Nobadi

September 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Karl Markovics‘ „Märchen vom schlechten Gewissen“

Heinrich Senft ist überzeugt, dass ihn der afghanische Flüchtling Adib Ghubar bestohlen hat: Heinz Trixner und Borhanulddin Hassan Zadeh. Bild: epo-film/Petro Domenigg/Thimfilm

Was die Tätowierung auf seinem Arm bedeute, fragt der alte Mann den jungen. „Nobadi“, erklärt der, sei der Laufburschenname, den ihm die deutschen NATO-Soldaten im Lager gegeben hätten – „damit sie, wenn ich sterbe, sagen können: „Nobody has died“. Da entblößt der Alte seine Achselhöhle, und zeigt mit einem unverblümten „Ich war auch in einem Lager“ seine SS-Blutgruppenkenn- zeichnung … Ein „Märchen vom schlechten Gewissen“ nennt Karl Markovics seinen Film „Nobadi“.

Am 4. Oktober kommt er in die Kinos, und für ihn hat Markovics die „Niemand“-Lüge, mit der der listenreiche Odysseus laut Homer den Zyklopen Polyphem übertölpelte, sowie dessen jahrzehntelange Odyssee als Metapher für das Schicksal von Flüchtlingen verwendet. Es war eine europäische Sicherheitskonferenz über die sogenannte „Flüchtlingswelle“, die Markovics zu dieser Geschichte veranlasste, ging es bei dem Treffen doch „nicht um die Sicherheit jener, die vor Krieg, Verfolgung, Elend, Hunger und menschlicher Erniedrigung nach Europa flohen, sondern um die Sicherheit unseres empfindlichen Wohlstandes“, so der Drehbuchautor und Regisseur.

Und Markovics weiter: „Ein Viertel Prozent weniger Wachstum bedrohen unseren Frieden offenbar mehr, als der Tod von Hunderttausenden. Die obszöne Umkehrung von Opfern in Täter, die bei dieser Sicherheitsdebatte mitschwang, erinnerte mich in fataler Weise an die Ideologie der Nationalsozialisten. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass das tausendjährige Reich zwar real nicht mehr existierte, im geistigen Bodensatz unseres Denkens aber immer noch vorhanden ist“.

Hier liegt bald der Hund begraben: Borhanulddin Hassan Zadeh und Heinz Trixner. Bild: epo-film/Petro Domenigg/Thimfilm

In einer Kleintierpraxis stiehlt Senft Medikamente für Adib: Heinz Trixner und Borhanulddin Hassan Zadeh. Bild: epo-film/Petro Domenigg7Thimfilm

Aus diesen Überlegungen zu ewiggestriger und gegenwärtiger Schuld, der Suche nach einer Möglichkeit zur Sühne, dem Wunsch nach wahrhafter Vergebung, entwickelte sich „Nobadi“, in dem Markovics Heinz Trixner als den 93-jährigen Altnazi Heinrich Senft und den afghanischen Schauspieler Borhanulddin Hassan Zadeh als Flüchtling Adib Ghubar, eine Lebenssituation, die Zadeh 2012 am eigenen Leib erfahren hat, aufeinandertreffen lässt. Senfts Hund ist in der Nacht gestorben, und als er ihn heimlich im Garten begraben will, bricht der Stiel der Spitzhacke.

Auf dem Rückweg vom Baumarkt, spricht ihn Adib wegen einer Arbeit an. Indem Markovics die Genregrenzen ins Allzuösterreichische ausdehnt, wird „Nobadi“ zum bizarren Buddy-Movie über zwei Menschen, die nichts gemeinsam haben, und dennoch für ein paar Stunden alles miteinander teilen. Beeindruckend ist, wie Trixner den unduldsamen, boshaften Charakter Senft, der den Flüchtling mit drei Euro Stundenlohn übers Ohr haut, ihm wegen „Dauertelefoniererei auf meine Kosten“ das

Handy abnimmt, ihn zum Essen von Schweinsfaschiertem zwingt, ihn sogar mit seiner Wehrmachtspistole bedroht, weil er ihm unterstellt, die Geldbörse, die er selber versteckt hat, gestohlen zu haben, zu einer Nächstenliebe finden lässt, die bis dato nur seinem Hund galt. Über dessen Verlust er, wenn unbeobachtet, denn doch Tränen vergießt.

Um nichts weniger als Heinz Trixner überzeugt Borhanulddin Hassan Zadeh bei diesem Infight zweier sturer Köpfe. Wie er sich von Senfts herrenrassistischem Kommandoton nicht aus der Ruhe bringen lässt, wie er die Demütigungen, auch die als einzige „islamadäquate“ Alternative zum Schweinernen hingestellte Hundefutterdose, mit Würde erträgt, ist sehenswert. Je länger „Nobadi“ läuft, desto erbarmungsloser entfaltet sich seine karge Poesie, der Film ist in der Art ohne inszenatorischen Schnickschnack, wie seine Protagonisten wortkarg und verschlossen sind. „Was haben Sie dort gemacht?“, will Adib die Lager-Bemerkung beantwortet haben. Darauf Senft: „Ob ich Juden umgebracht habe, willst du wissen? Für dich als Muslim muss das doch gut sein.“

Adibs Zustand verschlechtert sich: Borhanulddin Hassan Zadeh. Bild: epo-film/Petro Domenigg/Thimfilm

Also beschließt Senft das verletzte Bein zu amputieren: Heinz Trixner. Bild: epo-film/Petro Domenigg/Thimfilm

Klar, dass diese Konstellation eskalieren muss, worauf gemäß Markovics endlich die Katharsis einsetzt: Spätnachts nämlich findet Senft Adib vor Schmerzen zusammengesunken auf einer Bushaltestellenbank. Ohne Schlafplatz, doch mit einer schweren Fußverletzung, die er nicht in einem Krankenhaus behandeln lassen will, weil er fürchtet, dass das Spitalspersonal ihn als „Illegalen“ von der Polizei verhaften lässt. Da regt sich im Wienerherz, und sei es noch so golden, ein längst verschütt geglaubtes Mitgefühl. Gemeinsam suchen die beiden Männer Senfts Tierärztin auf, um sich bei dieser Hilfe zu holen.

Als die angesichts der tiefen Wunde die Rettung rufen will, endet es für die Veterinärin letal. Samt gestohlener Medikamente wieder zurück zu Hause, verschlechtert sich Adibs Zustand drastisch. Das Bein ist schon schwarz bis unters Knie, als Senft entscheidet, wozu sonst war er im Dritten Reich Sanitäter?, es abzunehmen. Eine Amputation mit Elektromesser und zwei Gabeln als Wundspreizer, die Plastiktischdecke, in die eben noch der tote Hund eingewickelt war, als OP-Unterlage – Bilder, die an den (Magen-)Nerven rütteln, in einer Story, die kaum auszuhalten ist.

Wenn Adib, damit er nicht ohnmächtig wird, Senft nun von Afghanistan berichtet, wo man entweder durch Selbstmordattentäter oder von den Taliban ermordet wird, sein Vater, seine Brüder tot, die Mutter darüber wahnsinnig geworden. Tatsächlich wie ein böses Märchen mag sich das für jene Ahnungslosen anhören, die die Gnade der Geburt in der Republik Österreich zur Welt kommen ließ, und die das alles für „Lügenmärchen“ halten, sind doch selbst etliche Entscheidungsträger hierzulande lautstark davon überzeugt, dass ihnen ein solches von Asylsuchenden prinzipiell aufgetischt werde. In diesem Sinn sarkastisch ist Adibs Schlusssatz: „Und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heute …“

 

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  1. 9. 2019

Wiener Festwochen: Tiefer Schweb

Juni 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Marthalerei auf dem Boden des Binnenmeers

Die Macht der Tracht: Hassan Akkouch, Walter Hess, Ueli Jäggi, Stefan Merki, Annette Paulmann, Jürg Kienberger, Olivia Grigolli und Raphael Clamer. Bild: Thomas Aurin

Der erfolgreich in Bayern Eingebürgerte – in diesem Falle Hassan Akkouch – kann alle Inhaltsstoffe der Weißwurst nennen und Schuhplatteln. Dies unterscheidet ihn positiv von den 900 „außereuropäischen“ Individuen, die in einem aus neun Kreuzfahrtschiffen bestehenden Dorf über der tiefsten Stelle des Bodensees auf Asyl warten. Ihre Fremdheit hat das Binnenmeer, so scheint’s, mit fremdartigen Bakterien verseucht.

Und wegen all dieser Misslichkeiten tagt nun unten am „Tiefen Schweb“, in der „geheimen Klausurdruckkammer 55b“ eine Bande Bürokraten, deren Aufgabe es ist, die Biosphäre wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Soweit der Inhalt von Christoph Marthalers jüngster Produktion, die für die Wiener Festwochen von den Münchner Kammerspielen ans Theater an der Wien übersiedelt ist. Mit der Einladung des immer wieder gern gesehenen Gastes setzt Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin auf eine sichere Bank, und tatsächlich ist auch diesmal der Jubel für den Schweizer Regisseur und seine handverlesene Truppe – Ueli Jäggi, Olivia Grigolli, Hassan Akkouch, Annette Paulmann, Walter Hess, Jürg Kienberger, Stefan Merki und Raphael Clamer – nach der Premiere groß.

Marthaler präsentiert eine Art Verwaltungsrevue, in der skurrile Vertreter eines verbraucht-siechen Europas Methoden zur Abschottung gegen neue weltweite Wanderungsbewegungen finden wollen – ein Thema, das ihn zumindest seit den Hamburger „Wehleidern“ begleitet. Musik gibt’s von Volksweisen und Mozart bis zu Bach und Kirchengesängen, als Höhepunkt eine dreifach georgelte Battle zwischen Simon & Garfunkels „Sound of Silence“ und Procol Harums „White Shade of Pale“ (Kienberger, Clamer und Merki, Gesang: Jäggi mit beinah Gary-Brooker-Originalstimme), gefolgt von Paulmanns lauthals dargebotener – no na – „Fischerin vom Bodensee“.

Und wie nebenbei, zwischen Tretbootabenteuern und dem „Zauberflöten“-Tamino, flicht Marthaler seine Anliegen zur Zeit ein. Verhandelt den abgenudelten Begriff Heimat, sinniert über das hiesige „Werte- und Bekenntnissystem“ und lässt seine Figuren über die „Integrationskompatibilität“ der an der Oberfläche angeschwemmten Fremden schwadronieren. Das alles ist Dada bis gaga. Marthalerei vom Feinsten. Die Loslassung seiner gesamten surrealen Fantasie. Duri Bischoff hat dazu eine holzgetäfelte Bühne erdacht, auf der sich immer wieder unerwartet neue Räume auftun, mit einem riesengrünen Kachelofen als einzigem Ausstieg zur Außenwelt. Allerdings, so müssen die weiblichen Mitglieder der kafkaesken Kommission, bald feststellen, wurde auf den Einbau von Damentoiletten vergessen.

Procol Harum meets Simon & Garfunkel: Jürg Kienberger, Raphael Clamer, Stefan Merki an den Heimorgeln und Sänger Ueli Jäggi. Bild: Thomas Aurin

Doch das tut dem verstaatlichten Pflichtbewusstsein keinen Abbruch. Annette Paulmann poetry-slammt die Tugenden des Ausschussmenschen von A wie Ausdauer bis Z wie Zivilcourage. Ueli Jäggi katalogisiert mit Verve die fremdsprachigen Namen für Bodensee. In einem so beiläufigen wie tiefsinnigen Dialog am Pissoir diskutieren Jäggi und Walter Hess in Heidegger’schem Duktus einen herrlichen Doppelsinn:

Ausschuss als Gremium und Ausschuss als Abfall. Das Wesen des Ersteren, sagen sie, sei über sein „Nicht-Wollen“ bestimmt. Also über das, was er ablehnt, aber auch über das, was ihm unwillkürlich widerfährt. Wie eben seine kauzigen Einlassungen auf eine zunehmend irreale Heimatsehnsucht. Im Stakkato der Sitzungsprosa kommt es zu weiteren verqueren Selbstdefinitionen. Aus all dem entsteht das eindrückliche Bild einer Bunkermentalität. Marthaler reimt Abschottung auf „Schotten dicht!“, alle stehen hier unter Druck und mitunter ist die Luft so dick, dass es kaum zum Atmen ist, dann muss im Panikraum panisch ein Ventilrad gedreht werden. Nach links selbstverständlich. Marthalers begrinsenswerte Parabel hat viele derart hinterfotzige Querverweise.

Zum Ende kommt’s zu einer großartigen Modenschau von von Sara Kittelmann entworfenen, kühn verschnittenen Kleidern, Lederhosen und Hüten. Da entfaltet sich die ganze Macht der Tracht, werden Ausgänge zugenagelt und wird Stacheldraht ausgerollt. Da jongliert Marthaler noch einmal mit den Imponderabilien einer im Umbruch begriffenen Welt, der mit engstirniger Binnenperspektive nicht länger beizukommen sein wird. Welch ein Abend. Politisch klug und voll sanfter Schrulligkeit. Man muss diesen Aberwitz einfach mögen!

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  1. 6. 2018

Wiener Festwochen: Die Selbstmord-Schwestern

Juni 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geduldsspiel mit Mangagirls

Bild: Judith Buss

SMI²LE heißt das Prinzip, in dem Timothy Leary die weitere Entwicklung der Menschheit sah. Viel mehr kann man bei Susanne Kennedys Debüt bei den Wiener Festwochen im Theater Akzent auch nicht tun. Lächeln und aussitzen. Ihre Überprüfung, ab welchem Zeitpunkt Installation die Grenzen des Theaters sprengt, ist weniger – wie angekündigt – „herausfordernd“, sondern entpuppt sich auf die Dauer als Gedulds-Spiel. In langen 90 Minuten präsentiert Kennedy, was in ihrer Hand von Jeffrey Eugenides‘ Roman „Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides“ übriggeblieben ist.

Dazu mixt sie munter Leary und seine Entwicklungstheorie der acht Bewusstseinsstufen – sie verwendet den US-Psychologen, der einst den Gebrauch von psychedelischen Drogen als Freiflughilfe propagierte, in Form einer glatzköpfigen Avatarin als Tripsitter, und das Bardo Thödröl, das tibetische Totenbuch, in dem die Erlebnisse der menschlichen Seele beim Sterben geschildert werden und das Verstorbenen als Führer zum Licht der Erlösung / zur Wiedergeburt dienen soll.

Gestorben wird bei Eugenides nämlich eine Menge. Fünf Schwestern begehen nacheinander Selbstmord, die Gründe dafür sind unklar, diffus scheint es mit der Verweigerung des letzten Abschnitts der Adoleszenz zu tun zu haben. Nachbarsjungen beobachten begierig die Mädchen, einmal richtig fummeln dürfen!, und sie werden es sein, die als erwachsene Männer erzählen und immer noch spekulieren, warum die kleinstädtische Lisbon-Nachkommenschaft samt und sonders den Freitod wählte.

Dieses Männermotiv fließt in Kennedys Arbeit ebenso ein, wie der beschriebene Umstand, dass die Jungen einen veritablen Schrein für die Mädchen errichteten, in dem sie aus dem Müll gefischte Devotionalien deponierten – von Haarbürsten bis Tampons. Was Kennedy und ihre Bühnenbildnerin Lena Newton zeigen ist ebendieser Schrein als Hightech-Verherrlichungsapparat. Auf x-en Monitoren blinkt und flimmert es, Youtube-Girlies, die ihre pubertären Lebensweisheiten zum Besten geben, Kirsten Dunst in Sofia Coppolas Selbstmord-Schwestern-Verfilmung, die Jungfrau Maria mit blutendem Herzen …, hinten ein nacktes Schneewittchen in gläsernem Sarg, in Vitrinen sind Donuts aufgespießt, stehen Coca-Cola-Flaschen, hurra, wir machen hier Popkultur.

Dazu passt die Aufmachung der Schauspieler Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber und Damian Rebgetz, die sich dem japanischen Cosplay-Trend folgend, als Mangamädchen verkleidet haben (Kostüme: Teresa Vergho). Einzig Figurentheatermacher Ingmar Thilo darf sich maskenlos als jüngste Lisbon-Tochter und erster Todesfall das graue Greisenhaar bürsten lassen. Und weil bei Kennedy Verfremdung bis zur Unverständlichkeit Trumpf ist, ist der Text vorab eingesprochen, Voice over: Çiğdem Teke. Wer an dieser kitschigen Illusionsmaschine etwas deuten möchte, hat von vorne herein verloren.

Was von dieser Aufführung (?) im Gedächtnis bleibt, ist nicht viel. Kennedy, die seit Beginn ihrer Regisseurinnen-Tätigkeit an der Reduktion von Handlung und Aktion arbeitet, hat’s diesmal auf die Spitze getrieben, hat ihre Arbeit hermetisch abgeriegelt. Was anfangs noch spannend und schön anzuschauen ist, wird mit der Zeit öde, der Erkenntnisgewinn – und ging’s Leary-Guru nicht schließlich darum? – tendiert gegen Null, die vielen auch im Programmzettel herbeizitierten Reverenzen verpuffen ins Nichts. „You may feel confused and bewildered“ / „Sie könnten sich jetzt verwirrt und perplex fühlen“, sagt Learys Stimme kurz vor dem Ende. Das Wiener Publikum hielt’s höflich aus und applaudierte kurz, bevor es schnell zum Ausgang drängte.

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  1. 6. 2018