menschen“, sagt die Engelmayer oft. In diesem Fall wohl eher eine des Teufels.

Moritz Vierboom steht als Hofmiller zum Glück jenseits der dieser Rolle oft verordneten strafbaren Naivität. Er ist natürlich immer noch Feschak, immer noch k.u.k.-Offizier – Standesdünkel und Ehrenkodex -, denn diese höhen Rösser braucht es, um ihn fallen zu lassen. Hofmiller scheitert an zu viel Höflichkeit, gemixt mit schlechtem Gewissen. Wegen seines Mitleids mit Edith wird er in Mitleidenschaft gezogen. Seine „Ungeduld des Herzens“ ist, sich möglichst schnell freimachen zu wollen von der peinlichen Ergriffenheit über dieses fremde Unglück, seine Haltung und Handlungen sind die instinktive Abwehr dieses fremden Leids von der eigenen Existenz. Vierboom spielt den Mann als Maus in der Falle. Nur kurz blitzt auf, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Soldat sehr wohl nach Ediths Millionen schielt. Dass die Figuren eine Vorgeschichte haben, am wegweisendsten die des Grafen von Kekesfalva alias Lämmel Kanitz, was geschieht auf dieser Welt nicht alles par dépit, hat Jonigk nicht wirklich gefesselt. Aber wie sich Vierboom quält und windet ist schon sehenswert.

Ebenso wie Swintha Gersthofer als Edith. Bei Jonigk sitzt die Gelähmte nicht im Rollstuhl, ihre Behinderung wird somit zur Behauptung: Sie sich selbst sowie alle anderen behindern und lähmen sie. Ein gelungener Kunstgriff. Gersthofer gestaltet eine verzweifelte Feindseligkeit; ihr verbitterter Zynismus macht sie zur geistig alten Frau. Diese Kranke ist keine Dulderin, sondern eine hysterische Haustryannin, Hofmiller schon Ehekrüppel, bevor er noch ans heiraten denkt. In Blassrosé und mit zerzaustem Goldhaar wirkt Gersthofer wie eine gruselige Porzellanpuppe. In einer gespenstischen, imaginierten Tanz- und Stampfszene präsentiert sich ihre lebenserhaltende Egomanie. Sie kann auch in ihren Mitmenschen das Schlechteste zum Vorschein bringen. Als ihre Sexualität sich Bahn bricht, erweist sich Hofmiller endlich als Schwein. Vierboom und Gersthofer sind ein fabelhaftes Albtraumpaar. Ein Fest für … Swintha Gersthofer.

Michael Scherff changiert als Lajos von Kekesfalva zwischen Optimismus und Leidensmann. Dass er ein Manipulator ist, der durch diese Gabe schon zu seinem Geld kam und nun auf den Schwiegersohn hofft, ist nicht einmal mehr eine vollständige Fußnote. Genauso wenig wie die erzählerische Klammer, dass Hofmiller in den Krieg geradezu flüchtet, weil er sich die Schuld an Ediths Tod gibt beziehungsweise je nach Interpretation auch hat. Jonigk interpretiert nicht, er lässt aus. Er will Scherff als guten Menschen zeigen. Den braucht er wohl als Gegenpendel ebenso wie Magdalena Helmigs Ilona und deren Lebenslust und Leichtigkeit, nicht aber ihre Verlustbereitschaft. Der einzig wahrhaft gute Mensch, wahrhaft bis zur Schmerzhaftigkeit, wobei so wirklich gut und wirklich sympathisch ist hier keiner, ist aber Doktor Condor, sehr straight, sehr präzise dargestellt von Tobias Voigt, der wie sein reales Vorbild der Psychosomatik auf der Spur ist.

Alfred Adlers literarische Hauptwerke heißen „Der Sinn des Lebens“ und „Über den nervösen Charakter“. Was könnte als Überschrift besser für diesen Abend am Landestheater dienen? Am Ende sagt die Arens noch: „Und im Dritten Weltkrieg …“ sie hüstelt … So weit wollte es Jonigk nicht kommen lassen, sich eine Hellsichtigkeit wie Stefan Zweig zu verpassen. Sie wäre zu grauenhaft. Da ist Sarkasmus die bessere Wahl. Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten. Sagte Brecht. Ein eigenwilliger, eigensinniger Theaterabend!

Termine:

„Ungeduld des Herzens“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31. Jänner und am 26. und 27. Jänner als Gastspiel in der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 28. 11. 2015