Volksoper: Kurt Rydl in „Anatevka“

Mai 15, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Opernstar singt zum ersten Mal Musical

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer Kurt Rydl tanzen sehen möchte, kann dieser Tage in die Volksoper gehen. Rydl hat sich den Tevje seit Langem gewünscht, und Hausherr Robert Meyer ihm diesen Wunsch gern erfüllt. Nun singt der Opernstar zum ersten Mal in seiner Karriere Musical – „Anatevka“, in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Matthias Davids aus dem Jahr 2003.

Rydl wirft sich mit überbordender Spielfreude in seine neue Rolle. Er gestaltet den Milchmann als einen Schalk, dem auch das schlimmste Schicksal nicht sein großes Herz aus dem Leib schütteln kann; er zeigt sich als geborener Komödiant, der mit dem Publikum schäkert und es auf seine Seite zu ziehen weiß, er macht sich zum Mitglied des Balletts (!), und lässt in all diesen humorvollen Einlagen dennoch die Tragödie des jüdischen Volkes erkennen. Dem heiter-melancholischen Grundton seiner Darbietung folgt das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau, Wohnbaracken unter einem düsteren Himmel, als wär’s ein Blick in die politische Zukunft. Guido Mancusi am Pult ist ein präsenter, prägnanter Unterstützer von Rydls Intentionen, ob beim Musicalhit „Wenn ich einmal reich wär'“ oder beim lyrisch-leisen „Ist es Liebe?“ und natürlich beim gruseligen Traum über Oma Zeitel.

Rydl überzeugt mit nuancierungsfähiger Klarheit und fein dosierter, wunderbar eindringlicher Stimmführung. Ganz großartig harmoniert er diesbezüglich mit seiner Golde, Dagmar Hellberg, sie ebenfalls erstmals in ihrer Rolle; den beiden kauft man das alte Ehepaar gern ab, wie sie mit viel Witz und Warmherzigkeit miteinander umgehen und sich gegenseitig zu nehmen wissen. Diese Golde ist mindestens so ausgefuchst wie ihr Tevje. Hellberg spielt sie als Typ hantige Mutter, rauhe Schale, umso weicherer Kern, das ist eine schöne Interpretation dieser Figur. Über allen Einzelleistungen aber steht die des Volksopernchors, der einmal mehr sowohl sängerisch als auch schauspielerisch aufs Feinste agiert, das hat bei diesem harmonischen Klangkörper ja „Tradition“.

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frisch und neu wirkt die zuletzt 2008 auf dem Spielplan gewesene Aufführung auch deshalb, weil beinah alle Solisten hier ihr Rollendebüt geben. Julia Koci, Elisabeth Schwarz und Juliette Khalil sind als Tevjes Töchter Zeitel, Hodel und Chava ein quirrliges Mädchentrio, das die Köpfe durchzusetzen weiß. Stimmlich gefallen sie alle drei, Koci noch zusätzlich in einer kleinen Jente-, heißt: Guggi-Löwinger-Parodie. Jeffrey Treganza ist ein schüchterner Schneider Mottel, Peter Lesiak fällt als leidenschaftlicher Student Perchik mit seiner temperamentvollen Art auf, Stefan Moser, zum ersten Mal an der Volksoper zu sehen, ist ein feiner Fedja.

Guggi Löwinger, die die Heiratsvermittlerin Jente zu einer kauzigen Klatschtante macht, Toni Slama als erst beleidigter, dann doch gutmütiger Fleischer Lazar Wolf, und Franz Suhrada als Rabbi runden den fabelhaften Cast ab. Und natürlich Gregory Rogers als der Fiedler auf dem Dach. JunHo You gibt als Fedjas Freund Sacha eine beeindruckende Kostprobe seines gesanglichen Könnens. Nicolaus Hagg gestaltet einen ehrbaren Wachtmeister.

Er sagt den vielleicht wichtigsten Satz im Stück: „Ich persönlich halte nichts davon, dass zwischen Menschen Unruhe gestiftet werden muss.“ Am Ende, wenn er die Dorfbewohner aus ihrem Schtetl vertreiben muss, wenn die Diaspora weitergeht, ist es je nach Fluchtort grauenhaft zu wissen, wer überlebt haben wird und wer … Der Volksoper ist in diesem Sinne zum Saisonschluss ein schöner, durchaus nachdenklich machender Ensembleabend gelungen. Das Haus glänzt – mit einem Star an der Spitze.

Trailer – Kurt Rydl im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=IjG5ALoMQ28

www.volksoper.at

Wien, 15. 5. 2016

Volksoper: „Sweeney Todd“

September 16, 2013 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Gustostückerl für Gruselfans

zum einmaligen Abdruck freigegeben

Robert Meyer (Richter Turpin), Patricia Nessy (Bettlerin), Morten Frank Larsen (Sweeney Todd),
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper,

Samstag  präsentierte sich die Wiener Volksoper einmal mehr als erstes Haus für Musical. Und zwar nicht nur für klassisches à la „My Fair Lady“ oder „Kiss me, Kate“, sondern durchaus auch für Skurriles, Schräges, Schreckgespenstisches. „Sweeney Todd“, der Babier des Grauens aus der Fleet Street, wurde – in Anwesenheit von Komponist und Texter Stephen Sondheim – erstmals an der Volksoper aufgeführt. Und wurde zum Riesenerfolg. Die „Graf von Monte Christo“-für-Ärmere-Story überzeugte mit Schwung und Swing; die Darsteller mit ihrer Sing- und Spielfreude, am Pult der musicalerfahrene Dirigent Joseph R. Olefirowicz, der Sondheims dissonante Parforcejagd, die schrägen Töne und Tempiwechsel von Song zu Song perfekt auf die Bühne hob. Die wurde dominiert vom Bühnenbild Mathias Fischer-Dieskaus, vom Räderwerk der Tötungsmaschine des blutdürstigen, vergeltungssüchtigen Ex-Friseurs, einem Maschinenraum, wie zu Beginn der Industrialisierung Londons im 19. Jahrhundert. Eine Reverenz an Charlie Chaplins „Modern Times“. Kommt doch, so wie der Tramp beim Schraubenanziehen, Mrs. Lovett kaum nach mit dem Pastetchenbacken … In der Inszenierung von Matthias Davids flutschen die Zahnräder jedenfalls wie geschmiert.

Bekannt wurde der Stoff durch Tim Burtons Verfilmung mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter 2007. Inhalt: Benjamin Barker, glücklich verheiratet und frischgebackener Vater einer Tochter, wird aufgrund einer Intrige des mächtigen Richters Turpin unschuldig angeklagt und verbannt. Benjamins Frau Lucy und die Tochter Johanna geraten unter die Obhut von Richter Turpin. Lucy wird vom Richter vergewaltigt und ist ohne ihren Mann am Ende ihrer Kräfte. Sie sinkt immer tiefer, bis sie schließlich verschwindet. Benjamins Tochter wird daraufhin von Richter Turpin adoptiert. 15 Jahre später kehrt Benjamin Barker als Sweeney Todd, von Not und Elend gezeichnet, in seine Heimat London zurück und trifft dort auf Mrs. Lovett, die Inhaberin des Fleischpastetenladens unter dem ehemaligen Barbiergeschäft von Benjamin Barker. Sie erkennt Todd als Barker wieder und erzählt ihm von Lucy, seiner Frau, die Arsen genommen habe und dass Johanna sich in der Obhut von Richter Turpin befinde. Todd ist verbittert und schwört in seiner Wut und Verzweiflung der ganzen Welt Rache. Er tötet seine Kunden, indem er ihnen beim Rasieren die Kehle durchschneidet, und lässt sie  über eine Falltür in den Backkeller rutschen. Bei Fischer-Dieskau ein kathedralenhafter Raum, der das Sakrale des Werks betont – nur, dass es keine Wiederauferstehung gibt -, wo die Leichen von Mrs. Lovett zu Fleischpasteten verarbeitet werden. In seinem Wahn schlitzt sich Todd durch Freund und Feind. Kurz gesagt: Am Ende ist keiner mehr über.

Mit einem Effektfeuerwerk sorgt das Leading Team der Volksoper dafür, dass Grauen, Gruseln, Gänsehaut zum fröhlichen Abend werden. Morten Frank Larsen spielt den Sweeney adrett-romantisch wie ein Stummfilmstar. Nie war ein Messermassaker charmanter. Stimmlich hat der Opernsänger ohnedies keine Probleme. Hausherr Robert Meyer ist ein großartig dämonischer, unheimlich unsympathischer Richter Turpin. Dagmar Hellberg ist als herrlich komödiantische Mrs. Lovett das skrupellose Herzstück der Produktion. Alexander Pinderak und Anita Götz malen als junges Paar helle, lyrische Farben in dieses düster-schwarze Gesangsgemälde. Volksopern-Debütantin Patricia Nessy spielt die Bettlerin, die Sweeney zu spät als seine ehemalige Frau erkennt. Ein vor Dreck starrendes Juwel! Am Schluss der Aufführung gab’s Standing Ovations und Pasteten. Die Darsteller samt Sondheim genossen das eine, die Zuschauer das andere. Ein rundum gelungener musikalischer Musical-Blutrausch. In Wien und Umgebung dürfte rote Farbe derzeit ausverkauft sein.

www.volksoper.at

Trailer: Werkeinführung durch Christoph Wagner-Trenkwitz: www.youtube.com/watch?v=aEFvb52QeVY

Wien, 15. 9. 2013