Aufzeichnungen aus der Unterwelt

August 31, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Strizzis, Stoßspieler und Geschichten aus Stein

Freiheit heißt, zum Heurigen zu gehen und zu singen: Kurt Girk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das muss schon was gewesen sein, als der von ihr zum solchen gekrönte „Unterweltkönig von Wien“ mit einem „ned kassier’n und die Leit‘ schlechtmochn“ bei der Kronen Zeitung erschien, um für die Verwendung seines guten Namens seinen Anteil an den Einnahmen zu fordern. Fünf Prozent, jedes Mal, wenn das Blatt mit reißerischen Schlagzeilen über ihn Umsatz macht, eh klar, dass da die Kiberei aufparadierte.

Alois Schmutzer muss schmunzeln, während er sich erinnert – bevor er auf Nachfrage von Filmemacher Rainer Frimmel lapidar antwortet: „Eine Wiener Unterwelt hat’s ja nie gegeben.“ „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“, die mit dem Großen Diagonale-Preis für den Besten Dokumentarfilm 2021 ausgezeichnete Milieustudie von Tizza Covi und Rainer Frimmel, startet am 10. September österreichweit in den Kinos. Eine Hommage ist der Film geworden, ans Nachkriegswien der Strizzis und Stoßspieler, vor allem aber auch Covis und Frimmels persönliche Liebesgeschichte mit ihren charismatischen Protagonisten. Das darf man den Filmemachern unterstellen: allen voran Alois Schmutzer und Kurt Girk, der Harte und der Zarte, deren von Nostalgie umwehte Erzählungen in eine fremde, ferne Welt entführen.

Schmutzer, zuschlagkräftiger Sohn eines wegen Wilderei und Schmuggels erschossenen Fleischers, war weiland einer der wichtigsten Aufmischer beim illegalen Stoßspiel, und Wienerliedsänger Girk – Heurigenspitzname: „da Sinatra aus Ottakring“ – nicht nur beim Kartengeben mit von der Partie. In langen, ruhigen, grobkörnig anmutenden Schwarzweißeinstellungen, auf Super-16mm-Film gedreht, schildern die beiden eines Romans würdig, spielfilmreif, was besser nicht erfunden hätte werden können. Schicksale, selbstverständlich, aber mit jener Art Die-Zeit-heilt-alle-Wunden-Gestus, die verdeutlicht, dass der eine seine Freiheit neben seinem Akkordeonspieler (Girk verstarb 2019), der andere bei seinen Bienenstöcken im Waldviertel gefunden hat.

Vergeben, nicht vergessen, dies eine nicht, wovon später die Rede sein soll, und Frimmel lässt die beiden sich entsinnen, ohne groß zu unterbrechen. Die Atmosphäre mit dem Loisl und dem Kurti ist familiär. Bemühte man den Begriff „Original-Ton“, so wär‘ er hier wortwörtlich zu nehmen. So geht’s von Andenken an die Jugendjahre im Dritten Reich, an den „leiwanden Kerl“ Hausherr Dr. Blum, der der Mutter den Zins stundete und schließlich der Gestapo durch Selbstmord entkam, an die Nachbars-Nazis, die beim Einmarschieren der Russen schnell das Hakenkreuz aus der „roten“ Fahne schnitten, zu klein-/kriminellen Gepflogenheiten der 1960er-Jahre samt den Schlachten mit der Polizei, die die Härte des Gesetzes per Gummiknüppel auf die Köpfe niederprasseln ließ. Öffentliche, legitimierte Gewalt auf der Straße, Polizeigewalt, nur ein Thema dieses Films, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat …

Kurt Girk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Alois Schmutzer. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Helene Martinez. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Peter Leitheim. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Allmählich werden die Anekdoten zu Biografien, lernt man Freund und Feind und Perspektivelosigkeit kennen, mit jedem neu aufgeschlagenen Lebenskapitel gewinnen die „Aufzeichnungen“ an Tiefe. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker wird seine politische Dimension. Als Talon im Ärmel der Filmemacher entpuppt sich Alois Schwester, die Helli, Helene Martinez, die zumindest dieser Zuschauerin vergeblich versucht, die geheimnis- vollen Regeln einer Stoß-Partie beizubringen. Mit der Helli, ihrem Fotoalbum und ergänzendem Fernseharchiv- material ist die Zäsur gesetzt. Wieder die Kronen Zeitung, Schlagzeile: „Norbert Schmutzer von zehn Kugeln getroffen“, Alois‘ Bruder, dazu Aufnahmen von Schaulustigen und der Spurensicherung vorm „Stüberl-Café“.

Helene Martinez zeigt ein Porträt vom feschen Norbert, ein Foto seiner Freundin Susi mit Einschussloch, trug er’s doch in der Mordnacht in seiner Brieftasche, eins vom Alois in Stein. „A Brieftaubn“ sollen der Loisl und der Kurti g’macht haben, ein Postraub mit Todesfolge, für den Schmutzer zehn Jahre Haft ausfasst, Girk acht, obwohl sie nachweislich nicht die Täter sein konnten. Die Entrüstung über die ungerechte Verurteilung, die in Kurt und Alois schlummert, tragen Covi und Frimmel weiter. Nun treten Justiz- und Polizeiwillkür zutage, werden grausame Methoden des Strafvollzugs deutlich, und damit auch ein Echo des Naziterrors und die Rolle von Macht und Staat in den ersten Nachkriegsjahrzehnten.

Die Polizei, die einen prominenten Unterweltler eliminieren nicht möchte, sondern fürs eigene Image muss, einen „Medienstar“, und apropos, Aktualität: die Medienhetze, die Meinungsmacher. Schmutzer nennt Inspektor Hammer – nomen est omen – vom Sicherheitsbüro „an Scheißhund“, der Girk acht Zähne ausschlug, die Zustände in den Gefängnissen, die schlimmen Verhältnisse im Strafvollzug, die wären ein eigener Film. Davon zu berichten haben Covi und Frimmel Peter Leitheim vor die Kamera gebeten, und pardon, er ist der einzige, dem man den Alkoholismus deutlich ansieht.

Hellis Fotoalbum: ein Bild von Norbert Schmutzers Freundin Susi mit Einschussloch, Norbert, unten: Alois in Stein. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Für Frimmel ist er ein weiteres Opfer, der junge Bursche ohne Berufsausbildung, der zum Gefängniswärter wurde, der Misshandlungen von Häftlingen mit dem Schutz seiner eigenen Unversehrtheit rechtfertigt. Und auch er hat seinen Zorn, auf den Vorgesetzten, der wegen eines Tränengaseinsatzes gegen Schmutzer in dessen Zelle 400 Schilling mehr Pension bekommen, während er, direkt am Einsatzort, bis heute Probleme mit den Augen hat. Ein Vorfall übrigens, den Girk mit dem ihm

eigenen trockenen Galgenhumor kommentiert, sollte der Freund den Tobsüchtigen damals doch kalmieren: „Drauf hob I sagt, I hob eam jo ned eing’sperrt, es Trottln.“ „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ zeigt in voller Unverblümtheit eine des männlichen Faustrechts. Die Wahrheit? Ist irgendwo da draußen. Jedes Relativieren, jedes Offenbaren von neuen Fakten, wird individuell zwischen Protagonisten und Publikum neu verhandelt.

Man kann diesen Film als Sittenbild, als gesellschaftspolitische und soziale Zustandsschilderung aus dem Wien der Sechziger Jahre sehen, oder als einen über Stolz, Respekt und Würde. Von den einzigartigen Gesichtern der Protagonistin und der Protagonisten geht eine beinah unheimliche Faszination aus, das sind Persönlichkeiten, die sich durch nichts im Leben haben brechen lassen. Oral History vom Feinsten.

Am Ende: Aufnahmen in Farbe. Kurt macht sich für einen Auftritt fertig, Alois zeigt seinen Hof. Und dann: die beiden gemeinsam beim Heurigen, sie singen „Heute war die alte Zeit bei mir“, das absolute Lieblingslied von Kurt und Alois und jedes Mal, sagt Frimmel mit seinem Gespür für einfühlsames und empathisches Filmemachen, „wenn sie sich getroffen haben und wir dabei waren, haben sie es gemeinsam gesungen“. PS.: Welturaufführung war bei der Berlinale, und Schmutzer gab auf der Bühne Vollgas mit seinem Wiener Schmäh – und musste fürs Publikum via Dolmetscher übersetzt werden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=L68aMLUHsMk           www.youtube.com/watch?v=lPBE9dfxgEw           unterwelt.wien           stadtkinowien.at

BUCHTIPP:

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Schwere Knochen“, Roman, 576 Seiten. Schalko erzählt von der Zwischen- bis zur Nachkriegszeit von der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: leerzuräumen –  der Wessely, genannt „der Bleiche“, der „Zauberer“ Sikora, der Fleischhauersohn Praschak und der Krutzler, das ist der mit den schweren Knochen, weil ein Bulle von einem Mann, und alle vier von den alten Herren der „großen Galerie“, das sind laut Glossar die hochrangigsten Verbrecher, mutmaßlich so genannt nach dem Fotoalbum der Polizei, ob ihres Einfallsreichtums wohl gelitten … Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 8. 2021

Das brut geht online: Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien. Artist-Talk & Filmscreening

November 17, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur mal kurz ganz Wien retten

Die Rabtaldirndln: Vier steirische Actionheldinnen retten in der Bundeshauptstadt, was an der noch zu retten ist. Screenshot: Trailer „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

James wer? Ethan wie? Die einzigen, die Wien vor den Machenschaften von vier Bösewichtinnen retten können, sind doch eindeutig die Rabtaldirndln! Das hat die performative Viererformation schon erfolgreich mit Graz getan, wo’s darum ging, das Herz der Grünen Mark vorm Dasein als Disney-Waterpark samt ganzjährigem Aufsteirern zu bewahren. Nun setzen sie ihre Superheldinnenkräfte für die Bundeshauptstadt ein.

Deren erster Bezirk erst warm abgetragen, dann geflutet werden soll, auf dass ein „Dubai an der Donau“ entstünde, eine Oligarchinnen-Insel der Seligen mit dem Burgtheater als Indoorsportpalast und Albertina-Ambiente für die Luxusappartements … Noch Anfang Oktober haben Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Bea Dermond und Gudrun Maier ihre Koproduktion mit brut Wien live am Schwendermarkt gezeigt, das nervenzerfetzende Action-Movie-Spektakel getarnt als Filmdreh in und um die VHS Rudolfsheim-Fünfhaus mit dem Publikum als Komparsinnen und Komparsen. Doch die seit „Live and please die“ Spionagefall-erfahren Frauen erlebten mit „#Corona never dies“ sozusagen ihr „Octoberpussy“ – weshalb sie nun zum Online-Artist-Talk & Filmscreening von „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“ luden, der Film nach wie vor zu sehen auf brut-wien.at.

Mit famosem Humor arbeitet sich das Frauenkollektiv am Bond-Mythos samt dessen Klischees von Männlichkeit ab. Die muss nicht unbedingt gleich „toxisch“ sein, wie eine Diskussionsteilnehmerin im „Wie konntet ihr nur?“-Tonfall nicht aufhört zu fragen. Nein, sagen die Rabtaldirndln, this is a Women’s World, und Frauen treten im Gegensatz zum Loner Spy als Kollektiv an, aber: Die Rabtaldirndln seien als Kunstfiguren ebenso gewaltbereite, die ethisch außerhalb jeder Grenze agieren – und in diesem speziellen Setting neben ihren Superheldinnenrollen außerdem als Schurkinnen eingesetzt.

Helene hält die Cue Cards hoch. Bild: © Franzi Kreis

War Room. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Control Room. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Action Room. Bild: © Franzi Kreis

Und so landet man via Video ebendort, beim Making-of, für das kein Geringerer als toxic-dreams-Mastermind Yosi Wanunu als Regisseur fungiert, und Gerda Saiko als Outside Eye, der Parcours voll aberwitziger Ideen gestaltet von Ausstatter Georg Klüver-Pfandtner. „Wir tun jetzt so, als würdet ihr glauben, dass wir einen Film drehen“, empfiehlt Gudrun Maier dem Publikum, und dieser Selbstbetrug wird nun hundert Minuten lang durchgezogen. Die Handlung, teilweise durchspickt mit Original-Floskeln, ist eine soziale Dystopie über Turbokapitalismus und Demokratieversagen, Kagran eine Sondermülldeponie, auf der Flüchtlingskinder nach Seltenen Erden graben, die Lobau Malaria-verseucht, der Fluss gefährdet von suizidalen Reichsbrücken-Befahrern.

Einzig der erste Bezirk ist eine Schutzzone, vor der bewaffnete Sicherheitskräfte Ausweise und Bankomatkarten kontrollieren. Welch ein Uschi-Stenzel-Traum! 184 Minikameras, versteckt in – no na – Armbanduhren, Blumenkästen und einem Dirndl-Schneidezahn drohnen durch die totale Paranoia, jene dunkelwindige Atmosphäre, in der Assistent Director Helene die Cue Cards für die Komparserie im doppelten Wortsinn hochhält. Derart versteckt sich im spaßigen Spiel die Dirndl-typische Gesellschaftskritik, nach Landflucht und Pflegenotstand ist’s nun die über Gentrifizierung und Kommerzialisierung; die Frage, die sie diesmal stellen, so die Performerinnen im Talk, ist: Wem gehört die Innere Stadt und ihre Kultur?

Welch ein Theater-Film-Experiment im, darauf wird wert gelegt, Olivier-Assayas-Stil. In einer geheimen Mission stürmt das #Corona-Masken-vermummte Komparserie-Publikum die als Headquarter auserkorene VHS, um dort vom War Room in den Control Room in den Action Room geleitet zu werden. In ersterem wird man top secret darüber informiert, wie sich die Bürgermeisterin in die Hände eines kriminellen Konsortiums begab, in zweiterem hat man als Geheimdiensthacker endlich die ebenfalls mit besonderen Begabungen ausgestattete Kanaille auf dem Schirm, eine Feuerteufelin, eine Cyborg, eine Banshee und eine niederträchtige Wassernixe.

In Bond-Pose: Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Gudrun Maier und Bea Dermond. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Im dritten folgen spektakuläre Verfolgungsjagden auf dem Snowboard vor hochalpiner Kulisse auf solche mittels Paraglider auf Motoryacht und Edelkarosse, augenzwinkernde Zitate aus Pappendeckel und Faschingsseide. Und während das Publikum mit Windmachen und Knöpfe-Drücken beschäftigt ist, wird Agentin X der berüchtigte, von den anderen als antifeministisch, von ihr aber als weibliche Selbstermächtigung gelesene „Buchtel-Satz“ aus dem Skript gestrichen, verschwimmt Fakt mit Fiktion, wenn Agentin Y Dreh mit Diskurs

verbindet und mit den Zuschauerinnen und Zuschauern in einen Dialog ums Wiener Wohnen, hohe Mieten und das Klima in der Stadt tritt. Die schönsten Sequenzen, leider, fanden bereits im Verborgenen statt. Das Bad in einem Martiniglas vor vierzig Bond-Boys, die Sexszene … Dafür darf die Komparserie aus roter Wolle ein Lasernetz spannen, durch das eifrig gerobbt wird, gilt es doch die Bombe zu entschärfen. Welchen Draht durchschneiden – rot oder grün? Die Frage hat sich in Wien erledigt. Doch auf die, was man als Statistin, als Statist in dieser Stadt tun kann, ist die Antwort ein eindeutiges: „Und: Action!“ der Rabtaldirndln.

„Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“ ist höchst amüsanter Nonsens mit ganz viel Hintersinn, bei dem nicht nur ein Kinogenre, sondern selbstverständlich eine Geisteshaltung in ihre Bestandteile gesprengt wird. Die Lockdown-Pause will das Performancekollektiv für ein „Die Stadt der …“-Comicheft nutzen, das im Frühjahr 2021 erscheinen soll, danach warten aufs Format Einladungen in andere europäische Städte. Schlusssatz Yosi Wanunu beim Online-Artist-Talk: Er hoffe, dass die #Corona-Lehre eine „Culture-Diet“ sei, „und die Kulturverantwortlichen nicht länger die Big Events und die Festivals abfeiern, sondern endlich die vorhandenen, das ganze Jahr über arbeitenden Künstlerinnen und Künstler entsprechend fördern“.

brut-wien.at           dierabtaldirndln.wordpress.com

Trailer: vimeo.com/452533536           Film: vimeo.com/479300245

  1. 11. 2020

Vincent Cassel in „Alles außer gewöhnlich“

Dezember 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Was heißt das schon – normal?

Malik und Bruno helfen Valentin vom Minivan auf die Koppel zur Pferdetherapie: Reda Kateb, Marco Locatelli und Vincent Cassel. Bild: © Prokino Filmverleih

Szene eins, und Action: Ein Mädchen hetzt durch eine Fußgängerzone, stößt dabei Passanten nieder, hinter ihr Männer – sie wird gejagt, die Menschenmenge denkt das Schlimmste und will sich den Verfolgern wütend in den Weg stellen. Da bekommt Malik die junge Frau zu fassen, und in seiner Umarmung beruhigt sie sich von all den Eindrücken, die aus dem lauten Draußen in ihr stilles Inneres eingebrochen sind. Émilie ist Autistin.

Szene zwei, und Action: Bruno durchmisst im Laufschritt eine Metrostation, fällt hastig ins dortige Polizeirevier ein, um einen jungen Mann auszulösen. Der hat, nicht zum ersten Mal, im Zug die Notbremse gezogen, mitten in der Stoßzeit, und bei der Festnahme auch noch um sich gebissen. Die Beamten sind verärgert, wollen eine saftige Geldstrafe kassieren, doch Bruno ist ein gewiefter Um-den-Finger-Wickler, und so bekommt er seinen Schützling bald frei – Joseph, er ist Autist.

Es wird ziemlich viel gerannt in „Alles außer gewöhnlich“, dem neuen Spielfilm des „Ziemlich beste Freunde“- Erfolgsduos Éric Toledano und Olivier Nakache, der am Christtag in den Kinos anläuft. Das liegt daran, dass andauernd Krisensituationen zu bewältigen sind, größere und kleine Katastrophen, und immer sofort, schnell, stante pede. Vor allem Bruno ist einer, der immer in Eile ist, und doch stets Zeit für andere findet. Für seine Pfleglinge und deren verzweifelte Familien, für überforderte Ärzte und seine nicht minder strapazierten Mitstreiter.

Vincent Cassel spielt Bruno, Reda Kateb den Malik, beide Begründer von privaten Organisationen, die jenseits aller Konventionen und behördlicher Protokolle, ja diese in der Regel sogar austricksend, jugendliche Autisten betreuen. Auch schwere Fälle, die sie aus staatlichen Einrichtungen, Psychiatrien, in denen sie weggesperrt, fixiert, sediert waren, zurück in eine Art Alltag holen. Für viele sind Brunos „Stimme der Gerechten“ und Maliks „L’escale“, „Die Zwischenlandung“, die letzte Rettung, Hoffnung und Zuflucht, Brunos Antwort auf jede Bitte, die an ihn herangetragen wird: „Ich finde eine Lösung!“ Cassel zeigt diese Bürde mit der schönen Geste heiterer Unerbittlichkeit, die Überlastung als Brunos Lebenselexier, seinen Dauereinsatz als Preis und Lohn zugleich.

Mit Joseph fing für Bruno alles an: Benjamin Lesieur und Vincent Cassel. Bild: © Prokino Filmverleih

Bei der „Stimme der Gerechten“: Vincent Cassels Bruno mit einem von dessen Schützlingen. Bild: © Prokino Filmverleih

Gemeinsam mit Dylan (Bryan Mialoundama) nähert sich Valentin den Pferden: Marco Locatelli. Bild: © Prokino Filmverleih

Malik und Dylan gehen mit den Kids eislaufen: Reda Kateb, Émilie und Bryan Mialoundama. Bild: © Prokino Filmverleih

Denn selbstverständlich machen Toledano und Nakache aus dem Autismus kein Drama. Die Meister dessen, was französische Filmkritiker als Sozialkomödie etikettiert haben, durchweben die Geschichte sehr subtil mit tragikomödiantischem Humor und Szenen feiner Poesie. Auf Spaß beim gemeinsamen Eislaufen folgt ein gebrochenes Nasenbein, auf eine Tanzchoreografie die Frage „Darf ich meine Mutter hauen?“. Die Regisseure und Drehbuchautoren mixen Sozialthriller-Spannung mit Buddy-Film mit Love- und wie schon bei Philippe und Driss einer True-Story: Bereits in den 1990er-Jahren haben die zwei Stéphane Benhamou und Daoud Tatou und deren Vereine „Le Silence des Justes“ und „Le Relais Île-de-France“ kennengelernt, und aus der aus dieser Begegnung entstandenen Doku „Man müsste einen Spielfilm daraus machen“ wurde nun einer.

„Alles außer gewöhnlich“ folgt seinen Protagonisten auch diesmal wie mit der Dokukamera, ohne viel erklärt zu bekommen, wird der Betrachter ins Geschehen gestoßen, was da gerade abgeht, entschlüsselt sich einem nach und nach. Von den kaleidoskopisch sich drehenden Episoden rücken Toledano und Nakache einige in den Vordergrund. Etwa die von Joseph, jenes einstmals von jeder Institution abgelehnte Kind, das Brunos erster „Fall“ wurde, und dem er nun, zum Techniktüftler herangewachsen, einen Arbeitsplatz in einer Reparaturwerkstatt zu schaffen versucht. Oder die von Valentin, der bei Problemen mit dem Kopf gegen die Wand donnert, so dass er einen Schutzhelm wie fürs Sparringboxen tragen muss.

Benjamin Lesieur hat die Figur des Joseph übernommen, ihn, wie viele der Mitwirkenden, fanden die Filmemacher in der Künstlerkolonie „Turbulences“, die mit Menschen zusammenarbeitet, die autistische Verhaltenszüge oder besondere Kommunikationsstörungen aufweisen. Im Gespräch erzählt Toledano, man hätte sich von Benjamin Verhaltensweisen abgeschaut, die Weise, wie er anderen gern den Kopf auf die Schulter legt, was übrigens Josephs Kollegin Brigitte zutiefst verstört, seine in Endlosschleife wiederholten Sätze „Ich bin unschuldig!“ und „Wir haben es fast geschafft!“ – der zum Leitmotiv zwischen Joseph und Bruno wird, jedes Mal, wenn er die Notbremse eine Station näher zum Ausstiegsziel zieht.

Marco Locatelli hat für die Rolle des Valentin vorgesprochen, ohne irgendjemanden einzuweihen. Toledano: „Er kam zum Casting und sagte: ,Ich habe einen kleinen Bruder, der Autist ist, wenn ich in diesem Film mitspiele, könnte mir das vielleicht helfen, ihm näherzukommen, ihn zu lieben.‘“ Und da sowohl Daoud Tatou in der Realität als auch Malik auf der Leinwand ihr Team aus Jugendlichen in sogenannten sozialen Brennpunkten rekrutieren, sind auch diese echt. Dylan, den Malik als Betreuer mit Valentin zusammenspannt, verkörpert Bryan Mialoundama, nominiert für einen César in der Kategorie „Bester Nachwuchsdarsteller“ und nach einer Schlägerei im November in Untersuchungshaft.

Auch diese beiden sind ziemlich beste Freunde: Vincent Cassel als Jude Bruno und Reda Kateb als Muslim Malik. Bild: © Prokino Filmverleih

Wie der unkontrollierbare Valentin und der unangepasste Dylan bei der Pferdetherapie zueinander finden, gegenseitig Vertrauen fassen, die Systemsprenger fast so etwas wie Freunde werden, wie man dem Augenblick entgegenfiebert, in dem Valentin endlich seinen Helm abnehmen darf, gehört zu den berührendsten Momenten des Films, ist ein Fingerzeig auf die Sinnlosigkeit der Frage nach dem, was „normal“ ist, und auf die zu bergende, überbordende Lebensenergie

der Kids in den Banlieues. Und dann ist da noch Valentins Logopädin Ludivine, Lyna Khoudri, in die sich Dylan unsterblich verliebt. Wie zwischen diesen die Hautfarbe kein Thema ist, so macht „Alles außer gewöhnlich“ auch um die Religion kein Aufheben. Wie nebenbei sieht man Brunos Kippa und Zizit, wie nebenbei nennt sich Malik einen praktizierenden Muslim, Kneitsch sitzt neben Hijab, man isst mal Challa, mal Couscous. So einfach kann’s sein. So liebenswert, weil authentisch.

Alldieweil sitzen Bruno zwei Kontrollbeamte der Inspection Générale des Affaires Sociales, Frédéric Pierrot und Suliane Brahim von der Comédie française, zwecks Schließung seines ohne Genehmigung agierenden Vereins im Nacken, heißt: im Büro. Ihre Interviews mit Josephs Mutter, Hélène Vincent, oder Valentins Ärztin, Catherine Mouchet, die Schlüsse, die sie daraus ziehen, und ihr Report, der perfide erst im Abspann und dann langsam, Wort für Wort, enthüllt wird, lässt einen erst vor Zorn Zähneknirschen, dann vor Angst Nägelkauen. Auch mit den Inspektoren redet Bruno voll Engelsgeduld mit Engelszungen, Cassels verschmitzter Charme adelt die ganze Sache, macht sie „leicht“, nicht zuletzt durch die skurrilen Dating-Desaster, die Shidduchs, zu denen ihn Freund und Wirt Menachem, Alban Ivanov, beharrlich schickt.

Ein Lichtblick ist da erst Mme Diabatés, gespielt von Fatou-Clo, Tochter, Manda Touré, die unverblümt ihr Interesse an Bruno äußert, als sie ihre Mutter begleitet, um den kleinen Bruder abzuholen. Der, ist Mme Diabaté überzeugt, verhext wurde, weshalb sie zur Aufhebung des Fluchs noch ihr letztes Geld nach Dakar sendet … Cassel als Bruno, der Besonnene, und Kateb als Malik, der Aufbrausende, wenn er seinen Problemkids Bildung, Benehmen und Pünktlichkeit beibringen will, sind ein ebenso geniales Gespann, wie die Schöpfer ihrer Charaktere, Toledano und Nakache.

Ihr Weihnachtsmärchen von den guten Menschen überzeugt nicht nur durch Vermeidung rührseliger Behinderten-Klischees, sondern vor allem mit einer gnadenlosen Gesellschaftskritik, die dem Feel-Good-Movie wie ein Subtext unterlegt ist. Zum Ende wartet nämlich nicht nur der IGAS-Endbericht, die Ereignisse spitzen sich insgesamt zu, als Dylan vors Haus rauchen geht und Valentin aus seinem Zimmer Richtung Stadtautobahn abhaut. Wie zu Beginn wird jetzt gerannt, alle preschen nach allen Seiten auseinander, ein Aufruhr, den die Polizei naturgemäß für verdächtig halten muss – weshalb sie flugs alle dunkelhäutigen Helfer verhaftet …

 

www.alles-ausser-gewoehnlich-derfilm.de

  1. 12. 2019

Thomas Vinterbergs „Die Kommune“

April 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Akademietheater auf die Kinoleinwand

Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

In der Kommune wird basisdemokratisch über alles abgestimmt. Über fast alles. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Die 1970er-Jahre waren bewegte Zeiten. Von den Protesten gegen den Vietnamkrieg bis zur Volksabstimmung gegen Zwentendorf. Von den Gratis-Schulbüchern über die Durchsetzung der 40-Stunden-Woche bis zum Kampf für die Fristenlösung und gegen Atomkraft. Wesentliche Errungenschaften des modernen österreichischen Sozialstaats sind geistige Kinder dieses Jahrzehnts.

Zur Revolution stiefelte man in lebensbedrohlichen Plateauschuhen. Und Nina Hagen zeigte im Club 2, wie’s geht und wo’s gut tut. Ach, Bürgerschreck wollte, nein: musste! man sein, und welch ein Glück, die ließen sich damals auch noch schrecken. Waren empört über Peter Zadeks „Othello“, schrien Skandal zu Franz Novotnys „Staatsoperette“, liefen Sturm gegen Claus Peymanns Geldsammelaktion für Gudrun Ensslins Zahnersatz.

Freilich, neben den Bastillestürmern gab es die, die in der guten Absicht picken blieben. Sie quasi die Stammeltern der Bobos, changierend zwischen nonkonformistisch und konservativ, also je nach Lebenslage in der Lage, die Haltung zu wählen, die gerade zweckdienlich ist. Solche zeigt der Däne Thomas Vinterberg in seinem jüngsten Film „Die Kommune“, der am 22. April in den heimischen Kinos anläuft. Im September 2011 hat er sein Stück am Akademietheater uraufgeführt. Wien ist bis dato weltweit die einzige Stadt geblieben, in der diese Bühnenversion zu sehen war, Joachim Meyerhoff spielte den Erik, Regina Fritsch seine Frau Anna, nun adaptierte der Dogma-Filmer seinen Stoff für die Kinoleinwand. Nicht eins zu eins – Vinterberg hat sowohl Handlung als auch Charaktere weiterentwickelt. Da er die Mitte vierzig überschritten hat, scheint er weniger sarkastisch über das Wesen des Menschen und mit mehr Mitgefühl und Verständnis über dessen Natur ausgestattet zu sein. Was sich vor allem im geänderten, versöhnlicheren Schluss zeigt. Nur Erik ist ein Arschloch geblieben. Dass er ein solches ist, sagt auch der Autor und Regisseur über seine Figur.

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Vinterberg, selber ein Kommunenkind, zeigt auf heitere und anrührende Art eine Wohngemeinschaft, die antritt, um alles anders zu machen – und letztlich genau an diesem Anspruch scheitert. Er entwirft ein Porträt einer Generation, die sich am eigenen Idealismus und dem Willen zur gesellschaftspolitischen Veränderung aufreibt, weil tradierte Regelwerke und gestrige Grenzziehungen nicht so leicht aus den Gehirnen zu schütteln sind, wie man’s gern hätte. In diesem Sinne ist „Die Kommune“ ein Film dieser Tage.

Architekturprofessor Erik hat eine großzügige Villa in einem Kopenhagener Nobelviertel geerbt, seine Frau Anna, als Nachrichtenmoderatorin von mittlerer Berühmtheit, ist begeistert, nur übersteigen die Erhaltungskosten des Hauses die finanziellen Möglichkeiten der beiden. Also beschließt das Paar, das konventionelle Familienleben mit Tochter Freja hinter sich zu lassen, und mit Freunden und ein paar neuen Bewerbern eine Kommune zu gründen. Der Alltag ist erst kunterbunt, wiewohl der eine von des anderen Laissez-faire mitunter auch genervt ist, aber wer will schon der spießige Spielverderber sein … Doch dann verliebt sich Erik in seine Studentin Emma, und weil er ja der Hausherr und es die Zeit der freien Liebe ist, lässt er sie einziehen. So entsteht ein unflotter Dreier, der nicht nur Anna aus der Bahn wirft.

Vinterbergs Aufmerksamkeit gilt diesmal dieser Anna. Und Trine Dyrholm spielt sie klug und warmherzig und zunehmend verzweifelt und stark, weil für ihre Liebe opferbereit. Man möchte sie schütteln und fragen: Hast du sie noch alle, dass du für diesen …? Doch nicht einmal steigender Alkoholkonsum und Weinkrämpfe rauben Anna die Würde. Zu Recht wurde die fabelhafte Schauspielerin für ihre Darstellung bei der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ulrich Thomsen versucht sich zwischen Folkmusik und Blümchensex durchs von ihm angerichtete Geschehen zu lavieren. Thomsen ist weniger dominant als Meyerhoff, mehr be­trop­pezt aus der Wäsche schauendes Würschtl als es der Burgschauspieler war, hinter der linken Fassade ein rechter Choleriker, dem sein Ausflug ins Temperament aber jedesmal einen Ohnmachtsanfall beschert. Er tauscht die ältere, blonde, verständnisvolle Gefährtin gegen die jüngere, blonde, verständnisvolle Gefährtin – und Helene Reingaard Neumann, tatsächlich Vinterbergs zweite Ehefrau und der Film somit auch eine höchst private Angelegenheit, verkörpert sie mit der kindfraulichen Unschuld einer Brigitte Bardot. Et Dieu créa la Femme, nicht nur, was den Schmollmund betrifft.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft platzt, wenn zu sehr aufgebläht. So gesehen stellt Vinterberg ein ganzes System infrage und zeigt dazu, weil Anna ja beim Fernsehen, Zeitpolitik. Pol Pot und Hồ Chí Minh und den Streit der dänischen sozialdemokratischen Regierung mit der Gewerkschaft und Europa erschüttert vom RAF-Terrorismus. Man muss nur oft genug links abbiegen, um rechts zu landen; in einer wunderbaren Szene bewirbt sich der gebürtige Beiruter Fares Fares in der Rolle des Allon als neuer Mitbewohner. Und schon steht die Vision vom friedlichen Zusammenleben Kopf und die Gruppenbefragung heißt nicht mehr „Wie geht es dir?“, sondern „Was will der hier?“, vor allem Erik mutiert kurz zum Fascho – wie entlarvend das ist. Wir helfen wirklich gern, solange die Hilfesuchenden nicht an unsere Haustür klopfen. Wo Menschen aufeinandertreffen, sagt Vinterberg, ist es immer schon so … gar nicht bösartig, aber irgendwie…

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Rundum entwirft der Regisseur sein Kommunarden-Panoptikum. Seine Figuren sind nun der Scherenschnittartigkeit des Theaters entwachsen, seine Schauspieler gestalten mit zarten Andeutungen und kleinen Gesten ihre Charaktere als Menschen. Julie Agnete Vang etwa ist als Mona nicht mehr so kampfemanzipiert, sondern hört auch einmal zu, Lars Ranthe als Ole gibt wohldosiert kauzig den einzig echten Bohémien.

Martha Sofie Wallstrøm Hansen ist entzückend als hin- und hergerissene Freja. Man möchte sie warnen, läuft sie doch in ihrer ersten Verliebtheit genauso einem pseudoliberalen Typen mit in Wahrheit Alleinherrscheranspruch in die Arme, wie ihr Vater einer ist. Vinterberg packt den schwelenden Konflikt in weiches Licht und nostalgische Bilder. Das hatte man schon fast vergessen wollen, dass der Bad-Hair-Day damals Alltagsnorm war und wildgemusterte Häkelware die angesagteste Klamotte. Ins eiskalte Badewasser springen alle gemeinsam. Natürlich nackt.

Am Schluss wird die Gemeinschaft die Störenfriedin, deren Verletztheit als Feindseligkeit ausgelegt wird, ausschließen. Wird ein Unschuldiger sterben. Wird aus dem Ende ein Neuanfang entstehen. Vinterberg ist ein leiser, ans Herz gehender Film gelungen, darüber, wie wir sind und wie wir sein wollen, über das sich deswegen Bemühen und darob Scheitern und Weitermühen. In „Die Kommune“ menschelt es. Was schöneres könnte man über diese Arbeit sagen?

www.kommune-derfilm.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=X5waXGOuR0I

Thomas Vinterberg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=1330

Ausstellung auf der Schallaburg „Die 70er – Damals war Zukunft“: www.mottingers-meinung.at/?p=17758

Wien, 18. 4. 2016

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Das Käthchen von Heilbronn

Juli 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mach‘ mir den Hengst, Liebster!

Anna Unterberger und Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Anna Unterberger und Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Das erste von einigen Komplimenten, die man Regisseurin Maria Happel und ihren Schauspielern machen muss, ist, wie sie die Sprachgewalt Kleists wortmächtig und dennoch ungekünstelt umgesetzt haben. Chapeau! bei einem Text, wo’s beispielsweise heißt: Und wo der Zeisig sich das Nest gebaut, der zwitschernde, in dem Hollunderstrauch, soll sich ein Sommersitz dir auferbaun … Da verlangt Natur nach Natürlichkeit. Die Sommerspiele Perchtoldsdorf haben sich für das erste Jahr der Intendanz Michael Sturminger was „Leichtes“ ausgesucht: Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“. Und unter Happel wird dieses Schauermärchen, die Ritterromanze tatsächlich leicht. Wie dem darin auftretenden Cherub wachsen dem Abend in der Dämmerung Flügel. Happel inszeniert nicht unkomisch, trotzdem ohne an Kleist Verrat zu begehen. Der hat nämlich sein ganzes Sein in diesen Stoff verwoben. Den steten Kampf von Instinkt gegen Intellekt. Seinen verlorenen gegen die Depression. Kleist ist hier Teil all seiner Figuren.

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem heimlichen Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste entführt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht im Femegericht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, mit seinem Vater nachhause zurückzukehren. Seine Zuneigung zu dem nicht adeligen Käthchen unterdrückt er. Kurz darauf befreit der Graf in einer einsamen Hütte die gefesselte Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum zu Silvester angekündigt wurde und verlobt sich mit ihr. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten mit dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun Schlag auf Schlag in Erfüllung geht. Käthchen entpuppt sich als die verheißene Kaisertochter und somit steht einem Happy End nichts mehr im Wege.

Vor der Perchtoldsdorfer Burg spielt sich das Geschehen in terrassenförmigen, halb durchsichtigen, steilen Spielfächen aus schwarzem Plexiglas ab (Bühne: Andreas Donhauser, Sebastian Eckl, Paul Sturminger). Die Darsteller agieren sozusagen immer am Abgrund, immer absturzgefährdet. Die Kostüme (Renate Martin, Marie Sturminger) sind angedacht historisch. An Special effects wurde nicht gespart: Die Burg brennt tatsächlich! Einen Wasserfall gibt es auch. Ansonsten kommt Happel weitestgehend ohne Requisiten aus. Keine Schwerter (außer in der Schlussszene), keine Briefe, Dokumente, Depeschen, nicht Pfeil und Bogen noch Pferde. Alles muss man sich imaginieren. Wobei Imagination klarerweise eines der Schlagwörter des Kleist’schen Werks ist. Aber das Publikum bringt’s schon zum Lachen, wenn die edlen Herren wiehernd und schnaubend über die Bühne traben. Die Ritter ohne Kokosnuss. Mach‘ mir den Hengst, Liebster! Selten hat Kleist so viel Spaß gemacht – ein Umstand, an dem sich in den Pausengesprächen die Geister scheiden …

Das Ensemble wird exzellent angeführt von Dirk Nocker als Theobald Friedeborn, Käthchens Vater. Er spielt alle Facetten seines Könnens aus, vom Berserker zum Besorgten zum Betroffenen, der erkennen muss, dass sein Kind des Kaisers (Seine Majestät Wolfgang Hübsch) ist, weil die Gattin sich einst seitenspringend in den Garten verführte, äh, verfügte. Eigentlich die darstellerische Leistung des Abends. Doch stehen die anderen nicht nach. Anna Unterberger gibt das Käthchen mit der Hingabe eines Groupies, so flehendlich selbstlos, dass man dem Grafen zurufen möchte: Jetzt nimm’s endlich! Hollunderblütentrunken ist sie – Baum ist entsprechend aufgestellt. Und bis fast 23 Uhr muss sie warten, bis ihr Graf auch den „Joint des Mittelalters“ inhaliert hat. Im damaligen Volksglauben wurde ein Kranker schon dadurch geheilt, dass er unter einem Hollunder ein Schläfchen machte. Und Heilung braucht der von Nikolaus Barton gespielte Friedrich Wetter Graf vom Strahl dringend. Edel ist er, doch gerade erst von einer unerklärlichen Schwermut geheilt (?), ein Zer- und Vergrübler. Allerdings viel weniger Elegiebürscherl als der „Prinz von Homburg“ in der einen oder anderen Regiearbeit. Bleibt als weitere Hauptrolle Kunigunde von Thurneck, von Veronika Glatzner einwandfrei großartig als berechnendes Kunstgeschöpf verkörpert – wenn man da noch von Körper reden kann. Ein Geist, der, würde man heute sagen, über eine Schönheits-OP-Katastrophe regiert. Kleist wollte Kunigunde ursprünglich als Nixe haben. Happel nimmt in einer Badeszene, in der die äußere Hülle wieder Form annehmen soll, Bezug darauf. Ein Moment für Connaisseurs. Dennoch, und damit ist die Nadel im Heuhaufen gefunden, wäre in der Kunigunde mehr drin gewesen. Mehr Buhu, mehr Spuk, mehr Argh!

Die übrigen teilen ihre Talente auf mehrere Rollen auf. So ist Maria Happel, wie so gern gesehen, das komische Element – von der Köhlersfrau bis zu Kunigundes Tante. Die Frau schont sich wirklich nicht, wenn es darum geht, sich in hautenge Catsuits zu zwängen. Wunderbar (tragi-)komisch ist auch Sebastian Edtbauer als Gottschalk, des Grafen ergebener, ständig Äpfel essender Knecht. Cornelia Köndgen überzeugt sowohl als des Grafen herrische Mutter wie als schrullige Haushälterin im Schloss. Michael Masula verleiht Grafen, Rittern, Nachtwächtern und einem Erzbischof Würde. Paula Nocker wechselt von Köhlerjunge zur Nichte der Gräfin, und Annemarie Nocker hat die überhaupt wichtigste Rolle: den Cherub, der alles zum Guten wendet.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/maria-happel-und-michael-sturminger-im-gespraech/