Die Sommerspiele Melk starten ein „Xperiment“

Juni 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Pandemic Edition mit Helena Scheuba und Co.

Alexander Hauer, Wiebke Leithner, Helena Schauba, Lukas Wachernig, Ursula Leitner, Andreas Stockinger und Sebastian Klinser. Bild: © Daniela Matejschek

6 Regisseurinnen und Regisseure, 6 Wochen, 6 Xperimente – die Sommerspiele Melk präsentieren ein völlig neues Konzept für den Sommer. Unter dem Titel „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wird von 10. Juli bis 15. August ein ungewöhnliches Programm als künstlerische Antwort auf die Herausforderungen der vergangenen Monate und die neuen Rahmenbedingungen in der Wachauarena Melk über die Bühne gehen.

Außerordentliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen – das dachte sich auch das Team rund um den künstlerischen Leiter Alexander Hauer und Wiebke Leithner, Geschäftsführerin der Wachau Kultur Melk. Mit dem Projekt „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wollen sie den Dialog mit dem Publikum wiederaufnehmen und Unterhaltung bieten, gleichzeitig neue Impulse setzen und sowohl für das Ensemble als auch für das Team der Sommerspiele Melk eine Perspektive für den Sommer gewährleisten. Dabei war es ihnen wichtig, die ursprünglich geplanten Produktionen der Sommerspiele Melk nicht in einer notgedrungenen „Light-Version“ umzusetzen, sondern die neuen Rahmenbedingungen als Chance zu nutzen:

Alexander Hauer, Sebastian Klinser, Helena Scheuba, Andreas Stockinger im Duo mit Ursula Leitner und Lukas Wachernig werden von 10. Juli bis 15. August sechs Wochen lang sechs Kurz-Produktionen inszenieren. Jeder Regisseur – unter ihnen sowohl erfahrene als auch Nachwuchstalente – kreiert jeweils ein etwa 60-minütiges „Xperiment“, das freitags und samstags jeweils um 20.30 Uhr aufgeführt wird. Auf dem Programm stehen unter anderem Stücke von Hofmannstahl, Nestroy, Soyfer, Aristophanes und eine Rockoper. Die szenische Gestaltung der einzelnen „Xperimente“ ist völlig freigestellt. Dennoch werden Casts & Crews alle auf ihre eigene Weise – mal schwarzhumorig, mal nachdenklich, mal komödiantisch, in jedem Fall unterhaltsam – reflektieren, was die derzeitige Situation mit den Menschen macht.

Die Besucherinnen und Besucher erwarten einige Neuerungen und Überraschungen. So wird in diesem Jahr kein Gastrozelt aufgebaut. Um die Wahrung des Sicherheitsabstandes zu gewährleisten, werden in der Wachauarena anstelle der Tribüne, die normalerweise etas 560 Sitzplätze bietet, Sessel für 250 Zuseher aufgestellt – die Platzierung kann bei jeder Produktion variieren. Denn die Stücke werden nicht immer auf der Bühne aufgeführt, sondern können den gesamten Raum der Wachauarena nutzen. Karten für die „Xperimente“  ab 10. Juni auf:

www.sommerspielemelk.at

7. 6. 2020

The Sisters Brothers

März 13, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der amerikanische Goldrausch als Kapitalismuskritik

The Sisters Brothers: Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli (John C. Reilly) suchen ihren nächsten Hinzurichtenden. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Nun also ist entdeckt, was die Männer des Westens taten, während sie wochenlang durch die Weiten der Prärie ritten. Sie führten hochphilosophische Gespräche zu Pferd. Zumindest machen das Charlie und Eli Sisters so im Film „The Sisters Brothers“, der am Freitag in die Kinos kommt. Der französische Regisseur Jacques Audiard legt mit seiner Leinwandadaption des zynischen Romans von Patrick deWitt ein Meisterwerk vor, das es versteht, ein Genre bis ins kleinste Detail zu bedienen.

Und gleichzeitig auszuhebeln. Man mag Audiards Blick auf die Welt der Goldschürfer und Kopfgeldjäger, auf deren Schießereien, Saufgelage und Bordellbesuche, einen europäischen nennen, gab’s doch sowohl bei den Césars als auch in Venedig die Auszeichnung für die beste Regie. In den USA indes waren „The Sisters Brothers“ kein Box Office Hit – trotz der Starbesetzung Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, John C. Reilly, Riz Ahmed und Rutger Hauer. Die Zeit ist 1851, der Ritt geht von Oregon nach Kalifornien, und auch an die Final Frontier klopft allmählich hartnäckig die Moderne.

Schon die erste Szene macht die Figuren klar, Charlie und Eli Sisters lassen einem Grüppchen von ihnen Verfolgter die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, in diesem Gefecht werden keine Gefangenen gemacht, denn die Brüder sind Killer im Auftrag eines ominösen Commodore – Rutger Hauer, der nicht immer kurz und mitunter auch schmerzhaft beseitigen lässt, wer ihm im Weg steht. Das ist bei Charlies und Elis nächstem Job der Chemiker Hermann Kermit Warm, der ein Verfahren entwickelt hat, eine schwer ätzende Flüssigkeit, die das Erkennen von Gold im Wasser erleichtert, und die der Commodore natürlich in die Finger kriegen will.

Jake Gyllenhaal als sinnsuchender, melancholischer Detektiv John Morris. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Großartig grindige Westernstadt: Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) reitet in Mayfield ein. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Deshalb hat er bereits den Detektiv John Morris auf dessen Fährte gesetzt, er soll Warm aufspüren, damit die Sisters dann die Formel aus ihm herausfoltern können. Morris und Warm werden jedoch Freunde und Geschäftspartner und setzen sich ab. Charlie und Eli nehmen die Verfolgung auf und verstricken sich auf ihrem Weg in immer blutigere, aber auch skurrilere Händel. Wobei anzumerken ist, dass deWitts Buch um einiges brutaler ist als die Filmbilder, die einem sowohl eine traumatisierende Zahnzieh-Szene als auch den qualvollen Tod eines von einem Bären schwerverletzten Pferdes ersparen.

Bei Audiard darf es eher beiläufig sterben, weitere Schrecken finden in der Ferne, im Halbdunkel oder ganz außerhalb der Leinwand statt. Sehr unamerikanisch für diese uramerikanische Kunstform. Joaquin Phoenix spielt Charlie, John C. Reilly Eli Sisters, beide Outlaws schon etwas angegraut und daher auf der Sinnsuche nach einer Existenz ohne den rauchenden Colts. Für Audiard die perfekte Vorlage, um seine motivgetreue Erzählung mit einer Hinterfragung gängiger Männlichkeitsklischees zu unterfüttern. Was ihm mit einem gewissen Augenzwinkern ausgezeichnet gelingt.

Ist der Aufbruch hartgesottener Machos Richtung ihrer femininen Seite doch schon im Titel festgelegt. Während sich derart der sensible und grüblerische Eli immer mehr nach einem gewaltfreien Leben sehnt, ergibt sich Charlie allzu oft dem Suff und stürzt sich darob in Raufereien. Wie Phoenix den besoffenen, unberechenbaren Psycho gibt, ist freilich eine Glanzleistung, übertroffen allerdings von der Reillys – der es übrigens auch war, der das Projekt gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Produzentin Alison Dickey, angestoßen hat. In einer anrührenden Szene bittet er eine Prostituierte um ein Rollenspiel mit Damenschal, wovor sich das Mädchen erst fürchtet, bevor sie erkennt, wie seelisch angeschlagen das starke Geschlecht, das da vor ihr – naja – steht, ist.

Eli ist es auch, der dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ist. „Musstest du dieses Gespräch jetzt so ins Banale ziehen?“, fragt er einmal den Bruder. Dann wieder startet er einen ersten Versuch mit Holzzahnbürste und Zahnputzpulver, allein, wie er das mysteriöse Instrument im Gemischtwarenladen entdeckt und bestaunt, spielt Reilly komödiantisch großartig, auch, wie er die mit Zeichnungen versehenen Instruktionen zum Gebrauch studiert. Später begeistert er sich im Sündenbabel San Francisco über ein Wasserklosett – „ein bisschen Komfort in unsicheren Zeiten“, stellt er dazu fest. Und während sich als Settings von Schlamm verschmutzte Städte, eigentlich Ansammlungen enger Bretterbuden, und einer wuchtigen, wilden Landschaft abwechseln, sieht man in einem Albtraum Elis den sadistischen Vater, dem schließlich Charlie den Garaus machte. Revolverhelden mit grauenhafter Kindheit also.

Shootout Showdown: John Morris (Jake Gyllenhaal), die Sisters Brothers (Joaquin Phoenix und John C. Reilly) und Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Dieser gebeutelten Familienbande stellt Audiard ein nicht minder als krisenhaft gezeigtes Paar gegenüber: Jake Gyllenhaal als melancholischer Schöngeist John Morris, auch er ein Sinnierer übers Dasein an sich und seines im Besonderen, der sich mit dem eigentlich auszuliefernden Hermann Kermit Warm in Diskussionen über die ideale Gesellschaft begibt. Will Warm doch mit dem zu erwartenden Gewinn eine basisdemokratische Enklave in Texas finanzieren.

Der britische Schauspieler Riz Ahmed, dessen Eltern aus Karatschi nach Großbritannien gekommen sind, verkörpert Warm, der „Fremde“ im Wortsinn ein warmherziger Mensch, dessen Vorstellungen eines sozialistisch geprägten Landes staunen machen. Eine sehr zeitgemäße Kapitalismuskritik, die Audiard noch verstärkt, als die Sisters Brothers am Claim von Warm und Morris eintreffen, und Charlie, von der Gier übermannt, die finale Katastrophe auslöst …

Jacques Audiards Charakterdrama mit komischen Einsprengseln (an dieser Stelle sei noch Rebecca Root als mörderische(r) Mogul in dem nach ihm/ihr benannten Kaff Mayfield erwähnt) und wunderbarem Dialogwitz ist das Beste, das dem Western seit Langem passiert ist. Hervorragend inszeniert und gespielt, in den ausgestellten Themen nahe am Heute. Dass es ausgerechnet der Utopist, der politische Visionär mit den gepflegten Umgangsformen ist, der mit seinem Beitrag zum Goldrausch das Gute will und dabei das Böse schafft, gibt einem zu denken. Der idealistische Vertreter eines Demokratieverständnisses, Gegner von im übertragenen Sinne Globalisierung und Konzerntyrannei, muss anno 2019 naturgemäß scheitern.

www.wildbunch-germany.de/movie/the-sisters-brothers

  1. 3. 2019

Sommerspiele Melk: Luzifer

Juni 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Teufel schlägt Gott k.o.

Im Pandämonium: Max Niemeyer, Sigrid Brandstetter, Sophie Prusa, Kajetan Dick, Helmut Bohatsch, Katharina Dorian, Jan Hutter und Christian Kainradl. Bild: Daniela Matejschek

Im Jahr 1600 entwarf der deutsche Theosoph Jacob Böhme in seiner Schrift „Aurora“ eine mystische Kosmogonie, in der Gott in sich sowohl das Helle wie das Dunkle birgt. Für Böhme ist die Gestalt des Bösen eine reale Macht, deren eigentlicher Zweck es ist, als Gottes Werkzeug dessen Herrlichkeit zu offenbaren. Ein ähnliches Licht-Finsternis-Prinzip entfaltet nun Bestsellerautor Bernhard Aichner, der für die Sommerspiele Melk das Auftragswerk „Luzifer“ verfasste.

In der bewährten Regie von Intendant Alexander Hauer bleibt der Text des Thrillerschreibers genau dieses, ein spannendes, hochphilosophisches Stück, dem es auch nicht an Witz mangelt. Luzifer also lädt Gott zu einer Vorstellung seines „Theater des Bösen“ um die ewig schwelenden Konflikte zwischen ihnen auszutragen. Noch nagt am Höllenfürst der Sturz in ebendiese, er findet es ungerecht und falsch für alles Unrecht dieser Welt verantwortlich gemacht zu werden. Im Pandämonium inszeniert er Szenen, hinterfragt die Motive seiner Darsteller, dirigiert – so scheint’s – und komponiert. Auf der fulminanten Bühne von Daniel Sommergruber, die vom abgewetzten Lehnstuhl bis zum Autowrack eine Müllhalde der menschlichen Geschichte zeigt, erscheinen Mordgestalten von Iwan dem Schrecklichen bis Idi Amin, von Mao bis König Leopold II. von Belgien, aber auch Lynndie England, die Todesengel von Lainz oder Marc Dutroux fehlen nicht.

Derart entspinnt sich ein Disput, wer das Böse in die Welt gebracht hat. Kajetan Dick gibt im schwarzen Nadelstreif einen überkandidelt-verbissenen „Spielverderber“, Helmut Bohatsch im weißen einen unsympathisch-selbstverliebten Allwissenden. Unterstützt werden die beiden von Sophie Prusa, Sigrid Brandstetter, Katharina Dorian, Jan Hutter, Christian Kainradl und Max Niemeyer, die als Gegenspieler Gottes in jeweils mehrere Rollen schlüpfen – und doch von diesem so manipuliert werden, dass am Ende jeder Episode dessen Wille geschehe.

Der Chor „Bühne Frei!“ gestaltet Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach. Bild: Daniela Matejschek

Manipulieren die Menschen: Helmut Bohatsch als Gott und Kajetan Dick als Luzifer. Bild: Daniela Matejschek

Viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gibt es da, wenn die Themen Missgunst, Neid, Ignoranz, Wut verhandelt werden. Immer wieder inszeniert Luzifer sein eigenes Schicksal, der großartige Chor „Bühne Frei!“ gestaltet etwa Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach, doch als der Teufel sieht, wie ausweglos sein Unterfangen ist, schlägt er kurzerhand Gott k.o. Schließlich bleibt den beiden Fädenziehern nichts, als sich an den dritten Spieler zu wenden, die Menschen, heißt hier: das Publikum, das nun befragt wird, an wen es glaubt und wen es für das eigene Tun verantwortlich machen möchte. Gespielt wird dazu eine Szene über Ehebruch, und die Zuschauer sollen entscheiden, welches Ende ihnen besser gefällt.

Dieser Teil nach der Pause entpuppt sich als schwächer als der erste, vor allem auch, weil der Ausgang des Wettstreits nur „gedacht“ werden soll. Es wäre spannend gewesen, eine tatsächliche Abstimmung mitzumachen, um zu sehen wie das Match um Verantwortung und Schuld, Macht und Moral, Manipulation und Mündigkeit ausgeht. Apropos: Nicht alles an diesem Abend geht sich aus, einiges zerfasert in seiner Vieldeutigkeit oder franzt an den Rändern aus. Dennoch ist es höchst vergnüglich an Aichners ironischen Andeutungen die eigene Weltanschauung zu überprüfen. Man wird feststellen, wie auf der Bühne kommt da manches Paradox heraus.

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 6. 2018

Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Sommerspiele Melk: Odyssee

Juni 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt - die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: DanielaMatejschek

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt – die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: Daniela Matejschek

Inmitten oranger Rettungswesten schwemmt es einen letzten Überlebenden an. Er sei dem Krieg entronnen, sagt er, aber war es nicht „nur“ der Hunger, der den schmutzigen Bettler an die Küste trieb? Die Bewohner derselben wollen den Parasiten, der sich ins Land schleicht, um ihre Luft zu atmen, jedenfalls nicht haben – und das machen sie ihm unter Schlägen und Fußtritten klar.

Was so beginnt, ist Alexander Hauers Inszenierung der „Odyssee“ bei den Sommerspielen Melk. Mit Autor Stephan Lack hat der für seine innovativen Arbeiten bekannte Intendant Homers Epos in ein Schauspiel verwandelt – und es ist sein bisheriges Meisterstück geworden. Der Theatermacher, den bekanntlich Vorlagen unter 1500 Seiten oder in diesem Fall 12.000 Hexameterversen gar nicht erst reizen, folgt der vom antiken Dichter vorgegebenen Vielschichtigkeit in vielerlei Hinsicht. Wie er haben Lack und Hauer eine komplexen Erzählweise mit ineinander verflochtenen Parallelhandlungen, Rückblenden, Einschüben und Perspektivwechseln für ihre Geschichte entwickelt. Das Ganze wird nicht chronologisch geschildert, sondern setzt mit der Rückkehr des Odysseus in Ithaka ein. Wo er seinem ihn erkennenden Vater Laertes und seinem ihn verkennenden Sohn Telemach von seinen Irrfahrten berichtet.

Die Zeiten- und Seitenwechsel funktionieren am Beispiel der Kalypso-Episode erklärt so: Während Odysseus Vater und Sohn aus seiner Sicht die Geschehnisse beschreibt, unterhält die Magd Melantho die Freier Penelopes mit der ihren, der weit weniger heroischen, dafür umso erotischeren. Derweil trauert die treue Ehefrau hoch oben im Gemach um den Gemahl und klagt im Bühnenvordergrund die Nymphe den Liebhaber an, was er durch die Flucht von ihrer Insel denn gewonnen hätte. Odysseus steigt zu ihr aufs Felsenpodest, umarmt sie in der Vergangenheit wie im Jetzt, aber Telemach sieht sich gegenwärtig schon mit einer anderen seiner Geliebten, der Zauberin Kirke, konfrontiert … Dass sich das alles ausgeht, dass man dem allen zu folgen vermag, dass so eine aberwitzige Spannung aufgebaut und aufrechterhalten wird, ohne durch Video- oder andere Künste den Polyphem oder Skylla und Charybdis oder die Sirenen-Vogelfrauen zu generieren, dass statt dessen der ganze Abend aus einer Beschwörung der gemeinschaftlichen Fantasie entsteht, ist ein großartiges Geschenk an das Publikum. Und wurde zum Schluss mit entsprechend tosendem Applaus bedankt.

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit "Iro" Thomas Dapoz, "Telemach" Matti Melchinger und "Laertes" Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit „Iro“ Thomas Dapoz, „Telemach“ Matti Melchinger und „Laertes“ Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Königstochter Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus' Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus‘ Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Viel Verdienst an dieser Umsetzung hat das Bühnenbild von Daniel Sommergruber, das mit Sockeln, Rampen, einem kippbaren Tunnel und einer Kemenate dieses Spiel auf mehreren Ebenen erst möglich macht. Die Kostüme von Julia Klug dazu sind angedacht antik-orientalisch mit Ausflug in eine opulente Zeitlosigkeit. Der Text holt das Homer’sche Pathos ins Heute. „Du mich auch, Antinoos“, darf etwa Telemach auf den Gruß eines Penelope-Belagerers erwidern.

Und Lack und Hauer tun mehr. Sie reichern die Odyssee mit Feuerbach, der Aufklärung und einem Schuss Feminismus an. Penelope ist die Starke; die ständigen Seitensprung-Storys, denn der Zauberinnen, Nymphen und Prinzessinnen waren ja nicht wenige, längst leid, dieses sich immer wiederholende „Halb zogen sie ihn, halb sank er ihn“, fällt ihr Empfang schließlich entsprechend kühl aus. Doris Schretzmayer gestaltet die Königin mit einer angewiderten Würde.

Nicki von Tempelhoff ist Odysseus. Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom, ein zerrütteter, wütender, um sein Leben betrogener Mann. Wie er die Gräuel von Troja schildert, weist er die Griechen nicht nur als grausame Kriegsherren aus, sondern verweist auch auf die Sinnlosigkeit dieses, wie jedes blutig ausgetragenen Konflikts.

Doch der Listenreiche wird von den Theaterautoren jeglichen Opfermythos‘ entkleidet, nicht die Götter haben, seine Hybris hat sein Schicksal verschuldet. Bei Lack und Hauer ist Odysseus nicht weniger ein Schwein als seine verwandelten Kameraden, und gejagt von den Geistern seiner Vergangenheit dem Wahn näher als dem Sinn. Tempelhoff ist ein Kraftfeld, das die Aufführung an sich zieht, ein Naturschauspiel, das für sich Aufmerksamkeit einfordert. Wie gebannt folgt man seiner expressiven Darstellung, wie es ihn innerlich schindet und schilt und zerreißt ob der begangenen Taten, wie er sein tatsächliches Ich verbergen und auf seinen Moment der Rache warten muss. Für ihn haben Schlacht und Schlachten noch kein Ende, wird man noch erfahren, für War Pigs gibt es keinen Frieden, das war 1200 vor Christus so wahr, wie es das 2016 nach ist.

Eine ganz bemerkenswerte Erscheinung ist Matti Melchinger, der einen trotzigen, mutigen, jugendlich ungestümen Telemach spielt, dessen Lebensziel es ist, möglichst nicht so zu werden wie der Heldenvater. Er ist in dieser Inszenierung die Lichtgestalt einer hoffentlich aus der patriarchalen Alleinherrschaft aufbrechenden Generation. Melchinger, einerseits „erst“ seit zwei Jahren Schauspielstudent, andererseits mit dem Jungen Theater Wien bereits Compagnie-Chef (mehr: jungestheaterwien.wix.com/junges-theater-wien) gibt eine beachtliche Probe seines Könnens ab. Christian Preuß und Beatrice Fago gestalten Laertes und die Amme Eurykleia mit der ihnen eigenen Prägnanz und Brillanz. Unter den Freiern sticht Giuseppe Rizzo als Eurymachos ebenso hervor, wie Kajetan Dick als Seher Teiresias; Dagmar Bernhard ist eine bösartig-bissige Magd Melantho.

Nicki von Tempelhoff als Odysseus. Bild: © Daniela Matejscheck

Odysseus, umringt von zuviel Weiblichkeit. Bild: Daniela Matejscheck

Im zweiten Teil des knapp dreistündigen Abends entwickelt sich die tiefenpsychologische Betrachtung der antiken Abenteuer zur schnellen Action. Nachdem Odysseus mehrmals aus seiner Bettler-/Rolle fällt, als ihn die Zuhörer auf Ungereimtheiten in seinen fantastischen Ausführungen hinweisen, auch das eine schöne, weil Ungeheuer befreite Idee von Lack und Hauer, steht der ultimative Kampf mit den Freiern an. Doch kaum wieder die Oberhand gewonnen, ist Odysseus ein Despot, wie er früher einer war. Nicht anders als Achill dem Hektor verweigert er den von ihm Geschlagenen ein ehrenvolles Begräbnis, muss, um deren Familien zu entgehen, erneut in die Ferne aufbrechen. Aber ein ihm unbekannter Knabe steht da, sein mit Kirke gezeugter Sohn Telegonos, dessen mütterlicher Arbeitsauftrag in der Telegonie des Eugamon von Kyrene nachzulesen ist …

Der Mensch kann aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne beginnt. „Soll Griechenland zum Lager der verlorenen Seelen werden?“, fragt der alte Laertes. In diesem Sinne ist die „Odyssee“ in Melk über eine gelungene Theaterproduktion hinaus die Beschreibung eines europäischen Krisenzustands und ein Beispiel dafür, wie einer die Kyklopen, die er rief, nicht mehr los werden kann. Bravo.

www.sommerspielemelk.at

Wien, 17. 6. 2016