Volkstheater: Don Karlos

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier funkelt wie ein Solitär

Einstürzende Altbauten: Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es stand hier schon einmal anlässlich einer „Antigone“-Aufführung am Haus, das Sophokles-Stück müsse so gespielt eigentlich „Kreon“ heißen. Nun hat es Günter Franzmeier wieder getan. Als Spaniens König Philipp II. dominiert er mit seiner brillanten Performance die „Don Karlos“-Inszenierung von Barbara Wysocka am Volkstheater. Franzmeier funkelt wie ein Solitär, er macht aus dem Souverän einen modernen Chef im perfekt sitzenden grauen Anzug. Der reichste und mächtigste Mann seiner Welt gäbe sich gern gönnerhaft jovial, doch ist das eine bemühte Maskerade, frisst am absolutistischen Herrscher doch das Misstrauen gegen den Hof.

Fantastisch, wie Franzmeier seine Figur entwickelt. Vom ersten Auftritt in Aranjuez, wo er schneidend kalt seine Frau vor deren Entourage bloßstellt, über das Bild eines Einsamen, der sich, auf sich selbst zurückgeworfen, als Sklave seiner Staatsverpflichtungen zeigt, zum seelisch zerrissenen Vater, der der Inquisition seinen Sohn opfern wird. In einer von vielen vorzüglichen Szenen befragt Philipp sein Adressbuch nach einem spionagetauglichen Vertrauten. Blatt für Blatt reißt er aus der Ringmappe: „Tot! Besser tot! Was will der hier? Ich werfe ihn zu den Toten!“, bis er auf die Personalakte Posa stößt.

Wysocka, bereits weit über Polen hinaus als widerständige Regisseurin bekannt, hat bei ihrem Wien-Debüt reichlich richtig gemacht. Ihre auf die Schauspieler konzentrierte Arbeit lässt Schillers kompliziertes Intrigenspiel mit einer Intensität ablaufen, dass man gar nicht anders kann, als wie gebannt das Bühnengeschehen zu verfolgen. In erster Linie die Männerfiguren sind ihr gutfundiert und vielschichtig geraten, als Bühnenbild bietet Barbara Hanicka dazu martialische Architektur, einen zerfallenden Regierungsbunker an, auf den wichtige Textzitate projiziert werden, dessen Rückseite ihn allerdings als bloße Theaterkulisse enttarnt – die Macht nicht mehr als eine billige Bretterwand, die Masse wird später – „Ganz Madrid in Waffen!“ – in Form von Arbeitergesichtern darüber hinwegziehen.

Konfrontation in Höchstform: Sebastian Klein und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Don Karlos ein fiebriger Fürstensohn: Lukas Watzl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Interview sagte Wysocka, sie wolle mit „Don Karlos“ auf den aktuellen Demokratie-Abbau in Europa reagieren, und irgendwie muss man beim Betrachten der ernsten Schwarzweiß-Antlitze an die Solidarność denken, und was seither an Bürgerrechten erneut veruntreut wurde. Dass Hanicka als Versatzstücke Schreibmaschine, Drehscheibentelefon und Plattenspieler verwendet, wirft einen umso mehr zu deren Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. In diesem Setting spielt Lukas Watzl überzeugend den Don Karlos, weniger als jenen „schwachen Knaben“, den der König „mehr als das vereinigte Europa fürchtet“, denn als fiebrigen Fürstensohn.

Der Infant ist ein ungestüm und unglücklich Liebender, und Watzl zeigt ihn von Hormonen wie vom Vaterhass geschüttelt. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Borderline rennt er im Wortsinn beständig im Kreis und sich dabei doch nur den Hitzkopf an. Er ist aus Verzweiflung untätig, zwar kein Elegiebürscherl, sondern ein Energiebündel, nur kann er eben diese nicht bündeln, kann seine Emotionen nicht in den Griff kriegen, um Posas politisches Programm als neuer erster Mann im Staat umzusetzen.

Wie Watzl beeindruckt auch Sebastian Klein als Marquis von Posa, in seiner Darstellung ein kühler, kluger, auch manipulativer Realpolitiker, kein Aufklärer bis zur Selbstaufgabe, kein Sympath, sondern als Stratege ein ebenfalls sehr zeitgemäßer Charakter, an dessen Schachzügen bis zuletzt undurchschaubar bleibt, ob sie auf die helle oder dunkle Seite der Macht führen werden. Dass dieser Posa immer eine braune Reisetasche mit sich trägt, deren Inhalt er nie preisgibt, was Philipp zu der Frage „Was ist denn mit dieser Tasche?“ führt, schafft eine der humorvollen Stellen des Abends. In der Konfrontation mit Franzmeier läuft Klein, mit dem pathosfrei gesprochenen Satz von der Gedankenfreiheit ein Forensiker von Philipps abgetaner Staatsform, zur Höchstform auf.

Steffi Krautz gestaltet den Herzog von Alba als süffisanten, eiskalt kalkulierenden Ränkeschmied, der Don Karlos statt eines Schwertkampfs einen Kuss aufnötigt, ihrer Leistung steht Stefan Suske als verlogen schmeichlerischer Beichtvater Domingo, der hinter dem Rücken des Königs Gift und Galle spuckt, in nichts nach. Jan Thümer riskiert als Graf von Lerma von deren Niedertracht aufgerieben zu werden, vielleicht der Grund, warum man ihn auch als Opfer eines Autodafés erlebt. Ein brennend starkes Bild.

Läuft! Lukas Watzl und Sebastian Klein bringen Bewegung ins Spiel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske, Evi Kehrstephan und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Frauen neben Krautz haben unter der Führung von Wysocka keine Fortune. Sie setzen auf falsche Töne, Evi Kehrstephan als wie ein Waschweib keifende Elisabeth, Isabella Knöll als hysterisches Schulmädchen Eboli, der man nie und nimmer die elegant-heimtückische Quertreiberin abnimmt, und warum Claudia Sabitzer, als Oberhofmeisterin Olivarez eine Art Securityfrau, in Schreikrämpfe ausbrechen muss, versteht man sowieso nicht.

Erst Florentin Groll bringt als Großinquisitor wieder jene Qualität ins mitunter arg aufgeregte Spiel zurück, mit der Franzmeier die Aufführung begonnen hat. Mit leidenschaftsloser Brutalität fordert er von seinem „Schüler“ Philipp die Herausgabe Don Karlos‘, und der König ergibt sich nach kurzem Scheingefecht der katholischen Autorität.

Barbara Wysocka ist mit ihrer Inszenierung ein bemerkenswertes Statement zur politischen Gegenwart gelungen, und wiewohl ihr in der Überhitzung einiger Augenblicke die Gefährlichkeit dieses Ständig-nach-dem-Leben-Trachten im Stück immer wieder aus den Händen gleitet, entwirft sie mit ihrem finster-grauen ein zutiefst beunruhigendes Bild über die Mittel und Wege eines totalitären Regimes. Dafür gab es zur Premiere verdient langen Applaus.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2018

Jüdisches Museum Wien: Helena Rubinstein. Die Schönheitserfinderin

Oktober 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Wasserballett präsentierte die Waterproof Mascara

Sie inspirierte die Frauen, ihre individuelle Schönheit zu unterstreichen: Helena Rubinstein in Schiaprelli Kleid. Bild: Archives Helena Rubinstein, Paris

Ab 18. Oktober widmet das Jüdische Museum Wien Helena Rubinstein unter dem Titel „Die Schönheitserfinderin“ eine umfassende Schau. Rubinstein (1870 – 1965) ist die Pionierin des weiblichen Unternehmertums. Mit sechzehn kehrte sie den engen, kleinbürgerlichen Verhältnissen ihrer jüdisch-orthodoxen Familie in Krakau den Rücken, zunächst Richtung Wien, dann nach Australien.

Dort begründete sie ohne jegliche Hilfe ein Weltimperium, das den Weg für viele andere, ebenfalls zum Großteil jüdische Unternehmerinnen und Unternehmer auf dem neuen Gebiet der Kosmetik, ebnete. Ihr Unternehmen umfasste bald 100 Niederlassungen in 14 Ländern mit etwa 30.000 Beschäftigten, nebenbei wurde sie zu einer wichtigen Förderin der Künste und Wissenschaften. Krakau – Wien – Melbourne – London – Paris – New York – Tel Aviv sind die wesentlichen Stationen ihres Lebens.

Die Ausstellung zeichnet den Weg Rubinsteins als Migrantin, die Kontinente überwindet und Konventionen aufbricht, nach und rückt ihr Engagement für die Selbstbestimmung von Frauen in den Mittelpunkt. Ein Fokus auf Wien zeigt, wie gekonnt sie ihr künstlerisches Netzwerk und wirtschaftliches Können vor Ort einsetzte. Dass ihr das alles mehr oder weniger allein gelungen war, scheint sie selbst in einer Rückschau auf ihr Leben fast erstaunt zu haben.

Leidenschaft, Zähigkeit, Hartnäckigkeit, Verantwortung tragen, gepaart mit einem „angeborenen“ außergewöhnlichen Geschmack und ein außerordentliches Talent, den Zeitgeist zu erfassen, das sind die wesentlichen Merkmale, die Helena Rubinstein zur ersten Selfmade-Frau der Geschichte machten. Zu einer Zeit, als Schönheitspflege kein Thema war und Schminke als lästerlich und verpönt galt, setzte sie sich mit ihrer Idee durch, dass jede Frau ihre individuelle Schönheit entdecken könnte und daraus das Beste machen sollte. Rubinstein war von der Idee beseelt, ja geradezu besessen, dass Frauen dadurch Selbstbewusstsein erhalten würden. Eine Disposition, die ihr selbst, wie wenigen ihrer Zeitgenossinnen, eigen war. Damit setzte sie sich ganz nebenbei auch noch in der von Männern dominierten (Geschäfts-)Welt durch und schuf einen komplett innovativen Markt, der sich international dauerhaft etablierte und bis heute besteht. „Die Schönheit ist dein besonderes Gebiet, deine eigentliche Heimat, Helena. Ein Gebiet, das noch brach liegt. Lerne es bauen.“ Ein Leitspruch, den sie sich selbst immer wieder vorgesagt hat.

Die berühmte Morning Creme. Bild: Archives Helena Rubinstein, Paris

Wertvolle Puder-Edition. Bild: Archives Helena Rubinstein, Paris

Eigenwillig und unkonventionell schuf sie sich ihr eigenes Image. Sie gab ein Vermögen für Kunstwerke, für Immobilien und deren Einrichtung aus. Für die Architektur und Gestaltung ihrer Schönheitssalons, Institute, aber auch ihrer Häuser und Wohnungen engagierte sie die interessantesten und innovativsten Architekten ihrer Zeit. Urbane Modernität war Helena Rubinsteins Devise, verbunden mit einem überbordenden Hang zur Üppigkeit. Pionierarbeit leistete sie auch beim Design, bei der Verpackung ihrer Kosmetikprodukte und in der Werbung. Von Anbeginn ihrer Tätigkeit erkannte sie die Wichtigkeit dieses Metiers und engagierte auch hier die interessantesten kreativen Köpfe.

Die Expansion der Helena Rubinstein Schönheitssalons machte auch vor Wien nicht halt. 1932 eröffnete sie dann einen eigenen Salon am Kohlmarkt 8. Wenige Jahre nach der Eröffnung spielte Wien bereits eine wichtige Rolle für Rubinsteins Unternehmen: Den Wettlauf um die Entwicklung einer wasserfesten Wimperntusche, die bei Regen oder Hitze nicht zerlief, gewann, zunächst unbemerkt, die Wienerin Helene Winterstein-Kambersky. Die nach einer Bleivergiftung an den Rollstuhl gefesselte Sängerin ließ sich die in vielen Versuchen entwickelte wasserfeste Mascara 1935 patentieren. Mit dem Vorbehalt, die Rezeptur mit ihrer eigenen Firma „La Bella Nussy“ auch selbst zu vermarkten, verkaufte sie die Lizenz an Rubinstein. Als Weltneuheit wurde die „Waterproof Mascara“ auf der New Yorker Weltausstellung 1939 medienwirksam mit einem Wasserballett vorgestellt. Mascara aus Aluminiumtuben trug man damals mit Hilfe von Papierstäbchen auf. 1958 brachte Rubinstein unter dem Namen „Mascara-Matic“ die bis heute übliche Mascara im Röhrchen mit Bürste auf den Markt.

1939, ein Jahr nach dem sogenannten „Anschluss“, wurde der Wiener Salon Rubinstein geschlossen. Antisemitismus bekam Helena Rubinstein auch in den USA zu spüren, unter anderem als sie in New York eine Wohnung mieten wollte, die man ihr verweigerte, weil sie Jüdin war. Doch nicht mit ihr. Helena Rubinstein kaufte daraufhin das ganze Haus an der Park Avenue. In Städten, die tendenziell als WASP-Hochburgen galten, überließ Helena Rubinstein das Terrain ihrer langjährigen Konkurrentin Elizabeth Arden. Die Rivalität der beiden Kosmetikgigantinnen dient bis heute als Stoff für die Literatur und als Motiv für Musicals und Theaterstücke. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gelang es Helena Rubinstein, fast ihre gesamte Familie in die USA zu bringen. Allerdings wurde eine ihrer Schwestern, Regina Kolin und deren Mann, in Auschwitz ermordet. Weitere Schicksalsschläge blieben nicht aus: die Scheidung von ihrem geliebten ersten Mann Edward Titus, der Tod des zweiten Mannes, des wesentlich jüngeren georgischen Prinzen Artchil Gourielli-Tchkonia und wenig später der Unfalltod ihres Sohnes Horace Titus. Kraft und Antrieb schöpfte die unermüdlich Anpackende immer wieder aus ihrer Arbeit.

Rubinsten in Long Island, 1953. Bild: Archives Helena Rubinstein, Paris

Reisen nach Australien, Japan, Hongkong und Israel, wo sie eine Fabrik plante, rissen sie aus ihrem Kummer. In dieser Zeit wurde der von ihr gestiftete „Helena Rubinstein Pavilion for Contemporary Art“ des Tel Aviv Museum of Art eröffnet, für den sie mehrere Arbeiten aus ihrer Sammlung spendete. Außerdem vererbte sie ihre Sammlung historischer Miniaturräume mit etwa 20.000 Möbeln und Figurinen in historischen Kostümen dem Tel Aviv Museum of Art.

Ein Teil der „Jewish Queen Victoria“, wie Rubinstein vom Kolumnisten der New York Post, Leonard Lyons, genannt wurde, blieb bei allem Glamour und Geltungsbedürfnis, das Mädchen aus Kazimierz: Mit einem unverhohlen slawischen Akzent, einem Sprachmix mit jiddischen, deutschen und polnischen Einsprengseln.

Und den legendären braunen Jausensackerln, in denen sie harte Eier, Hühnerschenkel, Krakauer Würste und entsprechend fettige Dollarnoten für das Taxi in ihr Büro mitnahm – und dort alle Angestellten rügte, die beim Verlassen eines Raumes das Licht nicht ausschalteten. Am 1. April 1965 starb Helena Rubinstein mit 94 Jahren. Sie wurde in ihrem Lieblingskleid von Yves Saint Laurent begraben. Rubinstein ging immer unbeirrt ihren eigenen Weg, wozu es auch gehörte, sich alle Träume aus eigener Kraft, mit selbst verdientem Geld und gemäß den eigenen, unbescheidenen Vorlieben zu erfüllen. Sie sagte es selbst: „Qualityʼs nice but quantity makes a show.“

www.jmw.at

16. 10. 2017

Bronski & Grünberg: Richard III.

Oktober 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mordsspaß mit dem Monster

Sympathy for the Devil: Josef Ellers macht aus Richard III. einen charmanten Verführer. Bild: © Philine Hofmann

Es gibt viele gute Gründe, warum Shakespeare-Aficionados sich die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg nicht entgehen lassen dürfen, und es gibt einen sehr guten Grund – namens Josef Ellers. Der 29-jährige Klagenfurter gibt einen „Richard III.“ wie ihn sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Verschmitzt, falsch und verräterisch, um Verständnis, ja um Mitleid heischend, da unschuldig „ums schöne Ebenmaß verkürzt“, und mehr als gewillt, den Dreckskerl aufzuführen. Das Ziel heißt Krone, dafür werden Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ellers wischt alle möglichen Vorbilder, die Wien schon gesehen hat, scheint’s unbekümmert aus dem Blickfeld. Er macht auf charmanter Manipulator, und buckelt dabei im Wortsinn wie ein treuer Diener des Staates; statt A-part-Sprechen setzt er aufs Beiseitegrinsen, macht sich so das Publikum zum Komplizen, und tatsächlich, man hat Sympathien für diesen gerissenen Teufel. Der hat Witz, der hat Charisma, man hat einen Mordsspaß mit dem Monster. Und endlich einen Richard, bei dem verständlich ist, warum die diversen Witwen der von ihm Gemeuchelten auf ihn fliegen …

Helena Scheuba ist als Regisseurin und Übersetzerin für diese tadellose Inszenierung verantwortlich, mit der das Bronski & Grünberg seine zweite Saison eröffnete. Auf der Rückwand hat Bühnenbildner Daniel Sommergruber den „Schummelzettel“ angebracht, die Stammbäume der Geschlechter Lancaster und York. Auf einen Blick erklärt sich wer mit oder warum gegen wen, während Richard, das rote Farbkübelchen in der Krüppelhand, blutrünstig und mit Malerpinsel die Namen derer streicht, die er bereits gefällt hat. Ganz am Rande steht – Richmond, und darunter hängt sein Schwert.

Elizabeth schwört ihre Verbündeten ein: Johanna Rehm mit Sophie Aujesky und David Jakob. Bild: © Philine Hofmann

Schwarze Tränen und Verwünschungen für Richard: David Jakob als Königin Margaret. Bild: © Philine Hofmann

Wie überhaupt jeder Figur eine Requisite zugeteilt ist. Sophie Aujesky, Johanna Rehm und David Jakob nehmen sie von den jeweiligen Haken, verwandeln sich blitzschnell in den nächsten Charakter. Das tolle Dreiergespann schlüpft in alle weiteren Rollen, stattet zwei Dutzend Nebenfiguren mit oder ohne Rückgrat, mit übler Gesinnung oder nobler Haltung aus – ob Mann oder Frau ist egal. Und so ist Sophie Aujesky unter anderem ein großartig wütender Eduard, ein ehrenwerter Lord Hastings und eine angewiderte und dennoch leicht um den Finger gewickelte Anne (deren Name auf der Wand entsprechend die Seiten wechselt).

David Jakob brilliert vor allem als Richards Mann fürs Grobe, Buckingham, und als parzenhafte, schwarze Tränen weinende Königin Margaret. Außerdem ist er der im Tower ermordete Bruder George. Johanna Rehm ist eine verzweifelt rasende Elizabeth, ein angstvoller Stanley, und schließlich der ruhmreiche Richmond – inklusive beeindruckendem Schwertkampf mit Ellers‘ Richard. Rehm und Aujesky können auch ihre Slastickqualitäten ausspielen, sei’s als tollpatschige gedungene Mörder, in dieser Szene ist Scheubas Arbeit echtes Shakespeare’sches Volkstheater, oder als präpotent aufsässiges Prinzenpaar, zwei echte Früchtchen, die den Onkel wegen seiner Behinderung verspotten. Ihre Abschlachtung markiert Aujesky als mit dem Feuerzeug spielender Tyrell einfach, indem sie ihre Papierkrönchen anzündet. Zwischen solch symbolhaften, mitunter trashigen Szenen läuft Popmusik zu Liebe, Macht, Schuld.

Am Ende ihrer Politikeransprachen, dem Verbalduell Richard vs Richmond, folgt der Waffengang, Richards Name der letzte, der von den Siegern genussvoll gestrichen wird. Zweieinhalb Stunden dauert die Aufführung im Bronski & Grünberg, jede Minute davon spannend. Als nächstes will das Team um Kaja Dymnicki und Alexander Pschill mittels Crowdfunding einen „Rigoletto“ auf die Beine stellen. Von „Richard III.“ gibt es noch zehn Vorstellungen bis 10. Dezember.

www.bronski-gruenberg.at

5. 10. 2017

Der todkranke Eduard wütet über Richards Ränkespiel: Sophie Aujesky mit Johanna Rehm. Bild: © Philine Hofmann

Buckingham macht sich zu Richards Handlanger: David Jakob und Josef Ellers. Bild: © Philine Hofmann

Bronski & Grünberg Theater: # Werther

April 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kanarienvogel kommt auch vor

Josef Ellers. Bild: Jan Frankl

Das Bühnenbild ist im Wesentlichen ein überdimensionales Smartphone-Display. Die „Super Rich Kids“ sind über allerlei Kanäle miteinander verbunden. Facebook, Snapshot, Twitter. Und man ahnt, schon lange war kein junger Werther mehr so jung wie diesmal.

„# Werther“ heißt entsprechend zum Social-Media-Auftritt des Protagonisten der Abend, den Regisseurin Helena Scheuba, Tochter von Florian und Mena Scheuba, mit dem Josefstadt-Schauspieler Josef Ellers entwickelt hat, und der noch bis 25. April im Bronski & Grünberg Theater zu sehen ist.

Scheuba und Ellers legen Goethes Roman 1:1 aufs Heute um – und siehe da: Es geht sich aus. Egal, ob mitten im O-Ton-Monolog eine Freundschaftsanfrage von Pauli Rosenberger reinkommt, „der Graf“ zum „One Night in Wahlheim“-Rave lädt, oder sich später Albert und Werther via SMS über Sinn und Unsinn von Suizid austauschen werden. „# Werther“ ist radikal anders, erfrischend neu gedacht – und, zumindest was die via iPod zugespielte und die Stimmungslagen des Antihelden definierende Songauswahl betrifft, laut.

Josef Ellers spielt sich 70 Minuten lang die Seele aus dem Leib. Von 0 auf 100, von manisch zu depressiv, kommt er in einer Tanzdrehung. Wenn ihn Lotte mit ihren „kleinen Vertraulichkeiten“ aufsext, kann er sich vor dem Griff in die Hose durch strenges Workout retten. Der an verliebten Lippen pickende Kanarienvogel kommt diesbezüglich übrigens auch vor. Man sieht seinen Werther Wodkatrunken und –kotzend. Und amüsiert sich, wenn über das „sehr viel Natur“ eines lieben Fräuleins berichtet wird – und dazu ein Vollbusenbild zu sehen ist.

”Es ist in der Welt nichts Lächerlicheres erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch kommen mir oft darüber die Tränen in die Augen“, sagt Werther. Da ist Lotte längst als Hintergrundbild hochgeladen, und Liebe und Leid sind immer während. Zu den Selfies gehört auch ein Waschbrettbauchvergleich mit Albert und ein Herumalbern in einer Jahrmarktachterbahn. Die Assoziationen, die Scheuba und Ellers finden, sind großartig, die Pistole knapp vor Aus ein Emojicon.

Bild: Jan Frankl

Bild: Jan Frankl

Ellers changiert zwischen Hoffen und Bangen, zwischen dem Versuch, seine Verzweiflung weg zu kaspern und stets ein bissl Machogehabe. Bis das Unheil mittels eines geänderten Beziehungsstatus Gewissheit wird, und sich das Unglück Bahn bricht, und ”# Werther“ sich aus allen Foren abmeldet. So bedingungslos ist das Begehren immer noch. Nach mehr als 200 Jahren, und nachdem Briefe längst durch Textnachrichten abgelöst sind. Scheuba hat das zeitlos-poetische von Goethes Werk unterstrichen, gerade indem sie es in der Jetztzeit andockt. ”# Werther“ ist ein junger Romantiker, der in einer Welt, die ihm alles bieten möchte, seinen Platz sucht und doch keinen Halt findet, und Josef Ellers stürmt’s und drängt’s in der Rolle als Wohlstandsverwahrlosten, als gäbe es, nein: weil er weiß, es gibt kein Morgen. Herr Geheimrat wäre mit dieser Interpretation seines Ansinnes wohl zufrieden gewesen …

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Wien, 19. 4. 2017

Volkstheater: Die Fleischhauer von Wien

Februar 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit diesem saftigen Filetstück haben alle Schwein gehabt

Rupert Lehofer, Dominik Warta, Martina Zinner und Doris Weiner Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rupert Lehofer, Dominik Warta, Martina Zinner und Doris Weiner
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Erni Jilek ist ein Wiener Original. Wie hingeschrieben als Liebling für ein Publikum, das sie auch von Anfang an persönlich anspricht, begrüßt, in die Handlung einführt und als Verbündeten für ihre Sache zu gewinnen sucht. Dass Doris Weiner, Publikumsliebling und Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken, die Rolle dieser Gastgeberin übernommen hat, ist natürlich das Salz in der Wurst. Um die geht’s nämlich in Pia Hierzeggers „Die Fleischhauer von Wien“, das nun am Volx/Margareten uraufgeführt wurde.

Eine Komödie für die Bezirketour, koproduziert mit dem Grazer Theater im Bahnhof, die gar nichts anderes als ein Zuschauerhit werden kann. Unzählige Interviews mit real existierenden Fleischhauern waren die Inspiration für Hierzeggers Text. Das merkt man diesem Stück an, die hohe Authentizität der Dialoge, die mitunter im Wortlaut aus dem Volksmund sind, machen einen guten Teil seines skurrilen Charmes aus. Erzählt wird eben von Erni Jilek, letztes Mitglied einer alteingesessenen Wiener Fleischhauerdynastie, deren Mann verstorben und deren Sohn Richtung Vegetariertum abhanden gekommen ist. Nun holt sie sich Hilfe bei entfernten Verwandten aus der Steiermark; Neffe Burkhard und dessen Frau Daniela sollen das Geschäft übernehmen. Doch die haben eigene, sinistre Pläne. Inszeniert hat Lorenz Kabas, mit der Wahl des Regisseurberufs seinerseits schwarzes Schaf einer steirischen Fleischerfamilie und daher gleichsam Fachmann für den Stoff. Und ja, man hat das Grazer Theaterkollektiv schon aberwitziger agieren gesehen, aber Kabas rührt für die folgenden Spielorte einen guten Mix aus süß und scharf zusammen.

Der mit dem Verspeisen eines Stücks Zilk-Wurst, von welcher der Gott-hab‘-ihn-selig-Bürgermeister noch gekostet hat, einen würdig grausigen Höhepunkt findet. Hierzegger und Kabas haben mit „Die Fleischhauer von Wien“ eine Spielart fürs neue österreichische Volkstheaters erfunden, und wenn man so in den einen oder anderen Hierzegger-Satz hineinlauscht, Tradition und Innovation, Verkaufsschlager und Ladenhüter, mag man denken, dass das neue Wiener Volkstheater sich damit selber lustvoll auf die Schaufel nimmt. Für zusätzliche Lacher werden natürlich alle Klischees bedient, die’s in dieser Stadt über die Murmürzfurchentreter gibt. Vor allem Rupert Lehofer, nebenberuflich Rote-Nasen-Clowndoktor, bedient diese Bilder, Tageshöchstleistung: lang stier schauen bei gleichzeitigem Stier sein, was aber nicht heißt, dass die ang’schütten Wiener irgendwie besser wegkommen.

Doris Weiner ist als abgehalfterte Patriarchin der Typ Mutter, die einem mit ihrer Penetranz wahnsinnig auf die Nerven und gleichzeitig irrsinnig ans Herz geht. Sie kann nicht loslassen, das hat ihre Generation nicht gelernt, ergo auch nicht verstehen, warum einer sein Leben nicht fürs Geschäft aufopfern will. Dominik Warta ist als ihr Sohn Markus der Durchhänger vom Dienst; ausgestiegen aus der Fleischereilehre, beschädigt von einem Schlachttrauma und den väterlichen Schuldzuweisungen, bringt er nix weiter. Ein typisch saftloser Veggie halt, dessen höchstes Glück ein Smoothie ist. Warta ist anrührend und komisch. Wie er die Ressentiments der Mutter schon stumm mitsprechen kann, mit kleinen Gesten ihre ausholenden, vorwurfsvollen konterkariert, das ist feine Komödiantenkunst. Außerdem beherrscht er Mick Jaggers Dancemoves.

Und dann fallen die Steirer ein wie die Hunnen. Doch der so tatkräftig wirkende Neffe ist ausgelaugt, ein Burn-out-Burkhard mit leichtem Hang zur Geisteskrankheit und noch kränkeren Ideen. „Raw“ soll sein Geschäft sein, Carpaccio und Beef Tatar will er verkaufen, was die Weiner mit schelmischen Seitenblicken kommentiert. Mit staubtrockenem Humor lässt Lehofer seinen Burkhard zwischen zu schnell und zu langsam changieren, während er sowieso nicht in die Gänge kommt. Martina Zinner als seine gschaftelhuberische Daniela wiederum will, mehr im Herzen als mit dem Hirn Designerin, umgestalten, neu dekorieren, Kaffee ausschenken, Grünpflanzen aufstellen, und wie in jeder besten Familie wird diskutiert, indem einer den anderen nicht zu Wort kommen lässt. Der „Vati“, als Foto an der Wand, meldet sich als mahnende Stimme aus dem Jenseits, aber die im Theater verstehen nur Bahnhof. Christina Helena Romirer hat eine Fleischhauerei als dezent abgehauste Puppenstube auf die Bühne gestellt, in der permanent kollektives Kofferschlichten stattfindet, weil die Grazer ja für Wien so viel Neues im Gepäck hatten, dass sie selber nicht wissen, wohin damit.

Zwischen all dem Schwein, Wein und Gesang muss jeden Moment der Antel’sche Bockerer ums Eck biegen, glaubt man. Oder der Paul Löwinger. Aber Hierzegger schlägt einen Haken. So einen, wie den, wie man erfährt, an den der Vater sich am Ende aufgehängt hat. Die Autorin hat zum sterbenden Gewerbe schon mehr zu sagen. Und während der, der was von sich behauptet, dass er die schönste Ware hat, als schauspielernde Fleischhauerfernsehlüge enttarnt wird, hört man ein paar ungustige Geschichten über Sprühfarbe, die das Aroma von Geräuchertem imitiert, über das „Zusammenbasteln“ von angeblichem echtem Beinschinken, und warum die klügste Sau immer als erste getötet werden muss. Ein bissel kommt Hamlet vor und My fair Lady – die Zilk-Dagi-Connection – und fast gibt’s ein Sweeney-Toddisches Blutbadende. Aber dann ist doch alles happy und jeder kriegt, nicht was er verdient, sondern was er sich wünscht. Ein Abend zum Schmunzeln, Gruseln, Weiterdenken beim nächsten Einkauf, den das Premierenpublikum mit viel Applaus für Team und Schauspieler, für Wiener wie Grazer bedankte. Alles in allem haben mit diesem saftigen Filetstück also alle Schwein gehabt.

Doris Weiner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17582

www.volkstheater.at

www.theater-im-bahnhof.com

Wien, 27. 2. 2016