Akademietheater: Die Geburtstagsfeier

September 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Stück für Schwarzseher

Eine Polonaise fürs Geburtstagskind: Nina Petri, Oliver Stokowski, Max Simonischek, Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Andrea Breths Interpretation von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ ist von Salzburg nach Wien übersiedelt, wo die Comedy of menace am Akademietheater mit Jubel und Applaus bedacht wurde. Nicht, dass man das Ganze nicht auch in 90 Minuten hätte erzählen können, aber Breth trat an, ihren Pinter zu zelebrieren (es ist ihr zweiter nach dem „Hausmeister“), und wer ihre Liebe zu Dada und gaga kennt, zum Absurden und zum Abwegigen, weiß wohin dieser Weg führte.

Über die doppelt so lange Strecke jedenfalls, und gefühlt ging‘s an jeder Abzweigung Richtung „Arsen und Spitzenhäubchen“. Gelacht wurde jedenfalls exakt so viel. Das Spätwerk des Literaturnobelpreisträgers ist fast so ausinterpretiert wie der „Hamlet“. Ungefähr jeder Literaturkritiker hat schon seinen Senf dazu gegeben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich dass der politische Mahner einfach mal so einen Thriller mit Funfaktor geschrieben hat. Nein, Stanley (Pinter hat das reale Vorbild einst in Eastbourne kennengelernt) muss ein Zivilisations-, Gesellschafts-, Kirchenflüchtling sein, einer, der sich als Individuum über die Bedürfnisse der Gemeinschaft stellt, weshalb diese ihn einholt und zur Strecke bringt.

Wahlweise ist er Verbrecher/Vergewaltiger, ein Betrüger sowieso, Mitglied jener ominösen „Organisation“, der auch Goldberg und McCann angehören – was wiederum von Kirche bis Gauner, oder beides, reichen kann. Das Judentum wird auch bemüht, schließt heißt Stanley Webber und Goldberg, na eben Goldberg.

Wie Pinter – er schrieb Uraufführungsregisseur Peter Wood, Stanley werde sich „ganz sicher nicht dazu äußern“ – schert sich auch Breth einen feuchten Kehricht um all das. Sie lässt das Geheimnis, wo es hingehört, und das ist gut so. Aufs Schärfste zurückzuweisen ist der von der Salzach herübergeschwappte Vorwurf, das Stück wäre schlecht. Das dem grumpy old man, der es meisterhaft verstand, das Publikum in die Abgründe seines eigenen tagtäglichen Geschwätzes blicken zu lassen? Dessen Pausen beredter sind als anderer Dramatiker Dialoge?

Lulu lässt sich schänden: Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Mit so tollen Zähnen wird man der Boss: Roland Koch und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Breth trägt dem Rechnung, der Thriller-Variante mit Pause nämlich: Sie zerhackt, was Pinter in drei Blöcke geteilt hatte, in kurze, manchmal längere, von Blackouts getrennte Szenen. Mitunter sieht man starre Einzelbilder, mitunter wird interagiert (aber einander dabei nie direkt ins Gesicht geblickt), das Tempo wechselt. Das ist so filmisch, dass einmal sogar die Zeitlupe zum Einsatz kommt. Bei einem Blinde-Kuh-Spiel. Breth macht aus der „Geburtstagsfeier“ das Stück für Schwarzseher. Und Bert Wrede darf sich dazu mit spooky Wabersound austoben. Geräusche, wie die Zeitung umblättern, Tee einschenken …, werden via Mikrophon verstärkt – ein gelungener Effekt. Bestechend ist das Lichtdesign von Friedrich Rom.

Bestechend auch das Bühnenbild von Martin Zehetgruber. Er zeigt eine abgehauste, versiffte Privatpension an einem englischen Strand, die längst von Sanddünen und trockenen Grasbüscheln erobert wurde. Vor der Tür krängt ein angeschlagenes Holzboot, nach der Pause wird es sich bis in den Innenraum vorgearbeitet haben. Obwohl alle ständig vom strahlenden Sonnenschein schwafeln, hängt der Nebel tief. Dies wohl der Kern von Pinters Aussage. Allüberall verbal vermittelter Selbstbetrug; man muss es sich nur einreden, und gut ist’s.

In dieses Biotop nun hat sich der ominöse Stanley zurückgezogen. Der angeblich verkrachte Konzertpianist hat wie seine Behausung die Körperpflege eingestellt, und müffelt in jeder Bedeutung des Wortes vor sich hin. Umflattert wird er von der ältlichen Hausherrin Meg, die, ausgestattet mit einem kolossalen Iokaste-Komplex, sich zwischen Muttergefühlen und sexueller Belästigung schwankend auf ihn stürzt. Dritter im Haushalt ist Megs Mann Petey, die meiste Zeit dabei, stoisch seine Zeitung zu lesen. So heiß ihr unterm Kittel ist, ihn lassen die Faxen seiner Frau längst kalt.

Dieses Trio Infernal gestalten Max Simonischek als Stanley, Nina Petri und Pierre Siegenthaler vom Feinsten. Petri vibriert vor Betulichkeit und (vorgetäuschter?) Naivität, Simonischek zahlt es ihr mit grantiger Grausamkeit heim. Im Verhältnis der beiden manifestiert sich schon die Aggression und Gewaltbereitschaft, die in weiterer Folge die Handlung dominieren wird.

Die Stimmung eskaliert: Roland Koch, Andrea Wenzl, Max Simonischek, Nina Petri und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Und der Nagelzwicker kommt zum Einsatz: Oliver Stokowski, Max Simonischek und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Auftritt nun nämlich Roland Koch als Goldberg und Oliver Stokowski als McCann. Es ist verwunderlich, dass sich keiner wundert, dass es zwei Herren im Anzug an den A**bgrund der Welt verschlägt. Aber Meg hat eine Erklärung: „Wir sind sehr empfohlen“, lautet ihr Mantra. Dass die Fremden hinter Stanley her sind, ist gleich klar. Meg hingegen beginnt auf dessen Kosten eine Geburtstagsfeier rauszuschinden, und weil dieser nur halbherzig bestreitet einen solchen zu haben, gibt’s als Geschenk eine Kindertrommel. Derweil laufen Goldberg und McCann zur Höchstform auf, was die Alkoholbeschaffung betrifft.

Man sagt, die Vorbilder für Goldberg und McCann wäre das in den 1950er-Jahren extrem populäre Komikerduo Jewel und Warriss. Und Stokowski und Koch legen es zumindest ähnlich an. Stokowski, der den im Original verlangten irischen durch den hessischen Akzent ersetzt hat, ist als der Mann fürs Grobe das Sensibelchen. Umso erschreckender die Momente, wenn ihm die Kontrolle abhanden kommt, und er sich nur mühsam davon abhalten kann gegen jemandes Kopf oder andere Körperteile zu treten. Doch in ihren Unterwerfungsspielchen ist der wahrhaft Brutale der elegante, eloquente Goldberg.

Wie diese Figur das Geschehen, so dominiert Roland Koch die Inszenierung. Seine Performance als unterschwellig gefährlicher Charmeur ist schlichtweg großartig. Er misshandelt die Frauen – Andrea Wenzl als zunehmend betrunkener Nachbarin Lulu bricht er fast die Hand, bevor er aus ihr einen One-Night-Stand macht -, ohne es zu merken. Meg drückt er bei jeder Gelegenheit gegen die Wand, wohl weil er Platz für seine Persönlichkeit braucht. Allein schon Roland Koch ist es wert, sich diesen Abend zu gönnen. Und auch sonst entfaltet die Aufführung, so man sich auf sie einlässt, einen mächtigen Sog. Breths „Geburtstagsfeier“ ist ein beklemmend belustigendes Erlebnis.

Das Ende? Die Brutalitäten gegenüber Stanley nehmen zu, seine Brille bricht – und was ist mit seiner Zunge passiert? Black. Alles beim Alten. Nur Stanley ist weg. Lulu, das bereitwillig sexuelle Opfer, sieht sich zurückgelassen. Meg redet sich ein, die Partyqueen gewesen zu sein. Und Petey? Wiewohl er schon wieder Zeitung liest, hatte er seinen Moment des Aufbegehrens – und vielleicht als einziger den Durchblick.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Kammerspiele: Harold und Maude

Januar 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein grandioses Geburtstagsgeschenk von Erni Mangold

Maude bringt Harold das Lachen und das Leben bei: Erni Mangold und Meo Wulf. Bild: Erich Reismann

Als der Saal beim Schlussapplaus ein Happy-Birthday-Ständchen anstimmte, war sie doch sichtlich gerührt. Das konnte sie weder hinter einer ihrer typischen wegwischenden Handbewegungen noch mit einem flotten Spruch übers Genug, weil „Durscht“ tarnen. An ihrem 90. Geburtstag machte die großartige Erni Mangold sich und ihrem Publikum ein Geschenk: Sie spielt in den Kammerspielen der Josefstadt „Harold und Maude“.

So zartbitter, so edelherb wie die Protagonistin ist dieser Theaterabend geworden, den Regisseur Fabian Alder vom erkrankten Michael Schottenberg übernahm. Er, der die Mangold gern als einen seiner Lebensmenschen und als seine Lehrerin bezeichnet, hatte noch am Text gefeilt, und so kommt’s vor, dass man mitunter das Gefühl hat, die Jubilarin würde aus dem Nähkästchen plaudern, würde ihren Weg mit dem der Maude kreuzen, beide ein ewiges Mädchen, unkonventionell und hinreißend verhaltensinteressant – vor dem Mund kein Blatt und vor dem Kopf kein Brettl. Mit der ihr eigenen lebensweisen Lakonie spricht sie die Sätze der schwarzen Komödie von Colin Higgins, tanzt, singt, turnt, ist alles andere als eine lieblich schrullige Oma. Die Mangold, das ist Sexappeal, dieses gewisse Knistern, frech und frei ist ihre Maude, die Baumretterin und Robben-aus-dem-Zoo-Befreierin, die Autodiebin und Holocaustüberlebende.

Maude trifft Harold. Auf dem Friedhof. Der orientierungslose junge Mann hält seine Umgebung mit inszenierten Selbstmorden auf Trab. Meo Wulf stattet die Figur mit hoher Sensibilität aus und hält mit dieser Darstellung dem Charisma seines Gegenübers stand; Wulfs Harold reagiert mit seinem Nonsense auf den Unfug seiner Mitmenschen, allen voran seine Mutter, doch als er Maude kennenlernt wird er zu einem fürsorglichen, aufopfernden Liebhaber. Es sind diese beiden Tabus, an denen das Stück rührt: eine romantische Beziehung mit erheblichem Altersunterschied, wobei der Skandal nur dann gegeben ist, wenn die Frau die ältere ist, und schließlich ein selbst bestimmter Tod.

Harolds Mutter lässt sich von seinen inszenierten Selbstmorden kaum noch irritieren, …: Meo Wulf mit Martina Stilp. Bild: Erich Reismann

… sie sucht ihm lieber eine Heiratskandidatin: Silvia Meisterle als durchgeknallte Schauspielerin Sunshine. Bild: Erich Reismann

Maude wird Harold ins Leben schleudern, ihr amouröses Abenteuer ist nur ein flüchtiger Moment, die Freundschaft zwischen den beiden Erfindergeistern zählt in Alders Arbeit weit mehr. Und wieder ist es die Mangold, die dominiert, die durchscheint, die man wiedererkennt, die viele Jahrzehnte lang den Schauspielnachwuchs unterrichtete. Sie selbst debütierte 1946 an der Josefstadt, spielte Stücke mit Titeln wie „Miau“; eine weite Strecke, eine bis nach Hamburg, hat sie danach zurückgelegt, um die österreichische Gefühlsduselei zu umschiffen. Das tut sie heute noch. Konsequent, widerborstig, eigensinnig.

Neben dem Liebespaar gibt Martina Stilp Harolds überdrehte Mutter, eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, aber was die Etikette betrifft immer auf der Höhe. Sie sucht eine potenzielle Schwiegertochter und Silvia Meisterle gestaltet diese Sylvies, Nancys und Sunshines, die ob abgehackter Arme und von der Decke baumelnder Körper mal mehr, mal weniger schockiert sind, mit Bravour. Oliver Huether leistet als Psychiater, Pater und Polizist moralischen Beistand, dies alles im wunderbar wandelbaren Bühnenbild von Hans Kudlich. Zur Mangold als Natursensation hat Kudlich eine aus Stoff geschaffen: Die kleine Sissi Guse als Robbe Mr. Malloy holt sich am Ende verdient ihren Jubel ab.

Eine entführte Robbe ruft die Polizei auf den Plan: Oliver Huether und Tany Gabriel auf der Suche nach Sissi Guse als „Mr. Malloy“. Bild: Erich Reismann

Mit einem „Für alte Weiber gibt es sowieso keine Rollen mehr“ verkündete Erni Mangold hernach ihren Abschied von der Bühne. Mal sehen, wandte sie sich doch mit einem neckischen „Nathan den Weisen bietest du mir ja nicht an“ an Hausherr Herbert Föttinger. Der, merkbar dieser Idee nicht abgeneigt, wollte schnell was sagen, kam aber gegen Mangolds Mundwerk nicht an. Der Kulturstadtrat überreichte noch einen Goldenen Rathausmann – und gut war’s. Fürs Erste. Nun kann’s ja weitergehen. Stichwort: Lessing! …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BRKuzFwOcsA

www.josefstadt.org

Wien, 27. 1. 2017

Kasino des Burgtheaters: Party Time

Februar 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Mitglieder im exklusivsten Mörderclub der Welt

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Es ist eigentlich ganz einfach. Der Technobeat muss nur mehr Dezibel haben als das Geschützfeuer. Klingt ja beides irgendwie gleich. Die Gespräche müssen immer schön an der Oberfläche bleiben, besser Mist aus dem Mund, als den tiefer liegenden Dreck aufwühlen. Und die Performance. Ganz wichtig. Stil, Eleganz, Grazie, Geschmack – wie Liz sagt. Da sind aber schon alle dabei sich auszuziehen und auszukotzen und auszugreifen. Endlich Stimmung! Endzeitstimmung.

Regisseur Miloš Lolić hat im Kasino des Burgtheaters Harold Pinters „Party Time“ inszeniert. Lolić ist gebürtiger Belgrader. Als die Jugoslawienkriege begannen und Pinters grausliche Groteske im Londoner Almeida Theatre uraufgeführt wurde, war er nicht einmal noch richtig Teenager. Den Herzschlag seiner Stadt, die dröhnenden Bässe der Nato-Bombeneinschläge, hat er aber nicht vergessen. Und nun in seine Arbeit eingearbeitet. Könnte man sagen.

Weil man manches sagen könnte. Mr. Literaturnobelpreisträger, der alte Enigmatiker, lässt sich nicht in die Karten schauen. Sein Stück ist ein Interpretations-Spielraum. Den das Ensemble großartig nutzt, im Sinne von: Expect the Unexpected! Lolićs Debüt am Haus ist voll aufgegangen, er macht Poesie mit Bums, er setzt auf Effekt und legt genau durch dieses vordergründige Verdecken die Schärfe seiner Pinter-Deutung frei. Er führt die Schauspieler so nah an die Unsinnigkeit, dass die Beklemmung, das Unbehagen, der Wahnwitz ihrer Figuren immer glaubhaft bleiben.

Zu acht, Philipp Hauß, Michael Masula, Mavie Hörbiger, Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak, Alexandra Henkel, Daniel Jesch und Marcus Kiepe, zeigen sie eine High Society bei einer Rooftop Party. Dieses Dach der Schönen und Reichen, es ist nur eine kleine Hebebühne. Man muss strampeln und drängen, um seinen Platz darauf zu verteidigen. Ja, es gehört etwas dazu, sich oben zu halten, vor allem, die anderen nach unten zu treten. Ist doch klar. Wo Wohlstand, da auch irgendwo Armut. Wo Demokratie, da auch irgendwo Diktatur. Und gegen den Hunger in der Welt helfen am besten Charityessen. Das nennt sich Balance halten. Oder Geschäfte machen. Der Rücken derer, auf die man dabei steigt, muss nur gebeugt genug sein. Bevor die Show beginnt, muss diese Welt also erst zurechtgerückt werden, die Schauspieler bringen ihre Bühne in Position. Und los.

Smart herumstehen, Cocktails trinken, die Upper Class mit gut gefülltem Glas, Sex- und Politikgespräche, beides belangloser dirty talk, latente Homoerotik und SM-Fantasien, Geschwister- und ödipale Liebe. Sie sind eindeutig neues und altes Geld. Ein wenig wie Buñuels Bourgeoisie. Die Elite Europas. Geld macht Politik. Sie könnten in New York, Moskau oder Pjöngjang genauso leben. Sie sind die Monopolyspieler der internationalen Finanzmärkte, die Instagram-It-Girls, die durch Geburt Bevorzugten. Ein exklusiver Club, und um die heißbegehrte Mitgliedschaft in einem solchen – Sie wissen: Tennis, Golf, Swimmingpool, Bar – drehen sich auch die intensivsten Diskussionen. Doch auf den Straßen ist irgendetwas los. Hubschrauber fliegen, Hunde bellen. Und Pinter lässt offen, ob die Mörder drinnen oder draußen sind. Ist Revolution oder Putschversuch oder wird die Opposition ausradiert? „Eine Razzia“, erklärt „Gavin“ Michael Masula ganz Grand­sei­g­neur. Brüssel Molenbeek? „Einen gusseisernen Frieden. Keine undichten Stellen“, verlangt Jeschs Fred. Der Mann ist Gefahr, spürt man. Und dann die Frage: „Was ist eigentlich mit Jimmy passiert?“ Der kommt, wie ein Gespenst aus einem Foltergefängnis, und schießt auf das Establishment und wird von ihm erdrosselt und am Ende …

Lolić lässt Pinters 26-Seiten-Drama drei Mal spielen. Mit jeweils anderem Ausgang. Er dekonstruiert Situation und Text, präsentiert schließlich nur noch deren Eingeweide. Die dafür auf dem Silbertablett. Runde zwei ist bereits hektischer und heftiger. Die Klasse, die einander und nur einander beispringt, verliert ebendiese. „Ich bin’s doch nicht allein, die sich für unglaublich wichtig hält?“, ist Dvoraks Liz bange Frage. Die Verbalgewalt und die Mordgedanken nehmen zu, der gepflegte Ennui wird hysterische Heiterkeit. Psychosen entkleiden sich wie die Darsteller. Der Firnis der Zivilisation ist sowieso nur ein dünnes Designerfähnchen, also fliegt der Leoprint neben das Plastikrosé, und gezogene Gürtel kann man nun zur Selbstgeiselung nutzen. Der Podestplatz wird kleiner, die Promillezahl steigt. Es wird Trauer getragen, um einen geliebten alten Club, der aber geschlossen wurde. Nun will man rigoroser und fundamentaler sein. Augen zu, Gewehre über. Das Publikum wird angeklagt, warum es nicht mitmacht. Das ist so zynisch, so zum Lachen, eben Pinter aufs beste gespielt. Die Gesellschaft hat sich geschlossen. Aber Jimmy ist diesmal schon da, Christoph Radakovits, krank und verschmiert, und es wird ihm an den Kragen gehen. „Das Herumgewurschtel muss aufhören“, wird verlangt.

Und Runde drei. Sprache nur noch rudimentär. Der Text ist knapp, das Textil auch. Wort- folgen auf Patronenhülsen. Mittels Poledance geht’s in den Bunker unter der Hebebühne. Auf Eskalation und Orgie folgt Agonie. Die Menschen werden ein in sich verschlungenes Vampirnest, die Darsteller entäußern sich ein letztes Mal in einer ausgeklügelten Choreografie. Alles geht nun kurz und rasch, der kleine und der endgültige Tod. Er ereilt diesmal … Mavie Hörbiger gelingt es in dieser amorphen Masse von Leibern am eindringlichsten ihrer Figur von Wiederholung zu Wiederholung mehr Kontur, eine immer andere Nuance, zu geben. Sie ist Jimmys Schwester. Die einzige unbeirrt Suchende. Goldregen geht nieder. Die Kratzwürmer kriecht davon. Als könnte man sie so leicht loswerden. „Alles, was wir verlangen, ist, dass die öffentlichen Dienste dieses Landes ihren sicheren und geregelten Gang gehen, und dass der brave Bürger seiner Arbeit und seiner Freizeit ungestört nachgehen darf“, sagt Gavin. Er klingt wie ein Echo. Ein nicht und nicht ersterbendes Echo. Lolić macht klar, wo diese „Party Time“ stattfindet. Eine sehenswerte Produktion, so zwischen Akademiker- und Opernball.

www.burgtheater.at

Wie, 4. 2. 2016

Volksoper: Der Zauberer von Oz

Dezember 7, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Einfach entzückend

Peter Lesiak (Hunk/Die Vogelscheuche), Puppenhündchen Toto, Johanna Arrouas (Dorothy Gale), Martin Bermoser (Zeke/Der Löwe), Oliver Liebl (Hickory/Der Blechmann) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Peter Lesiak (Hunk/Die Vogelscheuche), Puppenhündchen Toto, Johanna Arrouas (Dorothy Gale), Martin Bermoser (Zeke/Der Löwe), Oliver Liebl (Hickory/Der Blechmann)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Henry Mason inszenierte an der Volksoper Harold Arlens Musical „Der Zauberer von Oz“ nach dem Roman von L. Frank Baum, und das ist ihm so hinreißend gelungen, dass man gar nicht weiß, wo anfangen zu erzählen. Der Abend ist der Stoff aus dem die Publikumslieblinge gemacht werden. Und da ist der persönliche Hündchen Toto, bewegt von Puppenspieler und Volksopern-Debütant Daniel Jeroma, der die ganze Zeit über mit auf der Bühne ist. Es ist schon was anderes, hätte man Dorothy ein lebloses Plüschtier unter den Arm geklemmt, als hier ein Wesen, das wedeln, winseln und Mitspieler abbusseln kann. Für die Idee das erste Bravo.

Johanna Arrouas brilliert in der Rolle der Dorothy, ein Temperamentbündel, das Herz und Mund am rechten Fleck hat – und letzteren auch „aufzureißen“ versteht. Gesanglich, darstellerisch und konditionell ist Arrouas top. Nach Rundendrehen rund um die Rundbühne zu stoppen und drauflos zu schmettern, da gehört was dazu. Den großen Hit des Musicals „Over the Rainbow“ gibt sie auf Englisch. Was ihr fehlt ist die leise Melancholie, die die ein Leben lang unglückliche Judy Garland in Victor Flemings Film aus dem Jahr 1939 einbrachte. Aber, hallo, 2014 sind Mädchen eben emanzipierter und schicken sich nicht in eine Situation, nur weil es sich schickt.

„Der Zauberer von Oz“ ist ein Märchen für Kinder und im Herzen Kind Gebliebene. Ein Märchen mit Message, denn was braucht Mensch mehr als ein Herz, ein Hirn, Mut und ein Heim. Sehr schön die wortwitzige deutsche Fassung von Klaus Eidam. Masons Arbeit ist komplett große Broadwayshow. An Bühnendarstellern inklusive Kinderchor herrscht kein Mangel, einer mehr draußen und die Bretter, die die Welt bedeuten, würden unter der Last der Menschenmassen zusammenbrechen. Im Zehnminutentakt, so scheint’s, werden Kostüme und Bühnenbild gewechselt. Jan Meier (Bühne und Kostüme) hat sich dafür erst ein nostalgisches Ansichtskarten-Kansas („Greetings from Kansas“ steht in der oberen Ecke der Farm von Onkel Henry – ein zwischen Verzweiflung und Zorn changierender Wolfgang Gratschmaier und der gutmütigen Tante Em – Regula Rosin) einfallen lassen, dann eine kunterbunte Oz-Welt. Eine Materialschlacht. Lorenz C. Aicher dirigiert mit so viel Schwung, dass es ihn manchmal aus der Kurve trägt. Musikalischer Höhepunkt natürlich der „Jitterbug“, mit dem die böse Hexe des Westens die Eindringlinge in ihr Reich unschädlich machen will. Sie, das heißt: er, ist die nächste Sensation: Christian Graf auf einem Easy Rider-Chopper mit Spitzhut, ganz grün im Gesicht, mit grün-schwarz geringelten Strümpfen. Sehr sexy und sehr stimmgewaltig. Er ist großartig böse in beiden Rollen, auch als Almira Gulch in Kansas.

Dorothys Begleittrio ist ebenfalls zum Niederknien: Allen voran Peter Lesiak als Vogelscheuche, die lieber Hirn statt Stroh im Kopf hätte, obwohl nicht wenige so gut leben, ein gleichgewichtsgestörtes Tanztalent, ein Erzkomödiant, der seinen Bariton bis in die Ränge schmettert. Oliver Liebl gibt den Blechmann als Schmerzensmann, staksig, nah am Wasser gebaut, was zur Immer-wieder-Einrostung führt, ach, hätte er doch ein Herz im Leib. Er kann sich gar nicht dran erfreuen, dass er beim Singen sein eigenes Blechinstrument ist. All diese Figuren sind optisch ziemlich nah am Film gestaltet; nur „Löwe“ Martin Bermoser erinnert mehr an einen Ritter von der traurigen Gestalt. Mit „Fell“-Cape beim Posen mit Neurosen. Sein Brüllen hat offenbar Bronchitis.

Bleibt Hausherr Robert Meyer als Zauberer von Oz, der wieder einmal zeigt, was in ihm steckt, der aus einer kleinen Rolle – wir wissen natürlich, dass es keine kleinen Rollen gibt – ein Kabinettstück macht, in dem er sich einen Lacher nach dem nächsten abholt. So wird’s gemacht. Chapeau, Herr Direktor! Und noch ein Bravo an alle Mitwirkenden!

www.volksoper.at

www.mottingers-meinung.at/johanna-arrouas-im-gespraech

Wien, 7.12. 2014

Wiener Festwochen: „Le Retour“

Mai 19, 2013 in Bühne

Bruno Ganz glänzt in Harold Pinters

Familienaufstellung

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory Bild: Ruth Walz

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory
Bild: Ruth Walz

Es war einmal, da erklärte Bruno Ganz nie wieder in Wien Theater spielen zu wollen. Verrisse hatten ihn gekränkt. Zu Recht. Er war damals ein fabelhafter Ödipus in Kolonos in einer fabelhaften Inszenierung von Klaus Michael Grüber. Ein Glück. Verletzungen verheilen. Auch, wenn’s zehn Jahre dauert. Nun ist der Schweizer Star wieder da. Spielt in Luc Bondys Inszenierung von Harold Pinters „Le Retour“ den Max. Fabelhaft. Naturgemäß. Der Intendant der Wiener Festwochen hat diese Arbeit von seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, mitgebracht.Eine gewaltige Collage aus in Gewalt verborgener Geborgenheit, Wut und Witz. Eine Familienaufstellung.

1964 hat Literaturnobelpreisträger Pinter „Die Heimkehr“ geschrieben. Und damit dem Publikum ein unlösbares, wunderbares Rätsel aufgegeben: Als Viererbande hausen Max, Schlachter im Ruhestand, sein Bruder Sam, Privatchauffeur, und seine Söhne – Hilfsarbeiter Joey, der hofft, Boxer zu werden, und Zuhälter Lenny – in einer unfreiwilligen, aus finanzieller Not entstandenen Männer-WG. Da taucht im tristen Nordlondoner Loch der einzige der Familie auf, der’s geschafft hat: Teddy, Philosophieprofessor in den USA, mit Haus, Swimmingpool, drei Söhnen – und einer Ehefrau. Die hat er mitgebracht. Die wird mit herber Herzlichkeit begrüßt und geprüft. Denn Ruth hat eine Vergangenheit als „Model“ und mehr. Die Männerwirtschaft macht die Mutter wieder zur Hure. Eine(r) muss ja aufs Wirtschaftliche schauen. Und tatsächlich: Sie bleibt. Teddy geht allein heim … Undurchsichtig, undurchschaubar das Ganze.

Johannes Schütz hat für diese Geschichte ein sehr schön abgefucktes Bühnenbild erfunden: einen Riesenraum, in dem Küche, Essplatz, Wohnzimmer und Wohnwagen (Sams Unterschlupf) untergebracht sind. Schlafzimmer: im ersten Stock. Hier lässt Bondy seine Schauspieler ihr Spiel entfalten. Bondy hätte Pinter „entstaubt“ war nach der Pariser Premiere irgendwo zu lesen. Blödsinn. Das braucht es bei Pinter nicht. Und das hat auch ein Bondy nicht nötig. Meisterhaft stülpt er über die MQ-Halle eine Atmosphäre, die Verlangen, Verachtung, Verlust spürbar macht. Wie in einer „französisch duftenden“ Käseglocke gefangen, ist das Publikum all diesen starken Gefühlen, Gerüchen, dem Odeur, ausgeliefert. Der Rivalität zwischen beiden Brüderpaaren, der Hassliebe der Eheleute; intellektuelle Humanität trifft auf Animalität. Ohne Ausweg nehmen noch das harmloseste Gespräch, ein absolut banaler Alltagsaugenblick, eine ungeheuere Wendung.

Apropos, Ungeheuer: Bruno Ganz spielt eines. Großartig, gefährlich, grausam. Ein Berserker, Prolet. Ein Kronos, der auf den ersten Blick Seinesgleichen erkennt. Sieht, welche Gorgone ihm da ins Haus kommt. Die wird uns noch was kosten, stellt er nach abgeschlossenem „Geschäft“ mit Ruth fest, während die schon ihr Täschchen dreht. Dieser Fremdkörper Frau wird im Laufe des Abends zunehmend konkret körperlich. Emmanuelle Seigner (Ehefrau von Roman Polanski und hierzulande von seinem „Frantic“ bis Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ als Filmschauspielerin bekannt) ist als Ruth überirdisch schön, so elektrisierend wie traumwandlerisch. Erst geheimnisvoll -no na -, bald anlassig. Schnell findet sie in alte Muster zurück; die Natur des Menschen ändert sich nicht. Schnell wird da der verbitterte, verwitwete Patriarch zum Tänzler, zum Um-sie-herum-Schwänzler. Wie er das Wesen durchschaut, betrachtet er es auch schon als sein Eigentum. Der trögen Gesellschaft aus Vater und Söhnen schießt das Blut ein – ja, genau da -, als Zukunftspläne greifbar, angreifbar, antatschbar werden. Sehr nachvollziehbar stellen das Louis Garrel als Sportskanone Joey und der immer leicht eingeraucht wirkende Lenny (Micha Lescot) dar.

Das Gewissen, in Gestalt des stets mit seinem Toupet kämpfenden Onkel Sam, hat keine Chance. Pascal Greggory (schon 2011 mit Patrice Chéreaus Inszenierung von Jon Fosses „Rêve d’automne“ bei den Festwochen zu Gast) gibt ihm eine tragikomische Note. Ein Weißclown, bei dem man nicht weiß, ob man über ihn Lachen oder mit ihm Weinen soll. Bleibt Teddy (Jérôme Kircher). In dieser Runde der Spießbürger. Der sich nächtens, nervös mit dem Schlüssel fingernd, ins väterliche Haus stiehlt. Keinen Versuch macht, seine Frau zu „retten“. Am Ende still seinen Koffer nimmt. Und aus. Fast scheint es, er wäre nur heimgefahren – weil, warum sollte ein Uni-Prof sich diese Bagage antun -, um das unter seiner Würde befindliche Weib, dem auch er einmal verfiel, ein für alle Mal loszuwerden. Ach, hätte er doch wenigstens den lieben Sam aus diesem Clan-Gefängnis befreit. Dem fehlt nämlich allein offenbar die Kraft dazu. Aber, Halt! Man darf manches tun, nur nicht versuchen, Pinter zu interpretieren. Also nur so viel: Es war ein überwältigender Abend, der mit Riesenapplaus, Bravorufen und Standing Ovations für Ganz und Bondy endete.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 5. 2013