The Assistant: Eine Harvey-Weinstein-Story

Oktober 13, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Niemals auf die Couch vom Chef setzen!

Immer unter Druck, die Sexaffären ihres Chefs zum Verschwinden zu bringen: Julia Garner als Assistentin Jane, die für einen übermächtigen Filmproduzenten arbeitet. Bild: © Forensic Films

Das Schweigen im Morgengrauen ist ohrenbetäubend. Eine junge Frau, allein in schier endlosen Büroräumen, steht am Kopierer, Seiten um Seiten um Seiten, die sich später als Treatments und Drehbuchentwürfe herausstellen werden; sie räumt die schmutzigen Gläser vom Vortag vom Besprechungstisch, schlichtet Wasserflaschen in den

Eiskasten, checkt Flugtermine, Rechnungen von der Reinigung, in der Post eine Einladung ins Weiße Haus, am Telefon seine verärgerte Ehefrau wegen gesperrter Kreditkarten. Zum Soundtrack von Tastenklappern, Hörerauflegen, Kopierschlitten trudeln die Kollegen ein, viele sind’s, die hier für den Boss arbeiten, eine Kreativfabrik voll geknechteter Kreaturen. Jane ist eine davon, „The Assistant“ – so der Titel des Filmdramas von Regisseurin und Drehbuchautorin Kitty Green, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. Die für die Netflix-Krimiserie „Ozark zweifach Emmy-ausgezeichnete Julia Garner spielt die junge Jane, deren Traumjob in der Filmbranche zum tagtäglichen Albtraum wird.

„The Assistant“ ist ein leiser Film zu einem Thema, über das man nicht laut genug schreien kann: das Stillhalten, das Wegschauen, die „karrieretechnisch“ unvermeidliche (sexuelle) Gewaltausübung eines Vorgesetzten. #MeToo – die Anspielungen auf Harvey Weinstein sind unübersehbar, doch ist der zu 23 Jahren Haft verurteilte Hollywood-Produzent nur die Spitze einer Herrenpyramide, die vor Gericht gestellt gehörte. Wie unsichtbares Nervengas lässt Kitty Green die Toxic masculinity durch die Korridore wabern, man kann die Angst der Angestellten förmlich riechen, und so unsichtbar wie gleichzeitig omnipräsent ist auch ER.

Dessen Name, wie der Gottes nicht ausgesprochen werden darf, und der ein alttestamentarisch strafender ist. „Ist ER schon da?“ – „Wann kommt ER wieder?“ – „Ist ER schon gegangen?“– „Es tut mir leid, ER ist gerade nicht greifbar.“ So wird zwischen den Schreibtischen gewispert. „The Assistant“ ist ein Film im Flüsterton, man wähnt sich in jener Art surrealistischem Horrormovie, in dem sinistre Diener um ein Böses wimmeln, das zu monströs ist, um jemals von der Kamera gezeigt zu werden. Der Big Player in der Filmbranche bleibt eine von Jay O. Sanders gesprochene Telefonstimme.

Unter ihm, in einer sterilen Atmosphäre zwischen Amts- und Krankenhaus, amtiert eine Männerwelt, Noah Robbins und Jon Orsini als Janes Zimmer-„Kollegen“ etwa, die jeden unangenehmen Auftrag ihr zuschanzen, und natürlich ist sie in der Teeküche die Tellerwäscherin und Kindergärtnerin für die Kids eines nachmittäglichen Sex-Termins. Welch ein Bild einer gedemütigten Frau. Wenn Jane, dies ihr „Spezialauftrag“, lautlos SEIN Reich aufräumt, vom Gebäck, das noch vom letzten Meeting auf dem Tisch steht, das beste nimmt und reinbeißt, die Brosamen vom Tisch des Herrn, dann Plastikhandschuhe um Einwegspritzen gegen Erektionsstörungen zu entsorgen – Julia Garners Gesicht bleibt bei all dem fast unbewegt, den Ekel ihrer Jane, als sie mit Desinfektionsspray vor der Couch kniet, erspürt man eher, als dass man ihn ihr ansieht.

„Niemals auf die Couch setzen!“, feixen denn auch die Kollegen, als sie einen Neuling über die Gepflogenheiten im Chef-Büro aufklären. Was Janes seltsam unheimliche Routine betrifft, so bleibt sie unkommentiert. Alle wissen, alle schweigen. Für das Kreditkarten-Gespräch mit Gattin muss Jane Gottes ungerechten Zorn über sich ergehen lassen, und man wünschte, sie würde endlich aufhören, Entschuldigungsmails zu schreiben, dies schriftliche Zu-Kreuze-Kriechen die übliche Praxis in dieser Firma, „Es tut mir leid“ – „Wollte mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten einmischen“ – „Werde Sie nie wieder enttäuschen“ – „Bin so froh, in diesem Unternehmen arbeiten zu dürfen“, das ihr die Kollegen soufflieren.

„The Assistant“ ist der erste Spielfilm der australischen Dokumentarfilmerin Green, die mit „Ukraine Is Not a Brothel“ über die Femen-Bewegung bekannt wurde. Bei ihren Recherche-Gesprächen mit Weinstein-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, sagt sie, hätte sie immer und immer wieder die gleichen Geschichten vom Weg-Ducken und Ausgeliefert-Sein gehört, und tatsächlich ist einem dieses Zuckerbrot-und-Peitsche-System nicht unbekannt. „Ich bin streng mit Ihnen, weil ich Sie groß machen werde!“ = Fiktion / „Ich habe dich gemacht!“ = Fakt, Antwort damals: „Davon weiß meine Mutter aber nichts …“ – und Abgang.

Jon Orsini , Noah Robbins, Julia Garner. Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Den „Honey Pot“ will Jane ihrem Boss ausleeren, als der sich mit Sienna, Kristine Frøseth mit Lolita-Appeal, ein Betthupferl aus Idaho einfliegen lässt. Ausgerechnet Jane soll sie nicht nur als neue Assistentin einarbeiten, sondern auch in einem Luxushotel unterbringen, von dem Jane als Unterkunft nicht einmal träumen kann. Ein Rettungsversuch des mutmaßlichen Missbrauchsopfers bei Personalchef Wilcock, Matthew Macfadyen herablassend-jovial, endet so, dass Jane sich wie blöde vorkommen muss.

Sein „Sie sei doch punkto Karriere auf der Überholspur“ heißt eindeutig „Halt’s Maul!“, sein „Wollen Sie weiter hier arbeiten?“ und die mindestens 400 Bewerber, die draußen auf Janes Job warten, auch derlei hat man schon selber gehört. Eine beklemmende Szene übers Abwürgen von Zivilcourage ist das, mit einem nachgeworfenen: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, Sie sind nicht SEIN Typ.“ Bis Jane zurück auf ihrem Platz ist, war die Bürobuschtrommel schon aktiv, und wieder ist ein Kotau-Mail fällig.

Kitty Green lässt sich das alles binnen 24 Stunden ereignen. Und nie wird die sexualisierte Gewalt, die der Boss ausübt, gezeigt noch wird sie jemals offen ausgesprochen. Alles erschöpft sich in Andeutungen. In den Couch-Witzen, wenn die nächste, die ins Beuteschema passt, um Anmeldung bei IHM bittet, im Gekicher über die mitgehörten schwülstigen Telefonate des Bosses. Eine der eindrücklichsten Episoden ist die, in der eine junge Schauspielerin abends von einer Executive Assistant ins Chefbüro begleitet wird.

Die Müdigkeit, die Abgestumpftheit ist dieser Frau anzusehen, und als Jane sie fragt, wer das Mädchen sei, antwortet sie scharf: „Bloß eine Zeitverschwendung für mich.“ Der einzige Mensch weit und breit, Max aus dem mittleren Management, der Erfüllungsgehilfe grandios verkörpert von Alexander Chaplin, klammert sich an seinen Sarkasmus. Wenn er vom oder für den Chef die Ohrfeigen kassiert. Ihm so wie Jane hat die Entmenschlichung am Arbeitsplatz wenigstens einen Namen gelassen, die anderen sind längst nur noch Durchwahlnummern.

Julia Garners Jane, äußerlich ruhig und verhuscht, mit einem gekränkt-beleidigtem Leidenszug um den Mund, mit einer schauspielerischen Meisterleistung, brodelt, seit Erscheinen Sienna merkt man’s, innerlich. Kitty Green erlaubt ihrer Protagonistin eine Ambivalenz, als ob sie’s ärgere, niemals die Auserwählte zu sein. Dies im Nicht-die-Stimme-Erheben, Nicht-den-eigenen-Aufsteig-Sabotieren eine weitere Nuance, die die Filmemacherin beifügt. Endlich beinah Mitternacht, Jane in einem Edward-Hopper’schen Diner, endlich das wie’s übrige Leben verpasste Happy-Birthday-Telefonat mit dem Vater, die Eltern aus dem Häuschen vor Freude über Janes „Chance“ – auch von dieser Seite also Druck.

Und Jane hat im Ohr den Sager der Executive Assistant: „Mach‘ dir nichts draus, sie holt aus der Sache mehr raus als ER.“ Auf die Frage, wie es sein kann, dass in Fällen sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz keiner aus dem Umfeld des Opfers Einhalt gebietet, gibt „The Assistant“ gallbittere Antworten. Und an alle, die auf wie und wo auch immer „Karriere“ hoffen, diese weiter, wofür es sich lohnte, am Ende des Tages so unglücklich zu sein …

bleeckerstreetmedia.com/the-assistant           Trailer: vimeo.com/460455020           www.youtube.com/watch?v=xQAfpZhGq60

  1. 10. 2020

Berlinale: Grand Budapest Hotel

Februar 3, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wes Andersons Komödie ist der Eröffnungsfilm

Gustave H. (Ralph Fiennes), Zero Moustafa (Tony Revolori), Madame D. (Tilda Swinton) Bild: © 2013 Fox Searchlight

Gustave H. (Ralph Fiennes), Zero Moustafa (Tony Revolori), Madame D. (Tilda Swinton)
Bild: © 2013 Fox Searchlight

Ralph Fiennes, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe,  Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Tilda Swinton, Owen Wilson. Das ist eine Auswahl der Stars, die sich in Wes Andersons jüngstem Streich „Grand Budapest Hotel“ tummeln. Die Komödie wird am 6.  Februar als Weltpremiere  die  64.  Internationalen Filmfestspiele Berlin im Wettbewerb eröffnen und Mitte März in die Kinos kommen. Die Produktion  erzählt  im  typischen  Wes-Anderson-Stil  von Gustave H. (Fiennes), dem legendären Concierge  eines  berühmten europäischen Hotels, und seinem Hotelpagen und Protegé  Zero  Moustafa. Zur Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als  Europa sich im Umbruch befindet, schweißen  die  Turbulenzen  und  Abenteuer rund um den Diebstahl eines wertvollen  Renaissance-Gemäldes  und  der Streit  um  ein  großes  Familienvermögen die beiden zusammen. Angesiedelt in einem fiktiv-nostalgischen (osteuropäischen) Kurort der Republik Zubrowka schuf Anderson eine märchenhafte Post-Belle Epoque-Welt in satten Farben. Unter denen Nationalsozialismus-Braun und Kommunismus-Rot nicht fehlen. Er habe sich, sagt der Regisseur im Interview, von den Screwball-Comedies der 1930-Jahre ebenso inspirieren lassen wie natürlich von Stefan Zweig. So entstand Andersons ureigene Welt von gestern.“Ich habe in der Vorbereitung aber auch Hannah Arendts ‚Eichmann in Jerusalem‘ und ‚Suite Française‘ von Irène Némirovsky gelesen. Obwohl beide Bücher nicht unmittelbar mit meinem Film zu tun haben, lieferten sie mit ihren scharfen Politanalysen den historischen Subtext.“

Als Anderson die Figur des Gustave H. schuf, hatte er als Darsteller bereits Ralph Fiennes im Hinterkopf. Der zeigt sich nun als konfus-chaotischer Concierge nicht nur von seiner besten schauspielerischen Seite, sondern auch äußerst angetan von der Zusammenarbeit: „Ich liebe den bittersüßen Unterton des Films. Er ist so distinguiert. Wes gelingt ein ungewöhnlicher Mix aus Leichtigkeit, schweren Themen und heftigen Emotionen. Sein Sinn für Humor, sein Blick auf die Welt sind einzigartig“, sagt er. Und über seine Rolle: „Gustave ist wie ein Fleisch gewordener Schlüssellochblick auf die ,gute, alte Zeit‘ während sich diese gerade verabschiedet.“ Für Action im Film sorgt das Ableben der 84-jährigen Komtesse Madame Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis, genannt Madame D., gespielt von der fabelhaften Tilda Swinton. Damit nämlich beginnt das Hauen und Stechens um angeblich immense Erbe. Es treten auf Adrien Brody als sinistrer Bösewicht-Sohn der Verblichenen, dessen Gefolgsmann Willem Dafoe – der sich „wie in einen Lubitsch- oder Billy-Wilder-Film zurückversetzt“ fühlte – und Militärpolizeichef Albert Henckels, gespielt von Edward Norton. Letzterer lobt nicht nur die Arbeit vor der Kamera, sondern auch die Stimmung dahinter: „Wes schafft es am Set eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Wir kamen uns vor, als wären wir tatsächlich Mitglieder der von ihm erfundenen Gesellschaft der gekreuzten Schlüssel, in der Concierges aus den besten Hotel in aller Welt versammelt sind, die dem des Mordes an der Komtesse verdächtigten Gustave zu Hilfe eilt.“ Norton lacht. Das wird bald auch das Publikum. Denn Wes Anderson gelang einmal mehr ein Film für Herz und Hirn, zum Nach-Denken und Er-Spüren, ein Nachweis dafür, dass der tiefste Ernst in der luftigsten Komödie steckt.

www.berlinale.de

www.grandbudapesthotel.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1Fg5iWmQjwk

Wien, 3. 2. 2014

“Mein Freund Harvey” am Volkstheater

August 30, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am 7. September nimmt das Wiener Volkstheater seine Erfolgskomödie „Mein Freund Harvey“ wieder auf. Hier die Rezension vom Sommer, ein Interview mit Hauptdarsteller Till Firit und die spannendsten Projekte für die neue Saison:

Outrage as Outrage can!

Andrea Bröderbauer, Ronald Kuste Bild: © Lalo Jodlbauer

Andrea Bröderbauer, Ronald Kuste
Bild: © Lalo Jodlbauer

Ach, Elwood P. Dowd müsste man sein. Der hat es geschafft, die Wirklichkeit unterzukriegen und seiner Fantasie zu folgen, und bei der Lebenswahl zwischen kampfeslustig und friedfertig sich für Zweiteres zu entscheiden. So verbringt er seine Tage beschwingt-beschwipst, auf seinen Bar-Touren begleitet von einem 1,96-Meter großen, weißen Hasen. Der allerdings ist für alle anderen unsichtbar. Was Elwoods Schwester und Nichte an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt und eine ganze Psychiatrie irre macht. Weil der Sanatoriumschef den Puka – den keltisch-mythologischen Tierdämon mit Zauberkräften – schließlich für sich beansprucht. Doch der bleibt Elwoods “Mein Freund Harvey”. Und die Familie beschließt lieber mit einem liebenswerten Spinner als mit einem griesgrämigen Normalo zusammenzuleben …

Das Wiener Volkstheater beendet die Saison traditionell mit einer Komödie – und läutet damit gleichzeitig die Sommertheaterzeit ein. Für dieses Jahr hat man sich also für Mary Chases Klassiker aus dem Jahr 1944  entschieden, dessen Verfilmung mit James Stewart wohl Allgemeinkulturgut ist. In der Inszenierung am Volkstheater glänzt ein Solitär: Till Firit ist als Elwood einfach hinreißend. Wie er über die Bühne traumtänzelt, charmant, elegant, ein perfekter Gentleman. Der auch nach einem Schlückchen Whiskey zu viel nicht ins klamaukige “Betrunkensein” hineintorkelt, sondern noch Wordsworth rezitiert. Der allen, denen er begegnet, ein gutes Gefühl mit auf den Weg gibt. Wunderbar, wie Firit mit Harvey spielt, Harvey “mitspielt”. Er ist so in beide Rollen vertieft, dass er bei einem kleinen Versprecher sogar einmal ihre Namen verwechselt. Wie als Subtext lässt Firit aber auch Elwoods unangenehme Seiten durchblitzen: den Tagedieb, den Taugenichts, den Alkoholiker, dessen Glück es ist, sich um Geld keine Sorgen machen zu müssen. Doch nie zieht er diese Schraube so fest, dass der Spaß an die Wand genagelt wird. So spielt man Komödie! Leichtfüßig, ohne seicht zu sein.

Das übrige Ensemble setzt auf: Outrage as Outrage can. Regisseurin Katrin Hiller bedient sich gekonnt des fabelhaften Bühnenbilds von Friedrich Eggert, das sich, während die Handlung abläuft, wie von selbst umbaut. Das Publikum war enthusiasmiert-amüsiert. Und das ist immer das Wichtigste. Wie sagt Elwood so schön: “Einstein hat Zeit und Raum überwunden, Harvey auch jeden Einwand.”

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/till-firit-im-gesprach/

www.mottingers-meinung.at/volkstheater-wien-der-neue-spielplan/

Wien, 15. 6. 2013

„Mein Freund Harvey“ am Volkstheater

Juni 15, 2013 in Bühne

Outrage as Outrage can!

Till Firit, Andrea Bröderbauer, Christoph F. Krutzler Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Andrea Bröderbauer, Christoph F. Krutzler
Bild: © Lalo Jodlbauer

Ach, Elwood P. Dowd müsste man sein. Der hat es geschafft, die Wirklichkeit unterzukriegen und seiner Fantasie zu folgen, und bei der Lebenswahl zwischen kampfeslustig und friedfertig sich für Zweiteres zu entscheiden. So verbringt er seine Tage beschwingt-beschwipst, auf seinen Bar-Touren begleitet von einem 1,96-Meter großen, weißen Hasen. Der allerdings ist für alle anderen unsichtbar. Was Elwoods Schwester und Nichte an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt und eine ganze Psychiatrie irre macht. Weil der Sanatoriumschef den Puka – den keltisch-mythologischen Tierdämon mit Zauberkräften – schließlich für sich beansprucht. Doch der bleibt Elwoods „Mein Freund Harvey“. Und die Familie beschließt lieber mit einem liebenswerten Spinner als mit einem griesgrämigen Normalo zusammenzuleben …

Das Wiener Volkstheater beendet die Saison traditionell mit einer Komödie – und läutet damit gleichzeitig die Sommertheaterzeit ein. Für dieses Jahr hat man sich also für Mary Chases Klassiker aus dem Jahr 1944  entschieden, dessen Verfilmung mit James Stewart wohl Allgemeinkulturgut ist. In der Inszenierung am Volkstheater glänzt ein Solitär: Till Firit ist als Elwood einfach hinreißend. Wie er über die Bühne traumtänzelt, charmant, elegant, ein perfekter Gentleman. Der auch nach einem Schlückchen Whiskey zu viel nicht ins klamaukige „Betrunkensein“ hineintorkelt, sondern noch Wordsworth rezitiert. Der allen, denen er begegnet, ein gutes Gefühl mit auf den Weg gibt. Wunderbar, wie Firit mit Harvey spielt, Harvey „mitspielt“. Er ist so in beide Rollen vertieft, dass er bei einem kleinen Versprecher sogar einmal ihre Namen verwechselt. Wie als Subtext lässt Firit aber auch Elwoods unangenehme Seiten durchblitzen: den Tagedieb, den Taugenichts, den Alkoholiker, dessen Glück es ist, sich um Geld keine Sorgen machen zu müssen. Doch nie zieht er diese Schraube so fest, dass der Spaß an die Wand genagelt wird. So spielt man Komödie! Leichtfüßig, ohne seicht zu sein.

Das übrige Ensemble lässt liebgewordene Kindheitserinnerungen an die Löwingerbühne wach werden. Outrage as Outrage can. Regisseurin Katrin Hiller zieht ein Fünf-Szenen-Stück, mit dem man als 90-Minüter bestens bedient gewesen wäre, wie einen Strudelteig bis 22.15 Uhr (mit Pause). Obwohl das fabelhafte Bühnenbild von Friedrich Eggert sich ohnedies, während die Handlung abläuft, wie von selbst umbaut. Egal. Das Publikum war enthusiasmiert-amüsiert. Und das ist immer das Wichtigste. Wie sagt Elwood so schön: „Einstein hat Zeit und Raum überwunden, Harvey auch jeden Einwand.“

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/till-firit-im-gesprach/

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 6. 2013

Till Firit im Gespräch

Juni 10, 2013 in Bühne

„Mein Freund Harvey“ am Wiener Volkstheater

Till Firit, Inge Maux Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Inge Maux
Bild: © Lalo Jodlbauer

Die Verfilmung mit James Stewart aus dem Jahr 1950 kennt so gut wie jeder. Ein Komödienklassiker. Ein Dauerbrenner. Ab 14. Juni hat nun am Volkstheater „Mein Freund Harvey“ von Mary Chase Premiere. Till Firit schlüpft in die Rolle des schrulligen Elwood P. Dowd, der vom riesigen weißen Hasen Harvey durchs Lebens begleitet wird. Ein Puka, also ein keltisch-mythologischer Tierdämon, oder ein Fall für die Klappsmühle. Elwoods Schwester Veta (Inge Maux) und seine Nichte Myrtle (Claudia Sabitzer) sind jedenfalls mit den Nerven am Ende. Aber das sind die  Psychiater (Ronald Kuste und Matthias Mamedof) auch bald. Till Firit im Gespräch:

MM: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Hasen? Oder Kaninchen – hatten Sie als Kind eines?

Till Firit: Mein Bruder hatte ein Meerschweinchen, das meine Katze irgendwann gefressen hat. Das hat die Bruderliebe kurz getrübt, aber mittlerweile geht’s wieder. Wir haben diesen Kampf während unserer Kindheit ausgetobt.

MM: Bei „Mein Freund Harvey“ denkt jeder zuerst an den Film mit James Stewart. Nur Sie nicht. Ich habe gehört, Sie kannten ihn nicht einmal.

Firit: Stimmt, aber die Dramaturgie hat ihn mir gegeben, ich habe ihn mittlerweile gesehen und seither versuche ich, ihn zu vergessen. Die DVD ist übrigens verschwunden …

MM: Vergessen, weil Ihr Elwood P. Dowd ein anderer sein soll, als der im Film, nehme ich an? Erzählen Sie bitte ein bisschen. Elwood ist doch der reizendste Mensch, den es gibt. Sind Sie so, wären Sie gern so? Die Sanftmut und Liebenswürdigkeit in Person?

Firit: Nein, nicht unbedingt. Ich habe versucht, diese Figur für mich zu verstehen. Ich muss ihn mir ja selber glauben, damit das Publikum mir glaubt. Man kann Elwood auch so sehen: eigentlich ein Taugenichts, der nichts auf die Reihe bekommt, erfreulicherweise aber finanziell gut abgesichert ist und sich keine Sorgen machen muss. Aber eigentlich bringt er nichts fertig, schiebt auftauchende Probleme anderen zu – und wenn nichts mehr hilft, kippt er einen Whisky drüber. Er ist ja die meiste Zeit angesoffen und nervt seine Familie. Leute, die wenig mit ihm zu tun haben, sind natürlich von seinen Manieren angetan, aber dass seine Schwester und seine Nichte von seinem Tick genervt sind, ist total nachvollziehbar. Einerseits will ich also diese dunkle Seite der Komödie problematisieren, auf der anderen Seite soll das Publikum sich unterhalten. Das andere kann unterschwellig mitschwingen. Ich will ja nicht nur eine Vorgabe erfüllen, sondern auch für mich was Interessantes daran finden. Das ist eine vielseitige Rolle, eine „fremde“ Gestalt. Er hat sich entschieden, das Glas halb voll zu sehen, das führt eben zu Dissonanzen.

MM: Was mir an Elwood sympathisch ist, ist sein guter Schmäh, sein eigener Humor. Er bringt Menschen dazu, auch schon den Hasen zu sehen.

Firit: Oder zumindest darüber nachzudenken, ob nicht doch was dran sein könnte. Er animiert eben auch seine Umwelt dazu, die Dinge positiv zu sehen. Er probiert es ständig. Wir haben viel diskutiert, wie das ist mit Rauschzuständen und was sie bewirken. Harvey ist ja ein Puka, eine keltische Mythengestalt. Damals hatte der Rausch und die daraus hervorgehenden „Bilder“ prophethische, religiöse Funktion.

MM: Sich die Wirklichkeit hinzubiegen, schön zu biegen, ist das nicht etwas, das wir alle viel mehr tun sollten?

Firit: Das darf man sich fragen, wenn man sich das Stück anschaut. Ich saß neulich mit zwei Freunden in einer Bar, wo eine Live-Band relativ lustlos lauter alte Lovesongs spielte. Mein einer Freund war entsetzt, wollte sofort das Lokal wechseln. Der andere war hingerissen: Lauter Lieder seiner ersten Lieben. Und ich saß in der Mitte … So ähnlich darf man’s auch bei „Mein Freund Harvey“ sehen. Ich merke, dass mir genau deswegen die Proben gute Laune machen. Ich werde auch schon so gelassen wie Elwood (Er lacht.) Ich bin verzeihlicher mit meiner Umwelt, wo ich sonst schon genervt reagieren würde.

MM: Elwood ist ja das passive Zentrum des Stücks. Die Action, die Hysterie passiert ja rund um ihn.

Firit: Daran musste ich mich nach dem „Revisor“, wo ich den Rausreisser, den Strippenzieher gespielt habe, erst gewöhnen. Ich kam anfangs von der „Harvey“-Probe und sagte mir: So,den ganzen Tag nichts gemacht. Was natürlich so nicht stimmt, aber der Gegensatz zum Treppensport im „Revisor“ ist gewaltig. Jetzt komme ich nicht mehr fertig und verschwitzt, sondern traumtänzerisch aus dem Theater.

MM: Sie spielen sich am Volkstheater durch alle Genres. Ist Komödie wirklich die schwierigste Disziplin?

Firit: Ich finde die Abwechslung schön. Die Herangehensweise ist eine andere. Bei der Komödie muss man erst die Pflicht, dann die Kür machen: Das Timing muss stimmen, die Abläufe, die Blicke – alles minutiös geprobt. Beim Drama kann man sich erst in die Kür stürzen, in die Psychologie der Figuren: Warum lieben die sich? Oder nicht? Wir loten aus, wir improvisieren, dann, aus dieser Haltung heraus, erarbeitet man Gänge und derlei Dinge.

MM: Katrin Hiller führt Regie. Wie spielen Sie einen unsichtbaren Partner an? Oder hat man Ihnen ein Hilfsmittel gegeben? Einen Bühnenarbeiter, der den Harvey geben muss?

Firit: Das ist schwer, das ist, was mir am meisten Kopfzerbrechen macht. Ich will keine pantomimischen Mittel bedienen, sondern einfach sagen: Er ist da. Ich spiele in diesem Sinne zwei Rollen, muss für zwei kreativ sein. Bei den Proben haben Kollegen kurz Harveys Position eingenommen, damit ich weiß, in welche Richtung ich sprechen muss. Aber wie gesagt: Es bereitet mir noch Kopfzerbrechen. Statt „Solo für zwei“ Duo für einen.

MM: Gibt’s eine Moral von der Geschichte?

Firit: Ein Appell an Toleranz vielleicht. Wie viel Spleen kann ich am anderen tolerieren? Wie viel Konvention muss sein?

MM: Themenwechsel: Sie haben auch einen Hörbuchverlag, MONO. Wie kam’s dazu?
Firit: Genau. Vergangenen Monat haben wir zusammen mit Markus Muliar, dem Enkel von Fritz Muliar, ein Hörbuch herausgebracht: bisher unveröffentlichte Tagebücher aus seiner Zeit im Krieg. Er sollte ja von den Nazis hingerichtet werden, kam dann in eine Strafkolonne, darüber erzählt er in den Tagebüchern. Wir überlegen als nächstes alte Muliar-Interviews als Hörbuch zu machen. Aber zu Ihrer Frage: Mein Bruder Ben und ich haben das vor fünf Jahren begonnen, als ich mit einer Theaterproduktion sehr unglücklich war und dachte, ich brauche einen Ausgleich. Ich wollte gerne „Der Spieler“ lesen, aber niemand wollte es mit mir aufnehmen, also haben wir’s selber gemacht. Mein Bruder ist dann nach einem Jahr ausgestiegen und hat sich anderen Projekten zugewandt, er ist Fernsehredakteur. Nun sind wir ein Viererteam und schaffen ungefähr 30 Hörbücher pro Jahr. Wir wollen uns vom deutschen Markt absetzen, indem wir österreichische Stoffe, Autoren, Schauspieler als Sprecher … im Fokus haben. Die Themen sollen um Österreichisches kreisen. Wir sind in Kontakt mit einem österreichischen Hörspielverlag, die Wiener Hörspielmanufaktur, um mit denen künftig auch zusammenzuarbeiten.

MM: Sie haben „Anna Karenina“ eingelesen.

Firit: Sagen wir: Es ist in Arbeit. Ich bin jetzt bei der Hälfte, ganz ehrlich, ich habe das Projekt ein wenig unterschätzt. Ich wollte im März fertig sein, wird wohl 2014 werden. Wir haben jetzt schon 25 Stunden. Fertig geschnitten.

www.volkstheater.at

www.monoverlag.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 5. 2013