TAG: Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik

November 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amüsante Misere der Medienmenschen

Jens Claßen, Lisa Schrammel, Monika Klengel und Georg Schubert. Bild: Anna Stöcher

Die politische Utopie ist tot, die untote Vergangenheit lebt. Auf diesen Punkt bringt am Ende einer der Protagonisten die Situation der Nation, wenn nicht der Welt, und es wäre ein allzu deprimierendes, wäre man nicht zuvor zwei Stunden lang im TAG gesessen. Dort hat sich einmal mehr Ed. Hauswirth mit seinem Grazer Theater im Bahnhof unters Wiener Ensemble gemischt.

Diesmal mit dem Ansinnen entlang Boccaccios „Il Decamerone“ eine aberwitzige Farce über die heimische Politik- und Medienlandschaft zu entwickeln. Ja, „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ befasst sich tatsächlich mit dem Journalismus. Da fühlt man sich ein wenig auf den Nabel geschaut, schon TAG-Chef Gernot Plass‘ Aufsatz auf dem Programmzettel kann man gleichsam nur schuldbewusst abnicken – als selbsternannte Meinungsmacherin, und wenn man im vollen Zuschauerraum diejenige ist, die an diversen Stellen am lautesten lacht, dann wegen: naja, Auskennerin eben. Wie immer haben Hauswirth und Team den Text nach geführten Interviews entwickelt, und da müssen einige Kolleginnen und Kollegen niedergeschmettert von der eigenen Branche aus dem Nähkästchen geplaudert haben, so absurd, so traurig, aber wahr ist der Abend, der daraus entstanden ist.

An diesem versammeln sich acht „publizierende Persönlichkeiten“ in einer Mäzenatenvilla am Semmering, das macht man seit ewig so, zum Ausspannen vom harten Kampf um die Aktualität, diesmal allerdings scheint die Zusammenkunft mit einer biedermeierlichen Realitätsflucht zu tun zu haben. Handys werden weggesperrt, Cocktails gemixt, die Frauen gehen joggen, die Männer kochen, über der von Johanna Hierzegger sparsam gestalteten Spielfläche kann das Publikum auf zwei Monitoren verfolgen, was drinnen in den Zimmern und draußen in der Natur vor sich geht. Die Laune ist zunächst bestens, die Musik laut, dazu wird sich zum Wettnageln nackig gemacht.

Raphael Nicholas und Beatrix Brunschko. Bild: Anna Stöcher

Beatrix Brunschko und Lorenz Kabas. Bild: Anna Stöcher

Doch man hat eben über die Jahre miteinander nicht nur geflirtet, gesungen und Sex gehabt, man hat auch miteinander gearbeitet, geschrieben und einander bis weit über die Schmerz- und Schamgrenze ausgenützt. Wo Alkohol ist, ist Auseinandersetzung, und so geraten die Kumpane alsbald aneinander. Monika Klengel spielt dabei Linde, eine in ihrem Glauben an sich selbst unerschütterliche Ex-Chefredakteurin, die einst mit einem Wochenmagazin spektakulär scheiterte, und dabei etliche von ihr angeheuerte Freunde mit in AMS-Gefilde riss.

Weil man dort für die schreibende Zunft keine Jobs, sondern nur ein Kopfschütteln übrig hat, arbeiten die Fifty-Somethings nun allesamt als „Freie“. Passé ist das Angestelltendasein, perdu sind die 15 Monatsgehälter, man hält sich mit Bücher- und Reden-Schreiben, mit Podcasts und Blogs mehr schlecht als recht über Wasser, aber immer noch den Kopf oben, denn man hat sie noch – seine Integrität. Die zu beschädigen tritt Markus an. Lindes ehemaliger Praktikant ist der einzige, der es geschafft hat, er ist nun „geschäftsführender Chefredakteur“ eines Boulevardblatts.

Dieses offenbar ein veritables Krawallmachermedium, das den rechtspopulistischen Regierungskurs hochjubelt. Raphael Nicholas gestaltet die Art affektierten Teflonmann, dessen sleeke Selbstverliebtheit aus allen Poren tropft, und dass dieser Markus etwas Mephistophelisches hat, zeigt sich auch dann, wenn er am Schluss zur scheinheilig-reuigen Fußwaschung der gewesenen Verbündeten antreten muss.

Zuvor aber bietet dieser Markus dem einen, nicht unbedingt ebenso dem anderen einen Schreibtisch in seinem Medienimperium an. Und weil die Lage der Angesprochenen prekär genug ist, wird nun überlegt: „Schreibende Nutte für ein Drecksprojekt“ werden? Sich vom Geld korrumpieren lassen und eine Kolumne über Volkskultur verfassen? Prinzipien, aber in der Tasche den letzten Cent haben? Fronten brechen auf, und die Pest wütet nicht weniger als im „Decamerone“. In dieser Stimmung entfalten Hauswirth und Mitstreiter nun ihre Kritik am System und an sich selbst, kriegt doch in erster Linie das kollektive linksintellektuelle In-Ohnmacht-Fallen angesichts herrschender Verhältnisse eins aufs Dach.

Georg Schubert, Juliette Eröd, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Fassungslos stehen die Figuren vor dem Fakt, dass ihre gut eingeübten gesellschaftlichen Diskurse nichts mehr gelten und plötzlich die ideologische Gegenseite die öffentliche Hegemonie beansprucht. Politiker machen sich via Twitter ihre Nachrichten selber, Plattformen regieren über Blattformen. Und während man sich an Markus anbiedert oder sich ihm gegenüber abweisend verhält, wird gestritten, geprügelt, gejammert, entgleist.

Wird Faschismus-Fantasien und solchen über Bürgerwehr und Blasmusik, Reaktion und Ressentimentkultur freier Lauf gelassen. Das alles könnte konzentrierter sein, vor allem in der letzten halben Stunde zerfasert die Aufführung von der brisanten Pointiertheit doch in die Beliebigkeit, gerät die Zankerei zunehmend zäh.

Nichtsdestotrotz sind die Schauspieler gewohnt großartig: Beatrix Brunschko als feministischer Freigeist Barbara, Juliette Eröd als esoterisch angehauchte Dora, die noch dazu frischen Trennungsschmerz zu verwinden hat, Jens Claßen als verbrauchter, ausgeschriebener Frank, den seine junge, noch an das Gute im Journalismus glaubende Geliebte Birgit, Lisa Schrammel, unbedingt zum Vater machen will, Georg Schubert als Harry, dieser seit seinem Absturz Lohnschreiber in SPÖ-Diensten. Lorenz Kabas schließlich gibt den gutmütigen Querdenker Clemens, er als Standesvertreter einer bedrohten Art zweifellos der Sympathieträger des Abends. Weshalb ihm in einer der zahlreichen surrealen Szenen, zu einer endlosschleifigen, in Englisch gehaltenen Kanzler-Kurz-Rede, auch der beste Satz gehört, nämlich: „Ignorieren Sie diese Stimme!“

Trailer: vimeo.com/300373630

dastag.at

  1. 11. 2018

Volx/Margareten: Keine Angst. Eine Heimgartenrevue

Mai 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schrebergarten als Sehnsuchtsort der Seele

Die Kleingartenanlage erprobt sich in „Solidarität“: Julian Loidl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nach Graz war nun endlich auch in Wien die jüngste Produktion des Theaters im Bahnhof zu sehen: „Keine Angst. Eine Heimgartenrevue“, die von Regisseur Ed. Hauswirth auf bewährte Weise mit seinem Ensemble und auf Grundlage zahlreicher Interviews entstandene Aufführung – und sie war, wie man’s vom TiB kennt und liebt, irrsinnig klug und mit viel Musik.

Einmal mehr hat Hauswirth der österreichischen Seele bis auf den Grund geblickt, ihre Schrebergartenmentalität offengelegt, ihre Kleingärtnergeistigkeit enttarnt – und das sogar charmant und liebenswert. Juliette Eröd, Monika Klengel, Lorenz Kabas und Julian Loidl skizzieren starke Figuren mit einer großen Portion Menschlichkeit, die den folgenden heftigen Ausbrüchen den Stachel nimmt. Denn die vier kämpfen  für die gerechte Sache:

Der Obmann des Vereins „Solidarität“, Überbleibselname einer vergangenen Zeit, in der sich die Sozialdemokratie um ihre Wählerschichten noch was schiss, und seine drei Mitstreiter protestieren gegen die geplante Nord-Ost Spange, die direttissima durch die Anlage führen soll. Ein Schelm, wer dabei an Lobautunneldiskussionen und die seit mehr als 40 Jahren überfällige Nordostumfahrung von Wien-Transdanubien denkt.

Jedenfalls, die Gartenkolonisten werben mit Viergesang und anderen künstlerischen Darbietungen um Unterstützer und deren Unterschriften. Mit heiligem Ernst ziehen die Gartenfreunde los und intonieren: „Wir sind Kleingärtner, und wir singen um unser Leben.“ Doch das Pathos, der heilige Schein wird bald gebrochen, wenn es heißt: „Was der Obmann sagt, wird gemacht“ – die streng hierarchische, mittelschwer faschistoide Anordnung derlei Gartenparadiese ist jedermann bekannt, der schon einmal aus einem dieser grünen Idylle flüchtete. Die eigene Familie hatte eins in Süßenbrunn, da hieß es Augen geradeaus und alle Gartenzäune grün gestrichen, wenn der Vorstand es so will …

Monika Klengel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Juliette Eröd. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Grenzen überhaupt sind bei Hauswirth ein Thema. Aus einer Gemeinschaft von Gartlern ist nämlich längst eine Ansiedlung von Einbunkerern geworden. Sträucher fürchtet man als potenzielle Verstecke für Einbrecher, Alarmanlagen sind installiert, Überwachungskameras halten auf den Wegen Ausschau nach den hier Fremden. Die Schrebergärten mit immer höher werdenden Zäunen sind in all ihren Facetten ein Spiegelbild österreichischer Befindlichkeit. Feindbilder sind die Straßenplaner, aber auch die grüne Bezirksvorsteherin, und letztlich schrecken die Schrebergärtner vor der persönlichen Diffamierung eines befreundeten SP-Politikers (großartig Thomas Frank, dessen geheime Absprachen mit der grünen Wiener Vizebürgermeisterin  – Birgit Stöger – in Videozuspielungen enttarnt werden) nicht zurück, um ihrem Ziel näher zu kommen.

Die bitterböse Revue – mit Liedern von Brahms bis Sting und Hansi Lang – entgleist zusehends. Zwischen Bäumen und Blumen blitzen die Abgründe dieser vermeintlich heilen Welt auf, und schließlich kommt der schwerste Schlag auch noch aus den eigenen Reihen. Dies alles, diese Groteske über Grundstücksgrenzen, eine wunderbare Metapher auf Zaunkönige und andere Vernunftsabriegler. Einen diesbezüglichen Monolog auf Trump und Co. hätt’s gar nicht geraucht, man versteht auch so.

Der Bau der Nord-Ost Spange muss verhindert werden: Lorenz Kabas. Bild: © www.lupispum.com / Volkstheater

Dazu hat Hauswirth noch ein Ärgernis in seinen Abend eingebaut: Seit einem Vierteljahrhundert, sagt er mittels entsprechender TV-Ausschnitte, stellt Elizabeth T. Spiras Dokumentation „Das kleine Glück im Schrebergarten“ eben jenes kollektiv in ein unvorteilhaftes, versoffenes, sich rechts anbiederndes Eck. Andere mögen ja vielleicht so sein, räumt das Ensemble ein, aber – eh klar – man selbst nicht!

Wer Hauswirth-Produktionen kennt, weiß nun, dass seine Figuren deshalb erst recht blauäugig sein müssen. Die Vereinswimpel hoch, die Thujenreihen sind geschlossen, mit festem Schritt und Tritt. Doch auch mit libidinöser Inbrunst die Wangen an ihre grünen Freunde schmiegend. Die österreichische Lösung eben …

www.volkstheater.at

Wien, 1. 5. 2017

TAG: 13 oder Liebt eure Volksvertreter!

November 21, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Requiem für eine rasende Politikerin

Georg Schubert, Michaela Kaspar, Elisabeth Veit, Jens Claßen, Raphael Nicholas und Petra Strasser auf dem Foto Bild: © Anna Stöcher

Georg Schubert, Michaela Kaspar, Elisabeth Veit, Jens Claßen, Raphael Nicholas und Petra Strasser auf dem Foto
Bild: © Anna Stöcher

Es gab dieses Kinderbilderbuch: „Hier ist zu hören und zu lesen, was … sind für Wesen“. Abgesehen davon, dass was-für eine ganz grauenhafte Formulierung ist, bestand jede Kartonseite aus drei getrennten Teilen, Kopf, Körper, Beine, aus denen man sich beim Blättern immer neue Figuren zusammenfügen konnte. Ungefähr so funktioniert das Stück von Ed. Hauswirth und Team, „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, das am TAG uraufgeführt wurde. Nur, dass statt Rauchfangkehrer oder Löwenbändiger eine Politikerin gebastelt wird. Und, dass die drei Teile Rainer Werner Fassbinder, Fjodor Dostojewski und Politikerinterviews sind. Dostojewski hängt wie hingehaucht in der Luft. Jetzt nicht Spieler oder Dämonen, sondern mehr der Idiot. Im Sinne von Privatperson. Hauswirth grünmandlt nämlich. Politisch bin ich vielleicht.

Franziska ist tot. Sie hat sich mit 120 Sachen auf der Brünner Straße dersteßen. Nun möcht‘ man meinen, in Floridsdorf sei die Sonne für immer untergegangen, und tatsächlich veranstalten Familie, Jugend- und Parteifreunde eine personenkultische Totenfeier, aber so unumstritten war die Dame nicht. Weil nicht klubzwänglerisch. Parlamentsdebatte, die Stunde der Umdeutung. Also hat die parlamentarische Mittelbänklerin einmal nicht mit der Meute gestimmt, was den großen Vorsitzenden – und die Medien – auf den Plan rief. Aus. Schluss. Ausschluss. Und dann noch ein Pantscherl mit einem Freiheitlichen! Der auch zum Abschied kommen wird, worauf’s erst richtig rund geht. Das Requiem, weil musiziert wird, zwischen Gewalt- und -orgie. Franziskas Beispiel zeigt, wohin es einen Menschen würfelt, wenn man ihm ein Haxl stellt.

Petra Strasser ist Franziska, optisch der Prototyp einer Politikerin auf Volksnahkurs. Auf Fotos, in Zuspielungen, in ihren Worten, die die Festgäste unter Champagnereinfluss wiedergeben. Da war sie auf einem Anrufbeantworter, da in einem leider nicht mehr so geheimen Sextape. Franziska, das war eine, die sich in der Politik wie auf dem Krankenlager von einer Seite zur andern geworfen hat, in der Hoffnung dann besser zu liegen. Hauswirth lässt dar-, nicht ausstellen. Die Notgewandtheiten und die Nöte. Politiker sind auch nur … ja, was? Ja, eh. „Die Fähigkeit, Ambivalenz zu tolerieren“, das verlangt Hauswirth. Wie immer, wenn das Theater im Bahnhof die Hände im Spiel hat, wirkt schwer Erprobtes wie fluffiges Improtheater. Als hätte es gerade erst sechs Leute auf die Bühne geweht, die sich nun fragen, wie tun? „Wie schwer Leichtsein fällt“, sagt Michaela Kaspar als beste Freundin Ingrid. Weil: Das Ganze ist schon sehr lustig. Floskeln folgen auf Phrasen folgen auf Wahrhaftiges und Scherzhaftes. Polemik steht neben Poesie steht neben Burnout. Ein Seelenstrip für alle Beteiligten. Die radikale Subjektivität der Berichterstattung erschafft beim Nacherzählen eine fast körperlich greifbare Intimität. Und mitten im Originalton-Politbla fällt einem der liebe gegangene Lehrmeister ein und wie er sagte: „Wenn ich ein offenes Ohr habe, gehe ich zum Arzt.“

Ingrid hat eingeladen. Es soll ein abgründiges Abschiedsvideo erst gedreht und dann im Wald vergraben werden. Franziska war Fan von Fassbinders „In einem Jahr mit 13 Monden“. Das Leben des Erwin, der für seinen Geliebten eine Elvira sein wollte, aber weder mit sich noch mit den anderen ins Reine kam. „Liebt mich doch!“, fleht die Volksvertreterin. Man riskiert aber Ekel, sieht man, wie Politik, Gerechtigkeit und das eigene Abendessen zustande kommen. In quasi Filmkostümen stellen die Anwesenden Szenen aus dem Film nach. Die Sequenzen werden per Live-Kamerabildern überblendet. Das sind die schönsten Augenblicke des Abends, weil authentisch in ihrer Künstlichkeit. Die umgemünzten Ausschnitte zeigen, niemand hatte Zutritt zu Franziska, jeder nur einen Mosaikstein eines Menschen, aus denen sich noch lange kein ganzer zusammensetzt. Die Namen der Hauswirth-Figuren sind die Schauspielernamen aus den „13 Monden“. Ergo spielt beispielsweise Raphael Nicholas Bob, den Stadtstreicher. „Die Sonne ist erst sie selbst, wenn Planeten um sie kreisen“, zitiert er. In Franziskas Welt war er ihr politischer Mitarbeiter und Protegé, zuständig für die PR, Politik & Zumutung, die tägliche Cross-Promotion. Fassbinders Film ist eine Abrechnung mit sozialer Kälte und der Herrschaft des Geldes. Auf der Bühne sieht man, wie Macht süchtig macht. Und die Krise. Und Tabletten.

Die Gäste beim Feste decken das politische Spektrum von Lichtermeer bis Trachtenumtrieb ab. In der linkslinken bis mitterechten Ecke: Michaela Kaspar – als Ingrid, gibt sich tränenumflort. Elisabeth Veit – als moldawischstämmige Ziehtochter Eva eine feministische Mutterkomplexlerin; der Typ, der glaubt „unsichtbar durchs Leben zu gehen“ und deshalb besonders laut schreit. Spooky. Georg Schubert – als Ex-Ehemann Karl am Rande des Nervenzusammenbruchs; ihn hat Franziska auf einen Versorgungsposten geschoben. Es geht keiner verloren! Karl ist ein Fundi von Statur und ein Realo im politischen Handeln. Seine Stimme geht immer no tiafa. Jens Claßen – als politischer Wegbegleiter Walter, genau umgekehrt, eine verhinderte Königin der Nacht, der auf seinem Schwulsein, weil ja p.c., mehr herumtänzelt, als alle anderen. Walter und Karl scharmützeln, buhlen um Liebe, wo kein Leben mehr ist. Walter ist erschüttert, welche Frakturen einem die Fraktion zufügt.

Julian Loidl macht den Rechtsausleger, Lover Jon in Buberlpartieblau. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und untoten Personen. Er ist der Einflüsterer, einer, der über seine Verhältnisse spielt, der Mephisto, wenn man so will, weil er am TAG gerade auch einen fabelhaften „Faust“ gibt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), ein Teil von jener Kraft, die Deutsch redet und teuflisch meint. Wenn er esoterisch auf „Jedes 7. Jahr ist ein Jahr des Mondes, in dem besonders viele Menschen an Depressionen leiden“ vorspannt, orakelt das magische Sieghartskirchen mit. Natürlich ist jetzt Emotion und Aggression und Ausgrenzung angesagt. Hat sich noch niemand überlegt, das alte Autopickerl „Hetzt die Hetzer!“ zu reanimieren? Jedenfalls ist jetzt Zeit, alles, was gesagt werden muss, unterzubringen. Von wegen Diktionsdiktatur. Es kann übrigens Shutter Island empfohlen werden. Das ist Gefängnis und Irrenhaus. Es kommt zum Infight zwischen Karl und Jon, also zwischen Ex und Hopp, zwischen EU-Bioanbau und völkischer Landwirtschaft. Und zu einem köstlichen Kabinettstück im Delirium nach Einflößung von Schlangengift. Sie sollen spüren, wie der andere ist. Ende.

Was lernen wir also aus diesem Aphorismenabend? Wer aus Idealismus in die Politik geht, muss nicht nur Miteinander- und Reden-wir-darüber-Kampagnen über sich ergehen, sondern sich zur Strafe auch noch verderben lassen. Das persönliche politische Bewußtsein entfernt sich dann von seiner eigentlichen Bedeutung, wenn eine Partei darauf Anspruch erhebt. Wer nie etwas geleistet hat, findet dafür meist die hochtrabensten Worte. In 40 Jahren sind die Neoliberalen achtzig und rufen verzweifelt nach dem Sozialstaat. Und: Raphael Nicholas ist ein Gumpendorfer Ray Manzarek, aber die TAG-Truppe auch ein tadelloser A-Capella-Chor.

Trailer: vimeo.com/145797993

Ed. Hauswirth im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16097

dastag.at

Wien, 21. 11. 2015

Ed. Hauswirth im Gespräch

November 17, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert am TAG „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“

Ed. Hauswirth Bild: dasTAG

Ed. Hauswirth
Bild: dasTAG

Nach seinem Erfolg mit „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ setzt Ed. Hauswirth, künstlerischer Leiter des Grazer Theater im Bahnhof, im Wiener TAG seine Untersuchung des Lebensgefühls der Jetztzeit fort. „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“ heißt seine neue Produktion, die am 20. November uraufgeführt wird. Im Zentrum steht eine Frau, die sich für eine Karriere in der Politik entschieden hat. Man erfährt von ihrem Aufstieg, ihren vermeintlichen Erfolgen, aber auch von ihrem Missbrauchtwerden durch das Umfeld und ihrem eigenen Einsatz von Missbrauch. Auf ihrem Weg opfert sie alles, was ihr lieb war. Der Abend, dem Filmbilder von Fassbinder, Motive bei Dostojewski und Interviews mit politischen Quereinsteigern zugrunde liegen, wird zur Geschichte einer schleichenden persönlichen Verbiegung bis zum endgültigen Bruch. Es spielen Jens Claßen, Michaela Kaspar, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Georg Schubert, Elisabeth Veit und Petra Strasser auf der Leinwand. Ed. Hauswirth im Gespräch:

MM: Sie sind also der eine Mensch, der Mitleid mit Politikern hat?

Ed. Hauswirth: Ja. Weil der erschütterte Glaube an die Politik, das Denken, dass jeder, der in die Politik geht, verdächtig ist, mittelfristig ein Problem für die Gesellschaft sein wird. Nicht jeder, der Politiker wird, ist „der Böse“, es gibt durchaus Menschen, die mit Enthusiasmus an die Aufgabe herangehen, weil sie etwas bewirken wollen.

MM: Sie haben für „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“ Interviews mit Politikern geführt. Nicht zum ersten Mal bauen Sie einen Text auf Interviews auf. Ist das Methode?  

Hauswirth: Es ist eine Methode, mit der ich regelmäßig arbeite, aber es ist nicht die einzige. Eine Politikerin hat mir einmal im Zug von Wien nach Graz ihre Geschichte erzählt, da dachte ich, das ist interessant, damit sollte man sich einmal beschäftigen. Also haben wir Interviews mit politischen Quereinsteigern und -aussteigern geführt. Ein Quereinsteiger ist kein Berufspolitiker, er ist nicht aus dem Kader erwachsen, und er kann auch leichter wieder zurück in ein früheres Berufsleben. Ohne goldenen Übergang in den Aufsichtsrat. Diese Menschen fragen sich daher: Will ich das wirklich? Soll ich mir das antun? Was habe ich davon? Das war die Ausgangssituation.

MM: Sind Quereinsteiger freier im Sinne des Parteigehorsams?

Hauswirth: Das ist ein Vorteil. Wenn Abhängigkeiten bestehen – und kadergeschulte Leute sind hundertprozentig abhängig, wenn die wieder in die freie Wildbahn entlassen werden, sind sie hilflos -, ist das immer zum Nachteil des Einzelnen. Quereinsteiger wiederum knabbern vielleicht mehr an Enttäuschungen; viel macht ihnen Eitelkeit zu schaffen, im Sinne von: Wer darf reden? Wer vertritt eine Partei in der Öffentlichkeit? Viele kämpfen mit der Einsamkeit, weil eine Präsenz erwartet wird, unter der die Familie leidet. Es geht um Dislokation und mehr. Der Abend ist aber mehr ein Denkversuch in diesem Feld und nicht eine soziologisch korrekte Beschreibung der Zustände.

MM: Wie würden Sie Ihr Leidensdruckstück nennen?

Hauswirth: Salontragödie mit Humor.

MM: So gefragt, weil das Theater im Bahnhof die gleichnamige TV-Show hatte: Wieviel Show ist Demokratie?

Hauswirth: Demokratie ist Show. Die Gesellschaft will Spektakel sehen, also hat die Politik in den letzten Jahren einen sehr starken Showaspekt bekommen. Wer am lautesten schreit, wer am besten schauspielert, ist der größte Wahlgewinner. Es ist degeneriert, aber der Öffentlichkeitswert ist die eigentliche Währung, mit der bezahlt wird. Wer das nicht kann, kommt nicht vor, bleibt im Hintergrund, hat keine Macht. Die Frage ist heute nicht mehr, wie die Macht ausgeübt wird, sondern wie die Macht performt wird. Deshalb braucht man so viele Agenturen, so viele Berater, um den Politikern ihre Wahrhaftigkeit zu nehmen. Gut ist, wenn eine Person es schafft, in ihrer weltanschaulichen Haltung integer zu sein, und eine Performerin in der Öffentlichkeit. Aber das können wenige.

MM: Das Publikum ist der Wähler. Wie funktioniert Ent-Täuschung da?

Hauswirth: Bezüglich des Stücks? Das werden wir Ende der Woche wissen (er lacht). Ernsthaft, noch einmal, ich glaube nicht, dass Politiker per se Böses wollen. Die legen oft einen langen Weg zurück, um ihre Anliegen von A nach B nach C zu bringen. Ich traue vielen zu, dass sie schweren Herzens Dinge nicht ansprechen, weil man ihnen sagt, dass sie dann nicht gewählt würden. Man könnte ihnen also einmal freundlich begegnen, nicht immer nur mit Kritik. Ein Politiker, der die Wähler an seiner Seite weiß, würde auch viel weniger an Einflussnahme durch die eigene Partei, die Wirtschaft etc. leiden. Dann könnte das Primat der Wirtschaft über die Politik und das Primat der Show über die Wirklichkeit endlich beseitigt werden. Die Gesellschaft ist längst bei Dingen angekommen, die von Philosophen in den 1960er-Jahren als utopisches Ferment wahrgenommen wurden.

MM: Heißt, dem Politiker, der agiert, wie das Krokodil vom Kasperl, dem wird recht gegeben?

Hauswirth: Stimmt. Es ist eine große Kunst, den richtigen Ton zu finden, zwischen der leeren Worthülse und der echten Meinung, für die man dann hoffentlich nicht erschossen wird. Das ist ein schmaler Grat.

MM: Soll das Stück beim Publikum Verständnis für Politiker erzeugen?

Hauswirth: Gute Frage. Ein bisschen schon, ja. Aber nicht beim Politiker als Kategorie. Es wird ein Empathieversuch für die eine von Petra Strasser gespielte Politikerin, die zu sehen sein wird. Im Sinne von: verstehe, was du kennenlernst. Unsere Politikerin wird eine Frau sein, die sehr gut Dominanz ausüben kann, damit muss man sich erst einmal anfreunden.

MM: Sie haben in den Text Motive von Rainer Werner Fassbinder und Fjodor Dostojewski verwoben. Wie und wo passt das?

Hauswirth: Von Dostojewski sind es zwei, drei Textstellen, das Motiv der Depression, das Motiv der Entfremdung, Einsamkeit, Tod, Sehnsucht – das sind Ausgangspunkte des Abends. Er wird aber nicht depressiv sein, weil ich immer Humor brauche. Schwarzen Humor, der ist ja Wien nicht fremd. Dort, wo eine Beziehung zu sich verloren geht, wo Entfremdung stattzufinden beginnt, wenn man immer nur außer sich sein muss, damit man vollkommen funktioniert, gibt’s dahinter Leere, Burnout, Sinnentleerung. Das hat mit Dostojewski und Fassbinder zu tun. Bei Fassbinder haben wir uns mit seinem Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ beschäftigt, den er nach dem Selbstmord seines Lebensgefährten gedreht hat. Darin kämpft der Transsexuelle Erwin/Elvira um seine Suche nach Identität: „Ich will so sein, wie ihr mich haben wollt“, „für Liebe gebe ich alles“, selbst eine Geschlechtsumwandlung. Dieses Geliebtwerdenwollen hat mit Liebe nichts mehr zu tun. Das ist nur noch eine Aussage von Liebe. Wir eignen uns aus dem Film ein paar Bilder an, um diesen Komplex zu erzählen.

MM: Sie sagen ständig „wir“ statt „ich“. Wie funktioniert die Arbeit? Sie schwärmen aus und holen die Interviews ein, dann wird gemeinsam ein Text geschrieben?

Hauswirth: In gemeinsamer Autorschaft mit den Schauspielern Jens Claßen, Michaela Kaspar, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Georg Schubert, Elisabeth Veit und Petra Strasser und der Dramaturgin Isabelle Uhl. Das ist eine Kollektivarbeit, ich kann ohne Ensemblefeedback nicht arbeiten, ich bin immer so was wie Fußballtrainer oder Jungscharleiter. Unsere Arbeitsprozesse dauern halt länger als sechs Wochen Proben. Wir pirschen uns heran. Wir beginnen bei einer Person, die uns interessiert, von der ausgehend suchen wir weitere. Bei der Transkription der Interviews suchen wir Motive, die sich mit Literatur verbinden lassen, als Inspirationsquelle und Zitat zu den Realmomenten. Am liebsten ist mir, wenn der Zuschauer gar nicht erkennt, was was ist, aber man erkennt’s natürlich mitunter am Duktus, weil es mir wichtig ist, Texte konsistent zu lassen. Es soll auf der Bühne noch den Ton haben, mit dem es einmal gesprochen wurde.

MM: Wie gehen Sie an die Interviews heran?

Hauswirth: Man muss schauen, wo die Ellipse ist, wo die Auslassung ist. Und im Gegensatz zum Journalisten beispielsweise, der genau da dann nachfragt, ist die Auslassung für mich dramaturgisch interessant. Stille ist spürbar und spannend. Man muss jedenfalls sehr respektvoll vorgehen. In Graz erarbeiten wir gerade ein Stück über die Rechte, eine Komödie rechts der Mitte. Da kommst du in die Lage, dass du wohin gehen musst, wo du nicht hin willst. Du darfst aber trotzdem in keinen kritischen Streit mit der Person gehen, damit deren Stimme hörbar wird. Wie sie sich halt selbst erzählt. Da gibt es Wiedererkennungsmerkmale, die gleiche Semantik, Stereotype, die man von Rechtspopulisten aus dem Fernsehen kennt. Aber wenn er über sein Hobby spricht, öffnet er sich, da verteidigt er sich nicht und sagt mehr über seinen Charakter aus als sonst. Und dann serviert er seine biologistischen Grauslichkeiten. Das kann man dann bearbeiten und verarbeiten. Wir wollen ja keine wissenschaftlich haltbare Analyse, sondern einen Zeitbefund abgeben, der zum Denken anregt.

MM: Und die Abgrenzung zum Dokudrama ist?

Hauswirth: Die Fiktion. Wir haben eine Räuberhaltung, wir eignen uns die Quellen an, um daraus etwas zu schaffen, was noch nie da war. Wir benutzen dokumentarische Ästhetik, aber durch die Montage ist es bereits Fiktion.

MM: Wann ist eine Produktion in diesem Sinne, nicht im kommerziellen, für Sie erfolgreich?

Hauswirth: Wenn’s Reagenz zwischen Publikum und Bühne gibt. Wenn unwillkürlich ein chemischer Austausch stattfindet, wenn’s eine Feedbackschleife gibt, dann hat der Abend etwas, das irgendwie echt ist. Das ist ein Erfolgskriterium: wenn das Publikum denkt, ja, das stimmt irgendwie, ja, das beschäftigt uns. Wenn man eine Haltung transportieren kann. Ich glaube ja, dass ein Stück idealer Weise im Publikum stattfinden sollte, statt auf der Bühne. Und natürlich will ich auch, dass es als lustig empfunden wird. Stücke sollten sich ins Herz und ins Hirn schreiben. Mehr verlange ich gar nicht.

MM: Nützt der „Nestroy“ etwas?

Hauswirth: Der Autor sowieso immer. Der Preis, den ich für „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ bekommen habe, auch. Er hat mir in der Steiermark Aufmerksamkeit gebracht, da ist so ein steirischer Patriotismus ausgebrochen. Der Nestroy-Preis ist Nutzen und Fluch. Einige Zeit hing er wie ein Schatten über uns, weil wir Erfolgsdruck haben. Diese Phase hat sich gottlob wieder aufgelöst, jetzt gehen wir’s am Freitag an.

MM: Wie soll das Publikum rausgehen? Mit dem festen Vorsatz das nächste Mal zu wählen?

Hauswirth: Unbedingt. Wenn das gelingt, wäre ich schon zufrieden. Wobei ich keine Ahnung habe, ob der Abend das leistet.

MM: Na, ich setze Sie ein bisschen unter Erfolgsdruck.

Hauswirth: Ja, ich spür’ schon …

Trailer: vimeo.com/145797993

dastag.at

Wien, 17. 11. 2015

Das TAG in der Saison 2015/16

September 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suchy macht Shakespeare, Plass wird Krähwinkler

Bluad, Roz und Wossa Bild: © Anna Stöcher

Bluad, Roz und Wossa
Bild: © Anna Stöcher

„Es passiert sehr viel Theater“, sagt Gernot Plass bei der Spielplanpräsentation der Saison 2015/16. Der künstlerische Leiter des TAG meint damit wohl nicht nur die Produktionen, die er gleich vorstellen wird, sondern, wie sein kaufmännisches Pendant Ferdinand Urbach später ausführt, die Diskussion über das andere TAG, das Theaterarbeitsgesetz, in die man mit dem Bund getreten ist. Eine Folge des Bekenntnisses der beiden zum Ensembletheater, ihrer Absage ans Hire-and-Fire-Prinzip – „die Arbeitsbedingungen sind so wichtig wie die Außenwirkung“. Eine Loyalität, die sich punkto Qualität und damit einer Auslastung von 84 Prozent und damit einer Eigendeckung von 19 Prozent in der vergangenen Spielzeit bezahlt gemacht habe.

Und auch wenn Kanzleramtsminister Josef Ostermayer zwischen Flüchtlingsgipfel und „Mittagsjournal“ diesbezüglich nur Zeit für ein Sieben-Minuten-Gespräch gehabt habe: Der Bund ist nach Jahren wieder aufs TAG aufmerksam geworden, hat die Taschen für eine Projektförderung in der Höhe von 25.000 Euro für insgesamt zwei Produktionen geöffnet. Die, zusammen mit den 770.000 Euro von der Stadt Wien und dem mit 30.000 Euro dotierten Nestroypreis für die beste Off-Produktion 2014, ermöglichten nun „statt der üblichen viereinhalb“ eine fünfte Premiere. Und – neben den fünf Hauskräften Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit – den Einsatz von zusätzlichen Gästen.

Getreu dem TAG-Leitfaden für Klassikerüberarbeitungen und -neuschreibungen, heißt: den Kanon zu interpretieren und zu behandeln, ist die erste Uraufführung der neuen Saison am 3. Oktober Christian Suchys „Bluad, Roz und Wossa“, sehr frei nach Shakespeares „Romeo und Julia“. Eine wie immer dialektale, urige Textfassung des „Theaterviechs“ (© Plass), durch die sich die Deutschen Claßen und Nicholas gerade „gfretten“. Kein Familienzwist steht diesmal im Mittelpunkt, sondern, weil Suchy, „etwas Abgründigeres“ – Mißbrauch und Inzest. Am 20. November folgt Ed. Hauswirth mit „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, einer Annäherung an Fassbinders sehr persönlichen Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ über die letzten fünf Lebenstage der Transsexuellen Erwin/Elvira Weishaupt. Hauswirth unterschiebt Fassbinder Dostojewski-Texte, und die Handlung einer Politikerin. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Politiker geliebt werden wollen, hat er „sogenannte gescheiterte Volksvertreter“ interviewt. Das Ergebnis bringt unter anderem Vorjahrs-Faust-Retter Julian Loidl auf die Bühne. Die Erfolgsproduktion von Gernot Plass wird ebenso wieder aufgenommen (am 22. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), wie Hauswirths Nestroypreis-Gewinner „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ am 15. 10.

Am 5. März setzt Plass-Vorgängerin Margit Mezgolich mit Elias Canettis „Die Blendung“ die Tradition großer Romanbearbeitungen am Haus fort. Hauptfigur ist der „größte lebende Sinologe“ und Büchersammler Peter Kien, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz wird der weltfremde Sonderling mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert und verfällt dem Irrsinn. Oder, wie Plass es ausdrückt: „Der absurde Kampf eines Büchermenschen gegen den Staubwedel endet in einer Feuersbrunst“; Petra Strasser passe „wie hinpickt“ auf die Krumbholz-Rolle. Und auch die Bücher werden als Stimmen auftreten. Als Arturas Valudskis 2013 am TAG mit „Varieté Volant“ in lichten Höhen abhob (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621), meinte er zu Gernot Plass, er hätte da „so ein Tschechow-Projekt“, inspiriert von der Theater-im-Theater-Situation, das Thema eine ländliche Langeweile, in der die Protagonisten sich nur noch mit der Produktion von Theater beschäftigten. Nun kommt sein Tschechow-Kommentar „Das Spiel: Die Möwe“ am 2. April zur Uraufführung. Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, darstellerische Dreifaltigkeit des „Aggregat Valudskis“, stehen auch diesmal auf der Bühne, dazu als weiterer Gast Claudia Kottal. Zu erwarten ist ein traurig-komödiantischer Theaterzauberabend.

Gernot Plass selbst inszeniert für den 3. Mai „Empört euch, ihr Krähwinkler!“ nach Johann Nestroy mit Studentinnen und Studenten des Schauspielstudiengangs des Konservatoriums Wien Privatuniversität, seiner alten Schule. „Mach‘ ma mal Komödie“ war der Wunsch an den Trägodienmacher – und jetzt sitzt er da mit einem Dramatiker, den er gar nicht so gern mag, weil ihm die Handlungen zu abgeschrieben und zu hanebüchen sind. Na, er wird den Nestroy schon noch schätzen lernen 😉 . Plass wird „die heutige politische Situation in die Posse einarbeiten“, sein Eberhard Ultra wird aus dem neukommunistischen Bundesstaat Europa zu den kapitalistischen Krähwinklern kommen. Das Stück zur Dauerkrise.

Seine Platzhirschposition in Sachen Improvisationstheater will das TAG ebenfalls ausbauen: Neben „Sport vor Ort“ (am 20. 9. zu Gunsten des neunerhaus) und Impro Workshops (Anmeldung: www.dasTAG.at/Workshops) wird die Schiene „Meet the Masters“ mit internationalen Größen wie Inbal Lori und Lee White, bekannt als Hälfte des Duo „Crumbs“, neu installiert. Auch das Wiener Impro Festival wird im April 2016 im TAG veranstaltet. Einen Termin sollte man sich jetzt schon freihalten: Am 13. Jänner 2016 steigt in der Gumpendorfer Straße die 10-Jahre-TAG-Party.

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Wien, 8. 9. 2015