Lydia Mischkulnig: Die Richterin

Dezember 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch im Aktenstapel der Asylfälle

„Hast du nie Angst?, fragte Joe. – Wovor? – Dass jemand dich persönlich verantwortlich macht für sein Elend … Verachtest du sie? – Verachten ist nicht das richtige Wort, aber manchmal ist es ein Spiel und ich habe das Gefühl, die Würfel entscheiden lassen zu können, und trotzdem muss jeder Fall erwogen werden, sagte sie. – Und was willst du essen?, fragte Joe.“ Sie, das ist Gabrielle, Richterin am Verwaltungsgerichtshof in Wien und die Protagonistin in Lydia Mischkulnigs aktuellem Roman. Was Gabrielle verhandelt, sind sogenannte Fälle der zweiten Instanz.

Beschwerden gegen Negativbescheide des Bundesamtes für Fremdenrecht und Asyl, heißt also: tatsächlich das Leben von Menschen, die akut von der Abschiebung bedroht sind. Bei Gabrielle teilen sie sich in zwei sich türmende Aktenstapel, rechts die einfach zu erledigenden Fälle, links die, die schwerer abzuurteilen sind. „Korrektheit machte Gabrielle nicht unmenschlich, nur emotional unberührbar für das Amt“, charakterisiert die Autorin diese weder kaltblütige noch warmherzige Frau, deren nüchterner Pragmatismus Mischkulnigs Schreibstil bestimmt.

So kühl und distanziert, dass man ihn eine drastische Neue Sachlichkeit nennen möchte, und der dennoch ganz nah an Gabrielle ist. Der Tonfall, die Gedanken, ganz klar befindet sich die Leserin, der Leser im Kopf der Richterin. Mit wenigen Sätzen umreißt Mischkulnig die Tragweite der Situation. „Die einen berichteten das Grauen und die anderen färbten Afghanistan schön und bekämpfen kritische Einschätzungen als Hirngespinsterei einer Asyl-Lügen-Fabrik. Es gebe ihrer Meinung nach Straßenzüge in Kabul, in denen Schreiber sitzen und gegen Bezahlung Morddrohungen für die Fluchtwilligen verfertigten …“

„Manche Sachverständige waren überzeugt, dass drei Viertel der Flüchtlinge Wirtschaftsflüchtlinge seien, wobei der Wunsch, dem Elend zu entkommen, eben keinen Asylgrund darstelle …“ „Selbst der afghanische Minister für Flüchtlingsfragen bat die Republik Österreich, Asylwerber nicht zurückzuschicken, da man zu Hause nicht wisse, wohin mit ihnen …“ „Die Rückkehrer waren durch die Fluchtjahre schon von zu Hause entwöhnt und mussten in den Familien ihr Stigma als Versager tragen …“ „Lehrlinge waren aus den Ausbildungsprogrammen herausgerissen und abgeschoben worden. Die Politik manipulierte das richterliche Denken …“

Von NGO-Broschüren über „die Formeln juristischer Textkörper, die sie mit Copy & Paste in die Schriftstücke einpasste“ bis zu den Länderberichten – über Terrortote und Polizeigewalt bis zu fehlenden Arbeits- und Ausbildungsplätzen. „In den Asylfällen zählten die nachgereichten Unterlagen nicht viel …“

Screenshot. Quelle: fairness-asyl.at

Screenshot. Quelle: fairness-asyl.at

Zwischen diesen Polen pendelt Gabrielle. Recht, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Sie verhandelt den Fall eines 18-jährigen Vergewaltigers aus Afghanistan, den einer Somalierin, die ihre Tochter beschneiden lassen wollte, psychiatrische Gutachten, verquere Logiken, Scheinehen, ein schwuler Modedesigner, Intim-Femizid, eine Hazara-Frau, deren Ehemann das Bleiberecht erhalten hat, sie stumm und stur, während er von der hinteren Sitzreihe nach vorne plärrt. „In den Essays von Jean Améry stand geschrieben, dass der Verlust des Weltvertrauens immer in einer physischen Kränkung resultierte“, ist ein Satz, der Gabrielle bis in ihre Träume verfolgt. Einem Anschlag fast zum Opfer gefallen zu sein, sei kein Asylgrund, entscheidet sie.

Sie überprüft Integrationswilligkeit, indem sie die Sonderangebote hiesiger Supermärkte abfragt. Sie weiß um ihre Entscheidungsmacht, und muss sie aushalten. Was „Die Richterin“ erzählt, ist die Geschichte einer allumfassenden Desillusionierung. Das Thema, sagt Mischkulnig im Online-Gespräch, begleite sie seit der rumänischen Revolution, „als nach dem Regimewechsel rumänische Kinder zu Gast in der Schule waren, die meine Mutter damals führte. Als dann 2015 die Flüchtlinge aus Syrien nach Europa kamen, war mir klar: Ich möchte auch wissen, was es heißt, im Asylwesen mitgestalten zu können. Wer sind all die AkteurInnen? Und schließlich interessierte mich der Gerichtssaal mit seiner interessierten Öffentlichkeit.“

Und diese Öffentlichkeit? „War ich selbst, in diese Rolle konnte ich mich begeben. Ich saß viele Monate dort und konnte Gespräche führen, sowohl mit HelferInnen und RechtsberaterInnen als auch mit den RichterInnen, ReferentInnen und Betroffenen. Ich wechselte meine Perspektiven und irgendwann war mir klar, wie kompliziert die Lage ist und wie menschlich. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Bleiben in Sicherheit. Aber was geschieht mit denen, die Sicherheit nicht einmal begreifen, sondern bedrohen?“

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

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„Jeder Fall ist speziell“, so Mischkulnig. „Das erfuhr ich auf nationaler und internationaler Ebene. Es geht immer um das Individuum. Ich habe gelernt, dass Recht gelebt werden muss. Und die Frage ist: Wie? Es ist ungeheuerlich, einen negativen Bescheid zu lesen. Es ist auch ungeheuerlich, einen positiven zu lesen. Das Bewusstsein darüber, dass es sich immer um ein menschliches Schicksal handelt, macht einen gewaltigen Druck auf Geist und Psyche.“

„Die Richterin“ ist zweifelsfrei ein politischer, doch auch ein extrem feingesponnen doppelbödiger Roman. Gabrielle nämlich muss nicht nur beruflich Recht sprechen, sondern auch im Privaten nach dem Rechten sehen. Dort herumgeistern: Ein drogensüchtiger Bruder, der indirekt die Schuld am Tod von Gabrielles ungeborenem Kind trägt, und der sein eigenes nach dem Überdosistod der Freundin zur Adoption freigibt. Ein Vater, von dessen Pistole in der rechten Hand unklar bleibt, ob Selbstmord oder Mord. Ein Ehemann, Joe, dessen Leidenschaft inzwischen mehr Gabrielles Garderobe als ihr selbst gilt. Er schlüpfe in die Kleider, um seiner Frau nah zu sein, erklärt er. Einmal entwendet er ihren Talar als Kostüm für ein Gschnas.

Unterm analytisch-präzisen Blick, den die Kärtner Schriftstellerin mit ihrer Figur teilt, werden die dunklen Flecken dieser Seelen und ihrer Schattenkämpfe ausgeleuchtet. Überforderung, Übermüdung, Überarbeitet-Sein. „Sie erledigte stets alles sofort, nur nicht, was ihr selbst zu Leibe rückte“, so Mischkulnig über Gabrielle. Als dann ein Mail des Bruders, ausgerechnet aus Kabul, ein weißer Lieferwagen und ein vermeintlich Unbekannter auf der Bildschirmfläche erscheinen, geraten die Waagschalen, die Gabrielle sorgsam austariert in Händen hält, endgültig aus dem Gleichgewicht …

Screenshot: Der Standard vom 25. Mai 2018. Quelle: fairness-asyl.at

In Mischkulnigs Buch, das sich um jene Realität bekümmert, die für viele Menschen schicksalsbestimmende Entscheidungen bereithält, kann man Diveres ablesen über das Klima in diesem Land. Die Autorin entwirft ein unerbittliches Zeit-, ein Sittenbild soeben laufender Ereignisse. Sie verhandelt Grundsätzliches und hält sich mit schnellen Urteilen zurück. Ihr Schreiben ist die komplexe Summe ihres genauen Überprüfens und Reflektierens. Das Geschriebene hallt nach in einem, wenn sie „das österreichische Asylwesen“, als wär’s ein Lebewesen, als letztlich unüberwindbaren Hindernisparcours darstellt, und glücklich diejenigen, für die die Welt, in die sie beim Lesen eintauchen, eine Terra incognita ist.

Ist einem Gabrielle sympathisch? Jjjjnein! Doch so furios wie fulminant ist, wie Lydia Mischkulnig deren Assoziationsstrom von Kunst über „Kulturkreis“ bis Gericht, von Familie bis Verlust des Augenlichts bändigt. Man besucht das Akademietheater und wünscht sich in die Josefstadt, man diniert gediegen, doch jeder Bissen wird gleichsam zur Innenschau. Man diskutiert „Mentalität“ beim Sekt und zum Rotwein moralisches Dilemma: „Die wahre Perversion ist die politische Haltung der christlich-sozialen Partei gegenüber Menschen in Not.“ Jaja.

„Thomas Mann war als Exilant in Amerika willkommen, und als er sagte: Wo ich bin, ist deutsche Kultur, da hat die Welt applaudiert, sagte Gabrielle … Wenn ein afghanischer Schriftsteller heute sagte: Wo ich bin, ist afghanische Kultur, wäre das ein islamistischer Übergriff, den die Identitären begrüßen würden, um die Afghanen zum Teufel zu jagen, sagte Joe.“

Über die Autorin: Lydia Mischkulnig ist eine der spannendsten und unkonventionellsten literarischen Stimmen Österreichs. Geboren 1963 in Klagenfurt, lebt und arbeitet sie meist in Wien. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1996, dem Veza-Canetti-Preis und dem Johann-Beer-Literaturpreis – beide 2017. Bei Haymon erschienen bisher die Romane „Hollywood im Winter“, „Schwestern der Angst“, „Vom Gebrauch der Wünsche“ und der Erzählband „Die Paradiesmaschine“.

Haymon Verlag, Lydia Mischkulnig: „Die Richterin“, Roman, 269 Seiten.

www.haymonverlag.at           www.lydiamischkulnig.net           Die Autorin im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=0qZWP0VqGHc&t=1445s

LESETIPP: Textperlen in Asylverfahren: www.fairness-asyl.at/textperlen-im-asylverfahren

  1. 12. 2020

Landestheater NÖ: Der Zerrissene

März 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerald Votava spielt mit dem Publikum Nestroy

Schrieb auch die zusätzlichen Coupletstrophen: Gerald Votava mit Musiker Helmut Stippich. Bild: Alexi Pelkanos

Dass er auf der Bühne ebenso zu Hause ist, wie auf der Leinwand beweist Gerald Votava immer wieder gern. Nun spielt er am Landestheater Niederösterreich Nestroys „Der Zerrissene“. Die Posse vom fadisierten Millionär, der sich zwecks Nervenkitzel in eine Ehegeschichte und einen Raufhandel verstrickt, so dass er sich auf seinem Gut als vermeintlich „Kriminalischer“ verstecken muss – und dort die wahre Liebe findet.

Votava versteht sich auf ein augenzwinkerndes Spiel mit dem Publikum. Er gibt einen überspannten Herrn von Lips, der sich selbst zum Narren hält, changiert zwischen Süffisanz und Selbstzweifel, und weist darauf hin, dass hier einer in seinem Ennui nur Theater spielt, indem er die Sätze aus dem Nestroy’schen Schatzkästlein als das spricht, was sie längst geworden sind: Zitate. Nie lässt er dabei die Zuschauer aus seinem Blickfeld verschwinden, deren Einverständnis er für seine Taten einholt und die er sich beim Verwirrspiel zu Komplizen machen möchte.

Auch an den zusätzlichen Strophen zu den Couplets „Sich so zu verstell’n“ und „So gibt es halt allerhand Leut‘ auf der Welt“ hat Votava mitgetüftelt. Wie auch Regisseurin Sabine Derflinger, die die Aufführung tempo- und pointenreich inszeniert hat. Da wird eine Auseinandersetzung zwischen dem Herrn von Lips und Gluthammer zum Boxkampf in Zeitlupe und auch die berühmte „Gespensterszene“, in der die beiden sich als bereits Dahingeschiedene gegenüberzustehen glauben, zum Slapstick. Die Musik von Helmut Stippich hat Derflinger neben den Couplets zur Untermalung der Handlung wie in Stummfilmen eingesetzt.

Die vermeintlichen Freunde: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelkanos

Krautkopf versteckt Gluthammer: Haymon Maria Buttinger und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelkanos

Neben Votava spielen Tim Breyvogel, Tobias Artner und Stanislaus Dick die unangenehme Dreierbande Stifler, Sporner und Wixer. Cathrine Dumont ist eine geldgierige Madame Schleyer, Josephine Bloéb eine burschikose Kathi. Michael Scherff als rabiater Gluthammer und Haymon Maria Buttinger als Bauernphilosoph Krautkopf dominieren mit ihren Auftritten das Bühnengeschehen.

Die Produktion ist bis 17. 5. am Landestheater Niederösterreich zu sehen und gastiert am 4. und 5. 4. an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 3. 2018

Volkstheater: Zu ebener Erde und erster Stock

November 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Johann Nestroy?

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater ist derzeit alles g’schissen, weil überall Oarschlöcher sind, die einem sagen, man soll Gusch sein. Wappler. Da kann man gar ned so viel fressen, wie man speiben möcht‘ – und es ist auch wurscht, wer nachher slapstickig auf dieser Speibspur ausrutscht, weil am Ende steht eh der Brunzkübel zum Eineschiffen. Fäkaliendrama Werner Schwab? Geh‘ nein, „Zu ebener Erde und erster Stock“!

Die Posse als Punk. Und der Punk schlägt Purzelbaum. Und in diesem Sinne: Who killed Johann Nestroy? Susanne Lietzow inszenierte diese dramaturgische Autoerotik. Im Bühne-Interview schwärmte sie von Nestroys „Formulierwut“, seinem „mit einer unglaublichen Bildhaftigkeit gespickten Sprachwitz“. The king is gone, but not forgotten. Lietzow hat Nestroy den Nestroy runtergeräumt, und was bleibt, wenn man einen Sprachgewaltigen, einen Satzdrechsler, einen Witz-im-Magen-Umdreher seiner einzigen scharf geladenen, aber dennoch geschmeidigen Waffe beraubt? Nichts zu lachen. Wie aus dem Publikum zu hören.

Folgerichtig, dass die Regisseurin Nestroys Zitatenschatzkästlein als ebensolches behandelt, und Sätze wie den von der Nation-Resignation als Sinnsprüche aufsagen lässt, Josef Bierbichler hat in diesem Tonfall schon einmal einen „Wilhelm Tell“ gespielt. Im Zusammenhang inkonsequent, dass Hans Rauscher – und dies der Höhepunkt des Abends – für Diener Johann ein tagesaktuell zu änderndes Couplet getextet hat, in dem der österreichischen Innenpolitik ihre Grenzwertigkeit aufgezeigt wird – großartig geistreich im Sinne des Erfinders. Wer inszeniert einen Nestroy, in dem Hans Rauscher, bei aller gebotenen Verbeugung vor seinem Werk, der bessere Nestroy ist? Die Musik ist überhaupt das beste. Gilbert Handler, Paul Skrepek und Martin Zrost schrammeln als Garagenband, was das Zeug aushält. Wiener Lied, Free Jazz, Electro. Sie spielen auf zum Pflanztanz.

Und Sebastian Pass. Er rockt das Haus. Er zeigt mit seinem Diener Johann die wahre Wesensart des Nestroy’schen Gemütsmenschen, er ist der rechte „kleine Mann“, dem der Ungeist der Zeit den Katzbuckel stärkt. Er hat sich mit allen außer sich selbst entsolidarisiert. Der Wind der Geschichte weht wieder für ihn und trägt seine verqueren Wertevorstellungen mitten in die Gesellschaft. Wenn dieser Abend gegen Krisengewinnler aller Art aufzeigen will, dann in dieser Figur. In die Pause entlässt er mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“. Eine starke, die stärkste Leistung. Stefan Suske ist ein dazu passender Herr von Goldfuchs, ein Spekulant und Lobbyist, auch optisch ein Graf Ali, der mit Vogelgrippemasken handelt. Dies ist zwar nicht mehr ganz neu, hat aber Ablaufdatum 2016 und ist wichtig, weil schließlich die Armen am Virus verrecken. Trotz unvermuteten Vermögens. Wer draufgeht, sind immer die unten: Lietzows Zweiklassengroteske ohne Happy End. Die Fortuna, Kaspar Locher, ist ein goldbarrenfarbener Schweizer, das Glück kein Vogerl, sondern ein Spinner, die Schweiz ist ja historisch das Schicksal vieler Menschen.

Suske ist außerdem erfreulich wortdeutlich, selbst, so paradox es klingt, bei seinem lautmalerischen Raunzchanson. Teile des Ensembles, wiewohl mit exzellent viel Spielfreude bei der Sache, artikulieren so unverständlich, dass kaum ein Wort zu verstehen ist. Auch eher ungünstig bei einem Nestroy, und keine Einzelmeinung, der Zustand wurde rundum bemurmelt. Es könnte ein Akustikproblem sein, weil es beim Reden im Kobel, der das Erdgeschoss darstellt, besonders auffällt. Je mehr Schauspieler auf diesem engsten Raum sind, desto schlechter die Hörbarkeit. Diese überprüft man von verschiedenen Standpunkten im Saal während der Durchläufe. Zum Anschauen ist das Bühnenbild von Aurel Lenfert freilich fein, ein Wunderwerk der Statik, das die Verhältnisse verdeutlicht. Oben ein Prunksalon, unten eine enge Kammer mit Garage – für die Band. Das heißt: Prunk ist relativ. In den Kostümen von Marie-Luise Lichtenthal bewegen sich grausliche Clowns in einem grindigen Kartenhaus. Lietzow hat unter den Figuren keine Sympathie für niemanden, die Reichen sind sowieso … gleichgültig gegenüber dem Elend anderer, die Armen auch nicht edel, sondern ein Lumpenproletariat, und wären sie nicht gestorben, sie hätten die „schöne“ Wohnung sicher auch versifft.

Schlussapplaus für die Schauspieler, Jubel über die Musiker. Für die Regie gab’s teilweise ziemlich heftige Buhrufer. Wer zählt die Grabinschriften meiner Hoffnungen? Das ist ein Nestroy-Zitat.

www.volkstheater.at

Wien, 22. 11. 2015

Volkstheater: Der Marienthaler Dachs

September 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalzusammenstoß mit dem Zeigefinger

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Macht aus dem Staat Gurkensalat! Die Punkparole stand während der Schulzeit an der Fassade des alten Floridsdorfer Schnellbahnhofs. Doch in all den Jahrzehnten kein Aufstand, nur Apathie und Agonie, Zeit genug für die Reichs-Verweser die Vergurkung selbst zu besorgen. Da haben wir den Salat. So Ulf Schmidt. Der deutsche Dramatiker und Blogger schrieb mit „Der Marienthaler Dachs“ eine böse Parabel auf die Wirtschaft, die die oben angerichtet haben, und die denen unten auch keine Arbeit macht. Sehr frei nach Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel: Fin mit der Anz. In einer dörflichen Gemeinde, die rund um eine nunmehr marode Fabrik errichtet wurde, regiert der Da(x)chs. Der Da(x)chs sagt den Leuten, wo’s langgeht, das heißt: sein Medium orakelt Angst. Der Autokrat erschreckt die Allegorie. Das ist alles so symbolschwanger und bedeutungsträchtig, das musste irgendwann auf einer Bühne niederkommen. Jetzt hat’s am Volkstheater Volker Lösch für Schmidt besorgt.

Ach, diese entsetzliche Werklosigkeit. Lösch manövriert das Ensemble geschickt durch Schmidts Partitur. Sucht ein rettendes Ufer, wo der mäandernde Wortfluss keine Grenzen hat. Und erdet den Sukkus, nein, nicht den Riesenbärenklau, in einem Chor aus Wiener Arbeitslosen. Die Not Working Poor als Class Heroes des Abends. Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Arbeitgeber im Ringturm oder Mr. Anonym oder der Fast-Food-Clown werden enttarnt. Sie sagen Sätze von tiefer Wahrheit. Übers AMS und über die Vorstellung eines Gesprächs. Verbeamtetes Behördenphlegma. So authentisch kann Theater gar nicht sein, dass die Wirklichkeit nicht … Aber Autor und Regisseur geht’s ja nicht ums Echtheitszertifikat. „Der Marienthaler Dachs“ ist eine Narretei. Die der Volksbildungsbeauftragte Lösch zum Frontaltheater im besten Protestsinn macht. Eine epische Kasperliade. Na, da war ihm aber der Bert hold. Gut, dass sich der Zeigefinger beim Nasenbohren erholen konnte, er hätte sonst einen Krampf gekriegt.

Im Wir-tragen-unsere-Haut-zu-Markte-Rosa des Bühnenbilds von Carola Reuther sind nach Vorbild von Schmidts angedachter Installation die Positionen belegt: Der Dax-Balken des Mediums. Vater Staats Haushalt, in dem am Mittagstisch Mutter Konzern, Tochter Gesellschaft und Der kleine Mann sitzen. Die Wirtschaft vom Milchmädchen und dem Herrn Knecht. Der freie Markt-Platz, wo sich an Umschulungskathedern die Arbeitslosen mit alt, ergo wertlos Oma und Opa drängen. Die nutzlosen Vier besetzen/besitzen die Banken. Sie werden ihre Glatzenfratzen noch zeigen. Bürgermeister Dieter Oben und Polizeihauptmann Bleibrecht sorgen für Unrecht in der Unordnung. Dann Wahlqualtag: Neoliberalistin Siegrid aus Hagen oder ihr linkes Gegenprinzip Andi Arbeit? Jaha, den Wurschtl kann in Wien vielleicht kana darschlogn, aber den wieder- und wiedergängerischen Sozialismus? Der kleine Mann entpuppt sich. Als rechts-schaffen. Er wird selbst für sein Heil! sorgen.

Dass, wenn Figuren Prinzipe darstellen, wenig bis keine Rollenausgestaltung möglich ist, erklärt sich durch die Sachlage. Einmal Petzi, immer Seppl. Doch unter Löschs Anleitung gelingt dem Ensemble Erstaunliches. Allen voran Off-Grande-Dame Lilly Prohaska, die als Oma Gustav die Truppe dominiert. Sie umhüllt das Gerüst mit Charakter. Sie ist wie stets prägnant und stimmsicher. Von großer Deutlichkeit in Spiel und Sprache. Ihr zur Seite steht Haymon Maria Buttinger als Opa Rosemarie mit Kommunistenkapperl gewohnt souverän, wie überhaupt das Zusammenspiel, die  Zusammenführung gut funktioniert, siehe Günter Franzmeier als immermüder Vater Staat und Claudia Sabitzer als nimmermüde Mutter Konzern. Hausgast Martin Schwanda ist als Bürgermeister in Onkel Wolfs Oktoberfestchic unterwegs (Kostüme: Teresa Grosser), kann wie alle Dieter Oben viel reden, wenig sagen, gleichzeitig buckeln und peitschen. Schwanda ist immer ein Gewinn. Eine sichere Bank, sozusagen. Kaspar Locher ist als Bleibrecht uniform treu in jedem Regime. Auch der schrillen, schnellen Siegrid von Steffi Krautz. Sie will sch(l)ussendlich neotürlich keine Verantwortung fürs Volk übernehmen. Aufstacheln, anschaffen, ausklinken. Jan Thümer ist als Andi Arbeit ein in Existenzialistenleder gewandet Wandelnder, ein den Gemeinschaftssinn anrufender Rufer in der Wüste. Der unverkannte Messias als Philosoph mit ungeföhnter Precht-Matte, Richard David ist gemeint, kein Tippfehler. Evi Kehrstephan stellt die wundersame Milchmädchen-Rechnung auf, dass, wenn nur genug Zettel mit Zahlen beschrieben werden … Geld ist nur Papier.

Nun also die Zitate: „“Glauben Sie, jemand im Ort würde Gemüse in einem Fonds investieren“ – „Wollen Sie Geld herausschlagen aus mir?“ – „Dieter Oben soll uns erhalten.“ – „Wo ist denn die Börse?“ – „Ich bin nicht an die Börse gegangen.“ Das Leben ist eine Wirtschaftsprüfung. Nach der Rattenzahlung bleibt einem zum Über-Leben nur die Frust-Ration. Das ist so unsexy, dass keiner mehr Lust auf eine Handels-Beziehung hat. Der Sprachwitz kalauert an jeder Ecke. Allein, nachdem alle Stellung bezogen haben, hat niemand was Neues zu sagen. Nach der Pause geht dem geschmeidigen Gesinnungsstück der Schmäh aus. Dreieinhalb Stunden freie Assoziation zum Thema Arbeit. In der Publikumsbatterie neigt sich der Energiepegel Richtung Ausgang. Dann, als man glaubt, es geht nichts mehr, lässt Lösch seine Statementstimmen einen Werte-Kanon anstimmen. Ein Ideologiequodlibet, in dem es von Flüchtlingen bis zu den Freiheitlichen um endlich eigentlich eh alles geht. Wahlzahltag für Wiederholungstäter: Und für jene unter unseren Zuschauern, die es bis hierher nicht verstanden haben, nun also noch einmal von vorne … Da wäre man, weil ja Einserschüler, gern schon turnbefreit gewesen. Arbeit ist ein Menschenrecht. Aber wenn man sich für die Ärsche den Arsch aufreißt, hat man dann eben den Arsch offen. Man muss also das Arschsystem je nach Temperament ändern/stürzen, um Arbeit für alle zu schaffen und die Arschlöcherei zu beenden. Richtig so? Richtig so.

Im Oktober geht’s am Volkstheater unter anderem weiter mit Thomas Bernhard und Peter Handke. Des Programmatischen ist genug gewesen, nun lasst uns endlich Stücke sehen.

www.volkstheater.at

Blog von Ulf Schmidt: www.postdramatiker.de

Jan Thümer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14810

Wien, 26. 9. 2015

Alfred Komarek im Gespräch über „Alt, aber Polt“

September 10, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Noch einmal tut er sich die Schinderei nicht an

KOMAREK Alfred, SchtritstellerAm 10. September erscheint im Haymon-Verlag Alfred Komareks neuester Polt-Roman „Alt, aber Polt“. Der letzte der Reihe, wie der Autor betont. Der ehemalige Gendarmerieinspektor ist zwar schon im Ruhestand, aber deswegen keineswegs aus der Welt. Aus seiner Weinviertler Kellergassen-Welt, um genau zu sein, denn Polt ist jetzt selber unter die Weinbauern gegangen. Jeden ersten Sonntag im Monat lädt er zum geselligen Beisammensein in sein Presshaus. Dort plaudert er mit seinen Altersgenossen aus dem Dorf über den Wein und das Leben, verkostet das ein oder andere Achterl und trauert der guten alten Zeit nach. Nach einem dieser Sonntagstreffen wird der nächtliche Heimweg durch die Kellergasse unvermutet zu einem Schauspiel, das Polt gleichermaßen fasziniert und bedrückt. Als er tags darauf vom schrecklichen Ausgang dieses Spiel erfährt, steht er vor einem Rätsel, dessen Lösung er sich eigentlich nicht mehr zutraut. Aber Polt bleibt eben Polt: ein leidenschaftlicher Verteidiger der Gerechtigkeit, nicht zwangsläufig des Gesetzes – auch dann noch, wenn es wehtut und zum Fürchten ist … Eine Verfilmung des Buches von Julian Pölsler mit Erwin Steinhauer ist schon in Planung. Alfred Komarek im Gespräch:

MM: Die wichtigste Frage, da ja von einer Verfilmung auszugehen ist: Weiß Erwin Steinhauer schon, dass Sie ihm wieder einen Kater an den Leib geschrieben haben?

Alfred Komarek: Das weiß er und er ist sehr erfreut, weil der Grammel im Vergleich zum Czernohorsky ja ein kleiner Kater ist. (Er lacht.) Ja, es stimmt, der Film ist in Vorbereitung, das Drehbuch fertig. Regisseur Julian Pölsler und Erwin Steinhauer würden gerne im November schon drehen. Es gibt demnächst ein Gespräch mit dem ORF, ob das schon so schnell gehen wird.

MM: Das ist nun Ihr siebenter Polt-Band. Sie kommen wohl von einander nicht los?

Komarek: Obwohl wir es immer wieder versuchen! Wir wollten uns nach dem vierten Band eigentlich trennen, aber es gelingt uns nicht. Ich hatte nicht vor, weiter zu tun, aber der Polt ist so lebendig, der wohnt ja in Untermiete in meinem Hinterkopf. Und so hat er sich eines Tages, nach fünf Jahren Pause, wieder gemeldet und gefragt: Was ist, kann ich wegschauen, wenn im Dorf etwas passiert oder kann ich das nicht? So musste ich ihm Antwort geben – und es hat sich herausgestellt, er kann nicht.

MM: Polt ist jetzt 70. Warum darf er nicht alterslos sein wie viele seiner Ermittlerkollegen?

Komarek: Das geht nicht, weil auch die Gegend altern. Die Polt-Geschichten erstrecken sich mittlerweile über zwei Jahrzehnte, das Wiesbachtal und seine Dörfer haben sich in der Zeit grundlegend geändert, da pickt an Vielem die Jahreszahl, daher auch an den Figuren. Ich wollte nie einen Seriencharakter schreiben, sondern über einen Gendarmen in einem realen Lebensraum. Die Spannung im „Polt“ entsteht ja nicht aus Taten und Gewaltszenen, es passiert ja Null bis wenig, sondern aus der Anteilnahme an den vorkommenden Figuren. Wenn die nicht realistisch altern, wenn alles ewig gleich ist, dann ist das nicht spannend.

MM: Komarek und Polt, die „Rolling Stones“ der Literatur. Immer wieder geben sie die allerletzte Tournee 😉

Komarek: Also, im Gegensatz zu den Rolling Stones, höre ich jetzt definitiv auf. Auch, wenn’s weh tut. Und der Polt hört auch gern auf. Er hat ja diesmal schon widerwillig und nur aus Pflichtgefühl mit der Polizei gearbeitet. Weil es ihm nahe ging, dass da ein Mädchen gestorben ist und so viele dran Schuld sind. Er hat ja ein starkes dörfliches Bewusstsein und Gewissen, das hat ihn diesmal noch dazu gezwungen weiter zu tun. Aber jetzt ist’s Aus. Polt will endgültig mit Untaten aller Art nichts mehr zu tun haben, und ich tu mir die Schinderei auch nicht mehr an.

MM: Durch die Polt-Bücher weht traditionell die Melancholie. Dieses hier erscheint aber noch resignativer in seiner Sicht auf den Menschen. Eine Alterserscheinung?

Komarek: Was mich betrifft nicht. Ich habe die neuen Figuren, den Walter Grabherr, die Schauspielerin Mira Martell, den Ingenieur Seidl als unsympathisch bis mäßig sympathisch begonnen und sie sind mir immer netter geraten. Das zeigt doch, dass ich an das Gute im Menschen glaube. Das habe ich schon als Jurist. Der grauslichste Täter hat etwas Liebenswertes, und wenn’s ein zärtliches Hobby ist. Aber durch Polts Augen gesehen, ist schmerzhaft klar, dass seine Welt ein Auslaufmodell ist. Etliche seiner Weggefährten gibt es ja nicht mehr.

MM: Das bringen Sie diesmal in vielen Motiven ein: Die Moderne hält Einzug im Weinviertel. Und das sehen Sie als Wahl-Weinviertler auch in der Realität mit gemischten Gefühlen. Sind Sie ein Weinviertler im Widerstand?

Komarek: In gewisser Hinsicht ganz bestimmt. Ein Beispiel: Jetzt haben sie einen Polt-Wanderweg erfunden und wollten den mit einem hässlichen Prospekt mit irgendwelchen aufdringlichen Marketingmethoden bewerben. Da habe ich Nein gesagt, da spiele ich nicht mit. Also ist aus dem Prospekt ein liebes kleines Büchl geworden, das ich leider gratis schreiben hab’ müssen. Der einzige Komarek, den man nicht kaufen muss. Ein Begleiter für Wanderer und Radfahrer, bei dem man was über die Region und die Leut’, die da wohnen, erfährt. Mit Buchzitaten und Filmfotos. (Zu bestellen über info@pulkautal.at , Anm.)

MM: Apropos, Leut’: Zu denen gehört diesmal auch die Gruftie-Szene?

Komarek: Ich habe noch bei keinem Polt was draufgeschraubt, was es nicht gibt. Mir ist eine Gruftine zugelaufen, also habe ich recherchiert. Und tatsächlich einen Beinahe-Mord auf dem Friedhof entdeckt. Dazu habe ich meine Pulkautaler Vertrauensjugendlichen befragt, die haben gesagt, ja, so was, wie du schreiben willst, ist schon möglich bei uns. So kam’s also zur Gruftie-Szene in einem Polt-Roman. Mich hat dieses Jugendthema sehr berührt. Dieser Gruppendruck, dieses Außenseiterdasein des ermordeten Mädchens. Wer nicht dazu gehört, ist ein lebender Toter, sagt eine der Figuren. Ich bin der Bad-Ausseer-Lehrersohn, ich stand immer zwei Schritte außerhalb der Gruppe, ich kann mir dazu einiges denken. Heute sage ich, für einen Schriftsteller ist die Position ideal.

MM: Sie schreiben nicht nur Polt-Romane …

Komarek: Zuletzt habe ich mit János Kalmár ein Buch über „Schräge Vögel“ von Bodo Hell über Daniel Spoerri bis Otto Lechner, über faszinierend andere Lebensentwürfe gemacht. Zwei darin liegen mir besonders am Herzen: Marika Reichhold, die Frau Franzi, und die Clownin Martha Labil. Das ist das Schönste an meinem Beruf: Ich habe mit einer Arbeit dreizehn neue Freunde gewonnen. (Mehr dazu: www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/schrage-vogel-faszinierende-lebensentwurfe-679 , Anm.) Schade ist, dass es die Reisegeschichten, die ich früher für Zeitungen geschrieben habe, nicht mehr gibt. Ich wollte immer, dass die Leser nach einer Lektüre sagen, da kenn’ ich mich jetzt aus, da bin ich jetzt so gut wie Zuhause. Das was jetzt verlangt wird, mit Must-Sees und Do-Nots, ist nix für mich.

Buchrezension „Alt, aber Polt“: www.mottingers-meinung.at/?p=14662

www.alfred-komarek.at

Wien, 10. 9. 2015