Theater in der Josefstadt: Der Engel mit der Posaune

September 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fulminanter Saisonauftakt mit einem Familienepos

Familie Alt: Michael Dangl, Maria Köstlinger, André Pohl, Silvia Meisterle, Alexander Absenger und Matthias Franz Stein. Bild: Sepp Gallauer

Das Theater in der Josefstadt eröffnete die Theatersaison 2017/18 mit einer außerordentlich großartigen Produktion. Gezeigt wurde Samstagabend die Uraufführung von Ernst Lothars „Der Engel mit der Posaune“. Da wird mancher den Film mit dem Wessely-Hörbiger-Clan kennen, doch an der Josefstadt bezieht man sich auf Lothars Roman. Der Vordenker und Förderer der Wiener Kultur war gemeinsam mit Max Reinhardt von 1935 bis 1938 Direktor des Hauses.

Musste emigrieren, und veröffentlichte 1944 in den USA sein Opus Magnum – in Englisch. 1946 erschien das Buch erstmals in deutscher Sprache. Für die Josefstadt hat Susanne F. Wolf das 900 Seiten starke Werk dramatisiert. Eine feine, feinsinnige Arbeit, hat sie doch mit ruhiger Hand die Quintessenz der Familiensaga destilliert. Entstanden ist so ein sehr klarer, schlüssiger Text, dem es an nichts, heißt: keinem wichtigen Handlungsstrang, fehlt. Im Gegenteil: Wolf wertet das Ganze durch den ihr eigenen subtilen, mitunter sarkastischen Humor auf, ja, das Publikum darf inmitten all der Tragödien immer wieder über gelungene Bonmots und sprachliche Querschläger in den Dialogen lachen.

74 Szenen hat Wolf erarbeitet, die Janusz Kica inszeniert hat. Schlag auf Schlag geht da alles, Szenen greifen ineinander, überlappen teilweise, laufen teilweise parallel ab. Ein Drei-Stunden-Abend, der wie im Flug vergeht! Und nicht einen Durchhänger hat. Damit das funktionieren kann, gibt es ein einheitliches Bühnenbild von Karin Fritz, an dem sich allerdings nicht erschließt, warum der Wohnsitz einer ehrenwert-reichen Wiener Dynastie von Haus aus wie eine ausgebombte Brandruine ausschauen muss. Engel über dem Portal gibt’s übrigens keinen, die Kulisse ist mehr Innenansicht, weil doch Innenschau der Personen.

Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf mit Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Franz und Henriette Alt haben den ersten Zwist: Michael Dangl und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

„Der Engel mit der Posaune“ erzählt die Geschichte der Familie Alt und damit gleichsam die Geschichte des Hauses Österreich. Traditionshäuser im Wortsinn sind beide, die Alts residieren auf der Seilerstätte 10 (mit eben Engel über dem Eingang), eine Klavierbauerdynastie, auf deren Instrumenten weiland schon Mozart spielte. Die Situation ist beengt, die Verwandtschaft steigt sich auf die Füße und geht sich auf die Nerven, hat doch Stammvater Alt verfügt, dass niemand jemals aus dem Haus ausziehen darf, weil sonst sein Erbe verloren ist.

Franz Alt ist Firmenchef. Doch im Mittelpunkt der Handlung steht seine Frau Henriette. Sie ist es, die die Historie von 1888 bis 1938 illustriert, war sie doch eine „Angedachte“ von Kronprinz Rudolf und wird sie doch, weil Halbjüdin, von den Nazis erschossen werden. Franz und Henriette haben drei Kinder: Hans, Hermann und Martha Monica. Außerdem anwesend: Franz‘ Bruder Otto Eberhard, ein Staatsanwalt, und Tante Sophie. Sohn Hans wird sich später in die Jüdin Selma verlieben, doch weil sein Bruder Hermann sich den Nazis zuwendet, wird diese Liebe kein gutes Ende nehmen. Selma wird vergiftet …

Derart also hat Ernst Lothar den Ersten Weltkrieg, den Untergang der Donaumonarchie, den Ständestaat und das `34er-Jahr und schließlich den „Anschluss“ in sein Familienepos eingeschrieben, fünf Jahrzehnte Politik – und wie sie die Menschen (be)traf. Regisseur Janusz Kica führt sein Ensemble gekonnt und gezielt durch diese Epoche, die manch einem im Geschichtsunterricht als unverdaulich großer Klumpen einer einzigen Katastrophe erschien. Kica beherrscht die große Kunst, die Schauspieler ihre Rollen entwickeln zu lassen, schließlich wird hier ganz schön gealtert; er macht aus den Figuren fein ziselierte Charaktere, die mit einer großen Wahrhaftigkeit „über die Rampe kommen“, und die zeigen, was die Zeit mit Menschen macht.

Franz, vom Schlaganfall gezeichnet: Michael Dangl, Matthias Franz Stein und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Das Ende: SS-Sturmbannführer Esk erschießt Henriette: Maria Köstlinger und Gerhard Kasal. Bild: Sepp Gallauer

Als Ehepaar Franz und Henriette Alt brillieren Michael Dangl und Maria Köstlinger. Sie sind einander im Eheunglück verbunden. Die Köstlinger gibt erst den Trotzkopf, der nicht Kronprinzenmätresse werden will, dann die Verbiesterte, weil in ungeliebter Ehe Verbundene. Biedermann Franz ist einfach zu wenig für diese exaltierte, emanzipierte Frau. Doch wird sie schließlich doch noch lieben, als es an Franz‘ Sterben geht. Dangl beginnt sozusagen als jovial-leutselig Verliebter, er repräsentiert eine Art Aufbruchsstimmung in die Moderne, ohne die ihm so wichtige Tradition zu verleugnen. Doch wird ihm im Ehealltag – und im Ersten Weltkrieg – quasi das Rückgrat gebrochen, und so wird auch er launisch, laut, zynisch, bis ihm schließlich ein Schlaganfall die Sprache, am Ende das Leben raubt.

Noch traditionalistischer als Franz ist sein Bruder Otto Eberhard, den André Pohl mit Verve als Paradebeispiel eines k.u.k.-Bürokraten gestaltet. Mit steifer Oberlippe muss dieser Mann der Konvention zur Kenntnis nehmen, dass Franz die unpassende Henriette heiratet, streng und hochmoralisch macht er ihr ein Leben lang ebendieses sauer, bis er sie altersmilde geworden um Freundschaft bittet. Nur eines ändert sich nicht: Hört er das Wort Sozialismus, beginnt seine Stirnader zu pochen.

Den bekümmerten Firmenerben Hans Alt gibt Alexander Absenger erst als Träumer, dann als Idealisten, bei den Alts ein Schimpfwort, gibt ihn als einen, der nicht tatkräftig ist, diesen Umstand aber bejammert, bis er schließlich zum Aufbegehrer und Arbeiterfreund wird. Dies impft ihm seine Geliebte Selma Rosner ein. Alma Hasun gibt der Sozialistin und Schauspielerin ein Profil als politische Analytikerin, die ihre Weltanschauung wie ein Votivtaferl vor sich herträgt, während Absenger gekonnt vom Elegiebürscherl zum Macher zur leeren Hülle nach Selmas Tod wird. Kica erlaubt sich mit Hans einen Kunstgriff: Absenger ist lange vor Hans‘ Geburt, von Beginn an, als Beobachter auf der Bühne, er hört sein Schicksal schon, bevor es begonnen hat. Immer wieder sind solche Figuren anwesend: Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf, der Franz und Henriette belauscht, bis er zur Pistole greift, und eine, die man für einen Polizeispitzel hält, die sich aber als Erpresser entpuppt.

Hans Alt liebt Selma Rosner: Alexander Absenger und Alma Hasun mit Maria Köstlinger und Johannes Seilern als Diener Simmerl. Bild: Sepp Gallauer

Zum „guten“ Bruder gibt es den „bösen“: Matthias Franz Stein als Hermann Alt sehr schön sinister, egal, ob er sich der Mutter, weil bei ihr nicht einmal zweite Wahl, erst andient, oder sie später vernichten will. Wie Stein an der Rampe sein nationalsozialistisches Bekenntnis ablegt, das ist beklemmend. Eine gelungene Darbietung, mit der er Hermann aus dem Schattendasein, das er im Roman führt, holt. Bleibt schließlich Silvia Meisterle als Martha Monica, das Kuckuckskind aus einer Affäre Henriettes mit dem Grafen Traun (auch ihn spielt Hutter), der alle im Haus bescheinigen, sie sei „bestürzend herzlich“. Marianne Nentwich gibt eine Glanzvorstellung als herrischer, so scharfzüngiger wie scharfsinniger Familiendragoner Tante Sophie.

Jede Rolle in dieser Produktion ist großartig besetzt: Alexandra Krismer als kämpferische Sozialistin Mizzi Hübner; Michael Schönborn als Schulprofessor Miklau eine Art Lehrer Lämpel; Gerhard Kasal erst als Erpresser Jonescu, dann als dessen Nachfahre SS-Sturmbannführer Esk; Wojo von Brouwer, der als Vorarbeiter und Gewerkschafter Czerny auch seine Klavierkünste präsentieren darf; vor allem aber:

Johannes Seilern, der als kauziger, gern französisch parlierender, loyaler Diener Simmerl nicht nur ein Kabinettstück gestaltet, sondern seine „Gnädige Frau“ in den Tod begleiten wird. All das untermalt die atmosphärisch gewaltige Musik von Kyrre Kvam, die den Szenen die richtige Temperatur gibt. Kicas Inszenierung funktioniert mit sparsamsten Mitteln, die deshalb umso mehr wirken. Als einzigen „Gag“ erlaubt er sich einen Klavierflügel, der einmal von oben auf Hans herabschwebt. Vor allem nach der Pause gelingen ihm starke, gespenstische Bilder. Und wenn am Ende Alexander Absengers Hans „aus dem Untergrund“ seine Hornek’sche Rede hält, den Nationalwahn schilt und Toleranzbereitschaft lobt, dann haben Ernst Lothar und Susanne F. Wolf den Abend endgültig angedockt. Welch ein Ende von einem Anfang! Nun muss 2017/18 einfach ein gutes Theaterjahr werden.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2017

Theater in der Josefstadt: Der Schwierige

Oktober 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Konversationston den Kern getroffen

Michael Dangl als Kari Bühl und Matthias Franz Stein als Stani. Bild: Erich Reismann

Vom Leben leicht, aber doch ennuyiert: Michael Dangl als Kari Bühl und Matthias Franz Stein als Stani. Bild: Erich Reismann

Als die Mauer des Schweigens endlich fällt, sind nur Geschwätz, Geplapper, Plattitüden zu hören. Als die Fassade zusammenbricht, wird der Blick frei auf eine Schattenwelt der Reichen und Mächtigen. Denn ohne es selbst zu wissen, sind sie schon die Randfiguren, die über das Schicksal des Jahrhunderts nicht mehr bestimmen werden. Dafür lassen sie bereits einen anderen an der Außenlinie ihrer Gesellschaft balancieren. In kornblumenblauem Anzug und mit Blondschopf.

„Es gibt Leut‘, in deren Mund sich alle Nuancen verändern“, heißt es an einer Stelle über ihn. Janusz Kica hat am Theater in der Josefstadt Hugo von Hofmannsthals „Der Schwierige“ inszeniert, jenes hintergründige Lustspiel, an dem der Autor elf Jahre feilte, Hofmannsthal, der Sprachzweifler und -verzweifler, der genau diese Eigenschaften seinem Protagonisten auf den Leib schreib. An einem einzigen Tag hat dieser Hans Karl Bühl, genannt Kari, mehrere Liebesangelegenheiten zu lösen. Er will seinen besten Freund Hechingen wieder mit dessen Ehefrau Antoinette versöhnen, sie nebenbei Karis letzte Affäre, und soll auf Geheiß seiner Schwester Crescence seinen Neffen Stani mit der jungen Helene Altenwyl verloben. Für die aber hegt Kari Gefühle, die er sich nicht einzugestehen vermag.

Der Rest sind Irrungen und Wirrungen und ein groß angelegtes Panorama einer Welt von Gestern, die bei Kica ihre Ansprüche allerdings erst aktuell abgegeben zu haben scheint. Als wär’s ein Wahlgang. An dessen Ende bekanntlich immer eine Urne steht. Kica trifft mit dem Hofmannsthal’schen Konversationston den Kern der Sache, er hat an der Patina dieses Gesellschaftstableaus gekratzt, bis einem die Gegenwart grell entgegenleuchtet, er holt dieses doch ein wenig aus der Zeit gefallene Stück vortrefflich ins Hier und Jetzt. Und die Josefstädter verstehen all diese subtilen Zwischentöne auch zu spielen. Der Tonfall, er ist eben der ihre, die Sachverständigen für Salonkomödie bewegen sich gepflegt und sicher auf ihrem Terrain. Über das sie herrschen, wie wohl derzeit kaum ein anderes Theater im deutschsprachigen Raum.

Alma Hasun als Helene Altenwyl mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Noch keine Liebeserklärung: Alma Hasun als Helene Altenwyl mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Roman Schmelzer als Hechingen mit Pauline Knof als Ehefrau Antoinette. Bild: Erich Reismann

Roman Schmelzer als Hechingen mit Pauline Knof als Ehefrau Antoinette. Bild: Erich Reismann

Im spartanischen Bühnenbild von Karin Fritz brilliert Michael Dangl als Kari Bühl. Er ist weniger Molière’scher Misanthrop, auch dieser Art wird der Charakter ja mitunter gedeutet, als ein charmanter Äquidistanz-Halter zum (anderen) Ende der Menschheit, und er ist ein durchaus spitzbübisches Schlitzohr. Als Baseline spielt Dangl dazu das Trauma eines Kriegsheimkehrers, eines im Feld verschütteten, und vielleicht rührt daher ja diese Furcht vor allem, was im Leben gut und schön sein kann. Kari schwärmt vom Clown Furlani, einem dummen August im Zirkus, und dies die treffendste Beschreibung für Dangls Rollengestaltung: einer, der allen helfen möchte, alles klären möchte, und alles in Konfusion bringt; einer, der nichts mit Absicht tut, aber beständig auf die Absichten der anderen reagieren muss. Dann wieder berührt er in intimen Momenten mit Alma Hasuns Helene. Er gibt seinem Spiel tausend Facetten und alle sind sie faszinierend anzuschauen.

Mit ihm auf der Bühne ganz großartig Ulli Maier als seine exaltierte Schwester Crescence, Pauline Knof als manisch-hysterische Antoinette Hechingen, Alexandra Krismer als ihre geschwätzige Freundin Edine oder Therese Lohner als ihre Kammerjungfer, die sich mit ihrer Herrin längst als ein „Wir“ versteht. Die Damen schrauben sich darstellerisch in lichte Höhen, daneben gibt Roman Schmelzer als abservierter Ehemann Hechingen den guten Tropf, die dritte Partei, der definitiv das Je ne sais quoi und die Sleekness fürs großbürgerliche Parkett fehlt.

Zweitere bringt per Geburt der Stani von Matthias Franz Stein mit. Stein gestaltet einen Schnösel par excellence, einen, der von den eigenen großen Plänen leicht, aber doch ennuyiert ist, gestaltet die Sorte Reiterhammerl-Rich-Kid, die, mit dem goldenen Löffel großgefüttert, nun glaubt, über das Wohl und Wehe anderer urteilen zu dürfen. Mutmaßlich nie zuvor war Stein in seiner Darstellung so prägnant, wie in dieser Rolle, als einer, der nie um eine Antwort verlegen ist, an dem nie auch nur der geringste Selbstzweifel nagt, das personifizierte Coming out des neuen Selbstbewusstseins – man sieht seinem Stani zu, wie er sich mit Teflon überzieht und weiß, da wird einer, auch wenn er jetzt noch in der zweiten Reihe steht, Karriere machen. Der Tag X wird kommen.

Die Schattenwelt und der Eindringling: Alma Hasun, Michael König, Michael Dangl, Ulli Maier und Christian Nickel als Neuhoff. Bild: Erich Reismann

Die Schattenwelt und der Eindringling: Alma Hasun, Michael König, Michael Dangl, Ulli Maier und Christian Nickel als Neuhoff. Bild: Erich Reismann

Wohl auch für Christian Nickels Neuhoff. Der sympathische Schauspieler überzeugt in einer für ihn ungewöhnlichen Position als unsympathischer Emporkömmling. Sein Neuhoff ist ein Anbiederer an die alten Machtverhältnisse und speit vor Zorn Gift und Galle über sie. Er verachtet vor allem Kari und will ihn durch Schmeicheleien doch für sich gewinnen. Er ist der Raubfisch im gutsituiert-trägen Karpfenteich.

Wie er stammtisch-eloquent herumscharwenzelt, aber wenn er seine Ziele nicht erreicht, dann plötzlich in pure Gewalt ausbricht, da zeigt Nickel neue Seiten seiner Kunst. Noch wird sein Neuhoff geschlagen vom Platz gehen, noch haben Stani und er sich in gegenseitiger Geringschätzung nichts zu sagen, noch … Janusz Kica ist es mit seiner Arbeit nicht nur gelungen, den Hofmannsthal’schen Text mit hohem Anspruch umzusetzen, er hat daraus auch eine Art Gesellschaftsfarce gemacht, eine, wenn man’s denn so sehen möchte, Politsatire, die auf Fragen verweist, auf die man sich möglichst schnell eine Antwort suchen sollte. Die Bilder gleichen sich, die Personen sind bekannt.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ty5qAJv13nQ

www.josefstadt.org

Wien, 7. 10. 2016

Theater in der Josefstadt: Die kleinen Füchse

April 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Cervik als das gerissenste unter den Raubtieren

Keine liebe Familie: Martina Stilp, Tonio Arango, André Pohl, Sandra Cervik, Salka Weber und Roman Schmelzer. Bild: Moritz Schell

Keine liebe Familie: Martina Stilp, Tonio Arango, André Pohl, Sandra Cervik, Salka Weber und Roman Schmelzer. Bild: Moritz Schell

André Pohl kann schön böse sein. Nicht, dass man es dem feinen Schauspieler nicht zugetraut hätte, aber er ist öfters in der Rolle der Feinnervigen, Gutmütigen, ein wenig Lebenstollpatschigen zu sehen. Nun, als beutegieriger Ben Hubbard, gibt er in gruseliger Seelenruhe die schlimmsten Dinge von sich. In diesem Sinne ist er nicht nur die Verblüffung des Abends, sondern mit den seiner Figur zugeschriebenen Sätzen über die Welttyrannei des Geldes gleichsam der dystopische Ausblick der Autorin.

Torsten Fischer hat am Theater in der Josefstadt Lillian Hellmans „Die kleinen Füchse“ inszeniert und das Stück aus dem Jahr 1939 mit dieser klugen Arbeit in die Zeitlosigkeit gehoben. Was so viel heißt, wie: er zeigt die menschliche Unbelehrbarkeit auf. Unaufgeregt, bei der Lakonie, die er dem Ensemble verschrieben hat, möchte man beinah sagen behutsam, weist er darauf hin, dass alles, was die Welt derzeit aus den Angeln hebt, schon einmal da war, mutmaßlich immer da war, und dass man gerade deshalb dringend die Richtung ändern sollte. Weg von Raubtierkapitalismus und Profitgier und der damit verbundenen Ausbeutung von Arbeitskraft und Umwelt; Wirtschaftswachstum allein ist ein fragwürdiger Erfolgsmaßstab für eine Gesellschaft. Hellman, die politisch linke Aktivistin, darf ihre Anliegen bei Fischer in den besten Händen wissen.

Hellman erzählt von den Finanzmachenschaften eines Südstaatenclans. Die Brüder Ben und Oscar Hubbard bekommen von einem New Yorker Unternehmer ein lukratives Angebot zur Zusammenarbeit unterbreitet, eine Baumwollfabrik soll gebaut werden, ihre Schwester Regina will ein Drittel des Kuchens. Doch dafür muss ihr Ehemann, der Banker, seinen Anteil leisten – und der schwer herzkranke Horace denkt gar nicht daran, seine Unterschrift unter einen Vertrag zu setzen. Es beginnt ein Hauen und Stechen, ein Kampf jeder gegen jeden. Kinder werden zu Missetaten angeleitet und nach deren Aufdeckung fallen gelassen, unanständige Hochzeiten werden angedacht, lebensnotwendige Medikamente verweigert, ein Bündel Wertpapiere ist mehr wert als ein familiäres Band – und am Ende steht Regina als Siegerin im Ring. Sie hat sich unter den Raubtieren als das gerissenste erwiesen.

Sandra Cervik beweist in der Rolle dieser Frau auf dem Weg in die Emanzipation Brillanz. Ihre Regina ist weder Schlange nach biblischem Vorbild, noch Megäre nach mythologischen, sondern ein Weib, das weiß, was es will und dies mit allen Mitteln umzusetzen versucht. Je nach den im Moment erforderlichen Mitteln kann Cerviks Regina die flirtoffensive Elegance sein – beim Nordstaaten-Investor, schmeichlerische Manipulatorin – bei der Tochter, oder bei den Brüdern handfest austeilen. Sogar Ohrfeigen. Doch in keiner Situation ist der Zuschauer in der Lage, ihr die Sympathie zu entziehen, nicht, weil die Regina irgend sympathisch wäre, sondern weil die Cervik zeigt, wie hier ein Mensch von Vater, Brüdern, Ehemann für deren Zwecke missbraucht wurde. Der Missbrauch soll nun ein Ende haben, aber Regina will kein Opfer, sondern voller Tatendrang sein. Eine starke darstellerische Leistung. Mit Tochter Alexandras „Hast du Angst, Mutter?“ hat Fischer die Handlung eingerahmt, und auch das spiegelt Cerviks Gesicht wider, hinter der sarkastisch glatten Fassade, die Ungewissheit … ob ihr Plan …

Der übliche Streit ums Geld: Tonio Arango, Matthias Franz Stein, Oama Richson, Sandra Cervik, André Pohl, Salka Weber, belauscht von Herbert Föttinger als Horace (re.). Bild: Moritz Schell

Der übliche Streit ums Geld: Tonio Arango, Matthias Franz Stein, Oama Richson, Sandra Cervik, André Pohl, Salka Weber, belauscht von Herbert Föttinger als Horace (re.). Bild: Moritz Schell

Eindeutig auseinandergelebt: Herbert Föttinger und Sandra Cervik als Ehepaar Giddens. Bild: Moritz Schell

Föttinger und Cervik als Ehepaar Giddens. Bild: Moritz Schell

Fassade ist in dieser Clique überhaupt alles. Und Fischer wirft seinen scharfen und analytischen Blick dahinter. Er enttarnt alten Geldadel wie Neureiche als niederträchtige Kleingeister, die Besitzer der Protzvilla als sittlich verkrüppelte Kleinhäusler voll Rassenhass und Standesdünkel. Dafür haben Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos ein Bühnenbild geschaffen, so kalt wie die Charaktere, die sich darin bewegen. Diffuses Licht fällt durch die Stahlkonstruktion, alles durchschauen, nichts von sich herzeigen, alles atmet „Industrie und Fortschritt“, oder zumindest den optisch umgesetzten Glauben daran.

Die Masse wird’s herstellen, man selber davon profitieren. Wir sind die Spieler und ihr unser Einsatz. Die Hellman sagt das alles zwischen den Zeilen, in Andeutungen entwirft sie ihre Figuren, deren sexuelle und andere Vorlieben, und Fischer folgt ihr auf diesem Weg mit Fingerzeigen und anderen minimalen Gesten. Eine Umarmung erstickt vor der vollständigen Ausführung im Ekel, eine andere wird mit der Verzweiflung eines Vaters vollzogen. Das sagt mehr über ein Verhältnis Ehemann-Ehefrau-Hausdame, als es Worte könnten.

Herbert Föttinger spielt Reginas Ehemann Horace Giddens schonungslos, und er wird ihn auch ohne sich als Schauspieler zu schonen sterben lassen. Sein Horace ist immer noch Macher und Machtmensch und überspielt jede Schwäche, er ist ein Zyniker, so verletzend wie selbst verletzt durch die unerwiderte Liebe zu seiner Frau. Die Infights zwischen Föttinger und Cervik, von hoher Intensität, Intimität, fast schmerzhaft anzuschauen, sind inhaltlich die Dreh- und Angelpunkte, gestalterisch die Höhepunkte des Abends. Man merkt es an den Reaktionen. Die gesagten Gemeinheiten brauchen Zeit zum Sacken, bevor das Publikum sich mit der nächsten Unsäglichkeit befassen kann. Immerhin passiert in zwei Stunden Hellman mehr als in einer ganzen Staffel „Dallas“ bis „Dynasty“.

Neben dem großartigen André Pohl ist Tonio Arango als Reginas jüngerer Bruder Oscar Hubbard zu sehen. Ist der eine versteckt hinterlistig, ist der andere offen brutal, Ben und Oscar, der Pragmatiker und der Choleriker. Martina Stilp gestaltet Oscars Frau Birdie als durch ihre Ehehölle devastierten Menschen, als verschlampte Alkoholikerin; sie ist das Opfer, das Regina sich weigert zu sein – eine bestechende Leistung. Matthias Franz Stein wird als Oscars Sohn Leo in seinem hilflosen Ringen um die Anerkennung von Vater und Onkel zum Dieb, Stein spielt das sehr treffend, dieses halbdämliche, kleinkriminelle Um-jeden-Preis-Gefallenwollen.

Alma Hasun ist als Reginas Tochter Alexandra das Sprachrohr der Autorin und wird als solches in eine wichtige Position gesetzt werden. Roman Schmelzer gibt mit professionell charmanter Höflichkeit den New Yorker Investor. Sein Marshall, der unter Geschäftspartnern solche sucht, die die christliche Lehre befolgen, ist einer von denen, die bürgerliche Werte auf dem Rücken anderer, schutzloserer beschwören … Und dann gibt’s da mit den Bediensteten Addie und Cal, Salka Weber und Oama Richson, eine echte Allianz, die beiden sind Zuhörer und Beobachter, es wird sich klären für wen und zu welchem Zweck. Mehr über diesen Familienthriller zu verraten, wäre ein Spoiler, das Ende bleibt ohnedies offen bis auf dies:

Die Josefstadt zeigt auch mit dieser letzten Saisonpremiere eine gelungene Ensembleleistung. Regisseur Torsten Fischer hat sich intensiv mit Lillian Hellmann auseinandergesetzt und mit einem zeitlosen Stoff eine Arbeit zur Zeit abgeliefert. Es ist schön zu sehen, wie an diesem Haus immer wieder alles wie aus einem Guss ist, und wie Herbert Föttinger es versteht, einen Spielplan zu gestalten, der seinem Team diesbezüglich entgegenkommt. Mehr davon bitte ab Herbst.

Torsten Fischer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18740

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Vh1AJ6QstWk

www.josefstadt.org

Wien, 15. 4. 2016

Theater in der Josefstadt: Anatol

Dezember 18, 2015 in Bühne

Michael König ist "Anatol" Bild: Sepp Gallauer

Michael König als „Anatol“
Bild: Sepp Gallauer

VON MICHAELA MOTTINGER

Alter Orpheus in kalter Unterwelt

Die Stimmung, in der einen dieser Abend in die Nacht entlässt, ist eine seltsam kalte – vorausgesetzt, dass die Hölle aus Eis ist; ihr Schnee wird später noch fallen. Da hat sich ein alternder Orpheus eine kalte Unterwelt geschaffen. Singen möchte er, wenn schon nicht von Liebe, so doch von Leidenschaft, aber die Stimme ist in zu viel Rauch und zu viel Champagner flöten gegangen. Die Weiber, die durch ihn wild geworden sind, sind allesamt da. Sie zerreißen ihn – innerlich. Helmuth Lohner sollte diesen Zerrissenen spielen. Michael König hat den Part übernommen. Seine Höhle ist ein heruntergekommener, schäbiger Tanzpalast. Jeder hat hier schon bessere Zeiten gesehen. Jeder hat die Hölle, die er verdient. Herbert Föttinger hat an der Josefstadt Schnitzlers „Anatol“ inszeniert.

Der Hausherr und sein Dichterfürst Peter Turrini haben sich ans Werk gemacht, ans Werk gewagt, und dem Abglanz der entmachteten Manneskraft einen Rahmen verpasst. Von der einst güldenen Opulenz bröckelt die Patina. „Ich will nicht mehr geliebt werden“, sagt dieser Anatol und überreicht seinem Freund Max ein Devotionalienkästchen der Erinnerungen. Sie duften noch süß, die Locken und Liebesbillets der süßen Mädln. Wie könnte man also verbrennen, was einen verbrennt? Nein, lieber unterm fremden Bett deponieren und von Zeit zu Zeit hervorholen, und gerade, als diese Episode verhandelt wird, tauchen sie auf, die Geliebten vergangener Tage. Kopfgeburten, Sukkuben, die sich um Anatol wie zu einem Untotentanz formieren. Schnitzlers psychologische Tiefengrabung als erotischer Albtraum eines angezählten Egomanen. Und apropos, „unten liegen“ – unterliegen: Die begnadeten Feministen Turrini und Föttinger haben Schnitzlers Harem die Emanzipation beigebracht. Die Damen haben das Sagen; wiewohl Anatol schon anno 1893 von Cora zu Ilona zunehmend Kontrollverlust erleidet, muss dieser da in schwarzbestrumpfter Beinschere gar um seine Atemluft fürchten. Headscissors sind ja manchem Herrn ein beliebtes Lustspiel.

Dies und das verhindert, dass dieses œuvre de vieillesse von Schwermut besoffen in Sentiment ersäuft. Es kann sich ja keiner von den eigenen Katastrophen abschneiden, und vielleicht liegt es auch daran, dass einem das Herz nicht wirklich aufgeht. Föttinger hat dem Leben aufs Maul geschaut und gesehen, wie die Tragi- neben der -komik steht, und dass doch alles nur Farce ist. Wie man durch die Welt läuft und sich fragt, wie man da wohl wieder reingeraten ist, so hetzt Anatol von Szene zu Szene. Ohne Faden, den hat er längst verloren, geht’s von illusionslos-nüchterner „neuer“ Sachlichkeit hinein in die Klamaukkomödie und retour. Alles ist Betrug, selbst die Frage an das Schicksal, wenn Alma Hasun, statt Hypnoselämmchen zu sein, beiseite flüstert: von wegen Untreue, da hätte sie ihm einiges zu erzählen gehabt … Wenn Michael König zu Max sagt, dass ihn dessen kühle, gesunde Heiterkeit enerviere, dann ist sie genau das, was Föttingers Inszenierung ausmacht.

König ist kein hinreißender Herzensbrecher. Wenn so einer eine Frau als „mein liebes Kind“ abschasselt, schwingen die Töne schon schön arrogant; die Diminutivierung des weiblichen Geschlechts gehört bekanntlich zum Wortschätzchen des männlichen Machterhalts. Königs Anatol changiert wie die Seidendessous, zwischen denen er sich bewegt. Er ist ungeduldig und beleidigt beim Abschiedssouper, wehleidig und beleidigt am Hochzeitsmorgen, süffisant und beleidigt bei den Weihnachtseinkäufen. Dieser Anatol nimmt im amourösen Rollenspiel mit Begeisterung die des Opfers ein. Da will einer Gefühlsmensch sein und hat dabei nur auf sich selber Emotionen. Was hat ihm das Weib nicht alles angetan! Ja, ja, da ist es gut, dass Peter Matić seinen Max mit einem charmanten Sarkasmus ausstattet, der das viele Seelengeklingel konterkariert. Matićs Max, der selbsternannte Stichwortgeber, ist in Wahrheit der Spielmacher; in den besten Szenen der Aufführung gestaltet er mit König Doppelconférencen. Nur nicht romantisch werden, rät er dem „leichtsinnigen Melancholiker“. Wozu bei der resoluten Riege allerdings sowieso wenig Anlass besteht.

Aus dem Reigen von Föttingers Frauen-Fantasien stechen drei hervor: Katharina Straßer gibt die Annie als grandiose „Fehlbesetzung“ in Adidas-Buxe und mit Pudelhaube, ohne hart antrainierter Ballerina-Attitüde, sondern als lustig-aggressive Prolet-Berserkerin. Sie spielt ein Vorstadtkabarettstückchen. Sandra Cervik ist als Ilona die elegante Domina-nte, die dem Herrn einen Herrn zeigt. Und mutmaßlich auch ihre strenge Kammer. Bevor die einem hinterher läuft, läuft sie lieber Amok. Als Höhepunkt gestaltet Andrea Jonasson mit Gabriele den Schlusspunkt, eine harte, nur von der Contenance im Zaum gehaltene Auseinandersetzung, die in ihrer Höflichkeit schlecht verheilte Verletzungen verdeckt. An Jonassons Seite, der einzigen Begegnung auf Augenhöhe an diesem Abend, kommt König schließlich in schauspielerische Hochform. Am Ende bleibt sein Anatol allein im dunklen Tanzpalast zurück. Seine Erinnerungsstücke hat er behalten, ein neues kommt dazu. Es ist zu erwarten, dass dieser Don Juan wieder in den Geschlechterkrieg zieht.

Michael König im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16616

Trailer: www.youtube.com/watch?v=iDMvEN7qmZk

www.josefstadt.org

Wien, 18. 12. 2015

Kammerspiele: Der nackte Wahnsinn

Oktober 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gewinnerteam in der Klipp-Klapp-Königsklasse

Alexander Pschill und Ulli Maier Bild: Erich Reismann

Alexander Pschill und Ulli Maier
Bild: Erich Reismann

Der erste Gedanke beim schnellen Hinsehen: Die Ott spielt mit? Es ist Ulli Maier, die ihre Figur zur Hommage an die heuer 90 Jahre alt gewordene Grande Dame der Kammerspiele macht. Eine Charakterzeichnung mit lebhafter Mimik und Gestik und extravagant getürmtem Rotschopf. Eine Perle Anna, eine Ähnlichkeit, weil auch Mrs Clackett die Haushälterin ist, die von Publikumsliebling Dotty Otley dargestellt wird, die wiederum beide von Ulli Maier verkörpert werden. Maier als Erzkomödiantin.

An den Kammerspielen hatte Michael Frayns Boulevardstück „Der nackte Wahnsinn“ Premiere. Das ist die Königsklasse des Klipp-Klapp-Theaters, und das Ensemble der Kammerspiele geht eindeutig als Sieger in dieser Disziplin hervor. Allen voran Michael von Au, der mit erst an diesem Mittag gebrochenem Mittelfuß spielte, was auch von den Kollegen heftig beklatscht wurde, was dem hervorragenden Schauspieler zu Unrecht peinlich war. Regisseur Folke Braband hat ganze Arbeit geleistet, dies zum Thema Disziplin in dieser Disziplin, denn das Timing stimmt auf den Punkt, die Pointen sitzen, das Tempo ist atemberaubend hoch. Frayns geniale Kulissenblickkomödie braucht Handwerk und Würde, sonst wird die Eskalation zum Affentheater. Nicht umsonst heißt es an einer Stelle, es sei so zu spielen, wie es das Orchester auf der Titanic tat. Das Schiff kränkt und kracht und kippt – dennoch: Haltung! In Brabands Inszenierung gelingt nicht nur das, sondern auch die Darstellung von Menschen, allesamt durchaus reizend. Im doppelten Wortsinn. Der Versuchung, aus Frayns Schauspielstereotypen Knallchargen zu machen, wurde elegant nicht erlegen; der Abend ist in gewissem Sinne very british. Alexander Pschill etwa beherrscht den Understatement-Tonfall perfekt.

„Der nackte Wahnsinn“, im Original „Noises off“, das ist der Befehl, mit dem der Inspizient auf der Hinterbühne um Ruhe bittet, wenn die Vorstellung beginnt, ist Stück-im-Stück. Die Darsteller müssen deshalb das Prinzip Rolle-in-der-Rolle bewältigen, jeder Schauspieler spielt eine Schauspielerfigur, die eine Rolle spielt: Eine mittelmäßige Theatertruppe bringt ein schlechtes Lustspiel zur Aufführung. Drei Mal ist dessen erster Akt zu sehen, als Generalprobe, als Repertoirevorstellung – mit Perspektivewechsel auf die Rückseite des Bühnenbilds von Stephan Dietrich – und als Dernière. Das Ensemble scheitert nicht nur an tellerweise Sardinen, sondern vor allem an Zwischenmenschlichem. Die gruppendynamischen Prozesse rund um Eifer-, Trunk- und Geltungssucht geraten von Runde zu Runde mehr aus den Fugen, bis alles neben der Spur Amok läuft. Da ist viel Platz für Slapstick und Schmiere, da ist auch einiges an Stuntmanqualitäten gefragt, was die Kammerspieler alles eifrig bedienen.

Mit Vollgas vor den Vorhang. So schlecht kann gar nichts sein, dass es hier nicht brillant ist. Je fürchterlicher das Stück, je mieser die Gags, je elender die Schauspieler, desto entfesselter der Applaus. Doch auch überlebensgroß gemacht, ist die Sache im Kern aus dem wirklichen Künstlerleben gegriffen. Die Kontaktlinsensuche auf dem Bühnenboden. Der soufflierte Text, bis auf Balkonhöhe wortdeutlich, allein nicht für den vergesslichen Darsteller. Nerven- und andere Zusammenbrüche. Die hohe Dichte an Kollegen diverser Wiener Häuser im Publikum beweist auch dies: Am Frayn-Stoff ist viel Wahres dran. Der englische Dramatiker zeigt Schauspieler als entzückende Sensibelchen, aber wehe, wenn die Rampensau losgelassen.

„Ich liebe meine Schauspieler“ ist entsprechend auch das Mantra von Regisseur Lloyd Dallas. Michael von Au siedelt ihn zwischen geduldigem Gott-Vater und Psychotherapeut an, bemüht allen Be- und Empfindlichkeiten gerecht zu werden, aber damit gestraft, dass seine Mimen meinen, ihr Mitdenken sei gefragt. Und Gott sah, dass es schlecht war. Schlecht auch, dass er sowohl mit der graumäusigen, fettnapfgefährdeten Regieassistentin (Eva Mayer sehr fein auf ihrem Weg von der Unterwürfigkeit in die Emanzipation) ein Pantscherl hat, als auch mit der jugendlichen Naiven Brooke. Alma Hasun gestaltet die Nachwuchshoffnung als Sexyhexy ohne Scheu vor auch nur irgendeinem Blondinenklischee. Wunderbar der letzte erste Akt, als schon alles im Argen liegt und sie, weil leicht langsam im Kopf und daher improvisationsbefreit, am Text klebt.

Ruth Brauer-Kvam gibt die esoterisch gute Fee, die Mutter der Kompagnie mit Wallekleid und Frankensteins-Braut-Perücke. Jeder ist ihr ein „Herzblatt“ oder ein „Schätzchen“, Hauptsache Ruhe herrscht. Eine, die Oliver Huether dringend braucht. Zwar besetzt als Mannsbild vom Dienst, kriegt er wegen jeder Kleinigkeit Nasenbluten. Huether macht aus seiner Figur einen meschuggenen Method Actor, sein Gehabe wie von einem Stummfilmstar entliehen. Heribert Sasse erledigt für Selsdon Mowbray die letzte Bühnenrunde, die fatalerweise immer an einer Whiskyflasche vorbeiführt. Sasse spielt das herrlich desorientiert, sein Selsdon ist ein liebenswerter Nebensichsteher. Dass ausgerechnet seine Figur als Einbrecher im Stück-Stück für den Thrill sorgen soll, ist an Komik kaum zu überbieten. Martin Niedermair als Inspizient und Mädchen-für-eh-alles gerät zunehmend aus der Fassung. Er liefert auch eine Direktorspersiflage ab, die Herbert Föttinger in der Loge einen Lachanfall beschert.

Bleibt das Liebespaar, das mit all seinen Irrungen und Wirrungen zusätzlich für Irrsinn sorgt: Alexander Pschill und Ulli Maier. Pschill ist der Dandy der Truppe, ein Halbsätze stammelnder Selbst-Darsteller, dem das Herz vom rechten Fleck Richtung Abgrund entgleist, als er seine „Dotty“ Ulli Maier in den Armen eines anderen wähnt. Da kommt sogar eine Axt zum Einsatz, bis seine Allerliebste – Maier in zunehmender Auflösung, siehe Frisur, siehe Beruhigungspillen – ihn von ihrer Unschuld überzeugen kann. Am Ende ist alles gut, auf der Bühne, weil die Tournee endlich vorbei ist, auf der Bühne der Kammerspiele sowieso. Die exzellente Performance aller Beteiligten wurde mit viel Jubel bedankt.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=p1Vun2IQeP8

Wien, 16. 10. 2015