Rabenhof: Austrian Superheroes. Rückkehr der Helden

April 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Actionreiche Comic-Performance vom A.S.H.-Team

Randolf Destaller, Magda Kropiunig und Christian Strasser. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Alf Peherstorfer. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Im Rabenhof, wo man immer für szenische Überraschungen gut ist, sorgen seit gestern Abend die Austrian Superheroes für Recht und Ordnung. Basierend auf den kultigen Graphic Novels unterhalten Magda Kropiunig, Christian Strasser und Randolf Destaller, unterstützt von Live-Musiker Alf Peherstorfer und Erzählerin Lucy McEvil, mit einer Comic-Performance vom Feinsten. Da wird kein Kabumm ausgelassen, wenn es darum geht, Wien vor dem Bösen zu beschützen.

Vor dem Hintergrund der Animationen schlüpfen die drei Darsteller in die Rollen von Captain Austria, Lady Heumarkt, dem Donauweibchen und dem Bürokraten, um dem Übel den Garaus zu machen. Das ist eindeutig übernatürlichen Ursprungs und entpuppt sich – no na in der hiesigen Innenstadt – als Basilisk (Video: www.youtube.com/watch?time_continue=13&v=CYYg__xRu5w). Wer er ist, und warum, dröselt sich zwar auf, aber nicht, von wem entsandt. Um das zu erfahren, muss man wohl auf die Bücher zurückgreifen, die bereits ins dritte Heldenjahr gehen, oder auf eine Bühnen-„Fortsetzung folgt“ hoffen. Nach einer Stunde ist der Spaß nämlich schon wieder vorbei. Allerdings nicht ohne, dass der scheidende Wiener Bürgermeister und sein Rathausmann noch ein paar gewichtige Argumente zum Erhalt der Heurigen ins Rennen geführt hätten …

www.austriansuperheroes.com

www.rabenhof.at

  1. 4. 2018

Paulus Manker: Enttarnung eines Helden

März 3, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das völlig unbekannte Leben des Walter Bruno Iltz

9783895813405Walter Bruno Iltz kommt in der Theatergeschichte so gut wie gar nicht vor. Dabei war er ab 1938 Direktor des Wiener Volkstheaters.

Kein Mensch hat sich jemals für ihn interessiert, niemand hat sich bisher um ihn gekümmert. Er galt als Nazi-Intendant des ersten »Kraft durch Freude«-Theaters der Deutschen Arbeitsfront in Wien, davor war er Generalintendant der Städtischen Bühnen in Düsseldorf. Hermann Göring bestätigte ihn 1933 nach der Machtergreifung als einen der ersten Intendanten in seinem Amt, Propagandaminister Joseph Goebbels protegierte ihn und Reichsdramaturg Rainer Schlösser war sein Förderer und Mentor. Was anderes konnte W. B. Iltz also gewesen sein als ein NSDAP-naher, willfähriger Parteigünstling?

Doch es gibt auch andere Stimmen: Der Komponist Kurt Weill schätzte seine »persönliche Überzeugung und Courage«, die Schauspielerin Dorothea Neff, die während des Kriegs in Wien eine Jüdin bei sich versteckt hielt, nannte ihn »sauber und unparteiisch«, der Schauspieler O. W. Fischer bezeichnete das Deutsche Volkstheater unter Iltz als »sicherste Burg demokratischen Freiheitsgeistes« und der Regisseur Gustav Manker versicherte: »Er war kein Nazi, er war ein toller Bursch.« Die Witwe des jüdischen Theaterdirektors Oskar Basch, der im KZ Theresienstadt ermordet wurde, schrieb Iltz nach dem Krieg: »Ich werde es nie vergessen, daß Sie in diesem unseligen Regime der Erste waren, der mir als Mensch und Herr entgegengetreten ist und keinen Anstoß daran genommen hat, daß ich die Frau eines ›rassisch Geächteten‹ war.« Und die Schauspielerin Inge Konradi forderte sogar: »Man müsste ihn eigentlich auf ein Podesterl stellen. Sein persönlicher Mut besitzt Seltenheitswert!«

Wer also war dieser Walter Bruno Iltz?

Den Nazis war Iltz schon vor der Machtergreifung verhasst. Wegen der Juden und Kommunisten in seinem Ensemble, wegen seiner Vorliebe für avantgardistische Opern, wegen seines »undeutschen« Spielplans. 1932 richtete Iltz an die Düsseldorfer NSDAP einen kühnen Brief, in dem er für die »Wesenhaftigkeit des geistig bedeutenden jüdischen Menschen und Künstlers« eintrat und in dem er die Mitarbeit von Juden an Opern auflistete, die von den Deutschen geliebt wurden. Zu Richard Wagners fünfzigstem Todestag ließ er gar den jüdischen Dirigenten Jascha Horenstein die Feierstunde dirigieren.

Nach Hitlers Machtergreifung drängte die Düsseldorfer NSDAP sofort darauf, Iltz von seinem Posten zu entlassen, da er sein Theater »im marxistischen jüdischen Sinne« geführt habe. Als Göring dies ablehnte, stellte man Iltz einen regimetreuen Aufpasser an die Seite und machte ihm das Leben zur Hölle – bis man ihn 1937 endlich hinausschmiss.

So gelangte Walter Bruno Iltz 1938 »in die Verbannung« nach Wien, ans Deutsche Volkstheater, der damals größten Bühne im deutschen Sprachraum und dem ersten »Kraft durch Freude« -Theater der Deutschen Arbeitsfront. Und auch hier beschützte Iltz regimekritische Künstler, tolerierte politischen Widerstand in seinem Ensemble und engagierte den Kommunisten Günther Haenel als Oberspielleiter. Unter dessen Regie duldete er sogar systemkritische Aufführungen auf seiner Bühne.

Nach dem Krieg wurde Iltz dennoch als Nazi denunziert. Er strengte ein Gerichtsverfahren an, das mit der Feststellung endete, dass er nie mit der NSDAP sympathisiert hatte. Das Urteil lautete klar und deutlich: »In der Judenfrage nahm Iltz eine mutige Haltung ein.«

Walter Bruno  Iltz ist also in Wahrheit ein heimlicher Held gewesen.

Das ist selten, speziell im Dritten Reich, und gerade bei Theaterleuten. Denn Opportunismus ist jedes Schauspielers heimlicher Vorname. Um so erstaunlicher, dass es einen wie Iltz gegeben hat. Noch erstaunlicher aber ist, dass er so in Vergessenheit geraten konnte.

Im Sommer 2011 habe ich auf dem Dachboden eines kleinen Hauses am bayerischen Tegernsee den Nachlass von Walter Bruno Iltz entdeckt, der aus Tausenden Briefen, Dokumenten, Photos und Erinnerungen besteht und einen wahren Schatz für die Theaterforschung darstellt. Aus Archiven in Berlin, München, Düsseldorf, Nürnberg, Wien und New York habe ich weitere Zeugnisse zusammengetragen und Iltz‘ Leben zu rekonstruieren versucht – mit dem Ziel, ihn vor der Nachwelt zu rehabilitieren.

Möge es gelingen, Walter Bruno Iltz mit dieser Dokumentation auf die Bühne der Theatergeschichte zurückkehren zu lassen.

Paulus Manker

Über den Autor: Paulus Manker, geboren 1958, ist Schauspieler, Regisseur und Filmemacher. Er hat für Peter Zadek, Michael Haneke, Luc Bondy und Claus Peymann gespielt und sich so den Ruf als einer der profiliertesten Charakterdarsteller des deutschen Sprachraums erarbeitet. Als Regisseur, Darsteller und Impresario des Simultan dramas Alma feierte er von Venedig bis Los Angeles Triumphe und wurde dafür 2010 mit dem Nestroy-Publikumspreis ausgezeichnet.

Paulus Manker: Enttarnung eines Helden. Das völlig unbekannte Leben des Walter Bruno Iltz. Alexander Verlag Berlin. 192 Seiten.

www.alexander-verlag.com

Wien, 3. 3. 2015