Werk X: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Februar 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feuer frei auf die Fake News!

Slapstick mit Staatsanwalt: Jennifer Frank als Katharina Blum, Peter Pertusini als Ankläger Hach, Daniel Wagner und Sören Kneidl als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Bild: © Alexander Gotter

Der Schluss ist schockierend, genau genommen skandalös, doch scheint Regisseur Harald Posch der Meinung zu sein, dass man die von ihm als solche ausgeforschten Skandalblätter der Republik nicht mit Samthandschuhen anfassen zu braucht. Und so lässt er die Schauspieler deren führende Köpfe als Schießscheiben aufstellen, heißt: deren Fotos unterm Fadenkreuz, und dem Publikum eine Pistole anbieten. Einmal abdrücken gefällig? Feuer frei auf die Fake News!

Gestern verhalf der künstlerische Leiter des Werk X ebendort Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zur Theaterpremiere. Es war der Tag, an dem in Bratislava 30.000 Menschen der Ermordung des slowakischen Investigativ-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnírová vor genau einem Jahr gedachten, und Kuciak kommt an diesem Abend auch vor. Ebenso die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia, die wie er korrupten Politikern auf der Spur war. Solcherart befördert Posch Bölls von ihm selbst so genanntes Pamphlet in die Aktualität – mit dem angriffigen Hinweis, dass es stets nur die guten unter den Berichterstattern sind, die ein gewaltsames Ende finden.

Vieles gilt es zu bereinigen: Wiltrud Schreiner, Daniel Wagner und Sören Kneidl im Verhörraum. Bild: © Alexander Gotter

Saubermachen nach dem „Blutbad“: Wiltrud Schreiner als Else Woltersheim und Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

„Katharina Blum“, eine Provokation, das war der Text schon im Erscheinungsjahr 1974, ein literarisches Anprangern des Axel-Springer-Verlags in Form einer fiktiven ZEITUNG, eine „Hetz-Maschine“, so Posch im Gespräch, von der es hierzulande derzeit sogar drei gebe. Diesem Propagandaboulevard kommt die Inszenierung mit Poschs probaten Mitteln der Groteske und des sarkastischen Humors bei. Das Spieltempo ist hoch, auf Schnellsprech folgt Slapstick, auf intellektuelle Debatten über rohe Bürgerlichkeit vs Bürgertum der blanke Irrsinn, die Raumtemperatur ist in etwa die der britischen „Carry-On“-Filme.

Als Katharina Blum ist erstmals am Haus Jennifer Frank zu sehen, und sie gestaltet die Titelrolle intensiv, changierend zwischen gedemütigt und verletzt, dann plötzlich aufbegehrend und stark; sie singt auch wunderbar anrührend Nick Caves „Henry Lee“. Rund um Frank geben Wiltrud Schreiner, Sören Kneidl, Peter Pertusini und Daniel Wagner unzählige der Böll-Figuren. Trude und Hubert Blorna, dessen Satz „Katharina ist eine sehr kluge und kühle Person“ von der ZEITUNG als „eiskalt und berechnend“ falsch zitiert wird, Alois Sträubleder, Else Woltersheim …

Daniel Wagner und Sören Kneidl sind großartig als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Allein mit einer akrobatischen erst Fuß-, dann Kopf-im-Kübel-Nummer schenken sie sich nichts, die Symbolik selbsterklärend – die beiden haben sich in ihrem Ermittlungsunsinn verfangen, und auch ihr „Zugriff“ auf Katharinas Badezimmer ist brüllend komisch. Wagner macht außerdem den rücksichtslosen Reporter Werner Tötges zum Horst-Schlämmer-Lookalike, Sören Kneidl mit Gitarre und Kapuzenhoodie den Ludwig Götten. Der gebündelte Wahnsinn findet in den Kostümen und auf der Drei-Ebenen-Bühne von Daniel Sommergruber statt, oben Katharinas Nasszelle, in der Mitte der Verhörraum, unten das Domizil der Blornas, dazu die obligate Leinwand für Live-Großaufnahmen. Die Story, die Posch in diesem Setting schildert, ist folgende: Die Blum hat auf einer Party Ludwig kennengelernt und mit nach Hause genommen. Am nächsten Tag stürmt die Polizei ihre Wohnung, auf der Suche nach dem „Staatsgefährder“, der im „Asylbusiness“ tätig sein soll.

Klar weist sich Poschs Blum gegenüber ihrer Tante Else, dargestellt von Wiltrud Schreiner, als Ludwigs Verlobte aus, klar weist sie Staatsanwalt Hach, ihn spielt Peter Pertusini, beide zusammen auch das Ehepaar Blorna, wegen seiner Begriffsungenauigkeit zurecht. Zärtlich ist nicht zudringlich, Ludwig war das eine, andere Männer sind das andere. Und während derart die Auswüchse der Post-Truth-Ära, Bot-Armeen und die Cambridge Analytica verhandelt werden, Katharinas schwerkranker Mutter das Wort im Mund umgedreht und auch ihr Ex-Ehemann zur Causa befragt wird, lässt Posch die gegenseitige Anbiederung der Medien und der Macht in einer Fellatio gipfeln oder eine Innenministermaske in Strapsen und High Heels tänzeln. Bölls angedachter Selbstmord der Blum wird zum zornigen Blutbeutelwerfen im Bad.

Die gegenseitige Anbiederung von Macht und Medien wird bald in einer Fellatio gipfeln: Peter Pertusini und Sören Kneidl, hinten: Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

Das alles im Turbogang, der 90 Minuten lang nicht runtergeschaltet wird, mit Schauspielern, die ohne Selbstschonung Schwerstarbeit leisten. Und mitten in deren Waffengang gegen – um Hannah Arendt wiederzugeben – das Wahrlügen entwirft Jennifer Frank eine Grafik der „Eigentümer österreichischer Medien“. Es sind weniger als eine Handvoll, und jeder mit jedem auf Umwegen verbandelt, 49.44 Prozent da, 50.56 Prozent dort.

Da ist man doch froh, dass man zu hundert Prozent nur sich gehört. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ am Werk X ist eine explosive Aufführung, deren Spreng-Stoff beim nächsten Zur-Hand-Nehmen einer ZEITUNG hoffentlich bedacht werden wird.

Harald Posch im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32038

werk-x.at

  1. 2. 2019

Werk X: Harald Posch im Gespräch über „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Februar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hetz-Maschinen gibt es in Österreich derzeit drei“

Die Boulevardpresse bedrängt Katharina Blum: Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Bild: © Alexander Gotter

Im Werk X stellt Harald Posch, gemeinsam mit Ali M. Abdullah künstlerischer Leiter des Hauses, Heinrich Bölls 1974 erschienene Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne. Der Text beschreibt, wie eine bisher unbescholtene Frau wegen eines One-Night-Stands mit einem mutmaßlichen Straftäter Opfer der menschenverachtenden Berichterstattung der Boulvardpresse wird – bis sie schließlich tatsächlich eine Wahnsinnstat begeht.

Poschs Inszenierung dieses „Pamphlets“, wie der Autor selbst es nannte, soll beleuchten, wie Sensationsjournalismus wirkt und wie die Wahrheit in der „Post-Truth“-Ära immer wieder unter die Räder gerät – auch, weil sie weder in den Medien noch in der Politik ernsthafte Verteidiger mehr hat. Es spielen Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Premiere ist am 21. Februar. Harald Posch im Gespräch:

MM: Die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat einen zweiten Titel, der lautet „Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“. Was hat Sie jetzt angesprochen, auf diesen Text zurückzugreifen?

Harald Posch: Böll beschreibt eine mediale Hysterisierung, einen Übergriff durch Boulevardmedien. Er macht das aufgrund eines Einzelschicksals, aber im Prinzip stand auch damals in den 1970er-Jahren, zu Beginn der RAF-Zeit in Deutschland, klare Meinungsmache dahinter, die politische Ziele verfolgt hat. Diesbezüglich ist die Parallele zur Gegenwart sofort da, nämlich so etwas wie eine gesellschaftliche Außenfeindbestimmung. So wie damals die Linke dazu benutzt wurde, viel mehr daraus zu machen, als tatsächlich da war, wird das heute – Stichwort Migrationsdebatte – gemacht. Und der Boulevard setzt sich da natürlich genüsslich drauf, um die Diskussion am Dampfen zu halten und voran zu treiben. Und in diesem Vakuum lässt sich gut Politik machen, da spaltet man die Gesellschaft schön und trifft im Hintergrund politische Entscheidungen, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Das hat mich an der „Katharina Blum“ sehr interessiert.

MM: Böll selbst ist sehr angegriffen worden, weil er einen Essay über Ulrike Meinhof geschrieben hat. Man hat ihm Sympathien für die RAF unterstellt. Die Zeitung, gegen die er sich gewandt hat, gibt es immer noch. Kann man gegen Medien überhaupt etwas bewirken?

Posch: Der Springer-Verlag, den er im Speziellen aufs Korn genommen hat, ist nach wie vor sehr mächtig, auch hierzulande. Aber das war ja einer der Gründe, warum Böll die „Katharina Blum“ geschrieben hat, damit er an die Öffentlichkeit gehen kann, der „Krieg“ ist dadurch ja sehr intensiv geworden. Böll war sehr erfolgreich, hat sechs Millionen Exemplare verkauft, worauf der Springer-Verlag in den eigenen Zeitungen die Bestseller-Listen nicht mehr veröffentlicht hat, da ist also viel in Bewegung geraten. Aber natürlich ist die Macht des Boulevards ungebrochen, und man weiß das auch. Der letzte, der versucht hat, dagegen oder nicht ganz im Einklang mit ihm zu marschieren, war der vergangene österreichische Bundeskanzler, der mit seinem Amt dafür gebüßt hat.

MM: Wobei man hierzulande das Gefühl hat, dass sich der Boulevard in zwei politische Lager spaltet: für Türkis-Blau und dagegen.

Posch: Das wäre fast etwas, das zu wünschen wäre, aber Boulevard arbeitet immer opportun, mit Sensationsjournalismus, mit Unwahrheiten, mit aufgeblasenen Nebensächlichkeiten vor allem, mit Gewaltdarstellung und Sexismus. Wenn dagegen was tun, dann so wie Katharina Blum auf die exakte Bedeutung jedes einzelnen Wortes Wert legen. Sie streitet in der Einvernahme mit der Polizei darüber, ob jemand zudringlich oder zärtlich wurde, weil Zudringlichkeit etwas nicht Einvernehmliches ist, Zärtlichkeit schon, et cetera. Immer wieder beharrt sie darauf, dass etwas nicht ausdifferenziert dargestellt ist.

MM: Das heißt, sie beharrt auf Sprachgenauigkeit.

Posch: Auf Darstellungsgenauigkeit, auf Fakten. Nicht so, wie Herr Gudenus unlängst gepostet hat, Migranten schleppten die Krätze ein. Es ist so unfassbar, in jedem anderen europäischen Land wäre er rücktrittsreif, bei uns tritt nicht einmal jemand in die Nähe eines Rücktritts. Oder Herbert Kickl, der sich hält, weil er der Rechtsintellektuelle, der Stratege in der Partei ist. Ohne ihn wäre die FPÖ nicht halb so weit, wie sie heute ist.

MM: Um den Text zum Kern zu bringen: Katharina Blum hat einen One-Night-Stand. Sie nimmt einen Mann mit, der sich im Nachhinein als zwielichtig zeigt. Wie ist das genau?

Posch: Genau, sie lernt jemanden kennen, ist aber in Wahrheit eine sehr auf sich selbst bedachte, in sich gekehrte Frau. Am nächsten Morgen stürmt die Polizei ihre Wohnung, sie sagt, sie weiß nicht, wohin der Mann gegangen ist, und man eröffnet ihr, dass er staatspolizeilich gesucht wird, weil man ihm ein zunächst ein nicht näher benanntes Verbrechen anhängt, und er sogar in Verdacht gerät, ein politisches Verbrechen geplant zu haben, Waffendiebstahl, Mord und so weiter. Alles im Rahmen der medial geschürten RAF-Hysterie. Blum wird einvernommen, man drängt sie immer mehr in die Ecke, weil man ihr nicht glaubt, dass sie den vorher wirklich nicht gekannt, mit ihm nichts Konspiratives aufgebaut hat, und plötzlich dringen die Informationen, die nur die Polizei haben sollte, an die Medien.

MM: Die was tun?

Posch: Die wiederum veröffentlichen, bauschen immer mehr Halbwahrheiten auf, skandalisieren sie als Person bis zum „Verbrecherflittchen“. Die Journalisten gehen zu Blums Mutter ins Krankenhaus, zu ihrem Arbeitgeber, holen sich von überall Informationen, alle in der Richtung, in die sie sie brauchen, veröffentlichen Fotos, wie man sie in der Früh abführt, wie man das klassisch kennt, bis sie so bedrängt wird, dass sie beschließt, den Journalisten, der die Geschehnisse hauptverantwortlich trägt, zu erschießen. Was sie auch tut, und das ist natürlich ein Skandal, weil Journalistenmord per se eine No-Go-Area und zu Recht ein totales Tabu ist. Da spielt Böll mit Moral auf zwei Seiten, deshalb ist der Untertitel „Wie Gewalt entsteht“ so wichtig. Aus Gewalt entsteht wieder Gewalt.

MM: Die Statistik besagt, 2018 sind 64 Journalisten und 13 Blogger ermordet worden.

Posch: Und diese Taten rücken in unmittelbare Nachbarschaft, siehe Slowakei, wo Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová erschossen wurden, den haben wir sogar im Stück drin, auch die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia …

MM: … Ján Kuciak, das muss man dazu sagen, der zuvor vom deswegen später zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet wurde.

Posch: Aufgrund seiner Korruptionsrecherchen und weil der der ganzen Regierung Mafia-Kontakte nachweisen konnte. Da ist, dass Fico gehen musste nicht viel, da hätte sich die ganze Regierung verabschieden müssen. Galizia war an den Panama Papers dran und hat Verbindungen zur maltesischen Regierung nachgewiesen. Das Interessante ist, ohne dass ich zu viel über die Premiere verraten möchte, dass alle diese Journalisten keine Boulevardjournalisten waren, sie standen alle nicht für eine rechte publizierende Seite. Das waren Aufklärungsjournalisten, seriöse Investigativjournalisten, und das ist unfassbar, das muss statistisch festgehalten werden.

MM: Sie nennen Ihre Inszenierung ein Stück aus der Post-Truth-Ära. Was meinen Sie damit?

Posch: Die Post-Truth-Ära ist angeblich erst mit Trump großgeworden, und bedeutet, dass die Politik medial bewusst mit der Unwahrheit arbeitet, um eine Gesellschaft restaurativ zurück zu entwickeln. Das hat viele reaktionäre Ausformungen, dazu kommen im Gegensatz zu Bölls Zeiten die sozialen Medien, und was da anvisiert passiert, siehe Cambridge Analytica, Bot-Armeen, ist kaum fassbar. So gesehen sollte, den Wahrheitsgehalt einer Meldung zu überprüfen, mittlerweile oberstes Gebot von jedermann und jederfrau sein, und wenn’s die letzte Facebook-Meldung ist, die man bekommt.

MM: Aber wie einfach ist das noch? Gerade von den sozialen Medien wird ja sehr richtig gesagt, dass sich jeder in seiner Blase bewegt. Wie kann ich da noch eine Meldung überprüfen?

Posch: Sucht man die Fake News, ist der Prozess sicher ein schwieriger. Wenn man aber jemand ist, der seriös informiert sein möchte, hat man doch die Möglichkeit, verschiedene Printmedien herzunehmen und zu schauen, kann das stimmen oder nicht. Man muss Quellen auf ihr Vertraulichkeit checken, wofür sich allerdings viele Leute leider die Zeit nicht nehmen.

MM: Das Phänomen ist älter als „Katharina Blum“. Hannah Arendt hat schon von den Wahrlügen gesprochen. Ist die einfache Botschaft tatsächlich immer die glaubhafte?

Posch: Ja, weil sie auch einfache Antworten oder Lösungen anbietet. Die Gesellschaft ist unglaublich komplex geworden, wir haben mit der Digitalisierung zu kämpfen, wir haben ökologisch zu kämpfen, haben mit einer wahnsinnigen Diversifizierung zu kämpfen. Das ist das Problem der linken Erzählung, dass es keine homogenen gesellschaftlichen Gruppen mehr gibt. Es gibt „die Arbeiterschaft“ nicht mehr – „das Volk“ hat es sowieso nie gegeben. Heute muss man jeden aus seiner individuellen Ecke abholen. Vieles wird den Leuten heute zu komplex, da greifen sie auf einfache Antworten zurück, und diese Vereinfachung ist natürlich politisch in jede Richtung brandgefährlich. Ein Thema, das wir auch in den Abend hineinschleifen ist, dass es am Ende gar keine Debatte um Links- und Rechtsschemata ist, was auch die Rechten gern ins Spiel bringen, indem sie die politische Mitte als links diffamieren, damit sie selber in die Mitte rutschen, doch das ist es nicht.

MM: Sondern?

Posch: Wir leben im Westen in einer neoliberalen Zeit. Dieser Neoliberalismus hat eine vollkommene Entgrenzung durchgesetzt, die keine sozialen Spielregeln in der Ökonomie mehr zulässt, was wahnsinnig viele Gruppen der Gesellschaft wirtschaftlich an den Rand gedrängt, eine neue Armut geschaffen hat, Menschen, die nicht mehr am Bildungs- oder am Gesundheitswesen partizipieren können. Und die werden nicht gehört, die haben keine politische Stimme. Und dann kommen die, die sagen: So wird’s funktionieren Leute, und denen wird geglaubt.

MM: Siehe der sogenannte Rust Belt in den USA, dessen Bewohner von den Ostküstenmedien immer nur als Hinterwäldler abgetan wurden, und der sehr stark Trump gewählt hat? Im Irrglauben, dass ein Superwirtschaftsboss ihre Stimmen vertreten wird?

Posch: Das ist das Schlimme an der Demagogie überhaupt, dass der Demagoge kein soziales Versprechen mehr abgibt. Er sagt, ich kann euch nicht versprechen, dass es euch besser gehen wird, wenn ihr mich wählt, dass wir dann genug für alle haben, aber wir werden dem anderen Hund den Knochen aus dem Maul reißen und wir werden ihn selbst fressen. Dass es dabei Kollateralschäden gibt, das wird immer sein, aber was da ist, das teilen wir uns unter einander, und die anderen bekommen nichts. Das ist so ein einfaches Bild, so schlüssig, und macht diesen großen Unterschied zwischen Demagogen und Demokraten, deshalb sind erstere nie, auch wenn sie sich nach dem National- das -Sozialistisch dazuschreiben, die Stimme des Volkes.

MM: Das Verbreiten von Fake News werfen heutzutage Politiker, die ihrerseits mit alternativen Fakten arbeiten, seriösen Medien vor. Warum funktioniert aus diesen Kreisen die Opferhaltung?

Posch: Weil die Leute, die sie vorgeben zu vertreten, tatsächlich Opfer sind. Nicht Opfer der seriösen Medien, sondern eben des neoliberalen Systems, das auf solche Leute pfeift, sie ausbeutet und wegschmeißt, wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind. Diese Menschen wissen und fühlen, was es heißt, Opfer zu sein, und wenn da einer hingeht und irgendeinen Schuldigen findet, das meinte ich vorhin mit Außenfeindbestimmung, einen der sagt, die Flüchtlinge sind schuld und die seriösen Medien sind schuld und die Linken sind schuld, dann wird das so angenommen. Wenn man einem weißen, 45-jährigen Arbeiter in Detroit sagt, er muss jetzt ein Binnen-I schreiben und seiner Homophobie abschwören, dann hat der deutlich ein paar andere Sorgen. Und dann kommt einer und sagt, diese Linken haben nichts anderes zu tun, als dich damit zu quälen, und zack, schon springt der an. Das ist der emotionale Brückenschlag.

MM: Wenn ich’s vorhin richtig verstanden habe, ziehen Sie Ihre Arbeit vom Jahr 1974 ins Heute herüber?

Posch: Natürlich, warum macht man „Katharina Blum“ sonst im Jahr 2019? Ich habe den Text radikaler gemacht, aber es sind ohnedies genug Parallelen da. Böll schreibt über „die ZEITUNG“ als Medienmaschine, aber er nennt die Springer-Verlags-Medien nie beim Namen. Von diesen „Hetz-Maschinen“ gibt es in Österreich aber derzeit gleich drei. Ich halte mich aber ganz streng an Bölls Pamphlet, wie er es genannt hat, und erzähle sehr schön pragmatisch seinen Plot nach. Es gibt ja sehr witzige Dialoge und sehr spaßige Figuren, wie zum Beispiel die Kriminalbeamten. Es wird also auch zum Lachen, die Darstellungsart wird allerdings à la Werk X sein, schräger, als man sich einen Böll vorstellt, hoffe ich. Und es sind einige aktuelle Texte eingearbeitet.

Die deutsche Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank spielt erstmals im Werk X. Bild: © Alexander Gotter

MM: Zum ersten Mal am Haus spielt Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank?

Posch: Ja, sie hat in Deutschland große Karriere gemacht, hat aber am Reinhardt-Seminar studiert und zwei Jahre lang am Volkstheater gespielt, woher sie unsere Dramaturgin Hannah Lioba Egenolf kennt. Jennifer Frank war Hannah ab und an hier besuchen, hat sich unser Theater angeschaut, und es stand immer im Raum, ob man sie nicht besetzen kann.

Und wenn ich eine Katharina Blum suche, greife ich natürlich so hoch ich kann, also freue ich mich sehr, dass das jetzt geklappt hat, es ist auch eine wunderschöne Zusammenarbeit.

MM: Zur Halbzeit der laufenden Saison gefragt: Wie läuft’s?

Posch: Gut, wir haben ein Repertoire aufgebaut, das ausgezeichnet besucht wird, „Homohalal“, auch „Erschlagt die Armen!“, das beim Publikum sehr gut funktioniert hat, da waren wir komplett ausverkauft, da haben Oliver Huether von der Josefstadt und Veronika Glatzner erstmals bei uns gespielt. Auch „Aufstand der Unschuldigen“ von Ali M. Abdullah läuft gut, und, was mich besonders freut, wir spielen im siebenten Jahr immer noch „Gegen die Wand“ mit Zeynep Buyrac und sind komplett voll, obwohl wir kein einziges Plakat aufgehängt haben. Ich kenne Leute, die sind da schon fünf Mal reingegangen. Jetzt kommt eben die „Katharina Blum“, und danach im Mai Falk Richters „Je suis Fassbinder“, eine österreichische Erstaufführung.

Rezension „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“: www.mottingers-meinung.at/?p=32109

werk-x.at

18. 2. 2019

TAG: (Ein) Käthchen.Traum oder Der seltsame Fall aus Heilbronn

Februar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Plass hat Kleist in die Klapsmühle eingewiesen

Wetter Graf vom Strahl möchte das Käthchen schnell wieder los werden: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Am Anfang, wird sich am Ende zeigen, erklärt sich schon die Idee: Da liegt ein Mensch im Fieberwahn, fantasiert seinem Sterben entgegen und deliriert sich einen „Käthchen.Traum“. So hat sich das Gernot Plass für sein TAG ausgedacht, einen Text entlang Heinrich von Kleists Ritterschauspiel geschrieben und nun auf die Bühne gebracht. Plass‘ Gedankenspiel hat sich nicht allzu weit von der Vorlage entfernt, geht’s doch darin ebenfalls viel um Schlaf und Traum, um Somnambulismus und nächtliche Trugbilder aus dem Unterbewusstsein. Doch ist er exakt um das entscheidende Stück abgerückt, das es ihm ermöglicht, Phänomene wie Cherubine, Cyborgfrauen und einen Kaiser ex machina verdachtsfrei zu erklären.

Gernot Plass hat Kleist also kurzerhand in die Klapsmühle eingewiesen, dessen Dichterdasein ins Stück eingewoben, ist der Rabiateste unter den Romantikern doch ein Mörder und Selbstmörder, und sich an der Diagnose schizoide Persönlichkeitsstörung ebenso abgearbeitet, wie an der Frage, ob Leben und Liebe vorbestimmt göttliches und selbst zu bestimmendes Schicksal sind.

In der Heilanstalt zu Heilbronn wird der Fall von Käthchens ominösem Fenstersturz nicht mehr gerichtlich ver-, sondern nun psychiatrisch behandelt. Eine(r) ist hier viele, und die „Stimme von oben“ könnte von einem Engel oder Arzt oder genauso gut aus dem eigenen Inneren sein, jedenfalls taugt sie zum Zwie- wie zum Selbstgespräch. Was sich in weiterer Folge abspielt, ereignet sich in einer Art mafiös-groteskem Gangstermilieu. Der alte Friedeborn hat Wetter vom Strahls Revolver repariert, dabei hat sich diesem das Käthchen an die Waden geheftet, weil sie nach einem surrealen Silvestertreffen davon überzeugt ist, er wäre The One and Only. Vom Stein und Maximilian rittern derweil um die Gunst der Kunigunde, das heißt: die rivalisierende Bande des einen entführt sie dem anderen. Vom Strahl rettet, Blut fließt aus zerschossenen Gedärmen und kocht in heißen Herzen, das Schönheits-OP-Monster becirct auch den letzten Edelmann – da kommt Käthchen, und die Hütte brennt …

Das künstliche Geschöpf Kunigunde entschlüpft von einem Lover zum nächsten: Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Darüber ist der Rheingraf natürlich nicht erfreut: Georg Schubert, Alexander Braunshör und Sven Kaschte Bild: © Anna Stöcher

Es gehört Chuzpe dazu, Kleists wortgewaltigem Kunstwerk auf den Leib zu rücken. Doch Plass ist ein erfahrener Neuschreiber, er hat sich für eine Sprache entschieden, die moderat modern ist, und in dieser bleibt er seinem ausgeprägten Sinn für Ironie treu. Wenn etwa die hohen Herren durchgängig über die richtige Reihung der Worte im Namen Wetter/Graf/vom/Strahl stolpern (und ihnen der „Strahl“ für Sex- und Toilettenwitzchen herhalten muss) oder der Burg- beständig mit dem Rheingrafen verwechselt wird, ist Kleists Schauergeschichte mit Augenzwinkern von ihrer Schwüle befreit.

Raphael Nicholas ist ein exzellenter Wetter vom Strahl, arrogant, affektiert und schwer psychotisch. Er demontiert den gesinnungssicheren Adeligen/Bandenboss genussvoll und stellt unter der Minnemiene jenen Herrenmenschen bloß, der nach dem Käthchen tritt und sie mit der Reitgerte schlägt. Nancy Mensah-Offei spielt das verliebte Fräulein als würde sie einen Exorzisten brauchen, und wenn dieser trotzige, nach dem doppelten Beinbruch hinkende Teenager seinen Traum-Prinzen mit „Hoher Herr! Gebieter!“ anspricht, wenn sie sagt „Ich will deine Sklavin sein“, bekommen die Worte eine beunruhigende Doppeldeutigkeit.

Ergo wird der Burggraf erschossen: Elisabeth Veit, Jens Claßen und Alexander Braunshör. Bild: © Anna Stöcher

Und Käthchen rüstet sich für die letzte Schlacht: Nancy Mensah-Offei Bild: © Anna Stöcher

Erscheinen Kunigunde, die erst als Mullbindenmumie hereingeschleppt wird, bevor sie sich in einen rothaarigen Vamp verwandelt. Kleists „Nixe“ ist ein zügelloses Geschöpf, doch sind Teile von ihr längst nicht mehr aus Fleisch und Blut. Weshalb Elisabeth Veit mit viel Akrobatik und durchgeknallter Künstlichkeit eine maschinell betriebene Megäre darstellt, für die Männer in erster Linie Lustobjekt sind und Landgewinn bedeuten. Georg Schubert ist nicht nur Friedeborn und Eginhardt und der unglückliche Gastwirt Pech, sondern auch die Gräfin vom Strahl, eine eiskalte Beschützerin ihres Sprösslings – und wie gewohnt gestaltet er die Rolle im Rock mit besonderer Hingabe. Er ist die Elegance im kleinen Schwarzen.

Jens Claßen spielt unter anderem den Burg-, Alexander Braunshör den Rheingrafen, Sven Kaschte den Gottschalk, und alle sind sie auch Richter/Psychiater und die ganz reizenden alten Tanten des Grafen. Die Spielfreude des Ensembles ist wie immer voll aufgedreht, die ganze Inszenierung fährt Vollgas. Plass gelingt das Kunststück, aus Kleist die Komik zu kitzeln, ohne seinen Abend zur Persiflage von dessen Werk zu machen. Am Ende ist man wieder am Anfang, in einem rätselhaften Innenraum, in dem – wer weiß? – die Psyche wohnt. Die Seele ist ein Land, so weit, dass darin Güte und Grausamkeit, Verzückung und Vulgarität, Hass und ein Hoffnungs-Strahl Platz haben, sagt Plass. Erlösung, Herauslösung aus dem irdischen Leiden kann die Liebe bringen. Und der Tod. Wer wissen will, wer hier träumt: Ins TAG gehen!

Trailer:  vimeo.com/204573620

dastag.at

Wien, 26. 2. 2017

Neue Oper Wien: Staatsoperette

September 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Servus, „Grüß Gott“ und Auf Wiedersehen

Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg, Hagen Matzeit als Dollfuß mit der Dollfuß-Puppe von Nikolaus Habjan. Bild: © Armin Bardel

Die Dollfuß-Puppe fistelt ihre Befehle: Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg und Hagen Matzeit als Dollfuß. Bild: © Armin Bardel

Die Neue Oper Wien zeigt ihre „Staatsoperette“ nach der vielbejubelten Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen nun im Wiener Theater Akzent. Und über diese so eindringliche wie unterhaltsame Geschichtslektion in Sachen Zwischenkriegszeit ist nicht weniger zu sagen, als dass ihr Besuch quasi Pflichtfach werden sollte. Von wegen dieser Tage, wiewohl sich das neue künstlerische Team sehr klug jedem zwanghaften Bezüge-Herstellen entzogen hat. Man hat’s da aber auch leicht, man braucht nur hinzuzeigen, um aufzuzeigen.

Die Austrotragödie von Otto M. Zykan und Franz Novotny war einmal ein Film und war einmal ein Skandal. 1977 war das, da fühlten sich manche ob ihrer eigenen Rolle in den Jahren zwischen 1918 und 1938 noch auf den Schlips getreten, Nackerpatzln gab’s auch zu sehen, und einen Club 2, in dem Heribert Steinbauer der Empörung stellvertretend für seine Wählerschaft Luft machte. Der Film verschwand im Archiv. Zykans Weggefährtin Irene Suchy und Komponist Michael Mautner haben das Werk nun inhaltlich und musikalisch ergänzt, für Zweiteres aus dem reichen Schaffen Zykans geschöpft, und eine die Handlung erklärende Ebene eingezogen.

Neu sind nun ein Nestroy-hafter Kommentator, Stephan Rehm, der aus dem Stück erst recht ein Lehrstück macht, und zwei Frauenfiguren, die Linke und die Rechte, Laura Schneiderhan und Barbara Pöltl in Kittelschürze vs Trachtenkostüm, die entlang von Bassena-Räsonierereien die vox populi zum besten geben. Eingefügt sind Szenen, die damalige Fernsehverantwortliche schon im Vorfeld der zu erwartenden Erregung entfernen ließen, etwa das Schattendorfer Urteil oder Schuschniggs Besuch bei Hitler auf dem Obersalzberg.

Zykan zitiert Zeitgeschehen, zitiert Kirchen- oder Heurigenliedern, montiert Atonales mit Operettenhaftem, er reißt mit seiner Musik Witze. Sehr schön ist da eine Sequenz zum Nicht-miteinander-Können der politischen Lager, für deren Darstellung es heute einen ganzen desaströsen Runden Tisch brauchen würde; Zykan genügen zwei Worte, „Grüß Gott“ – und schon hat Ignaz Seipel den Otto Bauer abgefertigt. NOW-Intendant Walter Kobéra versteht es meisterlich diesen vertonten Sarkasmus umzusetzen, mit ihm am Pult flirrt und flimmert das amadeus ensemble-wien einmal mehr, dass es eine Freude ist.

Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipl mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Prälat-Bundeskanzler: Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipel mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

In den Händen von Regisseur Simon Meusburger kommt die Groteske auch inszenatorisch zur Geltung. Er hat mit Bühnenbildner Nikolaus Webern als Ort des Geschehens einen devastierten Sitzungssaal erdacht, ein nachroyales Palais, verstaubt und überlebt, der Kronleuchter auf dem Boden, das Telefon an der Decke, denn das Unterste ist nach oben gekehrt, die Welt steht auf dem Kopf. Mit Graphic Novels à la Sin City werden die Protagonisten eingeführt, der „Blutprälat“ und der „Fürst der Finsternis“, und wenn diese dann auftreten, haben sie als Alter Ego eine Puppe von Nikolaus Habjan im Arm. Die Klappmäuler als politische Großmäuler, Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß, Kurt Schuschnigg, Benito Mussolini und als Anfang vom Ende Adolf Hitler, erfahren so eine karikaturhafte Überhöhung und bringen als solche ihre verqueren Botschaften über die Rampe. Das Fürchterliche ist ja auch immer lächerlich, sagt Thomas Bernhard. Das ist hier eindrücklich demonstriert.

Die Darsteller treten ins Zwiegespräch mit ihren zweiten Gesichtern, und wenn man bedenkt, wie vieles des Gesagten Original-Text ist, wird die „Staatsoperette“ zum Schwank zwischen Schaudern und Entsetzen. Es ist ein erschrecktes Auflachen, mit dem das Publikum auf die Komik der Situationen reagiert. Wenn’s über den Déjà-vu-Streit der großen Koalition heißt, er gehe eigentlich um belanglose Gründe. Wenn darüber debattiert wird, das sich „der kleine Mann von Stammtischgestammel verführen ließ“. Wenn im Wiener Kammerchor die einen die Haydn-Hymne noch auf Gott, Kaiser und Vaterland, die anderen schon als Deutschlandlied singen. Auf „Führer“, Völkisch, Vaterland.

Na, Servus. Starke Bilder sind das. Die ewige Furcht der europäischen Bourgeoisie vor links, doch nie vor rechts. Rot und Schwarz, die statt des Konsens‘ mit- den Kampf gegeneinander suchen, und so freilich dem Auftreten eines diabolischen Dritten Tür und Tor öffnen. Auch die Sozialdemokratie wird gescholten, Kolomann Wallisch und Otto Bauer, die als Arbeitervertreter auf ihren eingeschlagenen Wegen der Bewaffnung und der Beschwichtigung nicht zueinander finden können, Bauer, der es mit seinen theorieschwülstigen Formulierungen nicht schafft, sich „der Masse“ verständlich zu machen. Folge: Verlust des Gemeindebaus, Teil eins.

Die Solisten bestreiten größtenteils mehrere Rollen. Marco Di Sapia gefällt wie stets mit seinem wohlgeführten Bariton, er ist als sich selbst geiselnder Otto Bauer gleichsam die tragische Figur, der Anti?-Held des Werks, kann aber als Walter Pfrimer und Anton Rintelen wunderbar seine Qualitäten als Komödiant ausspielen und in den Rollen der verhinderten Putschisten zum allgemeinen Amüsement auch mit Steirischkenntnissen protzen. Wie es dem patscherten Sekundenkanzler nicht gelingt, sich nach der Ermordung Dollfuß‘ in seinem Hotelzimmer zu entleiben, da gelingt Di Sapia sogar ein gruseliges Kabinettstückchen.

Camillo dell‘ Antonio gibt den Seipel mal zwei, einen pitzeligen Prälat-Bundeskanzler, der politisch immer Lust auf mehr hat. Daheim knüppelt er, vor dem Duce kriecht er – ums Geld. Da ist es nur logisch, dass ihn Gernot Heinrich als Mussolini einen cretino schimpft. Heinrich gestaltet ihn als gutgelaunten „italienischen Tenor“, umringt von barbusigen Schönen und stets um die höchste Stellung bemüht. Weshalb es ihm im Sitzstreit mit Seipel auf der Schaukel auch nicht ums internationale Gleichgewicht oder politisches Die-Waage-Halten geht … Als Heimwehrführer „Fürst“ Starhemberg kann Heinrich diese süßlich-grausliche Seite dann noch deutlicher zeigen.

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler mit Hitler-Puppe, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Hagen Matzeit, ein famoser Opernsänger, der sowohl Bariton als auch Countertenor „kann“ (www.matzeit.de), macht aus dem Dollfuß dank seiner Puppe einen bösen Kobold mit Falsettstimme. Mit Karl-Kraus’schen Bumsti!-Rufen führt er seine Hälfte des Volkes gegen die andere, ein Ritt auf dem Kanonenrohr, während dem Thomas Weinhappel als Wallisch seinen republikanischen Schutzbund in Stellung bringt.

Beklemmend ist das, wie Meusburger zeigt, dass unter den Menschen kein Politwirrkopf, sondern die nackte Angst regiert. Sie werden aufgestellt und abgeschossen, aufgestellt und abgeschossen … Volk verliert, Volk fällt zu beiden Seiten. Die letzten Tage der Menschlichkeit. Matzeit wird zu deren Ende auch noch Adolf Hitler sein, Dieter Kschwendt-Michel sich ihm als Schuschnigg ergeben. Dem „Führer“ schenkt Matzeit kein menschliches Organ, er hat weder Sing- noch Sprechstimme, die Puppe grunzt und faucht und schnarrt, aber wenn sich im Schlussbild alles zu ihr hinwendet, ist deutlich, wie gut sie auf dem Heldenplatz einst verstanden wurde.

Beim begeisterten Applaus kann sich Matzeit der Hakenkreuzarmbinde gar nicht schnell genug entledigen, er wirft sie zu Boden und tritt danach. Ein abschließendes Statement, das beim Publikum bestens ankommt: Niemals vergessen. Dass die, die vorgeben, die Fäden in der Hand zu haben, auch nur jemandes Marionetten sind. Dass selbsternannte Heimatschützer unter dem Vorwand demokratische Mechanismen zu behüten eben diese aushebeln. Bei Zykan besingen sie als „wahre Sieger“ ihr Auf-Wiedersehen, da fehlt eindeutig ein „Nimmer“.

www.neueoperwien.at

Wien, 14. 9. 2016

Hilary Mantels „Wölfe“

Februar 22, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Europageschichte aus der Sicht eines Außenseiters

81neSrwlY4L._SY445_Die BBC-Miniserie „Wölfe“ ist nun via Polyband auf DVD erhältlich. Die sechs Folgen basieren auf Hilary Mantels historischen Romanen „Wölfe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=153) und „Falken“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), Mantel selbst verfasste gemeinsam mit Peter Straughan, bekannt etwa für „Männer, die auf Ziegen starren“, die Drehbücher. An Darstellern kann die BBC natürlich alles auffahren, was im Vereinigten Königreich schauspielerisch Rang und Namen hat: „Homeland“-Star Damian Lewis, Globe-Theatre-Schauspieler und -Regisseur Mark Rylance, Jonathan Pryce, ehrenwertes Mitglied der Royal Shakespeare Company, mit Thomas Brodie-Sangster eines der größten Insel-Talente, und als Gast sogar Mathieu Amalric als französischen Botschafter.

Mantel erzählt aus der Zeit des britischen Königs Heinrich VIII. Allerdings aus einer besonderen Perspektive, der Thomas Cromwells. Cromwell kam aus der untersten Gesellschaftsschicht und arbeitete sich bis in den innersten Kreis Heinrichs hoch. Dass ihn das letztlich den Kopf kostete, ist systemimmanent. Immerhin aber ist Cromwell, Vorfahr von Karl-I.-Enthaupter Oliver, der einzige, der vom cholerischen König Posthum ein Pardon erhielt. Heinrich bedauerte bald sehr seinen „treuesten und loyalsten Diener“ hingerichtet zu haben. Und gab die Schuld daran selbstverständlich falschzüngigen Beratern. „Wölfe“ ist very british, eine Ausstattungsoper, ganz BBC ruhig, authentisch, aber freilich weniger sexy als Jonathan Rhys Meyers in „Die Tudors“.

Regisseur Peter Kosminsky erzählt Cromwells Geschichte, die des geprügelten und deshalb geflüchteten Hufschmiedsohns, in Rückblicken. Niederländische Kaufleute lasen den vom Vater schwer Verletzten am Themse-Ufer auf und nahmen ihn mit nach Kontinentaleuropa, wo er das Kriegshandwerk und Sprachen lernte. Und das Finanzwesen. Und schließlich Jus. Er wird in Großbritannien Teil des neuen Bürgertums, auf das Heinrich in Gelddingen lieber setzte als auf seine blaublütigen Jagdfreunde. Und: Er ist ein „Ketzer“, ein Puritaner, der die Bibel nicht länger auf Latein, sondern in Englisch lesen will. Dies das einzige, was ihn mit seiner Todfeindin Anne Boleyn verbindet. Cromwell wird Heinrichs Weg zum Religionsgründer vorbereiten. Der Defender of the Faith macht sich – auch aus heiratstechnischen Gründen – zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Am Glauben wird Cromwell, dann schon Lord Great Chamberlain, auch zu Grunde gehen. Doch soweit ist Hilary Mantel noch nicht. Der dritte Band ihrer „Wölfe“-Reihe steht noch aus.

Wenig ist über das Politgenie als Privatmensch bekannt. Die Quellenlage ist katastrophal. Mantel recherchierte intensiv, durchforstete jahrelang die königlichen Archive, um Material für ihr Psychogramm dieses außergewöhnlichen Mannes zusammenzutragen. Mark Rylance spielt ihn nun mit berührender Einfachheit. Sein Cromwell ist weder Held noch Hasardeur, sondern ein Analytiker und Pragmatiker. Er ist in Wahrheit ein wahnsinnig langweiliger Charakter, aber in dieser Fadheit irgendwie rätselhaft. Es ist mutig, diese historische Randfigur zum TV-Hauptdarsteller zu machen – und dieser Mut hat sich belohnt. Rylances Cromwell spielt sich durch Intelligenz in die Mitte des Geschehens. Und Mantel füllt die Leerstellen seines Lebens mit Fantasie.

Schön etwa der Erzählstrang, wie Cromwell nach dem Tod seiner Frau deren Schwester heiratet. Das ist zunächst eine Vernunfthandlung: Er braucht eine weibliche Hand für den Haushalt und will Gerede wegen eines „schlampigen Verhältnisses“ vermeiden. Doch nach und nach wird aus dieser Altersehe zarte Zuneigung und schließlich eine späte Liebe. Cromwell nimmt den verwaisten Rafe Sadler, ihn spielt Thomas Brodie-Sangster, als Mündel an. Er erkennt in dem jungen Mann nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch Potenzial, und das will er fördern, wie er einst gefördert worden ist. Und dann ist da Cromwells Liebe zu Hunden. Immer umgibt ihn einer. Sein Vater hatte seine vierbeinige Jugendspielgefährtin totgeschlagen, nur um das Kind Thomas zu peinigen. Nun sucht er lebenslang Ersatz für diesen Verlust. In diesen Szenen geht Mark Rylance trotz oder gerade wegen seines stoischen Gesichtsausdrucks ans Herz.

Auf Action hat Peter Kosminsky verzichtet. Er taucht sein Kammerspiel um die Macht in Licht wie von einem Vermeer-Gemälde. An historischen Drehorten herrschte kein Mangel, und so kann er der Welt der Höflinge eine gediegene, gemütliche Bürgerlichkeit gegenüberstellen, die zwar weniger Prunk, aber mehr Charme hat. Auch das zerstörte Castle Cawood, es existieren nur noch Pförtnerhaus und Banketthalle, wurde als Verbannungsort für den von Jonathan Pryce dargestellten Erzbischof Wolsey herangezogen.

Damian Lewis ist Heinrich VIII. optisch durchaus ähnlich. Und auch die Kostüme von Joanna Eatwell sind weitestgehend korrekt. Lewis gibt den in den Zwängen seines Amtes gefangenen Machtmenschen. Er belauert seine Opfer wie ein Löwe vor dem Sprung, er lächelt schelmisch, doch seine Augen sprechen eine andere Sprache. Wie er Stirn an Stirn mit Cromwell steht, weil dieser als einziger in seinem Umfeld nicht bereit ist, einen Meter von seinen Überzeugungen zurückzuweichen, dieses Zusammentreffen von Lewis und Rylance macht die Serie sehenswert. Fans des rothaarigen Londoner können sich freuen: In der Verfilmung tritt Heinrich wesentlich öfter auf als im Roman. Das ist logisch. Part braucht Gegenpart. Der wahre Cromwell hat seinen König mutmaßlich nicht so oft zu Gesicht bekommen.

Trailer, englisch: www.youtube.com/watch?v=5kT2lMkhldc

polyband.de

Wien, 22. 2. 2016