Theater in der Josefstadt: Marias Testament

Oktober 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Schmerzensmutter erhebt ihre Stimme

Bild: Bo Lahola

Woran sie sich erinnert. Dass ihr die Füße weh taten, weil ihre Schuhe fürs lange Stehen nicht gemacht waren. Dass Männer Würfel spielten. Ein anderer einen Raubvogel im Käfig mit lebendigen Kaninchen fütterte. Dass Volksfeststimmung war. Und an den geschundenen Leib. Fünf Männer mussten ihn festhalten, um die Nägel durch seine Handgelenke schlagen zu können. „Das kann ich bezeugen. Alles andere nicht“, sagt die alte Frau auf der Bühne.

Das Theater in der Josefstadt zeigt als Gastspiel der Hamburger Kammerspiele „Marias Testament“. Regisseur Elmar Goerden hat die Spielfassung des Romans des irischen Autors Colm Tóibín erstellt, Nicole Heesters agiert in dem 90-minütigem Monolog als Maria. Durchaus als Schmerzensmutter erhebt sie ihre Stimme, doch weg geht ihre Schilderung vom späteren Bibelwort, dies niedergeschriebene Dogma, das der Nachwelt mehr zu gelten hat, als Marias mündlich erzählte Wahrheit. Dass man von ihr nur diese zu hören bekommen wird, ist ihr Versprechen schon im ersten Satz.

Das ist problematisch. Maria sitzt fest in Ephesos – ihr dortiges Haus, eine heilige Pilgerstätte gibt es tatsächlich – und wird gewissermaßen bewacht von den Evangelisten Johannes und Markus. Deren Schreibmaschine, neben Thermoskanne und Kofferradio ein dezentes Signal fürs Zeigen von Zeitlosigkeit, steht auf einem langen Küchentisch, bereit Marias abzulegendes Zeugnis auf ihr abzutippen. Doch die entzieht sich, sie hat anderes erlebt, hat es anders erlebt, als man von ihr hören will. Ihre gar nicht christliche Botschaft hat nichts mit der, wie sie sie nennt, „erbaulichen Geschichte“ gemein, die ihre Aufpasser zu verkünden vorhaben. Kartoffel schälend und Staub kehrend zieht sie über die „Nichtsnutze“ her, mit denen ihr Sohn übers Land zog. Seinen Namen kann sie nicht aussprechen, und es ist gerade diese Unmöglichkeit, die Tóibíns Figur übers Heilsbild hinaus zur Mutter aller Gequälten, Gefolterten, Hingerichteten macht. Zu jeder Mutter, die jemals ihr Kind verloren hat.

Schwer auszuhalten ist mitunter, wie die Heesters da berichtet, ihre Stimme dabei tief und kraftvoll; sie ist eine virtuose Erzählerin, mal spöttisch, verächtlich schnaubend, mal wispernd, resignierend innehaltend, oszillierend zwischen Faszination und Abscheu, immer wieder ihre Trauer, ihr Unverständnis über das Geschehene laut hinausschreiend. Marias fassungslose Darlegung des Grauens einer Kreuzigung wird durch Heesters‘ präzise akzentuiertes Sprechen zu einem verbalen Fanal gegen Staatsterror, Gewalt und Machtmissbrauch. Nur dann und wann spricht sie liebevoll über ihren Sohn, dann wird das Licht um sie weicher. Einmal, kurz nur, folgt sie sogar der Ikonografie, wirft sich ihre zerschlissene Schlafdecke wie den blauen Madonnenmantel um. Im Traum, so sie, hätte sie den Toten in ihren Armen und auf dem Schoß gehalten, die daraus herbeigekünstelte Pietà wird ihr von den Aposteln regelrecht aufgezwungen. Über deren Kult um die unbefleckte Empfängnis – immer noch hält sie in ihrer Stube einen Stuhl für ihren geliebten Mann Josef frei – kann sie nicht einmal lachen.

Bild: Bo Lahola

Überhaupt, sie verachtet sie, die sogenannten Jünger. Die meiste Zeit ärgert sich diese Maria über die hysterische Meute. Und den in ihren Augen selbsternannten Erlöser. Ihr Sohn, seine „gestelzte“ Sprache, sind ihr fremd geworden, er weist sie von sich, als sie, von Verwandten über geheime Aktivitäten gegen ihn informiert, sein Leben retten will. Entgegen der Bildung des Mythos rund um ihn legt sie ihr weltlich-mütterliches Bekenntnis ab.

Dem Wunder der Hochzeit von Kana misstraut sie wie einem Trickbetrug, die Erweckung des Lazarus ist für sie ein billiger Effekt, vor allem aber eine Peinigung desselben, musste er danach doch ein zweites Mal das Sterben durchleiden. „Niemand sollte sich am Tod zu schaffen machen“, kommentiert sie diese Inszenierungen für (Leicht?-)Gläubige. „Wunder“ ist für sie kein gesellschaftliches Event. Über die historische Maria ist so gut wie nichts bekannt, im Neuen Testament wird ihr nur eine passive Rolle zuerkannt. „Marias Testament“ ist also als Resonanzraum für Hinterfragungen der christlichen Heilslehre bestens geeignet. Goerden setzt auf ein diese kennendes Publikum, das gekommen ist, seinem Bühnentext mit eigenen kritischen Standpunkten, mit Emotionen auch, zu begegnen. Eine Überlegung, die im „protestantischen“ Hamburg aufging, wie sie im „katholischen“ Wien aufgeht.

Am Ende, gesteht Maria, sei sie vor dem Ende geflohen, nachdem sie viele Stunden vor ihrem sterbenden Sohn gestanden habe, einen versteckten Pfad hinunter, hinein in ein bereitstehendes Boot. Dafür schämt sie sich, ja. Nun ist sie Flüchtling. Und Verfolgte. Und am meisten nerven sie die Menschen, die ihr die Kreuzigung als Erlösung für die Allgemeinheit anpreisen. Als deren Errettung. „Das war es nicht wert“, sagt Maria darauf bei Tóibín. Goerden und seine Grande Dame Heesters haben diesen Schluss gegen ein „Das ist sie nicht wert“ getauscht. Zwei Worte nur, die aber Milderung bringen, stellen die beiden doch damit nicht mehr Jesus‘ Handlung infrage, sondern eine Welt, die sein Opfer nicht verdient hat.

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Lou Andreas-Salomé

September 8, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frau, die über Nietzsche die Peitsche schwang

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

„Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann.“ Mit diesem Satz nahm Lou Andreas-Salomé Verehrern den Wind aus den Segeln. Deren hatte die Schöne viele. Paul Rée, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Gerhart Hauptmann gehörten dazu, später sogar Sigmund Freud. Rilke widmete ihr Gedicht um Gedicht, Wedekind nannte angeblich sein Werk „Lulu“ nach ihr, mit Rée und Nietzsche ging sie kurzfristig eine geistige ménage à trois ein, geistig, weil sich Lou Andreas-Salomé der Körperlichkeit entzog.

Eine selbst auferlegte Askese, war sie doch überzeugt davon, nur der Zölibat schaffe ihr als Frau den nötigen Freiraum, in den Armen eines Mannes aber würde sie sich selbst zum Hausmütterchen degradieren … Es entstand das berühmte Dreierfoto, die Denker vor ihren Karren gespannt, sie mit der Peitsche in der Hand, und man fragt sich, ob in dieser Szene Nietzsches späterer Ausspruch vom Lederriemen und dem Weibe begründet liegt. Der sexuell abgewiesene, der über die Angebetete erst formulierte „Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“, nannte sie dann nämlich die „dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten“. Männer! Und unter ihnen so viele Hysteriker, es verwundert nicht, dass Freud folgen musste.

Lou Andreas-Salomé war Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, geboren 1861 in St. Petersburg, gestorben 1937 in Göttingen, war sie eine der gelehrtesten und wissenschaftlich produktivsten Frauen ihrer Generation. Die Berliner Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post holt in ihrem Spielfilmdebüt „Lou Andreas-Salomé“, das ab 9. September im Kino zu sehen ist, dieses bewegte Leben aus der Vergessenheit. Entstanden ist ein faszinierendes Frauenporträt, das mit leisem Humor den Weg einer starrköpfigen Streiterin für mehr Rechte, für, wie sie es nannte, mehr „Raum für die Entwicklung der Frau“ nachgeht. Andreas-Salomé lebte die Emanzipation, wiewohl sie es stets weit von sich wies, eine, wie man heute sagen würde, Feministin zu sein.

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit "Mutter" Petra Morzé. Bild: Polyfilm

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit „Mutter“ Petra Morzé. Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als "Ernst Pfeiffer". Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als Ernst Pfeiffer. Bild: Polyfilm

Das Biopic ist bis in kleinste Rollen exzellent besetzt, mit dabei viele Burgtheaterschauspieler, Petra Morzé und Peter Simonischek spielen die Eltern Salomé, Philipp Hauß den Paul Rée. Merab Ninidze brilliert als Friedrich Carl Andreas, der Orientalist, der sich endlich als einziger auf eine sexlose Ehe mit Lou einließ, in seiner Not aber eine lebenslange Zweitliebe mit der Haushälterin einging. Alexander Scheer ist als Nietzsche augenrollend bedrohlicher und ergo skurriler wie Paulus Manker als Almas Kokoschka, Julius Feldmeier als Rilke ein weinerliches Bündel Mensch.

Man muss es sagen, der feinnervige Lyriker verliert in diesem Film deutlich an Boden, so raunzert ist das Bild, das Kablitz-Post von ihm entwirft. Lou Andreas-Salomé hatte ein Händchen dafür, Elegiebürscherln um sich zu sammeln, geknickte Männlichkeiten aufzurichten und künstlerische Karrieren in Schwung zu bringen. Sie war Inspiration, Muse, später auch Mäzenin. Doch so stark und bei messerscharfen Verstand, wie sie war, wirken die Herren der Schöpfung rund um sie wie schwache Männlein.

Diesen Eindruck verdichtet freilich die Darstellung von Katharina Lorenz und Nicole Heesters. Kablitz-Post hat die Figur der Andreas-Salomé in verschiedenen Lebensaltern auf die beiden formidablen Schauspielerinnen aufgeteilt, erstere gestaltet sie angespannt wie eine Feder, zweitere altersweise und ein wenig verschmitzt, die Lorenz ist von strenger Schönheit, die Heesters in überragender Spiellaune. Liv Lisa Fries spielt Andreas-Salomé als 16-Jährige, der Film bewegt sich zwischen den drei Zeiten hin und her, erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den Ereignissen als wären’s die Erinnerungen der älteren an ihre gewesenen Ichs. Dies auch ein inhaltlicher Kniff der Filmemacherin, denn so kann sie friktionsfrei die später geschönte Biografie Andreas-Salomés mit anderen, ihr widersprechenden Quellen verknüpfen.

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Ein Gutteil der Dokumente stammt aus dem Archiv von Ernst Pfeiffer, im Film verkörpert ihn Matthias Lier, Andreas-Salomés letzter Psychotherapiepatient und späterer Nachlassverwalter. Der rettete maßgebliche Teile ihres Werks vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Denn im Dritten Reich war man höchst erbost über diese Frau, die sich in den „jüdischen“ Disziplinen des Denkens übte. Und so beginnt der Film denn auch mit einer Bücherverbrennung …

„Lou Andreas-Salomé“ ist ein filmisches Beispiel dafür, dass ein Widerspruchsgeist zu sein und ein Freigeist sein zu wollen zu allererst des Geistes bedingt. Andreas-Salomé hatte alles davon, und im Übermaß. Sie war eine Kämpferin gegen Konventionen, dass sie für das Wegsperren ihrer Gefühle aber auch einen hohen Preis bezahlte, dass sie die nie versiegende Sehnsucht nach einem eigenen Kind schließlich zu einer ganz besonderen Tat verleitet hat, wird der Film am Ende erklären.

Er schließt mit einem Zitat, das die großartige Heesters vorträgt: „Die Welt, sie wird dich schlecht begaben. Glaube mir’s. Sofern du willst ein Leben haben, raube dir’s.“

 

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0qyQgSsi920

Wien, 8. 9. 2016

wennessoweitist: Ganymed goes Europe

Februar 27, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Rückkehr ins Kunsthistorische Museum

Péter Esterházy Bild: khm

Péter Esterházy
Bild: khm

Mit ihren Produktionen „Die Reise“ (über Migranten-) und „Das Kind“ (über Kinderschicksale) am Volkstheater haben Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf alias „wennessoweitist“ berührt. Ebenso mit dem Kinderschlepperdrama „fly ganymed“. Der größte bisherige Erfolg des Theaterpaares war aber „Ganymed Boarding“ im Kunsthistorischen Museum. Nun wird das Projekt ab 12. März mit Kornmüllers neuer Inszenierung „Ganymed goes Europe“ fortgesetzt. 14 AutorInnen – darunter Péter Esterházy, Maja Haderlap und Josef Winkler – wurden eingeladen, Texte über Meisterwerke der Gemäldegalerie zu schreiben, um neue Sichtweisen auf Alte Meister zu eröffnen. Ein Ensemble aus 23 SchauspielerInnen, TänzerInnen und Musikern erweckt Bild und Betrachtung zu neuem Leben. Die BesucherInnen werden beim Rundgang durch das Museum in ein theatrales Zwischenreich gezogen und entscheiden selbst, wie lang sie wo verweilen. An jedem der Abende werden alle Stücke zeitgleich und mehrmals hintereinander aufgeführt. Partnerländer der Produktion sind Polen und Ungarn.

Die AutorInnen: Lajos Parti-Nagy, Milena Michiko Flasar, Klemens Lendl, Anna Kim, Maja Haderlap, Peter Esterhazy, Doron Rabinovici, Martin Pollack, Josef Winkler, Johanna von Doderer und Franz Schuh.

Die SchauspielerInnen, MusikerInnen, TänzerInnen: Mercedes Echerer, Nicole Heesters, Judith Aguilar, Frieda Lovisa Hamann, Hans Dieter Knebel, Katharina Stemberger, Janos Kulka, Bert Oberdorfer, Peter Wolf, Nicola Djoric, David Oberkogler, Die Strottern, Nicola Djoric, Yury Revich und Pál Szepesi.

www.wennessoweitist.com

www.khm.at/ganymed/

„Die Reise“: www.mottingers-meinung.at/kein-theater-die-wirklichkeit/

Interview mit Jacqueline Kornmüller: www.mottingers-meinung.at/urauffuhrung-von-das-kind-am-wiener-volkstheater/

„Das Kind“: www.mottingers-meinung.at/das-kind-am-volkstheater/

„fly ganymed“: www.mottingers-meinung.at/bedruckendes-stuck-uber-kinderschlepperbanden/

Wien, 27. 2. 2014

Theater in der Josefstadt: „Vor dem Ruhestand“

September 6, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Seelenstriptease, der unter die Haut geht

Sona MacDonald (Clara), Michael Mendl (Rudolf Höller), Nicole Heesters (Vera) Bild: © Erich Reismann

Sona MacDonald (Clara), Michael Mendl (Rudolf Höller), Nicole Heesters (Vera)
Bild: © Erich Reismann

Welch ein Trio Infernal, diese höchst lebendigen Gespenster der Vergangenheit. Welch furchterregend grausames Spiel gegenseitiger Demütigungen. Ein entstellter Witz um geschwisterliche Eifersucht, ein Inzest im Rausch, ein Seelenstriptease dreier großartiger Darsteller, der unter die Haut fährt. Und über allem Thomas Bernhard, Österreichs penibelster Leichen-im-Keller-Beschauer, ein seziermesserscharfer Menschenkenner, dessen Klinge immer noch am Geschwür der Nation operiert.

Das Theater in der Josefstadt eröffnete die neue Saison mit Bernhards „Vor dem Ruhestand“. Elmar Goerden inszenierte die „Komödie“ um den Gerichtspräsidenten und Ex-SS-Offizier Rudolf Höller, der mit seinen beiden Schwestern alljährlich am 7. Oktober Heinrich Himmlers Geburtstag feiert. Geheim, aber in Uniform. Himmler, ein Götze in Schwarz, Wahlspruch: „Mehr sein als scheinen“. Ja. In Verkleidung unterwegs in einem Flüchtlingsstrom, fiel er wegen schlecht gefälschter Papiere der britischen Militärpolizei auf und beging schließlich Selbstmord mit einer Zyankalikapsel, die er in einer Zahnlücke versteckt hatte. Vom Vollstrecker zum Verstecker. Doch das ist nicht Höllers Himmler. Naturgemäß … Goerden hat sich für seine bemerkenswerte Arbeit mit exzellenten Schauspielern umgeben: Michael Mendl, Nicole Heesters und Sona MacDonald. Nicht Kollegen, sondern langjährige Freunde – was dem Abend eine besondere Intimität, eine neue Note verleiht. Eine, die auf  Teile des Publikums verstörend wirkte. Denn Goerden, wie stets mit feiner Hand bei der Sache, zeigt keine „Monster“ in Übergröße, Figuren, wie sie von Prater-Geisterbahnen herunterbaumeln. Er hat kein „Achtung, Nazis!“- Taferl aufgestellt. Er zeigt einfach Menschen, Bernhardisch beinhard und berührend, die Banalität des Bösen (um Hannah Arendt zu bemühen), die den Verwaltungsmassenmord für ihr gutes deutsches Recht halten. Thomas Bernhard orientierte sich1979 am realen Fall des Marinerichters und späteren Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger …

In Goerdens Regie ist dieses oft gesehene Stück kein Ein-Personen-Text mit zwei Stichwortgeberinnen mehr. Im Gegenteil: Die Frauen haben das Sagen beziehungsweise das Nicht-Sagen. Nicole Heesters als Vera changiert subtil zwischen zynisch, eiskalt, bösartig und enthusiastischer, unterwürfiger Verehrerin (mit falscher Kranzlfrisur) ihres Geliebten/Bruders. Sona MacDonald, die rollstuhlfahrende Clara, ist die zersetzende, „familienmordende“ Andersdenkerin. Sie, die so gut wie keine Sätze sagt, ist beredt mit Mimik und Gestik. Wenn sie die Hände emporhebt, will sie ihre Geschwister umarmen oder erwürgen? Mit hämischem Lachen verfolgt sie die Vorbereitungen fürs Fest – und doch spiegelt sich in ihrem Gesicht die Angst vor der KZ-Jacke, die im irren Rollenspiel ihr „Kostüm“ ist. Nicht umsonst sagt „Vera“ Heesters „Clara“ MacDonald “ ist „die Stärkste von uns allen“. Bravo! Und dann Michael Mendl: Der Filmstar und Bernhard-Debütant ist die nuancierte Niedertracht per se. Kasperl und Krokodil in einer Person. Kommt nach Hause als alter, griesgrämiger Mann, mit einem Bein schon in der Pension, dem Vera den Hämorrhoidensitzring hinterherträgt, verwandelt sich je mehr die Sektflaschen sich leeren und die Stimmung sich hebt in ein gefährliches, weil bewaffnetes Raubtier. Ein Leidtragender der Umstände, weil DIE große Idee nicht verstanden wurde. Kurt Sowinetz‘ Liedzeile: „Heimat bist du großer Väter/Lauter Opfer, kane Täter“ kommt einem in den Sinn.

Elmar Goerden gelang eine sehenswerte Interpretation von Bernhards vielschichtigem Werk. So bemerkenswert, weil sie wie beiläufig passiert. „Irgendetwas zieht sich zusammen, ganz in unserem Sinne“, sagt Höller, bevor ihn sein Herz holt. Darauf muss man ein Auge haben.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=xsmC4q6fJ00&feature=player_embedded#t=33

www.mottingers-meinung.at/michael-mendl-im-gesprach/

Wien, 6. 9. 2013

Michael Mendl im Gespräch

September 3, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Vor dem Ruhestand“ an der Josefstadt

Sona MacDonald (Clara), Michael Mendl (Rudolf Höller), Nicole Heesters (Vera) Bild: © Erich Reismann

Sona MacDonald (Clara), Michael Mendl (Rudolf Höller), Nicole Heesters (Vera)
Bild: © Erich Reismann

Der charismatische deutsche Filmstar Michael Mendl unterbricht seine Kamerakarriere und gibt nach 20 Jahren ein Comeback auf der Bühne im Theater in der Josefstadt in einer großen, fordernden Thomas-Bernhard-Rolle. In „Vor dem Ruhestand“ spielt Mendl den ehemaligen und bis heute überzeugten SS-Offizier Rudolf Höller, der es im Nachkriegsdeutschland zum Gerichtspräsidenten gebracht hat und jedes Jahr am 7. Oktober hinter versperrten Türen seine SS-Uniform anzieht und mit seinen beiden Schwestern Heinrich Himmlers Geburtstag feiert.Seine Partnerinnen: Nicole Heesters und Sona MacDonald. Regie führt – wie schon beim großartigen „John Gabriel Borkman“ – Elmar Goerden

Premiere ist am  5. September.

Ein Gespräch mit Michael Mendl:

MM: Herr Mendl, in Österreich sind Sie vor allem durch Film und Fernsehen bekannt. Ihre Karriere begann aber am Theater; Sie wurden erst mit 45 Jahren als „Kameragesicht“ entdeckt. Nun ein Bühnencomeback an der Josefstadt – warum?

Michael Mendl: Da kamen verschiedene Dinge zusammen. Es stimmt, ich habe 20 Jahre nicht mehr Theater gespielt – und von denen hat Elmar Goerden zehn an mir rumgebaggert. Aber es passte irgendwie nie. Entweder das Stück, oder ich hatte Dreharbeiten. Und dann kam Elmar mit diesem Wahnsinnsstück von Bernhard: „Vor dem Ruhestand“. Ich war nach dem ersten Lesen entsetzt, fragte mich, will ich das Monster Rudolf Höller in meine Seele lassen. Ein Grund zuzusagen war, dass ich beide Kolleginnen, mit denen ich auf der Bühne stehe, Nicole Heesters und Sona MacDonald schon lange kenne. Ich habe Nicole 1965  an der Josefstadt kennen gelernt. Wir hatten dann eine Leseprobe, die sehr gut lief, und darauf habe ich Ja gesagt.

MM: Sie haben also lange überlegt, bis Sie die Rolle angenommen haben. Das Stück wurde 1979 von Peymann in Stuttgart uraufgeführt, wo Sie auch Eichmann und Oppenheimer gespielt haben. Jetzt den Höller – ein Scheusal, das man nach der Probe nicht einfach „abwaschen“ kann?

Mendl: Ja, das geht schwer. Die Figur Eichmann beispielsweise erschien mir immer wieder in Albträumen. Das ist mir mit dem Höller noch nicht  passiert – Gott sei Dank.

MM: Höller wird von Schauspielern oft als Polterer, „Folterer“ seiner Schwester Clara dargestellt. Sie sind mir als einer bekannt, der feinnervig den Nerv trifft. Wie werden Sie Ihren Höller anlegen? Hintergründig?

Mendl: Vordergründig! Mit seiner und meiner Fantasie mannigfaltig ausgestaltet. Als kleines Würstchen, als Macho, Angeber, Aufschneider, Zyniker, Peiniger, als alten versteinerten Mann. Ich möchte die Farbpalette großzügig benutzen, facettenreich sein. Das ist eine finstere Komödie, die Bernhard da geschrieben hat. Ich habe noch nie so viel gelacht bei Proben. Weil die Figuren so unverschämt, solche Monster sind.

MM: Sie haben schon angedeutet, dass Sie mit Ihren Bühnenschwestern eine lange Kollegenschaft verbindet …

Mendl: Mit Nicole Heesters über zahlreiche Filmprojekte. Mit Sona MacDonald ist am Residenztheater München eine Theaterfreundschaft entstanden. Man könnte so ein Stück auch nicht spielen, wenn man sich nicht nahe steht; es ist ja auch sehr intim als Familien-, als Inzestgeschichte. Da muss man sich auf die anderen 200-prozentig verlassen können. Wir kamen unlängst von einer Probe, da sagte Sona: „Wir drei sind wirklich Geschwister.“ Deshalb habe ich so eine Freude an dieser Arbeit.

MM: Ich habe mich durch Ihre Vita gearbeitet, doch keinen Thomas Bernhard darin gefunden.

Mendl: Ich bin Bernhard-Debütant. Und mittlerweile begeistert. Beim Spielen dieser Situationen, da wird gelogen, verschoben, das ist so mannigfaltig, so zum Fürchten, dass man sich das antut – ich bin immer noch nicht fertig mit dem Ausloten der Möglichkeiten dieses Trio Infernal. Das ist mir bei anderen Autoren noch nie so vorgekommen.

MM: Ihr Adoptivvater Ernst war Österreicher, Sie haben auch die österreichische Staatsbürgerschaft, haben kurz in Wien studiert. Was sagen Sie zur hiesigen Mentalität, zu denen, die sich so gerne hinter dem „Anschluss“ verstecken?

Mendl: Bernhard hat das Stück ja über Deutschland geschrieben, er hatte den Marinerichter und späteren Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger im Visier. Das ist die Schmierseife für den Stoff. Also eigentlich war Stuttgart gemeint, nicht Wien. Aber: Wie sich die Bilder gleichen. Auch hier gab es genug Ewiggestrige, die noch lange in ihren Ämtern saßen. Für mich ist „Vor dem Ruhestand“ aber kein Stück über das Nazitum, über die NSDAP, sondern über das Ungeheuer, das Ungeheure, das in uns allen schlummert und das man nur aufzurufen braucht. Eine Geschichte sozusagen, die bei Kain und Abel beginnt. Und bei Höller (auch noch nicht) endet, der sich darüber lustig macht, dass er nach Jahren des Versteckens in einem Kellerloch wieder eine Enklave des Schreckens errichten konnte – und sich noch einbildet, er hat das Recht, das zu tun, so sein zu dürfen.

MM: Es gibt aber nicht nur Ewiggestrige, sondern auch „neue Gestrige“. Faschistisches Gedankengut ist von Norwegen über Deutschland bis Ungarn wieder da. Die Neonazis marschieren. Worin liegt die Anziehung?

Mendl: Wenn ich darauf eine Antwort hätte, könnte ich dagegen antreten. Ich weiß nur, dass wir verdammtes Glück haben, in Europa keinen Krieg zu haben. Krieg ist nie eine Lösung, nie eine „Endlösung“. So „unbefangen“ wie Bernhard seine Figuren darüber reden und streiten lässt, so wollen wir auch, dass das Publikum selber darüber nachdenkt. Wenn wir das hinkriegen, ist es toll. Mein Vater Ernst sagte immer: Wenn die Geschichte nicht koscher ist, sollte man sie lachhaft machen. Dass andererseits die deutsche Justiz sich aufgrund des Grundrechts nicht traut, eine gewisse Partei zu verbieten, ist empörend. Haben die keine Courage vor etwas Revolutionärem? Die Anziehungskraft von Hassideologien und den Ruf nach einem „starken Mann“ – den’s aber nicht gibt -, hat man doch allerorts. Aktuelles Beispiel: Syrien. Ein Einzelner wird unweigerlich zum Diktator. Nur gesellschaftliche Moral, Zusammenhalt und das ständige, tägliche Bemühen um Demokratie können da gegensteuern.

MM: Sie sind einer der weniger Charakterköpfe unter den Schauspielern, der Gute wie Böse, Tragödie wie Komödie oder Groteske spielt. Ein bevorzugtes Genre?

Mendl: Ja, einen Menschen darzustellen. Ansonsten will ich so vielseitig wie möglich sein. Mein Lebensmotto ist von Bert Brecht „Von der Kindsmörderin Marie Farrar“: „Doch ihr, ich bitte euch, wollt nich in Zorn verfallen/Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen.“ Ein Satz gegen Intoleranz, nach dem ich versuche auch mein privates Leben zu gestalten.

MM: Nachdem Elmar Goerden Sie so lange umworben hat, wie geht’s Ihnen nun mit der Arbeit mit ihm?

Mendl: Wunderbar. In Elmar habe ich DEN Partner gefunden, wir schmieden auch schon Pläne für die nächste Saison am Haus. Die gemeinsame Arbeit wird sich fortsetzen. Ich habe noch nie einen so toleranten Menschen gefunden, der selber erwachsen ist und seine Schauspieler als Erwachsene akzeptiert. Da treffen sich im künstlerischen Prozess vier Gleichberechtigte. Vier auf Augenhöhe. Als Schauspieler vermiete ich ja mein Leben, da will ich nicht geknechtet werden, da will ich, dass man demokratisch miteinander umgeht. Und das ist hier der Fall.

MM: Sie werden jetzt längere Zeit in Wien sein. Wie werden Sie Ihren Aufenthalt genießen?

Mendl: Ich werde tagsüber durch die Stadt streifen, die ich zuletzt vor fast 50 Jahren sah, und sie neu erleben. So viel inhalieren, wie’s nur geht. Wie positiv sich hier alles verändert hat. Ich werde zwischendurch aber auch nach Berlin fliegen – zum Strümpfe stopfen. Und Ende September drehe ich in Borneo einen Dokumentarfilm über das Abholzen der Regenwälder und was das für die Orang Utans bedeutet. Ich engagiere mich sehr für dieses Thema, mache in Deutschland auch regelmäßig „Regenwald-Nächte“, um Geld zu sammeln. Wir sind derzeit in Verhandlungen mit Holzfällergesellschaften, um 1000 Hektar Regenwald auf 50 Jahre zu pachten. Ich hoffe, das gelingt.

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Wien, 3. 9. 2013