Festspiele Stockerau: Der Diener zweier Herren

Juni 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Okan Cömert tanzt den Truffaldino

Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Columbina hat sich in Truffaldino verguckt, der freut sich über eine Frau mit fixem Einkommen: Claudia Waldherr und Okan Cömert. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Los geht’s bereits, bevor es überhaupt anfängt. Während die Zuschauer auf die Tribünenplätze strömen, tun die Schauspieler eben selbiges auf der Bühne, entschuldigen sich für ihr Zuspätkommen, beginnen sich auf den Abend vorzubereiten. Kostüm und Makeup werden an- und aufgelegt, der Menschheit Würde ist in ihre Hand gegeben, und während die oben noch diskutieren, wie sie ihre Rollen anlegen werden, ist denen unten längst klar … hintergründig.

Intendant Zeno Stanek hat bei den Festspielen Stockerau Goldonis „Diener zweier Herren“ inszeniert, die Textfassung ist von Karl Ferdinand Kratzl und Stanek, und der lässt sein Ensemble dabei Theater auf dem Theater spielen. Diskussionen um den siebenten Zwerg, hier natürlich: Venezianer, inklusive. Christoph F. Krutzler fungiert als Regisseur. Sozusagen. Denn eigentlich ist er auch Brighella, der Wirt zum Goldenen Kirchturm, als Padrone also in zweierlei Hinsicht Brötchengeber. Katharina Stemberger ist sein Star, und la Diva ist angetreten, um unterm Stockerauer Campanile die Beatrice zu geben. Aber, ach!, Goldoni will hier keiner spielen. Denn die Fama macht die Runde, „der Herr Direktor“ säße just heute im Publikum, auf der Suche nach frischen Talenten, und so produziert sich ein jeder auf Teufel komm‘ raus. „Romeo und Julia“ will man zeigen, einige machen sich Hoffnungen auf „Hamlet“, Stechen und Hauen und Lieben und Sterben, doch es wird Comedia dell’arte – uäh. „Wehe einer spielt auf Engagement“, warnt Brighella-Krutzler seine Truppe.

Welch ein Einfall, Goldonis Komödienmeisterwerk in diesen Bühnenrahmen zu packen; der Kunstgriff verdoppelt was immer es an Verwirrung und Verwechslung, Wortwitz und Situationskomik schon gibt, er macht diesen Wirbelwird von einem Stück zum mitreißenden Orkan. Dabei haben Kratzl und Stanek Goldoni tatsächlich nur beim Wort genommen, denn gerade ihr Aus-der-Rolle-Fallen ermöglicht es dessen Lustspielpersonal von Possenreißern zu Charakteren zu avancieren, hinter jeder namentlich festgelegten Stereo-Type steckt hier ein Mensch mit all seinen Sorgen und Nöten, und die sind so zeitgemäß wie zeitlos. Sitten ändern sich selten. Und so kann, während die Musik von Andi Senn und Thomas Berghammer die lazzi mit lässigen Jazztönen begleitet, der großartige Krutzler alle Leiden eines Regisseurs ausleben.

Katharina Stemberger (Beatrice), Horst Heiss (Pantalone), Alexander T.T. Mueller (Dottore), Christoph F. Krutzler (Brighella), Naemi Latzer (Rosa), Tobias Eiselt (Silvio), Claudia Waldherr (Columbina). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Das Auftauchen Beatrices sorgt in Venedig für Aufruhr: Katharina Stemberger, Horst Heiss, Alexander T.T. Mueller, Christoph F. Krutzler, Naemi Latzer, Tobias Eiselt und Claudia Waldherr. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Katharina Stemberger (Beatrice), Horst Heiss (Pantalone), Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Truffaldino verstrickt sich immer mehr in seinem Lügengebilde: Katharina Stemberger, Horst Heiss, Claudia Waldherr und Okan Cömert. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Der eine Darsteller hat seinen Text vergessen und braucht den Souffleur, zwei lachen einander aus, im Glauben der jeweils andere und nicht etwa sie selber würden schmieren. Tobias Eiselt prahlt mit seinen Fechtkünsten, obwohl laut Vorlage sein Silvio die Degenführung gar nicht beherrscht. Okan Cömert als Truffaldino bricht inmitten der schönsten Clownerie in den Sein-oder-Nichtsein-Monolog aus. „Nur weil deine Karriere vorbei ist, brauchst du meine nicht zu zerstören“, herrscht ein Jungmime die arrivierte Kollegin Stemberger an. Jedenfalls, das Ganze ist der nackte Wahnsinn. Ein Zirkus, in dem jeder so gut er kann versucht, das Publikum durch Beiseitereden auf seine Seite zu ziehen und zum Komplizen für die ureigenen Interessen zu machen. Und in dem Okan Cömert die Glanznummer ist.

Der Vorjahresabsolvent des Max-Reinhardt-Seminars ist eine Theaterentdeckung. Zuletzt am Volkstheater in Thomas Köcks „Isabelle H.“ zu sehen, kann er nun endlich sein clowneskes Können ausspielen. Und wie. Cömert tanzt und rappt den Truffaldino, er singt, unter anderem Rossinis Figaro-Arie „Largo al factotum“ und halb „My fair Lady“, er schwankt zwischen subversiv und subaltern, und saust so von einem Herrn zu anderem.

Weil der Diener zweier Herren klassenkämpferisch den Kapitalismus für seine Zwecke zu nutzen sucht, muss er nämlich im Rundherum um den Kirchplatz einiges an Kilometern machen. Das ist die Strafe dafür, dass er nach Beatrices auch in die Dienste ihres Geliebten Florindo getreten ist. Florindo wird beschuldigt, deren Bruder Federico Rasponi getötet zu haben, und ist ergo geflohen. Als Mann verkleidet reist ihm Beatrice nach. Ohne dass die beiden Liebenden voneinander wissen, nehmen sie sich im selben Wirtshaus Zimmer. Truffaldino wird zu beider Diener und gerät so in zahlreiche Schwierigkeiten, aus denen er sich nur durch Lügen retten kann. Katastrophe sozusagen komödiantisch vorprogrammiert.

In diesem Setting gibt Horst Heiss einen auf Plateauschuhe gestellten Pantalone, was seine ohnedies schon imposante Erscheinung im Wortsinn noch weiter erhöht. Der Geschäftsmann mit dem dehnbaren Ehrbegriff hatte seine Tochter bereits dem Rasponi zugedacht, nach dessen Ableben verspricht er sie aber dem Silvio. Als nun Beatrice als Federico auftaucht, sitzt er in einer Patsche, für die nicht nur der eifersüchtige und stolze Silvio-Eiselt, sondern auch Alexander T.T. Mueller als dessen Vater Rache fordern. Der paragraphenfeste Dottore weiß sich dabei von Naemi Latzer als raunzig liebende Rosa unterstützt, deren Zofe Columbina wiederum, gespielt von Claudia Waldherr als kunterbuntes Kammerkätzchen, will den Truffaldino ehelichen. Beatrice, die durch Gaunerei zu ihrem Recht kommen will, und ihr schnöseliger Florindo, Daniel Keberle angetan als Ludwig-XIV-Klon, bilden das melodramatische Paar. Mit großer Spielfreude und viel Hang zur Skurrilität gehen die Schauspieler zu Werke. Sie machen Staneks Aufführung zum luftigen Sommerspaß, für den das Publikum schließlich mit viel Jubel und Applaus dankte.

Dass Truffaldino am Ende seinen Willen – und die Frau kriegt, ist klar. Columbina muss ihn nun nicht nur aus-, sondern auch erhalten. So wie Beatrice ihren mittellosen Florindo und Rosa den arbeitsscheuen Silvio. Denn freilich gibt’s ein dreifaches Happy End für die Herren. Vor allem Silvio hat das große Los gezogen. Sein Schwiegervater in spe ist schließlich, so sagt er, der „Kaufmann von Venedig“. Na dann. Ein Bravo allen Beteiligten!

www.festspiele-stockerau.at

Wien, 29. 6. 2016

Stadttheater Klagenfurt: „Familiengeschäfte“

April 19, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Henry Mason inszeniert Alan Ayckbourn

Familiengeschäfte. Bild: Arnold Pöschl

Das Ensemble der „Familiengeschäfte“. Bild: Arnold Pöschl

Am Stadttheater Klagenfurt hat am 28. April Alan Ayckbourns Komödie „Familiengeschäfte“ Premiere. Regie führt Henry Mason, der bei den Salzburger Festspielen zuletzt die „Komödie der Irrungen“ zeigte und am Stadttheater bereits „Die Dreigroschenoper“ inszenierte. Raphaela Möst, die umjubelte „Nora“ der Klagenfurter Inszenierung, kehrt in der Rolle der Tina Ruston zurück.

Mit ihr steht mit Claudia Kainberger, Heike Kretschmer, Doris Prilop, Isabel Schosnig, Stephanie Katharina Schreiter, Nikolaus Barton, Martin Bermoser, Christian Graf, Tim Grobe, Horst Heiss, Alexander Jagsch und Wolfgang Kraßnitzer ein hochkarätiges Ensemble auf der Bühne.

Jack ist einer, dem Moral und Werte noch etwas bedeuten. Als er die Möbelfirma seines Schwiegervaters übernimmt, ist er davon überzeugt, dass mit harter Arbeit, Leistung, Fairness und Vertrauen das Familienunternehmen wieder florieren wird. Doch schon bald folgt die Desillusionierung: Sämtliche Familienmitglieder sind in dubiose, aber profitable Nebengeschäfte verwickelt. Um den guten Namen des Unternehmens zu schützen, muss Jack nun die kriminellen Machenschaften der Familie nicht nur decken, sondern sie auch noch unterstützen.

Ayckbourn, dem Meister der britischen Satire dient die Familie als Modell einer Gesellschaft, die den Widerspruch zwischen Leistungsideologie und schamloser Selbstbereicherung nur noch zynisch und achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Pointiert und mit galligem Humor führt er vor, wie die Familie den Charakter verderben kann und beweist einmal mehr, dass der familiäre Zusammenhalt mitunter nur so lange besteht, wie dabei Geld zu machen ist.

www.stadttheater-klagenfurt.at

Wien, 19. 4. 2016

Zehn Jahre TAG: Einladung zum Geburtstagsfest

Januar 8, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das ganze Programm, leicht gekürzt

Michaela Kaspar und Jens Claßen, aus "13 oder Liebt eure Volksvertreter!" Bild: © Anna Stöcher

Michaela Kaspar und Jens Claßen, aus „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“
Bild: © Anna Stöcher

Das TAG feiert am 13. Jänner seinen zehnten Geburtstag und lädt zur musikalischen Rückschau auf mehr als 120 Theaterproduktionen. Zu erwarten ist nicht weniger als das gesamte Programm der letzten Dekade – leicht gekürzt – und ein rauschendes Fest mit vielen Weggefährten, Stammgästen, Künstlern und dem gesamten TAG-Team.

Mit Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit, Horst Heiss, Julian Loidl, Petra Strasser und anderen.

Der Eintritt ist frei.

Zur Einstimmung zum Nachlesen: Rezensionen „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“: www.mottingers-meinung.at/?p=16199 ,“Bluad, Roz und Wossa“: www.mottingers-meinung.at/?p=15115 , „Faust-Theater“: www.mottingers-meinung.at/?p=13951.

dastag.at

Wien, 8. 1. 2016

Theater Phönix: Er ist wieder da

November 23, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Harald Gebhartl holt Adolf Hitler wieder nach Linz

Markus Hamele, Simon Jaritz, David Fuchs, Felix Rank und Emese Fáy Bild: © Christian Herzenberge

Markus Hamele, Simon Jaritz, David Fuchs, Felix Rank und Emese Fáy
Bild: © Christian Herzenberger

In den heimischen Kinos ist Burgschauspieler Oliver Masucci zurzeit als untoter „Führer“ zu sehen www.constantinfilm.at/kino/er-ist-wieder-da.html, ab 26. November heißt es auch am Linzer Theater Phönix „Er ist wieder da“. Linz übernimmt die österreichische Bühnen-Erstaufführung nach dem gleichnamigen Debütroman von Timur Vermes. Dieser ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte, das seit seinem Erscheinen die Bestsellerlisten stürmt. Phönix-Chef Harald Gebhartl hat die Fassung geschrieben und führt Regie.

Gezeigt wird der unaufhaltsame „Aufstieg des vermeintlichen Comedians Adolf Hitler“: Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Aber unter Tausenden von Ausländern. Eine gefühlte Ewigkeit nach seinem vermeintlichen Ende strandet er in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere – im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und auch trotz Jahrzehnten der Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und „Gefällt mir“-Buttons. Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? Oder plant Hitler seine Rückkehr an die Macht? Ist er wieder da?

In Gebhartls Inszenierung führt der Siegeszug natürlich nach Linz, in die „fünfte Führerstadt“. Hier entschloss sich Hitler den „Anschluss“ vollständig zu vollziehen, er übernahm sogar die „Patenschaft“ für die Stadt. Hitler, der in Linz die Schule besucht hatte, beabsichtigte, dort einmal seinen Ruhestand zu verbringen. Es folgten Ausbaupläne von Albert Speer und der „Sonderauftrag Linz“, heißt: die Sammlung geraubter Kunstwerke an diesem einen Ort. Gebhartls Dramatisierung hat Timur Vermes offenbar so gefallen, dass der Theatermacher „schon nach zwei Stunden“ eine retourgemailtes Ja bekam, nachdem er dem Autor seine Idee vorgestellt hatte. „Phönix-Dramaturgin Sigrid Blauensteiner und ich sind überzeugt, dass es ein starker Theater-Stoff ist und auch sehr aktuell, was Medien und deren Oberflächlichkeit betrifft. ‚Er ist wieder da‘ ist auch eine Medien-Satire“, sagt Gebhartl im Gespräch mit den Oberösterreichischen Nachrichten.

Es spielen Simon Jaritz (Hitler), das Phönix-Ensemble David Fuchs, Felix Rank, Rebecca Döltl und Markus Hamele und als Gäste Sina Heiss, Sabrina Rupp und Emese Fáy.

www.theater-phoenix.at

Wien, 23. 11. 2015

Festspiele Stockerau: Einer flog über das Kuckucksnest

Juli 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Häuptling fand seinen kongenialen Cowboy

Horst Heiss (Häuptling Bromden) und Klaus Huhle (Randle P. McMurphy) Bild: © Johannes Ehn - Festspiele Stockerau

Horst Heiss (Häuptling Bromden) und Klaus Huhle (Randle P. McMurphy)
Bild: © Johannes Ehn – Festspiele Stockerau

Es war ein Wagnis. Und wer wagt, gewinnt. So wie Intendant und Regisseur Zeno Stanek mit seiner Inszenierung von „Einer flog über das Kuckucksnest“ in Stockerau. Die Vorlage ist gewaltig. 1962 veröffentlichte Ken Kesey seinen Roman, den Dale Wasserman  (der auch „Der Mann von La Mancha“ dramatisierte) ein Jahr später zum Bühnenstück umarbeitete. 1975 dann der Knalleffekt: Miloš Forman verfilmte den Stoff mit Jack Nicholson und Will Sampson www.youtube.com/watch?v=wBB985CIva4 . Nicholsons zerrupfte Frisur, sein irrer Blick, sein Wolfsgrinsen brachten dem Meisterwerk fünf Oscars, sechs Golden Globes und sechs Mal den Britischen Filmpreis ein. Nur Autor Kesey war nicht zufrieden. Er verließ die Produktion nach zwei Wochen, weil seine Story nicht mehr von Chief Bromden erzählt wurde, sondern Forman sich ganz auf Nicholson fokussierte.

Stanek lässt das alles offensichtlich kalt. Wenn man etwas dazu sagen kann, dann, dass er näher am Buch ist, als an allen anderen Steilvorlagen. Inhalt: Der unangepasste Kleinganove und leidenschaftliche Spieler Randle P. McMurphy wird auf Grund eines durch ihn vorgetäuschten Wahnsinns vom Gefängnis in die Psychiatrie (das Kuckucksnest) verlegt. Dort ruft er die Patienten mit Witz und Vehemenz zum Widerstand gegen das System und vor allem gegen Ober­schwester Miss Ratched auf. Bald hat er seine Kollegen soweit, Glücksspiele zu bestreiten und Wet­­ten aller Art abzuschließen. McMurphy stellt die Anstaltsordnung auf den Kopf, lädt leichte Mädchen (sehr sexy: Karin Verdorfer, einmal in Schwesternkittel, einmal in Hot Pants) ein. Der Gipfel ist die Wet­te, die stets Contenance bewahrende Miss Ratched außer Fassung zu bringen. Eine Wette mit weit­rei­chen­den Folgen für alle Anstaltsinsassen. Es folgen ein Selbstmord und ein Gnadentod. Und ein Befreiungsschlag, ein Ausweg in den Sonnenuntergang …

Stanek zeigt diesen Mikrokosmos als Abbild der Welt. Er gestaltet eine Parabel über die als totalitäres System empfundene Gesellschaft, die dem Individuum nur die Wahl zwischen unterwürfiger Selbstaufgabe oder aber Ausschluss und Bestrafung lässt.  Der „Staatschef“, heißt: der Anstaltsleiter Dr. Spivey (ein gutmütiger, edler Marcus J. Carney) steht unter der Knute der militanten Oberschwester Ratched (Elke Hartmann wunderbar herrisch. Auf die mehrfach gestellte Frage: „Habt ihr keine Eier?“ kann man nur antworten: Sie schon. Ratched nimmt übrigens Platz fünf der All-Time-Schurken-Liste Hollywoods ein.) Ratched betreibt Elektroschocktherapie getarnt als Patientenbasisdemokratie. Stanek zeigt in erschreckenden Szenen deren Entmündigung durch die Götter in Weiß. Erbarmungslos wird in Gruppensitzungen deren Innerstes vor aller Augen nach außen gerissen. Häuptling Bromden, der sich als taubstumm verstellt, um seine Ruhe zu haben, darf das alles wieder als Stimme aus dem Off erzählen. Aus dem Off denken. Der stets großartige Hüne Horst Heiss www.horstheiss.com gibt einen stoischen Renidenzler, einen Beobachter, der schließlich zur Tat schreitet. Doch nicht nur, was sich innerhalb des Irrenhaus-Gitterkäfigs abspielt, berichtet er, sondern auch von Großkonzernen, die seinen Stamm enteignet und von seinem Land vertrieben haben. Er, der letzte des Clans, der letzte Aufwiegler, wird weggesperrt. Und halluziniert vom Wasserfall und dem Ruf der Wildgänse.

In Klaus Huhle hat der Häuptling einen kongenialen Cowboy gefunden. Dieser McMurphy kommt nämlich mit Stetson und Boots in die „Arena“ gestiefelt. Huhle hat nicht die Absicht, den schlechteren Jack zu mimen. Er gibt der Rolle seine eigene, höchst gelungene Färbung. Statt ein zynisches Arschloch à la Nicholson zu sein, ist er ein tragikomischer Antiheld, der tatsächlich an Gerechtigkeit glaubt, ein Vorschriftenbrecher gegen die Schwesterntrachtdiktatur. Ein Rebellenführer, der am geschlossenen System scheitern wird. Denn in all seiner Lustigmacherei, seiner Spaßvogelei, seiner Schlitzohrigkeit erkennt er nicht, dass er mit einem Feuer spielt, das ihn verbrennen wird. So bauernschlau er ist, so sehr ist er auch ein Tor, der das Ende der Geschichte nicht kommen sieht. Eine spannende, außergewöhnliche Auslegung der Figur. Gut angelegt sind auch Simon Jaritz als distinguierter Patientensprecher Dale Harding, dem durch den Atombusen seiner Frau die Rakete umgefallen ist; Karl Ferdinand Kratzl als menschliche Bombe; Mutterflüchtling Billy Bibbit, sehr eindrücklich dargestellt von Konstantin Gerlach; „Ruckly“ Christian Strasser als sein personal Jesus; Raufbold „Cheswick“ Robert Kolar und der Kartentrickser „Martini“ Daniel Wagner.

Ein sehenswerter Abend, der entsprechend mit viel Applaus bedankt wurde.

www.festspiele-stockerau.at