Wiener Wortstaetten im Werk X: Gegen die Freiheit

November 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas hässlichstes Antlitz

Ein Erhängter im Esszimmer überrascht die neue Mieterin: Burak Uzuncimen und Saskia Klar. Bild: © Joachim Kern

„Was hat er denn vor, will er denken?“, fragt der Arzt jene Ehefrau, die zu ihm gekommen ist, ihren Mann des zwanghaften Lesens anzuklagen. Essays, das sei das Schlimmste, konstatiert der Doktor, was Wunder also, dass beim Erkrankten das selbstständige Den-Verstand-Einsetzen ausgebrochen ist. Da dies als unheilbar gilt, bleibt nur eines: einen Scheiterhaufen zu errichten, auf dem kein Buch – sondern der Patient selbst verbrannt wird. Solcherart sind die Pointen, die jede der sieben surrealen Szenen aus Esteve Solers Text „Gegen die Freiheit“ beschließen.

Soler, Jahrgang 1976, derzeit einer der gefragtesten zeitgenössischen Film- und Theaterautoren, bekannt für starke szenische Setzungen und zugespitzte Dialoge, ist Katalane. Das macht seinen Stücktitel umso pikanter. Seit gestern ist „Gegen die Freiheit“, von Soler Teil eins einer „Revolutionstrilogie“ genannt, als deutschsprachige Erstaufführung der Wiener Wortstaetten im Werk X zu sehen. Das Autorentheaterprojekt hat diese Saison in der Meidlinger Spielstätte ein Arbeitsatelier bezogen, nun diese Koproduktion im Rahmen des EU-Projekts „Fabulamundi Playwriting Europe – Beyond Borders?“, bei der Hans Escher die Regie übernommen hat.

Von Luis Buñuel, sagt Soler, wäre sein Schreiben inspiriert, und tatsächlich geht einem dessen „Würgeengel“ im Kopf um, denn in seiner dramatischen Collage zeigt Soler weit mehr als eine dystopisch bibliophobe Gesellschaft. Er zeigt direkt auf Europas hässlichstes Antlitz, zeigt, wie Totalitarismus im Kleinen beginnt, bevor er groß wird, zeigt Machtmissbrauch und Ohnmachtsverhältnisse, und wie die verlorengegangene Fähigkeit zur Kommunikation im Politischen wie im Privaten genau jene Kräfte vorantreibt, die Europas Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden, Andersseienden den Kampf angesagt haben.

Wo eine Waffe ist, wird geschossen: Daniel Wagner, Heinz Weixelbraun und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Entnervter Priester tötet Bräutigam: Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun. Bild: © Joachim Kern

Solers Themen reichen von Gewalt durch Überwachung und/oder Waffen, Kapitalismuskritik samt einer an der Banken- und Immobilienblase, bis zum schändlichen Umgang mit Flüchtlingen, alles, was sozusagen europäische Abhängigkeitsbeziehungen dieser Tage ausmacht, und immer sind seine Stories unheilvoll, die Gefahr diffus, die Charaktere spooky. Dass sich das Premierenpublikum nichtsdestotrotz blendend amüsierte, liegt an Solers Talent für absurde Komik, doch immer kommt beim ehemaligen Schüler, nunmehr Lehrer an der Sala Beckett in Barcelona der Moment, wo bizarr in bitterböse kippt.

Die Schauspieler Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun beweisen sehr viel Gespür für diesen Aberwitz, stellen Solers grelle – fast möchte man sagen – Sketche so griffig dar, wie’s verlangt wird, wechseln mit viel Lust am Obskuren von einer Rolle in die nächste. Von Hans Escher und Ausstatter Renato Uz ist ihnen dazu nur eine Art Tisch auf Rollen zur Hand gegeben, der im Laufe des Abends verschiedene Funktionen übernehmen wird, hinten eine Kleiderstange, auf der die wenigen Stücke hängen, die sie als eine neue Figur ausweisen.

Alex Petkov treibt am Schlagzeug das Spiel an, er gibt ein rasantes Tempo vor, erschafft mit Sticks und Besen ein Hochgeschwindigkeitsensemble, dessen nervös flirrendes Auftreten der perfekte Grundton für Solars Stück ist. Und so gestalten etwa Saskia Klar, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun eine Hochzeitsszene, in der die Braut beim „Bis dass der Tod euch scheidet“ nicht mitmachen will. Vor versammelter Festgesellschaft beginnt sie mit ihrem nun wohl nicht mehr Zukünftigen einen Streit über dessen prinzipiell erniedrigenden Sexpraktiken, bis der entnervte Pfarrer zur Pistole greift. Später wird Klar die verständnisvolle Frau eines Kinderschänders spielen, während Weixelbraun mit Elisabeth Findeis ein Ehepaar gibt, dass unterm Parkettboden im Ankleidezimmer nicht weniger als 700 Textilarbeiter eingeschlossen hält.

Der Sohn verhungert am Tisch der Mutter: Elisabeth Findeis und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Während die Ausgebeuteten um Frischluft ringen, die von den Stoffen aufsteigenden Dämpfe sind nämlich giftig, klagt sie, sie hätte nichts anzuziehen, lässt er seine Arbeitssklaven auf herablassend-väterliche Art wissen, er habe Verständnis für ihre Herdenkultur, aufgrund der sie ja auf engstem Raum zusammengepfercht sein wollten. Dann gehen Mann und Frau shoppen. Eine nicht näher definierte Miliz ist nicht nur in einem Haus, sondern auch in der Social-Media-Sucht gefangen, eine Mutter lässt ihren Sohn an ihrer reich gedeckten Tafel verhungern.

Jeder hat bei Soler Leichen im Keller, oder wahlweise im Esszimmer, wo Burak Uzuncimen als sich erhängt habender Selbstmörder einer Wohnungsbesichtigung eine neue Dimension verleiht. Esteve Solers groteske Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Abgründe ist in Hans Eschers Inszenierung ein unterhaltsamer, überwältigender, erschütternder Abend geworden – mit vielen offen bleibenden Fragen, die, wenn schon nicht der Antworten, so doch der Analyse harren. Ein Europa auf dem Prüfstand zu beschreiben, dazu sind im Rahmen von „Fabulamundi – Playwriting Europe“ aus Österreich unter anderem auch Miroslava Svolikova, Gerhild Steinbuch, Thomas Köck und Bernhard Studlar eingeladen.

www.wortstaetten.at/          werk-x.at

  1. 11. 2018

Zelinzki: Das neue Bandprojekt mit Beatrix Neundlinger

November 23, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Konzert als Reise „Zwischen Wut und Übermut“

Die Band Zelinzki präsentiert ihre erste CD mit einem multimedialen Konzertabend. Bild: Oswald Wintersteller

Die Band Zelinzki mit Beatrix Neundlinger (re.) präsentiert ihre erste CD „Die Weltformel“ mit zwei multimedialen Konzertabenden. Bild: Oswald Wintersteller

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger untersuchen mit ihrem neuen Band-Projekt “Zelinzki” die aktuellen Befindlichkeiten der Österreicher in Zeiten der  zweiten allgemeinen Verunsicherung. Ihre musikalischen Aufmucker gibt es unter dem Titel „Die Weltformel“ bereits auf CD.

Nun folgt deren Präsentation in Form eines multimedialen Konzerts am 26. November im Wiener Theater Akzent und am 30. November in der Argekultur Salzburg. Mit diesem Abend laden die Musiker zu einer Reise „Zwischen Wut und Übermut“, zu einem Musikvarieté, das „den Aufhetzern Einhalt gebieten, den Feiglingen Mut machen und die Träumer aufwecken“ soll. Dazu ist der Band so ziemlich jedes musikalische Mittel Recht, von Liebeslieder über Muntermacher zu Hymnen. Den raschen, oft überraschenden Wechsel der Gefühle und Musikrichtungen kann sich die Band locker leisten. Die Musiker überspringen mit professioneller Leichtigkeit jeden Grenzzaun der Genres. Und wenn es sein muss, wird er auch eingerissen oder einfach überrannt.

Zelinzki war selbst ein Flüchtender. Ein Asylsuchender. Ein Heimatloser. „Zelinzki“ trägt seine Ideen weiter. Macht Musik aus seinen Geschichten. Und aus den Geschichten seiner Freunde.

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Eine Reise "Zwiscen Wut und Übermut". Bild: Anna Reisinger

Keine Zeit für Koffer: Eine Reise „Zwischen Wut und Übermut“. Bild: Anna Reisinger

Die Texte sind von Heinz Rudolf Unger, von ihm auch „Die Weltformel“, von Else Lasker-Schüler, Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht oder H. C. Artmann. Im Unger-Blues „Weckt Nicht Den Kleinen“ erlarvt sich das vermeintliche Kind als „der Faschist in mir“, der die Türen verrammelt und auf den baldigen Bau einer Mauer hofft. „Erinnerungen“ von Bert Brecht klingt, als hätte Wolf Biermann Pate gestanden; der Text ist auf der CD-Hülle abgedruckt: „Wenn ich es denken könnte, wüsste ich es bereits, doch könnte es dir nicht erklären. Denn wenn du es denken könntest, dann wüsstest du es bereits und müsstest nicht auf mich hören …“  In „Wia Geds Da Denn“ nach der Nöstlinger wiederum wird von einer Generation erzählt, die nicht gelernt hat, eine Meinung haben zu dürfen, die lieber „stad“ ist als sich Gedanken zu machen über Politik und die Welt.

Und sofort hat man beim Zuhören wieder Schmetterlinge im Bauch, der Politrock der 1970er-Jahre und sein Protestsongpotential sind noch lang nicht ausgeschöpft. Man hört es der Formation an, dass es immer noch und schon wieder Arenen zu besetzen und zurückzuerobern gibt. So ist die CD ein Schlachtruf für alte Mitstreiter – und eine Empfehlung für neue, die dazukommen wollen.

www.zelinski.at

Wien, 23. 11. 2016

Salzburger Festspiele: Der Ignorant und der Wahnsinnige

August 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Bernhard, ein Blendwerk

Ein Fest für Bechtolf: Der scheidende Interimsintendant gibt den Doktor. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Ein Fest für Bechtolf: Der scheidende Interimsintendant gibt gekonnt den Doktor. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Die Sache mit dem Notlicht wurde naturgemäß anders gelöst. Statt Abschaltung ein Lichtgemetzel, unzählige Spots ins Zuschauerauge, das darauf freilich mit dem gewünschten Blackout reagierte. Thomas Bernhard, ein Blendwerk.

Regiealtmeister Gerd Heinz debütierte bei den Salzburger Festspielen mit dessen Text „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Er legt eine schlichte, schnörkellose, überraschungsfreie Arbeit vor, die sich, so weit, so schön, aufs Wort konzentriert. Dieses riss als Doktor Sven-Eric Bechtolf an sich. Gleichsam als Fleisch gewordener Superlativ performt er seinen Seziersermon, kauzig, hochkomödiantisch, grimassenschneidend, grotesk, ohne Strich und Komma – und dabei mit präzisester Betonung der Bernhard’schen Partitur.

„Zeitlebens habe ich mir eine Aufgabe gewünscht im Hintergrund, aber meine Natur ist eine andere“, sagt der Doktor. Und das Publikum dankt dies dem scheidenden Interimsintendanten mit jubelndem Applaus, als wolle es sagen, hurra!, zurück zur Kernkompetenz, weg von nicht ausführbaren Ideen, wie jährlich wechselnden Festspielschreibern oder internationalsprachigen Aufführungen auf der Perner-Insel.

Welch ein grandioser Schauspieler, ein Fest für Bechtolf. Der hier augenscheinlich allzu neckisch den Verzweiflungskomiker mimt. Dem aber mit Christian Grashof als blindem Vater und Annett Renneberg als Königin der Nacht zwei ebenbürtige Partner auf die Bühne gefolgt sind. Zu dritt scharmützelt man sich durch die von Martin Zehetgruber als opulentes Blumenmeer gestaltete Künstlergarderobe; den zweiten Akt in den Drei Husaren gestaltet der Raumschöpfer für Connaisseurs als Hommage an den Schinkel-Sternenhimmel aus dem Jahr 1816. Zweihundert Jahre, dieses Jubiläum betrifft ja auch Salzburg als Teil von Österreich.

Darin nun also die Non-Dialoge des Intellekts mit dem Instinkt, das Buhlen des Über-Ichs und des Es um ihr angekränkeltes Ich, das angekratzte Ego, ein Reden, als hätte man das Objekt der Begierde schon in der Prosektur, dazu ein profaner Streit über den Spezialzwirn. Grashof gibt das Grundleiden mit überbordend unbeholfenen Gesten und hilfeheischender Mimik; wie einem Kind, das die Sätze der Erwachsenen wiederholt und memoriert, wird ihm gut zugeredet. Renneberg gestaltet die Koloraturmaschine, das Kunstgeschöpf nicht nur überraschend gut bei „Singstimme“, sondern auch erstaunlich mitmenschlich; die Diva ist zwar eine Tyrannin, die berechnende, manipulative Grausamkeit von Mozarts Operndespotin fehlt ihr jedoch weitgehend.

Annett Renneberg als Königin der Nacht mit Sven-Eric Bechtolf, Barbara de Koy und Christian Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Annett Renneberg mit Sven-Eric Bechtolf und Christian Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Die Drei Husaren unter Schinkels Sternenhimmel: Renneberg, Bechtolf und Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Drei Husaren unter Schinkels Sternenhimmel: Renneberg, Bechtolf, Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

So überspannt sind auch von ihrem Ruhm überforderte Rihannas, überhaupt sind alle sehr einnehmend und charmant, und eigentlich – war da nicht noch was? Eine Abhängigkeitskette, die auf das Grausamste die menschlichen Marionetten im Stück bloßstellt. Ein sich unbarmherzig ankündigendes Sterben von „Kultur“. Eine heraufdräuende Seelenverfinsterung. Gerd Heinz hat Bernhard brav, nicht aber dessen Pausen inszeniert, und damit die Komödie ihrer Tragödie beraubt. Er hat ihre Abgründe zu Untiefen aufgeschüttet und die Figuren um ihre Doppelbödigkeit gebracht. Ohne böswillige Hinterfotzigkeit aber verkommt „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ zum harmlosen Haha. Als könne ein zu viel des Guten nichts Besseres bewirken. „Wer die Kunst mit Absolutheitsanspruch auszuüben wünscht, darf keinesfalls auf ein gelingendes Leben hoffen“, lässt Bernhard den Doktor schließlich sagen.

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Landestheater. Ein Sandler steigt in den Obus Nr. eins, eine junge Passagierin springt auf und denunziert den ihr Ekelerregenden beim Fahrer. Der bleibt tatsächlich mitten auf der Strecke, auf Höhe Mirabellgarten stehen. Vollbremsung und Verweis aus dem Fahrzeug. Weil, der Mann hat keinen Fahrschein. Als man anbietet, ihm einen zu kaufen, ein Nein. Und ein herrisches: Und du waaßt a genau warum! zu dem Mann. Sandler dürfen nicht in Salzburgs Innenstadt. Beim Makartplatz dann endlich wieder Brillant und Perlketten. In Salzburg angekommen, ein Blendwerk.

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburg, 22. 8. 2016

Einen Abend mit Jonas Kaufmann ersteigern

Mai 19, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Künstler schenken sich her. Eine Auktion für Hemayat

Jonas Kaufmann. Bild: Julian Hargreaves/Sony Classical

Jonas Kaufmann. Bild: Julian Hargreaves/Sony Classical

Am 3. Juni ist das große Sommerfest für Hemayat im Palais Schönburg. Auch dieses Jahr gibt es wieder namhafte Unterstützer und Zeitspender für die bevorstehende Benefiz-Auktion zugunsten des Betreuungszentrums für Folter- und Kriegsüberlebende. Bundespräsident Heinz Fischer lädt zu Kaffee und Kuchen in die Präsidentschaftskanzlei, Karim El-Gawhary zu einem Gespräch über den Nahen Osten, Michael Niavarani erst in sein Globe Theatre zu einer Vorstellung, dann in die Theater-Bar.

Barbara Frischmuth bittet zu einer Jause in ihren Garten in Altaussee, Florian Scheuba zu einem gemütlichen Abendessen im „Petz im Gußhaus“, mit Andreas Vitasek darf man einen Tag auf Tour gehen. Julya Rabinowich kommt auf eine private Lesung vorbei. Und auch die Opernstars Angelika Kirschschlager und Jonas Kaufmann schenken den Meistbietern ihre Zeit und ein ganz persönliches Kennenlernen. Ab sofort kann man auf der Webseite des Dorotheum ein Gebot abgeben:

www.dorotheum.com/auktionen/aktuelle-auktionen/kataloge/list-lots/auktion/11845-charity-auktion-zeitspenden-und-kunstwerke-von-hemayat.html

Das Wort „Hemayat“ stammt aus dem arabischen Sprachraum und bedeutet Betreuung und Schutz. Das Betreuungszentrum Hemayat ermöglicht schwersttraumatisierten Flüchtlingen den Zugang zu psychotherapeutischer und medizinischer Hilfe. Nicht nur Erwachsene, auch viele Kinder und Jugendliche, die Folter und Krieg erlebt haben, finden hier Unterstützung. Im Jahr 2015 wurden 753 Menschen, davon 122 noch minderjährig, betreut. Alle Einnahmen aus dem diesjährigen Sommerfest und der Benefiz-Auktion werden der spezifischen Finanzierung von Einzeltherapieplätzen für traumatisierte Kinder und ihre Familien zweckgewidmet. Die Veranstaltung ist zur Gänze ehrenamtlich organisiert.

www.hemayat.org

Wien, 19. 5. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom: Dunkelstein

März 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Grauen ohne Geigengeschluchze

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile Bild: Nick Mangafas

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile
Bild: Nick Mangafas

„Gegenwärtig brauchen die Juden ein paar Teufel, um zu überleben“, sagt er. Und später: „Wenn der Krieg kommt, werden die eine Waffe in die Hand nehmen gegen unsere Herrschaften.“ Die – waren die Wiener Juden, denen er die Ausreise ermöglicht hatte, sie – die hiesigen Nationalsozialisten. Er, das war Benjamin Murmelstein, und wahrscheinlich war er beides, ein Gottseibeiuns und ein Gottseisgelobt.

128.000 Menschen soll er bis November 1941 die Emigration ermöglicht haben. Robert Schindel hat 2010 ein Theaterstück über ihn geschrieben, „Dunkelstein“ heißt es und wurde nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt. Eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit dem Volkstheater kam nicht zustande, und es verwundert, welch ein Auftragswerk sich das Haus da entgehen ließ. Aber es bedurfte wohl eines Frederic Lion und eines Karl Baratta, um aus dem komplexen Stoff die bestechende Spielfassung zu erstellen, die nun zu sehen ist.

Mehr als 42 Figuren haben die beiden für acht Schauspieler aufbereitet, immerhin 22 Rollen sind für sie geblieben. Mit ihnen wird ein Einblick in die jüdische Gemeinde jener Tage gewährt. Lion und Baratta lassen sich lange Zeit, bis sie Dunkelstein auftreten lassen. Vorher geht es ihnen um das Vermitteln von Atmosphäre, um das Vorführen von Denkweisen; sie zeigen das Negieren und das Nichtwissenwollen, eine Szenencollage bewegt sich von Fall zu Fall. Die Geschichte des psychisch kranken Nathan. Eine Wirtshausdiskussion, dass Zwetschenröster niemals Kompott sein kann. Polgar im Kaffeehaus, Friedells Fenstersturz, Torberg wird zitiert. Eine Bridgepartie von Vater und Tochter Singer. Die Flucht in die Religiosität oder den Kommunismus. Gisela Winter kommt vor, und Esther Rebenwurzel. Und am Ende werden alle Geschichten zu einer werden, und Nathan wird nackt ins Gas gehen, und Esther, die eigentlich Franzi Danneberg-Löw hieß und damals Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde war, den Säugling von Gisela-Gerty Schindel gerettet haben. Und er wird Robert Schindel geworden sein.

Regisseur Lion hat einen Abend entworfen, der alles in einem ist. Nummernkabarett und Maskenspiel und Erzählung. Und jüdischer Witz. Eine Realfarce nennt Schindel sein Stück, und mit staubtrockenem Humor berichtet er vom Nahen der braunen Sturmflut. „Heil Hitler!“, ruft der Botenjunge, der die Mazzes bringt. Und ja, man lacht. Die Beeinflussbarkeit des Menschen scheint in solchen Momenten grenzenlos. Lions „Dunkelstein“ ist eine spröde, analytische Inszenierung dessen, die nicht mit Sentiment, sondern mit dem Verstand spielt. Er lässt die Grausamkeit sozusagen nicht in Geigengeschluchze baden, sondern stellt sie aus. Kalt und klar. Was sie umso deutlicher und beklemmender macht.

Mit der Rotte verkommener Hausknechte kommt auch Dunkelstein. Michael Gruner spielt ihn mit hoher Intensität. Seine Bühnenpräsenz ist atemraubend. Mit konzentrierten Gesten, mit einer Art verwehter Eleganz entwirft er seine Figur. Dieser Dunkelstein wankt zwischen Angeekeltsein und Größenwahn, er ist ein Gefangener seines Amtes, er kalkuliert Lebensrettungschancen so sachlich wie ein Buchhalter seine Finanzen, er ist hochmütig unfreundlich, auch jähzornig, und glaubt an seine Manipulation des Mördervereins. Dies seine größte Sünde. Benjamin Murmelstein war Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und nach deren Auflösung 1938 in der zwangsweise in „Jüdische Gemeinde Wien“ umbenannten Institution unter Adolf Eichmann für die Auswanderungsabteilung zuständig. Ab 1942 musste er aber auf Weisung der NS-Behörden auch die „Einwaggonierung“ der Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten vornehmen. „Der letzte der Ungerechten“, wie er sich 1975 selber in einem Interview nannte, gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit. Kollaboration nennen die einen seine Arbeit, Kooperation die anderen.

„Dunkelstein“ ist kein Versuch einer Erklärung dieser seltsamen Existenz. Jede Parteinahme wird unterlassen. In einem knappen Prolog wird kurz um die Frage gestritten, was man, wenn … und ob nicht, weil … man weiß es nicht. Ob das die Natur des Menschen ist? Spitzelwesen und Verrat von Freunden und Hass auf den, der gestern noch Nachbar war, und sich als Opfer unter den Tätern zu verstecken. Wie viel Gewissen hält der Mensch aus? In der Mašín-Familie geht seit Generationen der Satz: Man hat immer die Wahl. Florentin Groll will als Singer noch den Verkauf seines Wochenendhauses regeln, „na, nehmen wir einen späteren Zug“, sagt er zu Dunkelstein, und die Ahnung ist, der wird schon ein Viehtransporter sein.

Groll ist auch der Wirt, den Gestapomann Kalterer, verkörpert von Heinz Weixelbraun, später zwingen wird, den Zwetschenröster, der kein Kompott sein darf, vom Boden zu schlecken. Kalterer verliebt sich in die von ihm verhörte und von Lilly Prohaska gespielte Kommunistin Edith, eine Zellengenossin von Gisela Winter alias Schauspielerin Dolores Winkler; Prohaska wird später zu Esther Rebenwurzel. So schließt sich der Rettungsring um den Autor. Alexander Julian Meile gibt unter anderem den Sturmbannführer Linde süffisant-selbstverliebt und mit Eichmann-Schramme an der Wange. Rouven Stöhr ist ein eindringlicher, verstörender Nathan. Eduard Wildner versucht als Dunkelsteins Vorgesetzter Leonhardt seinen verzweifelten Sarkasmus nicht allzu offen zu zeigen. Und wenn Lukas Goldschmidt dazu „Waltzing Matilda“ auf Wienerisch singt, weiß man, wie’s gemeint ist.

Am Ende wird Linde zu höheren Weihen nach Berlin berufen und auch für Dunkelstein hat er neue Aufgaben. In Theresienstadt. Dort wurde Murmelstein 1944 zum letzten „Judenältesten“ ernannt. Und musste wieder Listen zusammenstellen. Nach Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg hatte Murmelstein sein Verhalten zwei Mal vor Gerichten zu rechtfertigen, in Israel forderte man für ihn die Todesstrafe. Er starb 1989 in Rom. Der zuständige Rabbiner verweigerte das Kaddisch.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AT-rZq9-nnk

www.hamakom.at

www.schindel.at

Wien, 2. 3. 2016