Werner Bootes „The Green Lie – Die grüne Lüge“

März 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Doku über Nachhaltigkeit und Greenwashing

Kathrin Hartmann und Werner Boote bei der indigenen Bevölkerung in Brasilien. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Jahr 2015 brannten große Teile des indonesischen Regenwalds nieder. Es war das schlimmste Umweltdesaster in der Geschichte des Landes. An den direkten Folgen starben über 100.000 Menschen, mehr als 500.000 leiden an Langzeitfolgen. Dass die Brände bewusst gelegt oder zumindest beschleunigt wurden, ist ein offenes Geheimnis.

Ziel war es, massenweise neue Anbauflächen für die Gewinnung von Palmöl zu schaffen. Das billigste und meistverwendete Fett der Welt, zu finden in fast jedem Fertiggericht, in Süßigkeiten und Snacks, und ein enorm profitträchtiger Rohstoff.  Auf den Spuren dieses Skandals beginnt der Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“, „Alles unter Kontrolle“) seine Reise um die Welt, auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem allgegenwärtigen Schlagwort „Nachhaltigkeit“. Die konzernkritische Journalistin und Buchautorin Kathrin Hartmann („Ende der Märchenstunde“, „Aus kontrolliertem Raubbau“) ist dabei seine ebenso kompetente wie überzeugende Begleitung. Sie kennt sich aus mit dem so genannten „Greenwashing“.

Der Begriff bezeichnet jene Praxis, Produkte mit Hilfe massiver PR als „nachhaltig“, „umweltschonend“ oder „fair“ zu verkaufen, obwohl das in Wahrheit keineswegs so ist.  „Es gibt kein nachhaltig produziertes Palmöl, weil es nur dort wächst, wo vorher Regenwald war“, macht Hartmann deutlich. Doch auch das aufwändigste Greenwashing kommt ungleich billiger als eine Veränderung der Produktionsbedingungen. „Die Industrie nennt uns nicht mehr Bürger, sie nennt uns nur noch Konsumenten. Ich verstehe mich aber nicht als Konsument, ich versteh mich als Mensch, und als Bürger“, so Hartmann. Ihr Film „The Green Lie – Die grüne Lüge“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen.

Vom österreichischen Supermarkt reisen Boote und Hartmann nach Indonesien, Brasilien, in die USA und nach Deutschland. Sie besuchen dort Orte, die von der Zerstörungsgewalt hinter dem Greenwashing zeugen. Sie sprechen mit Menschen, die sich gegen die Lügen und ihre Folgen wehren und solche, die behaupten, nie gelogen zu haben. Boote und Hartmann stehen gemeinsam mit Aktivist Feri Irawan inmitten des brandgerodeten Regenwaldes und erleben die ehemalige grüne Lunge der Welt als apokalyptischen Albtraum. „Die Stille ist gespenstisch“, kommentiert Boote. Sie besuchen die indonesische Palmöl-Konferenz IPOC, wo der Innenminister des Landes sich über die Umweltschützer lustig macht; der Ironie nicht genug, gibt es einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, der Firmen zertifiziert.

Mit dem Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Auf den Spuren der Deepwater Horizon Katastrophe in Louisiana. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sie besuchen in Texas den Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel, der sich darüber empört, dass die Wahl zwischen fair und unfair produziert, die „Entscheidung für eine bessere Welt“, wie er sagt, immer noch auf den Konsumenten, die Konsumentin abgewälzt wird: „Warum muss ich mich aktiv dafür entscheiden, dass Menschen nicht ausgebeutet werden, und Delfine nicht abgeschlachtet? Warum wird das nicht vom Gesetz vorgegeben, warum ist das eine individuelle Entscheidung?“ Patel fordert, dass Menschenrechte und die Rechte der Natur gesetzlich verankert werden.

In Louisiana besichtigen Boote und Hartmann die Nachwirkungen des katastrophalen Blowouts der BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon von 2010 –  anstatt das ausgelaufene Öl wirklich komplett zu entfernen, wurde das giftige Dispersionsmittel Corexit eingesetzt, in dem fleischfressende und für am Strand spielende Kinder daher höchst gefährliche Bakterien gedeihen, das aber den Ölteppich zersetzte und auf den Meeresboden drückte.

Jeden Tag werden hochgiftige Teerklumpen an Land gespült. „Alles klingt nett, nichts ist einklagbar und wie immer wird jede Menge Chemie verwendet“, sagt Boote zum US-Greenwashing. Erschüttert wie ein ruinierter Shrimpfischer eines der Tierchen zeigt, hinter dessen Kiemen das Öl klebt. Mit einem schicken „umweltfreundlichen“ Elektroauto der Marke Tesla fahren die beiden zum Tagebau Garzweiler im rheinischen Braunkohlerevier, einer der größten Kohlengruben Europas, der mehrere alte Dörfer und riesige Waldgebiete zum Opfer fielen. Am Rand der Grube stehen ein paar Windräder, mit denen der Konzern RWE sein Engagement für Erneuerbare Energie betont. Doch das Kerngeschäft ist die Förderung und Verbrennung von Braunkohle, aus der Strom auch für Elektroautos wie den Tesla gewonnen wird.  Feinstaub verseucht hier die ganze Gegend, es häufen sich Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten und Krebs. „Nur weil man keinen Auspuff sieht, heißt das nicht, dass kein Dreck entsteht!“, so Hartmann, die erläutert das für Elektroautos gebrauchte Lithium sei „das neue Erdöl“, abgebaut in Salzseen in Argentinien und Brasilien – eine „Zaubertechnologie“, die höchsten Schaden anrichtet.

Mit Noam Chomsky. Bild: © Filmladen Filmverleih

In Brasilien wiederum erzählt Sonia Guajajara, das Oberhaupt der indigenen Bevölkerung, wie ihre Landsleute mit brutaler Gewalt von ihrem ureigenen Grund und Boden vertrieben oder sogar ermordet werden, um Platz für Soja-, Mais-, Zuckerrohrplantagen und Rinderfarmen zu schaffen.

Noam Chomsky ist emeritierter Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der USA. Er erklärt schließlich, warum es unser derzeitiges System höchstselbst ist, das der Idee von Nachhaltigkeit im Wege steht: 
 „Die Reichsten acht Menschen besitzen so viel wie die halbe restliche Menschheit. Die Macht über alle wichtigen Entscheidungen liegt bei denen, die das Kapital kontrollieren. Diese Macht der Konzerne muss ein Ende nehmen, aber unser derzeitiges System sorgt dafür, dass die Konzerne immer mächtiger werden“, so Chomsky, der Konzernhierarchien abschaffen und die Arbeiterinnen und Arbeiter ermächtigen will.

Wie schon in seinen bisherigen Erfolgsdokus nähert sich Werner Boote der Kernfrage seines neuen Filmes nicht mit analytischer Trockenheit, sondern mit ganz bewusst inszenierter, emotionaler Subjektivität – hier mit der oft kritischen Neugier eines ganz normalen Konsumenten. Kathrin Hartmann führt ihn dabei mit überzeugendem Charme und schier unendlichem Expertinnenwissen zu den Tricks und Lügen der Industrie. Und man kann sich der Schlüssigkeit der Erkenntnisse, die Boote im Lauf des Films gewinnt, nicht entziehen: Die Supermärkte sind voll mit Produkten, die so, wie sie hergestellt werden, gar nicht existieren dürften. Den Preis dafür zahlen die Käufer – auch wenn er nicht auf deren Rechnung steht. Und wenn auf einmal sämtliche Konzernbosse den Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Mund nehmen, dann wird davon nicht die Umwelt sauber, sondern höchstens das Wort schmutzig. Eine mögliche Lösung hat Boote dafür parat. Sie lautet an alle gerichtet: „Raus aus der Zuckerwatte des Konsums!“

Werner Boote im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28457

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

6. 3. 2018

Volx/Margareten: Vereinte Nationen

Oktober 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Unentschieden zwischen Untiefen

Martina hat mutmaßlich mehr als nur Himbeeren zu schlucken: Nélida Martinez mit „Vater“ Philipp Auer. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es ist immer noch nicht ausgemacht, ob hier etwas über enigmatische Komplexität und Metaphernhaftigkeit zu raunen oder doch Quatsch zu konstatieren ist. Am Volx/Margareten zeigt das Volkstheater als Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar Clemens J. Setz‘ „Vereinte Nationen“ – und der gefeierte Prosa-Autor macht es mit seinem Debütstück dem Publikum und offenbar auch dem Leading Team schwer.

Hoch drei rückte das Prinzip Gonzo (Holle Münster für die Regie, Robert Hartmann für die Musik, Alida Breitag als künstlerische Mitarbeiterin) in Wien an, um den Text, der schon bei der Uraufführung in Mannheim und einer weiteren Inszenierung in Graz kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte, zu stemmen. Als Resultat präsentiert sich kristallwasserklar die Janusköpfigkeit des Wortes Untiefe. Und zwischen hin und her ein klares Unentschieden.

„Vereinte Nationen“ verhandelt die Deformierungen eines Kindes durch Erziehung. Heißt: Das Ganze ist ein Fake, denn die Eltern Anton und Karin drehen ihr Durchdrehen gegenüber Tochter Martina für Abnehmer im Internet, die Zahl der Perversen, die sich die Obedience-Prüfungen anschauen, steigt täglich. Mit den Freunden Oskar und Jessica haben die Eltern ein Paar Fädenzieher im Nacken, das bei der Vermarktung der Filme hilft, Marktbeobachtung im Netz betreibt, und ergo Ideen für die Umsetzung beisteuert. Es gibt schließlich Publikumswünsche zu erfüllen.

Ringkampf um den Fön: Nélida Martinez und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der zerplatzte Luftballon als Zeichen für sexuellen Missbrauch? Nélida Martinez. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die da wären: eine Himbeerüberfütterung und ein Fön-Ringkampf. Das ist als sprachliches Bild nicht viel, als Bühnen-Bild aber wenig. Die Gonzos schaffen es nicht, die Leerstellen zu füllen, die Setz‘ Stück (mit welchen Intentionen auch immer / Furcht vor dem Plakativen?) offen hält. Lässt der Text die Hoffnung auf eine Art Bedeutung immerhin keimen, fehlt der Aufführung des Performance-Kollektivs das Abgründige, eine wie auch immer geartete „Meta-Ebene“ oder ein Andeuten des Schreckens durch Spiel, weitgehend. Und so bleiben Himbeeren halt Himbeeren. Einmal zerplatzt die „kleine Maus“ in ihren Händen einen Luftballon, den „Mann“ ihr geschenkt hat; mit lautem Knall zerbirst das Ding wie ein Kinderleben, das ist das stärkste Bild des Abends. Ein Missbrauchsbild, mag man interpretieren.

Ansonsten werden die nicht näher ausgeführten platten Handlungen der Protagonisten in einer knallbunten Kulisse abgespult, einem Wohnzimmer-Dschungelcamp, die Schauspieler darin allesamt in Adidas-Buxe. Da ängstigte sich niemand von wegen plakativ, und Performance darf natürlich auch sein. Martina ihrerseits übt nämlich Kontrolle über die anderen aus, indem sie sie mit Video-Worten manipuliert. Sie spult das Spiel mit „Fast Forward“ oder „Rewind“ vor und zurück, lässt die Mitspieler mit „Mute“ verstummen oder erschöpft sie mit „Loops“, nur „Play“ sagt sie nie. Es wird sich klären, dass Martina ihr Martyrium aus einer Rückschau berichtet. Zum Schluss steht sie da im schwarzen Businessoutfit als Erwachsene (manche Zuschauer meinten: ihrer Begräbniskleidung) und schmiert sich mit Himbeeren „blutig“ – und da ist man dann doch wieder bei metaphernhaft … und Kindheit, die man nie mehr los wird …

Anton und Karin in der Kulisse ihrer Wohnzimmer-Dschungelshow: Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die Abnehmer der Video-Aufnahmen: Anton Widauer und Emilia Rupperti. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es spielen Studierende des Max-Reinhardt-Seminars. Nélida Martinez gefällt als Martina von der ersten Szene an. Mit riesig aufgerissenen Kinderaugen stopft sie sich einen Schöpflöffel voll der roten Früchte in den Mund, von ihrem Schöpfer – im doppelten Wortsinn: real und virtuell – dabei traktiert wie von einem Drillsergeanten. Eine eindrückliche Szene, mit Philipp Auer als dem Vater, von dem man später erfahren wird, dass er der liebevollere Elternteil ist, der dieses Treiben nur aus menschlicher Schwäche mitmacht.

Martinez‘ in Panik verzerrtes Gesicht setzt ihm so zu, dass er sich vor Selbstekel gleich mit ihr übergeben möchte. Die beiden spitzen diesen Akt der Unterdrückung bis an die Grenze des Unerträglichen an. Wäre der Rest des Abends gleich intensiv geblieben, es wäre eine Freude gewesen.

Doch weder Clemens J. Setz noch Holle Münster haben dem viel nachzusetzen. Clara Schulze-Wegener als Mutter Karin und Emilia Rupperti als Freundin Jessica füllen ihre eindimensionalen Frauenfiguren, die Macherin und Mitmacherin, mit größtmöglichem Leben.

Als Story für die beiden kann man zusammenreimen, dass Karin neben dem Wunsch nach Geld auch von dem Wunsch nach Bedeutung getrieben wird. Sie quält ihr Kind, um nicht mehr „die Unwichtigste in der Familie“ zu sein. Jessica sieht und erspürt dies alles, ein Bluterguss am Oberarm weist Oskars Brutalität aus?, und versagt sich daher eigene Kinder. Auch Anton Widauer hat in seiner Rolle als Oscar wenig darstellerische Herausforderung zu meistern. Doch er changiert wunderbar zwischen smartem Businessmann und unterschwellig Grobian. All das darf man selber sagen, weder von Autor noch Regie gibt es sachdienliche Hinweise auf eigenes Wollen und Wirken oder Motivationen der Figuren.

Diesbezüglich offenbleibende Fragen über die Banalität des Blöden, über ein Am-Kern-der-Sache-Vorbeischlittern oder einen erstaunlich fehlenden Mut zu Härte und Risiko wurden auf dem Heimweg diskutiert. Dritter Versuch – durchgefallen? Wie wichtig es wäre, dies Stück endlich zu fassen zu kriegen, zeigt ein Telefonmitschnitt aus den USA, der derzeit durch die Medien geht. In dem von der Polizei abgefangenen Gespräch „bestellt“ ein Mann ein Mädchen zwischen neun und sieben Jahren – und checkt mit dem Anbieter aus, was er mit dem Kind alles tun kann. Am Ende die Frage: „Can I kill her?“ – „Yes.“ Das Mädchen ist noch nicht gefunden.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Wilde Maus: Josef Haders großartiges Regiedebüt

Februar 11, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Intellektuelle haben niedrige Instinkte

Ein Selbstmordversuch mit Whiskey auf Eis geht natürlich schief: Regisseur Josef Hader schonte sich als Schauspieler nicht. Bild: © Wega Film

Heute Abend hat die „Wilde Maus“ Weltpremiere bei der Berlinale, am 17. Februar läuft sie in den heimischen Kinos an. Dass Josef Hader mit seinem Regiedebüt um den diesjährigen Goldenen Bären wetteifert, hat wohl, wie er in der ihm eigenen höflichen Bescheidenheit zu Protokoll gab, nur ihn selbst erstaunt.

Die Tragikomödie, in der Hader erstmals als Dreifaltigkeit Regisseur-Drehbuchautor-Hauptdarsteller wirkt, ist schlichtweg großartig. Wie jede seiner Arbeit hält auch diese die Waage zwischen Klamauk und Konflikt, zwischen Tollheit und Tiefgang, und wie immer wirft Hader einen amüsiert lakonischen und doch liebevollen Blick auf die dargestellte Menschheit. Sich selbst hat Hader eine Figur auf den Leib geschrieben, die ihre mangelnden Sympathiewerte durch Dackelblick ausgleicht, in solchen Rollen ist er auf der Bühne und auf der Leinwand erprobt, die batzweichen Zyniker, die Arschlöcher mit Herz. Der Oberösterreicher hat sein „Breaking Bad“ lang vor den Amerikanern erfunden.

Mit einem verschmitzten Lächeln die größten Gemeinheiten zu servieren, das ist die große, in seinen Kabarettprogrammen lupenrein geschliffene Kunst, in der Hader nun Meister ist. Dazu hat er einen skurril-schwarzhumorigen Plot erdacht, die Dialoge klingen einem wie quasi O-Töne in den Ohren, und einen handverlesenen Cast um sich versammelt. Dass der politisch stets wache Kopf die großen Themen dieser Tage nur als Nebengeräusch anklingen lässt, hat fast etwas von Koketterie. Flüchtlingssituation, Terrorkrise, Globalisierungskritik, all das kommt als beiläufige Fernsehnachricht vor, Zeitgeistiges wie Fitness-Wahn oder Vegan-Welle kriegen im Vorbeigehen ihr Fett weg.

Hader spielt den von Starallüren aufgeblasenen Musikkritiker Georg, doch geht ihm schnell die Luft aus, als er gekündigt wird. Alles bitten und betteln beim „Piefke“-Chef hilft nichts, und Georg schämt sich seiner Arbeitslosigkeit so sehr, dass er sie vor seiner Frau Johanna verheimlicht. Es beginnt eine Talfahrt in den Wahnsinn, der geschasste Journalist schwankt zwischen Selbstmord- und Mordgedanken, doch wird er nicht nur zur „Wilden Maus“, sondern auch Mitbesitzer einer solchen. Im Prater lernt er den ehemaligen Liliputbahnfahrer Erich kennen, ebenfalls ein zu Unrecht Entlassener.

Der wird jenseits aller Bildungsunterschiede bald zu einem Bruder im Geiste, und so machen sich die beiden Männer, die nun ja über ausreichend Tagesfreizeit verfügen, an die Renovierung einer maroden Achterbahn. Nächtens aber begeben sie sich auf einen Rachefeldzug gegen Georgs Chef – was mit kleinen Sachbeschädigungen beginnt, wird bald zu großangelegtem Vandalismus, und Georg samt seiner (klein-)bürgerlichen Existenz aus der Kurve getragen …

Ein Achterbahn-Mitbesitzer im Prater führt ein Leben voller Action: Josef Hader mit Georg Friedrich. Bild: © Ioan Gavriel

Dafür ist daheim in jeder Hinsicht tote Hose: Josef Hader mit Pia Hierzegger. Bild: © Wega Film

„Ich wollte eine elementare Situation – Arbeitslosigkeit, die Geschichte sollte aber im Mittelstand spielen. Ich wollte kein Sozialdrama machen, sondern schon ein bissl eine Satire über die ,neuen Bürger‘“, so Josef Hader im Gespräch mit mottingers-meinung.at. „Um das miteinander zu vereinen, habe ich überlegt, welcher Beruf ist derzeit schwer gefährdet, wo werden dauernd Arbeitsplätze abgebaut, was ist die Stahlindustrie des Mittelstands? Und das sind die Printmedien.“

Der Regisseur Hader hat den Schauspieler Hader nicht geschont. Der Multitasker spielt mit vollem Körpereinsatz, sei’s nackt eine Sexszene, sei’s halbnackt eine Verfolgungsjagd durch den Schnee. Er hat seinen Kauzigkeitsregler bis zum Anschlag aufgedreht, heißt: je weniger man Georgs Handlungen gutheißen oder verstehen kann, umso armseliger, umso bemitleidenswerter erscheint er einem, dabei gleichzeitig auch lächerlich – man lacht über die Tragik eines verkorksten Lebens.

Pia Hierzegger, sie auch im wirklichen Leben Haders Partnerin, ist in der Rolle der Johanna zu sehen, eine unterkühlte Psychotherapeutin, der nur warm in der Seele wird, wenn sie Georg zum Eisprung einbestellt. Die Frau wünscht sich nämlich, was der Mann unter keinen Umständen will: ein Baby. Auch von dieser Seite also nichts als Druck, der immerhin zu erregten verbalen Schlagabtäuschen führt. Georg Friedrich ist als Schausteller Ernst in seinem schauspielerischen Element, diesmal kein Strizzi, sondern eine ehrliche Haut – und wie immer natürlich topauthentisch. Hubsi Kramar hat einen Kurzauftritt als Polgar-begeisterter Polizist.

Noch sind die beiden Widersacher bei verbaler Gewalt: Josef Hader und Jörg Hartmann. Bild: © Petro Domenigg

Als Widerpart hat sich Hader den wunderbaren Jörg Hartmann gewählt. Hierzulande in erster Linie bekannt als Chef des Dortmunder „Tatort“-Teams, weniger als Mitglied der Berliner Schaubühne, an der er gerade Schnitzlers „Professor Berhardi“ gibt. Er gestaltet Georgs Chefredakteur erst als Fiesling, bevor er beginnt, einem liebenswürdig zu erscheinen. Wie Haders besteht auch Hartmanns Komik darin, eben nicht komisch zu sein; wie zwei wütende Kinder gehen sie aufeinander los, statt, was logisch wäre, die Polizei einzuschalten, folgt aufs Faustrecht die Lynchjustiz. Dass Ende darf nicht nur nicht verraten werden, es bleibt in gewisser Hinsicht auch offen …

Für einen Film über einen Musikkritiker galt es die passende auszuwählen. Josef Hader entschied sich für einen Mix von Beethoven bis Bilderbuch. Für einen Auftritt im Konzerthaus, das Georg noch als Rezensent besucht, konnte er das Ensemble Quatuor Mosaïques gewinnen. Schön ist das, wie die Musiker Franz Schuberts Streichquartett in d-moll spielen, und die Musik, nunmehr Filmmusik, in Georgs Kopf zu einer zornigen Variation, zum Schlachtruf gegen den Chef wird. Gerade sind ihm bei Schuberts melancholischen Klängen noch die Tränen gekommen, schon drischt er auf ein Cabriodach ein. Der Firnis der Zivilisiertheit ist dünn, Kunst und Kultur nur ein Feigenblatt über dem Urmenschentum, sagt Hader genussvoll: Ja, selbst Intellektuelle haben niedrige Instinkte. Auch diesbezüglich geht also die „Wilde Maus“ ab.

wildemaus.derfilm.at

Wien, 11. 2. 2017

Matthias Hartmann inszeniert „Die Räuber“

September 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater als Live-Film – ein einmaliges Experiment

Schillers "Räuber" als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco Koenig, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: ServusTV

Schillers „Räuber“ als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco König, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: Servus TV

Am Schluss fordert Karl den Showdown, den ihm Schiller immer vorenthalten hat. Eine letzte Begegnung mit seinem Bruder Franz, und er soll sie bekommen, skizziert als dekadentes Graphic-Novel-Film-Fest, auf dem Franz imaginiert, er fliege aus dem Fenster, mit schwarzen Flügeln in die ewige Dunkelheit, während Karl ihn wie einen Stein zu seinen Füßen stürzen sieht. Tatsächlich bleibt dann doch die Hutschnur.

In dieser Art funktioniert also Matthias Hartmanns Neuinszenierung von „Die Räuber“. Der nunmehrige Kreativdirektor des Red Bull Media House erfand für Servus TV ein Format, das Theater in einen live gespielten Film transformiert, als Alternative für all die, wie er im Interview sagt, die abgefilmtes Guckkastentheater nicht mehr ertragen können. Wie er selbst übrigens. Unter Verwendung von elf Kameras, einer Vielzahl an Green-Screens, Spezial-Effekten und einer fulminanten Lichtregie hob er Schillers Sturm-und-Drang-Drama auf die Bühne des Salzburger Landestheaters, um es von dort Sonntagabend live auf den Fernsehschirm zu übertragen. Der ganze Film zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=3qWWo6j4fQY

Besonders reizvoll war aber, sich die Sache online anzuschauen, konnte man da doch zwischen Kameraperspektiven wählen, auf die Making-Of- oder die Backstage-Kamera umschalten, und sich so zeitgleich das Spektakel aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Die Backstage-Aufnahmen zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=CWPKIc_CQIM

Regisseur Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun als Franz und altem Moor. Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: ServusTV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: Servus TV

Doch auch im Fernsehen war das Bild mitunter in bis zu sechs einzelne unterteilt, immer wieder sieht man Menschen vor blinkenden Monitoren oder kulissenschiebende Bühnenarbeiter, damit dieser Effekt auch hier annähernd zustande kam. Der technische Aufwand, den der für die Gesamtleitung verantwortliche Parviz Mir-Ali und Video Supervisor Renée Abe betrieben, ist enorm. So waren etwa die Szenen mit der luxuriösen Besetzung Friedrich von Thun als altem Moor, ein Sir selbst im Verlies, Harald Serafin als unbestechlichen, sehr ernsthaften Daniel, Tobias Moretti als Pater oder Oliver Stokowski als durch den Krieg wie an der Moral versehrten Hermann vorproduziert, aber wurden mit dem Live-Geschehen, als wär’s eins-zu-eins gespielt, überblendet. Diese Sequenzen sind so gut gemacht, dass man zwei Mal hinschauen muss, und dies ja auch die Intention dahinter, um zu erkennen, was grad „echt“ ist und was nicht.

Die intensivste Szene dieser Art ist die zwischen Moretti und Laurence Rupp als Karl Moor, zweiterer ganz fabelhaft live auf der Bühne, ersterer via Video. Die beiden haben ja seit „Das jüngste Gericht“ Erfahrung als Filmgespann, aber wie da Moretti als sinistrer Geistlicher und Rupp als ehrhafter Räuberhauptmann in die Auseinandersetzung ums Christenmenschsein treten, das ist … Gänsehaut. Die schauspielerische Neu-Entdeckung des Abends ist allerdings Emanuel Fellmer, der als Franz Moor mit der Kamera und ergo mit dem Publikum spielt und kommuniziert; er sucht den Kontakt, sucht Verbündete für sein übles Tun, frech und unverblümt, und das sagt er einem sozusagen auch noch mitten ins Gesicht. Und weil die Bösewichte bekanntlich immer die besseren Rollen sind – auch Nico Ehrenteit überzeugt als „Chronist“ Spiegelberg, ein Schurke, der nicht nur den Moderator gibt, ins Werk und dessen Aufführungsgeschichte einführt, sondern auch die Schauspieler vorstellt. Ihm doch egal, dass Coco König als Amalia da noch im Bademantel ist.

Hartmann zeigt sich in all seinen Qualitäten, seine Lust am Spiel und seine Liebe zu den Schauspielern, er zeigt ein von ihm exzellent geführtes Ensemble und seinen Sinn für Humor. Etwa wenn Franz, vermeintlich ganz Herr des Geschehens, mit den Fingern schnippt, und hinter ihm der falsche Prospekt erscheint. Es wird, wie gesagt, per Hand gezeichnet, vor allem das Morden und Brandschatzen, eine Miniaturstadt geht in Flammen auf, das hat man zwar schon gesehen, ist als Effekt aber immer noch gut. Man wird bei der blutigen Folter Rollers, ihn stellt Wolf Danny Homann dar, nicht geschont, und was Schiller nicht niederschrieb, bei Hartmann darf er sich für den Hauptmann opfern. Und es wird gerappt, auch dafür eignen sich die Verse vorzüglich, für dieses trotzig-verzweifelte „Keinen Vater mehr, Keine Liebe mehr!“ Hartmann mischt Illusionen und Visionen, die Produktion hat die Schnittgeschwindigkeit eines Krimis.

Das zeigt die Backstage-Kamera: mit enormem Technikaufwand entstehen "Die Räuber". Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Die Backstage-Kamera zeigt den enormen Technikaufwand, mit dem „Die Räuber“ live entstehen. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Nun mag die Inszenierung für Schiller-Experten und Räuber-Auskenner wie Schulfernsehen wirken, und dem einen oder anderen Puristen soll’s nicht gefallen, wenn dem von Ehrenteit vorgetragenen Erklärstück allzu viel Zeit und ergo in manchen Teilen auch die Schönheit von Schillers Sprache geopfert wird. Doch mag dies ein Weg sein, ein neues, ein junges Publikum zu den Klassikern zu holen.

Dafür hat sich Hartmann mit Co-Regisseur Michael Schachermaier auch den richtigen Mann an die Seite geholt. Die einzig wirkliche Kritik nämlich ist die Zeit. Neunzig Minuten, wiewohl Hartmann ohnedies ungeniert eine Viertelstunde überzogen hat, sind für Schillers „Räuber“, für die Tiefe und Tragweite des Werks, doch zu knapp bemessen. Aber da hatte wohl wieder einmal ein Fernsehredakteur seine Bedenken in punkto was man den TV-Zuschauern zumuten kann und darf … Matthias Hartmanns Live-Theater-Film ist ein gelungenes Experiment, ein einmaliger erster Versuch, an dem es nun mit Mut zu feilen gilt. Bravo! Bitte mehr davon!

Am 18. Oktober kommt die Produktion als Gastspiel ans Wiener Volkstheater: www.volkstheater.at.

www.servustv.com

www.salzburger-landestheater.at

Wien, 5. 9. 2016

Burgtheater: Endbericht des Rechnungshofs liegt vor

Mai 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Scharfe Kritik an Hartmann und Stantejsky

Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Nicht ohne Stolz darf die neue Burgtheaterchefin Karin Bergmann auf den seit Dienstag vorliegenden Endbericht des Rechnungshofs verweisen. Der umfangreiche Bericht enthält nach eineinhalbjährlicher Prüfung wesentliche Beurteilungen, Erkenntnisse und Empfehlungen, wobei 60 der 67 Empfehlungen an die Burgtheater GmbH bereits umgesetzt wurden oder sich in Umsetzung befinden, hieß es heute in einer Aussendung.

„Wir sind dankbar für diesen Rechnungshofbericht, weil er uns geholfen hat, die Vorgänge aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. Natürlich wird die rechtliche Aufarbeitung noch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber diese ist in erster Linie die Sache der Staatsanwaltschaft und der Gerichte“, sagt Bergmann und ihr kaufmännischer Geschäftsführer Thomas Königstorfer ergänzt: „Wir haben gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Haus in den vergangenen beiden Jahren enorme Anstrengungen unternommen, um uns organisatorisch besser aufzustellen und uns damit wieder mehr auf die künstlerische Arbeit konzentrieren zu können. Der Endbericht des Rechnungshofs ist ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg.“

Scharfe Kritik übt der Rechnungshof in seinem nunmehr an den Nationalrat übermittelten Papier am früheren Direktor Matthias Hartmann und der früheren kaufmännischen Leiterin Silvia Stantejsky. Deren Gebaren soll in den Jahren 2008 bis 2013 dazu geführt haben, dass das Eigenkapital von 15,66 Millionen Euro plus auf ein Minus von 10,29 Millionen Euro gesunken ist. Um nur eine Zahl hervorzuheben: Allein im Geschäftsjahr 2009/10 , also Hartmanns erster Saison, überschritt die Burgtheater GmbH das für Produktionen genehmigte Budget um beinah sechs Millionen Euro. Der Aufsichtsrat soll sich damit erst im Jahr 2013 beschäftigt haben, dessen mangelnde Lust auf Nachfrage wird vom Rechnungshof ebenfalls bemängelt. Ebenfalls beanstandet werden vom Rechnungshof mehr als zwei Millionen Euro, die Hartmann von seiner Bestellung im Jahr 2006 bis zu seiner Entlassung im Jahr 2014 erhalten hat, und deren Auszahlungen, so heißt es, „nicht immer ein nachvollziehbarer Leistungsgrund“ zuzuordnen sei. Und auch die bereits mehrfach kritisierten Barauszahlungen des Burgtheaters und Akonti, für die es zu 80 Prozent keine Belege gibt, wurden erneut unter die Lupe genommen.

In Visier der Prüfer ist auch die frühere Kulturministerin Claudia Schmied. In ihre Amtszeit fällt die vorzeitige Vertragsverlängerung für Hartmann im Jahr 2012 – ohne Ausschreibung, „obwohl ihr Ressort über die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation der Burgtheater GmbH informiert worden war“. Der neue Kulturminister Thomas Drozda verlangt nun von der Bundestheater-Holding  bis zum Sommer eine Analyse der Erkenntnisse aus dem Rechnungshofbericht. Karin Bergmann und dem neuen Holding-Chef Christian Kircher spricht er naturgemäß sein vollstes Vertrauen aus.

Das Burgtheater-Programm für die Spielzeit 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19834

www.burgtheater.at

Wien, 24. 5. 2016