Thomas Vinterbergs „Die Kommune“

April 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Akademietheater auf die Kinoleinwand

Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

In der Kommune wird basisdemokratisch über alles abgestimmt. Über fast alles. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Die 1970er-Jahre waren bewegte Zeiten. Von den Protesten gegen den Vietnamkrieg bis zur Volksabstimmung gegen Zwentendorf. Von den Gratis-Schulbüchern über die Durchsetzung der 40-Stunden-Woche bis zum Kampf für die Fristenlösung und gegen Atomkraft. Wesentliche Errungenschaften des modernen österreichischen Sozialstaats sind geistige Kinder dieses Jahrzehnts.

Zur Revolution stiefelte man in lebensbedrohlichen Plateauschuhen. Und Nina Hagen zeigte im Club 2, wie’s geht und wo’s gut tut. Ach, Bürgerschreck wollte, nein: musste! man sein, und welch ein Glück, die ließen sich damals auch noch schrecken. Waren empört über Peter Zadeks „Othello“, schrien Skandal zu Franz Novotnys „Staatsoperette“, liefen Sturm gegen Claus Peymanns Geldsammelaktion für Gudrun Ensslins Zahnersatz.

Freilich, neben den Bastillestürmern gab es die, die in der guten Absicht picken blieben. Sie quasi die Stammeltern der Bobos, changierend zwischen nonkonformistisch und konservativ, also je nach Lebenslage in der Lage, die Haltung zu wählen, die gerade zweckdienlich ist. Solche zeigt der Däne Thomas Vinterberg in seinem jüngsten Film „Die Kommune“, der am 22. April in den heimischen Kinos anläuft. Im September 2011 hat er sein Stück am Akademietheater uraufgeführt. Wien ist bis dato weltweit die einzige Stadt geblieben, in der diese Bühnenversion zu sehen war, Joachim Meyerhoff spielte den Erik, Regina Fritsch seine Frau Anna, nun adaptierte der Dogma-Filmer seinen Stoff für die Kinoleinwand. Nicht eins zu eins – Vinterberg hat sowohl Handlung als auch Charaktere weiterentwickelt. Da er die Mitte vierzig überschritten hat, scheint er weniger sarkastisch über das Wesen des Menschen und mit mehr Mitgefühl und Verständnis über dessen Natur ausgestattet zu sein. Was sich vor allem im geänderten, versöhnlicheren Schluss zeigt. Nur Erik ist ein Arschloch geblieben. Dass er ein solches ist, sagt auch der Autor und Regisseur über seine Figur.

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Vinterberg, selber ein Kommunenkind, zeigt auf heitere und anrührende Art eine Wohngemeinschaft, die antritt, um alles anders zu machen – und letztlich genau an diesem Anspruch scheitert. Er entwirft ein Porträt einer Generation, die sich am eigenen Idealismus und dem Willen zur gesellschaftspolitischen Veränderung aufreibt, weil tradierte Regelwerke und gestrige Grenzziehungen nicht so leicht aus den Gehirnen zu schütteln sind, wie man’s gern hätte. In diesem Sinne ist „Die Kommune“ ein Film dieser Tage.

Architekturprofessor Erik hat eine großzügige Villa in einem Kopenhagener Nobelviertel geerbt, seine Frau Anna, als Nachrichtenmoderatorin von mittlerer Berühmtheit, ist begeistert, nur übersteigen die Erhaltungskosten des Hauses die finanziellen Möglichkeiten der beiden. Also beschließt das Paar, das konventionelle Familienleben mit Tochter Freja hinter sich zu lassen, und mit Freunden und ein paar neuen Bewerbern eine Kommune zu gründen. Der Alltag ist erst kunterbunt, wiewohl der eine von des anderen Laissez-faire mitunter auch genervt ist, aber wer will schon der spießige Spielverderber sein … Doch dann verliebt sich Erik in seine Studentin Emma, und weil er ja der Hausherr und es die Zeit der freien Liebe ist, lässt er sie einziehen. So entsteht ein unflotter Dreier, der nicht nur Anna aus der Bahn wirft.

Vinterbergs Aufmerksamkeit gilt diesmal dieser Anna. Und Trine Dyrholm spielt sie klug und warmherzig und zunehmend verzweifelt und stark, weil für ihre Liebe opferbereit. Man möchte sie schütteln und fragen: Hast du sie noch alle, dass du für diesen …? Doch nicht einmal steigender Alkoholkonsum und Weinkrämpfe rauben Anna die Würde. Zu Recht wurde die fabelhafte Schauspielerin für ihre Darstellung bei der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ulrich Thomsen versucht sich zwischen Folkmusik und Blümchensex durchs von ihm angerichtete Geschehen zu lavieren. Thomsen ist weniger dominant als Meyerhoff, mehr be­trop­pezt aus der Wäsche schauendes Würschtl als es der Burgschauspieler war, hinter der linken Fassade ein rechter Choleriker, dem sein Ausflug ins Temperament aber jedesmal einen Ohnmachtsanfall beschert. Er tauscht die ältere, blonde, verständnisvolle Gefährtin gegen die jüngere, blonde, verständnisvolle Gefährtin – und Helene Reingaard Neumann, tatsächlich Vinterbergs zweite Ehefrau und der Film somit auch eine höchst private Angelegenheit, verkörpert sie mit der kindfraulichen Unschuld einer Brigitte Bardot. Et Dieu créa la Femme, nicht nur, was den Schmollmund betrifft.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft platzt, wenn zu sehr aufgebläht. So gesehen stellt Vinterberg ein ganzes System infrage und zeigt dazu, weil Anna ja beim Fernsehen, Zeitpolitik. Pol Pot und Hồ Chí Minh und den Streit der dänischen sozialdemokratischen Regierung mit der Gewerkschaft und Europa erschüttert vom RAF-Terrorismus. Man muss nur oft genug links abbiegen, um rechts zu landen; in einer wunderbaren Szene bewirbt sich der gebürtige Beiruter Fares Fares in der Rolle des Allon als neuer Mitbewohner. Und schon steht die Vision vom friedlichen Zusammenleben Kopf und die Gruppenbefragung heißt nicht mehr „Wie geht es dir?“, sondern „Was will der hier?“, vor allem Erik mutiert kurz zum Fascho – wie entlarvend das ist. Wir helfen wirklich gern, solange die Hilfesuchenden nicht an unsere Haustür klopfen. Wo Menschen aufeinandertreffen, sagt Vinterberg, ist es immer schon so … gar nicht bösartig, aber irgendwie…

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Rundum entwirft der Regisseur sein Kommunarden-Panoptikum. Seine Figuren sind nun der Scherenschnittartigkeit des Theaters entwachsen, seine Schauspieler gestalten mit zarten Andeutungen und kleinen Gesten ihre Charaktere als Menschen. Julie Agnete Vang etwa ist als Mona nicht mehr so kampfemanzipiert, sondern hört auch einmal zu, Lars Ranthe als Ole gibt wohldosiert kauzig den einzig echten Bohémien.

Martha Sofie Wallstrøm Hansen ist entzückend als hin- und hergerissene Freja. Man möchte sie warnen, läuft sie doch in ihrer ersten Verliebtheit genauso einem pseudoliberalen Typen mit in Wahrheit Alleinherrscheranspruch in die Arme, wie ihr Vater einer ist. Vinterberg packt den schwelenden Konflikt in weiches Licht und nostalgische Bilder. Das hatte man schon fast vergessen wollen, dass der Bad-Hair-Day damals Alltagsnorm war und wildgemusterte Häkelware die angesagteste Klamotte. Ins eiskalte Badewasser springen alle gemeinsam. Natürlich nackt.

Am Schluss wird die Gemeinschaft die Störenfriedin, deren Verletztheit als Feindseligkeit ausgelegt wird, ausschließen. Wird ein Unschuldiger sterben. Wird aus dem Ende ein Neuanfang entstehen. Vinterberg ist ein leiser, ans Herz gehender Film gelungen, darüber, wie wir sind und wie wir sein wollen, über das sich deswegen Bemühen und darob Scheitern und Weitermühen. In „Die Kommune“ menschelt es. Was schöneres könnte man über diese Arbeit sagen?

www.kommune-derfilm.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=X5waXGOuR0I

Thomas Vinterberg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=1330

Ausstellung auf der Schallaburg „Die 70er – Damals war Zukunft“: www.mottingers-meinung.at/?p=17758

Wien, 18. 4. 2016

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Das Käthchen von Heilbronn

Juli 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mach‘ mir den Hengst, Liebster!

Anna Unterberger und Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Anna Unterberger und Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Das erste von einigen Komplimenten, die man Regisseurin Maria Happel und ihren Schauspielern machen muss, ist, wie sie die Sprachgewalt Kleists wortmächtig und dennoch ungekünstelt umgesetzt haben. Chapeau! bei einem Text, wo’s beispielsweise heißt: Und wo der Zeisig sich das Nest gebaut, der zwitschernde, in dem Hollunderstrauch, soll sich ein Sommersitz dir auferbaun … Da verlangt Natur nach Natürlichkeit. Die Sommerspiele Perchtoldsdorf haben sich für das erste Jahr der Intendanz Michael Sturminger was „Leichtes“ ausgesucht: Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“. Und unter Happel wird dieses Schauermärchen, die Ritterromanze tatsächlich leicht. Wie dem darin auftretenden Cherub wachsen dem Abend in der Dämmerung Flügel. Happel inszeniert nicht unkomisch, trotzdem ohne an Kleist Verrat zu begehen. Der hat nämlich sein ganzes Sein in diesen Stoff verwoben. Den steten Kampf von Instinkt gegen Intellekt. Seinen verlorenen gegen die Depression. Kleist ist hier Teil all seiner Figuren.

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem heimlichen Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste entführt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht im Femegericht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, mit seinem Vater nachhause zurückzukehren. Seine Zuneigung zu dem nicht adeligen Käthchen unterdrückt er. Kurz darauf befreit der Graf in einer einsamen Hütte die gefesselte Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum zu Silvester angekündigt wurde und verlobt sich mit ihr. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten mit dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun Schlag auf Schlag in Erfüllung geht. Käthchen entpuppt sich als die verheißene Kaisertochter und somit steht einem Happy End nichts mehr im Wege.

Vor der Perchtoldsdorfer Burg spielt sich das Geschehen in terrassenförmigen, halb durchsichtigen, steilen Spielfächen aus schwarzem Plexiglas ab (Bühne: Andreas Donhauser, Sebastian Eckl, Paul Sturminger). Die Darsteller agieren sozusagen immer am Abgrund, immer absturzgefährdet. Die Kostüme (Renate Martin, Marie Sturminger) sind angedacht historisch. An Special effects wurde nicht gespart: Die Burg brennt tatsächlich! Einen Wasserfall gibt es auch. Ansonsten kommt Happel weitestgehend ohne Requisiten aus. Keine Schwerter (außer in der Schlussszene), keine Briefe, Dokumente, Depeschen, nicht Pfeil und Bogen noch Pferde. Alles muss man sich imaginieren. Wobei Imagination klarerweise eines der Schlagwörter des Kleist’schen Werks ist. Aber das Publikum bringt’s schon zum Lachen, wenn die edlen Herren wiehernd und schnaubend über die Bühne traben. Die Ritter ohne Kokosnuss. Mach‘ mir den Hengst, Liebster! Selten hat Kleist so viel Spaß gemacht – ein Umstand, an dem sich in den Pausengesprächen die Geister scheiden …

Das Ensemble wird exzellent angeführt von Dirk Nocker als Theobald Friedeborn, Käthchens Vater. Er spielt alle Facetten seines Könnens aus, vom Berserker zum Besorgten zum Betroffenen, der erkennen muss, dass sein Kind des Kaisers (Seine Majestät Wolfgang Hübsch) ist, weil die Gattin sich einst seitenspringend in den Garten verführte, äh, verfügte. Eigentlich die darstellerische Leistung des Abends. Doch stehen die anderen nicht nach. Anna Unterberger gibt das Käthchen mit der Hingabe eines Groupies, so flehendlich selbstlos, dass man dem Grafen zurufen möchte: Jetzt nimm’s endlich! Hollunderblütentrunken ist sie – Baum ist entsprechend aufgestellt. Und bis fast 23 Uhr muss sie warten, bis ihr Graf auch den „Joint des Mittelalters“ inhaliert hat. Im damaligen Volksglauben wurde ein Kranker schon dadurch geheilt, dass er unter einem Hollunder ein Schläfchen machte. Und Heilung braucht der von Nikolaus Barton gespielte Friedrich Wetter Graf vom Strahl dringend. Edel ist er, doch gerade erst von einer unerklärlichen Schwermut geheilt (?), ein Zer- und Vergrübler. Allerdings viel weniger Elegiebürscherl als der „Prinz von Homburg“ in der einen oder anderen Regiearbeit. Bleibt als weitere Hauptrolle Kunigunde von Thurneck, von Veronika Glatzner einwandfrei großartig als berechnendes Kunstgeschöpf verkörpert – wenn man da noch von Körper reden kann. Ein Geist, der, würde man heute sagen, über eine Schönheits-OP-Katastrophe regiert. Kleist wollte Kunigunde ursprünglich als Nixe haben. Happel nimmt in einer Badeszene, in der die äußere Hülle wieder Form annehmen soll, Bezug darauf. Ein Moment für Connaisseurs. Dennoch, und damit ist die Nadel im Heuhaufen gefunden, wäre in der Kunigunde mehr drin gewesen. Mehr Buhu, mehr Spuk, mehr Argh!

Die übrigen teilen ihre Talente auf mehrere Rollen auf. So ist Maria Happel, wie so gern gesehen, das komische Element – von der Köhlersfrau bis zu Kunigundes Tante. Die Frau schont sich wirklich nicht, wenn es darum geht, sich in hautenge Catsuits zu zwängen. Wunderbar (tragi-)komisch ist auch Sebastian Edtbauer als Gottschalk, des Grafen ergebener, ständig Äpfel essender Knecht. Cornelia Köndgen überzeugt sowohl als des Grafen herrische Mutter wie als schrullige Haushälterin im Schloss. Michael Masula verleiht Grafen, Rittern, Nachtwächtern und einem Erzbischof Würde. Paula Nocker wechselt von Köhlerjunge zur Nichte der Gräfin, und Annemarie Nocker hat die überhaupt wichtigste Rolle: den Cherub, der alles zum Guten wendet.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/maria-happel-und-michael-sturminger-im-gespraech/

Maria Happel und Michael Sturminger im Gespräch

Juni 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sommerspiele Perchtoldsdorf:

Das Käthchen von Heilbronn

Michael Sturminger, Anna Unterberger, Maria Happel, Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Michael Sturminger, Anna Unterberger, Maria Happel, Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Die Sommerspiele Perchtoldsdorf stehen 2014 unter der neuen Intendanz von Schauspiel-, Musiktheater- und Filmregisseur Michael Sturminger. Mit dem „Käthchen von Heilbronn“ (ab 3. Juli), Heinrich von Kleists erfolgreichstem und geheimnisvollstem Stück, will Sturminger die Sommerspiele klar positionieren und bringt als Eröffnungspremiere einen großen Klassiker auf die Bühne. Regisseurin und Schauspielerin Maria Happel sucht mit ihrem jungen Ensemble in der Kulisse der Burg Perchtoldsdorf die Spuren des Stückes zu ergründen: Was ist Traum, was Wirklichkeit? Wo finden wir Wahrhaftigkeit? Und wem sollen wir folgen, dem Verstand oder dem Gefühl?

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste an sich gefesselt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, zu seinem Vater zurückzukehren. Seine Zuneigung zu der schönen Bürgerstochter aus Heilbronn zeigt er nicht. Kurz darauf befreit der Graf die in einer einsamen Hütte festgehaltene Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum als Ehefrau angekündigt worden war. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten zu dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen, samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun  in Erfüllung geht. Und somit steht einem Happy End nichts  im Wege.

Es spielen Anna Unterberger (Käthchen), Nikolaus Barton (Graf Wetter vom Strahl), Wolfgang Hübsch (Der Kaiser),Veronika Glatzner (Kunigunde), Dirk Nocker, Maria Happel, Cornelia Köndgen, Michael Masula, Helmut Bohatsch, Alexander Tschernek, Helene Stupnicki, Sebastian Edtbauer, Thomas Kahry, Aaron Friesz, Paula Nocker (Eleonore/Köhlerbub), Annemarie Nocker (Cherub).

Michael Sturminger und Maria Happel im Gespräch:

MM: Herr Sturminger, warum wollten Sie Intendant der Sommerspiele Perchtoldsdorf werden? Ihnen ist doch auch ohne diese Aufgabe nicht fad.

Michael Sturminger: (Er lacht.) Das ist eine sehr gute Frage – im Augenblick. Ich finde gerade heraus, wie sehr meine Hauptarbeit ist, Geld aufzustellen, und wie schwer das ist. Aber ich wollt’s gerne werden, weil ich wissen wollte, ob ich so eine „kleine, überschaubare“ Aufgabe auf diesem Sektor bewältigen kann. Und merke jetzt, dass sie weniger klein und überschaubar ist, als angenommen. Gleichzeitig ist es ein fantastische Möglichkeit, weil ich kann mir das „Käthchen von Heilbronn“ und Maria Happel als Regisseurin wünschen. Was ist das für ein Privileg!

MM: Warum haben Sie sich für Kleists „Käthchen“ entschieden?

Sturminger: Nicht zuletzt wegen der schönen Burg, die das Zentrum der Sommerspiele bilden soll. In Perchtoldsdorf gab’s eine große Tradition für Klassiker und ich dachte mir, wenn wir schon neu beginnen, dann legen wir den Fokus auf die Klassiker, die ich liebe. Kleist stand an oberster Stelle, weil seine Stücke zu den interessantesten gehören, die ich an Theatertexten kenne. Ich glaube, dass das „Käthchen“ für uns ein gefundenes Fressen ist, denn Kleist traut sich alles, der scheut gar nichts. Das kann man an seinem Werkkatalog sehen. Wenn er schreibt, ist alles möglich – und wir leben in so wahnsinnig ängstlichen Zeiten, wo alles abgewogen und reproduziert wird, was das letzte Mal erfolgreich war; man will sich hauptsächlich versichern. Käthchen folgt einem Traum, einem inneren Auftrag, einer Berufung, keiner Marktanalyse. Um eine Intendanz zu beginnen, muss man wohl auch ein wenig so sein. Ich folge auch meiner inneren Stimme. Und jetzt gebe ich das Wort weiter an Maria.

MM: Gut. Ich will nur wissen, ob die Burg brennen wird.

Maria Happel: Das ist auch die Frage, die mich momentan am meisten beschäftigt. Ich will die Burg brennen sehen. Die Jungs, die jetzt dabei sind, die Bühne zu bauen, haben schon die eine oder andere Idee.

MM: Die ernsthafte Frage, die ich stellen wollte, war: Was hat Sie bewogen, die Inszenierung zu übernehmen?

Happel: Es ist schon auch eines meines Lieblingsstücke. Ich habe mich in den vergangenen Jahren über den „Zerbrochenen Krug“ mehr mit Kleist beschäftigt und diese Sprache ist eine der vollkommensten, eine, die einem Schauspieler wahnsinnig viel Futter bietet. Also macht es Spaß, da einzusteigen, auf die Suche zu gehen, Türen zu öffnen. Bei Kleist ist Sprache wie ein teures Parfum, das bei jedem Darsteller ein wenig anders duftet. Das macht die Schauspieler gerade sehr glücklich. Ein Traum. Der unter einem Hollunderbaum stattfindet.

MM: Wie bitte?

Happel: Ja, man war damals der Auffassung, dass Hollunderblüten Halluzinationen hervorrufen. Was vieles an der Handlung erklären würde. Kleist hat sich mit allerlei beschäftigt, zum Beispiel mit dem Zusammenwirken der linken und rechten Gehirnhälfte, die eine, die emotionale wird nicht mehr aktiv benutzt, sagen Forscher heute. Würden wir das tun, würden wir andere Dinge wahrnehmen. Den Cherub etwa. Das Theater als magischer Ort macht das alles möglich. In der großen Weltliteratur eben sind mehr Dinge verankert, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Käthchen kämpft mit der Pubertät, läuft einem Ideal, einem Idol hinterher. Heute wäre das vielleicht Justin Bieber. Graf Wetter von Strahl hatte eine „seltsame Schwermut“, heute würde man vielleicht sagen eine manische Depression – alles Dinge, die mit dem Verborgenen im Gehirn zusammenhängen.

MM: Nikolaus Barton spielt den Graf, Anna Unterberger das Käthchen. Wie sind Sie auf die beiden gekommen?

Sturminger: DerNick kommt aus einer Wiener Theaterdynastie und hat uns gleich beim ersten Vorsprechen überzeugt. Anna ist eine Südtirolerin, die gerade eine große Kinokarriere startet. Sie hat die Klarheit und Fähigkeit hochintelligent „naiv“ zu sein.

Happel: Sie ist klar, pur, unverstellt. Käthchen hat ein Ziel, eine Sehnsucht nach dem Gegenüber, das einem fehlt. Das verkörpert sie ganz wunderbar.

MM: Ich freue mich schon sehr auf Veronika Glatzner als Kunigunde. Primär, weil ich sie als Schauspielerin schätze. Aber wie wird das werden? Frankensteins Tochter? Kleist gibt vor: die Zähne aus München, die Haare aus Frankreich, das Korsett, das sie aufrecht hält aus Ungarn …

Happel: Ja, heute wären vielleicht die Zähne aus Ungarn (sie lacht). Wir denken gerade in verschiedenste Richtungen. Von Lady Gaga bis zur schönheitsoperierten Cher. Darauf würde ich’s aber nicht beschränken. Kunigunde hat viel mehr mit Kleist selbst zu tun, der auch da ein Suchender war. Es ist sicher ein Geschlechterproblem, es hat mit dem Unterleib zu tun, denn ursprünglich wollte Kleist Kunigunde als Nixe. Auch etwas Unerreichbares. Sie setzt sich aus allen drei Reichen der Natur zusammen: Pflanze, Mensch, Wasser. Aber sie ist sicher nicht Frankensteins Tochter. An dieser Figur arbeiten wir noch sehr.

MM: Ist es zu weit hergeholt, wenn ich sage, da hat sich Kleist an seinem Frauenbild abgearbeitet?

Happel: Ich glaube, er hat sich an sich selber abgearbeitet.

Sturminger: An diesem Nirgends-ganz-Dazugehören.

Happel: An diesem Sich-verstellen-müssen, nicht der Norm zu entsprechen.

Sturminger: Käthchen ist das Bild, das wir uns erträumen, Kunigunde ist, was wir wirklich sind. Kunigunde scheitert, weil sie sich verbiegt, Käthchen kann nicht scheitern, weil sie nichts will, außer ihrer Bestimmung zu folgen.

Happel: Kunigunde ist eine Kunstfigur. Sie ist Vernunft, Käthchen das Gefühl.

MM: Aber ein bisschen leid tut mir der Graf schon zwischen diesen beiden irren Weibern.

Happel: Ja, und die Mutter nicht zu vergessen. Da ist die Schwermut kein Wunder.

MM: Apropos, Mutter: Dirk Nocker spielt mit und Ihre beiden Töchter Paula und Annemarie. In einer „Zirkusfamilie“ muss wohl jeder einmal rauf aufs Trapez?

Happel: So früh wie möglich. Paula ist 17 und hat schon einiges an Film- und Fernseherfahrung. Annemarie ist 12. Mein Mann und ich sagen, sie sollen den Beruf mit allen positiven und negativen Seiten kennen lernen. Am liebsten wäre mir, sie würden auch Karten abreißen. Wer weiß, vielleicht machen sie dann ganz was anderes, vielleicht fangen sie Feuer, aber sie wissen, was auf sie zukommt. Paula beispielsweise interessiert sich im Moment sehr für Psychologie. Aber jetzt ist es mal toll für uns, dass wir im Sommer als Familie auf der Bühne Zeit miteinander verbringen.

Sturminger: Und das mit dem Familienunternehmen geht noch viel weiter: Mein Sohn Paul baut am Bühnenbild mit, meine Frau Renate und meine Tochter Marie machen die Kostüme. Meine Kinder werden sehr streng abgeklopft, aber sie müssen auf den Weg. Sie müssen zeigen, was sie können, da kann man als Eltern nicht helfen, egal ob Schauspieler, Bühnen- oder Kostümbildern.

MM: Sie haben beide schon Sommertheater/Freilufttheater gemacht. Flirrt da die Luft anders?

Sturminger: Im Freien gibt’s immer das große Zittern, ob überhaupt gespielt wird. Das ist grauenvoll und großartig. In Perchtoldsdorf haben wir ja einen schönen unterirdischen Theatersaal. Da sitzen wir also in jedem Fall auf dem Trockenen.

Happel: Die Zuschauer kommen zu uns freiwillig, die haben ja kein Abo geerbt. Natürlich nehmen’s viele als Ausflug, waren vorher schön essen, genießen die schöne Region. Aber die Konstellation auf der Bühne ist das Wichtige, das hat man das ganze Jahr über an keinem Theater: Kräfte aus jedem Haus. Das genießt das Publikum – und die Kollegen, die einander bei solchen Gelegenheiten oft erst kennen lernen. Das macht es aus, glaube ich.

Sturminger: Man kann im Sommer den Leuten nichts Schlechteres vorsetzen als im Rest des Jahres. Natürlich gibt es Vieles in verschiedenster Qualität. Wir wollen auf einer Linie sein mit Reichenau, Salzburg und Bregenz. Wir wollen bestmöglichstes Theater machen. Und wir behaupten, wir können das, weil’s uns nur unter der Prämisse, erstklassig zu sein, Freude macht.

MM: Apropos, Bregenz: Auch da haben Sie Pläne.

Sturminger: Ich mache „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als Oper, eine Uraufführung HK Gruber, Libretto von mir und ich weine bei jedem Horváth-Satz, der aus Zeit- oder anderen Gründen nicht bleiben kann. Premiere ist am 23. Juli. Angelika Kirchschlager singt die Valerie, Anja Silja die Großmutter … Kommt im Frühjahr ans Theater an der Wien.

MM: Und nun die unvermeidliche John-Malkovichs-Frage. „The Giacomo Variations“ – der Film ist fertig. Mit Malkovich als Casanova.

Sturminger: Kommt im Herbst bei einem internationalen Festival heraus. Und so wie’s ausschaut, gibt’s einen großen Kinostart im Dezember inWien. Es ist ein großes Gemisch von Genres, ein Pseusodokumentarfilm über eine Opernaufführung, die zugleich ein historischer Spielfilm ist. Das geht immer mehr ineinander über. Es spielen Veronica Ferres, Fanny Ardant, Jonas Kaufmann, Anna Prochaska und und und

MM: Ich habe John Malkovichs zwei Mal bei Pressekonferenzen erlebt, da war er eher grummelig. Aber Sie scheinen sein Herz erobert zu haben.

Sturminger: Johnny ist der netteste Mensch der Welt – außer zu Journalisten. Er mag zwei Dinge nicht: Immer die gleichen Fragen gestellt zu bekommen – „Und wie haben Sie sich als Serienkiller gefühlt, hat das mit Ihnen persönlich zu tun?“ Und er antwortet: „Yes, I want to kill you.“ – und wenn man ihm Fragen stellt, die seine Antwort implizieren. Beides machen Journalisten leider oft – und habe ihn auf Pressekonferenzen rund um die Welt begleitet. Da kann man schon einmal grummelig sein. Im Ensemble ist er ein Übervater, bringt der Maskenbildnerin Erkältungstee, scherzt mit Hotelangestellten, spürt, wenn’s jemandem nicht gut geht, kümmert sich. Johnny ist ein ganz Lieber und Liebenswerter.

TIPP: Matinée/Stückeinführung, Sonntag 22. 6.,  11 Uhr, Burg Perchtoldsdorf. Eintritt frei!
Das Sommerspiele Team um Maria Happel und Michael Sturminger lädt am 22. Juni,  11 Uhr, zur Matinée und Stückeinführung mit Musik, Lesung und Diskussion zum „Käthchen von Heilbronn“ auf die Burg Perchtoldsdorf ein. Mit dabei: Dramaturgin Angelika Messner und u. a. die SchauspielerInnen Anna Unterberger, Nikolaus Barton, Dirk Nocker und Wolfgang Hübsch.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Volkstheater: ich lerne: gläser + tassen spülen

Januar 30, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Briefe von Bertolt Brecht und Helene Weigel

Bild: © Klaus Lefebvre

Bild: © Klaus Lefebvre

„Ich bitte Helli, folgendes zu veranlassen: 1) daß der Tod sichergestellt wird, 2) daß der Sarg aus Stahl oder Eisen ist, 3) daß der Sarg nicht offen ausgestellt wird, 4) daß er, wenn er ausgestellt werden soll, im Probenhaus ausgestellt wird, 5) daß weder am Sarg noch am Grab gesprochen, höchstens das Gedicht An die Nachgeborenen verlesen wird, 6) daß die Totenwache, wenn eine solche gewünscht wird, nur von Schauspielern gehalten wird, 7) daß keine Musik gespielt wird, 8) daß das Grab im Garten in Buckow oder im Friedhof neben meiner Wohnung in der Chausseestraße liegt und nur den Namen Brecht auf einem Stein hat. Danke, Helli!“

Brecht, November 1953, Berlin

Erst seit jüngstem gehört die „Brecht-Sammlung Victor N. Cohen“ dem Brecht-Archiv, einschließlich zahlreicher unbekannter Briefe, die Brecht während seines amerikanischen Exils Mitte der vierziger Jahre von der Ostküste der USA an Helene Weigel nach Kalifornien geschickt hat. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jahrhundertbriefe“ präsentieren am 3. Februar um 19.30 Uhr im Empfangsraum des Volkstheaters die Schauspieler Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier eine Auswahl aus den im Suhrkamp-Verlag erschienen Briefen erstmals auf einer österreichischen Bühne:
ich lerne: gläser + tassen spülen
Bertolt Brecht und Helene Weigel
Briefe 1923–1956
In einer ersten Bestandsaufnahme ihrer Beziehung schreibt Brecht zum Jahreswechsel 1923/24 an und über die junge Schauspielerin: „H W“; von ihr getrennt, herrschen bei ihm „Starke Langeweile/90% Nikotin/0% Grammophon“. Immer wieder bestürmt er sie: Sie möge ein Zimmer oder eine Wohnung beschaffen, Bücher und Artikel besorgen, er erkundigt sich nach ihren Rollen und nach der Resonanz von Publikum und Kritik; er berichtet über die Arbeit an den eigenen Stücken oder darüber, dass er „mit viel Nikotin wenige Sonette hergestellt“ habe. Nach der Flucht aus Deutschland Anfang 1933 geht es immer wieder um Orte, an denen Brecht weiterarbeiten kann, um die Mühsale einer Familie im Exil und um die Nöte einer Schauspielerin, die 15 Jahre lang ohne Bühne ist. Die aus begütertem Wiener Hause stammende Schauspielerin Helene Weigel lernt Brecht durch Vermittlung eines Jugendfreunds  im September 1923 in Berlin kennen. Sie wird Geliebte, Ehebrecherin an Marianne Zoff, schwanger, Ehefrau. Eine Jahrhundertverbindung. Brecht, biblisch im Wort-Sinn, liebte und betrog die Frau, bewunderte und beherrschte die Schauspielerin, vertraute der Gefährtin wie wohl keinem anderen Menschen. Er webt sie ein in sein Spinnennetz aus Zartheit, Hass, Verfallenheit und Beutegier. Früh ist der Ton seiner Briefe harsch und verlangend: Helene Weigel hat „Schwamm und Bürste“ zu ordnen, Briefe (an Piscator und Herbert Ihering) abzuschreiben, „ruf auch sogleich Ullstein an“ und „erkundige dich“ und „schicke mir“ und „hinterleg die genaue Adresse des Schuhmachers für mich“. Dazwischen ist diese Korrespondenz voller Tratsch und Klatsch über Schauspieler, Sottisen über Kollegen, Ehrgeizausflügen ins Elysium Berlin. Politisches vom Marxisten sucht man. „Ich küsse Dich, liebe, alte Helli, es ist schlimm, daß ich nicht da bin“, schreibt Brecht aus Paris zu Weigel nach Moskau. „Lieber Bert, jetzt muß ich Dir schon einen Brief schreiben, weil es mir selber närrisch vorkommt, daß ich nein sage, wenn Du mit mir schlafen willst, und außerdem erstaunt mich Dein sofort auftretendes neubelebtes Interesse, wieso, nur wegen dem nein?“, schreibt die Weigel. Und 1944 nach Bekanntwerden seiner Liaison mit Ruth Berlau: „Du kannst und willst nicht eine deklarierte mit Stempel versehene Ehe führen,  (…) das ist schon ein Fußtritt von besonderer Heftigkeit.“
Brecht-Enkelin Johanna Schall findet sich in der Welt dem Künstlerduo durch den Briefwechsel näher gebracht. Selbst große Geister leben zwischen niedrigen Erledigungen. Kunst ist alles, aber der Abwasch ist auch noch da. „Beide waren eigenwillige Dickköpfe, aber das ist ja eine Eigenschaft, die meiner ganzen Familie eigen zu sein scheint.“
Bertolt Brecht / Helene Weigel: „Briefe 1923-1956. ich lerne: gläser + tassen spülen“, herausgegeben von Erdmut Wizisla. Suhrkamp Verlag.
Wien, 30. 1. 2014

Der Mai im Festspielhaus St. Pölten

Mai 3, 2013 in Tipps

Alles bewegt sich!

Bild: Ros Kavanagh

Bild: Ros Kavanagh

Im Mai  kommt Bewegung ins Festspielhaus – alles dreht sich um das Thema Tanz. Am 4. Mai präsentiert Michael Clark die Österreich-Premiere seiner Produktion „come, been and gone“, in der Moderner Tanz, Ballett und Rockmusik aufeinandertreffen. Am 11. Mai findet das große Tanz- und Musikprojekt „alles bewegt“ in der gleichnamigen Bühnenshow seinen Höhepunkt und Abschluss und am 16. Mai steht die Uraufführung von „Österreich tanzt Baby!“ auf dem Programm. Vier österreichische ChoreografInnen treffen hierbei auf die Musiker der Band Tanz Baby!.

Michael Clark: come, been and gone, Österreich-Premiere, Sa 04. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
Am 04. Mai kommt der britische Choreograf Michael Clark mit seinem Stück „come, been and gone“ ins Festspielhaus: revolutionärer zeitgenössischer Tanz, bei dem die Welten des klassischen Balletts, des Modern Dance sowie explosive Rock-Musik aufeinandertreffen. Michael Clark spielt mit der klassischen Form, die er ebenso zelebriert wie dekonstruiert. Gewagte Kostüme, radikale Stilbrüche und Überzeichnungen, Einfallsreichtum und ein großes Gefühl für Bilder machen seine Abende einzigartig. Zudem ist „come, been and gone“ auch eine Hommage an Rockmusiker wie Bruce Gilbert, Iggy Pop und vor allem David Bowie, dessen Song „Heroes“ den Kern des Abends bildet.

alles bewegt, Uraufführung, Sa 11. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
In der Bühnen-Show „alles bewegt“ findet das gleichnamige große Tanz- und Musikprojekt seinen Höhepunkt und Abschluss, auf den 140 NiederösterreicherInnen zwischen 8 und 80 Jahren ein Jahr lang hingearbeitet haben. Für viele von ihnen war es die erste praktische Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Tanz. Das kreative Team vereint KünstlerInnen wie Doris Uhlich, Maurizio Grandinetti, Murat Coskun oder Josette Baïz, die im Festspielhaus zu den fixen Größen der vergangenen Jahre zählen. Die künstlerische Gesamtleitung obliegt Jane Hackett von Sadler’s Wells London und Joachim Schloemer, dem Künstlerischen Leiter des Festspielhaus St. Pölten.

Österreich tanzt Baby!, Uraufführung, Do 16. und Fr 17. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
Das Festival Österreich TANZT erhält zum Abschluss der Ära Joachim Schloemer noch einmal ein völlig neues Format! Schloemer legt diesmal selbst als Kurator Hand an das Festival und lässt vier österreichische ChoreografInnen mit der Live-Band Tanz Baby! aufeinandertreffen. Tanz Baby! ist bekannt für ihre einzigartige Mischung aus altem Schlager und Neuer Deutscher Welle. Basierend auf ihren Songs, die die Zuhörer auf eine Achterbahnfahrt der großen Gefühle mitnehmen, entstehen vier eigenständige Mikrochoreografien, die von Stephanie Cumming, Ákos Hargitay, Radek Hewelt und Helene Weinzierl extra für diesen Anlass kreiert werden. Auf der Bühne mischen außerdem die Festspielhaus-Crew und die St. Pöltner Football-Mannschaft General Invaders mit.

www.festspielhaus.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013