Volkstheater: Wer hat meinen Vater umgebracht

November 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Blaumann über die Gelbwesten debattieren

Eddys Abrechnung mit dem Vater wandelt sich bei Édouard zur politischen Anklage: Sebastian Klein, Peter Fasching, Julia Kreusch, Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies zum ersten Jahrestag der Gelbwestenbewegung zu schreiben, ist wohl einer jener Zufälle, die es bekanntlich nicht gibt. Gestern erst standen die Gilets jaunes, heißt: deren Darsteller, auf der Bühne des Volkstheaters, heute wartet Frankreich gespannt darauf, ob sich die Wut der Westen neu entfacht. Nichts nämlich hat sich im Macron’schen Machtbereich zum Besseren entwickelt, seit Édouard Louis vergangenen Dezember öffentlich erklärte „Wer eine Gelbweste beleidigt,

beleidigt meinen Vater“, und die Xeno- wie Homophoben in den Protestreihen damit entschuldigte, dass sie „etwas Richtiges und Radikales verkörpern“ und es dank ihres Mouvement endlich eine Kraft gebe, die der herrschenden Klasse Angst einjage. In der entsprechenden Theaterszene sagt Louis diese Sätze in einer Talkshow, von deren Moderator mit blödsinnigen Fragen terrorisiert, währenddessen von den Geistern seiner Vergangenheit drang- saliert. „Schwuchtel“ und Schlimmeres raunen ihm die Strichmännchen-Masken gefährlich zu, ein Flashback im Fernsehstudio, der aus dem zum Bestsellerautor avancierten Édouard wieder den verspotteten, verprügelten Eddy Bellegueule, aus dem Pariser Intellektuellen wieder den Prekariatssohn aus der Picardie macht.

Es sind Regisseurin Christina Rast und Dramaturgin Heike Müller-Merten, die unter dem Titel „Wer hat meinen Vater umgebracht“ Louis‘ gleichnamiges Essay mit dessen Debütroman „Das Ende von Eddy“ unterfüttert haben, und derart die autobiografische Auseinandersetzung Eddy/ Édouards mit dem Vater zwischen der aggressiven, von Abscheu geprägten Abrechnung des Erstlings und der politisch scharfsinnigen Gesellschaftsanalyse der 70-Seiten-Schrift pendeln lassen – die so entstandene Collage nunmehr am Freitag mit Louis‘ Segen zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht, die Produktion mit ihrem sozialkritischen Ansatz, Politisches sei gleich privat und umgekehrt, perfekt fürs Haus und von dessen Publikum bei der Premiere auch heftig akklamiert.

„Wäre dieses Buch ein Theaterstück, würden ein Vater und ein Sohn in einem großen, leeren Raum stehen, mit einigen Metern Abstand zwischen ihnen. Sie sehen sich kaum an, bisweilen berühren sich ihre Körper, aber sie bleiben voneinander isoliert. Der Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters, für die der Vater keine Worte hat.“ Louis‘ Text beginnt mit diesen Zeilen, die sich Rast zum Leitfaden ihrer Inszenierung erkoren hat. Die Figur des Eddy/Édouard verteilt sie auf fünf Schauspieler, Peter Fasching, Sebastian Klein, Julia Kreusch, Sebastian Pass und Birgit Stöger, die gemeinsam die diversen Puzzleteile von Louis‘ Persönlichkeit zu seinem Ganzen machen.

Birgit Stöger mit Vaterpuppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sebastian Pass in Pailletten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Mutter. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gibt Klein mehr den sensiblen Denker, Fasching eher den kopfgesteuerten Künstler, ist Kreusch eindeutig Eddy aus kindlicher Perspektive, spielt Stöger den Polit- und Pass den Schwulenaktivist, dies alles hier zu einfach formuliert und im Spiel nie so simpel transportiert, ergeben sich daraus dennoch die verschiedenen Annäherungsversuche an den Vater. Dieser zu verstehen als eine omnipräsente Großbaustelle, als Leerfläche für die psychologische Projektion – und bei Rast umgesetzt als riesige Puppe, ein Arbeiterklassenkollektivkörper, ein gigantischer Sandsack, der am ebensolchen Tisch mutmaßlich volltrunken zusammengesunken ist und später nur mit Mühe herumgeschleppt werden kann.

Leichenweiß, die Augen blinde X-e, der Mund mit vier Stichen zugenäht, dokumentiert die Puppe des Vaters Leben als ein langsames Sterben. In der Fabrik zum schwerkranken Wrack geschuftet, wird er arbeitslos und zum Alkoholiker, ein von andauernden Schmerzen geplagter Sozialhilfeempfänger, wird ein Teil des politischen Systems Armut. Im erst symbolträchtig „gewalt“-igen Elternhaus, dann vorm Flaschenzug-Gerüst, das Bühnenbild von Franziska Rast, die Kostüme von Sarah Borchardt, ereignet sich weniger Handlung, als ein Anschlagen von Thesen, die Pose ein Hessel’sches „Empört euch!“, auch wenn sich Louis bevorzugter auf seinen Freund und Philosophen Didier Eribon oder den Soziologen Pierre Bourdieu rückbezieht – bei seinem Aufzählen der Vatermörder: Chirac, Sarkozy, Hollande, Hirsch …

„Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller“, heißt es an einer Stelle. Dabei hält das Ensemble Politikerporträts hoch, und wie sich die Bilder bis Österreich gleichen. Blaumann tragen die Darsteller nun allesamt, und schildern, was es mit der von Sarkozy erfundenen Allocation d’aide au retour à l’emploi auf sich hat, die den invaliden Vater zu einem Job als Straßenkehrer zwingt, „buckeln trotz ruinierter Wirbelsäule“ nennt das der Sohn, oder was Macrons Kürzung der Wohnbeihilfe um „nur“ fünf Euro für deren Bezieher bedeutet. Und weil Édouard Louis‘ Eltern die Fronten vom sozialistischen Proletariat zu Le Pens Front National gewechselt haben, bekommt auch die Linke Schelte ab, nämlich ihre ureigenste Klientel mitten im Klassenkampf im Stich gelassen, Louis wörtlich: „verrraten“, zu haben.

Birgit Stöger beklagt das Opfer aus der Arbeiterklasse. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Ensemble beim imaginären Begräbnis. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Talkshow: Sebastian Klein, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Gelbwesten gehen auf die Straße. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bemerkenswert ist, wie Rast und Team die Kurve vom Pamphlet zur Bühnentauglichkeit kratzen. Mit teils surrealen Albtraumsequenzen, teils comichaft witzigen Episoden, mit poetischen Momenten, bitterem Spott und picksüßer Ironie macht Rast Louis‘ Text theatral. Da singt Sebastian Pass in Pupurpailletten gewandet Celine Dions „Parler à mon père“, Birgit Stöger mit französischem Schmelz in der Stimme Charles Aznavours „Du lässt dich gehen“, klettert Peter Fasching in Mutters Fatsuit-Schürze auf Vaters Schoß, bevor Stöger sie zur schrill kreischenden Furie umfunktioniert, werden Trauerkränze im Kreis geworfen, will der Bruder den Vater totprügeln, weil er der Mutter verboten hat, ihrem Ältesten weiter Geld für Drogen zuzustecken.

Als Pass‘ Eddy wie eine Diva discotanzt und der Vater ostentativ wegschaut, outet ihn Stögers Mutter als früher ebenfalls „heiße Sohle“, seinen Männlichkeitswahn als letzte verzweifelte Selbstbehauptung, seinen Arbeiterstolz als erste Bekundung seiner Scham. Dass frauenfeindliche oder rassistische Sprüche, wie finanziell unabhängige Frauen seien ganz sicher frigide und lesbisch oder alle Araber bevorzugten perverse Sexpraktiken, unwillkürlich zum Lachen verleiten, liegt im hohen Maß am fabelhaften Spiel der beiden. Der Schluss ist auf der Bühne so versöhnlich wie im schmalen Band, indem sich der Vater beim Sohn entschuldigt, er, der Jahrzehnte lang Ausländer und Homosexuelle für alles Faule im Staate Frankreich verantwortlich machte, kritisiert plötzlich die eigenen Werte. Er akzeptiert das politische Engagement des Sohnes, sogar dessen Schwulsein und erkundigt sich ernsthaft interessiert nach dessen Lebenspartner.

Eine Gefühls- und Gesinnungswende um 180 Grad mit Vaters abschließendem Satz: „Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution“. Ein kluger, aufwühlender und nachdenklich stimmender Theaterabend mit einem glänzend agierenden Ensemble, die Aufführung ist eine Sternstunde fürs Volkstheater.

www.volkstheater.at

TIPP: Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ am Schauspielhaus Wien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36095

  1. 11. 2019

Burgtheater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

September 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ehe-Exzess auf Scherbenhaufen

Noch verläuft die Party gesittet: Norman Hacker als George, Nora Buzalka als Honey, Bibiana Beglau als Martha und Johannes Zirner als Nick. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Als dritte Premiere seiner Amtszeit übersiedelte Martin Kušej seine 2014er-Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ vom Münchner Resi ans Burgtheater. Wohl kaum ein Theatergeher, der’s nicht schon gesehen hat, dies Ehe-Gemetzel, für das ein älteres Paar ein jüngeres vorgeblich zum Absacker nach einer Party beim Collegerektor in sein Haus einlädt, tatsächlich um ein Publikum für sein scheußliches Schauspiel zu haben.

Und so verstricken Geschichtsdozent George und Rektorentochter Martha den neu am College engagierten Biologieprofessor Nick und dessen Bessere-Hälften-Hascherl Honey immer tiefer in ihre grausamen Rituale. Es wird einander verhöhnt und gedemütigt und es dem jeweils anderem mit gleicher Münze heimgezahlt. Das von Jessica Rockstroh dafür entworfene Schlachtfeld ist ein klinisch weißer Laufsteg, ein unterkühlt-stylischer Raum für die bald erhitzten Gemüter. Im symbolträchtigen Abgrund darunter lauert der sprichwörtliche Scherbenhaufen aus zerschmissenen Flaschen und Gläsern, der stetig wachsen wird, wenn in der nun folgenden alkoholtriefenden Atmosphäre Geheimnisse enthüllt und Glückslügen entlarvt werden.

Mit der giftgrünen Leuchtschrift „Fun and Games“, Albees Betitelung des ersten Akts, eröffnet Kušej den mutmaßlich berühmtesten Ehe-Exzess der Dramengeschichte, bezeichnen doch Martha und George ihre kriegerische Auseinandersetzung als „Spiele mit festen Regeln“. Am Burgtheater wissen Bibiana Beglau und Norman Hacker mit gezielten Verbalschlägen ins Schmerzzentrum des anderen zu treffen, bis es ihnen selbst wehtut. Ihnen zur Seite stehen Nora Buzalka als Honey und Johannes Zirner als Nick. Kušej nimmt sich des Seelenzerstückelungsstücks als – Zitat – „ganz große Liebesgeschichte“ an. Er lässt Beglaus Martha und Hackers George ihre tiefenpsychologische BDMS-Beziehung auf der Bühne mit einem Infight um Georges Hosenreißverschluss beginnen.

Das verbale In-die-Ecke-Treiben wird zum sexuellen Akt: Bibiana Beglau und Norman Hacker. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dank zu viel Alkohol wird daraus mit Sicherheit kein Nick-Fick: Johannes Zirner und Bibiana Beglau. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Das In-die-Ecke-Treiben wird somit vom Wortgefecht zum greifbar sexuellen Akt, doch wie bei Kušej Albees Protagonisten heftig aufeinanderprallen, so hart trennt er sie wieder – mittels Blackouts, als müsste per Stromausfall die Hochspannung abgemildert werden. Dass der derart in Tableaux geteilte Text nichts an seiner emotionalen Intensität, sie scheint Kušej wichtiger als der scharfanalytische Gesellschaftskritikblick, den man aus anderen Aufführungen kennt, verliert, ist dem grandiosen Darstellerquartett zu danken. Allen voran der prima inter pares dieses Abends, Bibiana Beglau, die ihre Martha zetern und keifen, wimmern und anklagen lässt. Mit großer Lust am Vulgären gestaltet sie diesen im Wortsinn Man-Eater, doch kann in Windeseile von tyrannischer Verführungskunst zu würgender Traurigkeit, von furioser Salonlöwin zu gehässiger Megäre wechseln.

Gleichzeitig verletzend und verletzlich wirbt sie um ihren Mann, dem Norman Hacker Kontur verleiht. Sein George ist alles andere als der übliche Schwächling, im Gegenteil mimt er den abgeklärten Intellektuellen, für den die akademische Laufbahn angeblich bedeutungslos ist, der aber in Wahrheit seine Wunden mit süffisantem Sarkasmus und einer schaumgebremsten Schadenfreude pflegt. So beklemmend erst Marthas und Georges Versuch, sich vor den Gästen heiter zu geben, ist, so furchterregend wird die Stimmung je mehr sich die Gewaltspirale in die Höhe schraubt. „Gut, besser, am besten, bestialisch“, steigert der bis aufs Blut reizende George seine Martha, und gibt sich nach ihrem misslungenem Fick mit Nick vollkommen gleichgültig. Da mutiert Martha kurz zum nackten Elend, und die kleine Geste, mit der George der unbekleidet Hingestreckten schnell sein Sakko überwirft, sagt mehr über die beiden aus, als ihr fortwährendes Geplänkel. Sie rafft sich aber rasch wieder auf, um dem Koital-Versager den Rest zu geben.

Und während solcherart die Handgreiflichkeiten handfester werden, es George gelingt, der Runde Geständnisse zu entlocken, die er im Handumdrehen gehen sie einsetzt, versucht Johannes Zirner als erst herzenskalter, nun in Grund und Boden erniedrigter Ehrgeizling Nick zumindest seine Männlichkeitsfassade aufrecht zu erhalten, indem er sich Honey gegenüber immer brutaler und unflätiger benimmt. Schon glaubt man, dass die Jungen jederzeit die Plätze der im eigenen Wahnwitz brodelnden Gastgeber einnehmen werden. Doch Nora Buzalkas Honey ist nicht bereit sich unterkriegen zu lassen, sie stattet die sonst meist unbedarft Naive stattdessen mit aufbegehrendem Stolz und trotziger Würde aus. Es ist dieser Charakter von dem es anzunehmen gilt, dass er diese durchsoffene Nacht am ehesten unbeschadet übersteht.

Smalltalk überm Scherbenhaufen: Norman Hacker, Bibiana Beglau, Nora Buzalka und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Bis dahin aber brechen die Krusten der Gutbürgerlichkeit auf, darunter fließt ein Lavastrom alles verzehrender Leidenschaften, und Martha begeht den Kardinalfehler, das einzige ihr von George verbotene Thema aufs Tapet zu bringen, den „verstorbenen Sohn“, die gemeinsame, vor der Außenwelt bis dahin beschützte Illusion des nachkommenlosen Paares – mit der Folge: totale Eskalation, inmitten der George Martha zwingt, sich von der Flucht in ihre Vater-Mutter-Kind-Fantasiewelt zu verabschieden. Nie traf Sartres Spruch „Die Hölle, das sind die anderen“ trefflicher zu, als auf Albees Viererbande.

In der Kušej-Produktion strecken Martha und George am Ende erschöpft die Waffen, bevor sie nach seiner Hand tastet und sie schließlich in die ihre nimmt. Man wünscht den beiden, dass sie’s vom von Kušej mit Verve befeuerten Ehe-Inferno jetzt endlich über den Läuterungsberg im Purgatorio schaffen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Bronski & Grünberg: Rigoletto – Denn er hat es nicht anders VERDIent

November 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Hampelmann und sein Hofstaat blöder Clowns

Lisa Reichetseder, Julia Edtmeier, Aleksandra Corovic, Rouven Stöhr, Stefan Lasko, Lukas Strasser und Max Konrad. Bild: © Philine Hofmann

Das Bronski & Grünberg, dies Jahr für den Nestroy-Spezialpreis nominiert gewesen, zeigt als aktuelle Produktion „Rigoletto“ mit dem Untertitel „Denn er hat es nicht anders VERDIent“. Das schon als Hinweis darauf, dass hier natürlich nicht große Oper gegeben, sondern eine der feinen Grotesken gezeigt wird, für die sich das Theater im neunten Bezirk mehr und mehr einen guten Namen macht. Text und Bühnenbild sind von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki, Regie führte Alex Pschill.

Und wie! Pschill spielt seine ganze Kammerspiele-Erfahrung an Klipp-Klapp-Komödie aus, nur dreht er die Schraube weiter, überdreht sie, bis eine überdrehte Aufführung hervorschnellt, skurril, absurd und absolut zum Totlachen. Letzteres vor allem ein Verdienst der wunderbaren Julia Edtmeier, die als Rigoletto so erbarmungswürdig komisch ist, so verbissen ernsthaft im allgemeinen Wahnsinn, der sie umzingelt, dass man gar nicht anders kann, als ihren Hofnarren mitleidig zu mögen.

Wiewohl die Figuren ganz nahe bei Verdi geführt werden, ist der traurige Berufspossenreißer nicht der einzige Clown weit und breit. Edtmeier, Dymnicki und Pschill legen ihr Stück als Analyse dieses Seinszustands an.

Vom Arlecchino – tatsächlich lässt Pschill seine Darsteller etliche Lazzi spielen – bis zu Pennywise ist die Bandbreite ja groß, und so regiert hier ein böser Hampelmann über einen Hofstaat blöder Hanswurste. Rouven Stöhr ist dieser Herzog von Mantua, ein erotomanischer Einfaltspinsel, dem die meiste Zeit die Zunge aus dem Hals hängt, wenn er sich über die Ehefrauen seiner Untergebenen hermacht. Wie im Scherenschritt strampelt er über die Bühne, und lacht wie ein Wolf knapp vorm Zubeißen, glaubt einer, sich seinen Wünschen widersetzen zu können. Stöhr verpackt in die Rolle so viel Irresein, wie sie zulässt, sein Herzog ist ein gefährlicher Machtmensch, hinter dessen Charme das Verderben lauert.

Umringt ist er von Max Konrads „Ceprano“, Lukas Strassers „Marullo“ und Stefan Laskos „Bianco“ (er auch für die Musik zuständig, erstaunlich in wie vielen Variationen man „Caro nome“ und „La donna è mobile“ intonieren kann, erstere Arie einmal sogar als Orgasmus), drei Tölpel und Handlanger, die ihren Herrn hasslieben und ihre Rache an ihm stattdessen an Rigoletto ausleben wollen. Herrliche Szenen entstehen da, wenn das Trio versucht, sich im Tausend-Türen-Palast zu verstecken, um Gildas habhaft zu werden. Die Tochter des Rigoletto gestaltet Lisa Reichetseder hart an der Grenze zu einer modernen Colombina, als eine lebenslustige und selbstsichere Figur, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und mit ihren 18 Jahren endlich wissen will, was die Männer-/Welt zu bieten hat. Aleksandra Corovic ist ein schön sinistrer Sparafucile.

Dreh- und Angelpunkt der durch Crowdfunding finanzierten Inszenierung ist aber, wie gesagt, Julia Edtmeiers Rigoletto. Laborierend an einer Déformation professionnelle ist dieser Außenseiter, ausgestattet mit einem Mikrophon wie ein – in diesem Falle schlechter – Stand-up-Comedian, in jeder Beziehung unlustig. Seine Witze zünden nicht, und auch, wenn er der Versuchung nicht widerstehen kann, auf der berühmten Bananenschale auszurutschen, findet das keiner komisch. Die Augen stets unstet, die zuckenden Mundwinkel nach unten gezogen, die Finger dauernd in angespannter Bewegung, so agiert Edtmeier als einer, der das Schlimmste – die Schändung seiner Tochter – verhindern will, und doch versagen muss.

Alles endet nicht in einem Sack, sondern mit einem Koffer. Doch wer da drin steckt … unbedingt anschauen!

www.bronski-gruenberg.at

27. 11. 2017

Thomas Stipsits: Das Glück hat einen Vogel

September 28, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

26 Geschichten von der Gunst des Schicksals

„Ungefähr zur selben Zeit …“ So beginnt jede der Kurzgeschichten, die Thomas Stipsits für sein erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“ aufgeschrieben hat. Der Kabarettist und Schauspieler wagt sich als Autor auf neues Terrain, sagt er, doch ist es kein ihm völlig unbekanntes. Denn ein Geschichtenerzähler, das ist Stipsits auch in seinen Bühnenprogrammen; die Figuren seiner im Großen und Ganzen Mittelstandsstorys kennt er also gut – er spielt sie ja auch. Und so kommen einem die Charaktere im Buch durchaus vertraut vor. Es sind Stipsits Humor und sein großes Herz, der aus ihnen und mittels derer er über sie spricht, die die Verwandtschaft herstellen.

Die Geschichten handeln vom Glück. Nicht von dem, das der Wiener „a Masn“ nennt, sondern vom Glücksgefühl, vom Glücklichsein und – ganz wichtig – vom Schokoglück. Stipsits schreibt über die Gunst des Schicksals. Sie widerfährt 26 Menschen, von A wie Andreas bis Z wie Zita, die beiden gleichsam eine Klammer fürs Buch. Der Augustin-Verkäufer und die Upper-Class-Tussi waren in der gleichen Schulklasse.

Nun ist er völlig abgesandelt und sie reich verheiratet. „Das Schicksal schlug aus wie ein panisches Pferd. Die große Sehnsucht nach einem guten Leben, Reichtum und endlosem Vergnügen gepaart mit Phlegma hatte in Andreas Lebensgeschichte tiefe Wunden hinterlassen“, schreibt Stipsits. Der im Übrigen alle seine Figuren liebt. Er wünscht ihnen nur das beste, was anderes würde er mutmaßlich gar nicht aushalten, und so gibt es für Zita Läuterung im noblen Dirndlladen und für Andreas ein Happy End. Sipsits erfindet für seine Geschöpfe vielfältige, ideenreiche Settings, manche der Momentaufnahmen sind flott und fröhlich, manche melancholisch, manche lassen sich Zeit, bis sie ihr Geheimnis preisgeben, die eine oder andere verweigert sich dem ganz, Stipsits Sprache dabei stets präzise und prägnant in der Beschreibung.

Bild: pixabay.com

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Wer den Autor vom Kabarett kennt, wird einige seiner Lieblingsthemen und -dinge wiederfinden. Thujen kommen natürlich vor, Karpathos kommt vor, Stinatz ist selbstverständlich ein Schauplatz, wo im Wirtshaus die „Färbel“-Abende stattfinden, und der Wirt bei diesem Kartenspiel während des angeblichen Vortrags kroatischer Volkslieder betrügt: „Es versteht sich von selbst, dass er keine kroatischen Weisen sang, sondern eher Chansons mit dem Inhalt: ,Der hat a Herz-As, der hat a Pik-Sieben …‘ Für diese Leistungen verrechnete er seinen Stinatzer Kartenkomplizen stolze 25 Prozent der Einnahmen.“ Es gibt wie in „Triest“ einige jener Sätze, denen es keine Beachtung zu schenken gilt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Wir haben damals nichts gehabt. Wenn du nicht aufisst, scheint morgen nicht die Sonne … Und eine Hommage an die Mistkübler der MA48, diese „Helden der Kehrrichterei“, die dank ihres Koloniatruppen-Matras „ignorieren, ignorieren, ignorieren“ hysterisch hupende Autofahrer – na, eben – ignorieren können.

Alle seine Geschichten seien im Kern wirklich wahr, ob selbst erlebt oder erzählt bekommen, so Stipsits. Und so kann man bei ihm nachlesen, wie man unliebsame Einladungen möglichst elegant ausschlägt, wie ein Durchschnittstyp sich ein Megaweib sichert, auch wenn die keines ist, was es bedeutet, wenn man im Haus gegenüber drei Mal den selben Mord mitansehen muss, und wie man sich verhalten sollte, wenn die Seitensprung-Konkurrenz kein anderer als ER ist.

Bild: pixabay.com

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Stipsits kramt anstandslos auch im Privaten. Christian verfährt sich auf dem Weg zum Nova-Rock-Soundcheck und begegnet einer jungen, geheimnisvollen Frau. Emil hat noch eine Besprechung mit dem Big Boss, bevor er seinen neuen Job antritt; seine neuen „Bediensteten“ werden eine derzeit noch schreiende blonde Frau und ein nervös auf und ab tigernder Mann sein. Katharina kämpft mit einer Diät und ihrem Schokoaufstrichgusto, während sie die „Ich schau, ob ich zugenommen habe“-Hose im Schrank beäugt. Eine solche hat man selber auch. Sie hängt neben dem „Jö, ich habe abgenommen“-Rock, dieser ein Fake, weil mit Gummizugbund … Unter M ist Stipsits nicht Manuel, sondern Michael eingefallen, ein Kabarettkollege, der nach einem Auftritt in der ausverkauften Stadthalle die lieblos angerichtete Wurstplatte im Backstage-Bereich bejammert, diese ein bekanntes Kleinkünstlertrauma, bevor er im Pub seines Vertrauens eine hochnäsige Burgschauspielerin zur Schnecke macht. Nia würde man drauf kommen, wer da gemeint ist. Hansi Hinterseer erscheint als er selbst, und ist so herzlich wie in echt.

Zu guter Letzt erst das I, das Ich. Dazu nicht Alexander von Biczos „Vogerl“-Zitat, sondern die Nöstlinger: „Glück ist was für Augenblicke“. So kann man bei dieser Lektüre von Geschichte zu Geschichte, von Augenblick zu Augenblick glücklich sein. Thomas Stipsits hat ein Buch geschrieben, das einem im vor der Tür stehenden Herbst die Seele wärmen wird.

Über den Autor:
Thomas Stipsits, 1983 in Leoben geboren, schrieb bereits in der Schule Lieder und kleine Sketche. 2000 erhielt er den Kärntner Kleinkunstpreis. 2004, gemeinsam mit Klaus Eckel, Pepi Hopf und Martin Kosch den Österreichischen Kabarettförderpreis. Sein Programm „Griechenland“ feierte Anfang 2006 Premiere, aktuell tritt er zusammen mit Manuel Rubey und seinem Bruder Christian mit dem Programm „Gott & Söhne“ auf. Er ist in zahlreichen Fernsehproduktionen („Braunschlag“, „Tatort“, „Vorstadtweiber“) und Kinofilmen (aktuell: „Baumschlager“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26085) zu sehen und tritt regelmäßig in „Was gibt es Neues?“ auf. Zusammen mit seiner Frau Katharina Straßer gestaltete er im ORF die Comedy-Serie „Gemischtes Doppel“. Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn, Emil. Als Musiker tritt er mit Ulli Bäer und Willi Gansterer mit der Danzer-Hommage „Von Danzer bis Stinatz“ auf.

Ueberreuter Sachbuch, Thomas Stipsits: „Das Glück hat einen Vogel“, Kurzgeschichten, 160 Seiten.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.stipsits.com

  1. 9. 2017

Schauspielhaus Wien: Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen …

Januar 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Institution lebt, doch ist sie leider sehr scheu

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Die Produktion mit dem mutmaßlich längsten Titel der Saison hatte Freitag am Schauspielhaus Wien Premiere. Miroslava Svolikova schrieb „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ im vergangenen Jahr als Hans-Gratzer-Stipendiatin unter der Anleitung von Falk Richter.

Nun folgte die Uraufführung dieser Groteske, in der die Dramatikerin lustvoll die Leiden junger Kulturschaffender in einer sich in Selbstauflösung befindlichen Europäischen Union widerspiegelt. Drei Figuren jagt sie in einer Tour de Farce durch ein Assessment Center. Sie alle haben eine Ausschreibung gewonnen und sehen sich nun verpflichtet eine wichtige Aufgabe zu übernehmen. Welche ist allerdings nicht klar, findet sich auf einem Tisch doch nur eine Zettelbotschaft, die sie zur „Rettung der Onion“ aufruft. Die Verwirrung komplett macht der Umstand, dass sich der futuristische Raum, in dem sich das Trio eingefunden hat, als Museum entpuppt, das eine ganze Menge skurriler Exponate beherbergt. Und dann ist da noch der letzte verbliebene Stern der U/Onion, der sich nicht geschlagen geben will und zur Revitalisierung der Gemeinschaft aufruft …

Was Svolikova da verfasst hat, hat im höchsten Maße Komödienpotenzial. Mit viel Sinn für Humor – und, so ist anzunehmen, einem Schuss Selbstironie – nimmt sie den Bewerbungsalltag von Wettbewerblern aufs Korn, von jenen Idealisten, Künstlern und Schwärmern, die immer wieder von Neuem Anträge stellen, um Aufträge rittern und dabei der Auftragsbürokratie öfter ins offene Messer laufen, als dass die ihre Geldbörse öffnen würde. Eine prekäre Situation, die Svolikova in ihrem Stück mit Szenen voll Situationskomik kommentiert. Das Spiel ist freilich auch ein Spiel mit Sprache, mit Wortwitzeleien, die die Autorin durch Wortneuschöpfungen und -neudeutungen kreiert. Dem entsprechend bedient sich Regisseur Franz-Xaver Mayr des Instrumentariums der Boulevardklamotte. Er stattet die surreale Story mit einer gehörigen Portion Klamauk aus, als gelte es den Text durch Klipp-Klapp und andere Schenkelklopfer zu erden.

Simon Bauer, Steffen Link und Katharina Farnleitner hetzt er ohne Atempause über die von Michaela Flück erdachte Bühne, die drei als Prototypen akademischer Hilflosigkeit angesichts auftretender administrativer Probleme. Link gibt den hektisch-beflissenen Streber, Bauer mit vorgeschobenem Unterkiefer den dumben, nichts hinterfragenden Dienstleister, Farnleitner die allzeit und zu allen Bedingungen willige Auftragnehmerin.

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger ... Bild: © Matthias Heschl

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger … Bild: © Matthias Heschl

... endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

… endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

Zu dritt stemmen sie den Querbalken, den Svolikova in ihr Gedankengebäude eingezogen hat, die Frage nach dem Verbleib des Individuums und der Individualität im Vergleich zu Kraft und Stärke des Kollektivs, die Orientierungslosigkeit, die Identitätssuche, letztlich die Schuldfrage – das alles ist so sehr EUropäisch, dass es naturgemäß ohne Antwort bleiben will.

Dolores Winkler ist in diesem Setting nicht nur die Museumsreinigungskraft, sondern auch die „Regisseurin“, eine von denen, die schon alles gesehen, alles erlebt und alles gemacht haben – und ein einsamer übrig gebliebener Stern, der unter wimmerndem Wehklagen das Kollektiv beschwört, sind ihm die anderen Sterne doch in Richtung ihrer nationalistischen Heimatfronten auf und davon gelaufen.

Schließlich Auftritt Sebastian Schindegger als Hologramm. Mit Riff-Raff-Frisur und im Schlurfgang ist er der Führer durch ein Museum, das auf Besucher gar nicht eingestellt ist, weil ohnedies nie welche kommen. Nun aber kann er zeigen, was er an Schätzen hat. Einen abgekauten Kugelschreiber zum Verträge Unterzeichnen, die real existierende Mauer, abgekaute Fingernägel von früheren Kandidaten.

Dazu gibt’s im Schlafmodus zu verzehrende Pommes Frites – bekanntlich eine belgische Erfindung – und eine von oben herabkommende Schaumschlägerei. Die Institution ist zwar als lebendes Exponat an der Ausstellung beteiligt, aber leider nie zu sehen, die Institution, lässt das Hologramm wissen, ist nämlich sehr scheu …

Das Publikum im Schauspielhaus reagierte auf all diese assoziativen Andeutungen und Doppeldeutigkeiten höchst amüsiert. Sowohl Miroslava Svolikovas Text als auch dessen szenische Umsetzung durch Franz-Xaver Mayr wurden am Ende lautstark bejubelt. Und natürlich das Ensemble, das wie stets mit überbordender Spielfreude an die Sache herangeht. Katharina Farnleitner und Dolores Winkler fügen sich nahtlos in den Flow ein; erstere wird diese Spielzeit am Haus auch in „Kolhaaz (AT)“ zu sehen sein, diese feine, satirebegabte Schauspielerin, von der man gar nicht glauben mag, dass sie noch Studentin ist.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y4X-TOHCpco

www.schauspielhaus.at

Wien, 14. 1. 2016