Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Weltmuseum Wien: André Hellers Eröffnungsfest

Mai 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Tag der offenen Tür am 25./26. Oktober

Der Orient vor der Haustüre. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Nach drei Jahren Umbau ist es demnächst soweit: Das neu gestaltete Weltmuseum Wien wird am 25. Oktober mit einer neuen Schausammlung und mehreren Sonderausstellungen wiedereröffnet. Das wird gefeiert – mit einem sinnlichen Kaleidoskop aus theatralischen und musikalischen Splittern unterschiedlicher Kulturen auf einer Open-Air-Bühne am Heldenplatz unter der künstlerischen Leitung von André Heller.

Nach der Show und am 26. Oktober kann man das neue Museum mit seinen weltberühmten Objekten bei freiem Eintritt besichtigen.

Das neue Weltmuseum versteht sich als Ort, der Menschen und Kulturen auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Das Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich mit der kulturellen Vielfalt der Menschheit zu befassen und mit seinen weltumspannenden Sammlungen Österreichs reichhaltige historische Beziehungen zur Welt zu dokumentieren. Die Bedeutung des Hauses hat Universalkünstler André Heller dazu inspiriert, das Bühnenfest für die große Wiedereröffnung zu konzipieren. Gemeinsam mit internationalen Künstlern wird er am Abend des 25. Oktobers auf einer Bühne am Heldenplatz ein Zeichen für Toleranz, Respekt und Miteinander setzen. Die Öffentlichkeit wird bei freiem Eintritt zahlreiche Auftritte herausragender Künstler, die zum Teil erstmals in Österreich zu sehen sind, erleben können. Nach der Eröffnungsfeier wird das Weltmuseum Wien zugänglich sein. Bei freiem Eintritt können Besucher bis ein Uhr nachts das neue Museum erkunden. Diese Möglichkeit besteht außerdem am Nationalfeiertag von 13 bis 21 Uhr.

„Wir freuen uns außerordentlich über zwei Dinge: Einerseits, dass wir heute endlich das offizielle Eröffnungsdatum bekanntgeben konnten, auf das wir in den vergangenen Jahren hingearbeitet haben. Andererseits, dass uns ein so großartiger und weltbekannter Künstler wie André Heller das schönste Geschenk zur Wiedereröffnung macht, indem er sich bereiterklärt hat, unsere Bühnenshow zu kuratieren. Das ist eine große Ehre und macht uns sehr stolz“, so Direktor Steven Engelsman bei der Pressekonferenz am Dienstagmittag. „Wir alle im Weltmuseum Wien können die Wiedereröffnung kaum erwarten. Wir sind im Endspurt und es sind nur noch vier Monate für die Fertigstellung übrig geblieben. Ganz Österreich kann auf das neue Museum voller schöner Überraschungen gespannt sein.“

Ein österreichisches Mosaik Brasiliens. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Geschichten aus Mesoamerika. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Das Herzstück des neuen Museums wird die von Grund auf neu konzipierte Schausammlung sein. In 14 Sälen, die sich wie eine Perlenkette von Geschichten aneinanderreihen, werden die zentralen Bestände gezeigt und aus zeitgemäßer Sicht interpretiert. Sie werden insgesamt 3.127 Objekte und zahlreiche Fotographien zeigen. Dabei werden oft überraschende Verbindungen zwischen Österreich und der Welt sichtbar gemacht. Alle Besucher werden dazu eingeladen, die weltumspannenden Sammlungen – darunter der berühmte Federkopfschmuck „Penacho“, die Sammlung des James Cook oder die Objekte der Brasilien-Expedition des Johann Natterer – neu zu entdecken.

Einen ersten Einblick in die neu gestaltete Schausammlung ermöglichte am Dienstag die Präsentation des bereits fertiggestellten Saales „Im Schatten des Kolonialismus“. Dieser Raum beschäftigt sich mit der kolonialen Vergangenheit und der damit verbundenen Entfaltung ethnographischer Museen. Auch das Weltmuseum Wien profitierte von der kolonialen Expansion Europas und die Erwerbsgeschichten vieler Gegenstände erzählen von Aneignung und kolonialer Gewalt. Während die Kolonien nach den Zweiten Weltkrieg sukzessive ihre Unabhängigkeit erstritten und in diese entlassen wurden, schien die Zeit in den ethnographischen Museen stillgestanden zu sein. Nur zögerlich wurden die scheinbar zeitlosen Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden erst ab den 1980er-Jahren hinterfragt. Heute stellen sich die ethnographischen Museen ihrer eigenen kolonialen Vergangenheit, nicht nur um ein Bewusstsein für diese zu schaffen, sondern auch um daraus zu lernen. Denn die Art und Weise, wie in der Gegenwart mit den Sammlungen und den damit verbundenen Menschen umgegangen wird, prägt das Bild ethnographischer Museen in der Zukunft.

Südsee: Begegnungen mit dem verlorenen Paradies. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Benin und Äthiopien. Kunst, Macht, Widerstand. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Mit der Wiedereröffnung werden ergänzend zur Schausammlung auch fünf Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler – darunter Lisl Ponger und Dejan Kaludjerović – im Hochparterre und Mezzanin eröffnen, die einen anderen Blick auf ethnographische Themen bieten und zeitgenössische Akzente setzen. Im neuen cook café & bistro in der Säulenhalle kann man sich verköstigen lassen und im Museumsshops das spannende Sortiment erkunden.

www.weltmuseumwien.at

Wien, 16. 5. 2017

Rabenhof: Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein

Februar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Hommage an André Heller

Eine Heller-Show nicht als Kabarett, sondern als Cabaret: Oliver Welter, Lucy McEvil und Christoph Krutzler. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof Theater hat Hausherr Thomas Gratzer eine Hommage an André Heller auf die Bühne gehoben. Zum Siebzigsten Prosatexte, Dialoge, Chansons aus den 1970ern, zeitlose Preziosen des selbsternannten Eulenspiegels aus Wien, dessen Narrenkappe immer auch Gelehrtenhut war und dessen Schellen zu Jux und Jammer läuteten. Nunmehr zum Gärtner in Seelenlandschaften gereift, hat sich Heller von da Musi verabschiedet, umso schöner ist es, sein frühes Schaffen wieder neu zu entdecken.

Gratzer hat sich dazu mit Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler ein formidables Trio zusammengestellt; am Klavier ist Alf Peherstorfer zugange. Welter hat die Lieder neu arrangiert, dies bewusst reduziert, und ist so der Falle entschlüpft, den Abend in die Heller-Parodie gleiten oder zum Plagiat werden zu lassen. Nein, hier wird eigenständig Kunst gemacht: Ganz im Sinne des Schönbrunner Schmähtandlers wird nicht Kabarett, sondern Cabaret geboten, ein Flic Flac der Fantasie Thomas Gratzers, bevölkert von Hellers kuriosen Menschenwesen. Der Souffler ist da und Freund Schnuckenack, Leon Wolke und der kleine Pauli Grünwald. Das Wienerherz mag golden sein, aber des G’miat ist pechschwarz, weiß der Poet, und so gibt er einem warm/kalt, Tief- und Abgründiges – einmal als leiser, weiser Lyriker, dann als polternder Brachialdichter. Heller geißelt sich selbst so genussvoll wie andere.

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Die Hits dürfen natürlich nicht fehlen. Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Rudolfo Valentino. Für immer jung. „A Zigeina mecht I sein“ wird zum Country Song. Lucy McEvil wünscht Jean Harlow guten Morgen, die Schauspielerin und Diseuse ist wie immer Elegance mit Augenzwinkern. Ihr kommt auch die Aufgabe zu, dem André Heller auf den Grund zu gehen. Ihn literarisch durch seine Familien- und Beziehungshöllen zu begleiten, durch Künstlerlust und -frust. Wie’s Schicksal eben so aufspielt. Die Kindheit war kein Zuckerlschlecken.

Es gibt eine Angst, die macht klein
Die macht einen krank und allein
Und es gibt eine Angst, die macht klug
Mutiger, freier von Selbstbetrug

Interpretiert das Ensemble. Und entschlüsseln das Geheimnis hinter dem Titel des Abends. Holodrio – war in den Latz von Hellers Kinderlederhose gestickt. Man wird mitgenommen zum Krampfaderncontest ins Gasthaus Urdil, erfährt, wofür der Maskenhändler eine Blutmaschine braucht, und wie’s einem nationalsozialistischen Fleischerehepaar ergeht. Naked-Lunch-Frontmann Welter spielt Gitarre, Krutzler bläst die Tuba, Miss McEvil streichelt die Ukulele. Charmant ist das, wenn’s dem Welter beim Dialektsingen den Kärntner raushaut. Krutzler ist schon per Leibesfülle und Stimmvolumen quasi als Qualtinger im Einsatz. Das Premierenpublikum dankte für die Darbietungen mit tosendem Applaus. Und forderte Zugabe. Die’s natürlich gab. Als dann, gengan’S schaun.

www.rabenhoftheater.com

Wien, 15. 2. 2017

Diagonale: Georg Friedrich erhält den Schauspielpreis

März 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnungsfilm ist „Das große Museum“ von Holzhausen

Georg Friedrich Bild: Filmladen

Georg Friedrich
Bild: Filmladen

Am 18. März startet die diesjährige Diagonale. Unzählige Filme sind wieder im Wettbewerb, es gab an die 500 Einreichungen, ein Sieger steht aber schon fest: Georg Friedrich erhält den Großen Diagonale-Schauspielpreis 2014. „Je extremer eine Figur ist, desto lieber spiele ich sie“, hat Georg Friedrich einmal in einem Interview erklärt. In den Rollen der kleinen Ganoven und der großen Strizzis, der Sprücheklopfer und der Proleten hat Friedrich mit seinem unverkennbaren Typ zahlreiche österreichische Filme geprägt. Ihn darauf zu reduzieren wäre allerdings zu kurz gegriffen. Mit einer ganzen Reihe einprägsamer, facettenreicher Figuren hat sich Georg Friedrich auch international einen Namen gemacht, er zählt heute zu den fixen Größen des europäischen Kinos. Friedrich, 1966 in Wien geboren, spielte für Michael Haneke in Der siebente Kontinent (1989), 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994), Die Klavierspielerin (2001) und Wolfzeit (2003). In den Filmen von Barbara Albert stellte er an der Seite von Nina Proll den leicht reizbaren Freund in Nordrand (1999), den gefühlsarmen Vater und Multiplex-Kinomanager in Böse Zellen (2003) und einen Bräutigam in Fallen (2006) dar. Mit Ulrich Seidl arbeitete er in Hundstage (2001) und Import Export (2007) zusammen, während er für Michael Glawogger den Strizzi in Nacktschnecken (2004) und den Kleinkriminellen in Contact High (2009) mimte.Unverwechselbar ist auch sein Spiel in Karl Markovics’ Atmen (2011). Immer wieder macht Friedrich auch Theater, vor allem mit seinem großen Lehrmeister Frank Castorf („Der Spieler“, „Geschichten aus dem Wiener Wald“). Im diesjährigen Festivalbeitrag von Benjamin Heisenberg, Über-Ich und Du (2014), wird Georg Friedrich wieder auf der Leinwand zu sehen sein.

Der Diagonale-Eröffnungsfilm ist „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen. Das große Museum ist ein neugieriger, verschmitzt-humorvoller Blick hinter die Kulissen einer weltberühmten Kulturinstitution. Mehr als zwei Jahre hat sich Johannes Holzhausen im Kunsthistorischen Museum in Wien mit seinem Filmteam umgesehen. In aufmerksamem Direct-Cinema-Stil – ohne Offkommentar, Interviews oder Begleitmusik – beobachtet der Film die vielgestaltigen Arbeitsprozesse, die daran mitwirken, der Kunst ihren rechten Rahmen zu geben. Ein Panoramaschwenk über das touristische Herz von Wien. Herrschaftlich thront hier nebst Hofburg und Heldenplatz das Kunsthistorische Museum, dessen Innenräume der äußerlichen Monumentalität um nichts nachstehen. Tatsächlich werden die Dimension und die Symbiose von Sammlung und Gebäude erst in Johannes Holzhausens ausgedehnten Plansequenzen erfahrbar. Hinter jeder Ecke, so scheint es, ein neuer Arbeitsbereich: Forschung, Restauration, Finanz, Leitung, Archivierung … Allein der Lastenlift böte Platz für überschaubaren Galeriebetrieb. Holzhausen gewährt Einblick in das Flaggschiff der österreichischen Kunstvermittlung. Im Stil des Direct Cinema durchmisst er jene Räume, in denen Kunst und Kunstschätze sowohl adäquat gepflegt und restauriert als auch zeitgemäß präsentiert werden. Ganz ohne Interviews, Offkommentar oder Offmusik entwickelt Das große Museum seine Dynamik direkt aus der Institution und deren charismatischen Protagonist/innen heraus: der Chefetage, die zwischen Anspruch und Machbarkeit um budgetäre Balance und Konkurrenzfähigkeit bemüht ist, den Putzkräften, die inmitten der atemraubenden Stille eigenwillig verloren wirken, den Restaurator/innen, die sich vermittels beinahe kriminalistischer Deduktion den Entstehungsgeschichten einzelner Gemälde annähern … Mehr als zwei Jahre hat Holzhausen die Renovierungsarbeiten im Kunsthistorischen Museum, gipfelnd in der Eröffnung der Kunstkammer, begleitet und diesen übergreifenden Erzählbogen mit ungemein spannenden Mikrodramen unterfüttert. So ist ein lustvolles, dramaturgisch subtiles Porträt eines Gebäudes entstanden, das mit seinem einzigartigen Spagat zwischen zeitloser Vermittlung und Habsburg-Erinnerung bis weit über die Grenzen Wiens hinausstrahlt. „Ich weiß noch, wie ich mit 16 von Salzburg nach München gefahren bin und meine erste große Kunstausstellung gesehen habe. Es war für mich unfassbar, dass sich mir in einem Gemälde plötzlich eine andere Wahrnehmung der Welt zeigt“, sagt Johannes Holzhausen. „Das habe ich dann auch im Kino wiedergefunden, diese Erfahrung, wenn man den Saal verlässt und merkt, etwas hat sich verändert.
 In dieser Hinsicht gehören für mich bildende Kunst und Kino zusammen. Und ich fände es toll, wenn Das große Museum etwas von dieser Begeisterung mitteilt“.

Historisches Spezialprogramm: Peter Lorre. Die von Synema in bewährter Kooperation zusammengestellte historische Reihe FilmExil erinnert an Filmschaffende mit österreichischen Wurzeln, die unter dem nationalsozialistischen Regime vertrieben wurden. Den 50. Todestag des unvergesslichen Schauspielers, Drehbuchautors und Regisseurs Peter Lorre (geb. 1904 im mährisch-slowakischen Rózsahegy/Ružomberok, gest. 1964 in Los Angeles) zum Anlass nehmend, gibt das Programm einen Einblick in Lorres vielfältiges Filmschaffen – von seinen Anfängen in Berlin über seine großen Erfolge in Hollywood bis zu seiner missglückten Rückkehr ins Nachkriegsdeutschland. Peter Lorres künstlerischer Biografie ist die Erfahrung von Exil und Fremdheit deutlich eingeschrieben. Im Wien der 1920er-Jahre begann er Stegreiftheater zu spielen. Über die Bühnen Breslaus und Zürichs verschlug es ihn nach Berlin, wo er zu Bertolt Brechts Lieblingsschauspieler avancierte. Seine abgründige Komik, sein eindringlicher Blick und seine unverwechselbare Stimme wurden zu seinen Markenzeichen und machten ihn zum Star der Theater- und Kinowelt der Weimarer Republik. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1931 mit der fesselnden Darstellung des Kindermörders in Fritz Langs Gesellschaftsstudie M – Eine Stadt sucht einen Mörder, einem der ersten deutschen Tonfilme überhaupt. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 ging Lorre ins Exil – zuerst nach London, wo er unter der Regie von Alfred Hitchcock spielte, schließlich nach Hollywood. Dort trat er häufig in Komödien, Gangster- und Antinazifilmen auf. Exemplarisch aus dieser Zeit präsentiert die Diagonale Robert Floreys Meisterwerk The Face Behind the Mask (1941), das wie kein anderer Film die Melancholie und Verlorenheit des Emigranten Peter Lorre in eine fiktive Geschichte transferiert. Dazu Frank Capras Gruselkomödie Arsenic and Old Lace mit Cary Grant, in der Lorre in der Rolle des zwielichtigen Gesichtsoperateurs Dr. Einstein sein Unwesen treibt. 1949 kehrte Lorre in ein Deutschland zurück, das größtenteils mit dem Verdrängen und Vergessen beschäftigt war. Als Regisseur und Hauptdarsteller drehte er den Film Der Verlorene, die Geschichte eines Mörders unter Massenmördern. Sein grandioses Regiedebüt erzählt von Schuld und Sühne – und von unentwirrbaren Verbindungen zwischen Nazi- und Nachkriegszeit. Dem deutschen Publikum missfiel die Konfrontation mit der jüngsten Vergangenheit allerdings. Grund genug für Lorre, seine Karriere in Hollywood fortzusetzen. Folgende Filme werden gezeigt: M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Fritz Lang, DE 1931), The Face Behind the Mask (Robert Florey, US 1941), Arsenic and Old Lace (Frank Capra, US 1941/44), Der Verlorene (Peter Lorre, DE 1951),  49/95 tausendjahrekino (Kurt Kren, AT 1995).

Weitere Highlights:

Der letzte Tanz von Houchang Allahyari

Mit Erni Mangold, Daniel Sträßer, Marion Mitterhammer, Viktor Gernot, Doina Weber und Janina Schauer. Eine Annäherung, die nicht sein darf – ein vermeintlicher Tabubruch, der in staatlich exekutierter Repression mündet. Während Karl im Privaten eine Liaison mit seiner Schulliebe beginnt, entwickelt er zeitgleich im Zivildienst eine innige Beziehung zu einer betagten Alzheimerpatientin. Geteilt in zwei formal diverse Abschnitte, verdichtet Der letzte Tanz unterschiedliche Perspektiven auf Zwischenmenschlichkeit, bis die Realität an der gesellschaftlichen Ablehnung zerbricht. Ein Frühstück mit der Mutter, eine vorerst letzte Zigarette in Freiheit. Mit dem Ertönen der Türklingel endet für Karl ein Lebensabschnitt und beginnt ein Kapitel der Rechtfertigung für eine vermeintliche Straftat, die Houchang Allahyari zunächst unausgesprochen lässt. Im Schwarz-Weiß des Filmbilds wird der Junge von polizeilicher Repression – möglicherweise von Willkür – erdrückt. „Ich gehör hier nicht her“, fährt es aus ihm heraus, als die schweren Zellentüren hinter ihm ins Schloss fallen. Allahyari konfrontiert seinen Protagonisten mit einem Rechtssystem, in dem der Schuldspruch bereits vor der Verhandlung gesprochen wurde. Ein System, das er auch perspektivisch als übermächtig inszeniert. An diesem Punkt kommt es zum formalen Bruch, geht Der letzte Tanz zurück in die nahe Vergangenheit. Das düstere Schwarz-Weiß weicht der Farbe, Karl ist noch nicht Vorverurteilter, sondern Zivildiener in der geriatrischen Abteilung eines Krankenhauses. Auch hier ist der Alltag gesäumt von Hierarchien – von der regimentführenden Oberschwester bis hinab zu den Patient/innen –, doch Karl kann sich mit dieser Hackordnung arrangieren. Während er im Privaten eine Liaison mit seiner Schulliebe beginnt, entwickelt er in der Arbeit eine innige Beziehung zu einer betagten Alzheimerpatientin (Erni Mangold), die durch seine empathische Fürsorge zu neuer Jugend erwacht. „Die schert sich um gar nichts, die Geier-Wally“, liest ihr Karl aus dem gleichnamigen Roman vor. „Die schert sich um gar nichts, die Mangold“, könnte es angesichts der koketten Unangepasstheit seiner Patientin genauso gut heißen. Um gar nichts außer um ein wenig Zuwendung – und einen jungen Pfleger, der neu ist auf der Station und so anders im Vergleich zu den übrigen „Giftmischern“. In zärtlichen, niemals bloßstellenden Bildern verdichtet Houchang Allahyari verschiedene Perspektiven auf Zwischenmenschlichkeit und erzählt von einer Liebe, die in der Gesellschaft so nicht vorgesehen ist. Und von den Mechanismen, die sich unter dem Deckmantel der Rechtschaffenheit in Gang setzen, sobald ein Tabu die Konvention gesellschaftlicher Norm herauszufordern wagt.

Everyday Rebellion von Arash und Arman T. Riahi

www.mottingers-meinung.at/arash-und-arman-t-riahi-everyday-rebellion/

D.U.D.A! WERNER PIRCHNER feiert seine Weltpremiere im Rahmen der Diagonale

Kreativität, Witz, Ursprünglichkeit, Perfektion – kurz: Die Einzigartigkeit seiner Musik und Person brachten Werner Pirchner früh mit illustren Köpfen der Kunst und Kultur nicht nur Österreichs zusammen. Da hatte es sich in der Republik noch gar nicht herumgesprochen, welcher Ausnahmekünstler da in Tirol am Werke war. Pirchner hat seine Heimat nie verlassen. Ihn deshalb als unterhaltsamen Rebellen mit alpenländisch beschränkter Relevanz zu sehen, würde seiner vielseitigen Persönlichkeit kaum gerecht werden. Jean Luc Godard hat Pirchners Musik in „Nouvelle Vage“ und in seinem filmischen Selbstporträt eingesetzt. Heute, 13 Jahre nach seinem Tod gehen Pirchners Noten um die ganze Welt.
Der Berliner Filmemacher Malte Ludin hatte ihn schon für sich entdeckt, als in den 70er Jahren auch in Deutschland Pirchners früher Geniestreich „ein halbes doppelalbum“ erschienen war. 40 Jahre später begibt sich Ludin auf die Suche. Was hat es auf sich mit dem Phänomen Pirchner, seinem Werk und dem Tirol, dem er 1974 mit Christian Berger den Film „Der Untergang des Alpenlandes“ gewidmet hat? Mit dem unbefangenen Blick von außen heftet sich Ludin auf Werner Pichners Spuren. Ein klassisches „Bio Pic“ war dabei nicht zu erwarten. Die musikalische Reise geht kreuz und quer durch Pirchners Werk und seine zwischen Tradition und Moderne, Naturschönheit und kommerzieller Verunstaltung oszillierende Heimat. Freunde, Fans, Förderer wie André Heller, Josef Hader, Tobias Moretti oder Felix Mitterer erzählen von ihren Begegnungen mit dem Meister, der sie wie kein anderer inspiriert und beflügelt hat. Für Erwin Steinhauer war er der „für seine Menschwerdung wichtigste Tiroler“. Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=DasP1_1rMP0

www.diagonale.at

Wien, 17. 3. 2014

André Heller präsentiert sein neues „Afrika! Afrika!“

Oktober 16, 2013 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

20 Acts, 77 Künstler und eine Show zum Staunen

Bild: "Foto: AFRIKA! AFRIKA!"

Bild: „Foto: AFRIKA! AFRIKA!“

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Weltpremiere der multimedialen Neuinszenierung von André Hellers „Afrika! Afrika!“: Die Österreich-Premiere ist am 22. Oktober in Klagenfurt. An die zwei Stunden Show mit insgesamt 20 Showacts und 77 Künstlern erwartet die Zuschauer in insgesamt 39 Tourstädten.  Immer mit dabei: 140 qm LED-Wände als Bühnen-Architektur, die Live-Band, rund 1.000 Kostüme – davon einige Kreationen des afrikansichen Modelabels Bull Doff – sowie zwei Trucks mit Equipment (vom Profi-Basketballkorb bis zu circa drei Meter hohen Figuren aus Eisen und Pappmaschee). Seit über einem Jahr wurden in Afrika und der „Diaspora“ Künstler für die neue Show gesucht und an verschiedenen Orten trainiert, vor allem in Südafrika, Guinea und der Elfenbeinküste.André Heller zeigt sich entspannt: „Ich verlasse tatsächlich jeden Tag beglückt und ein wenig tanzend die Proben und bin überzeugt, dass es dem Publikum bei den Aufführungen genauso gehen wird. Man bekommt ein frohes Herz.“

Die neue Show vereint die Höhepunkte der Zeltshow mit neuen, größtenteils in Europa bisher ungesehenen Attraktionen. Rund 85 Prozent der Künstler sind neu mit dabei. Den roten Faden bilden Musik, Bilder und Tanz. Die afrikanischen Tänze reichen von den wilden und gestenreichen Tänzen aus dem Senegal, über die extrem schnellen Füße der Elfenbeinküste bis zum Gumboot-Dance. Der Gumboot-Dance (zu dt.: Gummistiefel-Tanz) entstand in den 1880er Jahren in den Gold- und Diamantenminen um Johannisburg, Südafrika.Dem gegenüber stehen sechs junge Männer aus Brooklyn, New York, die den Breakdance weiter entwickelt und innovative Stilrichtungen wie „Bonebreaking“, „Posing“ und „Flexing“  mit geprägt haben. Dabei haben sie ihren ganz eigenen Stil gefunden, der verschiedene Tanzelemente geschickt mit Kontorsion und Akrobatik verknüpft. In Europa ist die us-amerikanische Gruppe MainEventt mit ihren einzigartigen, exzentrischen Choreographien erstmalig zu sehen. Weitere Neuentdeckungen aus der „Diaspora“ sind die Basketball-Akrobaten, zum einen ACRODUNK, mit ihrer spektakulären „Slamdunk“ Basketball-Artistik, sowie der aus Surinam stammende Michael van Beek, einer der weltbesten Basketball Freestyler.Zu den Neuheiten aus Afrika zählen die Tansania Acrobats sowie die Guinea Acrobats. Bereits 2012 haben beide Truppen in Guinea mit dem Training für die neue Show begonnen. Die meisten Mitglieder kannten die 2006er Show nur von Videos aus dem Internet und die wenigsten von ihnen hatten bislang den afrikanischen Kontinent verlassen. Helene Sano, die athletische Schlangenfrau aus Guinea,  gehört zu den besonderen Neuentdeckungen André Hellers, genauso wie die Gruppe Human Balance. Die drei Äthiopier bieten eine derart perfekte Handstandakrobatik, wie man sie sonst nur von Kontinenten kennt, wo Artisten von Kindheit an professionell trainiert werden. Hinzu kommen einige Highlights der vergangenen Tourneen, wie der „Waterman“ aus Ghana, der Schlangenmensch Yoga Yoga und weitere Acts. Weltklasse-Musiker rund um den in Paris lebenden Bandleader Francky Moulet sorgen live für die musikalische Begleitung der Show. Zwischenzeitlich bereichern surreale Figuren und Mode-Kreationen von „Bull Doff“ die Szenerie, alles untermalt von multimedialen Bildern und Videos serbo-kroatischer Videokünstler. Das Finale vereint die 77 Künstler auf der Bühne und lebt erneut von einer unbändigen Kraft, Freude und Spontanität. Hellers größte Herausforderung bei der Inszenierung des Finales: „Man muss ihnen irgendwann sagen, dass sie aufhören sollen, sonst tanzen die stundenlang weiter.“

Die Österreich-Termine:

22.10.13 – 27.10.13 Klagenfurt, Kärntner Messe; 29.10.13 – 03.11.13 Innsbruck, Saal Tirol; 05.11.13 – 09.11.13 Linz, Tipsarena;

04.12.13 – 11.12.13 Salzburg, Haus für Mozart; 22.12.13 – 16.01.13 Wien, Stadthalle, Halle F;  19.03.14 – 23.03.14 Graz, Stadthalle.

www.afrikaafrika.de

Wien, 16. 10. 2013