Theater zum Fürchten: Wrestling Rita!

Mai 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die blauen Flecken sind nicht nur auf der Seele

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Tino Führer. Bild: Bettina Frenzel

Der Kampf der Geschlechter: „Schiri“ Ronny Hein mit „Rita“ Klara Steinhauser und Tino „The Rock“ Führer. Bild: Bettina Frenzel

Das Publikum johlt und pfeift und tobt, Schauspieler werden gnadenlos ausgebuht oder frenetisch akklamiert. Zu geht’s wie in der Oper zu Franco-Bonisolli-Zeiten, und es ist ja auch die Scala, die Wiener Scala, in der das Theater zum Fürchten seine Version von Claire Luckhams Bühnenringkampf „Wrestling Rita!“ zeigt.

Regisseur Marcus Ganser – von ihm ist auch die Textfassung und die Raumgestaltung – hat das Stück der britischen Dramatikerin an den Heumarkt verlegt, zumindest ist das Idiom, das die Darsteller anklingen lassen, Extrem-Wienerisch. Doch nicht nur punkto Wortwahl wird sich nicht geschont, auch körperlich geht’s zur Sache, muss das Ensemble doch zehn Runden in einem Wrestlingring durchstehen. Zehn Episoden aus Ritas Leben, in denen an Ankle Locks und Backbreakers nicht gespart wird, während die Zuschauer Popcorn und Brezel mampfen.

Und so ist man mittendrin statt nur dabei, wenn Rita „vom klanen Schwammerl zum unschlogbaren Champion“ wird. Mit ihrem Supergriff, der „Venusfliegenfalle“. Vorher muss sie aber, wie bei jedem guten Sportlerdrama üblich, durch ein Tal der Tränen. Sich der Mutter stellen, die sich einen Sohn wünschte, die Hoppa-Reiter-Spiele des Vaters ertragen, die beste Schulfeindin überleben, und schließlich den Mann ihrer Träume als den erkennen, der er ist, ein depperter Mucki-Macho. Das Leben ist ein Ringkampf, aber selbst angezählt muss man immer wieder aufstehen, das ist die Botschaft des Stücks, und: wo die Sitten rau sind, muss man die Regeln eben aushebeln. Luckham hat nicht nur einen Fun-, sondern einen Feminismustext geschrieben, der in den 38 Jahren seiner Existenz bedauerlicherweise nichts an Aktualität eingebüßt hat, der es einem aber mit seiner Kasperl-schlägt-Krokodil-Attitüde nicht leicht macht.

Der Abend ist zu lustig, um abgründig zu sein, und zu brutal, um wirklich Spaß zu machen. Klar ist die gezeigte Gewalt stückimmanent, aber deswegen mitunter trotzdem schwer auszuhalten, und damit’s einem so richtig heiß-kalt runterläuft, wird zwischendurch als Kontrastprogramm in heiteres Hitparadensingen ausgebrochen. Nach der Pause werden alle ausgeknockt, die Rita vorher zu Boden gedrückt haben. Subtilität ist nicht die Stärke des Stücks, seine Dramaturgie ergo übersichtlich. Irgendwie hätte man sich doch gewünscht, dass Rita aus ihrem Emanzipationscatchen in ein neues Leben aufbricht, aber der Inhalt bleibt beim Ehe-Ringen um die Frage, wer abends das Essen kocht, stecken. Vielleicht war es das, was die working class heroes anno X in Liverpool und Manchester sehen wollten, vielleicht hätte man daran ein wenig schrauben können. Rita hat ja diese Sehnsucht nach Weiterbildung, die sich aber irgendwie im Sandsack verläuft …

Das Ensemble geht nicht bis an seine Grenzen, sondern weit darüber hinaus. Es ist mit vollem Körpereinsatz bei der Sache, die blauen Flecken, die ihre Figuren auf der Seele haben, sieht man bei den Darstellern im Laufe der zweistündigen Aufführung an der einen oder anderen Hautstelle wachsen. Gerhard „Humungus“ Hradil, der sehr stolz auf seine Schützlinge am Ring sitzt, hat mit ihnen eine Erste-Klasse-Kampfchoreografie erarbeitet, die laut Show, Schweiß und Schmerzen schreit. Allen voran brilliert Klara Steinhauser als Rita, die sich mit Schmäh und Charme von der ewigen Verliererin zur Gewinnerin mausert. Ihre erste Gegnerin ist „Mama“ Claudia Marold, eine Rockröhre mit Lockenwicklern, die Bonnie Tyler ernsthaft Konkurrenz in Sachen Stimme und – naja – Sexyness macht. Wie sie mit ihrem Kind umgeht, ist allerdings nicht ohne, und auch wenn es so ist, dass niemand seine Erziehung unversehrt verlässt, das ist schon arg. Die Buhs sind ihr dafür sicher, das Publikum wird quasi in die Position des Referees versetzt, weil der Schiedsrichter, Ronny Hein als ziemlich zynisches Springteuferl, Regelverstöße nur ahndet, wenn er sie sehen will.

Claudia Marold, Klara Steinhauser und Ronny Hein: Bild: Bettina Frenzel

Das ist es, was „Mama“ Claudia Marold unter Erziehung versteht. Bild: Bettina Frenzel

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Rochus Millauer. Bild: Bettina Frenzel

„Bad Dad“ Rochus Millauer kämpft mit noch härteren Bandagen. Bild: Bettina Frenzel

Doch bald wird mit noch härteren Bandagen gekämpft, die illegalen Handlungen nehmen zu, wozu „Bad Dad“ Rochus Millauer und die „Platin Sabin“ Teresa Renner heftig beitragen. Die Platin Sabin ist schließlich Edel … stahl. Der Schulpsychologe – wieder Hein – macht Ritas Griff nach den Sternen zu einem ins Klo, und grad als einem der Kindesmissbrauch über den Kopf zu wachsen droht, kommt zum Glück Tino Führer, der in Runde fünf für ein paar Lockerungsübungen sorgt. Als Tino the Rock  spielt er einen Wrestling-King, persifliert sich selbst als Hamburger Einefetza, muss sich natürlich Piefke schimpfen lassen, und verschafft nicht nur Rita, sondern der gesamten weiblichen Hälfte im Saal endlich einen Grund um Jubeln. Er lässt erkennen, was er alles in der Hose hat, von Taschentuch bis Blumenstrauß – ein klassisches technisches Liebes-K.o. Der Schauspieler, der als Othello (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16804) seinen Einstand in Wien gab, zeigt sich diesmal von seiner komödiantischen Seite, und auch die gelingt ihm tadellos. Freilich entpuppt sich der Rock als harter Brocken, an dem nicht alles Gold ist, was glänzt. Was die Atmosphäre in der Arena weiter aufheizt …

Am Ende, als alle „Steig‘ eam ins Lebn“-Rufe verklungen sind, und die Bösen allesamt Prügel bezogen haben, siegt – eh kloar – das Herz. TzF-Prinzipal Bruno Max hatte diese Spielzeit als „Zeit für einen Mut-Ausbruch“ angekündigt und diesen Auftrag hat er in vielerlei Hinsicht erfüllt. Seine Schauspieler haben die Gebärdensprache gelernt (für „Sippschaft“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17385), haben ein sechsmonatiges Akrobatik- und Wrestlingtraining absolviert, haben gesungen und getanzt, zum Nachdenken und zum Spaßhaben animiert, und so eine Saison lang bestens unterhalten. Am Stadttheater Mödling folgt nun noch das Blasmusik-Projekt „Brassed Off“, im August im Bunker „Nacht.Stücke“ nach E.T.A. Hoffmann, dann darf man schon wieder gespannt sein, wie’s im Herbst weitergeht.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 28. 5. 2016

Literatur im Nebel 2015

Oktober 12, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Christoph Hein kommt als Gast

46504Am 16. und 17. Oktober wird der deutsche Schriftsteller, Dramatiker, Übersetzer und Essayist Christoph Hein bei „Literatur im Nebel“ in Heidenreichstein zu Gast sein. Der Romancier, ein unbestechlicher Chronist der Gegenwart, ein genauer Registrator der Widersprüche innerhalb der DDR und ein Aufdecker von Schwachstellen der gesamteuropäischen Entwicklung, stellt präzise Fragen und unmissverständliche Forderungen nach politischen und individuellen Veränderungen. Als Bürgerrechtler konfrontiert sich Hein regelmäßig mit dem System und mischt sich als unverzichtbare künstlerische Instanz furchtlos in aktuelle Debatten ein. „Ich habe keine Botschaft, keine Zukunftsvisionen. Alles was ich mache, ist mitleidslos genau aufzuschreiben, was ich gesehen, erlebt, erfahren habe“, ist sein schriftstellerisches Credo.

Hein pflegt den trockenen, kühlen Stil, seine Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Figuren sind vom Leben Gekränkte, gepeinigt von ins Gedächtnis eingegrabenen gesellschaftlichen Demütigungen. Einen Albert Camus ohne die algerische Sonne nannte ihn die FAZ einmal. 2014 ist er 70 geworden. In seinem zuletzt veröffentlichten Erzählwerk „Vor der Zeit – Korrekturen“ wendet er sich den Mythen, den Göttern, den Erzählungen von den Taten und Untaten der alten Welt zu. Dabei entdeckt er Hochspannendes: Kleine Korrekturen an den für unveränderlich geltenden Berichten über die Taten und Niederlagen der Götter und Titanen können deren Leistungen in ihr Gegenteil verkehren; sie zeigen, dass alles auch ganz anders hätte vonstattengehen können, Sieger zu Verlierern werden können, gute Absichten sich in ihr Gegenteil verkehren, völlig neue Bedeutungen sich herauskristallisieren. Damit ist klar, dass die auch neuen Erzählungen von Christoph Hein ins Herz der Gegenwart zielen. Der Gang der Ereignisse lässt sich durch kleine Modifikationen in völlig andere Richtungen lenken. „Wir haben es nicht geschafft“, warnt Hein schon bei seiner berühmten Rede 1989 – und er warnte vor jenen Kräften, die die Veränderung zu einer neuen Gesellschaft unterwandern, weil sie glauben, diese fürchten zu müssen. Hein fordert „einen Sozialismus, der dieses Wort nicht zur Karikatur macht“: „Das wird für uns alle viel Arbeit geben, auch viel Kleinarbeit, schlimmer als stricken“ … Auch 2015 geht nicht alles glatt, sondern zu viel noch verkehrt.

„Literatur im Nebel“ bietet zwei Tage Lesungen aus seinem Werk und Gespräche mit dem Autor, unter anderem mit seinem Sohn Jakob Hein, Erni Mangold, Juergen Maurer, Felix Mitterer, Elisabeth Orth, Ursula Strauss, Florian Teichtmeister, Thomas Thieme und Tomas Zierhofer-Kin.

Suhrkamp/Insel, Christoph Hein: „Vor der Zeit – Korrekturen“, Erzählungen, 189 Seiten.

www.literaturimnebel.at

Wien, 12. 10. 2015

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014

„Being Else“ im Kosmos Theater

Juni 10, 2013 in Tipps

Einblick in verwirrte Gehirnwindungen

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Ab 13. Juni zeigt das Wiener Kosmos Theater „Being Else – ein multiples System“, eine Musiktheater-Koproduktion mit DAS GUT nach dem Originaltext  von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“. Schnitzlers Novelle  erzählt vom inneren Kampf einer jungen Frau, die sich im Auftrag ihres in Geldnöte geratenen Vaters an einen wohlhabenden „Freund“ der Familie wenden und sich von diesem einen großen Geldbetrag beschaffen soll. Die unterschwellige Aufforderung zur Prostitution, die Erpressung des Familienfreundes und die eingeforderte Loyalität ihren Eltern gegenüber lösen in Else einen tiefschürfenden Konflikt und einen Prozess der Verzweiflung aus, der sie dem Suizid entgegentreibt. Daraus wird nun der atemlose Kampf einer multiplen Persönlichkeit, die versucht dem Missbrauch zu entrinnen.

„Fräulein Else“ alias “Being Else“ ist gezwungenermaßen „being (somebody) else” – „Andere sein“, um es zu ertragen. Persönlichkeitsspaltung als typischer Moment im Leben eines missbrauchten Menschen. Acht Performerinnen (eine Gesangsrolle, eine Tanzrolle, sieben gemischte Rollen) und die Musik als Teilpersönlichkeiten von Else werden zu einem allmählich immer fataler werdenden Diskurs, dessen Dynamik fortwährend ansteigt und der schlussendlich auf dem Höhepunkt implodiert. „Being Else“ ist ein Blick ins Gehirn, durchsichtig und doch undurchdringlich. In der Regie von Rachelle Nkou spielen Johanna Orsini-Rosenberg, Birgit Linauer, Rita Dummer, Sascia Ronzoni, Eli Veit, Ursula Wiednig, Anna Hein, Rachelle Nkou und Alexander Braunshör.

Die Produktion ist im Finale der World Stage Design 2013  im englischen Cardiff.

www.kosmostheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 6. 2013