Volx/Margareten: Heimwärts

Januar 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas durch die tragikomische Groteske

Unter der Fuchtel des tückisch-türkischen Beamten: Günther Wiederschwinger, Kaspar Locher, Sebastian Pass, Isabella Knöll, Günter Franzmeier, Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Die Geschichte ist so abenteuerlich absurd, dass sie so ähnlich passiert sein muss. Und das ist sie auch. Mit einem Onkel von Autor Ibrahim Amir. Zwei knappe Wochen, bevor im Werk X die vom Volkstheater aufgegebene Wien-Premiere von „Homohalal“ stattfinden wird, zeigt das Haus im Volx/Margareten dessen Stück „Heimwärts“. Darin macht sich eine Gruppe Menschen auf, den todkranken Hussein von Wien zurück nach Aleppo zu bringen.

Mehr als 40 Jahre hat der in Österreich gelebt, ist längst Staatsbürger, doch will er umgeben von seiner Familie in der Heimat beerdigt werden. Allein, Hussein stirbt schon unterwegs. Ausgerechnet in der Transitzone in der Türkei. Und so beginnt ein steiniger Behördenweg um die Ausstellung eines Totenscheins, der die Weiterreise mit der Leiche ermöglicht, um den letzten Wunsch des Onkels zu erfüllen …

Die junge deutschtürkische Regisseurin Pinar Karabulut legt mit dieser Inszenierung ihre erste Arbeit in Österreich vor. Sie überdreht Amirs tragikomische Groteske, dreht am Rad bis zum Anschlag. Alles ist bunt, laut und schrill, das verwischt nicht wenig Amirs Zwischentöne, überplärrt seine melancholische Baseline, mit der er die Begriffe Herkunft, Heimat und die aus beiden resultierende Identität durchdekliniert. Denn diese sind, ja diese bedeuten für alle Figuren im Stück etwas anderes.

Gemäß dem Stefan-Zweig’schen Satz, der Migrant hätte keine neue Heimat gefunden, sondern nur seine alte verloren, fühlen sich Hussein und sein – wie früher auch der Autor Medizin studierender – Neffe Khaled. Es ist einer der traurigsten und poetischsten Sätze, wenn Hussein über Wien und die Wiener sagt: „Ich kam nie dem Gefühl nah, auf Deutsch geliebt zu werden.“

Der die beiden begleitende Arzt Osman wiederum ist gebürtiger Türke und in extremem Zwiespalt zwischen seinen Gefühlen um seine türkische Identität und der Politik in seiner Heimat. Die Krankenschwester Simone ist eine Transgender-Person und definiert ihr Ichbewusstsein über ihr tatsächliches Geschlecht, ein Twist, den das Stück nicht wirklich auch noch gebraucht hätte. Und schließlich sind da ein Hitler gutheißender Grenzer und sein höherer Beamter Bekir, Gastarbeiterkind und Türkeirückkehrer und als solcher nicht ernst genommen und ergo ein besonders radikaler Verfechter des Türkentums …

Selfie mit Leiche: Günter Franzmeier und Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Khaled argumentiert um sein Leben: Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Für dieses Roadmovietheater hat Aleksandra Pavlović einen plüschroten Mix aus zu überwindendem Berg, Bürokratenthron und verwachsenem Auto erdacht, dazu eine Moscheenuhr, auf der die Zeit(en) immer wieder neu zu stellen ist beziehungsweise sind. Die überzeichneten Charaktere agieren mit ebensolcher Mimik und Gestik, so dass mitunter weniger Vollgas mehr gewesen wäre (was auch auf die Kostüme zutrifft).

Einzig Günter Franzmeier bleibt bei sich und macht aus Hussein eine Art Nathan den Weisen II. Dass die Figur nicht versteht, dass sie verstorben ist, sondern sich immer erneut ins Geschehen um sie einmischen will, macht wohl den Reiz der Rolle aus. In Rückblenden erzählt dieser Hussein sein Leben, dabei auch der schönste, einzig stille Moment der Aufführung, als er von seiner flüchtigen Liebe zur Polin Annamaria berichtet, er dem Faschismus Syriens, sie dem Kommunismus entkommen. Eine Liebe ohne Happy End, denn: „Wie sollen gebrochene Menschen in einer gebrochenen Sprache übers Gebrochensein reden?“

Übertitel, auf die das Volkstheater so stolz ist, gab es diesmal keine. So erfährt man in den langen, auf Türkisch gesprochenen Passagen das „Fremdsein“ aus erster Hand. Ein gewollter Effekt und die Ahnung, dass etwas Lustiges abläuft, wenn das kundige Publikum rundum auflacht. Nur manche Szenen werden auf Deutsch wiederholt.

Klar wird die Truppe für Politaktivisten, und da Hussein und Khaled Kurden sind, auch noch für Terroristen gehalten. Kaspar Locher als Khaled und Günther Wiederschwinger als Osman spielen daher die meiste Zeit knapp am Rande des Nervenzusammenbruchs. Isabella Knöll ist als anpassungswillige Simone schön peinlich. Ein Kabinettstück als tückisch-türkische Beamte versuchen Oktay Güneş und Sebastian Pass als Bekir.

Am Ende kommt der Putschversuch gegen Erdogan und mit ihm das Chaos. Ein entwurzelter Toter hält die vaterländische Rede an das Volk und Heimat hat plötzlich mit Ehre, Treue und Glauben zu tun. Und einmal mehr verwundert, dass die, die mit den selben Schlagworten um sich schlagen, jene sind, die sich am wenigsten leiden können …

Isabella Knöll im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27780

www.volkstheater.at

  1. 1. 2017

Neu am Volkstheater: Isabella Knöll

Januar 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie spielt in „Heimwärts“ von Ibrahim Amir

Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Wenn sie spricht, wenn sie lacht, dann ist das Ganzkörperaction. Isabella Knöll (mehr: www.volkstheater.at/person/isabella-knoell/), seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, ist das, was man landläufig ein Temperamentsbündel nennt. Mit „Höllenangst“ und „Wien ohne Wiener“ hat die gebürtige Oberösterreicherin schon zwei schöne Publikumserfolge zu verbuchen. Nun steht am Freitag die nächste Premiere an. Ein Gespräch:

MM: Sie haben am 5. Jänner im Volx/Margareten Premiere mit Ibrahim Amirs „Heimwärts“. Möchten Sie kurz erzählen, worum’s geht?

Isabella Knöll: Zusammengefasst kann man sagen, es ist eine politische Komödie. Das macht die Probenzeit bislang sehr spannend. Ich beschäftige mich mit für mich ganz neuen Dingen: Der Geschichte der Türkei, Erdogan und dem Putschversuch, der Situation der Kurden dort. Wir haben uns zwei Wochen reingekniet, Dokus geschaut, viel diskutiert. Auf einer weiteren Ebene geht es dann, wie der Titel schon sagt, um den Heimatbegriff. Welche Bedeutung hat Heimat?

Der Inhalt ist: Wir versuchen Khaleds Onkel Hussein von Wien nach Syrien zu bringen, quasi die Flüchtlingsroute retour, weil er in seiner Heimat begraben werden möchte. Er hat Krebs und stirbt in der Transitzone in der Türkei. Und wir versuchen dann mit der Leiche über die Türkei nach Syrien zu kommen. Auf diesem Backround basieren und entstehen dann die individuellen Probleme, die jede einzelne Figur hat.

MM: Ihre Figur heißt Simone. Wie ist die so?

Knöll: Ich spiele eine Transgenderperson. Simone war vorher ein Mann und hat sich umoperieren lassen zu einer Frau. Ihre Heimatthematik betrifft die eigene Identität. Das ist megaspannend … Ich habe vor Kurzem eine Frau getroffen, die diese sogenannte Transition, diesen Weg gegangen ist, um besser zu verstehen wie das ist. Die größte Erkenntnis war wahrscheinlich, dass Menschen, die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht ident fühlen, das meistens schon von klein auf spüren beziehungsweise wissen. Simone ist außerdem Krankenschwester, eine sehr resolute Person, wenn’s drauf ankommt … allerdings auch manchmal zu bemüht. Sie versucht in der Türkei eine Vorzeigefreundin ihres türkisch-österreichischen Freund Osman zu sein, was sie in so einige Fettnäpfchen treten lässt.

MM: Was ist für Sie Heimat?

Knöll: Menschen, definitiv. Ich bin jetzt zum 16. Mal umgezogen, war in Deutschland und in Rumänien zu Hause, ich habe längst kein Kinderzimmer mehr, oder ein Elternhaus. Ich habe also keine Mauern, die ich als Heimat festmachen könnte. Es sind Familie und Freunde, die Heimat sind.

MM: Lassen Sie bei den Proben Tagespolitik in die Arbeit einfließen?

Knöll: Absolut. Wir besprechen viel, was grade um uns passiert. Das sind schon sehr heftige Problematiken, mit denen man sich da auseinanderzusetzen hat. Politische Willkür, Folter, Krieg, Flucht … „Heimwärts“ handelt davon, überzieht die Themen ins Komödiantische, wird sehr absurd … aber das ist Tagespolitik ja auch.

MM: Regisseurin Pinar Karabulut inszeniert zum ersten Mal in Österreich. Wie ist es mit ihr?

Knöll: Toll. Ich mag sie sehr gerne, sie ist eine ganz quirlige Person und hat 1000 Ideen. Sie hat einen türkischen familiären Hintergrund, was bei der Arbeit sehr hilfreich ist, denn es wird im Stück viel Türkisch gesprochen … Ich habe großen Respekt, wie gut die Kollegen das mittlerweile können. Lan!

MM: Lassen Sie uns über Sie sprechen. Sie hatten ihren ersten großen Auftritt mit der Jungen Burg und waren Regieassistentin in Linz. Sie wollten Theater von beiden Seiten kennenlernen?

Knöll: Ja … Das hat sich so ergeben. Ich hab mich damals zum Spaß an der Jungen Burg beworben, das war ein tolles Format, die haben mich dann genommen und wir hatten als „Hysterikon“-Ensemble eine sehr aufregende, narrische Zeit. Später als Regieassistentin, hat´s mich oft gejuckt, da habe ich oft gedacht, „geht’s weg do, i moch des!“ Aber ist von außen immer leichter zu „gschaftelhubern“.

MM: Und wie kam’s zur Entscheidung auf und nicht hinter der Bühne stehen zu wollen?

Knöll: Ich wusste immer, dass ich das machen will. Ich wollte aber vorher noch was anderes studieren und ins Ausland wollt‘ ich auch noch. Also hab ich vorher ein Studium der Kultur- und Sozialanthropologie begonnen und dann in Rumänien als Betreuerin in einem Kinderheim gearbeitet. Danach kam ich zufällig zur Regieassistenz. In der Zeit war ich zwischendurch eh schon immer wieder mal Vorsprechen. Das war schon auch ein breiter Weg. In Frankfurt hat´s dann geklappt, was ein Segen war … Und jetzt … Ich leb‘ ja in Wahrheit grade meinen Traum, weil ich wirklich explizit ans Volkstheater wollte. Ich wusste, da gibt es Aufbruchstimmung, da gibt es Anna Badora, das hat mich gereizt. Und bumm! Jetzt ist es wirklich so …

In „Höllenangst“ mit Luka Vlatković, Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In „Wien ohne Wiener“ mit Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Sie sind sehr lebendig. Ich habe Sie zum ersten Mal in „Höllenangst“ gesehen“, …

Knöll: (sie lacht) Die Hüpfrolle.

MM: … da hatte ich den Eindruck, dass Sie eine sehr körperliche Schauspielerin sind. Wie ist das Verhältnis von Bauch und Kopf?

Knöll: Erst im Kopf verstehen, dann im Körper ausrasten. Oder irgendwie so … Das ist auch immer anders. Aber im Bestfall ist beides on board, wie im Leben ja auch.

MM: Sie sind ja bei einem Performancekollektiv. Kommt das daher?

Knöll: Bin ich! Das läuft parallel. Wir haben noch als Studierende ein Kollektiv gebildet: „sisu&company“. Sisu ist ein finnischer Begriff, der als nicht übersetzbar gilt, es ist so etwas wie krankhafter Ehrgeiz. Wir sind sechs junge, theatergeile Leute, und versuchen, wenn wir Zeit haben, uns zu treffen, und gemeinsam etwas zu erarbeiten. Ein Stück haben wir mittlerweile im Repertoire „Sisu“ heißt das, wie wir, ein anderes ist in Vorbereitung. Das läuft dann so, dass wir Auftrittsmöglichkeiten organisieren, unseren Bus das „Nasenmobil“ anstarten, das Bühnenbild reinschmeißen, uns reinschmeißen und geht schon los … Wir probieren aus, Theaterformen, uns selbst … Sisu ist ein bisschen unser Labor.

MM: In „Wien ohne Wiener“ sind Sie auch zu sehen. Wo haben Sie Ihre Musikalität her?

Knöll: Von der Familie sicher nicht. (Sie lacht.) Ich habe immer gern gesungen. Mein erster Hit war „Über jedes Bacherl geht ein Brückerl“, ein Evergreen.

MM: Das heißt, Sie waren von Kindesbeinen weg eine Rampensau.

Knöll: Wenn überhaupt, erst Rampenferkel, dann upgrade zur Sau.

MM: Was macht Sie als Künstlerin aus? Wann geht das Feuer an?

Knöll: Ich kann das gar nicht erklären, wenn’s im Bauch kribbelt, wenn da Bilder losgehen, wenn ich Lust kriege diesen Text zu sagen und zu spielen. Lust ist eh fast alles. Die kommt manchmal ganz von selbst über einen und manchmal muss man sie erst suchen.

MM: Was mögen Sie gar nicht?

Knöll: Kaputte Rolltreppen. Wahnsinnig deprimierend.

MM: Lampenfieber?

Knöll: Furchtbar. Vor allem bei Premieren. Ich kriege alle Zustände, Schweißhände, Wallungen und alles. Langsam bin ich wenigstens auf den Proben nicht mehr ganz so nervös. Ich hatte anfangs großen Respekt vor den erfahrenen Kollegen … Da piepst man so ein bisschen scheu etwas Text vor sich hin und auf einmal kommt einem so richtig Bombe gleich etwas zurück, da war ich anfangs ganz fertig, positiv fertig. Mittlerweile hab ich schon ein bisschen mehr Routine. Seit meinem Einstieg in den Beruf, im Mai, habe ich jetzt etwa 40 Vorstellungen am Volkstheater gespielt … Und ja … langsam kommt das, worauf ich mich von Beginn an sehr gefreut habe und was man halt nicht lernen kann: Berufserfahrung. „Ein Traumjob“, um „Heimwärts“ zu zitieren.

MM: Im März kommt die nächste Premiere. Sie sind die Beatrice in „Viel Lärm um nichts“.

Knöll: Ja … die erste große Rolle. Ich freue mich sehr auf Regisseur Sebastian Schug, auf die Kollegen, mit denen ich bis jetzt noch nicht das Vergnügen hatte, auf die Shakespeare-Gaudi ganz generell. Aber jetzt soll erstmal das Neue Jahr kommen. Neues Spiel, neues Glück. Ich steh voll im Saft.

www.volkstheater.at

2. 1. 2018