Schauspielhaus Wien: Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht

November 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine rotzfreche Restaurierung der Restauration

Hans Kudlich ruft auf Europas gespaltenem Stier die Revolution aus: Nicolaas van Diepen. Bild: © Matthias Heschl

Hans Kudlich ruft auf Europas gespaltenem Stier die Revolution der Bauern auf: Nicolaas van Diepen. Bild: © Matthias Heschl

Die Dinge ändern sich ständig, damit sie gleich bleiben können, heißt es an einer Stelle im Stück. „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ heißt das Stück von Thomas Köck, das nun am Schauspielhaus Wien zur Uraufführung gelangt ist. Der gehypte Auch-nicht-mehr-so-junge-Jungautor befasst sich darin mit dem österreichischen Bauernbefreier Hans Kudlich, der im Wiener Oktoberaufstand 1848 zum Landsturm aufrief und ergo als Unruhestifter von Kaisertreuen verfolgt und gejagt wurde.

Linear zu erzählen, ist Köcks Sache nicht. Und so springt er zwischen den Jahrhunderten; in einer wunderbaren Sequenz sitzt das schon als Kind aus vielen Wunden blutende 21. am Bett des vor Erschöpfung eingeschlafenen 20. – keine Antworten, keine Hilfe zum eigenen Tun, und Rettung nirgendwo. Hochpoetisch ist dieser Text, wunderschön anzuhören, diese Sprache, die sich tief ins Fleisch bohrt, und passenderweise immer dann enigmatisch wird, wenn dem Autor die Fäden entgleiten. In diesen Momenten ist man im Publikum nur Trittbrettfahrer des Abends.

Man muss das Ganze wohl wie ein Oratorium genießen, ein chorisches Werk mit Solostimmen, das Regisseur Marco Štorman mit fabelhaft agierenden Darstellern präzise und punktgenau inszeniert hat. Apropos, Fäden: Auf einer auf drei Seiten von den Zuschauern umrahmten Fläche beginnen eine Marionette und ein Krummgebuckelter ihren Prolog, unklar ist, wer wessen in der Hand hat, doch die beiden werden bis zum Epilog erkennen, dass sie als Wiedergänger auf ewig in unheiliger Allianz verbunden sein werden. Auf eine Brise Kleist, folgt ein Hauch Walter Benjamin; Aufdeckungsjournalistin Arabella und Georg Büchner werden später noch miteinander scharmützeln. Der Doch-noch-so-junge-Jungautor Köck packt an und hinein, was geht; die Weglassung ist bekanntlich eine Errungenschaft des Älterwerdens.

Dabei macht er ohnedies auch ohne allen dramatischen Schnickschnack klar, worum es ihm geht. Um den neonationalistischen Ungeist, der den historischen Hass der Völker neu belebt. Um einen Frieden in Europa, der seine Sicherung nur durch eine harte rechte Hand verspricht. Um ein Zurück zu Vaterland, Heimat, Mistgabeln. Europas Stier dominiert die Spielebene, nur ist er ein zerrissener, ein scheibenweise nach allen Seiten auseinanderstrebender, als wär‘ er eines dieser 3D-Dinosauriermodelle zum selbst Zusammenbasteln, und an Marionettenketten hängt auch er.

Köck hat erkannt, dass erst die Begriffe niedergeschlagen werden müssen, bevor man es mit den Menschen tun kann. So arbeitet er sich mal subtil, mal weniger an der Wortwahl des tagespolitischen Geschehen ab. Ein Amtsanwärter Hofer kommt vor und ein Scharfschütze Kickl und ein Chor der Identitären. Sie und die Prekären bilden die von Kudlich zu bekehrende Masse. Doch ist dem nicht klar, dass von rechts wegen, wer die Ausnahme beherrscht, das auch mit den Regeln tut; so kann er nicht verhindern, dass ihm auch die Falschen folgen. Rotzfrech, stellenweise saukomisch und biedermeierpostmodern schreibt Köck über die Restaurierung der Restauration. „Es mag den einen oder anderen wundern, dass das alles möglich ist“, lässt er Schauspieler Peter Elter als Hofer sagen, er der Charismatiker, der Populist inmitten all der Heilsversprechen, der die Wirtschaft, im Sinne von Unordnung, den Umstand ihrer moralischen Leerstelle, für seine Zwecke nutzt.

Der Messias und sein Märtyrer: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff als die Brüder Hans und Hermann Kudlich. Bild: © Matthias Heschl

Der Messias und sein Märtyrer: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff als die Brüder Hans und Hermann Kudlich. Bild: © Matthias Heschl

Arabella stellt Georg Büchner zur Rede: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff. Bild: © Matthias Heschl

Aufdeckerin Arabella stellt Autor und Revolutionärsvorgänger Georg Büchner zur Rede: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff. Bild: © Matthias Heschl

Nicolaas van Diepen, mit Blondschopf und in rosa Rüschenbluse, ist der androynge Antiheld Hans Kudlich, ein Visionär, ein naiver Jüngling, der nicht begreifen mag, dass der „Volkskörper“ auch ohne Geist leben kann. „Man darf den Protest nicht den Idioten überlassen“, stottert der Revolutionär auf verlorenem Posten. Diepens Kudlich ist eine Messiasgestalt, die ihre Anhänger ans Giebelkreuz schlagen wird. Die Raffeisenrösser reiten eine Attacke; Köcks theatraler Vorwurf an den Befreier beschreibt den Weg der Bauern von der Ausbeutung in die Selbstausbeutung, von Robotleistenden zu Kreditnehmern, die neue Eigenständigkeit ist ebenso mit Blut, Schweiß und Tränen erkauft, wie die alte Abhängigkeit bezahlt war. Und wenn die Milchbauern heute in Brüssel protestieren müssen, so wird wohl der Kudlich dran schuld gewesen sein …

Dem Messias folgt sein Bruder Hermann als Märtyrer. Max Gindorff nimmt es als dieser auf sich, die Kugeln zu fangen, die dem anderen gelten. Wie Elters und van Diepens ist auch seine Darstellung energiegeladen und raumfüllend stark, der große, der radikalisiertere Bruder, der dem zerbrechlich-jüngeren ein Felsen ist, auf den er seine gesellschaftspolitischen Thesen bauen kann. Lisa Maria Sexl als von beiden geliebtes Mädchen Lena und Katharina Haudum als Kickl komplettieren das Ensemble dieser mit Ideologiekritik einerseits, eigener Weltgesinnung andererseits gespickten Aufführung. Am Ende ist die Schlacht geschlagen. Die Bauern lassen das Kämpfen sein, für sie wurde erreicht, was sie wollten, Kudlich muss vor dem Todesurteil flüchten. Und Hofer sagt: „Es entscheiden immer noch wir, wer wir sagen darf.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1jEn1xuVt_g

www.schauspielhaus.at

Wien, 26. 11. 2016

KosmosTheater: Ronald Kuste in „Wunsch und Wunder“

März 2, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine groteske Fortpflanzungskomödie von Felicia Zeller

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Eine aktuelle Umfrage in Deutschland kommt zu dem Schluss, etwa 64 Prozent der 18- bis 30-Jährigen stehen dem sogenannten. „Social Freezing“ aufgeschlossen gegenüber oder haben diese Methode sogar schon genutzt. In Österreich kann die Familienplanung durch das Einfrieren von Eizellen bis zu zehn Jahre nach hinten verschoben werden und steht der Karriereplanung damit nicht im Weg.

Großkonzerne wie Google, Apple und Facebook unterstützen ihre Mitarbeiterinnen dabei sogar finanziell. Aber auch kinderlose Paare können die Erfolgschancen einer Schwangerschaft mit Hilfe der Reproduktionsmedizin erhöhen, sofern sie bereit sind, die damit verbundenen physischen wie auch psychischen Strapazen auf sich zu nehmen, welche die notwendige Hormontherapie mit sich bringt.

In ihrem Stück „Wunsch und Wunder“ beschäftigt sich Felicia Zeller mit den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und dadurch real gewordenen Schöpfungsfantasien. Während sich diverse Kliniken hauptsächlich auf Paare mit unerfülltem Kinderwunsch konzentrieren, stellt Zeller nicht das persönliche Leid in den Fokus, sondern schreibt eine groteske Komödie rund um das Team der erfolgreichen Kinderwunschpraxis „Praxiswunsch“. Der Text, 2015 für den Mühlheimer Dramatikerpreis nominiert, hat am 10. März im KosmosTheater Premiere. Regisseurin der österreichischen Erstaufführung ist Susanne Draxler.

Ihre skurrilen Figuren stehen, so Zeller in einem Interview,  stellvertretend für verschiedenste Haltungen und Lebensläufe, sind zugleich „Handelnde als auch Zubehandelnde“: Dr. Flause, Pionier der Reproduktionsmedizin und Gründer der Kinderwunschpraxis wird von der ständigen Angst geplagt, von einem der zahlreichen – mit eigenen Samenspenden – gezeugten Wunschkind entlarvt zu werden. Während seine Praxiskollegin Dr. Betty Bauer verzweifelt versucht, ein Kind zu bekommen, ist die Sprechstundenhilfe schon wieder ungewollt schwanger. Eine Karenzvertretung muss her und noch ahnt niemand, dass es sich dabei ausgerechnet um eines der gezeugten Wunschkinder handelt, auf der Suche nach dem biologischen Vater…

Zeller nähert sich dem Thema auch sprachlich an und lässt Sätze ineinander verschmelzen, wie es sich eben ergibt: unregelmäßig, absurd und ungeplant. Die Rolle des Zufalls ist für Felicia Zeller wesentlich, er ist nicht nur in der Natur ein entscheidender Faktor, sondern bleibt es auch im sterilen Reagenzglas – eine Schwangerschaft kann schlussendlich auch mit medizinischer Hilfe und hoher emotionaler und monetärer Investition nicht garantiert werden. Wunsch und Medizin konkurrieren in Zellers Text, die Realität wird dem Märchen gegenüber gestellt und die „Machbarkeit“ dem Zufall.

Für „Wunsch und Wunder“ wurde ein erstklassiges Ensemble zusammengestellt. Ronald Kuste, bis 2015 Schauspieler am Volkstheater, spielt den Dr. Flause. Mit ihm stehen Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz und Katharina Haudum auf der Bühne.

www.kosmostheater.at

Wien, 2. 3. 2016

Salon 5: Kassandra

Januar 23, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach der Erzählung von Christa Wolf

Bild:  ©Slavchev & Reymann

Bild: ©Slavchev & Reymann

Kassandra wurde im Trojanischen Krieg durch ihr Wissen und ihre Sehergabe zur unverstandenen Einzelgängerin im Königshaus. Sie gab alles, um ihr Volk vor diesem Krieg zu bewahren. Wurde dafür eingesperrt, verkannt, verlacht, verraten und als jene bezeichnet, die wollte, dass Troja untergeht… Wie kann das sein? Warum dieser Irrsinn? Warum dieser Krieg? Es sind ihre letzten Minuten. Gleich wird sie hingerichtet. „Nie war ich lebendiger als in der Stunde meines Todes. Jetzt.“

Ab 29. Jänner zeigt der Salon5 in der Programmschiene FensterNachMorgen Christa Wolfs Erzählung in einer szenischen Einrichtung von David Stöhr. Die Kassandra gibt Katharina Haudum.

Die Salon5-Programmschiene FensterNachMorgen dient der gezielten Förderung des professionellen Nachwuchses im Sprechtheater: Ein Schaufenster für junge Theaterschaffende, die sich mit ihren Ideen und künstlerischen Ausweisen Raum und Zeit nehmen dürfen. Der Soloabend ist eine Weiterentwicklung des künstlerischen Diplomabends von Katharina Haudum am Max Reinhardt Seminar Wien.

http://salon5.at

Wien, 23. 1. 2014