Hauptsache Koscher!

Juni 14, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine großartige Hommage an den jüdischen Humor

Aus dem Repertoire einer vertriebenen Revue- und Kabarettkultur: Bruno Salomon, Tania Golden, Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

„Hauptsache Koscher, oder auch nicht“, ein Streifzug durch den jüdischen Humor mit Szenen und Chansons aus dem Repertoire einer lange vertriebenen Revue- und Kabarettkultur – so sollte das Programm heißen, und am 14. März in der ArenaBar seine Uraufführung haben.

Dann kam #Corona. Doch das darbietende Quartett, Tania Golden, Shlomit Butbul, Bruno Salomon und Wolfgang Schmidt ließ sich vom Lockdown nur kurzzeitig aus der Kurve tragen und schmiedete geänderte Pläne.

Gemeinsam mit Videofilmer André Wanne, Sohn der 92-jährigen Theaterprinzipalin Helene Wanne, und Susanne Höhne, die ihre Textcollage in ein Drehbuch verwandelte, beschloss man den Abend mit der Kamera festzuhalten. Entstanden ist so eine großartige Hommage, jüdisches Kabarett einmal anders, nämlich modern, schräg, schrill, die Geschlechterklischees negierend oder nonchalant infrage stellend – und zu sehen ab 17. Juni, 19 Uhr, bei 4GAMECHANGERS Roomservice.

Butbul, Golden, Salomon und Schmidt holen die philosophisch-witzige und zum Großteil vergessene Literatur spielend und singend ins 21. Jahrhundert. Sie interpretieren Friedrich Holländer, Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Roda Roda, Ralph Benatzky, Louis Taufstein, Robert Neumann und Elfriede Gerstl auf ihre eigene, ganz besondere Art. Einige der Couplets wurden dafür von Wolfgang Schmidt neu vertont, etwa Armin Bergs „Ja, man wird ja so bescheiden“ mit Mundschutz, da die vier in schönster Quarantäne-Klaustrophobie.

Tania Golden singt Karl Farkas‘ „Abschied von New York“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Bruno Salomon als Servierfräulein im Sketch „Zechprellen“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt mit Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Die Damen diesmal besonders herrlich handgreiflich: Shlomit Butbul und Tania Golden. Bild: Susanne Höhne

Golden und Butbul sind auch hinreißende Herren, erstere als Stammgast Schöberl im ein wenig derangierten Etablissement, in gewisser Weise Conférencier und eine qualtingereske Wirtshausfigur, die sich – so viel zum Titel: Hauptsache, das Essen ist koscher und billig  – im „In der Suppe“-Witz von Salcia Lanzmann mit „Servierfräulein“ Bruno Salomon in die nicht vorhandenen Haare kriegt, bevor sie sich in Karl Farkas‘ „Zechprellen“ mit Shlomit Butbul um die Meisterschaft im Schnorren matcht.

Was das goldene Wienerherz ausmacht, ist die jüdische Seele, das zeigen die Verwandlungskünstler hier vom Feinsten, ein zerdeptschter Hut, eine zerschlissene Spitzenbluse reichen, schnell ist man Schmähtandler, Abzocker, Amtsirrläufer, Schmock, der Einedrahrer mit die besten Ezes, der Machatschek mitm größten Mazel, der Einseifer mit da größtn Chuzpe. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt können’s in allen Jargons der Stadt. Gruselig und komisch zugleich, denn ja, es ist schon wieder so weit, wie Butbul Roda Rodas „Darwinismus“ vorträgt, die Geschichte von den einst so stolzen Löwen, die nur überleben können, wenn sie sich an die Mehrheit Menschheit anpassen. Integrieren, assimilieren.

Zum Schmunzeln, wie Salomon in saloppem Gigerl-Slang Taufsteins & Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ männeremanzipiert umdeutet. Wer das Raunzen erfunden hat, „die Antisemiten oder die Israeliten?“, man kann’s nach dieser Aufführung nicht eindeutig sagen, wiewohl eine reiche Auswahl an Sudern und Räsonieren bis Sich-Aufpudeln und Pahöll-Machen geboten wird. Wunderbar, wie André Wanne die ArenaBar als AltWiener Beisl, Jukebox-Café oder Nachtclub zu nutzen weiß.

Ein großartiger Streifzug durch den jüdischen Humor: Bruno Salomon, Shlomit Butbul, Wolfgang Schmidt, Tania Golden. Bild: André Wanne

In letzterer Atmosphäre singt Shlomit Butbul angetan mit Lockenwicklern und Kittelschürze das Highlight des Abends, Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“, Madame Lizzys Kampf mit der Waage in dramatischstem Arienton, während der Golden das Gesicht entgleist. Die später, angelehnt an den Musikautomaten, über den „Abschied von New York“ sinniert.

„Hauptsache Koscher!“ ist eine Reise von den flirrenden, verrückten 1920er-Jahren, als die Welt gerade aufhörte, in Ordnung zu sein, in ihre Nachkriegszeit, der am Nationalsozialismus erkrankte noch immer nicht und bis heute nicht genesene Kontinent Europa.

Der es Heimkehrern mit seiner hiesigen „Mir wern kann Richter brauchen“- Mentalität schwer macht. „Sind Volksgenossen jetzt schon wieder Spezi?“, ist die gestellte Frage, die dem heutigen Publikum Gänsehaut bereitet. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt verstehen sich nicht nur auf Schmonzes, sondern auch auf Tacheles reden. Robert Neumanns „Teuto“ aus seinem Parodien-Band „Mit fremden Federn“ ist das Paradebeispiel dafür. Und wenn Bruno Salomon das wiedergibt, beim Abschminken in der Künstlergarderobe, diese bitterböse Persiflage aufs rechtsgesinnte Heldengedicht, dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Am Ende die vier vor symbolisch leerer Bühne. Ein Glück, dass sie sie wieder mit Leben gefüllt haben. „Hauptsache Koscher!“ ist die Empfehlung für Connaisseurs und zum Kennenlernen des jüdischen Humors. Oder wie einer dessen legendärsten Könner simpl sagte: „Schau’n Sie sich das an!“ Der Film wird ab 17. Juni, 19 Uhr, von 4GAMECHANGERS gestreamt. Tickets: 5 Euro – der gesamte Erlös geht an die Künstler.

Trailer: player.vimeo.com/video/426174565

Ticketcode: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations#koscher1

14. 6. 2020

Werk X-Petersplatz: Hauptsache Gemeindebau

November 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Lebensziel a scheene Leich

Ehefrau Gitti trauert vor versammelter Familie um ihren Edu: Sophie Prusa, Josephine Bloéb, Lilli Prohaska, Lisa Weidenmüller und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

„Er hat an Abgang gmacht / er hat die Patschn gstreckt / er hat a Bankl grissn / er hat se niedaglegt / er hat se d‘ Erdäpfel von unt angschaut / er hat se sozusagn ins Holzpyjama ghaut …“ So singt die Trauergemeinde anfangs, und es ist erstaunlich, selbst für eine echte Wienerin, wie viele Synonyme fürs Sterben es gibt. Insgesamt siebzehn hat Roland Neuwirth in seinem „Echten Wienerlied“ aufgelistet, und sicher fände sich noch mehr Sinnver- wandtes für Zusatzstrophen.

Verwandt sind auch die fünf, die sich nach dem Tod von Vater Edu in dessen Wohnung versammeln, Ehefrau Gitti, die drei Töchter, der Schwiegersohn. „Hauptsache Gemeindebau. Das Leben, der Tod, die Familie“ heißt die Produktion der handikapped unicorns, die in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz ebendort uraufgeführt wird. Der Titel ist Programm, als Lebensziel a scheene Leich, bis die nostalgisch-schwelgerische Scheinheiligkeit der Sippschaft in die altbekannten Schuldzuweisungen und Vorhaltungen kippt, mit einem Wort das ganze Kreuz, das man miteinander hat, von Neuem schmerzt. Ein Elend, das – wie könnt‘ es auch anders sein? – in erster Linie die Mutter zu tragen hat.

Andreas Stockinger hat diese Leichenschmaus-Satire inszeniert, im Tisch/Sarg verstaut sind der Schnaps und die als Kalte Platte dargereichten Kekse, und Lilli Prohaska spielt mit Verve und bösem Mundwerk und staubtrockenem Humor die Gitti. Kettenraucherin mit Raucherbein, und weil so oft darauf hingewiesen wird, dass der nikotinabstinente Papa nämlich nicht an Lungenkrebs gestorben ist, ist bald klar, da ist was oberfaul im Ottakringer Gemeindebau. Die Positionen sind geprobt. Eine Tochter hat zwar studiert, sich dann aber ausgerechnet mit einem „Piefke“ getraut, eine ist aufs Land gezogen und bis dato kinderlos geblieben, die jüngste ist alleinstehend, dafür hochschwanger, daher nach wie vor Logiergast im Hotel Mama.

Lisa Weidenmüller, Lilli Prohaska und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

Franz Haselsteiner und David Mandlburger. Bild: © Alexander Gotter

Lisa Weidenmüller, Jan Hutter und Lilli Prohaska. Bild: © Alexander Gotter

Genug Konfliktstoff also für einen Abend, man kommt von einem ins andere, Erinnerungen an die „Mamsch“ genannte alte Hausbesorgerin, das unverhoffte Finden dreier Plastiksparschweine, in denen sich noch Schillinge befinden, das Niachtln der ungelüfteten Zimmer. Auf einen Lobgesang auf die 48er folgt das Klagelied über die Kameltreibernachbarn, folgen „Ana hat immer des Bummerl“ und „Drei aus Ottakring“. Franz Haselsteiner am Akkordeon und David Mandlburger mit der Gitarre begleiten die Ballade auf den 16. Hieb. Lisa Weidenmüller, Sophie Prusa und Josephine Bloéb gestalten das Schwesterntrio, Jan Hutter macht den einen Angeheirateten, der andere glänzt, da der Herrenwitze über seine Mannesschwäche überdrüssig, durch Abwesenheit.

Stockinger und Ensemble haben ihre pointierten Sager dem Gemeindebau sozusagen vom Mund abgeschaut, dessen Jargon aber in eine am Horváth’schen orientierte Kunstsprache übertragen. Viel von dem, was gemeinhin als Wiener Mentalität tituliert wird, fließt durch diese soziotopkritische Stückentwicklung. Großartig ist das, wenn die Prohaska Einsamkeit als Einstellung, nicht als Empfindung ausweist, oder – niedergedrückt von der Bürde ihres selbstverständlich der Selbstaufgabe gewidmeten Daseins – feststellt: „Du kannst vor dir selber nicht davonlaufen, im Alter holst dich wieder ein.“ – „Aus Leberwurst kann man sowieso kein Marzipan machen“, lautet ihr Leitsatz zur Unausweichlichkeit des Schicksals.

Vergessenes Spielzeug wird wiederentdeckt: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Handfester Streit unter Schwestern: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Alldieweil derart die Lebensweisheiten nur so über die spitzen Lippen flutschen, fällt es den Töchtern gar nicht schwer in ihre Kindheitsmuster zurückzufallen. Wer hat als Papakind von diesem Geld gekriegt und wer haut sich noch posthum mit dem Papa auf ein Packl? Weidenmüller und Hutter treten wie aus Protest mit ihrer mitgebrachten Rohkost gegen das Ein-Euro-Backwerk an. Dunkle Flecken in der Familienvergangenheit enttarnen sich als nie verheilte blaue auf den Seelen, mit der Menge an Alkohol steigt der Mut zur Eskalation, und aus dem Zusammenhalten wird der dringende Wunsch, das Gegenüber mög’s endlich zsammhalten. Der Clou gehört natürlich der Gitti, die zum Schluss verkündet, welche Geheimnisse sie aus Edus Schreibtisch zu Tage befördert hat – Stichwort: Testament.

Mit ironischem Augenzwinkern legt „Hauptsache Gemeindebau“ die Anatomie dieser Wiener Institution und der in ihr wohnenden Menschen bloß. Die Aufführung ist eine amüsante Abhandlung übers Granteln und Sudern, Raunzen und Räsonieren. Und sollte wer Analogien zum eigenen Anhang entdecken, unbedingt daran denken, wie dereinst schon der Heller und der Qualtinger sangen: „Bei mir sads alle im … daham.“

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  1. 11. 2019