National Theatre online: Frankenstein

Mai 3, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Benedict Cumberbatch brilliert als Monster wie Victor

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller spielen alternierend das Monster und dessen Schöpfer Victor Frankenstein. Bild: Clare Nicholson

Etwas wahrhaft Einmaliges bietet das Londoner National Theatre nun im kostenlosen Stream an: Mary Shelleys „Frankenstein“, für die Bühne adaptiert von Nick Dean, inszeniert vom als Filmemacher bekannten Danny Boyle – mit Superstar Benedict Cumberbatch und Boyles „Trainspotting“- Longtime-Companion Jonny Lee Miller in den Hauptrollen. Und dies alternierend! Zu sehen bis 8. Mai auf ntlive.nationaltheatre.org.uk.

Die Inszenierung ist mit einem Wort brillant. Boyle und Dean konzentrieren sich auf das Opfer der Wissenschaft, heißt: das „Monster“, erst nach mehr als der Hälfte der zweistündigen Spielzeit hat Victor Frankenstein seinen Auftritt, und entstanden ist so ein intensiver, intelligenter, von humanistischem Denken durchtränkter Abend. Eigentlich zwei, denn es lohnt, beide Versionen anzuschauen, da beide Darsteller doch differente Auffassungen der Schöpfung und ihres obsessiven Schöpfers verkörpern. Ihre Performances zu vergleichen, ist ein unvergleichliches Theatervergnügen.

Durch die schauspielerische Dopplung wird die Charakterspiegelung umso deutlicher, wird einer umso deutlicher des anderen Alter Ego, sehr heutig mutet diese Furcht vor dem Fremden und dem Unverständlichen an, auf das ergo Jagd gemacht werden muss, aber auch Mary Shelleys Aufbegehren gegen ungerechte sozial-gesellschaftliche Strukturen findet seinen modernen Widerhall. Wer jedoch, to cut a long story short, nur für eine Aufführung Zeit findet, sollte Miller als Kreatur und Cumberbatch als Victor wählen.

Das Setting, das Ausstatter Mark Tildesley und Lichtdesigner Bruno Poet, nomen est omen, entworfen haben, ist atemberaubend. Unterm rotglimmenden und elektrische Blitze aussendenden Sternenzelt wird unter Schmerzen die Kreatur geboren, als künstliche Gebärmutter steht eine riesige Hautmembran auf der blutig beleuchteten Bühne, darin pulst und bewegt es sich, bis es herausfällt – das Neugeborene, ecce homo, nackt und erbarmungswürdig, zappelnd wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Und der Schöpfer? Kein liebevoller Vater, sondern einer, der’s mit der Angst kriegt und seinen Schutzbefohlenen verstößt, direkt vor die Eisenbahn, auf deren dampfender Lokomotive Danny Boyles liebste Brit-Band Underworld, Karl Hyde und Rick Smith, nun angebraust kommt, als wär‘ das Industriezeitalter aller Laster Anfang. Mit „Dawn of Eden“ (www.youtube.com/watch?v=LLbbWlTgS4w) untermalt diese musikalisch, wie die Kreatur aufsteht, herumstolpert, sich an der Natur erfreut und ihr ausgeliefert ist, der eigenen wie Spatzenschwarm und Regenguss, verprügelt und halb verhungert, bis sie ein Buch findet, 〈Mary Shelleys?〉, und kichernd die Seiten rascheln lässt.

Miller wie Cumberbatch leisten körperliche Schwerstarbeit, die Performance aus sabberndem Grunzen und spastischen Gesten im Bildschirm-Closeup in ihren feinsten Nuancen zu würdigen, sehr symbolisch ist, was passiert – und in cineastischem Sinne sinnlich. Cumberbatchs Kreatur besitzt Humor wie Pathos: Sein Eintritt in die Welt ist ein hilfloses Hineinwackeln ins Land kindlicher Neugier; unter De Laceys Fittichen wird er zum Schüler – Karl Johnsohn auch als verarmter, vom Großbürger zum Altbauern gewordener Blinder ein King Lear.

Und wunderbar tragikomisch ist, wie der Lehrmeister seines Pflegesohns „Piss off! Bugger off!- denn etwas anderes hatte der zuvor nie gehört -Wortschatz erweitert. „Someone will love you, whoever you are. Love can overcome prejudice“, sagt De Lacey, der des Monsters Zurichtung freilich nur ertasten kann, und dieses erwidert erstaunt: „What is love?“ Da hat das Live-Publikum gut lachen, bei den Dialogen zwischen dem zaghaften Erkunder seiner Existenz und dem Philosophen, der weniger an Gott, denn an Verstand und Vernunft glaubt.

Benedict Cumberbatch und Haydon Downing. Bild: Catherine Ashmore

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Episch ist’s, wie Cumberbatch John Miltons „Paradise Lost“ rezitiert, und ergreifend, wie er die Friedhofserde als seinen Ursprungsort erkennt, entsetzlich, als er empört über seine neuerliche Vertreibung durch De Laceys Sohn Keusche samt Bewohnern niederbrennt. „I sweep to my revenge,“ diesen Satz schreit auch Jonny Lee Miller, doch seine Kreatur ist ungleich animalischer, auf eine gewisse Art männlicher, also gefährlicher, die Stimme rauer, tiefer, lauter, also aggressiver. Dass das Monster an Ella Smiths „Gretel‘s“ Schoß schnüffelt, hatte man bei Cumberbatch gar nicht bemerkt, auch nicht, dass es der Dirne den Schnaps aus der Hand nimmt, trinkt, spuckt.

Und auch die Tanzillusion von Andreea Paduraru als Female Creature wird durch Millers Reaktion zum eindeutig sexuell konnotierten Traum. Dazu passt nun neckisch De Laceys „Was it a good dream?“ – „It was pleasing!“, doch grauenhaft klar wird erst bei diesem zweiten Mal Sehen, dass Eva hier bereits ihr Ende andeutet. Wirkt Cumberbatch wie ein naiv Wissbegieriger, so Miller als ein verzweifelt Suchender, wo der eine schüchtern nachhakt, muss der andere vehement widersprechen. Mit Miller mutet die Inszenierung insgesamt gewalttätiger an, gegen Miller ist das Cumberbatch-Monster ein Elegiebürscherl, welch ein Paradebeispiel dafür, wie ein Protagonist das große Ganze prägt.

Wenn Millers Monster Frankensteins kleinen Bruder William auf seine Schultern hebt, bangt man in der Minute um dessen Leben. Bei Cumberbatch gehört die Schuld dafür, da ja zum Mord getrieben, letztlich Victor. Und als die Kreatur Victors Braut vergewaltigt, bevor sie sie tötet, ist es, als würde sie lediglich die dunklen, unterdrückten Wünsche ihres Schöpfers erfüllen. Jonny Lee Miller ist ein obsessiv-eisiger Wissenschaftler, der sein Werk vor die Liebe stellt, denn auch er kennt deren wahre Bedeutung nicht, sein Frankenstein ganz Herrenmensch, selbstgerecht und frauenverachtend, nur George Harris als sein Vater ist noch herrischer als er.

Nach der Panik in der Anfangssequenz platzt er nun vor Stolz auf sein großes Experiment, dies Ausdruck seines großen Geistes, und wird von Cumberbatchs Kreatur darob als „genius“ verspottet. Auf Millers überraschtes „It speaks!“ schleudert diese ihm ihre tiefe Verachtung entgegen – warum sie gemacht wurde? „To prove that I could!“ – „So you make sport with my life?“ – „In the cause of science!“ Und wieder Paradise Lost, und Cumberbatch sagt: „God was proud of Adam, but it’s Satan I sympathize with.“ Wie aus der natürlichen Veranlagung zum Guten durch gesellschaftliche Deformation Böses entsteht, wow! Nick Dean!

Der in der Figur von Frankensteins Dauerverlobter Elizabeth auch Mary Shelleys feministischer Kritik an der männlichen Usurpation des Gottesbegriffs zu ihrem Recht verhilft. Millers Frankenstein, der Egomane mit dem Gottkomplex, wird also in dieser Auseinandersetzung dank des Monsters Logik an die Wand argumentiert, die Szene das Herzstück der Aufführung, da begegnen sich zwei Ebenbürtige auf Augenhöhe, sowohl was die Charaktere als auch deren Darsteller betrifft. Und über allem steht Danny Boyles Frage zu Deans von Glaubensfragen durchzogenem Text – nämlich, wer das Monster ist, wer abstoßend, wer ekelerregend.

Beider Hybris ist herausragend, was Wunder, dass sie einen Pakt schließen, was Wunder, dass einer des anderen darling – und beide Male ist sie Frankensteins Braut – killen wird. Mary Shelleys zweiten Romantitel „The Modern Prometheus“ bedient Cumberbatch, indem er aus diesem eine Lord-Byron’sche Figur macht. Sein Frankenstein ist ein nobleman mit jungenhaftem Charme, gleichzeitig ein in sich und seine wissenschaftlichen Theorien versponnener Forscher, subtiler im Gift und Galle Spucken, enthusiasmiert und hibbelig, sobald das neue Projekt der Leichenteil-Braut ansteht.

Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Karl Johnson und Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Underworld mit Ensemble. Bild: Catherine Ashmore

In beiden Rollen verhalten sich die Proportionen Millers zu Cumberbatchs wie eine archaische Religion zur reformierten Kirche, ist Millers Monster verstörender und einen emotional angreifender, so Cumberbatchs Frankenstein ein Künstler. Schock und Spaß sitzen nun an anderer Stelle, die Schlüsselszene ist jetzt die Präsentation der weiblichen Kreatur, ob der der grüblerische Schöpfergott und sein entfesselter Satan rasch zu Rivalen im Wettstreit ums ewige Weib werden.

Der Januskopf im Auge-um-Auge-Kampf, da hat auch Cumberbatchs „Mein Herz schlägt wie deines“-Griff an Elizabeths Busen nichts Harmloses mehr, weil sich Miller danach in den Schritt greift. The Erbsünde-apple is eaten, um’s Denglisch zu formulieren, he will harm her, und fabelhaft ist, wie sich die Mit- auf vier verschiedene Hauptakteure eingelassen haben. Allen voran Naomie Harris als Elizabeth, die dem Monster als gute Christin mit Mitgefühl begegnet und dafür dessen Rechnung mit Frankenstein bezahlt, ihre Schändung zweifellos der affektive Höhepunkt in deren Ringen, sein zu wollen, wer man ist und wer einen daran hindert.

Harris verleiht Elizabeth große Tiefe und harmoniert mit Miller wie Cumberbatch hervorragend, keineswegs unterwürfig konfrontiert sie ihren Endlich!-Ehemann mit der Klage, warum er ein künstliches Kind, statt eines so sehnlich gewünschten mit ihr erschaffen hat, eine Szene voll aufgestauten Leids und Leidenschaften. Den düsteren leeren Raum mit seiner ahnungsvollen Atmosphäre durchbricht Boyle mit kleinen skurrilen Momenten, wie’s nur die Briten können.

Mark Armstrong als Rab und John Stahl als dessen Onkel Ewan sind kauzige Grabräuber, die beim Buddeln unbeschwert in originellem Orcadian-Dialekt schwatzen, darin Hamlets Totengräbern nicht unähnlich, ebenso wie Ella Smith sowohl als des Monsters Prostituierte Gretel als auch als Frankensteins Bedienstete Clarice eine Falstaff-Frau ist. Hayden Downing ist als William Typ wohlerzogener Spitzbub.

Fazit: Cumberbatch und Miller brillieren in allen Facetten von Wahnsinn, ist des ersteren Kreatur ein sensibler Intellektueller, überzeugt Miller mit Gefühl und Furor. Kann Cumberbatch auch das lächerlich Selbstverliebte in Frankenstein zum Vorschein bringen, so Miller dessen irritierende Skrupellosigkeit. Der Rollentausch hebt die Ironie des Gezeigten hervor, wie schnell sich in der Welt doch der Platz von Herr und Sklave drehen, und am Ende … bleiben beide für immer Verbundene. Hier im ewigen Eis. Eine Warnung für zartbesaitete Gemüter: Bei der Brautkammerszene wäre ich vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Und das zweimal, nein!, eigentlich: viermal.

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch als Monster, bis 7. Mai: www.youtube.com/watch?v=tl8jxNrtceQ&feature=youtu.be

Cumberbatch als Victor Frankenstein, bis 8. Mai: www.youtube.com/watch?v=dI88grIRAnY&feature=youtu.be

www.nationaltheatre.org.uk           ntlive.nationaltheatre.org.uk

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DmkQHV8e4Rk          www.youtube.com/watch?v=XKNNZKAu12g            www.youtube.com/watch?v=9NPlf4CEExU           www.youtube.com/watch?v=psAtbHDdaOU&t=23s

Benedict Cumberbatch, Jonny Lee Miller, Danny Boyle und Nick Dear im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=wanlO8fb1co           www.youtube.com/watch?v=E67Ty4diDgE           www.youtube.com/watch?v=8yUMbxSTWqg

3.5. 2020

A Good American

März 16, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Whistleblower sagt, er hätte 9/11 verhindern können

Bill Binney. Bild: A Good American

Bill Binney. Bild: A Good American

Sympathisch ist das alles nicht. Daran können auch die eingestreuselten Bilder von Waldvögeleins und Eichhörnchen nichts ändern. Da sitzt ein Mann im Rollstuhl und ist ein echter Patriot. Ein US-Patriot, wohlgemerkt. Er sagt Sätze wie „Bitte nie um Erlaubnis, sondern um Vergebung, wenn du musst.“

Und erklärt, er hätte die Privatsphäre jedes amerikanischen Bürgers geschützt. Über andere – kein Wort. Die Welt ist ein Dorf, wenn man auf ihrer richtigen Seite sitzt. Bill Binney war einmal das Mastermind des NSA. Ein Analyst, ein genialer Crypto-Mathematiker und Code-Breaker, ein Algorithmenmagier. Ein Spion. Das Pfui-Wort kommt natürlich nicht vor in der Filmdokumentation des Oberösterreichers Friedrich Moser mit dem Titel „A Good American“. Sie ist ab 18. März in den heimischen Kinos zu sehen. Und ihr großes Verdienst ist es, einen inside Geheimdienst schauen zu lassen. Man erfährt Haarsträubendes über die Eigenmächtigkeiten der NSA, über Splittergruppen innerhalb der Agency, und wie sie die politisch Verantwortlichen blöd aus der Wäsche schauen lassen. Während eine fröhliche und vor allem finanzstarke Packelei mit Privatfirmen über unser aller Sicherheit wacht. Oder: uns alle sicher überwacht. „A Good American“ ist ein aufschlussreicher Film, auch wenn man seine Schlussfolgerungen nicht teilen mag. Die Doku ist Politthriller und Psychogramm eines Whistleblowers. Denn vieles, was Binney und seine Kampfgefährten von sich geben, ist selbstentlarvend. Moser bleibt den ganzen Film über angenehm zurückgelehnt; er stellt dar, er wertet nicht. Und er wertet nicht aus.

Was ohnedies Binneys Aufgabe war und ist. Der Problemlöser von Staatsgnaden hat jetzt die eigene Regierung im Nacken. Sorry, liebe Sam Adams Associates for Integrity in Intelligence, aber sympathisch ist das alles nicht. Bill Binney ist ein kalter Krieger, den „Sowjets“ seit dem Prager Frühling auf den Fersen. Ein Beispiel für amerikanisches Wissen und Nichtstun von der Tet-Offensive über Afghanistan, einem Konflikt, den man erfolgreich den Russen vererbt hat, bis zu 9/11. Binney sagt, niemand wollte von ihm etwas hören, über den „Kameltreiber, der in der Wüste mit dem Koran rumfuchtelt“. Dabei hätte er den Anschlag auf das World Trade Center verhindern können. Die gewissermaßen Gegenseite Binneys kommt nicht zu Wort. Michael Hayden, Maureen Baginski, etc. hätten auf Interviewanfragen nicht geantwortet, heißt es. Doch auch mögliche andere Quellen außerhalb des inneren Kreises des Protagonisten, Gespräche abseits derer mit Ed Loomis, Kirk Wiebe oder Diane Roark, hätten dieser Doku Gewicht verliehen. So bleibt … es zu glauben …? Bill Binney entpuppt sich als aus dem selben Holz geschnitzt, wie der Staat, der den nunmehrigen Whistleblower verfolgt. Er sieht sich als erster Weltenwächter und gleichzeitig als erstes Opfer von eigentlich eh allen. Das in seiner Paranoia gleichgeschaltete Hollywood beweist ja nicht umsonst monatlich, dass sämtliche Schurken dieser Erde ausschließlich dem US-Präsidenten ans Leben wollen.

„Einer der Hauptgründe, warum wir in Kriege schlittern sind Fehler der Regierenden. Weil sie entweder falsch oder gar nicht informiert sind“, sagt Binney. Für diese Informationen wollte er sorgen. Mit einem Datensammlungs- und Analysesystem namens ThinThread wollte der Mann mit dem ausgewiesenen bullshit-Radar die Bösewichte in den Kommunikationsnetzwerken finden. Heißt: In beinah Echtzeit die gesamte kommunizierende Bevölkerung überwachen, zweieinhalb Milliarden Telefonanschlüsse, in denen Muster menschlichen Verhaltens untersucht und interpretiert hätten werden sollen. Aber keine Angst, so die Doku, alles nur eine Metadatenanalyse. Es sei nicht um Inhalte, sondern um Vernetzungen gegangenen, also wer mit wem, aber nicht worüber. Man hätte nur das Muster, den Fingerabdruck des digitalen Verhaltens von Verdächtigen gesucht. Die „Unschuldigen“ wären weggefiltert worden, für die Aufdeckung von Identitäten hätte es einer richterlichen Verfügung bedurft. Schöne neue Welt. Das kann man … glauben …? Dass Binney in der Agency „großer Satan“ genannt wurde, hatte nichts mit ethischen Bedenken zu tun, sondern damit, dass die Kollegen befürchteten, ihre Schnüfflerjobs an eine Maschine zu verlieren.

Mag sein, dass für den Strukturensucher Binney das Individuum nur ein Punkt auf einer Zeitlinie ist. SMS, Mail, ein Anruf, Kreditkartengebrauch, jede Handlung nur ein Punkt auf einer Zeitlinie. Nachvollziehbar, verfolgbar, bis ins Privateste. Den Reinen ist alles rein, steht in der Bibel. Und Binney ist zweifellos überzeugt von der Reinheit und Schönheit von Zahlen. Atemlos liest man die weltweiten Rezensionen dieser Doku, wenn einem selbst die Begeisterung fürs Ausgeforschtwerden durch Geheimdienste und andere demokratiepolitisch hirntote Illuminaten fehlt. „Als alle begannen, über die böse NSA herzuziehen, mit dem Finger auf sie zu zeigen und die Amerikaner auszubuhen, sagte ich mir – Moment einmal, ganz so einfach ist das sicher nicht! Als ich 1988 meinen Militärdienst leistete und wir die Rote Armee an unseren Grenzen hatten, waren wir da nicht alle froh gewesen, dass die NSA in unseren Horchposten saß und die Sowjets ausspähte?“, heißt es im Regiestatement von Friedrich Moser. Es ist ein weiterer Verdienst seines Films, der sich in weiten Teilen mit einem Computerprogramm und dessen Funktionsweise befasst, diese technischen Prozesse anschaulich und unter weitgehendem Verzicht auf den Fachjargon darzustellen.

Es kam, man weiß es, anders. Es kam das teure Trailblazer-Programm. An dem sich, so wird im Film argumentiert und Maureen Baginski mit dem Satz „9/11 ist ein Geschenk an die NSA“ zitiert, wieder etliche bereichern konnten. Trailblazer, das Schlüsselwörtersystem, öffnete alle Schleusen zur Speicherung und Totalüberwachung. Das Ausmaß ist größer als je gedacht, weiß man seit Edward Snowden. 2007 stürmte eine Gruppe von bewaffneten FBI-Agenten Binneys Wohnung; er berichtet, dass „die NSA und das FBI damals Anklagepunkte gegen meine Kollegen und mich fingierten, sodass sie einen Haftbefehl bekamen.“ ThinTread wird in der Doku als von der NSA vernichtet bezeichnet. Binney sagte als erster Zeuge vor dem deutschen NSA-Untersuchungsausschuss aus. Der Saulus als Paulus. Moser sagt, für ihn sei „A Good American“ in erster Linie ein Film über Moral. Eine dänische Filmzeitschrift schreibt: „The message is scary: NSA monitors to make money – not to protect.“ Über die Moral von der Geschichte sagt „A Good American“ aber nichts – weder aus dem einen, noch aus dem anderen Grund, überwacht werden mag ich nicht.

www.agoodamerican.org

Wien, 16. 3. 2016