TAG: Die Ratten

April 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kind als Kapital und Konsumgut

Herr John ist überglücklich, doch Frau John hat ihrem Bruder bereits einen mörderischen Auftrag erteilt: Michaela Kaspar und Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

„Frei nach“ Gerhart Hauptmann nennt Bernd Liepold-Mosser seine Version von dessen Tragikomödie „Die Ratten“, und kommt dabei dem Original in der Intentionen so nahe, dass es greifbarer kaum geht. Am TAG hat der Sozialphilosoph unter den Theatermachern seine Fassung des berühmten Naturalismusstücks zur Uraufführung gebracht, als ein Gedankenspiel, auf das man allerdings gewillt sein muss, sich einzulassen. Wer dies tut, wird mit einem Bühnenerlebnis der Extraklasse belohnt.

Liepold-Mosser und Ausstatterin Karla Fehlenberg versetzen die Akteure in eine Art dystopische Laborsituation. Weiße Wände umgrenzen die klinische Versuchsanordnung, aus der es kein Entkommen gibt, weshalb die fünf Schauspieler permanent auf der Spielfläche sind – ein Kraftakt, auch wegen des hohen Tempos, in dem das 90-minütige Geschehen abläuft. Was Liepold-Mosser in diesem Setting schildert, ist das Sozialdrama eines Mittelstands, der seine Existenz auf schwankenden Boden gebaut hat. Zwar gilt für Herrn John noch das von allen Figuren vorgebetete Mantra, als fix Verankerter auf dem Arbeitsmarkt, Nachsatz: „Was heutzutage etwas heißen will“, sei er eine wichtige Größe in der Erwerbswelt.

Der Warenhandel an der Wiege: Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Inzestuöse Geschwisterliebe: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Doch dräut am Horizont schon der „Abstieg“ ins freie Unternehmertum, weil, wer nicht zu hundert Prozent einsatzwillig für die Firma ist, in diesem Falle, man weiß es, wegen der vermuteten Vaterschaft, alleine schauen muss, wo er bleibt. Liepold-Mosser hinterfragt mit seiner „Ratten“-Interpretation derart nicht nur die Schattenseiten eines heutigen kapitalistischen Systems, er verschiebt Arbeitsdruck, Ausnutzung, Nutzbarmachung des Menschen auch vom Beruflichen ins Private – zu Frau John und Pauline. Der nämlich stellt die Kindswütige die Alleinerzieherinnen-Armutsfalle in Aussicht, sollte sie sich nicht zur Abgabe des Neugeborenen entschließen.

Die Gleichung, die Liepold-Mosser aufstellt, lautet: Kind ist gleich Paulines Kapital ist gleich ein Konsumgut für Frau John, und so ist es nicht verwunderlich, dass es im Weiteren „das Ding“ oder „die virale Sache“ genannt wird, die Pauline, als wär’s eine Maschine, bei Frau John schließlich doch „in Betrieb gegeben hat“. Der Geburtskanal als Vertriebskanal. Liepold-Mosser hat eine mäandernde, sich stetig wiederholende Kunstsprache erdacht, doch was vom Dialekt befreit ist, immerhin an der Donau verankert, in die sich Pauline statt des Berliner Landwehrkanals erst stürzen will.

Michaela Kaspar als Jette John und Lisa Schrammel als Pauline machen „Die Ratten“ mit ihrer intensiven Darstellung zum Königinnendrama, auch dies etwas von Hauptmann Gewolltes, war doch sein Credo, dass untere Gesellschaftsschichten um nichts weniger als gekrönte Häupter für die große Tragödie taugen. Kaspar und Schrammel gestalten den Infight zweier Frauen meisterlich, manipulativ schmeichlerisch, dann wieder beinhart bedrängend die eine, vehement ihr Recht einfordernd die andere, Pauline hier als 24-Stunden-Pflegekraft aus einem Drittstaat ausgewiesen und damit eine ebenso prekäre Person, wie ihre Piperkarcka-Vorgängerin, auch wenn ihr Frau John zynisch versichert, ohne Babypause könne sie endlich jobmäßig durchstarten.

Performt den Nachbarschaftssong: Georg Schubert mit Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bruno ist Pauline auf den Fersen: Raphael Nicholas und Lisa Schrammel, vorne: Michaela Kaspar und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen scheint als Herr John ein Versicherungsvertreter für Zukunftsvorsorgen zu sein, und Claßen erzählt den draußen erfolgreichen Pragmatiker daheim als gutgläubigen Toren, dem zu spät die Augen aufgehen. Wenn Frau John über ihren Mann punkto Fortpflanzung sagt, er sei kein begnadeter Miterzeuger, aber ein perfekter miterzeugender Verantwortlicher, so ist diese Figur treffend beschrieben. Georg Schubert versammelt als neugieriger, nervtötender, unangenehmer Nachbar das übrige Personal der zum noch nicht ganz abbezahlten Eigenheimrefugium mutierten Zinskaserne in sich.

Er hat als Lauscher das Ohr wahlweise an der Wand oder auf dem Boden. Als „verschärfte Kontrollinstanz“, wie sich der Nachbar selber nennt, singt und tanzt er, und bestreitet zweifelsfrei den von Hauptmann als satirisch überspitzt vorgesehen Komödienanteil am Drama. Und dann ist da noch Frau Johns kleinkrimineller Bruder Bruno, der sein Handeln bei Liepold-Mosser damit rechtfertigt, ein „Modernisierungsverlierer“ zu sein. Raphael Nicholas spielt ihn als eifersüchtiges Mannkind, der mit dem Säugling um die Liebe seiner Schwester buhlt.

Wobei die beiden aus ihren inzestuösen Anwandlungen kein großes Geheimnis machen. „Du bist die Festplatte, aber ich bin die Maus“, sagt dieser Bruno zu Jette, bevor er sich die Nagermaske aufsetzt und zum gefährlich die Szenerie umschleichenden Raubtier wird. Das von der Inszenierung festgeschriebene „Alles hat seinen Preis“ wird in voller Doppeldeutigkeit auch ihn treffen. Liepold-Mosser und Fehlenberg haben eine pastellästhetische Optik fürs düstere Treiben gewählt. Das verläuft an sprachlosen Stellen nach einem streng choreografierten Bewegungsmuster. Bei Frau Johns Irrsinnstango mit der von der Decke abgehängten Pappkartonwiege. Wenn Pauline und Bruno das Bühnengeviert abschreiten – und man nach der zweiten Kurve entsetzt bemerkt, dass er sie immer mehr einholt. Bruno gehört denn auch der finale Song über eine Wasserleiche als Nahrungsquelle für ein Rattennest. Ein Text, der das Homo homini rattus auf die Spitze treibt.

Liepold-Mosser zeigt den Menschen, wie er sich im engen Käfig seiner Lebenswünsche verfängt, und überlässt es dem Publikum Worten wie Ausbeutung oder Zerfleischung die Silbe „Selbst-“ voranzustellen. Dass sich seine „Ratten“ auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik abspielen, auch das ist im Sinne des Erfinders Hauptmann – und natürlich das künstlerische Charakteristikum des TAG.

Trailer: vimeo.com/327432694

dastag.at

  1. 4. 2019

Burgtheater: Die Ratten

März 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Versuchstiere irren durchs Lebenslabyrinth

Aug‘ in Aug‘ mit der Ratte: Sylvie Rohrer als Frau Hassenreuter. Bild: Bernd Uhlig

Zurzeit zeigt der Schweizer Fotograf Matthieu Gafsou im Rahmen des Foto-Wien-Festivals in der Otto-Wagner-Postsparkasse seine Bilderserie „H+“ zum Thema Transhumanismus. Darunter ist die Aufnahme einer Laborratte, mittels Gurtenkonstruktion künstlich auf den Hinterbeinen gehalten, in den Kopf eine Elektrode gesteckt, in ihrem Gesicht alles Leid der Welt.

Es ist dieses gequälte Tier, an das einen Andrea Breths Abschiedsinszenierung am Burgtheater von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ denken lässt. Alles ist grau und Beklemmung und Plage, Breth versetzt des Dramatikers Homo homini rattus in eine Atmosphäre diffuser Angst – und selbst ein, zwei die Zuschauer zum Lachen animierende Momente, etwa, wenn die Gesamtschaft der Theatermenschen zu 1920er-Jahre-Schlagern stolpernd auf die Bühne tänzelt, enttarnen sich als kritischer Kommentar zu deren letzter verzweifelter Selbstbehauptung als bildungsbürgerlicher Kreis. Eine Empfindung von Ausweglosigkeit tut sich auf, unterstrichen vom Bühnenbild Martin Zehetgrubers, dieses ein Labyrinth aus durch Verdreckung opaken Plexiglaswänden, durch das die Figuren mal gehetzt laufen, mal wie somnambul irren.

Getriebene, auf der Flucht vor ihren Lebensumständen. Versuchstiere, deren Verhalten die Breth mit ihrer Arbeit erforschen will. Kein Dachboden, keine John’sche Wohnung mehr, kein oben oder unten, sondern ein sich beinahe beständig drehender Müllfundus aus versifften Matratzen, ausrangierten Kloschüsseln, der Boden bedeckt mit Zeitungsfetzen, später mit gesichtslosem Leichen-Volk, in Winkeln hockende Riesenratten. Durch diesen Schmutz-Filter sind die Szenen zu sehen, die Rotation eröffnet immer wieder neue Räume und Perspektiven, doch kein Durchlass, kein Entkommen nirgendwo. Ein Setting, in dem Breth als Großmeisterin des psychologischen Naturalismus nun die Zustände menschlicher Würde auslotet.

Maurerpolier John freut sich über das Söhnchen: Johanna Wokalek, Oliver Stokowski und Alina Fritsch. Bild: Bernd Uhlig

Doch Pauline Piperkarcka will ihr Kind um jeden Preis zurück: Sarah Viktoria Frick und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Und in dessen Mittelpunkt sie bemerkenswerter Weise den oft so genannten und mitunter wenig verstandenen zweiten Handlungsstrang stellt – die Begebenheiten rund um den ehemaligen Theaterdirektor Hassenreuter, dessen Frau und Tochter und Schauspielschüler. Deren groteske Proben zu Schillers „Die Braut von Messina“ auf dem Mietshausspeicher, den daraus entstehenden Streit zwischen Hassenreuter und dem aus dem Theologiestudium ausgeschiedenen Erich Spitta. Hie ein Plädoyer für das Pathos, da die Ablehnung alles gestelzten Bombasts.

Spittas kühne Aussage, eine Putzfrau könne ebenso Protagonistin einer großen Tragödie sein, wie eine Shakespeare’sche Lady Macbeth, leitet Breth direkt über zum Drama der Frau John und des ungewollt schwanger gewordenen Dienstmädchens Pauline Piperkarcka.

Sven-Eric Bechtolf spielt sich als Hassenreuter brillant ins Zentrum der Aufführung. Wie alle Darstellerinnen und Darsteller des Abends beherrscht er die Kunst vielschichtiger Charakterzeichnung, Breth hat mit ihrem Ensemble in feinsten Nuancierungen herausgearbeitet, wann die Figuren vorgeben zu sein und wann sie wirklich sind.

Aus Hauptmanns satirischer Überspitzung macht Bechtolf eine brüchige Gestalt, die im Frack und mit Gehstock Halt in ihrer Großmannshaltung sucht. Er geriert sich als Theatergott, der vom hohen, reinen Parnassos in die Probleme der Zinskaserne gezogen wird, wo er gütig zwischen den Sterblichen zu vermitteln sucht, während tatsächlich sein Familienleben nicht weniger von Lüge und Argwohn umwölkt ist, wie das der Johns.

Beeindruckend ist auch Johanna Wokalek, die die Frau John früh changierend zwischen depressivem Irresein und kalter Berechnung anlegt. So, wie sich in dieser Inszenierung alles zwischen Wahnsinn und Wahnwitz bewegt, hält sie das Söhnchen der Piperkarcka bald für ihr eigenes, vor drei Jahren verstorbenes, und manipuliert ihren offensichtlich geistig beeinträchtigten Bruder, bis er zum Mörder wird. Nicholas Ofczarek macht aus diesem Bruno einen Psychopathen, der einen schaudern lässt und gleichzeitig doch auch Mitleid erregt. Wie man es hier angesichts dieser Erniedrigten, Ausgestoßenen, Hoffnungslosen eigentlich mit jedem hat. Oliver Stokowski gelingt als Maurerpolier John die imposante Studie eines gutherzigen Kerls, der den latenten Gewalttäter allerdings in sich trägt.

Frau Johns Bruder Bruno ist ein gefährlicher Psychopath: Nicholas Ofczarek und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Hassenreuter versucht zu vermitteln: Sylvie Rohrer, Oliver Stokowski, Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Christoph Luser als aufmüpfiger Erich Spitta und Marie-Luise Stockinger als Walburga gehören ebenfalls zu den Erfreulichkeiten des Abends. Und natürlich Sarah Viktoria Frick, die als gekaufte und verratene Piperkarcka im Wortsinn gegen die ihr widerfahrenden Ungerechtigkeiten anrennt. Viel große Schauspielkunst zeigt sich auch in den kleineren Auftritten: Roland Koch als rigoroser Gottesmann Pastor Spitta, Stefan Hunstein, der als Käferstein ein Kabinettstück liefert, Elisabeth Augustin als Frau Kielbacke, Bernd Birkhahn als Schutzmann oder Branko Samarovski als Hausmeister Quaquaro.

Als Königinnen des Dramatischen beweisen sich einmal mehr Sylvie Rohrer als realitätsferne Hassenreuters-Gattin, Andrea Wenzl als Wienerisch parlierendes Hassenreuters-Pantscherl Alice Rütterbusch – und die wunderbare Andrea Eckert.

Bis sie erscheint, hält man die Morphinistin Knobbe in der Haushierarchie für die Geringste, doch dann kommt eine Aristokratin des Elends, die sich von den anwesenden Herren gern umgarnen lässt. Eindrucksvoll, wie die Eckert mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Das Ende ist ein leises. Alina Fritsch verkündet als Selma den Selbstmord der Frau John.

Darauf kein Aufschrei, kein Ausbruch, keine Anklage, sondern stumm stehen die Figuren auf und setzen ihren Gang durchs Lebenslabyrith fort … Dass Andrea Breth mitten im tosenden Schlussapplaus zum Mikrophon griff, um sich beim Burgtheater-Publikum „für seine Treue“ zu bedanken, kam unerwartet und war schön. Zu hoffen ist, dass dies nur den Abschied vom Haus, aber nicht von Wien bedeutet.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2019

Der Hauptmann

Juni 7, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine mörderische Köpenickiade

„Hauptmann“ Willi Herold (Max Hubacher) mit seinen Untergebenen Freytag (Milan Peschel) und Kipinski (Frederick Lau). Bild: © Julia M. Müller

Zweiter Weltkrieg, 1945, Deutschland. Trompetenkakophonie zur Menschenjagd. Die eigenen Leute verfolgen einen desertierten Soldaten. Dem gelingen Verstecken und Flucht, bevor er in einem stehengelassenen Dienstfahrzeug eine Hauptmannsuniform findet. In wenigen Minuten mutiert der ausgehungerte, entkräftete Willi Herold vom Gehetzten zum Aufhetzer.

Nichts erstaunt ihn selber mehr, aber als dann noch der von seiner Truppe getrennte Freytag demütig vor ihm setzt, um sich dem neuen Kommandanten anzuschließen, ist die Tarnung perfekt. Mit strammen Befehlston lässt sich Herold nun von seinem eben rekrutierten Untergebenen chauffieren. So beginnt Regisseur Robert Schwentkes in schwarzweißen Bildern gehaltener Antikriegsfilm „Der Hauptmann“, der am Freitag in die heimischen Kinos kommt. Die mörderische Köpenickiade ist über weite Strecken eine wahre Geschichte. Der 19-jährige Rauchfangkehrerlehrling Herold wurde dank Dienstgraderschwindelung vom einfachen Gefreiten zum „Henker vom Emsland“. Schauspieler Max Hubacher stellt das glaubhaft dar, wenn er sein in Todesangst verzerrtes Gesicht zur kühlen „Herrenmenschen“-Miene gefrieren lässt. Kleider machen Mörder. Wenig später schon ist Herold ein Kriegsverbrecher.

Auf seiner Fahrt durchs kriegsgebeutelte Nirgendwo liest der Scharlatan immer mehr Soldaten auf, angeblich von ihren Einheiten versprengt, in Wahrheit aber Deserteure wie er selbst, die angesichts des Hauptmanns die Flucht nach vorne antreten. Bald ist die Leibgarde, später das Schnellgericht Herold zusammengestellt. Frederick Lau brilliert als Gegenspieler Kipinski, der Herold zu durchschauen droht, und doch lieber den Mund hält, weil ihn der Hasardeur mit den Drahtseilnerven seinen Sadismus ausleben lässt. Großartig wie Laus Kipinski sowohl latente Befehlsverweigerung als auch Bewunderung für Hubachers Herold und dessen Chuzpe ins Gesicht geschrieben steht.

SA-Mann Schütte (Bernd Hölscher) will das Kommando über das Lager. Bild: © Julia M. Müller

„Bunter Abend“: Herold (Max Hubacher), Gerda (Britta Hammelstein), Schütte (Bernd Hölscher) und Kabarettist Kuckelsberg (Samuel Finzi). Bild: © Julia M. Müller

„Die Lage ist immer das, was man daraus macht“, ist Herolds Leitspruch. Um die Mägen voll zu bekommen, lügt er einem Gastwirt etwas von Entschädigungszahlungen für die erlittenen Plünderungen durch Fahnenflüchtige vor, bald aber steht’s an, das erste Todesurteil zu sprechen und zu vollstrecken. Dies der Moment der vollkommenen Entmenschlichung. Ein Regime, das auf Angst und Terror fußt, sagt Schwendtke, macht solche Situationen, in denen niemand nachdenkt, keiner hinterfragt, und so das nicht einmal besonders raffinierte Blendwerk gelingen kann, erst möglich.

Herolds Wagemut wächst, auf Widerstand stößt er nicht. So gelangen er und seine Mannen ins Strafgefangenenlager Aschendorfermoor, wo Diebe und Deserteure auf ihre Hinrichtung warten. Und weil vom „von ganz oben / Führerbefehl“ gesandten Offizier eine Direktive bezüglich der aus allen Nähten platzenden Baracken erwartet wird, schlägt die Befehlsgewalt mit aller Macht zu. Mehr als 100 Häftlinge haben der reale Herold und seine Leute in acht Tagen brutal erschossen. In von ihnen selbst ausgehobenen Gruben und bei perversen „Bunte-Abend“-Spielen.

Ein nazideutsches Militärgericht ließ den machttrunkenen „Rächer der deutschen Ehre“ zunächst laufen, „weil das Land derzeit so durchsetzungsstarke Männer braucht“, erst die Briten richteten Herold 1946 schließlich hin. Schwendtke zeigt das Lager als hierarchisch bestimmten Behördendschungel, in dem die Rechte nicht weiß, was die Rechte tut. Bernd Hölscher als SA-Mann Schütte und Waldemar Kobus als Lagerleiter Hansen matchen sich um Kompetenzen, wichtig ist, dass man fürs Massaker eine schriftliche Bewilligung von der Justizbehörde hat, schließlich will man alles, nur keine verwaltungstechnische „Sauerei“. Samuel Finzi als duckmäuserischer Kuckelsberg und Wolfram Koch als ehrenhafter Schneider geben zwei inhaftierte Kabarettisten, die beim Schergenvergnügen wenig erfolgreich um ihr Leben spielen. Britta Hammelsteins Schütte-Verlobte Gerda will zum Spaß nämlich auch einmal schießen.

Das Schnellgericht Herold zieht durch Görlitz. Bild: © Julia M. Müller

Kameramann Florian Ballhaus hat für diese letzten Tage der Hitler-Herrschaft Endzeitstimmungsbilder gefunden. An drastisch gezeigten Gräueln wird der Zuschauer nicht geschont, am heftigsten die minutenlange Erschießungsszene der Gefangenen und die Sequenz, in der Schütte schlussendlich von einer britischen Fliegerbombe effektvoll zerfetzt wird. Ein wenig zu holzhammrig fällt das Ende der Geschichte aus:

Da ist das Schnellgericht Herold nämlich im Heute angelangt, in Görlitz, wo es Passanten drangsaliert und ihnen Wertgegenstände abnimmt. Ein „Er ist wieder da“-Einfall, der nicht notwendig gewesen wäre, um zu verdeutlichen, dass die Ewiggestrigen immer noch fröhliche Urständ feiern. „Der Hauptmann“ wäre auch ohne diesen expliziten Querverweis als Film stark genug.

www.derhauptmann-film.de

  1. 6. 2018

Akademietheater: Vor Sonnenaufgang

Dezember 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bipolar gestörte Familienverhältnisse

Fröhliches Feiern: Markus Meyer (Thomas Hoffmann), Dörte Lyssewski (Annemarie Krause), Michael Maertens (Alfred Loth) und Marie Luise Stockinger (Helene). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die langerwartete Geburt setzt ein, Martha wird nun ihr Kind bekommen. Sekt wird zu Fruchtwasser, drei kreischende Männer ersetzen die gebärende Frau, einer fällt in Dauerohnmachten, einer hält sich an der Flasche fest, einer hämmert ins Klavier … Dies die Temperatur von Dušan David Pařízeks Inszenierung von „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater.

Für die der Regisseur einmal mehr seine zuletzt am Volkstheater immer wieder eingesetzten, geliebten Overheadprojektoren und seine Schminktische mitgebracht hat, von beiden jeweils zwei Stück, wobei erstere diesmal als Rampenscheinwerfer dienen. So viel zum szenischen Teil des Abends. Zwingender als Pařízeks Arbeit ist jedenfalls die von Ewald Palmetshofer. Von ihm nämlich stammt der Text, eine Gerhart-Hauptmann-Überschreibung im Auftrag des Theaters Basel, nun ist in Wien zu sehen, wie brillant das geworden ist.

1889 hat Hauptmann sein Werk verfasst. Darin besucht der Volkswirt Alfred Loth seinen alten Studienfreund Thomas Hoffmann auf dem Lande, wo der in eine ortsansässige Bauernfamilie eingeheiratet hat. Der linke Intellektuelle trifft auf einen konservativ Gewordenen und ist entsetzt, auch über den allüberall herrschenden Alkoholismus, ist er selbst doch strikter Abstinenzler. Zwar gibt es ein Liebesintermezzo mit der jüngeren Tochter des Hauses, Helene, doch wird Alfred sie wieder verlassen – eben, weil ihm in der Familie zu viel gesoffen wird.

Palmetshofers Fassung deutet die Differenzen nur an. Die gesellschaftlichen Grenzen sind bei ihm verwischter, die Figuren wirken verlorener, taumelnd. Ihre Sprachlosigkeit ist in Halbsätzen, in abgebrochenen Sätzen festgehalten; sie mäandern durch das, was sie sagen wollen, und gerade weil sie so im Unkonkreten bleiben, ist diese Familienaufstellung sehr prägnant. Die Krauses sind natürlich längst keine Bauern mehr, sondern Unternehmer, Alfred ein Journalist bei einem linken Wochenblatt, dem man zunächst unterstellt, einen Aufdeckerartikel schreiben zu wollen.

Doch dahinter lauert die Familienkrankheit …: Michael Abendroth (Egon Krause) und Dörte Lyssewski. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… alle leiden an Depressionen und an Alkoholismus: Markus Meyer und Stefanie Dvorak (Martha). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Michael Maertens ist großartig als unsicherer, sensibler Eindringling, denn eigentlich bereitet sich die Familie auf die Geburt von Tochter Marthas erstem Kind vor, wie er vor Verlegenheit von einem Fuß auf den anderen tritt, und trotzdem seine Standpunkte durchsetzt, das ist Maertens vom Feinsten. Markus Meyer als Thomas Hoffmann ist ihm ein entsprechend starker Widerpart, nicht wirklich unsympathisch, aber auch keine Figur, der die Herzen zufliegen. So distanziert, wie er sich zum Geschehen verhält ist klar, ihm ist nur am Firmengeld und am Chefsessel gelegen.

Palmetshofer geht dem bei Hauptmann festgeschriebenen Alkoholismus auf den Grund, er verortet ihn in einer Familienkrankheit. Jeder scheint hier an einer bipolaren Störung zu leiden, vor allem die Töchter des Hauses sind manisch-depressiv, doch erfährt man das nur allmählich und mehr zwischen den Zeilen: dass Martha (Stefanie Dvorak überintensiv) ihr – schließlich ohnedies tot geborenes – Kind deshalb nicht wird lieben können, und dass ihre Schwester Helene offenbar Job und Wohnung verloren hat. Marie-Luise Stockinger gestaltet sie als eine, die sich bemüht, gute Miene zum bösen Lebensspiel zu machen. Fabian Krüger gibt den Hausarzt Dr. Schimmelpfennig als einen, der Helene liebt, aber um ihre Probleme weiß.

Der Arzt bleibt unglücklicher Beobachter: Fabian Krüger (Dr. Peter Schimmelpfennig). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Vater und Stiefmutter glänzen der vom Volkstheater ausgeborgte Michael Abendroth und Dörte Lyssewski, sie als überdrehte Übermutter, er als bärbeißiger guter Kerl, geben die beiden der Aufführung die Prise Humor, die sie braucht. Während der Alkohol in Strömen fließt … Der Schluss ist bei Palmetshofer je nach Sichtweise happy. Alfred, nun über Helenes Zustand, ihre „dunkle Seite“ informiert, bleibt dennoch – doch wie soll das enden?

Im Kern ist Pařízek weder zu Palmetshofer noch zu Hauptmann viel eingefallen, und, was die Schauspieler nicht selber aus den Charakteren rauszuholen vermögen, verflacht. Mehr Regieideen als die Gimmicks von gestern hätten dem Abend gutgetan. Und ein Esstisch.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2017

Theater in der Josefstadt: Vor Sonnenuntergang

September 4, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael König brilliert als alter Clausen

Martina Ebm, Michael König Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm, Michael König
Bild: Sepp Gallauer

„Bin ich noch in meinem Haus?“, sind die kolportiert letzten Worte von Gerhart Hauptmann. Der Literaturnobelpreisträger hätte sie auch seinem letzten großen Theaterhelden, dem Geheimen Kommerzienrat Matthias Clausen, in den Mund legen können. Wollen den doch seine Kinder und Schwiegerkinder von der Macht in die Ohnmacht verbringen, weil der zuletzt am Leben schwächelnde Witwer sich im hohen Alter von 70 Jahren erdreistet mit einer jungen Frau, Inken Peters, wieder zu Kräften zu kommen. Die Liebe! Oder so. Modern ist dieser Ansatz eines Stücks aus dem Jahr 1932, in dem ein geschundener Geist in einem gesunden Körper ein Pendant zu finden hofft. So zeitlos, wie die Regiearbeit von Janusz Kica, mit der das Theater in der Josefstadt die Saison eröffnete. Geboten wird, wäre dieses Wort nicht so absurd, weil es kein Theater ohne Schauspieler gibt, man müsste es hier schreiben: großes Schauspielertheater. Michael König brilliert als alter Clausen, Martina Ebm spielt die Inken. Das Ensemble der Josefstadt erweist sich in diesem Kampf der Generationen einmal mehr als homogen in Sprache und Stil. Und Kica einmal mehr als einer, der seine Akteure liebt und anzuleiten weiß.

Im kühlen Bühnenbild von Karin Fritz – ein drehbares Podest als sachlicher Salon, das zuletzt noch mit einem Lichteffekt punktet, ein großkotziger Kamin in Grabsteinoptik – entfaltet er den Hauptmann’schen Figurenreigen. 16 Personen. Und Kica hat sie alle im Blick. Keine, die er nicht mit feiner Feder skizziert, keine, die er nicht in ihrer Vielseitigkeit schillern lässt. Er inszeniert das große Ganze bis ins kleinste Detail, sozusagen das missbilligende Lupfen der einen und anderen Augenbraue als ob es das ganz Große wäre. Er inszeniert vielsagende Blicke, beredtes Schweigen, stummen Protest, der mindestens so laut ist wie der wortreiche, und bringt so einen gewissen Witz ins Spiel (beispielsweise beim großartig grotesken „Tanz“ rund um den Frühstückstisch, wenn Clausen Inken seiner Familie vorstellt). Die Geste, gleichberechtigt, konterkariert oder unterstreicht das Gesagte. Der Text wird so lapidar fallengelassen, so nebenbei ausgestoßen, wie der Zigarettendunst, mit dem sich die großbürgerliche Familie unzulässige Emotionen in Kette wegraucht. Bis zur Pause hält Kica die Darsteller auf Betriebstemperatur, dann erhöht er von Szene zu Szene auf meist rotierender Bühne die Drehzahl. Bis zur Überhitzung. Wirkungssicher.

Die Josefstadt hat die Kräfte, die Kicas Regieintentionen stemmen können. Etwa Martina Stilp als kalte, arrogante Schwiegertochter Paula, von Hauptmann als „Paprikaschote“ beschrieben, hier eine Königs Kobra, die ihrem schwachen Ehemann die Männlichkeit, wenn schon nicht genommen, so zumindest abgesprochen hat. Den, Wolfgang, Clausens ältesten Sohn, einen Philosophieprofessor, gibt Christian Nickel mit aufgesetzt rechtschaffener Entrüstung als einen, der neben der Welt steht – außer, wenn es ums Geld geht.  Gebildet, aber ohne Herzensbildung. Raphael von Bargen ist als Schwiegersohn Klamroth ein grauslicher Managertyp, selbsternannter Nachfolger Clausens als Rudelführer, der beim Alles-Tun für den Machterhalt zwischen Privatsekretär Wuttke (Matthias Franz Stein) und Diener Winter (eine Type: Alexander Waechter) gegen Wände läuft. Pauline Knof legt Clausen-Tochter Bettina zerfahren hektisch an, eine bigotte Schein-Heilige, eine seufzende Pflichterfüllerin, die doch nur um ihren Platz als erste Dame des Hauses fürchtet. In dieser Schlangengrube ist Siegfried Walther als loyales Schlitzohr Dr. Steynitz einer der wenigen Verbündeten des neuen Paares.

Martina Ebm hat ihre Inken vom Image des Kleineleutemädchens losgelöst, sie ist kein bisschen „Backfisch“, sondern sehr bald aufmüpfig, selbst bestimmt und – so fragt man sich zumindest im ersten Teil – auch berechnend? Dass sie laut Hauptmann „burschikos“, also in Hosen, geht, passt. Sie hat trotz Altersunterschied in der Beziehung die Hosen an. Michael König ist als Zeitungsmagnat und Potentat darstellerisch Primus inter Pares. Seinen Kindern gegenüber aufbrausend, versprüht er für Inken subtil-verhalten genau die Dosis Charme und Virilität, die glaubhaft macht, dass ihm eine so junge Frau zufliegt. Sein Herz und Hirn stehen in Flammen. Und mutmaßlich die Hose. Ebm fehlt das Vokabular der Verliebten. Sie ist von Anfang an mehr auf Konfrontations- denn auf Kuschelkurs. Kica holt sich den sogar bei der Uraufführung verschmähten fünften Akt heran. Bei ihm stirbt Mann doch nicht am Herzen, wiewohl man’s beim ultimativen Verrat heftig brechen hört, so einer muss sich selbst aus dem Leben schaffen! „Der neue Lear“ wollte Hauptmann sein Drama ursprünglich nennen, und wie der Shakespeare-Charakter wird nun auch Michael König überlebensgroß. Vom Verdammer zum Verdammten. Wahnsinnig. Nackt in der Ödnis. Am Ende jeder Unternehmens/Kultur. Das Publikum bedankte die Vorstellung mit lautem Jubel. Müßig hier Superlative zu bemühen. Clausen ist tot, lange lebe der König!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4p0vxYHvzHs

www.josefstadt.org

Wien, 4. 9. 2015