Volksoper: Der Opernball

Februar 18, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Charmelos statt schamlos

Kristiane Kaiser als Angelika, Sieglinde Feldhofer als Helene, Ursula Pfitzner als Margarete, Helga Papouschek als Palmyra, Kurt Schreibmayer als Theophil, Marco Di Sapia als Paul, Almira Elmadfa als Henri und Carsten Süß als Georg. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Gleich zu Beginn wird der running gag via Bühnenansage verkündet: Weil die Staatsoper heuer auslässt, findet „Der Opernball“ in der Volksoper statt. Nun, gar so stolz braucht man auf die Neuerwerbung nicht zu sein. Axel Köhlers Inszenierung, die die ursprünglich in Paris stattfindende Handlung nach Wien verlegt, wirkt eher wie ein ziemlich ordinäres Gschnas.

Vor allem im zweiten Akt nahmen Köhler und seine Ausstatter Timo Dentler und Okarina Peter die Übersiedlung vom Haus am Ring an den Gürtel allzu wörtlich, und zollten der ehemals sündigen Meile mit einem seltsamen Etablissement Tribut. Doch selbst hier geht’s statt schamlos nur charmelos zu. Es ist erstaunlich, das sonst so elegant frivol agierende Volksopern-Ensemble darstellerisch so hilflos zu sehen.

Aber der Reihe nach. Hebt sich der Vorhang, sieht man etwas, dass ein elegantes Wiener Loft sein soll, tatsächlich aber wie die Innenausstattung eines Luxusdampfers anmutet. Durch ein Bullauge ist das Riesenrad – und damit Wien – zu erkennen. In dieser Pappenstiel’schen Wohnung treffen nun neben dem Besitzerehepaar die Wimmers, die Schachtelhubers, deren Neffe Henri und Haushaltshilfe Helene aufeinander. Die Herren haben Amouren im Kopf, die Frauen stellen Fallen in Form von rosa Dominos. Billetten laden zum Ball, das Verwirr- und Verwechslungsspiel beginnt: „Gehen wir ins Chambre séparée“ …

Die musikalische Nummer vom One-Hit-Wonder Richard Heuberger. Mehr als diesmal wär‘ aber allemal drin gewesen, doch mangelt es der Regie völlig an Ideen (außer, dass man E-Mails auf Laptop und Handy liest), sei’s Ironie oder auch die Möglichkeit für Parodie. So holpern man hölzern durch den ersten Akt, der gefühlt viel länger ist, als die Uhr hergibt. Danach Nachtclub mit Pinups und Kojen fürs Tête-à-Tête, die wie weibliche Rundungen aussehen. Aus einem „Erlebniskeller“ strömen SM- und Crossgenderpärchen. Das hat mit Opernball so viel zu tun, wie Schnellimbiss mit Haubenrestaurant. Für den dritten Akt geht es zurück auf den Dampfer. Der nimmt nun zwar etwas Fahrt auf, als sich die Verwicklungen entwirren, doch insgesamt ist kaum mehr was zu retten.

Vor dem „Chambre séparée“: Ursula Pfitzner als Margarete, Sieglinde Feldhofer als Helene und Carsten Süß als Georg: Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das gilt auf fürs Musikalische. Dirigent Alfred Eschwé beginnt zwar fröhlich-schmissig, doch irgendwann hat er beschlossen, es nur noch krachen zu lassen. Lyrische Momente gehen ihm komplett unter. Unter den Solistinnen und Solisten erfreuen Amira Elmadfa als Henri mit ihrem schönen Mezzo und ihrer Spielfreude, Sieglinde Feldhofers silbrig glänzender Sopran als quicksilbrige Helene und Marco Di Sapia, der als Paul Wimmer auch für Komödiantik sorgt.

Der übrige Cast (Kristiane Kaiser, Carsten Süss, Ursula Pfitzner, Martina Dorak) bleibt blass, Boris Eder, als Oberkellner Philipp ein aufgelegtes Gustostückerl, lässt man erst gar nicht ins Spiel kommen. Erfreulich ist ein Wiedersehen mit den Volksopern-Urgesteinen Helga Papouschek und Kurt Schreibmayer als Palmyra und Theophil Schachtelhuber. Am Ende gab es freundlichen Applaus ohne große Bravo-Rufe, für die Regie ein paar kräftige Buhs.

www.volksoper.at

  1. 2. 2018

21er Haus: Abstract Loop Austria

Januar 25, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Raus aus dem „erbärmlichen Schattendasein“ der Op-Art

Gerwald Rockenschaub: Öl auf Leinwand, 1984. Dauerleihgabe Ernst Ploil Bild: © Belvedere, Wien

Gerwald Rockenschaub: Öl auf Leinwand, 1984. Dauerleihgabe Ernst Ploil
Bild: © Belvedere, Wien

Ab 28. Jänner präsentiert das 21er Haus des Belvedere eine Gruppenausstellung, in deren Mittelpunkt vier österreichische Künstler stehen: Marc Adrian, Richard Kriesche, Helga Philipp und Gerwald Rockenschaub. Ergänzt und in einen internationalen Kontext gestellt wird die Schau durch Arbeiten von Josef Albers und Marina Apollonio bis zu Jorrit Tornquist und Ludwig Wilding.

„Abstract Loop Austria“, so der Titel der Schau, zeigt anhand einer Gegenüberstellung, wie Österreich in den späten 1950er/1960er und 1970er Jahren einen wichtigen Betrag zur Op-Art und Konkreten Kunst geleistet hat und wie Gerwald Rockenschaub diese Tradition in unsere Gegenwart überführt.

In der Wahrnehmung der österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts führt die konstruktive, konkrete Kunst der Nachkriegszeit, tatsächlich eine wichtige internationale Tendenz, nicht nur laut Dieter Ronte „ein erbärmliches Schattendasein“. Dabei zeigten sich gerade hierzulande vielseitige Ausgangs- und Anknüpfungspunkte wie beispielsweise der Wiener Kinetismus, Op-Art, Konkrete Kunst, Konzept- und Computerkunst. Grundlegend für die konstruktiv-konkrete Kunst der Nachkriegszeit sind die radikalen Ideen des Aufbruchs in die Moderne, von Wiener Kreis bis Zwölftonmusik, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Abkehr von den figurativen Tendenzen des österreichischen Expressionismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die generelle Idee eines Neuanfangs. Die konstruktiv-konkreten Kunst bildet dabei eine wichtige Konstante und wurde unter unterschiedlichen Vorzeichen immer wieder aufgegriffen – beispielsweise in der Neo-Geo-Bewegung der 1980er-Jahre.

Im Mittelpunkt der Ausstellung im 21er Haus stehen aber die Anfänge dieser Kunstrichtung und erste Vertreter. Marc Adrian etwa hat bereits in den 1950er-Jahren die individuelle und unterschiedliche Betrachterposition vor den Kunstwerken in seinen Arbeiten mitgedacht. Der Teilnehmer an der legendären Ausstellung „The Responsive Eye“ 1965 im New Yorker MoMA, die als Geburtsstunde der Op-Art gilt, war nicht nur einer der Begründer des österreichischen Experimental- beziehungsweise Avantgardefilms, sondern hat sich bereits in seinen Objektkästen und Hinterglasmontagen mit kinetischen Effekten, zeitlichen Interferenzen und optischen Strukturproblemen beschäftigt. Sie werden in der Schau ebenso gezeigt, wie seine plastischen Werke, die Mobiles, und frühe Experimentalfilme. Im Zuge der Ausstellung wird auch das Werkverzeichnis dieses zu Unrecht vergessenen, national wie international bedeutenden Künstlers vorgestellt.

Durch Marc Adrian kam Helga Philipp in Kontakt mit Kinetik und Konkreter Kunst und untersuchte in ihren frühen schwarz-weißen Objektkästen und ihren Plexiglasarbeiten optische Phänomene im Sinne der Op-Art. Durch die Verwendung neuer Materialien wie Acrylglas und später die Siebdrucktechnik wollte Philipp eine Kunstform ohne persönliche Handschrift finden. Richard Kriesche wiederum übertrug in seinem Frühwerk die Ideen konzeptuell geometrischer Malerei in farbige Objekte, häufig auf der Grundlage von mathematischen Codes und definierten Regeln. Später geht Kriesche von den Ideen der Konkreten Kunst über zur Medienkunst und elektronischen Bildverfahren.

Und einer bedingte den nächsten: Gerwald Rockenschaub war an der Universität für Angewandt Kunst nicht nur ein Schüler von Helga Philipp, sondern vielmehr griff er Mitte der 1980er-Jahre ihre optische Erforschung der Oberfläche und Struktur von Kunstwerken auf. Er spezialisierte sich auf die Untersuchung der künstlerischen Wahrnehmung von Alltagscodes und der Zeichen neuer Informationstechnologien. Später wurde seine Malerei durch mechanische Verfahren und industrielle Materialen, wie Folien oder Plexiglas, abgelöst und Club-Kultur, Techno-Musik und Computertechnik miteinbezogen.

Edgar Knoop: Subway 813

Parallel zu „Abstract Loop Austria“ findet anlässlich einer Schenkung des Künstlers an die Österreichische Galerie Belvedere die Präsentation von Edgar Knoop „Subway 813“ statt. Zu sehen sind Werke der 1970er- bis 2010er-Jahre. Kinetische Lichtobjekte nennt Knoop seine Werke, die sich dem Auge des Betrachters durch Lichtreflexionen als immer wieder veränderlich darstellen.

www.belvedere.at

Wien, 25. 1. 2016

Salzburger Festspiele 2016: Das Programm

November 5, 2015 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung mit „The Exterminating Angel“

Florian Wiegand, Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf Bild: Anne Zeuner

Florian Wiegand, Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf
Bild: Anne Zeuner

Drei Neuinszenierungen im Bereich Oper, drei beim Schauspiel, eine Ouverture spirituelle, die sich mit der Musik der ostkirchlichen Christen befasst, und von Ensembles aus Russland, Armenien, Griechenland, aus dem Libanon, Ägypten und Äthiopien zum Klingen gebracht wird, das ist kurz umfasst das Programm der Salzburger Festspiele 2016.

Eröffnet werden die Festspiele am 28. Juli mit einer Opern-Uraufführung im Haus für Mozart. Diese ist jedoch immer noch nicht „Endspiel“ von György Kurtag, auf das man weiter warten muss, sondern The Exterminating Angel von Thomas Adès nach dem Buñuel-Film „Der Würgeengel“. Regie führt der Librettist Tom Cairns, der Komponist selbst dirigiert das ORF Radio-Symphonieorchester. Endspiel steht dennoch auf dem Spielplan – als Start des Schauspiel-Programms am 30. Juli im Salzburger Landestheater, mit Nicholas Ofczarek als Hamm und Michael Maertens als Clov. Regie bei dieser Koproduktion mit dem Burgtheater führt Dieter Dorn, hieß es bei der Programm-Pressekonferenz am 5. November in Salzburg, die zum letzten Mal von der „direktorialen Doppelspitze“, Präsidentin Helga Rabl-Stadler und künstlerischem Leiter Sven-Eric Bechtolf, gegeben wurde. Träume seien „kein Motto, aber eine geheime Überschrift“ des Gesamtprogramms, sagte Bechtolf, der außerdem das Auftragswerk „The Exterminating Angel“ als „ein Riesenprojekt“ und ein „großes Ensemblestück mit 21 Rollen“ ankündigte.

Die beiden weiteren Opern-Premieren sind die Liebe der Danae von Richard Strauss im Großen Festspielhaus. Alvis Hermanis inszeniert, Franz Welser-Möst dirigiert die Wiener Philharmoniker, Krassimira Stoyanova singt die Danae. Premiere ist am 31. Juli.  Sowie – erstmals bei den Festspielen – Faust von Charles Gounod. Reinhard von der Thannen übernimmt im Großen Festspielhaus Regie und Ausstattung, Alejo Pérez dirigiert die Wiener Philharmoniker, Piotr Beczala singt den Faust, Premiere ist am 10. August. Bechtolfs Da-Ponte-Zyklus wird 2016 „zu mancher Freude und zu manchem Ärger“, so Bechtolf markig, komplett gezeigt, davon die „Così“ aus dem Jahr 2013 als szenische Neueinstudierung in der Felsenreitschule. Sicher ein Highlight wird die von den Pfingstfestspielen übernommene West Side Story mit Cecilia Bartoli als Maria und Norman Reinhardt als Tony.

Auch im Schauspiel sind für 2016 zwei weitere Premieren angekündigt: Deborah Warner inszeniert Shakespeares Der Sturm auf der Perner-Insel mit Hans-Michael Rehberg als Prospero, offenbar ein Salzburger Evergreen, war doch dort erst bei Bechtolfs Amtsantritt  2012 eine Version von Irina Brook zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=870). Die Warner-Fassung  gibt’s ab 2. August. Gerd Heinz zeigt im Landestheater Thomas Bernhards Der Ignorant und der Wahnsinnige, das 1972er-Uraufführungsskandalstück, das mit der Salzburger Notlicht-Affäre für Aufsehen sorgte. Premiere ist am 14. August, es spielen Johanna Wokalek die Königin der Nacht, Christian Grashof den Vater und Bechtolf höchstselbst den Doktor. Außerdem stehen das szenische Melodram Requiem für Ernst Jandl von Friederike Mayröcker und zwei Thomas-Bernhard-Lesungen von Hermann Beil und Tobias Moretti auf dem Programm. Wer neue Jedermann-Buhlschaft wird, wurde naturgemäß noch nicht verraten, aber immerhin, dass Eva Herzig die Rolle der Frau des Schuldknechts übernimmt. Nikolaus Rucker spielt nun Gott. Bisher war die Produktion von Brian Mertes und Julian Crouch immer sehenswert (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5043), das wird sie wohl auch bleiben.

Konzertchef Florian Wiegand lässt anlässlich der 200-jährigen Zugehörigkeit Salzburgs zu Österreich die Missa Salisburgensis von Heinrich Ignaz Franz Biber im Dom aufführen. Daniel Harding dirigiert zur Uraufführung des Auftragswerks Halleluja – Oratorium Balbulum von Peter Eötvös die Wiener Philharmoniker. Zu Gast in Salzburg sind außerdem das Concertgebouworkest Amsterdam, die Filarmonica della Scala, das Cleveland Orchestra und das Gewandhausorchester Leipzig. Den Komponisten Friedrich Cerha und György Kurtag, die 2016 ihren 90. Geburtstag feiern, sind Schwerpunkte gewidmet.

Insgesamt bieten die Salzburger Festspiele 2016 192 Aufführungen an 41 Tagen an 14 Spielstätten. Das Gesamtbudget liegt bei 60,54 Millionen Euro, die Kartenpreise liegen zwischen 5 und 430 Euro. Ab 2017 ist Markus Hinterhäuser als Intendant und Bettina Hering als Schauspielchefin für das künstlerische Programm verantwortlich. Rabl-Stadlers derzeitiger Vertrag endet nach den Festspielen 2017. Ob Kurtags ursprünglich schon für 2013 angekündigtes Werk bis dahin aufgeführt werden wird, steht nach wie vor in den Sternen. „Es geht ihm gut, er komponiert“, war alles, was Bechtolf weiß oder wissen ließ.

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburg, 5. 11. 2015

Volksoper: Im weißen Rössl

September 7, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein hinreißendes himmelblaues Bilderbuch

Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Carsten Süss (Dr. Otto Siedler), Ensemble, Fuhre Mist (li.) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Carsten Süss (Dr. Otto Siedler), Ensemble, Fuhre Mist (li.)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Achtung, dies ist eine Gesundheitswarnung: Rund um die Volksoper wurden gestern nach 21.30 Uhr Menschen mit seligem Dauergrinsen gesichtet. Nicht wenige sollen sogar vor sich hin gesummt haben! Sollten Sie diese oder andere glücklich machende Nebenwirkungen nicht wünschen, meiden Sie Vorstellungen von „Im weißen Rössl“. Sie könnten sonst hin- und mitgerissen sein.

Regisseur Josef E. Köpplinger beschenkte die Volksoper zum Saisonauftakt mit seiner großartigen Inszenierung des Benatzky-Singspiels. Da ging’s nicht nur optisch nach dem Motto: Alles dreht sich, alles bewegt sich!, da wurde, weil Schmelz ja nicht von Schmalz kommt, und das eine daher ohne das andere existieren kann, der Operette auch ihre Würde zurückgegeben. Köpplinger brachte eine erst 2008 in Zagreb wiedergefundene Originalfassung mit nach Wien. Mit Jazzcombo, Zithertrio, Todesjodler und Kuhglocken. Und siehe, die himmelblaue Welt kann mit Michael Brandstätter am Pult swingen und grooven, was das Zeug hält. Zum Schenkelklopfen kommen allerdings nur die Schuhplattler. Die Kriegs- und durch seltsame Verfilmungen Nachkriegsgeschädigte darf wieder eine frivole, mit parodistischen Elementen versetzte Revue sein. Eine Travestie der Alpenglühromantik. Man möchte vermuten, der Benatzky hätt‘ seinen Spaß g’habt!

Es gibt so viel zu sehen, man weiß gar nicht, wo zuerst hinschauen. Köpplinger ließ sich von Erik Charells Uraufführungsgeist inspirieren. Rainer Sinell gestaltete als Bühnenbild ein quietschbuntes Bilderbuch mit Schäfchenwölkchen auf Häuserfassaden, hinten – nona – der Wolfgangsee, dahinter ein Postkartenidyll, eine bis in die Berg‘ hinauf begehbare Ansichtskarte. Auf diesen Spielebenen spielt sich’s ab. Etwa die Tragödie von Lois und Hias, zwei rechtschaffenen Salzkammergütlern, die nur ihrer ehrlichen Arbeit nachgehen wollen, aber von Unfug treibenden Touristen ins Seebadliegenlotterleben getrieben werden. Oder das Drama der vom wirren Oberförster mit der Flinte verfolgten Briefträgerin. Sie wird im See eine schöne Leich‘ sein. Köpplinger inszeniert mit erkennbarer Lust an der Freude alles, was Haxn hat. Mit Papierbus, Minibahn oder Dampfschifferl Zuagraste. Sportler, die ihrem Sportsgeist zum Opfer fallen. Tanzende Kühe und Marienkäfer im Frack. Blumen, eigentlich ohne Beine, herausgeputzt als schillernde Revuegirls. Amore in glitzerblauen Lederhosen. Und wenn dem wunderbar gewalzten Liebeslied gar nicht mehr zum Zuaaaschau’n is‘, schickt er einen Bauer mit einer Fuhre Mist vorbei. Hurra! Mitunter passt nicht einmal mehr ein Löschblattl auf die Bühne.

Gut, dass da eine den Überblick behält: Sigrid Hauser ist als Rössl-Wirtin Josepha eine Idealbesetzung. Hantig, aber herzlich, hat sie das Heft in der Hand. Die resche-fesche Hauser ist wie immer ein Glücksfall fürs Haus. Sie kann nicht nur singen und spielen, sondern auch g’scheit juchazen. Und jodeln. Daniel Prohaska nähert sich mit seiner Charmeoffensive dem großen Peter Minich an. Er ist als Zahlkellner Leopold so erbarmungswürdig liebeskrank, man möchte ihm ein Zwickerbusserl geben. In der Mittellage ist Prohaska bekannt weich und romantisch, diesmal strahlen auch die Spitzentöne. Doch Hauser und Prohaska sind nicht das einzige Traumpaar der Operette. Schwere Konkurrenz steht auf in Form von Mara Mastalir und Carsten Süss (der gewohnt stark bei Stimme ist und seine Belcanto-Qualitäten ausspielt) als Ottilie und Dr. Siedler, sowie von Juliette Khalil und Markus Meyer als lispelndes Klärchen und schönem Sigismund. Volksoperndebütantin Khalil überzeugt in ihrer ersten Rolle mit komischem Talent und S-angeskunst. Sie wird auch die Dorothy in „Der Zauberer von Oz“ übernehmen. Burgschauspieler Meyer genießt sichtlich einmal mehr einen Ausflug ins Musikalische. Er ist nicht nur ein Wirbelwind auf der Bühne, er gibt der manchmal auch verdolmten Figur Charakter und Tiefe. Sein Sigismund betrachtet sich mit Selbstironie und einer Spur Sarkasmus.

Meyer ist nicht der einzige Burggast. Als Giesike ist Bernd Birkhahn so richtig knorke, Hans Dieter Knebel berührt als Professor Hinzelmann. Er interpretiert außerdem Hans von Frankowskis und Franz Pragers Wienerlied „Erst wenn’s aus wird sein“. Köpplinger folgt mit dieser Idee einer Rössl-Tradition, haben doch schon Robert Stolz mit „Die ganze Welt ist himmelblau“ und „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“, Bruno Granichstaedten mit „Zuschau’n kann i net“ und Robert Gilbert mit „Was kann der Sigismund dafür …?“ musikalische Einlagen beigesteuert. Helga Papouschek, selbst einmal eine formidable Rössl-Wirtin, hat nun als nervige Reiseleiterin/ältliche Braut/englische Tourengeherin die Lacher auf ihrer Seite. Sie versprüht ein Feuerwerk an Komödiantik. Simon Fischerauer ist ein drolliger Piccolo. Den jungen Mann behält hoffentlich nicht nur Volksopern-Direktor Robert Meyer im Auge. Weil’s ins Köpplinger-Konzept passt, wird Kaiser Wolfgang Hübsch mit einer Oh-du-mein-Österreich-Kakophonie begrüßt. Sein „Es ist im Leben eben so“  wiederum ist ein in seiner Schlichtheit bewegender Höhepunkt dieser Produktion, die ansonsten vom Tempo regiert wird.

Josef E. Köpplinger hat den Kitsch über Kimme und Korn anvisiert und durch Karikatur zur Strecke gebracht. Er setzt aber nicht nur auf Gags, sondern auch auf Gefühl. Das ist eine angenehme Farbe angesichts einiger zur „Rössl“-Zertrümmerung angetretenen Arbeiten der letzten Zeit. Das Ensemble ist hochkarätig und vom jungen Grazer Brandstätter mit sicherer Hand geführt. Am Ende: Jubel, Trubel. Besser kann’s kaum gehen.

www.volksoper.at

Wien, 7. 9. 2015

Kunstausstellung im Parlament

März 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

konkret – abstrakt

Heimo Zobernig Bild: Marianne Greber

Heimo Zobernig
Bild: Marianne Greber

Unter dem Titel „konkret – abstrakt“ zeigt eine Ausstellung im Parlament in Wien vom 3. April 2014 bis 22. März 2015 Werke von 16 ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern (Ernst Caramelle, Svenja Deininger, Heinrich Dunst, Herbert Hinteregger, Christian Hutzinger, Tillman Kaiser, Luisa Kasalicky, Suse Krawagna, Ingo Nussbaumer, Nick Oberthaler, Helga Philipp, Florian Schmidt, Martina Steckholzer, Esther Stocker, Alexander Wolff und Heimo Zobernig).
Die für die Räumlichkeiten des Parlaments ausgewählten Arbeiten zirkulieren mit überzeugender Stringenz und Ernsthaftigkeit um die elementaren Fragen der Malerei im Kontext der Bildlichkeit. Mit antipodischen Strategien werden die Grundparameter der Konstitution eines abstrakten Bildes bearbeitet, die sich hauptsächlich auf zweidimensionale, in vereinzelten Fällen auch auf dreidimensionale bildhafte Ensembles beziehen: Konstruktivistisch anmutende Strenge trifft auf kompositorische Formenfreiheit, Rhythmus und Dynamik treffen auf Ruhe und Ordnung, Leichtigkeit und Reduktion auf Verdichtung und Stabilität der Formen.Die kunsthistorischen Traditionen der Formensprache der Abstraktion durchschreitend und deren Repertoire und Gedankenmaterial vieldeutig reflektierend, befinden sich die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler seit Jahren auf einer wohlüberlegten, sowohl experimentellen wie auch konzeptuellen Erforschung von kompositorischen Kombinationen. Nicht zuletzt, um der mittlerweile einhundertjährigen Geschichte der Abstraktion ihre formale Schwere auszutreiben und sie für die Gegenwart zu aktualisieren. Kuratiert wird die diesjährige Ausstellung von Hans-Peter Wipplinger, Kurator des Parlaments und Direktor der Kunsthalle Krems.

Hinweise und Karten:
Der Zutritt zum Parlament ist grundsätzlich werktags Montag bis Freitag von 6.30 bis 19 Uhr (Einlass bis 18.30 Uhr) bzw. Samstag von 9 bis 17 Uhr (Einlass bis 16.30 Uhr) möglich. Benützen Sie dafür den Zentraleingang beim Besucherzentrum, 1017, Wien, Dr. Karl Renner-Ring 3,. Beachten Sie, dass für den Zutritt der Vorweis eines entsprechenden Termins und die Vorlage eines amtlichen Lichtbildausweises nötig ist. Aus Sicherheitsgründen werden am Eingang Zugangskarten ausgegeben, die im Parlament ständig sichtbar zu tragen sind. Mehr unter www.parlament.gv.at/GEBF/KUNST/

Wien, 27. 3. 2014