Viennale mit Woody Allen, Nanni Moretti & Todd Haynes

Oktober 9, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Österreich ist im Programm stark vertreten

Cate Blanchett und Rooney Mara in Todd Haynes’ „Carol“ Bild: Viennale

Cate Blanchett und Rooney Mara in Todd Haynes’ „Carol“
Bild: Viennale

Das Wichtigste zuerst: Der Kartenvorverkauf beginnt am 17. Oktober, die Viennale selbst am 22. Oktober. Am Freitag stellte Direktor Hans Hurch das Programm 2015 mit dem Satz „So viel Film war noch nie!“ vor. So gibt es neben dem Tribute für Tippi Hedren, in dessen Rahmen „Die Vögel“ und „Marnie“ gezeigt werden, der Hitchcock-Star wird dazu Wien beehren, weitere große Namen und die Preisträger der diesjährigen Filmfestivals, die den Hauptabend im Gartenbaukino behübschen:

Cate Blanchett und Rooney Mara als lesbisches Liebespaar in Todd Haynes’ elegantem Drama „Carol“  machen den Auftakt. Der in Cannes uraufgeführte Film erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer Frau der gehobenen Gesellschaft und der jungen Warenhausverkäuferin Therese. Basierend auf einer Geschichte von Patricia Highsmith ist „Carol“ eine subtile melodramatische Studie über Geschlechterbeziehung und Klassenverhältnisse im Amerika der frühen Fünfzigerjahre. Von Woody Allen wird „Irrational Man“ gezeigt.  Des Altmeisters neuen Film macht vor allem die schauspielerische Leistung von Joaquin Phoenix zu einem lichten und souveränen Moment. Mit subtiler Selbstironie und verzweifelter Coolness spielt Phoenix einen schäbigen und depressiven Philosophie-Superstar, der auf einer amerikanischen Elite-Uni zu Besuch ist und dem die Frauen hysterisch verfallen. Es wäre nicht der alte Fuchs Allen, wenn die simple Geschichte nicht unversehens zu einer spannenden und doppelbödigen Crime-Story geriete. Auch „Mia Madre“ von Nanni Moretti ist zu sehen. Der Film ist so italienisch und so Moretti, wie er nur sein kann. Es geht um Familie, um alle Generationen, die Tochter und den Bruder und die alte und kranke Mama und mittendrin die großartige Margherita Buy als Regisseurin in der Midlife-Crisis, die vergeblich versucht, es allen Recht zu machen, alles zu schaffen und für alle da zu sein. Dazu kommen noch die aktuellen Dreharbeiten für ihren neuen Film und dessen unerträglicher, amerikanischer Star – eine Traumrolle für John Turturro. Und Moretti selbst ist der brave Sohn der alten Mama in einem seiner besten Filme seit Jahren.

Mit Liev Schreiber, Michael Keaton, Mark Ruffalo und Stanley Tucci ist Thomas McCarthys „Spotlight“ eine weitere hochkarätig besetzte US-Produktion im Programm. Inhalt: Ein Redaktionsteam des „Boston Globe“ erhält den Auftrag, einen etwas älteren Fall von angeblichem Kindesmissbrauch durch einen Pater zu recherchieren. Was sich wie journalistische Routine anlässt, wird zu einem Skandal ungeahnten Ausmaßes innerhalb der amerikanischen Kirche, der alle nur möglichen politischen Mächte und Widerstände mobilisiert. „Spotlight“ beginnt als „kleine“ Story und steigert sich zu einem Thriller von ziemlicher Ungeheuerlichkeit. Ein feiner Ensemblefilm. In „99 Homes“ von Ramin Bahrani geht es um Zwangsräumungen. Am Höhepunkt der US-amerikanischen Immobilienkrise 2010 können viele Familien die Hypotheken auf ihre Häuser nicht mehr bezahlen und verlieren das Dach über dem Kopf. Einmal mehr untersucht Bahrani jene Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft, die zur Ausgrenzung und Marginalisierung ihrer Mitglieder führen. Ein zorniges moralisches Lehrstück mit Andrew Garfield, Michael Shannon und Laura Dern.

Österreich-Premiere haben mit „Dheepan“ von Jacques Audiard der diesjährige Preisträger der Goldenen Palme, mit „Right Now, Wrong Then“ von Hong Sangsoo der Gewinner von Locarno sowie mit „Me and Earl and the Dying Girl“ und „The Diary of a Teenage Girl“ zwei Sundance-Publikumslieblinge. Als Gast geplant war die vergangenen Dienstag völlig überraschend verstorbene belgische Filmemacherin Chantal Akerman, deren letzter Film, ein sehr persönliches Porträt ihrer Mutter und damit ihrer selbst mit dem Titel „No Home Movie“, nun neben den letzten, nachgelassenen Werken von Direct-Cinema-Pionier Albert Maysles und denen des 106-jährig verstorbenen Regiegenies Manoel de Oliveira läuft.

Filme aus Österreich: „Last Shelter“, „Lampedusa im Winter“, „Einer von uns“

Aus dem Schaffen der heimischen Filmemacher hat Hurch sieben Lang- und zahlreiche Kurzfilme ausgewählt, darunter zwei gesellschaftskritische Dokumentarfilme: Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“ zeigt in hoher Verdichtung die klaustrophobische Situation in dieser kontaminierten geopolitischen Zone. Die Einwohner von Lampedusa sind überfordert vom permanenten Andrang und von einer allgemeinen Mangelsituation, die Asylsuchenden wiederum kämpfen verzweifelt um ihr Recht und ihre Würde. Ein Close-up auf jenes Problem, das die EU nun schon seit Monaten bis zur Kenntlichkeit entstellt. Gerald Igor Hauzenbergers „Last Shelter“ holt das Flüchtlingsthema noch näher heran. Bis vor die Haustür. Es ist noch in lebendiger Erinnerung, dass vor nicht allzu langer Zeit eine Gruppe von Asylwerbern die Votivkirche besetzte, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und die drohende Abschiebung zu verhindern. Von großem medialem Echo begleitet, harrten die Menschen in der Kirche aus. Doch was wurde aus ihnen? Dieser Frage geht „Last Shelter“  nach und schlägt einen Bogen zur aktuellen, sogenannten Flüchtlingskrise. Beide werden, wie Hurch ihn „ein bisschen keck“ nennt, am „Internationalfeiertag“, am 26. Oktober, gezeigt. Auch dem einzigen österreichischen Langspielfilm im Programm liegen wahre Begebenheiten zugrunde: Stephan Richter arbeitet mit „Einer von uns“ den Tod eines 14-jährigen Einbrechers in einem Kremser Supermarkt durch die Schüsse eines Polizisten „sehr unspektakulär, genau und auf feine Weise und ohne Kapital aus dieser Geschichte zu schlagen“ auf, so Hurch. In einem eigenen Schwerpunkt für heimische Kurzfilme ist unter anderem der in Cannes uraufgeführte Found-Footage-Film „The Exquisite Corpus“ von Peter Tscherkassky erstmals in Österreich zu sehen.

Und, so Hurch weiter, habe die Viennale bisher davon abgesehen, „anlassbezogen auf politische Entwicklungen unmittelbar“ zu reagieren, so gibt es heuer neben dem Flüchtlingsthema gleich noch einen brandaktuellen Programmpunkt. Unter dem Titel „Griechenland – Noch einmal mit Gefühl“ wird mit griechischen Filmen der vergangenen zehn Jahre die Frage gestellt, „wie das Kino über die ökonomische, politische und gesellschaftliche Entwicklung eines Landes“ erzählen kann.

www.viennale.at

Mehr zur Viennale: www.mottingers-meinung.at/?p=14433

Wien, 9. 10. 2015